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Du machst mich fühlen wie tanzen
Wir sind keine Kinder mehr
Du machst mich fühlen wie tanzen
Von Mischa-Sarim Vérollet
Veröffentlicht: Mittwoch, 4. August 2010

Als wir noch Kinder waren, aßen wir Eis mit dem ganzen Gesicht. Im Zweifel wurde der gesamte Kopf in den Verzehr dieser kalten Gaumenfreude mit einbezogen. Uns war völlig egal, ob wir das „gute T-Shirt“ oder die „gute Hose“ anhatten, uns war egal, ob unsere Gesichter hinterher so aussahen, als hätte die Hindenburg versucht, an unserem Mund anzudocken – Hauptsache, das Eis hatte geschmeckt. Als Kind isst man kein Eis, man fühlt es. Ich hatte wahrscheinlich selten ein seligeres Lächeln im Gesicht, als dann, wenn ich einen eisverschmierten Mund hatte und in der Hand eine sich auflösende Waffel, aus der unten schon das Vanilleeis tropfte.

Wir sind keine Kinder mehr. Wir essen Eis mit der Zungenspitze und kontrollieren ständig in Schaufenstern, ob wir gekleckert haben, es ist wichtiger, dass wir beim Eis essen gut aussehen, als dass es schmeckt, jeder Waffelsplitter im Bart könnte ein Zacken aus der Krone sein.

Wir sind keine Kinder mehr. Ich blicke dich an, das Date ist vorbei, Zeit sich zu verabschieden. Ich möchte dir sagen, dass es der beste Abend seit langem war. Dass ich dich wieder sehen möchte. Ich möchte mit dir jetzt zum See und reinspringen, ich möchte mit dir in einen Fotoautomaten und Fotoautomatenfotos machen, ich möchte dir sagen, dass es kribbelt und es mir gut geht und ich dich toll finde, ich möchte möchte grad die Welt umarmen und ich möchte es dich wissen lassen. Weil es ein tolles Gefühl ist.

Aber ich habe Angst, irgendwas falsch zu machen. Ich werde es nicht sagen, „weil man sich nicht in die Karten schauen lassen sollte“. Ich werde mich künstlich zusammenreißen, auf cool machen, nach Hause gehen und bei Yahoo! Answers nachschauen, nach wie vielen Tagen Mann sich melden darf, ohne verzweifelt zu wirken. Ich werde mich nicht melden, sondern warten, bis du dich meldest. „Zappeln lassen“ nennt man das wohl, aber der Einzige, der zappeln wird, bin ich. Warum?

Warum gibt es in der Liebe Regeln, und wer hat die aufgestellt? Ich hasse Spielchen. Ich habe keine Ahnung, wie sie funktionieren, dieser ganze Mist verunsichert mich. Es könnte so einfach sein. Ich möchte dich, direkt nach dem wir uns verabschiedet und umgedreht haben, anrufen und dir sagen, dass es toll war. Dass du toll bist. Dass ich dich wieder sehen will. Und dass es ein Fehler war, jetzt schon nach Hause zu gehen. Und es mir egal ist, ob du das doof findest oder nicht. Oder andere. Ich will dir sagen, was ich fühle. Weil es schön ist, was ich fühle. Aber ich werde es nicht tun. Weil ich Angst habe, dass es falsch rüberkommt. Weil man das so nicht macht. Weil wir keine Kinder mehr sind, weil wie man wirkt wichtiger ist als was man fühlt.

Ich hasse es. Ich möchte wieder Eis essen wie früher, bis mein Bart weiß ist wie der vom Nikolaus und meine Haare Spitzen haben. Ich will Eis essen mit dem ganzen Gesicht.

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37 Kommentare

  • Jetzt mal ohne Witz.. ich glaube Hannah und du sollten sich zusammen tun. Die checkt das Spiel mit der Liebe auch nicht.

  • Christopher sagt...

    Mal wieder souverän gute Kost!

  • Chris sagt...

    Der Text hat so was von eine Daseinsberechtigung.
    Dumme Regeln. Ich mag keine Regeln, die, wenn sich keiner dran halten würde, für eine bessere Welt sorgen, dem einzelnen aber schaden, wenn er ausbricht. Das sind die dümmsten Konstrukte, die es gibt.

  • Toby sagt...

    fantasdios!

  • Bo sagt...

    translate english to german 1:1

  • D-Shawt sagt...

    *seufz*
    Supercool geschrieben.
    Weil momentane Situation und so-direkt ins Herz geschaut und protokolliert ohne kitschig zu wirken.
    -Me Like-

  • nordfischbaby sagt...

    Awww, schöner Text ♥ UND. DU. HAST. SO. RECHT! – Jetzt müssen nur noch alle den Text lesen und es anders machen. Nämlich so wie du es beschrieben hast, zusammen kleckernd-klebriges Eis essen und sich dabei anlachen. Und die ganzen verrückten Regeln, denen man sich (irgendwann so zwischen 11 und 27) angefangen hat zu unterwerfen, ausblenden. Oder die Regeln am besten gleich in die nächste Pfütze werfen und mit besockten Füßen darauf rumtrampeln, um das ganze feierlich zu besiegeln.

  • LaleluLilaKuh sagt...

    “In der Regel” sind Regeln zum Brechen da, denn Ausnahmen BESTÄTIGEN die Regeln. Wäre es nicht wundervoll, etwas anders zu sein als die anderen, indem man sich eben NICHT an die Regeln hält?

  • Mischa sagt...

    Ihr seid super <3

  • Ninia sagt...

    ach, regeln sind doch kacke. außerordentlich kacke. ich hab mich auch direkt am nächsten tag gemeldet und verkündet: hier, das war gut, wär noch besser, wenns so weiter geht, weil ich dich mag. hat geklappt :)! klappt immer noch.

  • Johannes sagt...

    Ganz groß!

  • mandarine_one sagt...

    Uhhh.. bei dem text haben sich mir die haare aufgestellt vor lauter awesomeness… soviel warheit steckt in dem ganzen ding drin.. ich glaub ich bin aber aus den gleichen gründen ganz schlecht in diesem liebes-spiel

  • Paulchen sagt...

    Also bis jetzt haben es Mädchen immer als gut befunden wenn man sie direkt anruft wenn man es denn wirklich so fühlt ;) Ansonsten entstehen ja nur irgendwelche Gedanken… Also weniger denken, einfach machen! Und wenn du auf die Nase fällst, dann war es nicht die Richtige. :)

    Super Text :)

  • Nils sagt...

    Grossartig geschrieben und so wahr…!

  • Nils sagt...

    Grossartig geschrieben
    Werdet nie erwachsen!

  • Christof sagt...

    geiler scheiss, echt schön geschrieben man, du hast so recht!

  • Felix sagt...

    der text hat ja sowas von recht. aber warum nicht einfach die ollen konventionen brechen und trotzdem anrufen? beim nächsten mal mach ich es. bestimmt.

  • Mazzo sagt...

    Sehr geiler Text.
    Aber zu den Regeln: Wenns beidseitig ist spielen die keine Rolle. Hab ich auch erst erfahren :)
    Also, hau rein und ruf an!

  • einzelmensch sagt...

    Oh ja, das kenne ich auch. So viele Worte, die aus mir heraus wollen, die ich IHM entgegen rufen möchte, die alle aus meinem Herzen strömen. Raus wollen sie, heraus und gehört werden.
    Und doch zögere ich. Lange. Zu lange. Ich traue mich nicht. Ich mache mir Gedanken, ob ich das jetzt soll, ob es, wie du sagst, nicht zu früh ist, nicht zu viel ist, aber letztendlich gilt doch auch hier der Spruch:
    “Mach immer, was dein Herz dir sagt.”

  • Blupp sagt...

    einfach nur auf den punkt getroffen!

    es wäre viel zu einfach und viel zu schön, wenn man einfach das tut und das sagt, was man grade denkt und fühlt.. denn wo bleibt dann das ungewisse, die spannung, das spiel… :)

  • june sagt...

    tu es. es tut gut. ich tu es seit ein paar momenten wieder und es erleichtert einem das ganze leben. denn wie du richtig sagt: der einzige, der zappelst, bist du, wenn du dich zurückhältst.

  • Caro sagt...

    Unglaublich gut! Und wahr! Danke dafür Mischa!

  • hannah sagt...

    im oktober geb ich dir und ines einen eisbecher aus und den mampfen wir dann wie es uns gefällt

  • rubia sagt...

    Toller Text :)
    Denke ich oft, wenn mir in den Sinn kommt im Regen mit nackten Füssen über eine Wiese zu hüpfen oder mit ganzer Kraft in eine Pfütze zu springen … geht ja nicht, gehört sich nicht, wir sind ja erwachsen. Es gibt Verhaltensreheln. Man sollte viel öfter mal drauf schei**en und tun, was einem spontan in den Sinn kommt … Regeln brechen und einen kleinen Moment einfach leben.

    Kennst Du den hier?
    Nimm ein Kind an die Hand und lass Dich von ihm führen. Betrachte die Steine, die es aufhebt und höre zu, was es Dir erzählt. Zu Belohnung zeigt es Dir eine Welt, die Du längst vergessen hast.

    Grenzt schon fast an Kitsch ;) … aber ich mag die paar Zeilen, da sie sich gut übertragen lassen.

    rubia

    PS. Ruf sie an, das hat Stil !!!

  • Mee sagt...

    So ein Text, gerade jetzt und heute. Ich lese ihn und denk nur Wow. Das passt. Das passt sowas von. Das passt eigentlich ständig.
    “Ich werde es nicht sagen, „weil man sich nicht in die Karten schauen lassen sollte“.” Ich hab nichts gesagt und ich habs verkackt. Diesmal hab ich draus gelernt. Und jetzt wisch ich mir das letzte Tränchen aus den Augen, druck den Text aus, häng ihn mir an die Wand und seh zu dass ichs in Zukunft besser mach.
    Danke Mischa.

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  • Jan sagt...

    Das war auf den Punkt. Unglaublich gut.
    Danke fuer dieses Futter fuer meine rechte Gehirnhaelfte.

  • [...] August 2010 · Gespeichert unter Schuliet's Fundbuero Oha. Da spricht mir einer aus der Seele. Wie oft wuerde ich so gerne etwas tun oder sagen und mache es dann doch nicht? Viel zu [...]

  • Frederik sagt...

    Rückblickend empfinde ich den Begriff Freiheit in meiner Kindheit treffender als heute. Wenn ich in diesem Sommer ein Eis lutsche, dann gucke ich mich heimlich um und möchte von Knigge-Profis lobend entdeckt werden.

    Damals mochte ich kein Eis, aber auch andere Sache waren anders.

  • Kaki sagt...

    Toller Text, und die Idee dahinter ist so simpel wie genial :)
    Das Problem ist, das man (leider) mit dem Alter die Leichtigkeit und Unbeschwertheit verliert, das Leben versaut einen quasi…

    Irgendeine Versicherung macht (oder machte) Werbung damit, das man mit der besagten Versicherung wieder so sorglos sein kann wie ein Kind. Problem an der Geschichte ist, das selbst wenn man versucht so zu sein, es nicht klappt => Denke jetzt nicht an einen blauen Elefanten… ;)

  • me sagt...

    Nach dem 1. Date keine fünf Minuten später eine sms bekommen, in der er sich für den schönen Tag bedankt hatte … Zwar ist es am Ende auseienander gegangen, aber wie du siehst zu früh ist nicht falsch und gibt es nicht :) Und genau so wie du es in deinem Text beschreibst, genau so hat es sich angefühlt. Danke für deine Worte, mach bitte immer weiter so. Du bist ganz und gar großartig :)

  • Jannes sagt...

    lang nicht sowas gutes hier gelesen!

  • [...] Foto: JAIRO BD | flickr Flattr: Inspiration: Du machst mich fühlen wie tanzen – Amy&Pink [...]

  • zer0 sagt...

    Ich verstehe den Punkt schon, aber im Grunde ist diese Perspektive BS! Wieso sollte man auf Leute Rücksicht nehmen, von denen man nicht abhängig ist (wie z.B. auf Arbeit), sondern deren Gesellschaft man selbst wählt. Entweder man wird für das gemocht, was man ist, oder nicht. Sich zu verstellen ist simple Selbsttäuschung.

    Just Do It!

  • Lily sagt...

    so gut. absolut gut. Oh, ich will Kind sein und Eis essen.

  • Sarah sagt...

    Gut dass A. und ich schon immer auf die Regeln geschissen haben. Ich hasse sowieso dieses “cool” tun. Zwar bin ich dadurch keine Beliebtheit und auf Partys die Außenseiterin, aber dadurch hab ich die wenigen Menschen gefunden, die genauso drauf sind und mit denen man unkompliziert glücklich ist.

  • Paradise sagt...

    genau so und kein bisschen anders :)

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