Prostitution im Studium - Bildung zwingt dich nicht zum Sex

„Das ist eben so. Wer Sex für Geld eklig findet, der kann sich sicherlich auch einen Bildungskredit nehmen. Oder Bafög beantragen. Oder, was die meisten meiner anderen Studienkolleginnen machen: Sich…
Prostitution im Studium - Bildung zwingt dich nicht zum Sex

Prostitution im Studium

„Das ist eben so. Wer Sex für Geld eklig findet, der kann sich sicherlich auch einen Bildungskredit nehmen. Oder Bafög beantragen. Oder, was die meisten meiner anderen Studienkolleginnen machen: Sich einen ganz normalen Nebenjob suchen.“ Das war einer von Carmens ersten Sätzen, die wir während unseres Zu-spät-für-Teatime-Dates wechselten.

Carmen ist nicht ihr richtiger Name. Natürlich. Aber da sie Familie hat, möchte die Studentin sich lieber so nennen. Carmen. Ich hatte gerade die Autobiografie einer französischen Studentin gelesen, die sich aufgrund ihrer Schulden prostituieren musste. Naja, nicht musste, sondern es einfach getan hat, was mich neugierig auf die Berliner Studentinnen gemacht hat. Und ob es hier ähnlich dramatisch zugeht.

Immer wieder hören wir in den Medien von der erhöhten Prostitutionsrate bei Studentinnen und mittlerweile auch Studenten. Meistens kommen dann die immer wiederkehrenden Grundsatzdiskussionen auf. À la “Ist Bildung und Unterhalt in Deutschland zu teuer?”. Und „Ist das Studium der schlimmste Zuhälter von allen?“ Wir bekommen fast Mitleid mit den ganzen bildungshungrigen Menschen, die sich auf Webseiten wie Gesext anbieten. Aber genau das sollten wir womöglich noch einmal überdenken.

Carmen schreibt gerade an ihrer Masterarbeit an der Freien Universität Berlin und ist in einer festen Partnerschaft. Sie erscheint ungeschminkt zu unserem Treffen und ist überraschend natürlich. Dann spricht sie mit mir ganz offen über Sex, Ausbeutung in den verschiedensten Berufsgruppen und warum sie ihr eigener Boss ist. Und darauf sogar irgendwie stolz ist.

Gefunden hab ich Carmen im Internet. Sie betreibt dort ihren eigenen Blog und eine Seite, über die sie ihre Escortdienste anbietet. Sie steht dem Thema Studentenprostitution äußerst kritisch gegenüber. Sie selbst habe es auch schon mit Kellnerjobs probiert, aber irgendwann einmal 1 und 1 zusammengezählt und gemerkt, dass sie Sex mag. Und Geld für Sex war ein ebenso normaler Einfall wie Kellnern.

Es steht jedem frei, wie er dem „ältesten Gewerbe“ der Welt gegenübersteht, wobei es auffällig ist, dass gerade in Berlin viele Studenten in der Prostitution den perfekten Nebenjob für sich sehen. „In einem konventionellen Bordell ist man nicht sein eigener Boss. Ich habe die Möglichkeit, mir meine Arbeitszeiten vorteilhaft zu legen und genug Zeit in mein Studium investieren zu können, damit das die Hauptsache bleibt.“

Das war einer der wichtigsten Faktoren bei Carmens Jobwahl. „Viele Studenten arbeiten bis zu 30 Stunden die Woche, um sich Miete und Unterhalt leisten zu können – da bleibt nicht viel Zeit für Freizeit, Lernen oder mal eben Verreisen. Oft werden Umfragen zum Thema Prostitution durchgeführt – aber keiner fragt nach Hintergründen. Ob diese Studenten zum Beispiel in anderen Berufen das Gefühl der Ausbeutung viel stärker erlebten. Wenn man nur arbeitet, um zu überleben, ist das für mich bereits Ausbeutung.“

Auf die Frage, wie sie reagieren würde, wenn ihr eigenes Kind selbiges tun wollte, um sich sein Studium zu finanzieren, antwortete sie, dass man „es“ niemals nur des Geldes wegen tun sollte, sonst gehe man daran kaputt. Auch die eigene Sicherheit wird immer das Wichtigste bleiben, für sich selbst hat sie einen ganz guten Weg gefunden, ihre Freier vorher zu prüfen

Für Carmen spielt sich ein Treffen in drei Schritten ab. Als ich ihr so zuhörte, klang ihr Job für mich auch nicht viel anders als ein Date, das im besten Fall im Bett endet. Zunächst nimmt man per E-Mail Kontakt mit ihr auf, wobei sie penibel auf Rechtschreibung achtet. „Das zeigt einem sofort, ob jemand in seiner Notgeilheit schnell mal ‘ne Mail schreibt, oder eben wirklich auf ein Date mit mir aus ist.“

Anschließend telefoniert sie mit ihren Kunden und vereinbart ein Treffen, oder eben auch nicht, falls er am Hörer schon ziemlich unsympathisch auf sie wirkt. Selbst beim Treffen hat Carmen immer noch die Möglichkeit, zu gehen – was bisher aber noch nicht vorkam. Vielleicht, weil nicht jeder Freier ein fetter Loser ist, der im Keller seiner Mutter wohnt. Genauso wenig ist jede studierende Prostituierte ein armes Mädchen.

Womöglich ist Sex gegen Geld alleine viel zu wenig, um „gut“ oder „böse“ zu sein. Nach dem Gespräch mit Carmen sehe ich diese Form der „Zwangsprostitution“, wie ihre Tätigkeit in den Medien dargestellt wird, aber völlig anders. Sie wirkte äußerst selbstbewusst und klug auf mich, absolut nicht bemitleidenswert. Ob ich mich selbst mit Männern zum Essen verabreden würde, um danach mit ihnen zu schlafen und mir so mein Studium zu finanzieren, weiß ich nicht. Ich würde es wohl erst einmal ausschließen, aber niemals nie sagen.

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Illustration von Murat Kalkavan und Icons8
Der Text erschien in der Kategorie Sex mit den Themen Finanzen, Jungs, Mädchen, Prostitution und Studium
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