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Das Popkultur Magazin

Penisfotos und Tittenbilder: Es interessiert keinen, wie du nackt aussiehst

Hose runter, Beine breit, Handy raus... oh warte! Herzlichen Glückwunsch, du bist gerade dabei, den Beweis für die Fehlerhaftigkeit der Evolution zu erbringen, das lebende Beispiel dafür zu werden, dass Menschen tatsächlich nur einen Bruchteil ihrer Gehirnkapazität nutzen und dich zum Vollhorst zu m...
Penisfotos und Tittenbilder: Es interessiert keinen, wie du nackt aussiehst

Penisfotos und Tittenbilder

Es interessiert keinen,
wie du nackt aussiehst

Leni Garibov

Hose runter, Beine breit, Handy raus… oh warte! Herzlichen Glückwunsch, du bist gerade dabei, den Beweis für die Fehlerhaftigkeit der Evolution zu erbringen, das lebende Beispiel dafür zu werden, dass Menschen tatsächlich nur einen Bruchteil ihrer Gehirnkapazität nutzen und dich zum Vollhorst zu machen, aber das nur ganz nebenbei.

Geschlechtsteile mit den Handy fotografieren. Wow. Das haut einen ja glatt um. Wie innovativ, hast du das studiert? Ob du nun ein wunderschönes Elfenmädchen aus BerlinMitte oder ein etwas, und das wirklich alle Körperstellen betreffend, zu klein geratener Biobauer bist, eine Frage geht mir einfach nicht aus dem Kopf: Wozu? Wen interessiert es, wie deine glatt gewachste Bikinizone, dein kleiner Freund oder deine prallen Brüste so ganz unverhüllt aussehen?

Okay, eigentlich liegt die Antwort auf der Hand: Alle, die dich entweder geil finden oder dir schaden wollen. Und die Letzteren, ja, sie sind der Grund, warum in Eigenregie entstandene Amateurnacktshootings völliger Bullshit sind.

Wir reden jetzt auch gar nicht von den schön inszenierten, erotischen Bildern, die man ab und zu für den Partner oder nicht ganz so privat auch für den Playboy macht. Photoshop, Assistenten und Unmengen von Körper-Make-Up machen es möglich, dass beim Anblick dieser Bilder das Herzchen schneller schlägt und sich die Pupillen weiten. Aber so ein Genitalschnappschuss?

Sieht so etwas denn jemals gut aus? Den Beweis haben in den vergangenen Jahren immer mal wieder Promis gebracht, deren Handys gehackt wurden und die dann für alle Welt sichtbar nackt im Bett lagen: Es war eher zum Fremdschämen! Selbst bei den hübschesten HollywoodSchauspielerinnen. Nennt mich ruhig verklemmtes Arschloch. Sagt man so etwas zu Mädchen? Aber intime Momente sollten meiner Meinung nach auch wirklich intim bleiben.

Es geht doch um den Moment, um das Erlebnis. Wenn man sich auszieht, sich anfasst, sich gegenseitig wunderschön findet. Egal, ob man nun mit Modelmaßen oder dem ein oder anderen Speckröllchen gesegnet wurde. Das alles auf Fotos festzuhalten, nimmt dem Ganzen die Magie weg, versucht das zu konservieren, was nun mal nicht gespeichert werden kann, und wenn doch, dann nur in Form eines plumpen 2D-Bildchens.

Und ich fange gar nicht erst damit an, dass genau dieses nicht immer dort bleibt, wo es hingehört. Wenn man von drei Menschen ausgeht, die im Besitz des eigenen, im Suff gemachten Schnappschusses vom Allerwertesten sind, dann kann man diese Zahl gleich mit der Menge aller schaulustigen Freunde des Empfängers multiplizieren.

Klar, wir alle sehen nackt mehr oder weniger gleich aus und es ist überhaupt nichts dabei, sich im nächsten Narzissmusanfall räkelnd im Bett abzulichten. Aber ich persönlich hätte irgendwie keine Lust darauf, dass das Ergebnis dieser kleinen Fotosession in die falschen Hände gerät. Also Hose runter, Beine breit – und das Handy aus!

Die Illustration stammt von Clip und Icons8
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Akira: Cyberpunk vom Feinsten

Willkommen im düsteren, dreckigen, lediglich von den kunterbunten Neonlichtern der Hochhäuser erhellten Neo-Tokio, erbaut auf der übrig gebliebenen Asche einer japanischen Hauptstadt, die durch eine Explosion unbekannter Herkunft, die wiederum den Dritten Weltkrieg auslöste, zerstört wurde. Das L...
Akira: Cyberpunk vom Feinsten

Akira

Cyberpunk
vom Feinsten

Marcel Winatschek

Willkommen im düsteren, dreckigen, lediglich von den kunterbunten Neonlichtern der Hochhäuser erhellten Neo-Tokio, erbaut auf der übrig gebliebenen Asche einer japanischen Hauptstadt, die durch eine Explosion unbekannter Herkunft, die wiederum den Dritten Weltkrieg auslöste, zerstört wurde.

Das Leben zweier gewitzter Jugendfreunde, Tetsuo und Kaneda, ändert sich für immer, als in Tetsuo paranormale Fähigkeiten zu erwachen beginnen, die ihn wiederum zur Zielscheibe einer schattenhaften Agentur machen, die vor nichts zurückschrecken wird, um eine weitere Katastrophe wie diejenige, die Tokio dem Erdboden gleichgemacht hat, zu verhindern. Der Kern der Motivation der Agentur ist eine rohe, alles verzehrende Angst vor einer unvorstellbaren, monströsen Macht, die nur als Akira bekannt ist.

1982 veröffentlichte Kodansha das erste Kapitel von Akira, einer dystopischen Saga, die in Neo-Tokio spielt, einer Stadt, die sich von einem thermonuklearen Angriff erholt, wo die Straßen an Motorradbanden abgetreten wurden und die Reichen und Mächtigen gefährliche Experimente mit zerstörerischen, übernatürlichen Kräften durchführen, die sie nicht kontrollieren können. 1988 wurde der Manga in den damals teuersten Trickfilm aller Zeiten adaptiert, der Akiras Einfluss aus der Manga-Welt heraus und auf die globale Bühne brachte.

Akira ist nicht nur ein Film, er ist die Genesis eines Genres. Katsuhiro Otomos bahnbrechender Cyberpunk-Klassiker verwischte die Grenzen der japanischen Animation und zwang die Welt, in die Zukunft zu blicken. Akiras Ankunft erschütterte das traditionelle Denken und schuf Raum für Filme wie Matrix, die in die brutaler Realität geträumt wurden.

Ohne Kaneda und Tetsuo, ohne übernatürliche Rebellen und psionische Mörder, ohne dieses abgrundtief geile Motorrad, wäre unsere Welt ein weitaus weniger aufregender Ort, um zu existieren. Aber der Manga wurde zum Film, und der Film wurde zum Phänomen, und die Welt nahm Notiz davon. Jetzt ist Akira überall. Wenn ihr sie auf den Straßen nicht sehen könnt, wenn ihr sie nicht fühlen könnt, wie sie in eurem Gehirn herumkriecht, dann müsst ihr noch eingeweiht werden, in die dunkle, hoffnungslose Welt von Akira. Willkommen in Neo-Tokio.

Akira: Cyberpunk vom Feinsten Akira: Cyberpunk vom Feinsten Akira: Cyberpunk vom Feinsten Akira: Cyberpunk vom Feinsten Akira: Cyberpunk vom Feinsten Akira: Cyberpunk vom Feinsten Akira: Cyberpunk vom Feinsten Akira: Cyberpunk vom Feinsten Akira: Cyberpunk vom Feinsten Akira: Cyberpunk vom Feinsten Akira: Cyberpunk vom Feinsten Akira: Cyberpunk vom Feinsten Akira: Cyberpunk vom Feinsten Akira: Cyberpunk vom Feinsten Akira: Cyberpunk vom Feinsten Akira: Cyberpunk vom Feinsten Akira: Cyberpunk vom Feinsten Akira: Cyberpunk vom Feinsten Akira: Cyberpunk vom Feinsten Akira: Cyberpunk vom Feinsten Akira: Cyberpunk vom Feinsten Akira: Cyberpunk vom Feinsten Akira: Cyberpunk vom Feinsten Akira: Cyberpunk vom Feinsten Akira: Cyberpunk vom Feinsten Akira: Cyberpunk vom Feinsten
Die Illustration stammt von Katsuhiro Otomo, Kodansha, Mash•Room und Leonine
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Whisky, Joints und Ravioli: Mein neues Leben in Berlin

Es ist Freitagabend in Berlin und ich sitze mit meinen beiden Mitbewohnern an dem Klapptisch in unserer Küche. Berna und ich haben ein Glas Weißweinschorle vor uns stehen, Maxi, unser Mitbewohner, trinkt Whisky mit Ginger Ale zu seinem allabendlichen Joint. Daran, dass er so viel kifft, habe ich mic...
Whisky, Joints und Ravioli: Mein neues Leben in Berlin

Whisky, Joints und Ravioli

Mein neues
Leben in Berlin

Sophie Fischer

Es ist Freitagabend in Berlin und ich sitze mit meinen beiden Mitbewohnern an dem Klapptisch in unserer Küche. Berna und ich haben ein Glas Weißweinschorle vor uns stehen, Maxi, unser Mitbewohner, trinkt Whisky mit Ginger Ale zu seinem allabendlichen Joint. Daran, dass er so viel kifft, habe ich mich auch nach vier Wochen in dieser WG noch nicht so ganz gewöhnen können, aber man hatte mich bereits vor meinem Umzug in die Hauptstadt darauf hingewiesen, dass illegale Rauschmittel in Berlin schon irgendwie zum guten Ton gehörten. So weit, selbst mal Haschisch zu probieren, bin ich allerdings noch lange nicht.

Wir sprechen gerade die Abendplanung durch, denn heute wollen wir gerne mal etwas zu dritt unternehmen. Auch, um uns besser kennenzulernen. Der Alltag funktioniert zwar schon ganz gut zwischen zwischen uns dreien, nicht zuletzt, weil Berna und Maxi nun schon seit etwas über zwei Jahren gemeinsam hier im Wedding wohnen, aber richtig zusammen aus waren wir noch nie, seit ich bei ihnen eingezogen bin.

„Ich hab Lust auf Essen gehen“, werfe ich in die Runde. „Also, ich meine jetzt nicht Currywurst oder Döner oder irgendetwas Anderes, das so typisch für Berlin ist, sondern ich meine so richtig Essen gehen, in irgendeinem schicken Restaurant. Und mit schick meine ich nicht superteuer, sondern eben … Naja, ihr wisst schon, eben keine Imbissbude, sondern irgendetwas, wo man nett sitzen und quatschen kann, aber eben auch leckeres Essen und vielleicht ein, zwei Gläschen guten Wein bekommt.“

Mein Blick wandert herunter zu meinem fast leeren Glas und ich überlege, ob ich mir noch einmal etwas nachschenken soll, aber entscheide mich dagegen. Irgendwie habe ich bereits jetzt im Gefühl, dass ich heute noch mehr als genug Gelegenheiten bekommen werde, Alkohol zu mir zu nehmen.

Berna ist sofort Feuer und Flamme. „Ich weiß, wo wir hingehen können“, plappert sie euphorisch drauf los. „Es gibt da diesen Laden in Kreuzberg, Gorgonzola Club heißt der, da will ich schon ewig mal hin, hab’s aber bisher nie geschafft!“ Maxi verdreht die Augen und drückt die Reste seines „Blunts“, wie er es nennt, in einem zum Aschenbecher umfunktionierten Blumentopf aus. „Bei sowas bin ich raus!“, sagt er. „Ich dachte, wir gehen einen saufen!“ „Ach Maxi“, antworten Berna und ich wie aus einem Mund und ziehen das „I“ in seinem Namen dabei extra lang.

„Wir können danach doch immer noch was trinken gehen“, sage ich. „Und außerdem schuldest du mir sowieso noch ein Abendessen“, hängt Berna an, „du weißt schon, dafür, dass ich vor deiner Mutter so getan habe, als würde dein Gras mir gehören!“ „Das hat kauft sie dir übrigens bis heute nichts ab“, meint Maxi mürrisch. „Aber okay, ich bin dabei, unter der Voraussetzung, dass wir uns anschließend noch abschießen gehen!“ „Machen wir“, verspricht ihm Berna, und ich zeige meine Zustimmung mit einem Nicken.

Knapp eineinhalb Stunden später finden wir uns im Gorgonzola Club wieder, der an diesem Freitagabend so voll ist, dass wir Glück haben, überhaupt noch einen Tisch zu ergattern. Der Laden ist ganz hübsch eingerichtet, irgendwie italienisch-rustikal. Nur die rot-weiß-karierten Tischdecken aus Papier wirken in diesem Ambiente fehl am Platz. Berna lässt Maxi und mich wissen, dass eine Kommilitonin ihr die Ravioli hier empfohlen hat, also bestellen wir drei verschiedene Portionen Ravioli, einen großen Teller Antipasti und natürlich Wein, zwei Gläser weiß, und ein Glas rot.

Während wir auf das Essen warten, was nicht nur gefühlt, sondern tatsächlich eine halbe Ewigkeit dauert, weil unsere Bestellung mit der eines anderen Tisches durcheinandergebracht wurde, unterhalten wir uns über das Leben und das Lieben in der Großstadt. Ich hatte vor meinem Umzug nach Berlin über zwei Jahre lang einen festen Freund, von dem ich mich allerdings getrennt habe, nachdem klar war, dass ich nach Berlin und er für ein Praktikum nach New York gehen würde. Eine Fernbeziehung kam für uns beide nicht in Frage, und ich gestehe meinen beiden Mitbewohnern, dass ich irgendwie ganz froh bin, die Hauptstadt als Single erkunden zu können, was Maxi unwillkürlich schmunzeln lässt.

„Werde bloß nicht so wie er“, sagt Berna und macht mit dem Kopf eine Bewegung in Richtung Maxi, während sie sich eine Olive in den Mund steckt. „Jedes zweite Wochenende bringt er ein anderes TinderDate mit nach Hause, und ich darf dann deren Haare aus dem Duschsieb fischen!“ „Das sind ausschließlich deine Haare“, kontert Maxi zurück und Berna wirft ihre lange blonde Mähne über die Schulter, fast so, als sei sie Beyoncé persönlich.

Die Salbeiravioli im Gorgonzola Club sind wirklich fantastisch, so dass der Fehler mit der verwechselten Bestellung zumindest von meiner Seite aus sofort wieder verziehen ist. Beim Essen erfahre ich ein bisschen mehr über das Liebesleben meiner beiden Mitbewohner, zum Beispiel, dass Berna bisexuell ist und in den letzten Jahren ausschließlich mit Frauen zusammen war, und dass Maxi keine Lust hat, sich zu binden. Ihre Frage danach, ob ich jemals einen richtigen One-Night-Stand hatte, muss ich verneinen. Berna meint, das würde schon noch kommen, und dass sowas in Berlin Gang und Gäbe ist.

Nach dem Essen zieht Maxi uns weiter in die Fahimi Bar, seine Stammbar in Kreuzberg, wie er sagt. Dort bestellt er für uns alle eine Runde „Dillinger Escape Plan“, einen Drink, von dem er schwört, dass wir ihn auf jeden Fall probieren müssen. Was wir serviert bekommen, riecht ein wenig wie das Wasser, in dem saure Gurken eingelegt sind, schmeckt aber erstaunlich gut. Ein Blick auf die Karte verrät mir, warum der Cocktail so nach Gurkenwasser riecht. Neben Gin, Holunderblütenlikör und Zitronensaft enthält dieser nämlich auch noch Gurke, Dill und etwas Meersalz.

Leider ist die Bar an diesem Abend ziemlich voll und laut, was vielleicht auch ihrer Lage direkt am berühmt-berüchtigten Kottbusser Tor geschuldet ist. Ich merke, dass ich langsam ganz schön müde werde, im Gegensatz zu Maxi und Berna, die jetzt erst richtig aufdrehen und bereits Pläne schmieden, wo es als nächstes hingehen soll. Wir bestellen noch eine zweite Runde, bevor wir gemeinsam aufbrechen, doch trotz ihres Bettels und Flehens, noch mit ihnen in den Kater Blau zu gehen und die Nacht zum Tag zu machen, kann ich widerstehen und mich von den beiden losreißen.

Wir verabschieden uns mit Umarmungen von einander, und während sie sich in ein Taxi Richtung Club schwingen, steige ich in die nächste U-Bahn, die zu unserer Wohnung fährt. Ich bin noch nicht bereit für so eine richtige Partynacht in Berlin. Aber was nicht ist, kann ja noch werden, und gerade freue ich mich einfach nur, einen tollen, wenn auch ruhigen Abend mit meinen fantastischen Mitbewohnern in dieser aufregenden Stadt gehabt zu haben.

Die Fotografie stammt von Yeo Khee
Der Text erschien in der Kategorie Leben mit den Themen
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Die Berlinerin im Gespräch: Palina Rojinski, bist du glücklich?

Wenn eine Person auf diesem schnöden Planeten gerade viel herum kommt, dann ist es Palina Rojinski: Hauptstadtmädchen, DJ, Stilikone. Für TV-Shows hängt sie an den entlegensten Orten ab, in Filmen macht sie Berlin unsicher und privat fliegt sie einfach mal nach Mexiko, um ganz entspannt mit Delfinen...
Die Berlinerin im Gespräch: Palina Rojinski, bist du glücklich?

Die Berlinerin im Gespräch

Palina Rojinski, bist
du glücklich?

Marcel Winatschek

Wenn eine Person auf diesem schnöden Planeten gerade viel herum kommt, dann ist es Palina Rojinski: Hauptstadtmädchen, DJ, Stilikone. Für TV-Shows hängt sie an den entlegensten Orten ab, in Filmen macht sie Berlin unsicher und privat fliegt sie einfach mal nach Mexiko, um ganz entspannt mit Delfinen zu schwimmen. Was für ein Leben. Und dann wäre da noch ihr eigener Podcast, in dem sie mit interessanten Leuten quatscht. Und weil wir Palina so lieb haben, haben wir sie zu einem Gespräch eingeladen und mit ihr über Berlin, Wodka und Urlaub geplaudert. Hurra.

Wahrscheinlich habe ich, seitdem ich angefangen habe, Serien im Internet zu gucken, nicht mehr das Haus verlassen. Hängst du auch gerne zu Hause ab oder bist du eher die Abenteuerliche, die ständig durch überhitzte Clubs, volle Restaurants und fremde Städte zieht?

Ouh, ich weiß genau was du meinst! Man ist wie gefesselt und überlegt sich drei Mal, ob man jetzt wirklich in diesem spannenden Moment aufs Klo gehen sollte. Aber mich interessiert natürlich auch, wie andere Klos auf der Welt aussehen. Deswegen passt es ja ganz gut, dass ich Reisen liebe.

Mich im Dschungel zu verirren und nicht zu wissen, ob es ab 21 Uhr noch irgendwo ein Taxi gibt, aus Versehen eine bestialisch scharfe Salsa zu essen oder beim Schwimmen plötzlich einen Delfin neben mir zu haben. Das ist dann sogar noch besser als Flipper im TV schauen.

Ich gehe natürlich auch in Berlin gerne raus. Um den Block laufen, mit Freunden lecker essen gehen oder Flipper spielen. Spätestens, wenn meine Finger, zucken, weil ich schon länger nicht mehr aufgelegt habe, treibt mich das dann endgültig vor die Tür.

Dich hat es aus dem eisigen Sankt Petersburg ins leider viel zu oft verregnete Berlin verschlagen. Wie lange bist du denn schon hier und was hat das Dicke B, was deine Heimatstadt nicht zu bieten hat?

Seitdem ich sechs Jahre alt bin, lebe ich in Berlin. Somit habe ich zwei Heimatstädte: Das märchenhafte, aber gleichzeitig graue, harte, schroffe Sankt Petersburg und das coole, Multikulti-Berlin.

Beide Metropolen haben mich geprägt. Ich liebe Klassik und Kitsch, genau wie die Architektur in Sankt Petersburg, stehe aber auch auf Streetart, die Einschusslöcher in den Häusern aus dem Zweiten Weltkrieg und den losgelösten Lebensstil in Berlin. Aber leider gibt es hier keine Weißen Nächte

Wenigstens hast du dich auch im hiesigen Nachtleben ziemlich gut eingelebt, gehst gerne Party machen, legst sogar selbst auf. Was sind deine Lieblingsclubs in der City und wo treibst du dich tagsüber so rum?

Ich laufe der Musik nach und lande dabei in den unterschiedlichsten Clubs. Das Scala mochte ich zum Beipsiel sehr gerne, weil einige meiner Lieblingskünstler dort gespielt haben. Aber wie es in Berlin halt so ist, musste der Club schon wieder schließen. Stichwort Bar 25, die leider das gleiche Schicksal ereilt hat. Frisch ausgeschlafen ging ich gerne dorthin und machte Frühdance anstatt Frühsport. Spaziergänge mit meiner Französischen Bulldogge Iwan im Grunewald sind übrigens ein erfrischender Ausgleich.

Im Süddeutsche Zeitung Magazin habe ich gelesen, dass du aufgrund deines zweifachen deutschen Meistertitels in rhythmischer Sportgymnastik der absolute Hammer im Bett bist. Stimmt das und ist das der Geheimtipp für alle frustrierten Hausfrauen daheim an den Bildschirmen?

Ein bisschen Gymnastik kann nicht schaden.

Du arbeitest hin und wieder bei MTV und hast deshalb bestimmt einen ausgezeichneten Musikgeschmack. Was hörst du denn am liebsten und was sind deine persönlichen Lieblingsbands?

Zur Zeit höre ich viel und tanze vor allem viel zu UK Funky House, Booty Bass und Crunk. Zu meinen Favoriten gehören Rye Rye, Buraka Som Sistema, Little Boots, Fake Blood, aber auch romantische Chansons von Nouvelle Vague.

Du hast bereits für diverse Modemarken vor der Kamera gestanden. Würdest du dich selbst als modebewusst betiteln und wie wichtig sind dir die aktuellen Trends?

Ich stehe auf schöne, ausgefallene Sachen. Mag es die absurdesten Teile miteinander zu kombinieren und folge nicht bewusst Trends. Wenn mir ein Teil gefällt, und mein Portemonnaie es zulässt, kaufe ich es und bewahre es auf, bis es mich wie ein Blitzschlag trifft und ich die perfekte Kombination dazu gefunden habe.

Würdest du dich denn jetzt, in diesem Augenblick, als wirklich glücklich bezeichnen?

Ich bin gerade glücklich wie Bolle! Denn ich war gerade im Urlaub am Strand, sah Palmen und das türkisfarbene Meer und perfektionierte meine persönliche Bräunungsstudie mit verschiedenen Lichtschutzfaktoren.

Ich kenne viele Menschen, die von Berlin und seinen vielfältigen Versuchungen mit Haut und Haaren verschlungen wurden – und heute praktisch im Berghain-Keller wohnen. Hast du jemals Angst davor gehabt, dir selbst in dieser Stadt nicht mehr treu zu bleiben?

Ich bin nah am Beton gebaut. Wenn man in Berlin aufwächst, ist die Gefahr, von diesem Überangebot überwältigt zu werden, nicht so groß. Ich hatte aber auch immer schon einen inneren Kompass, der mir gesagt hat, wie viel von was gut für mich ist – und was eben nicht.

Wenn du damals nicht nach Berlin gekommen wärst, wie, glaubst du, würde dein Leben jetzt aussehen?

Wahrscheinlich wäre ich irgendwann nach Berlin gezogen.

Wann hast du zum letzten Mal so richtig Mut bewiesen?

Gut, dass du fragst. Ich habe einmal mit einem gefühlt zwei Meter großen Leguan gekuschelt. Zählt das schon? Ansonsten war ich bei “Offline” und “Circus HalliGalli” immer gut eingespannt. Ich weiß, wie eine Schlangensuppe schmeckt, und dass nicht alle davon begeistert sind von einer rotzevollen Außenreporterin zum Mauerfall befragt zu werden.

Lass‘ uns mal kurz politisch werden: Wie wichtig ist dir kulturelle Vielfalt in Deutschland?

Ich bin selbst Migrantenkind und bin in einer sehr vielfältigen Gesellschaft in Berlin großgeworden. Ich finde gegenseitigen Respekt sehr wichtig und finde es furchtbar, dass viele Menschen, die zum Beispiel bei Pegida mitlaufen, sich von einer diffusen Angst leiten lassen, anstatt die Fakten zu kennen.

Ja, vor solchen Menschen fürchte ich mich tatsächlich etwas. Hast du denn manchmal Angst vor der Zukunft?

Mein Motor ist Liebe. Ich liebe, was ich tue, und solange das so ist, habe ich auch keine Angst vor der Zukunft.

Okay, wieder zu etwas Erfreulicherem. Welche sind deine drei Lieblingsseiten im Internet?

Mein Onlinebanking, der Postillon und Pitchfork.

Oh, da fällt mir ein, ich soll dich noch schnell von meiner Freundin Hannah fragen, wie du es schaffst, immer, und ich zitiere, „so eine coole Frisur zu haben“ und was dein Lieblingsbier ist.

Danke! Das hör ich natürlich gerne, da meine Haare so kaputt sind, dass der Spliss schon Spliss hat. Meine Frisur bekomme ich in zwei Handgriffen zusammengesteckt und sie sieht jedes Mal anders aus. Da gibt’s nicht wirklich ein Geheimrezept. Ich hab gehört, Bier soll gut für die Haare sein. Hab ich auch mal ausprobiert, war mir dann aber alles zu verklebt. Ansonsten trinke ich Wodka. Aber Grüße an Hannah!

So, und welche Serie soll ich mir jetzt als nächstes angucken?

“Modern Family”. Maaaaanny ist der Beste!

Die Fotografie stammt von Marlen Stahlhuth und Adidas
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Berliner Begegnungen: Morgens vor dem Berghain

Die Berliner Clubszene ist kein festes, starres Gebilde, das schon immer so war und auch immer so sein wird, sondern ein atmendes, pulsierendes, lebendiges Wesen, in dessem Inneren sich die kreative wie verlorene Seelen verlieren. Alle paar Monate schließt ein Club und ein neuer öffnet, Lieblings...
Berliner Begegnungen: Morgens vor dem Berghain

Berliner Begegnungen

Morgens vor
dem Berghain

Annika Lorenz

Die Berliner Clubszene ist kein festes, starres Gebilde, das schon immer so war und auch immer so sein wird, sondern ein atmendes, pulsierendes, lebendiges Wesen, in dessem Inneren sich die kreative wie verlorene Seelen verlieren.

Alle paar Monate schließt ein Club und ein neuer öffnet, Lieblingsetablissements verschwinden und man muss sich an neue Orte, neue Gesichter, neue Gefühle gewöhnen, nur so bleibt man eins mit einer Stadt, die einem im wortwörtlichsten Sinn den Atem rauben kann. Wer in dieses Universum voller Lichter, Töne und Gesichter eintaucht, der trifft sie, die Menschen, die dort zu Hause sind, in der vollkommenen Zelebrierung des Lebens.

Die aus Paris stammende Fotografin Sabrina Jeblaoui hat sich längst in die deutsche Hauptstadt und damit auch in die hiesige Clubszene verliebt. Auf ihrem Instagram-Account NachtClubsBerlin verewigt sie die Menschen, die in legendären Feierhäusern wie dem Berghain, dem Tresor oder der Griessmuehle ein und aus gehen und sich dort die Jugend um die Ohren hauen.

„Ich bin fasziniert von dieser einzigartigen Stadt, da Lebensstil und Mode so divers sind und die Menschen sich frei fühlen, zu sein wer sie sind und gleichzeitig ebenso, wer sie sein wollen“, erzählt Sabrina der Redakteurin Franziska Müller-Degenhardt vom Hauptstadtblog iHeartBerlin. „Berlin hilft einem auch dabei, seine Grenzen und damit sich selbst kennenzulernen – wenn man das möchte.“

Und weiter: „Ich liebe die Energie, die die Clubs hier haben, und kann durch sie der Realität einige Stunden entkommen, tanzen und die verschiedensten Leute treffen. Nachdem ich meine ersten Fotos auf meinem eigenen Instagram-Kanal veröffentlicht hatte, entschied ich mich NachtClubsBerlin zu erstellen, wodurch die von mir fotografierten Personen ihre Fotos leicht finden können.“

„Nach und nach ist es jetzt zu einer kleinen Community geworden“, fährt Sabrina fort. „Die Leute folgen meiner Seite aus mehreren Gründen: Diejenigen, die nicht in Berlin leben, können einen Eindruck von seiner Partyszene bekommen, und für andere kann es inspirierend sein zu sehen, was man in einem Techno Club so anzieht.“ Und es ist doch immer interessant zu sehen, wer morgens so aus dem Berghain spaziert…

Berghain Berlin Berghain Berlin Berghain Berlin Berghain Berlin Berghain Berlin Berghain Berlin Berghain Berlin Berghain Berlin Berghain Berlin Berghain Berlin Berghain Berlin Berghain Berlin Berghain Berlin Berghain Berlin
Die Fotografie stammt von Sabrina Jeblaoui
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Digitaler Feminismus: Ich zeige meine Brüste auf Instagram

Es war in der elften Klasse. Ich dementsprechend 17 Jahre alt. Letzte Reihe, blauer Hefter, Rechtskunde in der siebten und achten Stunde am Mittwoch. Ich verfolgte damals noch meinen ersten Berufswunsch: ich wollte Anwältin werden, Jura studieren. Aus keinem anderen Grund hätte ich sonst freiwillig...
Digitaler Feminismus: Ich zeige meine Brüste auf Instagram

Digitaler Feminismus

Ich zeige meine Brüste
auf Instagram

Lina Mallon

Es war in der elften Klasse. Ich dementsprechend 17 Jahre alt. Letzte Reihe, blauer Hefter, Rechtskunde in der siebten und achten Stunde am Mittwoch. Ich verfolgte damals noch meinen ersten Berufswunsch: ich wollte Anwältin werden, Jura studieren. Aus keinem anderen Grund hätte ich sonst freiwillig in einem Wahlkurs bis in den späten Nachmittag gesessen und während des Frontalunterrichts von der Tafel abgeschrieben.

Fälle zu recherchieren, zu lösen, über verschiedene Kausalketten zu debattieren, das hatte mir immer Spaß gemacht – aber die klassische Theorie, die wir alle drei Wochen erarbeiteten, in der man gängige Argumentation von Anklage, Verteidigung, Richter oder Täter abschrieb, um sie und ihre Kern- oder Schwachpunkte als auch die korrekte Widerlegung oder Stärkung auswendig zu lernen, als wäre es ein Schachzug, das hatte mich immer gelangweilt. Das meiste konnte man sich denken. Für einen Täter, gab es genau zwei große, übergeordnete Rechtfertigungsgründe. Immer die Gleichen. Gesetzlich verankert. Der Rest war immer hinfällig.

Also brachte ich gelangweilt die sechs Stichpunkte auf meinen Linienblock, die Frau Hofmann gerade noch einmal dem Kurs erläuterte. Es ging um Sexualstraftaten. In erster Linie Nötigung. Und auf einmal stockte ich. „Bekleidung der Frau„, stand dort unter „Täterargumente.“ und als Erklärung das Zitat: „Na, sie hatte ja einen sehr kurzen Rock an.“ „Entschuldigung…?“, fragte ich offen verwirrt dazwischen. „Ja, Lina?“ „Ich verstehe Punkt drei nicht.“ „Na, der erläutert ich doch von selbst, oder? Der Täter sieht seine Tat darin gebilligt, dass die Frau einen zu kurzen Rock getragen hätte.“ „Hä? Wieee?“

Ich weiß noch genau, wie absurd und unsinnig mir diese Zeile vorkam, sodass ich vollkommen davon überzeugt war, dass ich sie nicht richtig verstanden haben konnte. „Aber das ist ja keine Verteidigung? Wie soll denn eine Frau an einer sexuellen Nötigung Schuld haben, wenn sie einen kurzen Rock trägt?“ „Der Täter empfindet einen kurzen Rock in seiner Perspektive als Aufforderung, als Einladung.“ „Die Frau anzufassen? Oder zu nötigen?“ „Ja.“ „Das ist doch absurd. Das macht doch überhaupt keinen Sinn und war vielleicht vor 60 Jahren mal ein Punkt. Aber sowas sagt doch in der Praxis niemand mehr?“

Und dann rüttelte der Kurs zum ersten Mal an meinem Weltbild und ich war mir unsicher, ob ich nun unheimlich naiv und viel zu behütet in dieser Kleinstadt aufgewachsen bin oder aber meine innere, ganz natürliche, unbedarfte, feministische Überzeugung so stark, dass ich es für unmöglich hielt, dass man noch so über Frauen denken oder sie derartig aburteilen, sie und ihren Körper, ihre Entscheidung oder aber ihre Motive auf ein Kleidungsstück reduzieren würden.

Für mich war diese Perspektive so weit weg, so absurd, dass ich sie nicht in Betracht gezogen hatte. Und auf einmal mit ihr konfrontiert zu werden und sie auch noch mehrfach bestätigt zu wissen, das machte ich an diesem Tag erst betroffen und dann unheimlich wütend. Die Reaktion meines Umfeld: „Klar ist das scheiße. Aber das kann doch jetzt kein Schock für dich sein?“ Doch, war es.

Über zehn Jahre ist das nun her, dass ich mit einem, ich subtrahiere meine Gefühle aus den zwei Kursstunden mal, „WTF?!“ aus der Schule ging und gar nicht glauben wollte, dass so eine Denkstruktur tatsächlich noch in den Köpfen von Menschen vorkommen sollte.

Seitdem ist eine Menge passiert, eine Weiterentwicklung möchte man meinen, immerhin hatten wir zehn weitere Jahre Zeit uns zu bilden, gegenseitig aufzuklären, noch definierter zu reflektieren und veraltete, überholte und schlicht untragbar absurde Annahmen auszumerzen. Und obwohl wir noch immer an so viele Stellen struggeln, scheitern, uns nicht einig sind und auf der Stelle treten (warum genau verdienen Männer in so vielen Berufen weiterhin schlicht wegen eines anderen Chromosomenpaares mehr als Frauen?), hatte ich bis vor kurzem die, ich weigere mich noch immer das Attribut „naiv“ zu benutzen, auch wenn es sich so aufdrängt, Überzeugung, dass der Feminismus als solcher, den ich noch nie als Freifahrtschein für drängelnde Frauen, sondern als Gleichberechtigung und Bewegung für das Recht auf Handlungs- und Entscheidungsfreiheit verstanden habe, vorangekommen ist, sich gestärkt und entwickelt hat.

Bis vor ungefähr zwei Monaten. Solange hält zumindest die Diskussion an oder kommt immer wieder auf, in der ich mich nicht nur mit meiner Überzeugung, sondern neuerdings sogar mit meiner Person befinde. Aktuell werde ich das belastende Gefühl nicht los, dass ich noch nie so viel für meine Entscheidungsfreiheit, für meine Person als Ganzes und vor allem für weitere, größere Horizonte, gerade bei Frauen in ihrer Sicht auf andere Frauen, kämpfen musste.

Am Anfang ging es um mein Dekolleté, später direkt um meine Brüste, dann um meinen Hintern und schließlich diskutierten dritte, vierte und fünfte Frauen stundenlang und offenbar äußerst angegriffen darüber, ob es tatsächlich „nötig“ oder „überhaupt ok“ sei, dass ich oder andere Frauen sich überhaupt im Bikini oder, Gott bewahre, sogar sinnlich oder sexy auf Bildern zeigen würden. Und, das ist das Schlimmste, was das über mich oder sie aussagen würde. Über unsere Persönlichkeiten. Über unsere Bildung, Cleverness, über unsere Glaubwürdigkeit oder unseren Wert.

Dass ein stofffreier Hintern polarisiert, dass er nicht jedem gefällt, dass nicht jeder ihn fotografiert oder geteilt hätte, das habe ich erwartet. Dafür ist Instagram nun mal kein Bildband, den sich ausgewähltes Publikum mit Sinn für Ästhetik und Bildkomposition ansieht, sondern ein soziales Netzwerk, das vorrangig in Deutschland neben schnellen Hypes, vor allem aus Kritik und schneller Bewertung besteht. Dass du aneckst, dass du jemandem nicht gefällst und dass man es dir ungefragt sagen wird, damit musst du rechnen. Und das tat ich.

Was ich aber zu 100 Prozent unterschätzt hatte, was ich nicht erwartet hatte und was mich mit dem gleichen WTF?! im Nacken und schließlich der gleichen Wut im Bauch zurückließ, waren die anmaßenden Urteile und absurden Aussagen, mit denen vor allem Frauen auf mich zukamen. Ich hatte nicht erwartet, dass ganze Online-Redaktionen sich bis zur Mittagspause in ein Urlaubsbild hineinsteigern würden, dass man mir meine Persönlichkeit oder Arbeit absprechen oder sie herablassend diskutieren würde.

Sätze, wie: „Hast du die Aufmerksamkeit der Kerle so nötig, dass du hier ständig deine Titten zeigen musst?“ oder „Früher hab ich deine Texte mal spannend gefunden, aber heute lese ich sie nicht mehr, weil ich einfach nichts damit anfangen kann, wie billig du dich hier zeigst!“, „Ich fand mal, du warst eine starke, tolle Frau, aber wer hier solche Fotos teilt, den kann ich nicht ernst nehmen!“ „Krass! Hast du mal überlegt, dass jetzt auch PR-Menschen wissen, wie dein Busen geformt ist oder wie dein Hintern aussieht?“ „Was bitte bezweckst du eigentlich mit den Bildern? Dass man dich geil finden soll, weil du sonst nichts kannst?“ „Wie kann es einem so egal sein, wie wenig man jetzt noch Ernst genommen wird?“ „Boah, alles für die Likes wa? Armselig!“ oder auch „Wer was im Kopf hat, braucht solche Bilder nicht. Offenbar brauchst du sie aber. Schade, Lina.“, sind nur eine dezente Auswahl von dem, was ich immer wieder zu lesen bekam. Und bis heute verstehe ich nicht, warum genau sich vorrangig Frauen so angegriffen von anderen Frauen fühlen, dass sie das Bedürfnis haben, sie durch Aburteilen klein zu machen, sie zu verletzen oder zu bekämpfen. Es war mein Hintern, es sind meine Boobs, nicht die spanische Grippe und auch nicht Donald Trump.

Lisa kommentierte es mit den Worten: „Wenn die Diskussion nicht so wichtig wäre, ich fände sie so lächerlich. Und ich kam nicht darüber hinweg, dass es heutzutage tatsächlich noch und gerade unter Frauen selbst diskutiert werden musste, was man durfte, was man nicht durfte und was ein Paar Brüste über eine Persönlichkeit aussagen konnte.“

Noch schlimmer, werden solche Urteile dann natürlich unter dem falschen Deckmantel des Feminismus oder guten Geschmacks. Frei nach dem Motto: „Alles was keine offensichtlichen Kraftausdrücke oder Beleidigungen beherbergt ist eine ehrliche Meinung und muss auch so geschätzt werden.“

Während ich den Artikel, der vor einiger Zeit auf Journelles erschien, noch angeregt und gern las, auch wenn ich in vielen Punkten nicht zustimmen konnte, weil er als offene Diskussion, nicht so sehr als Beurteilung geschrieben und auch so behandelt wurde, gab es andere Artikel oder Äußerungen, bei denen sich mir der Magen umdrehte. Und das nicht deshalb, weil da Frauen anderer Meinung waren, als ich selbst, sondern, mal ganz distanziert betrachtet, überhaupt derlei Meinungen, Sichtweisen und Perspektiven auf Frauen besprochen und noch gegenseitig beklatscht wurden

In der Diskussion auf Journelles wurde zudem differenziert und konkret über bloße, nackte Darstellung, teilweise ohne jeden Anspruch als den körperlichen Reiz selbst, diskutiert. Zumindest da stimme ich den Mädels nämlich zu. Wenn Blumen im Schritt drapiert werden, ohne dass die Message dahinter eine Rolle spielt oder verwackelte Spiegelselfies im unaufgeräumten Wohnzimmer ausschließlich aus dem Grund geschossen werden, gepushte Brüste durchs Netz zu jagen, wenn Nacktheit nicht ein, sondern der einzige (!) Teil der Persönlichkeit einer Frau sein soll, das einzige Ausdrucksmittel, das sie hat oder zeigt, dann hinterfrage ich auch, dann bin ich bei der Kritik dabei.

Das große Problem: so ein Artikel gelingt natürlich nicht jedem. Differenzierung ist nicht die Königsklasse des Internets und so ploppten im Nachgang dann inspirierte Stimmen auf, die jegliche, sinnlichen und reizvollen Fotos an sich und die Frauen, die sie machten, kategorisch kritisierten, herabwürdigten oder aber gleich noch Unterstellungen hinsichtlich des Motivs drauf schmissen. Nacktheit kritisieren ist gerade Trend, also nicht lange nachdenken, sondern lospoltern, gehört werden.

In einem Artikel auf Zukkermaedchen.de werden zum Beispiel in pseudo solidarischer Wir-Form Frauen darüber belehrt wie die moderne Frau zu sein habe, worauf sie achten müsse und vor allem darüber: ein richtiges Maß zu finden. Aha. Frage: wie genau sieht das aus? Das lässt die Autorin offen. Müsse jeder für sich selbst wissen. Ist natürlich richtig. Aber wie genau soll eine junge Frau denn ihr eigenes Maß finden? Eines, in dem sie sich selbst wohl und ausgelebt fühlt, das ihr Spaß macht und das sie stärkt? Wie, wenn sie gar nicht den Mut haben darf, sich auszuprobieren, weil sie von der Angst klein gehalten wird, genau dann nämlich von solchen Artikeln und der klatschenden, weiblichen Leserschaft bewertet oder klein gemacht zu werden?

Man lässt es sich in diesem Text nämlich nicht nehmen immer wieder zwischen den geschmückten Zeilen die Unterstellung mitschwingen zu lassen, dass sinnliche oder, freizügige, Fotos, ja schlussendlich nur aus Like-Geilheit oder Aufmerksamkeitssehnsucht geschossen werden würden und zusätzlich jedes Bild, jeder Ausschnitt, jede Rocklänge dafür stehen würde, wer wir als Frau sind. What. The. Fuck.

Ich kann an dieser Stelle natürlich nur für mich sprechen, für meine Person, für meine Brüste und meine Fotos, aber: Ist euch jemals die Idee gekommen, dass es okay und gar nicht unbedingt wert ist hinterher zu fragen, wenn eine Frau mit sich selbst zufrieden ist? Wenn sie sich schön findet und das möglicherweise sogar zeigt? Dass das nichts ist, wovon man sich angegriffen oder offended fühlen muss, sondern wofür man eigentlich ein Lächeln und Respekt übrig haben darf? Weil man sich vielleicht selbst daran erinnert, was für ein empowerndes Gefühl es ist, sich stark, vielleicht sogar mutig und auch sinnlich zu fühlen? „Ein Welpe bringt mehr Aufmerksamkeit als meine nackten Boobs!“ Ich darf den Mob beruhigen: ein Welpe oder ein Sonnenuntergang bringen noch immer mehr Likes und Aufmerksamkeit als meine Brüste. Gosh, vielleicht sind die der eigentliche Feind?

Und wo wir schon mal dabei sind: ich zwänge mich nicht für Männer in High Heels, ich trage nicht für Skaterboys absichtlich lässige Sneaker, ich gebe keine 133 Euro für ein Unterwäscheset aus Spitze aus, weil ich davon ausgehe, dass sie Donnerstagnacht ein Typ auspacken würde und ich gehe auch nicht zum Sport in der Hoffnung, dass ich dadurch endlich attraktiv für noch mehr Männer wäre. Ihr auch nicht stimmt’s? Ja? Ihr macht das alles auch für euch selbst? Okay.

Wenn wir darüber d’accord sind, warum müssen wir dann aber an anderer Stelle davon ausgehen, dass Haut wiederum ausschließlich für Männer oder Aufmerksamkeit gezeigt wird und damit nicht mal den oft so gescholtenen Jungs die Option lassen, andere Frauen zu Objekten zu machen, sondern es gleich mal selbst tun?

Warum „wir“ denn „solche Fotos“ oder „Haut zeigen“? „Was sind eigentlich „solche Fotos?“ Wer legt da die undifferenzierte Bewertung fest? Ob wir es überhaupt nötig hätten, wird außerdem immer wieder gefragt. Wisst ihr was? Ich habe auch keinen roten Lippenstift nötig und trotzdem mag ich ihn. Was genau sagt das jetzt über mich aus? Ich habe eigentlich auch keine Designertaschen nötig. Und doch gebe ich manchmal absurd viel Geld für sie aus, schlicht, weil ich eine Schwäche für sie habe.

Um es ad absurdum zu treiben: eigentlich ist nicht einmal ein Dessert nötig, um satt zu werden. Warum man es trotzdem bestellt? Weil es fabelhaft schmeckt. Es ist für mich vollkommen sinnlos, wenn wir von tollen, sinnlichen Fotos und ästhetischer Bildsprache sprechen, eine Notwendigkeit zu definieren. Die wenigstens künstlerischen oder schönen Ding sind nötig, sie sind einfach die Kür.

Was sinnliche Aufnahmen eigentlich mit Feminismus zu tun hätten, steht dann noch im Raum. Auch hier kann ich wieder nur im Rahmen meiner eigenen Person antworten: Feminismus besteht für mich darin, dass ich es kann, ohne dabei einen anderen Menschen einzuschränken. Weil ich es will. Weil ich mich so entschieden habe. Weil es mir gefällt. Ich habe es nicht nötig. Ich habe Spaß daran.

Ich poste die diskutierten Fotos, weil ich meinen Körper mag, weil ich es unheimlich schön finde, endlich mit ihm zufrieden zu sein und die Bilder, die eine ästhetische Stimmung eingefangen haben oder mir schlicht gefallen, auch gerne teile. Es ist übrigens nicht das Kompliment an mich, das mir wirklich etwas bedeutet, sondern wenn mir, denn auch das ist passiert, eine andere Frau schreibt, dass sie sich dank mir oder meiner Ausstrahlung jetzt ebenso traut, zu sich selbst zu stehen oder sich sexy zu fühlen.

Ich glaube übrigens weder daran, dass Computerspiele, Songtexte, die Vogue noch ästhetische #SensualShots allein irgendeinen Teenager ins Verderben treiben oder zu unbedarfter, ja fast erzwungener Nacktheit verleiten. Und überhaupt, wer reduziert ein Bild denn ausschließlich auf Brüste? Die Frau, die einen Ausschnitt trägt und im Sonnenuntergang vor einer traumhaften Kulisse in ihrem Abendkleid posiert? Oder die, die das Bild anschaut, alles ignoriert und sich auf ein Drittel vom Brustansatz einschießt?

Ihr und eure Perspektive, seid diejenigen, die aus einer oft wunderschönen Bildkomposition etwas Plumpes machen. Und damit spreche ich bei weitem nicht nur für meine Arbeit. Und ja, ich finde es absurd, sogar erschreckend, dass es ernsthaft „Stärke“ braucht, damit eine Frau „sie selbst“ sein kann.

Das lese ich nämlich immer wieder. Dass andere Frauen mich stark finden. Weil ich zu meiner Meinung stehe. Oder meinen Körper mag. Dass mir Mädels schreiben, dass sie ihre Kurven oder ihre Brüste verstecken, weil sie Angst haben, dass sie sonst als „billig“ gelten. Dass Frauen Mitte Zwanzig bis heute nicht wissen, ob sie sich selbst eigentlich sexy finden oder gar finden wollen, weil ihnen irgendwie „nicht wohl“ dabei ist, allein Unterwäsche mit Spitzenbesatz zu versuchen. Weil sie sich „lächerlich“ finden, wenn sie sich „für Männer zur Schau stellen“.

Denn genau das wurde ihnen ja eingetrichtert. Dass junge Frauen sich gegenseitig bewerten, beurteilen und haten, sich slutshamen und beleidigen. Also: was ist gefährlicher? Ein Bild mit einem Brustansatz? Oder diese anmaßende, aburteilende und sehr eingeschränkte Perspektive auf andere Frauen, die ihr den Mädels da draußen vorlebt und mitgebt? In denen die ok und „richtig“ sind, die einem gewissen Maß entsprechen? Es halten? Und alle anderen? Was sind die? Was haben die es? Nötig? Ernsthaft?

Meine Freundin Nina sagte dazu sehr, sehr passend: Das Problem ist nicht die Frau, die sich zeigt wie sie will, sondern jene, die erst sagt, dass das eigentlich ganz toll ist – aber am Ende doch ein richtiges Maß braucht, um dem zu entsprechen, was sie selbst für sich zum Maß gemacht hat.

Während es immer mal wieder leicht fällt herablassende Bemerkungen abzuschütteln, sind es die versteckt und doch gezielt gesetzten „aber“, die tief sitzen, die eigentlich nur wie eine „andere Meinung, die es zu akzeptieren gilt“, klingen und doch der größte Feind des Feminismus und der oft zitierten #Girlpower sind.

„Ich bin ja Feministin, aber…“ „Also ich mag ja schön Fotos, aber…“ „Klar, jeder darf sich zeigen, wie er möchte, aber…“ Aber was? Aber ich urteile trotzdem über dich? Aber ich werte dich dennoch herab? Aber es gibt dennoch einen Rahmen? Aber du hast dich trotzdem zu mäßigen? Aber ich lasse es mir nicht nehmen dennoch zu unterstreichen, dass dieses sinnliche Bild zwar in der Theorie okay ist, ich aber trotzdem ein neidvolles „wenn man es braucht“, hinterher raunen will?

Und nein, ich will dabei weiß Gott nicht sagen, dass Feminismus die komplette Zustimmung beinhaltet, dass eine Feministin nicht kritisieren darf, dass sie totalitär sein muss, dass sie undifferenziert zustimmen sollte. Ganz im Gegenteil. Aber wie wäre eine mit einer Differenzierung? Nicht jede Frau, die sich gern sexy oder weiblich zeigt, möchte genau so wie Kim Kardashian sein.

Man könnte jetzt meinen, dass ich mich sehr an diesem Thema aufreibe, dass ich es vielleicht persönlich nehme. Und ganz ehrlich? Klar tue ich das. Weil ich erstmalig nicht nur mit meiner Meinung, sondern öffentlich mit meiner Person und meinem Körper, wenn es nach einigen geht ja sogar mit meinem Wert und meiner Persönlichkeit dafür einstehe. Weil ich zur Sprache gebracht werde, weil ich mittlerweile kein Bild mit einem Dekolleté mehr posten kann, ohne dass es, egal ob positiv oder negativ, bewertet und diskutiert wird.

An dieser Stelle übrigens nur dazwischengeworfen: Ich habe die Brüste nun mal. Sie sind da, sie sind natürlich, sie sind größer als der Durchschnitt. Ja. Aber würdet ihr den gleichen Ausschnitt auch so analysieren, wenn er mit einem A-Körbchen gefüllt wäre? Euch im schlimmsten Fall sogar offended fühlen? Kaum oder?

Und ja, manchmal macht es mich mürbe, manchmal verletzt es mich, wenn selbst enge Freunde oder Männer, die ich eigentlich sehr mag, plump über mich urteilen, manchmal halte ich die Absurdität nur schwer aus, in der vermeintliche Girlpower-Blogger erst auf den „Still not asking for it“-Zug aufspringen, in dem kein Ausschnitt dieser Welt eine Legitimation für Nötigung oder eines Zunahetretens wäre, um sich für ihre feministische Einstellung beklatschen zu lassen und dann drei Monate später Frauen für ihre Freizügigkeit bewerten, weil das gerade the topic ist.

Was dann hilft? Einen Schritt zurücktreten, auch wenn es manchmal schwerfällt, grinsen und denken: „Freunde, es sind zwei Boobs. Nur zwei Boobs. Meine Boobs. Nicht euer Endgegner.“ Es ist nicht ein ästhetisches Bild, das viel über eine Frau aussagt. Viel gesprächiger ist oftmals das, was eine andere Person, aus ihrer Perspektive, daraus machen will.

Die Fotografie stammt von Igor Starkov
Der Text erschien in der Kategorie Leben mit den Themen
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Mädchen in Los Angeles: Der kalifornische Engel

Ich weiß nicht so genau, ob diese Eigenschaft von mir ein Vorteil fürs Leben oder doch eher ein grausamer Nachteil ist, aber ich verknalle mich jeden Tag in neue Menschen, die ich irgendwo treffe, sehe oder auch nur gedanklich streife. Meistens in Mädchen, weil, sind wir doch mal ehrlich, die sind e...
Mädchen in Los Angeles: Der kalifornische Engel

Mädchen in Los Angeles

Der kalifornische
Engel

Daniela Dietz

Ich weiß nicht so genau, ob diese Eigenschaft von mir ein Vorteil fürs Leben oder doch eher ein grausamer Nachteil ist, aber ich verknalle mich jeden Tag in neue Menschen, die ich irgendwo treffe, sehe oder auch nur gedanklich streife. Meistens in Mädchen, weil, sind wir doch mal ehrlich, die sind einfach die besseren Menschen – mit weitem Abstand.

Das hier ist Dagny aus der teilweise wunderschönen, amerikanischen Westküstenstadt Los Angeles. Ich würde sie als engelhaftes Model bezeichnen, das trotz einer magischen Eleganz trotzdem auf dem Boden geblieben zu sein scheint. Auf ihrem Instagram-Kanal finden sich neben allerlei Bikinibildern auch kluge Sprüche und Backstagefotos aus ihrem Leben.

Die Fotografin Lauren Marie hat Dagny zur Protagonistin in ihrem neuen Fotoshooting gemacht und die retro-angehauchte Bildserie „Before You Arrived“ genannt. Wer mehr über die Fotografin Lauren Marie lernen will, der kann einfach mal hier vorbei schauen. Und wer mehr von Dagny, dem engelsgleichen Model, sehen möchte, der dürfte hier gut bedient sein.

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Die Fotografie stammt von Lauren Marie
Als Model ist Dagny Paige zu sehen
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Magersucht: Das Tagebuch eines dünnen Mädchens

Seit Wochen schon schlafe ich regelmäßig auf dem Teppichboden in meinem Zimmer. Genauer gesagt in meinem rosa und blaugestrichenen Kinderzimmer, mit dem grauen Fußboden und den Kuscheltieren auf dem Bett. Das Bett macht mir Angst. Würde ich statt auf dem Fussboden im Bett liegen, so fürchte ich, wür...
Magersucht: Das Tagebuch eines dünnen Mädchens

Magersucht

Das Tagebuch eines
dünnen Mädchens

Klara Stein

Seit Wochen schon schlafe ich regelmäßig auf dem Teppichboden in meinem Zimmer. Genauer gesagt in meinem rosa und blaugestrichenen Kinderzimmer, mit dem grauen Fußboden und den Kuscheltieren auf dem Bett. Das Bett macht mir Angst. Würde ich statt auf dem Fussboden im Bett liegen, so fürchte ich, würde ich nämlich tatsächlich schlafen. Womöglich stundenlang. Unkontrollierbar lang. Eine gruselige Vorstellung.

Denn ich möchte nicht schlafen, nein, darf nicht schlafen. Nur ein bisschen dösen. Ein bisschen ruhen. Aber auf keinen Fall darf ich schlafen. Wenn ich schlafe, dann verbrenne ich nämlich weniger Kalorien. Ein weiterer Vorteil ist, dass ich jetzt auch keinen Wecker mehr brauche. Der harte, kalte Boden drückt so sehr gegen meinen knochigen Rücken, dass ich die Minuten zähle, bis ich endlich aufstehen darf.

Aufstehen darf ich aber immer erst ab sechs. Keine Minute früher, keine Minute später. Ab dieser Zeit ist jeder Schritt geplant und ritualisiert. Ab jetzt überlasse ich nichts mehr dem Zufall. Der Gang zur Toilette, wie jeden Tag, das Zurechtrücken der Waage, wie jeden Tag, und das Ablegen aller Kleider, wie jeden Tag. Erst das Hemd, dann die Hose, dann die Unterwäsche, zuletzt die Socken und auch das Haargummi. Alles muss weg.

Der Moment der Wahrheit, mein Richterspruch. Fast schon zeremoniell atme ich langsam ein und wieder aus und schließe langsam die Augen. Die Vermessung meiner Sünden, mein Urteil in schwarzen digitalen Ziffern. Heute ließ die Waage Gnade walten: 44,7 Kilogramm. Das sind 200 Gramm weniger als gestern. Erleichterung – aber leicht genug bin ich trotzdem nicht. Auch die Tatsache, dass heute der 4. August ist, ändert nichts an meinem täglichen Prozedere. Denn dieser sommerlich-warme Dienstag ist so etwas wie ein neuer Abschnitt in meinem Leben.

Dieser neue Abschnitt beginnt auf Station 8 in Zimmer Nummer 24. Ab sofort mein Zimmer. Zum Einzug in mein neues Zuhause bekomme ich Besuch von meinen Zimmernachbarinnen und der Stationsschwester. Diese hat sogar ein kleines Präsent für mich: den Therapiewochenplan. Und plötzlich sind die steril-weißen Wände, die verstellbaren Krankenhausbetten und die Schläuche neben meinem Schrank gar nicht mehr so schlimm. Ich liebe Pläne.

Zwei Wochen später sitze ich immer noch in Zimmer Nummer 24 auf Station 8 und starre regungslos aus dem Fenster. Den Therapiewochenplan habe ich neben mein Bett links an die Regalwand geklebt, rechts daneben ein Foto von mir im schwarzen Kleid, lachend und mit meiner Mutter im Arm. Zwischen den beiden Bildern liegen genau 14 Monate, zwanzig Kilogramm und unzählige Nächte auf dem Fußboden.

Zimmer Nummer 24 darf ich nur zu den Untersuchungen, zu den Therapien und zu den gemeinsamen Mahlzeiten verlassen. Die restlichen Stunden muss ich in meinem Krankenhausbett verbringen und aus dem Fenster starren. Isolationshaft nenne ich es, Bettruhe zur körperlichen Stabilisierung nennt es der Oberarzt mit den hohen Geheimratsecken und der dreckigen Brille.

Von hier oben habe ich einen Ausblick über die ganze Stadt. Da unten rechts, gleich hinter dem langgezogenen Hügel, kommen die Uni und die Bibliothek. Noch vor ein paar Wochen saß ich genau da unten und habe jeden Tag acht Stunden lang die Bücher gewälzt.

Mittlerweile weiß ich nicht mal mehr, welche Bücher das überhaupt waren. Ich war im geistigen Vakuum. Während ich da saß und angestrengt versuchte, die Buchstaben zu entziffern, war in meinem Hirn nur noch Nebel. Ein stumpfes, dunkles Irgendwas, das alle Gedanken aufgesogen hat wie Löschpapier. Umso länger ich die Seiten anstarrte, desto mehr verwandelten sie sich plötzlich in Bilder von Pizza. In Bilder von Eiscreme oder von Sahnetorte.

Ich sah wackelnde Oberarme, zu enge Jeans und ausladende Hüften. Ich sah, wie die Kalorien lebendig wurden und wie sie sich auf den Weg in meine Oberschenkel machten. Ich sah tanzende Fettzellen und turnende Kohlenhydrate. Ich sah, wie meine Beine, noch während ich da saß, plötzlich auf ein Zehnfaches anschwollen und in jedem Moment zu platzen drohten.

Ich weiß nicht, wann es angefangen hat. Ich weiß nicht, ob ich irgendwann einfach aufgewacht bin und beschlossen habe abzunehmen. Was ich weiß, ist, dass ich schon immer „die Komische“ gewesen bin. Ich war es, neben die die Austauschschüler, die Störer und die Neuen in der Klasse platziert wurden, weil das der einzige freie Platz war.

Ich war es, die im Theaterstück in der sechsten Klasse mit der Zeile „Das dicke Ende kommt zum Schluss“ glänzen durfte. Ich war es, über die im Sportunterricht mit Schokoriegeln verhandelt wurde, wer mich ins Team aufnehmen muss. Ich war es, die die kreativsten und demütigsten Spitznamen verliehen bekam. Ich war es, die sich mit 13 Jahren so ungeliebt fühlte, dass sie 80 Schlaftabletten schluckte und sich versuchte, die Pulsadern mit einer Bastelschere aufzuschneiden.

Darauf folgten Höhen und Tiefen, auf der Waage und in sozialen Beziehungen. Ich wollte mich nie wieder ausgeliefert fühlen. Nie wieder wollte ich, dass andere Menschen so viel Macht über mich haben, dass ich ihnen unterlegen bin. Nie wieder wollte ich, dass meine Gefühle von anderen kontrolliert werden würden. Ich wollte besonders sein. Einzigartig, anders, herausragend. Unfehlbar, unnahbar und eiskalt. Ich wollte eine glatte, kantenlose, perfekte Barbiepuppe ohne Makel und ohne Angriffsfläche werden.

Und das wurde ich auch. Je mehr ich lernte meinen Hunger zu kontrollieren, desto mehr lernte ich auch meine Gefühle zu kontrollieren. Irgendwann hatte ich keinen Hunger und keine Gefühle mehr. Es war überwältigend. Ich allein, niemand anders, ja, nicht einmal mein eigener Körper, hatte nun mehr das Sagen über mich. Ich, nur ich, ich und niemand anders.

Ich bestimmte, wann ich aß, wie viel ich aß, ob ich überhaupt aß. Ich setzte mir Ziele. Erst waren es drei Kilo. Dann noch einmal drei. Dann waren es fünf. Ich schaffte sie alle und das nur durch meine reine Willenskraft. Ich hatte Ehrgeiz. Ich war so verdammt gut, in dem was ich tat. Die ganze Welt stand mir auf einmal offen. Konnte es noch besser werden? Und wie es das konnte. Ich hatte nicht nur Macht über mich, sondern auch über die anderen. Plötzlich war ich nicht mehr „die Dicke“ oder „die Komische“. Ich hatte endlich eine Identität bekommen.

Je fragiler und zerbrechlicher ich wurde, desto vorsichtiger wurde der Umgang mit mir. Wer mit mir sprach, nutze nur noch schonende, sanfte, zarte und federleichte Worte. Ich wurde in Zuckerwatte gepackt und mit Honig übergossen. Meine Erscheinung hauchte den anderen Ehrfurcht ein. Niemand mehr, der mich „Happy Hippo“ oder „Rollmops“ rufen würde. Die Angst, jedes falsche Wort könnte meine verhungerten Arme zerbrechen, war zu groß.

Jedes Kilo weniger war mein Triumph. Jedes Gramm, das ich abwarf, befreite mich von den Altlasten des Rollmopses. Jedes verlorene Kilo war ein Manifest an meine Außenwelt: Schaut mich an. Schaut mir dabei zu, wie ich mich zu Tode hungere. Schaut mich an, wie ihr nur daneben stehen könnt und machtlos seid. Schaut her, wen ihr damals faul und dick genannt habt.

Schaut euch an, was ich kann. Und ich kann noch mehr. Ja, verdammt, ich bin nicht mal ein bisschen außer Atem. Ich fange jetzt erst richtig an. Schaut her, wie dieser verhungerte Mensch besser funktionieren kann als ihr es jemals können werdet. Und ich funktionierte tatsächlich. Ich hatte Erfolge im Sport. Ich engagierte mich sozial. Ich gewann Wettbewerbe und Preise. Ich schaffte mein Abitur mit Auszeichnung. Ich gewann ein Stipendium. Und währenddessen wurde ich langsam aber sicher immer weniger.

Irgendwann war ich so wenig, dass ich es nicht mehr schaffte aufzustehen. Ich war so wenig, dass ich bei 30 Grad im Schatten zwei dicke Pullover getragen hatte und trotzdem fröstelte. Ich war so wenig, dass ich blaue Hände und lila Füße hatte. Ich war so wenig, dass sich auf meiner fast schon transparenten Haut ein Flaum aus Haaren gebildet hatte. Eine Art Schutzfell, das mich warmhalten sollte. Ich war so wenig, das ich an nichts anderes mehr denken konnte außer an Essen und an Gewicht. Ich hatte mich in meiner eigenen Welt verloren. In meinem Labyrinth aus Kaffeebechern und Kaugummipapierchen war ich dabei, mir mit meinem geliebten Maßband die Kehle abzuschnüren.

In Zimmer 24 auf Station 8 sind Kaugummi und Maßbänder verboten. Genau wie in meiner Welt, gibt es hier für alles eine Regel. 30 Minuten lang hat man für eine Mahlzeit Zeit. Zwei Gläser Wasser darf man maximal zu den Hauptmahlzeiten trinken. Teelöffel und Kuchengabeln stehen auf dem Index. Light-Produkte ebenfalls. Beim Essen darf auf keinen Fall über Kalorien gefachsimpelt werden.

Regelmäßigen Ausgang bekommt nur, wer brav zunimmt und immer aufisst. Wer so viel abnimmt, dass sein BMI in einen lebensgefährlichen Bereich rutscht, bekommt ein milchshakeähnliches Aufpäppel-Getränk, das es in den Sorten Waldfrucht, Vanille oder Cappuccino gibt. Und wer das nicht trinkt, der bekommt eine Sonde durch die Nase geschoben.

Auf Station 8 bin ich das erste Mal seit langem nicht mehr der Strippenzieher, sondern die Marionette. Eine Marionette, mit langen Fadenbeinen und feinen Fadenärmchen, die mit ihrem BMI von 15.2 nur eine von vielen Fadenmädchen ist. Eins haben wir Fadenmädchen alle gemeinsam: Wir sind hier, weil wir in unserem Leben in eine Sackgasse geraten sind.

Vielleicht hat uns irgendwer absichtlich in die Irre geschickt. Vielleicht waren wir auf der Flucht und haben nicht auf den Weg geachtet. Vielleicht war es dunkel und wir konnten die Kreuzung nicht erkennen. Vielleicht waren wir neugierig, wo uns der Trampelpfad hinführt. Gelandet sind wir dann alle hier, in einem sterilen und weißen Krankenhauszimmer auf Station 8. Wir sind dabei, unseren Weg zurück zu finden, zu dem Punkt, an dem wir falsch abgebogen sind. Und wenn wir diesen Weg gehen, dann müssen wir uns wohl oder übel auch verändern. Wir müssen die Metamorphose endlich wagen.

Und während ich über meinen langen Weg vor mir nachdenke, kommt mir plötzlich ein Gedanke. Bevor mir dieser Gedankte entwischt, kritzele ich ihn noch schnell in mein Notizbuch: „Als es Winter wurde und die kleine Raupe bemerkte, dass sie sich fortan nicht mehr vom süßen Nektar der Blüten nähren kann, beschloss sie zum Schmetterling zu werden. Doch als sie aus ihrem Kokon schlüpfte und ihre Flügel entfaltete, da war sie plötzlich gar nicht mehr hungrig.“

Die Fotografie stammt von Christopher Campbell
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Blut und Scheiße: Ich habe mir den Arsch aufgerissen

Ich habe mir den Arsch aufgerissen. Und das meine ich wortwörtlich. Wie das schon klingt. Erstmal nach Schmerzen. Ja. Nach ziemlichen Schmerzen, zuerst stechenden, und dann pulsierenden. Doch lässt man sich diesen Satz auf der Zunge zergehen, kommt man nicht drum herum, über die Ursache zu spekulier...
Blut und Scheiße: Ich habe mir den Arsch aufgerissen

Blut und Scheiße

Ich habe mir den
Arsch aufgerissen

Nadine Kroll

Ich habe mir den Arsch aufgerissen. Und das meine ich wortwörtlich. Wie das schon klingt. Erstmal nach Schmerzen. Ja. Nach ziemlichen Schmerzen, zuerst stechenden, und dann pulsierenden. Doch lässt man sich diesen Satz auf der Zunge zergehen, kommt man nicht drum herum, über die Ursache zu spekulieren. Arsch aufgerissen. Analfissur. „Die wird doch nicht etwa…“ Na? Ja, genau. Der Gedanke an, zu harten, Analsex liegt nahe.

Wie verrucht. Schmutzig, wild. „Total Nadine“, mag der ein oder andere jetzt vermutlich denken. „Ich habe eine Analfissur„, klingt nach „Ich bin ein ganz schlimmes, dreckiges Ding. Du darfst es mir richtig hart anal geben, bis ich reiße und Schmerzen habe.“ Der pornobelastete Traum jeden Mannes. Aber bei mir, da hat das ausnahmsweise einmal nichts mit meinem animalischen, wilden Sexleben zu tun… Sollte ich leider sagen?

Drehen wir die Zeit ein paar Tage zurück. Im Nachhinein betrachtet begann alles mit einem fiesen Bakterium. Nein, keines welches sich durch mein Arschloch eingeschlichen hatte, sondern genau auf der anderen Seite meines Körpers. Eine Erkältung hatte mich erwischt. Eine richtig fette, eklige Erkältung, mit Schleim in der Nase, Schleim im Hals, Schleim einfach überall.

Röchelnd lag ich tagelang im Bett, die Wärmflasche an den Füßen, den Tee in der einen, die Halsschmerztabletten in der anderen Hand. Nun gut, endlich mal Zeit, die Serie anzufangen, für die ich zwar nie vor Interesse brannte, die aber aufgrund des im Internet zahlreich vertretenen Gefolges verspricht, gar nicht mal so schlecht zu sein. So verbrachte ich Stunden damit Tee zu schlürfen und Menschen bei ihrem Überlebenskampf in einer apokalyptischen Welt zuzusehen.

Wie jedes Mal, wenn ich diese Art von Unterhaltung verfolge, fragte ich mich die meiste Zeit: Wie um Himmelswillen bekommen es diese Frauen immer hin, perfekt rasiert zu sein? Wie können diese Leute knutschen, obwohl sie schon monatelang keine Zahnbürste mehr gesehen haben? Stinken die nicht alle unfassbar? Und wann und wo gehen die eigentlich kacken?

Apropos Kacken: Durch meine recht einseitige Ernährung, bedingt durch unterlassene Kochanstrengungen sowie das lange Liegen, reduzierte sich meine Darmtätigkeit scheinbar drastisch. Nach einer Woche Betthüten und meiner ersten, warmen, vollwertigen Mahlzeit, kam dann endlich der Tag der Wahrheit. Mein Bauch spannte und fühlte sich voll an. Der erste Kaffee das erste Bier und die erste Kippe seit Tagen taten dann den Rest: Ich verspürte das dringende Gefühl mal kräftig einen abzuseilen.

Mit einer dieser elenden Frauenzeitschriften, die ich so hasse, bewaffnet, trat ich gemütlich meinen Weg aufs Klo an, welches mir in diesen Situationen immer wie Himmel auf Erden erscheint. Ich machte es mir bequem und wartete. Nach sieben Tagen Darmsammelaktion freute ich mich auf ein Gefühl der Erleichterung, einer Befriedigung die seinesgleichen sucht. Denn seien wir mal ehrlich: Kacken gehen ist sowas von geil! Oder, um es mit einer StudiVZ-Gruppe zu sagen: Wer Sex für das Geilste hält, war noch nie so richtig kacken.

Da saß ich nun, blätterte in meiner Zeitschrift, hasste die Sex– und Diättipps ab und wartete… und wartete… und wartete… bis ich irgendwann misstrauisch wurde. Mein Darm fühlte sich randvoll an, ich hatte das Gefühl, er würde sich gleich in seiner vollen Länge seinen Weg nach draußen bahnen. „Okay“, dachte ich mir. „In irgendeinem dämlichen Buch stand mal, man solle nicht pressen, das führe zu Hämorrhoiden.“

Aber hey, das muss jetzt echt mal sein. Also presste ich wie eine Frau, die gerade vaginal ein Kind zur Welt bringt. Es bewegte sich sogar etwas, doch sobald ich aufhörte zu drücken, flutschte der braune Schokobär, der es sich in meinem Darm bequem gemacht hatte, wieder zurück in meinen Körper. „Na gut“, dachte ich. „Du willst es also auf die harte Tour.“ Also atmete ich noch mal tief durch, nahm meine ganze Kraft zusammen, bündelte sie im unteren Teil meines Körpers und drückte.

Der beschissene Artikel, den ich gerade gelesen hatte, war längst vergessen. Meine Hände umklammerten dennoch die Zeitung, einfach, weil ich was zum Festhalten brauchte. Wie gern hätte ich in dieser Situation die beiden Griffe rechts und links neben der Toilette gehabt, von denen ein Kumpel mir in unserer Jugend mal erzählt hatte. „Da kann man sich beim Pressen richtig schön dran festhalten!“ Und langsam, ganz langsam schob sich die Kacke ihren Weg nach draußen.

Plötzlich spürte ich einen Schmerz, genau dort, wo sich das lang ersehnte Stück nicht verwertbaren Essens heraus wandte. Aber was einmal angefangen war, musste zu Ende geführt werden, also drückte ich nun noch verzweifelter. Tränen stiegen mir in die Augen, doch dann war es vorbei. Endlich! Oh du schöne, schöne Erleichterung! Beim automatischen Klopapier-Check nach dem Abwischen dann der Schock: Zwischen den obligatorischen braunen Streifen ein roter Streifen frisches Blut. Ich hatte mir doch tatsächlich im wahrsten Sinne des Wortes beim Scheißen den Arsch aufgerissen!

„Okay, jetzt bloß keine Panik, vergiss es einfach“, dachte ich mir so. Aber schon beim Hose hochziehen merkte ich, auch das tut weh. Ein bisschen humpelnd verließ ich das Badezimmer, nun nicht mehr Himmel auf Erden für mich, sondern mehr so Tal der Schmerzen. Zurück in meinem Zimmer setzte ich mich vorsichtig auf einen Stuhl und vor sofort wieder hoch, als mich ein jäher Schmerz in der Gegend meines Arsches durchzuckte. Ich fragte mich nun doch, ob das schlimm war, was ich tun sollte und ob ich mal das Internet, das auf alles eine Antwort weiß, befragen sollte.

„Bloß nicht googlen“, sagte mir eine leise, kluge Stimme, die irgendwo ganz tief in meinem Kopf wohnt. Aber was dann? Wenn ich das Internet nicht befragen kann, bin ich mit meinem Latein am Ende. Zum Arzt gehen? Mit einer Verletzung, die man sich durchs Scheißen zugezogen hat? Und zu welchem überhaupt? Dem Hausarzt, der Frauenärztin? Wie die auf sowas wohl reagieren? „Oh, eine Analfissur. Sind Sie beim Analsex nicht vorsichtig genug gewesen? Sie sollten stets ein geeignetes Gleitmittel dazu verwenden.“

Ja, ja, weiß ich doch alles. Aber zuzugeben, dass der Riss in meinem Arschloch beim Kacken entstanden ist und nicht bei einem schönen, genussvollen Fick in den Arsch, war selbst mir zu peinlich. Also entschied ich mich dazu, abzuwarten, ob das Ding nicht doch von alleine wieder abheilen würde. Hat übrigens auch super funktioniert. Arschficks genieße ich nach wie vor. Nur beim Kacken, da bin ich wirklich etwas vorsichtiger geworden.

Die Fotografie stammt von Huha
Der Text erschien in der Kategorie Leben mit den Themen
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Down Under: Bei Liebeskummer hilft nur Australier vögeln

Trennungen sind meistens ziemlich beschissen, keine Frage. Totales Gefühlschaos, ein unangenehmes Serotonintief, Tränen, Drama, Wut, Einsamkeit – um nur ein paar der äußerst leidigen Emotionen zu nennen, die dich mit voller Wucht überwältigen und fertig machen können. So richtig scheiße fühlst du...
Down Under: Bei Liebeskummer hilft nur Australier vögeln

Down Under

Bei Liebeskummer hilft
nur Australier vögeln

Daniela Lindner

Trennungen sind meistens ziemlich beschissen, keine Frage. Totales Gefühlschaos, ein unangenehmes Serotonintief, Tränen, Drama, Wut, Einsamkeit – um nur ein paar der äußerst leidigen Emotionen zu nennen, die dich mit voller Wucht überwältigen und fertig machen können.

So richtig scheiße fühlst du dich vor allem dann, wenn du überraschend aus deiner rosa Traumwelt herausgerissen wurdest, weil du absolut nicht damit gerechnet hast, dass der andere geht. Und weil du nicht willst, dass der andere geht. Ja, weil du nicht wahrhaben willst, dass der andere gegangen ist.

Die erste Zeit ist hart und es gibt Leute, die sich masochistisch in Erinnerungen stürzen, indem sie sich die gemeinsame Playlist rauf und runter anhören, dabei kiloweise Taschentücher voll heulen und sich tagelang in Selbstmitleid baden. Kann man machen, muss man aber nicht. Für mich zumindest hat sich eine andere Strategie bewährt: Den Koffer packen und irgendwo anders hinfahren.

Aber bitte nicht in ein romantisches Pärchen-Hotel, wo du frisch Verliebten den ganzen lieben langen Tag beim Rummachen zusehen kannst. Nein, fahr oder flieg an einen Ort, an dem was los ist! Am besten irgendwohin, wo es warm ist – ein bisschen Vitamin D für die eingeschlafene Serotoninproduktion. Barcelona, zum Beispiel, kann ich wirklich sehr empfehlen.

Na gut, zugegeben, damit hat sich der Trennungsschmerz nicht erledigt und ja, die erste Zeit wirst du trotz Entfernung viel an den anderen denken, aber hey, es wird weniger werden und du wirst erstaunt sein, wie viel seltener du dich in zermürbenden Gedankenschleifen verlierst.

Falls du nicht zu der Sorte Mensch gehören solltest, die sich schüchtern in eine dunkle Ecke verzieht, wirst du schnell neue Leute kennenlernen. Check in einem Hostel ein und geh mit den Australiern ein Bier trinken. Meiner Erfahrung nach gibt es in jedem Hostel ein paar Australier, die gerade eine Weltreise machen, viel zu erzählen haben und einen wunderbar mit ihrer freundlichen und offenen Art anstecken.

Du willst über die Trennung reden? Mach ruhig. Du wirst die Leute höchstwahrscheinlich nicht mehr wieder sehen, also kann es dir echt egal sein, was sie von dir halten. Somit ersparst du auch deinen guten Freunden zuhause das ewige Rumgeheule, welches sie sich am Anfang bestimmt noch gern antun, nach einer Zeit dann aber auch genug davon haben und irgendwann nicht mehr wissen werden, was sie noch sagen sollen außer: „Alles wird wieder gut“ und „Vergiss ihn oder sie“ und „Du findest jemand anderen, der viel besser zu dir passt.“

Bei meiner letzten Trennung ging es mir so richtig scheiße. Mann fürs Leben, der wärs gewesen und ba bla bla und immer wieder die gleichen schmerzhaften Gedanken. Nach ein paar wirklich selbstdestruktiven Tagen erinnerte ich mich durch einen alten Tagebucheintrag an den letzten Liebeskummer und die Zeit danach in Rimini.

An das Hostel am Strand, in dem mich anfangs alle gut gelaunten Menschen fast an den Rand der Verzweiflung getrieben hätten und ich, mit gebrochenem Herzen, auf der Terrasse um 11 Uhr morgens einen starken Longdrink in mich rein kippte und mich ziemlich einsam und deplatziert fühlte. Bis Ryan aus Seattle freundlich fragte, ob er sich zu mir gesellen dürfte.

Und Ryan aus Seattle sah wirklich unverschämt gut aus. Und Ryan aus Seattle bestellte sich auch einen Longdrink, sah weiterhin unverschämt gut aus und vögelte mich noch am selben Tag dermaßen intensiv durch, als hätte er es sich zu seiner persönlichen Aufgabe gemacht, mich meinen Herzschmerz vergessen zu lassen.

Ryan aus Seattle musste am nächsten Tag wieder abreisen, aber das Gefühl der Leichtigkeit blieb mir und das darauf folgende Nacktbaden nachts im Meer mit Kanadiern und Schweden gehört zu meinen absoluten Highlights meiner Urlaubserfahrungen.

Nachdem ich also diesen Tagebucheintrag gelesen und so gar keine Lust mehr auf Herzschmerz hatte, buchte ich sofort einen Flug nach Barcelona. War gerade günstig und ich wollte da sowieso schon immer mal hin.

Diesmal war es nicht Ryan aus Seattle, sondern Josh aus Australien, mit dem ich abends am Strand saß, mit Blick aufs Meer und einem Bier in der Hand. Kurze Zeit später hielt in der Nähe ein alter VW-Bus, eine Gruppe Franzosen aus Paris stiegen aus, alle völlig bekifft und gut drauf. Sie setzten sich zu uns dazu, teilten Wein und Gras mit uns, holten ihre Instrumente aus dem Bus und starteten ein privates Konzert.

Der Trennungsschmerz war plötzlich gar nicht mehr so schlimm, mein Blick auf die Beziehung ein ganz anderer. Eigentlich ganz gut, diese Trennung, sonst wäre ich nicht an diesem Strand gewesen. Ich hätte diese unglaublich netten Franzosen nicht kennengelernt, hätte niemals die Motivation gefunden, endlich mal Spanisch zu lernen. Und ich hätte auch den unendlich geilen Sex mit Josh nicht zu meinen Erfahrungen zählen können.

Plötzlich fielen mir ziemlich viele Dinge ein, die mich an meinem Ex lange gestört hatten. Plötzlich fielen mir auch ziemlich viele Dinge ein, die ich in meinem Leben noch machen wollte und auf die er nie Bock gehabt hatte. Zum Beispiel spontan nach Barcelona zu fliegen oder Spanisch zu lernen und ein paar Monate durch Südamerika zu reisen.

Plötzlich ging das Leben weiter und plötzlich war ich wieder ein Ich und kein falsches Wir mehr. Ich nahm mir fest vor, dieses Gefühl nie zu vergessen. Ich nahm mir fest vor, alles ganz genau aufzuschreiben, um mich auch nach der nächsten Trennung daran erinnern zu können, dass alles ganz schnell wieder gut werden kann.

Wieder zuhause. Mein Ex hatte angerufen, wegen seiner Sachen. „Kannst du gerne holen“, meinte ich gut gelaunt am Telefon. Braungebrannt und völlig entspannt saß ich ihm nun gegenüber und war in Gedanken bei Ryan, dem Nacktbaden im Meer, dem Sex am Strand, bei Josh, den Franzosen und bei Südamerika.

Die Fotografie stammt von Jordy Chapman
Der Text erschien in der Kategorie Liebe mit den Themen
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