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Keine Angst vor AIDS: Ich habe mit einem HIV-infizierten Mann geschlafen

Ich habe kürzlich jemanden auf Tinder aufgerissen, der HIV-positiv ist. Erzählt hat er es mir bei unserem dritten Date, als wir gerade damit fertig waren, die dampfenden Ramenschüsseln vor uns auszulöffeln. Dabei war er ganz sachlich und ruhig, ein bisschen so, als würde er mir gerade erzählen, dass...
Keine Angst vor AIDS: Ich habe mit einem HIV-infizierten Mann geschlafen

Keine Angst vor AIDS

Ich habe mit einem
HIV-infizierten Mann
geschlafen

Nadine Kroll

Ich habe kürzlich jemanden auf Tinder aufgerissen, der HIV-positiv ist. Erzählt hat er es mir bei unserem dritten Date, als wir gerade damit fertig waren, die dampfenden Ramenschüsseln vor uns auszulöffeln. Dabei war er ganz sachlich und ruhig, ein bisschen so, als würde er mir gerade erzählen, dass er sich gestern im Schlussverkauf ein Paar blaue Socken gekauft hat.

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Vermutlich war das auch der Grund, weshalb ich nicht wirklich geschockt war ob dieses doch sehr intimen Geständnisses. Hätte er angefangen zu heulen und mir erzählt, dass er womöglich an den Folgen der HIV-Infektion, also AIDS, sterben wird, hätte ich höchstwahrscheinlich mitgeheult. Was soll ich sagen, ich bin eben ein Sensibelchen, das extrem stark auf die Stimmungen anderer Menschen reagiert.

Ich selbst habe bereits drei oder vier HIV-Tests hinter mehr und muss sagen, dass sie alle gleichermaßen unangenehm waren, auch wenn das Ergebnis immer negativ zurückkam und ich somit trotz einiger Ausrutscher, bei denen ich ungeschützten Geschlechtsverkehr hatte, kerngesund war.

Von einer längst ausgeheilten da sofort nach der Entdeckung behandelten Chlamydien-Infektion mal abgesehen. Da auch in meinem direkten Umfeld niemand an HIV erkrankt war oder ist, zumindest weiß ich nichts davon, musste ich mich damit also noch nie näher auseinandersetzen.

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Ich weiß, dass HIV-Infektionen zu AIDS führen können, das Risiko, dass dieser Fall eintritt, aufgrund der modernen Medikamente gen null geht – sofern man rechtzeitig von der Erkrankung erfährt und die Möglichkeit und Mittel hat, sich medizinisch behandeln zu lassen, versteht sich. Ich weiß auch, dass der überwiegende Teil der Menschen, die sich mit HIV infizieren, noch immer Männer sind, die ungeschützten Geschlechtsverkehr mit anderen Männern haben.

Ich weiß, dass HIV-Infektionen der Meldepflicht unterliegen, obwohl man sich anonym testen und beraten lassen kann und dass man streng genommen niemanden erzählen muss, dass man selbst HIV-positiv ist. Daneben mir ist natürlich bewusst, dass kaum eine Erkrankung so krass stigmatisiert wird, wie AIDS und die dem AIDS vorangegangene Infektion mit HI-Viren.

Und nun saß ich da, vor dem ersten offen HIV-positiven Menschen, den ich kennengelernt hatte und fragte mich, was seine Diagnose nun für mich bedeutete. Wir hatten uns bereits geküsst, aber ich wusste natürlich, dass man sich dabei nicht anstecken kann, wenn man sich nicht unbedingt gerade gegenseitig die Lippen zerkaute. Und jetzt wollte er offenbar mit mir ins Bett. Wieso sonst sollte er mir von seiner HIV-Infektion erzählen? Aus Spaß an der Freude nämlich sicher nicht.

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Weil ich mir aber nicht ganz sicher war, fragte ich ihn, ob das ein indirektes Angebot für schmutzigen Sex war, oder ob ich ihm einfach ein bisschen was von meiner Borderline-Diagnose und dem Leben als irres Psychomädchen, das keine stabilen Beziehungen führen kann erzählen solle, weil unser Gespräch sich gerade in Richtung „Leute, vor denen andere Menschen richtig krasse Angst haben“ bewegte.

Im ersten Moment sah er sehr verwirrt aus, dann lachte er und sagte, dass er gerne mit mir ins Bett gegen würde, wenn ich denn keine Angst vor ihm hätte, woraufhin ich entgegnete, dass ich sehr gerne mit ihm ins Bett gehen würde, wenn er denn keine Angst vor mir hätte, womit beschlossene Sache war, dass wir miteinander ins Bett gehen würden, und zwar noch am selben Abend.

Die Möglichkeit, mich vor unserem Stelldichein noch ganz schnell um PrEP zu kümmern, fiel damit also weg. PrEP ist die Abkürzung für „Präexpositionsprophylaxe“, was auf Deutsch so viel bedeutet wie „Vorsorge vor einem Risikokontakt“, um den es sich bei meinem Date ja eindeutig handelte.

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Bei dieser Art von Schutzmethode gegen eine HIV-Infektion nehmen Menschen, die sich bisher nicht mit dem Virus angesteckt haben, entweder täglich oder anlassbezogen, also vor und nach sexuellen Kontakten mit HIV-positiven Personen, ein HIVMedikament ein, um sich vor einer Ansteckung zu schützen.

Richtig angewandt schützt die Präexpositionsprophylaxe genauso gut wie Kondome und die sogenannte „Schutz durch Therapie“. Letzteres bedeutet, dass HIV-positive Personen, die regelmäßig HIVMedikamente einnehmen, trotz ihres positiven Status nicht länger ansteckend sind.

Kombiniert man Schutz durch Therapie, Kondome und PrEP, ist eine Ansteckung mit HIV also nahezu ausgeschlossen. Vorausgesetzt natürlich, man wendet die Methoden auch korrekt an und verzichtet nicht etwa auf Kondome, nur weil das Gegenüber behauptet hat, es sei gesund oder unter der Nachweisgrenze für HIV und somit nicht mehr ansteckend.

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Nachdem wir die „Zu mir oder zu dir?“-Frage geklärt hatten und uns auch darüber einig waren, dass wir sämtliche sexuellen Aktivitäten, also auch Oralverkehr bei ihm und mir, nur mit Kondom ausüben würden, zahlten wir die Rechnung und machten uns auf den Weg in meine Wohnung.

Ab diesem Moment lief es eigentlich wie mit jedem anderen Sexualpartner auch. Noch im Flur begannen wir rumzumachen, zu fummeln und uns auszuziehen, bis wir schließlich in meinem Zimmer auf dem Bett landeten. Zum Glück machte meine Mitbewohnerin zusammen mit ihrem Freund gerade Heimaturlaub bei ihren Eltern, sodass es kein Problem war, dass wir praktisch schon direkt nachdem die Haustür ins Schloss gefallen war nackt waren!

Ich hatte mir Sex mit einer HIV-positiven Person immer anders vorgestellt, als es letztendlich war. Nicht, dass ich ständig über Sex mit HIV-infizierten Leuten fantasieren und dazu masturbieren würde, aber man macht sich eben schon so seine Gedanken, wenn man wie ich sexuell überaus aktiv ist.

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Ich dachte von mir selbst immer, dass ich Berührungsängste hätte, spätestens, wenn es darum ginge, den Penis meines HIV-positiven Gegenübers anzufassen. War dann aber überhaupt nicht so, was aber vermutlich auf seine entspannte Art und seinen lockeren Umgang mit seiner Infektion zurückzuführen war.

Der Sex war absolut fantastisch. Genauere Details erspare ich euch an dieser Stelle lieber. Doch nur so viel: Ich hatte schon wesentlich schlechtere Lover, bei denen ich mir im Nachhinein mehr Gedanken darüber gemacht habe, dass sie mich mit irgendwas Ekligem ansteckt haben könnten, weil ich zum Beispiel festgestellt habe, dass sie sich weder nach dem Gang zur Toilette noch bevor sie ihre Finger in mir versenkt haben, die Hände gewaschen hatten.

Der HIV-positive Mann und ich daten übrigens noch immer, wenn auch nur sporadisch, weil wir uns auf eine Art Fickding geeinigt haben. Ich verzichte zwar auf PrEP, teste mich seitdem aber alle vier Wochen mit einem HIV-Selbsttest auf das Virus.

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Und ja, vor meinen Freunden nenne ich ihn nicht „den HIV-Positiven“, denn die Erkrankung soll weder ihn noch unsere sexuelle Beziehung zueinander definieren. Stattdessen bezeichne ich ihn als „den besten Fick seit Jahren“. Das ist er nämlich wirklich. Auf allen erdenklichen Ebenen.

Die Fotografie stammt von Dainis Graveris
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