“Als ich ihn kennen lernte, schmeichelte mir die Hartnäckigkeit, mit der er mich um ein Date bat sehr. Ich fühlte mich zum ersten Mal wirklich begehrt. Er war sehr aufmerksam, frech und schien wirklich nur Augen für mich zu haben.” So beginnt Nadias Erzählung über einen Mann, der ihr das Leben zur Hölle machte, ihre Beziehung zerstörte und dafür sorgte, dass sie sich über acht Monate lang in ihrer eigenen Wohnung nicht mehr sicher fühlen konnte.
Dabei begann alles so harmlos. Fast schon ein wenig kitschig. An einem sonnigen Tag im Mai 2008 fährt Nadia zu Daniel G. nach Hause. Sie wird ihm erklären, warum er viel zu viel für seine Haftpflichtversicherung bei der Konkurrenz bezahlt. Nadia ist Versicherungskauffrau. Daniel ein Kunde. Er ist groß, blond, sehr attraktiv und frisch geschieden. Und es knistert ein bisschen. Aus einem Kaffee werden drei, die beiden unterhalten sich lange und gut, der Nachmittag geht in den Abend über. “Ich ließ mich auf einen kleinen Flirt mit ihm ein. Es tat mir gut, dass sich ein Mann wie er für mich interessierte”, erzählt mir Nadia in einem kleinen Telefoninterview. “Und ich nahm seine Einladung zum Essen für das folgende Wochenende an.” Der Nachmittag mit Daniel tut ihr gut. Doch als sie an diesem Tag nach Hause kommt und ihren Freund auf dem Sofa sitzen sieht, überfällt sie das schlechte Gewissen. Sie ruft Daniel an und sagt das Abendessen ab.
Der steht vier Tage später trotzdem nach Feierabend vor Nadias Agentur, um sie auszuführen. Sie entscheidet sich lieber nach Hause zu fahren, kann aber kaum ihre Freude über einen so gutaussehenden und hartnäckigen Verehrer verbergen, der ihr auch in den nächsten Wochen Schokolade und Einladungen zukommen lassen wird, frech um sie herumtänzelt, wenn sie abends das Büro verlässt und jede ihrer Absagen mit einem selbstbewussten Grinsen aufnimmt, wissend, dass er es morgen wieder versuchen wird. “Ich war nach vier Wochen kurz davor weich zu werden. Dass ein Mann alles tat um ein Date mit mir zu bekommen, war berauschend. Ich fand das alles wild romantisch”. Bis Daniel, der wilde Romantiker, eines Abends an ihrer Tür klingelt und ihr zur Begrüssung die Nase bricht.
Stalking ist ein weit verbreitetes Phänomen. Man geht davon aus, dass etwa 11 Prozent aller Menschen einmal in ihrem Leben gestalkt werden. In etwa einem Fünftel der Fälle kommt es zu Handgreiflichkeiten. Die Zahlen sind erschreckend, die Justiz reagierte trotzdem lange Zeit nur bedingt. Erst 2007 wurde der Tatbestand der Nachstellung ins StGB aufgenommen und wird seitdem mit einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren geahndet. Durch die häufigen Fälle des Prominenten-Stalkings findet sich das Thema oft in den Medien wieder. Man hört regelmäßig von Opfern, die verfolgt, übermässig verehrt, bedroht, angegriffen oder gar schwer verletzt werden. Auch von den psychischen Folgen. Von der Angst, in den eigenen vier Wänden nicht mehr sicher zu sein. Weniger erfahren wir dagegen über die Täter.
Martin S. schreibt mir mit einer Email-Adesse, die er extra für diesen Zweck angelegt hat, an eine Emailadresse, die ich extra für diesen Zweck angelegt habe. Er möchte um jeden Preis anonym bleiben. Und ich möchte es auch. Denn Martin hat richtig Scheiße gebaut. Es hatte alles ganz harmlos angefangen. Mit der netten Kollegin aus der Buchhaltung, auf die er ein Auge geworfen hatte. “Eigentlich kann ich nicht sagen, dass ich verliebt in Katja war. Aber irgendetwas faszinierte mich an ihr. Ich fühlte mich zu ihr hingezogen, habe sie aber nicht ein einziges Mal angesprochen. Dafür klaute ich hin und wieder einzelne Gegenstände von ihrem Schreibtisch, versuchte Schriftstücke, die sie verfasst hatte in die Hände zu bekommen. Einmal nahm ich einfach so ihre Jacke mit. Ohne nachzudenken. Ich wollte ein Stück von ihr besitzen. Klar war das falsch. Ich wusste das. Aber gestoppt hat mich das nicht.”
Jahrelang bleibt es bei diesen “Kleinigkeiten”. Bis Katja M. umzieht und in eine Zweigstelle versetzt wird. Martin will nicht so einfach aus ihrem Leben verschwinden. Er findet ihre neue Adresse heraus, fängt an ihr heimlich zu folgen, sie zu beobachten und lernt schließlich all ihre Gewohnheiten in und auswendig. “Niemand kannte sie besser als ich, dabei wusste sie nicht einmal, dass ich da bin.” Nach einigen Monaten wird er offensiver, ruft mehrmals am Tag an, schreibt Briefe, Emails, SMS. Fragt Katjas Freunde und ihre neuen Kollegen unauffällig aus. Sie wechselt mehrmals die Telefonnummer, er findet sie immer wieder heraus. “Anfangs hatte ich diese fast zärtlichen Gefühle für sie. Doch je mehr sie sich mir entzog, desto mehr Macht wollte ich über sie. Ich wollte dass sie sich nirgendwo mehr sicher fühlen konnte. Ich hatte sie in der Hand, spielte mit ihr, jagte sie nach Lust und Laune. Ich war wie im Rausch.”
Drei Jahre lang hetzt er sein Opfer, das in dieser Zeit zweimal umzieht. Doch er spürt, wie ihm langsam die Kontrolle über sein perfektes Machtspiel entgleitet. “Meine Gewaltfantasien nahmen zu, wurden zunehmend dringlicher. Ich bekam Probleme im Job und mein Privatleben litt extrem. Ich konnte mich auf nichts anderes konzentrieren. Ich phantasierte davon, ihr wehzutun, vielleicht auch zu vergewaltigen. Irgendwann malte ich mir aus, wie es wäre, sie zu töten. Und da wusste ich plötzlich: Ich brauche Hilfe.”
Wer als Täter Hilfe sucht, hat es nicht leicht. Es gib nur wenige Anlaufstellen wie etwa “Stop Stalking” in Berlin. wo Stalkern die Möglichkeit geboten wird, sich mit speziell diesem Problem an ein kompetentes Team aus Psychotherapeuten und Sozialarbeitern zu wenden. Auch zur Polizei zu gehen erscheint wenig attraktiv. Denn Stalking ist keine Krankheit, sondern eine Straftat. Diese erwächst aber aus psychischen Problemen, geht oft einher mit narzisstischen Persönlichkeitsstörungen. Hilfe findet man in erster Linie also beim Psychologen, wo die Ursachen erkannt werden können.
Martin befindet sich nun seit zwei Jahren in Behandlung, kennt die Ursachen für seine Taten und hat sich momentan unter Kontrolle. Ein Happy End ist das für ihn noch lange nicht. Er weiß, dass er jederzeit in seine alten Muster zurückfallen kann. So wie Daniel, der Nadia nun nach fast drei Jahren, mehreren Anzeigen, einer Trennung und einem Umzug in eine andere Stadt in Ruhe lässt.
Fürs Erste.
www.stop-stalking-berlin.de
www.deutsche-stalkingopferhilfe.de
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Danke. Danke für diesen Artikel. Ich habe so etwas selber erlebt. Im Bekannten – und Freundeskreis und auch selber. Am schlimmsten war die Erfahrung dass, als ich mich an einen Polizisten wandte, er sagte: ne, also so lange jemand nicht offensichtlich droht oder Ihnen zum Beispiel ne Tonne Kies vor die Tür kippt (das wäre ja ein offensichtlicher Schaden) kann man nix machen. Dann hat er mir noch das supertolle neue Stalkinggesetz vorgelesen. Und aufgelegt. In hamburg gibt es aber eine Anlaufstelle für Betroffene, die ist sehr gut. Die Nummer hängt in fast allen U-Bahnen und S-Bahnen aus. Die Leute da sind sehr kompetent und freundlich und kennen sich wahnsinnig gut aus. Übrigens auch mit einem Thema, das hier nicht angesprochen wird, das sich aber (auch laut der Menschen der Stelle in Hamburg) immer weiter verbreitet: dem Internetstalking, das in den letzten Jahren immer mehr zunimmt und immer schlimmer wird.
Vielen Dank für diesen Artikel!
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guter Artikel ,wobei ich mich auch gefreut hätte wenn das Thema Facebookstalking kontra dem Drang zur Selbstinszenierung miteingeschlossen wäre.
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Ich glaube, Meursalt, dass wir hier von zwei verschiedenen Dingen sprechen. Stalking und das lustige “ich gucke mal, was die Ex von meinem Freund bei Facebook so macht” oder “ich inszeniere mich selber im Internet” sind zwei völlig verschiedene Dinge. Das eine hat rein gar nichts mit dem anderen zu tun und das meinte ich auch nicht.
Ich sprach davon, dass immer mehr Stalker andere Menschen anonym über das Internet bedrohen, Rufmord betreiben etc. Was du ansprichst ist harmlos gegen das, was oben im Artikel beschrieben wird oder das, was mit realem “Internet Stalking” gemeint ist.
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abgefahren. ist mir zum glück noch nicht über den weg gelaufen sowas.
guter artikel, merci
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@Kathrin – schade, dass Du mit deinen Sorgen so abgebügelt wurdest. Ich habe es selbst auch erlebt und hatte einen tollen Polizisten, der sich um mich “gekümmert” hat. Das ging soweit, dass es die Absprache gab, wenn man nachts meine Nummer sähe, sei man in fünf Minuten da.
Am Ende wusste ich dann, wer der Kerl war (Fangschaltung sei dank) und das ganze hat ein glimpfliches Ende genommen.
Das hat nichts mit Facebook zu tun. Das ist real. Vor Deiner Haustür. Oder sogar im eigenen Haus. Und es macht massive Angst. Trotzallem darf man sich nicht verkriechen – die meisten (!) Stalker geben klein bei, wenn man sie konfrontiert. Ich wollte mein Leben damals nicht aufgeben und es war der richtige Weg.
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Es ist im Hinblick auf das Thema seltsam, dass zu sagen aber ich finde Deinen Artikel großartig, weil es Dir gelungen ist, die zwei Seite der Medaille zu thematisieren. Da Thema ist wichtig, und es spricht sowohl für “Amy&Pink” als auch für Dich als Autorin, dass es hier aufgegriffen wird. Vielen Dank!
Gute Grüße
C.
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der artikel ist große klasse da, wie ines schon sagt,man meistens nur die sicht der opfer erfährt.
hier kann man beide seiten betrachten.
auch die mühe sich solche leute,wie martin,zu suchen verdient respekt!
wirklich toller beitrag!
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ich will nicht mehr haben, leizar regiert das web; und die mitternacht, ich bin ein Engel du kannst den Himmel befragen. Glaub mir es gibt mehr zu entdecken als deinen Ponyhof und pipiblocksbergkassetten. Wer hat die Antwort auf jede Frage. Ich will nicht lachen und bleibe lieber seltsam. Also auf was wartest du ? lösch die screenshots ! Mach das, damit SIE sich nicht mehr aufregt, und endlich mit mir ins bett geht.
Zum Artikel, ja der hat was, nicht der übliche dreck. Für eine junge respekt. Und jetzt will ich mich an der Hoffnung versuchen und esse einen Kuchen…
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Toller Artikel, wunderbar geschrieben.
Was mich interessieren würde ist, ob du bei deinen Recherchen auch Informationen darüber gefunden hast, wer denn mehr stalkt. Männer oder Frauen?
Mein Eindruck ist, dass wir Männer eher zu diesem Verhalten neigen. Wer weiß warum. Aber ich lasse mich gerne eines besseren belehren.
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Mir persönlich fiel auf, dass in den Medien von weitaus mehr Männern die Rede war. Das kann aber auch daran liegen, dass diese Konstellation besser zum Opfer-Täter-Bild passt. Habe trotzdem gerade nochmal nachgeschaut. Rund 85 % der Täter sind Männer. Ich weiß aber nicht ob hier von der Anzahl der Strafanzeigen ausgegangen wird. Weibliche Stalker haben auch oft eine ganz andere Vorgehensweise.
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wahnsinnig guter artikel!
wichtiges thema,sehr gut verpackt!
danke für den einblick,ines!
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Klasse Artikel Ines. Als ehemalige Betroffene muss ich ehrlich zugeben, dass ich an einigen Stellen doch Schlucken musste. Stalking ist Terror pur und du hast es wirklich auf den Punkt gebracht.
Eine Schilderung eines weiblichen Stalkers würde mich allerdings auch mal interessieren.
Anyway, weiter so!
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Nun ja, Stalking ist – auch wenn das manche vielleicht anders sehen – nur ein Extrem auf der menschlichen Skala. Oder anders: Ich stand selbst mal an der Schwelle, wo ich aufpassen musste. Wo ich mir gesagt habe “Junge, wenn du jetzt nicht aufpasst, wird es krank und ungesund.”. Ohne entsprechende Selbstreflektion und (Selbst-)Kontrolle, kann “jeder” (mehr oder weniger) zum Stalker oder Gestalkten werden, selbst, wenn das für viele vielleicht abwegig scheint.
Wenn man das – früher oder später – erkennt (und nicht so sein/werden möchte), ist das wohl der erste Schritt. Alles Weitere folgt danach – und führt vielleicht zu einem ausgeglicheneren, harmonischeren Leben. Wenn man eben nicht der vermeintlich vorgebahnten Schnellstraße folgt, sondern die Spur wechselt oder Ausfahrt nimmt.
Gut finde ich in dem Fall, dass nicht über die Täter hergezogen wird, sondern klar oder zumindest angerissen wird, dass sie – für sich – “gute Gründe” für ihr Verhalten haben. Selbst, wenn letzteres “unangepasst”, unpassend, extrem und im schlimmsten Fall massiv schädigend ist.
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Es ist immer wieder groß, dass ihr zwischen all den unterhaltsamen und lustigen Themen auch immer mal wieder heiße Eisen anpackt. Und das besser, als manch Jugend- oder Junge-Erwachsene-Zeitschrift.
Das Thema ist wirklich übel und ich finde es gut, dass hier auch mal die andere Seite zu Wort kommt. Die Täter. Warum tun sie so etwas? Wie kann das passieren, was sind die Beweggründe dahinter?
Danke, Ines, für diesen Artikel.
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Danke für diesen Artikel.
Ich wurde selber über 5 Jahre gestalkt. Das war “leider” noch zu der Zeit als es niemanden interessierte und die Polizei es als eine Liebschaft abtat, die eben nur einseitig war. sms zu bekommen mit dem Inhalt: Der rote Pullover steht Dir gut, aber der Typ neben dir wird heute das letzte mal neben dir stehen, denn du gehörst mir.” und unzählige tätliche Angriffe haben mir damals das leben zur Hölle gemacht.
Endlich wurden den Menschen die Augen geöffnet dafür. Und immer noch nicht genug.
Merci nochmals für den Artikel.
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