Ich ficke nur Deutsche - Tinder hat mich in einen Rassisten verwandelt

Ich bin die Sorte Mensch, die die Sorte Mensch verurteilt, die ihre Sätze mit „Ich bin kein Rassist, aber …“ beginnt. Ich bin kein Rassist. Punkt. Kein Komma, kein „aber“.…
Ich ficke nur Deutsche - Tinder hat mich in einen Rassisten verwandelt

Ich ficke nur Deutsche

Ich bin die Sorte Mensch, die die Sorte Mensch verurteilt, die ihre Sätze mit „Ich bin kein Rassist, aber …“ beginnt. Ich bin kein Rassist. Punkt. Kein Komma, kein „aber“. Und auch kein „weil“. Man muss nicht begründen, warum man kein Rassist ist. Es ist eine Selbstverständlichkeit, kein Rassist zu sein. Nur, dass es das nicht ist.

Ich bin kein Rassist, aber Tinder-Nutzer. Ihr wisst schon, diese total gehypte App, bei der man mit einem Daumenwischen nach rechts oder links angibt, ob man mit einer Person ins Bett gehen würde oder nicht. Das ist oberflächliche Kackscheiße, aber es macht Spaß und füllt die manchmal doch recht einsamen Abende, die man in der Großstadt halt so hat.

Im Laufe der Zeit haben sich bei mir über 500 Matches angesammelt. Man sollte also meinen, dass ich, was potenzielle Geschlechtspartner angeht, nicht sonderlich wählerisch bin. Männer mit Bart und Mädchen mit großen Brüsten sind mein Ding. Es gibt aber auch Menschen, die ich kategorisch nach links schiebe. Immer. Asiaten zum Beispiel. Oder Blondinen.

Leute, die Fotos online haben, die sie beim Holi feiern zeigen, oder diese, die laut ihres Tinder-Profils tatsächlich Mario Barth, Musik von David Guetta und Bouldern gut finden. Die Liste ließe sich wohl endlos fortführen, aber ich denke, ihr wisst, worauf ich letztendlich hinaus will.

Das ist noch nicht sonderlich rassistisch. Asiaten sind halt einfach nicht mein Typ, genauso wenig wie Blondinen – und bei Tinder geht man im ersten Moment nun mal nach der Optik. Ich kenne nur wenige Menschen, die sich bei Tinder das gesamte Profil ansehen und anhand der gemeinsamen Interessen entscheiden, ob sie eine Person nach rechts oder nach links schieben. Ich kenne aber auch nur wenige Menschen, die hoffen, bei dieser sogenannten Dating-App den Mann oder die Frau für’s Leben zu finden.

Ich like nur Leute, die ich mit ins Bett nehmen würde. So auf den ersten Blick. Und naja, manchmal auch noch Menschen, die einen besonders süßen Hund mit auf dem Foto haben. Wenn’s für den Fick nicht reicht, kann man ja immer noch gemeinsam Gassi gehen. Sagt zumindest der Romantiker in mir. Seit Tinder weiß ich, dass ich eine Schlampe bin. Und Rassist.

Der Mann, mit dem ich eine Zeit lang schlief, war Spanier. Getroffen habe ich ihn auf der Arbeit. Er betrat das Café, in dem ich bediene, und mir war klar: den muss ich haben. Also ließ ich ihm zusammen mit der Rechnung meine Telefonnummer zukommen. Zwei Tage später lag er schon in meinem Bett. Es war ein guter Fick, also trafen wir uns wieder. Neben seinen sexuellen Vorlieben und der Größe seines Geschlechtsteils erfuhr ich auch, dass er Spanier war, doch schon seit seiner Kindheit in Deutschland lebt. Und dass er mindestens genauso süchtig nach Tinder war wie ich.

Wir unterhielten uns also darüber, mit wie vielen Menschen von Tinder wir schon Sex hatten. Ich zwei, er drei. Wie das so war und nach welchen Kriterien wir eigentlich die Leute aussuchten, die wir nach rechts schoben und so mit einem Herz versahen. Wir sprachen auch darüber, was die beste Strategie sei, um dem Gegenüber in nur wenigen Sätzen deutlich zu machen, dass man ihm eigentlich nur mal an die Wäsche will, welche sogenannten Promis Tinder-Nutzer sind und über die schlimmsten Anmachen, die uns bisher über die App widerfahren waren. Gegen die meisten Sprüche, die sowohl er als auch ich dort zu hören bekamen, war meine Telefonnummern-Aktion echt einfallsreich.

„Warum hab ich eigentlich kein Match mit dir?“, frage ich während zwei Küssen. „Du wurdest mir nie angezeigt“, ist seine Antwort, „vermutlich hast du mich zuerst weggedrückt.“ „Kann nicht sein“, sage ich, „jemanden wie dich tinder ich doch nicht weg!“ Wir greifen nach unseren Handys und öffnen fast zeitgleich die App, um uns unsere Profile zu zeigen.

Als er meines sieht, fängt er an zu lachen. „Ich hab dich wirklich nie angezeigt bekommen, aber weißt du was? Ich hätte dich sofort weggedrückt. Dein Profil, das wird dir einfach nicht gerecht.“ Ein bisschen beleidigt schnappe ich nach seinem Telefon und scrolle mich durch seine Bilder. Die Fotos auf seinem Tinder-Profil kommen mir bekannt vor.

Er sieht gut aus darauf, auf manchen besser als in echt. Ein Typ, den ich definitiv mit einem Herz versehen haben muss. Ich will es gerade aussprechen, da fällt mir sein Beschreibungstext auf. „Spanish Guy living in Berlin“ ist der erste Satz. Und der Grund, weshalb ich ihn damals nach links geschoben habe. „Keine Ahnung, muss an Tinder liegen, vielleicht wird nicht jeder angezeigt“, sage ich und gebe ihm sein Telefon zurück, schockiert von meinem eigenen Rassismus und der Feigheit, diesen offen zuzugeben. Ich bin ein Rassist.

Klar, ich könnte jetzt argumentieren wie jeder, der kein Rassist ist, aber trotzdem „aber“ sagt. Ich könnte sagen, dass das zwar etwas oberflächlich, aber sonst nicht weiter schlimm ist, weil eben dieser Spanier, den ich „weggetindert“ habe, weil er Spanier ist, genau jetzt in meinem Bett liegt und mir die rasierte Muschi leckt.

Dass für mich alle Menschen gleich sind, egal ob schwarz, ob weiß, behindert oder schwul. Dass ich Menschen nicht nach ihrer Nationalität beurteile oder ihren sexuellen Vorlieben oder der Kleidung, die sie tragen. Ich könnte das alles sagen, und es auch so meinen, doch seit Tinder weiß ich, dass das alles eine Lüge ist.

Ich sortiere Menschen auf Tinder nicht nur aufgrund ihrer Optik in „nach rechts“ oder „nach links“, sondern auch aufgrund der Nationalität. Franzosen zum Beispiel haben bei mir gute Chancen, ebenso wie Skandinavier und Briten. Es ist die Nationalitätssympathie, die mir hilft, die „guten“ von den „schlechten“ Tinder-Matches zu trennen.

Eine Nationalitätssympathie, von der ich gar nicht genau weiß, woher sie eigentlich kommt. Vielleicht aus Filmen. Vielleicht von eigenen Erfahrungen. Vielleicht auch von den Freunden oder Eltern, der Politik oder den Medien. Eine Nationalitätssympathie, die mir selbst so unangenehm ist, dass ich sie bereits verdrängt habe. Eine bessere Begründung hab ich dafür nicht. Außer, dass ich in Wirklichkeit Rassist bin. Und zwar einer von denen, die ihre Sätze mit „Ich bin kein Rassist, aber …“ beginnen. Ich war kein Rassist, bis Tinder mir das Gegenteil bewiesen hat.

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Illustration von Cherry, Pablo und Icons8
Der Text erschien in der Kategorie Sex mit den Themen Jungs, Mädchen, One-Night-Stands, Rassismus und Tinder
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