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Das Popkultur Magazin

Stil der Konsumgesellschaft: Wir sehen aus wie Klone

Egal, was du dir aus deinem Schrank nimmst, es sieht scheiße aus. Vivienne Westwood zufolge haben sich die Menschen noch nie hässlicher gekleidet als heute. Wirklich stilvoll seien nur die 70-Jährigen. Warum? Weil wir alle aussehen wie Klone. Dazu geführt hat unser Konsumverhalten, aus der eine Wegw...
Stil der Konsumgesellschaft: Wir sehen aus wie Klone

Stil der Konsumgesellschaft

Wir sehen aus
wie Klone

Meltem Toprak

Egal, was du dir aus deinem Schrank nimmst, es sieht scheiße aus. Vivienne Westwood zufolge haben sich die Menschen noch nie hässlicher gekleidet als heute. Wirklich stilvoll seien nur die 70-Jährigen. Warum? Weil wir alle aussehen wie Klone. Dazu geführt hat unser Konsumverhalten, aus der eine Wegwerfkultur entstanden ist, und Konformität, also unsere Unfähigkeit, uns den bestehenden Normen in der Gesellschaft widersetzen zu können, predigt Vivienne Westwood bereits seit Jahrzehnten.

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Recht hat sie ja. Ob die Kleidung von Anna Dello Russo, einer Vogue-Chefredakteurin, dem rotierenden Popstar Lady Gaga oder doch nur des weltweiten Hipsters in seiner VintageKleidung. Wenn wir ehrlich sind: Die meisten sehen aus, als hätte man eine Mülldeponie auf ihrem Körper entleert. Entgegen dem Trend des klassisch Schönen hat sich schon immer als Gegenpol das Schrille, Bunte, Außergewöhnliche und gar nicht Schöne, sondern viel mehr das Interessante beweisen wollen.

Wir können das auch mit einem Begriff zusammenfassen, auf den alle immer gern pochen: Individualität. In Industrienationen wie Deutschland, USA oder England, in der wir uns gerne als Individuum definieren und auftreten, sind wir ebenfalls sehr freie Menschen, weil wir uns selbst entfalten können und entscheiden dürfen, wer wir sein möchten. Stimmt das wirklich? Sind wir wirklich freie Menschen?

Was von Pionieren sicher noch als Ausdruck von Freiheit galt, oder auch ein Ausdruck der Globalisierung, wird seit jeher von der Masse nachgeahmt. Individualität ist doch schon seit Sturm und Drang vollkommen im Trend und seitdem auch eigentlich nichts Neues, oder? Und dann sehen wir eben aus wie Klone, was wir selbst aber gerne unter dem Deckmäntelchen eines einzigartigen Stils allesamt kollektiv verstecken. Wir stehen unter großen Druck, beweisen zu müssen, wie einzigartig wir sind und das mit unserem Äußeren.

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Aber man will es uns unter 70-Jährigen auch einfach nicht leicht machen. Und das müsste selbst Vivienne Westwood zugeben, die es, anders als der britische Designer Mark Fast, nicht schafft, Plus-Size-Models wie Crystal Renn auf den Laufsteg zu schicken, Konformität kann nämlich nicht nur auf den Kleidungsstil, sondern auch auf Schönheitsideale übertragen werden.

Und da unterscheidet sich Frau Westwood, die Individualität fordert, aber es auch nicht so Recht schafft, sich von manifestierten Idealen loszulösen, wie viele ihrer Kollegen in der Modebranche. Werden wir da nicht auch auf Kosten ihrer Mode, die wahrscheinlich an einem Kleiderbügelmodel besser präsentiert werden kann als einer echten durchschnittlichen Frau, beeinflusst, sogar herausgefordert, das Unmögliche aus unserem Körper zu holen?

Zunächst müssen wir festhalten, dass wir jung sind, und gerne Neues ausprobieren, dabei rebellieren, aber noch auf der Suche nach einer Identität sind. Dazu gehört auch, dass wir uns in verschiedenen Rollen erfinden und die dazugehörige Kleidung aussuchen. Weil wir auch ganz einfach unsicher sind.

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Da kann es schon mal passieren, dass wir den Stil häufiger wechseln, bis wir eben wissen, ob bewusst oder unbewusst, wer wir sind, und was wir möchten, und wie wir uns zu dieser Person auch kleiden wollen, von völlig gleichgültig bis piekfein. Den eigenen Stil, meist klassisch konservativ, eignen wir uns schließlich sowieso erst im hohen Alter an. Manche Menschen können sich ein Leben lang nicht entscheiden, wer sie sein wollen, müssen sie auch gar nicht.

Und doch können wir ihr nicht widersprechen, denn der Stil der Konsumgesellschaft macht nur den Anschein, er sei individuell und global. Das Mischen verschiedener Stile, spricht das nun für Freiheit und Weltoffenheit oder nicht eher dafür, dass die Mode mit Tiefpreisen demokratisiert wurde und nun jedem versprochen wird, dass er aussehen kann, wie er möchte?

Unsere Herrschaftsform gewährleistet Freiheit, das heißt aber nicht, dass wir für unsere Freiheit nicht tagtäglich kämpfen müssen. Denn unbewusst versucht man sie uns zu rauben. Man macht es uns auch einfach nicht leicht, den Normen der Gesellschaft zu widersprechen und die gegebene Definition von schön und hässlich zu hinterfragen.

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Nicht nur, dass soziale Medien wie Facebook kostspielige Datenoptimierungen durchführen, um uns mit individuellen Konsumentenprofilen mehr und mehr zum Kaufen anregen, gar foltern, Supermodels zwinkern uns von großen Werbeplakaten zu, Musikvideos entwerfen verschiedene Lifestyles, technische Fortschritte von der Chirurgie bis Photoshop, Fastfood-Fashion von Zara bis Louis Vuitton, der modische Saisonwechsel nach sechs Monaten – all diese Komponenten diktieren uns, was wir zu tragen haben, und wie wir von Kopf bis Fuß auszusehen haben. Längst gibt es keine Idole mehr, die uns zu mehr bewegen. Und, wie ich bereits schrieb, fehlt uns auch ein klein wenig Mut.

Ausgenutzt wird die Charakterschwäche der jungen Menschen von den Medien, die doch meist doppelt so alt sind wie wir. Schuld daran haben also in erster Linie nicht wir. Wir jungen Menschen. Ob jung oder alt, wir wollen alle bloß wahrgenommen werden, wertgeschätzt, unseren Platz in der Gesellschaft und gefallen.

Anerkennung gehört nämlich zu den Zielen im Leben, die uns zu unserem Glück verhelfen. Und Werbungen erklären uns mit Produkten, wie wir dem näher kommen, mit was sonst? Wir stecken da in einem riesigen System, indem unsere menschlichen Eigenschaften und gerade unsere Schwächen ausgenutzt und wir selbst manipuliert werden, um Produkte zu kaufen, die nicht lange anhalten.

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Das Resultat dieses Systems ist also nicht nur eine Masse aus eineiigen Tausendlingen mit nur einer Seele, sondern Profit im großen Stil. Davon gewinnen können nämlich nur die höhnisch lachenden klugen Köpfe des Kapitalismus. Vivienne Westwood selbst fordert als Modedesignerin, weniger zu konsumieren, besser auszuwählen und darauf zu achten, dass es länger hält.

Aber funktioniert das überhaupt noch, wenn wir nicht nur auf Funktion, sondern auch auf Design setzen? Von der Elektro- bis zur Textilindustrie fragt es sich, ob dem Konsumenten überhaupt noch Produkte angeboten werden, die auf Nachhaltigkeit setzen. Durch die Obsoleszenz zum einen, und die Internetrevolution, die uns immer stärker zur Aktualität zwingt, zum anderen, bleibt uns doch nichts anderes übrig, als zu erneuern. Ganz schön leicht gesagt von einer älteren Dame, wir Menschen von heute würden uns hässlich anziehen, was?

Aber fest steht, dass die Obsoleszenz große Konsequenzen mit sich führt. Nicht nur äußerlich, sondern auch intellektuell. Die modische Rotation, das auf menschliche Schwäche aufbauende System, die Geldmaschinerie – lange ist uns nichts anderes übrig geblieben, als stillos durch die Straßen zu laufen und uns von StreetstyleBlogs und InstagramInfluencern fotografieren zu lassen, in der Hoffnung, neben all den anderen als Individuen wahrgenommen zu werden. Das soll nun ein Ende haben.

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Ich fordere einen Neoluddismus, bei dem wir nicht als Arbeiter, sondern als Konsumenten unsere gesamten sozialen Umstände hinterfragen, bevor uns eine der kostbarsten Tradition verloren geht. Die Konsumgesellschaft greift nämlich eines der wichtigsten deutschen Tugenden an: Die Fähigkeit der Kritik. Es ist Zeit für ein Umdenken. Dann können wir jungen Menschen uns auch mal überlegen, ob wir wirklich mit Kleidung unsere Individualität oder Schönheit erklären müssen.

Aber sicher tun wir aber garantiert genau das, was Ms. Westwood fordert: Weniger konsumieren, besser auswählen und einen eigenen Stil entwickeln. Denn Mode macht es sich echt verdammt schwer, sich mit Stil und Langlebigkeit gleichzusetzen. Man müsste seine Kleidung wie Vivienne selbst schneidern, aber anders als sie nicht weiter verkaufen, denn sonst entwerfen wir am Ende bloß Klone.

Die Illustration stammt von Murat Kalkavan und Icons8
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