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Prostitution im Studium: Ich bin jung und brauche das Geld

"Vergiss alles, was du kanntest, denn jetzt bin ich da, um dir ein neues, sinnliches Paradies zu erschließen." Das klingt gut. So kann ich meine Zukunft beginnen – ein erotisches Pathos, eine neue Handynummer und eine glatt rasierte Muschi. Jetzt muss mich nur noch jemand anrufen und schlappe hundert Euro übrig haben. Ich starre auf den Bildschirm und sehe sie vor mir. In drei kurzen Sätzen zusammengefasst und mit vier Nacktbildern verziert: Meine glorreiche Zukunft als Prostituierte.
Prostitution im Studium: Ich bin jung und brauche das Geld
Prostitution im Studium: Ich bin jung und brauche das Geld

Prostitution im Studium

Ich bin jung und
brauche das Geld

Sarah Gerlach
Sarah Gerlach

"Vergiss alles, was du kanntest, denn jetzt bin ich da, um dir ein neues, sinnliches Paradies zu erschließen." Das klingt gut. So kann ich meine Zukunft beginnen – ein erotisches Pathos, eine neue Handynummer und eine glatt rasierte Muschi. Jetzt muss mich nur noch jemand anrufen und schlappe hundert Euro übrig haben. Ich starre auf den Bildschirm und sehe sie vor mir. In drei kurzen Sätzen zusammengefasst und mit vier Nacktbildern verziert: Meine glorreiche Zukunft als Prostituierte.

Das war so nicht geplant. Ich habe Abitur gemacht, meine Praktika bei mehr oder weniger namhaften Zeitungen absolviert. Immer mit erstklassigen Bewertungen und dem Versprechen, angerufen zu werden, sobald es eine freie Stelle für mich gibt. Ich habe hart an mir gearbeitet und eloquent geschrieben. Angerufen hat aber keiner. Zurückgerufen auch nicht.

Jetzt sitze ich also an meinem stotternden Toshiba-Computer und stelle Erotikannoncen ins Netz. Die Bilder habe ich mit meiner Webcam gemacht, die Dessous von meiner Freundin ausgeliehen. Der Text ist inspiriert von einer erfahrenen Nutte, die sich im Internet Wildkatze nennt.

Es ist nicht so, als hätte ich nicht auch einen anderen Job machen können. Kassiererin vielleicht. Oder Eisverkäuferin. Mit Putzen hätte ich meine Probleme, aber wenn das Geld stimmt? Ich dachte darüber nach, recherchierte, wurde fündig. Reinigungsfachkraft für 6,50 Euro die Stunde. Da brauchte ich nicht lange rechnen. Klodeckel bezahlen mir die Monatsmiete nicht. Was blieb dann noch? Die Antwort war einfach: Sex.

Darin bin ich eigentlich nicht besonders gut. Das darf man nicht falsch verstehen. Es ist nicht so, dass ich nicht gerne mit Männern schlafe. Für gewöhnlich empfinde ich aber etwas dabei. Nicht immer Liebe, klar. Aber wenigstens Angst vor einer kalten Nacht. Oder ich bin hemmungslos betrunken. Da wirkt die Nacht meist noch viel kälter als sonst, muss ich zugeben. Da kann es schon mal sein, dass aus der anfänglichen Seelenverwandtschaft nicht viel mehr entsteht als der kurze Rausch vom selben Schnaps.

Aber so? Ganz ohne Abhängigkeitsbekundungen, ohne verzweifeltes Mundaneinanderpressen, ohne stundenlanges Warten auf den Rückruf? Ich weiß nicht. Na gut, warten muss ich jetzt ja auch. Auf den ersten Anruf. Da geht es nur nicht um Liebe, sondern um die nächste Miete. Liegt das wirklich so weit auseinander?

Ich bin aufgeregt. Mein Herz pumpt einen Haufen Adrenalin in meinen Körper. Das passt nun überhaupt nicht. Was soll ich sagen, wenn das Telefon klingelt? Muss ich meine Stimme verstellen? Hat Pamela Anderson eigentlich erst den Rock ausgezogen oder das Hemd? Das sind so Fragen. Ich weiß ja nicht einmal, wie man ein Kondom richtig überzieht.

So etwas lernt man in der Schule nicht. Da schaut man bunte Katzenfilme, diskutiert über Spermien und Eierstöcke. Aber Kondomüberziehen? In meinen Beziehungen habe ich immer darauf verzichtet. Stört die partnerschaftliche Bindung, finde ich. Ein Stück Kautschuk in einem drin, wie soll denn da Romantik aufkommen?

An AIDS sterben will ich aber nicht. Mit zwanzig ist man zwar nicht unbedingt erwachsen, aber an die Zukunft denkt man schon, zumindest ab und zu. Außerdem muss Sex für Geld nicht unbedingt romantisch sein. Dennoch, wie soll er denn sein? Mir gehen sämtliche Horrorszenarien durch den Kopf. Ich habe weder Lederröcke noch Peitschen zu Hause.

Von Kliniksex erst kurz zuvor gehört. Ich schaue manchmal Pornos. Aber nur die, in denen sich die Pärchen küssen. Küssen kann ich noch am besten. Aber das fällt bei Sex für Geld ja flach. Blasen bekomme ich vielleicht noch hin, wenn der Mann mir da ein bisschen hilft. Das will jeder schließlich anders haben. Doch was mache ich, wenn der Kerl über mich drüber rutscht? Muss ich dreckige Wörter sagen und laut schreien, wenn ich so tue, als würde ich kommen?

Meine Partner haben sich nie bei mir beschwert. Aber die haben auch kein Geld bezahlt. Ich bin verunsichert und nervös. Ich kann nicht fassen, so viel Sex gehabt zu haben, ohne je etwas darüber zu wissen. Die Illusion einer unwiderstehlichen Erotikbombe, die ich von mir hatte, zerbricht in viele kleine Teile. Das Fazit: Ich bin noch richtig unschuldig.

Das Jobcenter hilft einem da auch nicht gerade weiter. Es sollte eine Weiterbildung geben. Trockenübungen vielleicht. Selbsthilfegruppen für Anfänger. Da kann man fragen, was man so macht, wenn vor der Haustür ein monströses sechzigjähriges Tier auf einen wartet und dann in der Wohnung masturbiert. Ganz haarig, eingehüllt in Schweiß und Feierabendbier, frisch von der Baustelle. Da flüchte ich eigentlich schon, wenn sich der nur neben mich in die Straßenbahn setzt.

Ich sitze da und warte. Was soll ich nur tun, wenn das Telefon klingelt? Ich starre auf meine nackten Brüste auf dem Bildschirm, dann auf mein Handy. Immer im Wechsel. Das ist viel schlimmer als die Abiprüfung. Als das Telefon klingelt, nehme ich nicht ab. Ich kann einfach nicht. Ich lösche die Kontaktanzeige, den Traum vom schnellen Geld, den ersten Millionen auf dem eigenen Konto.

Was, wenn die ganze Sache auffliegt? Wenn Mama nicht mehr reden will, wenn mir Papa nichts mehr zu sagen hat? Ich seufze. Mein Mut reicht nicht weit genug. Ich fürchte mich vor Repression, vor zerbrechenden Bindungen, vom gesellschaftlichen Selbstmord. Das kleine Mädchen, das sich in der Abizeitung über Intimbehaarung ausgelassen hat, widersteht nicht dem sozialen Druck. Immer eine große Klappe gehabt, nie sind den schönen Worten Taten gefolgt. Das war schon immer so.

Es ist nicht leicht, Prostituierte zu sein. Jede Frau, die sowas macht, besitzt meine volle Bewunderung. Ganz im Ernst. Was würde dieses haarige Bauarbeitertier denn machen, wenn es keine Frau gibt, die bereit ist, für Geld mit ihm zu schlafen? Prostituierte wenden eine Menge Schaden von uns ab. Vielleicht sind sie sogar die wahren Retter unserer Gesellschaft.

Dennoch. Mein sinnliches Paradies, von dem ich schrieb, gibt es in Zukunft wohl nur noch mit der Illusion von Liebe. Oder betrunken an der Bar. Meistens dann umsonst. Wenn mir aber mal jemand einen Fünfzigeuroschein in die Tasche schieben will, habe ich trotzdem nichts dagegen. Ich öffne das Schreibprogramm und tippe in langsamen Abständen Wörter in das weiße Feld: Bewerbung als Kassiererin. Nicht besonders lukrativ. Aber für den Einzelhandel hatte ich schon immer ein Herz.

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Der Text wurde von Sarah Gerlach geschrieben. Die Fotografie stammt von Garin Chadwick. Der Artikel erschien in der Kategorie Sex mit den Themen Abitur, Arbeit, Camgirls, Dating, Erotik, Finanzen, Frauen, Geld, Internet, Jungs, Karriere, Mädchen, Männer, Nutten, Pornografie, Praktika, Prostitution, Schlampen, Schule, Schülerinnen, Schulmädchen, Straßenstrich, Studentinnen, Studium, Tinder und Webcams. Wenn er euch gefällt, könnt ihr ihn auf Facebook, Twitter, WhatsApp, Pinterest und Tumblr oder per Email teilen. Ihr habt etwas zu sagen? Schickt uns einen Leserbrief!
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