Kindheitserinnerungen - Ein Tamagotchi und 14 tote Fische

Als ich klein war, war ich wohl das, was man landläufig als verwöhnte Göre bezeichnet. Mein Zimmer war eine beschissene Deluxe-Version von Toys ‘R’ Us. Ich hatte so ziemlich alles,…
Kindheitserinnerungen - Ein Tamagotchi und 14 tote Fische

Kindheitserinnerungen

Als ich klein war, war ich wohl das, was man landläufig als verwöhnte Göre bezeichnet. Mein Zimmer war eine beschissene Deluxe-Version von Toys ‘R’ Us. Ich hatte so ziemlich alles, was es Anfang der 90er so auf dem Spielwarenmarkt zu erwerben gab. Ich besaß nicht nur das größte Barbie-Traumhaus, sondern auch das zugehörige Auto, den Pferdestall, den Reisebus und das Motorboot.

Ich hatte zwei Kisten voller Legobausteine, eins dieser ferngesteuerten Rennautos, eine Armee von Kuscheltieren, so viele Baby-Born-Puppen, dass meine Eltern oft Schwierigkeiten hatten, mich auf Anhieb in meinem Zimmer zu entdecken, und eine ganze Masse an Action-Figuren. Doch nichts hat mich glücklicher gemacht, als ein winzig kleiner, digitaler Minibildschirm, umrahmt von einem durchsichtigen, gelben Plastikei. Das Tamagotchi.

An eines ranzukommen war verhältnismäßig einfach. Wie alles, was ich haben wollte, starrte ich es einfach eine halbe Ewigkeit lang traurig an. Bis Papa seufzend aufgab und das Ding auf die Kasse legte. Ich weiß noch, dass ich mit dem Auspacken warten musste, bis wir uns in ein Café gesetzt und eine Cola bestellt hatten. Die Plastikverpackung ging ziemlich schwer auf, wir fragten die Bedienung nach einem Messer. Und dann drückte ich den Knopf und es erwachte zum Leben. Magisch. Ich war fasziniert und glücklich.

Endlich bekam ich das Haustier, welches mir aufgrund jahrelangen allergischen Asthmas verwehrt geblieben war. Ich konnte mein kleines gelbes Küken immer bei mir tragen, ohne Gefahr zu laufen, einem anaphylaktischen Schock zu erliegen. Ich liebte es abgöttisch. In der Schule war ich eine der Ersten, die ein Tamagotchi besaßen, doch schon bald hatte sich die gesamte 2a mit den kleinen Dingern ausgestattet und wir verbrachten viele glückliche Stunden, eingelullt in ein regelmäßiges, sanftes Piepsgeräusch, das jede Aufnahme von Unterrichtsstoff unmöglich machte. Wir stopften sie mit süßen Snacks voll, legten sie schlafen, gaben ihnen Spritzen und räumten solange bergeweise Tamagotchi-Scheiße weg, bis man uns die Dinger verbieten musste.

Für unseren Aufstieg in die Eliteschulen des Landes war das durchaus förderlich, für die armen Tamagotchis aber war es der Anfang vom Ende. Langsam setzte die Verwahrlosung der kleinen Scheißer ein. Schon bald herrschte auf den Displays der gleiche Zustand wie in den Kinderzimmern von Mandy-Serafina und Jeremy-Pascal. Eines Tages kam ich von der Schule und mein kleines Küken hatte sich in einen niedlichen Engel verwandelt. Ich brauchte circa drei Stunden, um zu verstehen, dass es sich nicht weiterentwickelt hatte, sondern schlicht und ergreifend verreckt war.

Ich wünschte mir zum Geburtstag ein Neues. Mittlerweile gab es eine verbesserte Generation, mit viel niedlicheren Tieren. Mama und Papa wollten mir keins kaufen. Ich glaube, sie wollten mir beibringen, dass richtige Tiere sich nicht einfach mit einem Reset-Knopf wiederbeleben lassen. Ich bekam stattdessen ein Aquarium. Fische, ha? Die langweiligsten Hausiere aller Zeiten. Die einzigen Freunde des Tierhaarallergie geplagten Kindes.

Ich tötete sie bereits am dritten Tag. Keine böse Absicht, ich leerte nur beim Versuch sie zu füttern eine ganze Dose Fischflocken ins Wasser. 20 Minuten später schwamm der Erste mit dem Bauch nach oben. Mama und Papa spülten jeden einzelnen die Toilette herunter. Vierzehn Mal mussten sie spülen. Dann gingen sie los und kauften mir ein Neues. Nein, kein Aquarium. Ein Tamagotchi. Sie hatten dazugelernt. Ich war glücklich. Und beging nie wieder einen Zierfischmord. Danke, Bandai.

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Illustration von Bandai
Der Text erschien in der Kategorie Spiele mit den Themen Fische, Haustiere, Jugend, Kinder, Schule und Tamagotchi
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