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Das Popkultur Magazin

Ich ficke nur Deutsche: Tinder hat mich in einen Rassisten verwandelt

Ich bin die Sorte Mensch, die die Sorte Mensch verurteilt, die ihre Sätze mit „Ich bin kein Rassist, aber…“ beginnt. Ich bin kein Rassist. Punkt. Kein Komma, kein „aber“. Und auch kein „weil“. Man muss nicht begründen, warum man kein Rassist ist. Es ist eine Selbstverständlichkeit, kein Rassist zu s...
Ich ficke nur Deutsche: Tinder hat mich in einen Rassisten verwandelt

Ich ficke nur Deutsche

Tinder hat mich in einen
Rassisten verwandelt

Nadine Kroll

Ich bin die Sorte Mensch, die die Sorte Mensch verurteilt, die ihre Sätze mit „Ich bin kein Rassist, aber…“ beginnt. Ich bin kein Rassist. Punkt. Kein Komma, kein „aber“. Und auch kein „weil“. Man muss nicht begründen, warum man kein Rassist ist. Es ist eine Selbstverständlichkeit, kein Rassist zu sein. Nur, dass es das nicht ist.

Ich bin kein Rassist, aber Tinder-Nutzer. Ihr wisst schon, diese total gehypte App, bei der man mit einem Daumenwischen nach rechts oder links angibt, ob man mit einer Person ins Bett gehen würde oder nicht. Das ist oberflächliche Kackscheiße, aber es macht Spaß und füllt die manchmal doch recht einsamen Abende, die man in der Großstadt halt so hat.

Im Laufe der Zeit haben sich bei mir über 500 Matches angesammelt. Man sollte also meinen, dass ich, was potenzielle Geschlechtspartner angeht, nicht sonderlich wählerisch bin. Männer mit Bart und Mädchen mit großen Brüsten sind mein Ding. Es gibt aber auch Menschen, die ich kategorisch nach links schiebe. Immer. Asiaten zum Beispiel. Oder Blondinen.

Leute, die Fotos online haben, die sie beim Holi feiern zeigen, oder diese, die laut ihres Tinder-Profils tatsächlich Mario Barth, Musik von David Guetta und Bouldern gut finden. Die Liste ließe sich wohl endlos fortführen, aber ich denke, ihr wisst, worauf ich letztendlich hinaus will.

Das ist noch nicht sonderlich rassistisch. Asiaten sind halt einfach nicht mein Typ, genauso wenig wie Blondinen – und bei Tinder geht man im ersten Moment nun mal nach der Optik.

Ich kenne nur wenige Menschen, die sich bei Tinder das gesamte Profil ansehen und anhand der gemeinsamen Interessen entscheiden, ob sie eine Person nach rechts oder nach links schieben. Ich kenne aber auch nur wenige Menschen, die hoffen, bei dieser sogenannten Dating-App den Mann oder die Frau für’s Leben zu finden.

Ich like nur Leute, die ich mit ins Bett nehmen würde. So auf den ersten Blick. Und naja, manchmal auch noch Menschen, die einen besonders süßen Hund mit auf dem Foto haben. Wenn’s für den Fick nicht reicht, kann man ja immer noch gemeinsam Gassi gehen. Sagt zumindest der Romantiker in mir. Seit Tinder weiß ich, dass ich eine Schlampe bin. Und Rassist.

Der Mann, mit dem ich eine Zeit lang schlief, war Spanier. Getroffen habe ich ihn auf der Arbeit. Er betrat das Café, in dem ich bediene, und mir war klar: den muss ich haben. Also ließ ich ihm zusammen mit der Rechnung meine Telefonnummer zukommen. Zwei Tage später lag er schon in meinem Bett.

Es war ein guter Fick, also trafen wir uns wieder. Neben seinen sexuellen Vorlieben und der Größe seines Geschlechtsteils erfuhr ich auch, dass er Spanier war, doch schon seit seiner Kindheit in Deutschland lebt. Und dass er mindestens genauso süchtig nach Tinder war wie ich.

Wir unterhielten uns also darüber, mit wie vielen Menschen von Tinder wir schon Sex hatten. Ich zwei, er drei. Wie das so war und nach welchen Kriterien wir eigentlich die Leute aussuchten, die wir nach rechts schoben und so mit einem Herz versahen.

Wir sprachen auch darüber, was die beste Strategie sei, um dem Gegenüber in nur wenigen Sätzen deutlich zu machen, dass man ihm eigentlich nur mal an die Wäsche will, welche sogenannten Promis Tinder-Nutzer sind und über die schlimmsten Anmachen, die uns bisher über die App widerfahren waren. Gegen die meisten Sprüche, die sowohl er als auch ich dort zu hören bekamen, war meine Telefonnummern-Aktion echt einfallsreich.

„Warum hab ich eigentlich kein Match mit dir?“, frage ich während zwei Küssen. „Du wurdest mir nie angezeigt“, ist seine Antwort, „vermutlich hast du mich zuerst weggedrückt.“ „Kann nicht sein“, sage ich, „jemanden wie dich tinder ich doch nicht weg!“ Wir greifen nach unseren Handys und öffnen fast zeitgleich die App, um uns unsere Profile zu zeigen.

Als er meines sieht, fängt er an zu lachen. „Ich hab dich wirklich nie angezeigt bekommen, aber weißt du was? Ich hätte dich sofort weggedrückt. Dein Profil, das wird dir einfach nicht gerecht.“ Ein bisschen beleidigt schnappe ich nach seinem Telefon und scrolle mich durch seine Bilder. Die Fotos auf seinem Tinder-Profil kommen mir bekannt vor.

Er sieht gut aus darauf, auf manchen besser als in echt. Ein Typ, den ich definitiv mit einem Herz versehen haben muss. Ich will es gerade aussprechen, da fällt mir sein Beschreibungstext auf. „Spanish Guy living in Berlin“ ist der erste Satz. Und der Grund, weshalb ich ihn damals nach links geschoben habe.

„Keine Ahnung, muss an Tinder liegen, vielleicht wird nicht jeder angezeigt“, sage ich und gebe ihm sein Telefon zurück, schockiert von meinem eigenen Rassismus und der Feigheit, diesen offen zuzugeben. Ich bin ein Rassist.

Klar, ich könnte jetzt argumentieren wie jeder, der kein Rassist ist, aber trotzdem „aber“ sagt. Ich könnte sagen, dass das zwar etwas oberflächlich, aber sonst nicht weiter schlimm ist, weil eben dieser Spanier, den ich „weggetindert“ habe, weil er Spanier ist, genau jetzt in meinem Bett liegt und mir die rasierte Muschi leckt.

Dass für mich alle Menschen gleich sind, egal ob schwarz, ob weiß, behindert oder schwul. Dass ich Menschen nicht nach ihrer Nationalität beurteile oder ihren sexuellen Vorlieben oder der Kleidung, die sie tragen. Ich könnte das alles sagen, und es auch so meinen, doch seit Tinder weiß ich, dass das alles eine Lüge ist.

Ich sortiere Menschen auf Tinder nicht nur aufgrund ihrer Optik in „nach rechts“ oder „nach links“, sondern auch aufgrund der Nationalität. Franzosen zum Beispiel haben bei mir gute Chancen, ebenso wie Skandinavier und Briten. Es ist die Nationalitätssympathie, die mir hilft, die „guten“ von den „schlechten“ Tinder-Matches zu trennen.

Eine Nationalitätssympathie, von der ich gar nicht genau weiß, woher sie eigentlich kommt. Vielleicht aus Filmen. Vielleicht von eigenen Erfahrungen. Vielleicht auch von den Freunden oder Eltern, der Politik oder den Medien. Eine Nationalitätssympathie, die mir selbst so unangenehm ist, dass ich sie bereits verdrängt habe.

Eine bessere Begründung hab ich dafür nicht. Außer, dass ich in Wirklichkeit Rassist bin. Und zwar einer von denen, die ihre Sätze mit „Ich bin kein Rassist, aber…“ beginnen. Ich war kein Rassist, bis Tinder mir das Gegenteil bewiesen hat.

Die Illustration stammt von Cherry, Pablo und Icons8
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Die neue Liebe: Visionäre Beziehungsutopien

In der Zukunft werden Beziehungen anders sein, sagen sie. In der Zukunft – das bedeutet meistens so viel wie „Gib der Sache noch zehn Jahre Internet, dann leben wir ganz anders als heute!“ – werden wir ausschließlich über Screens arbeiten, mit Komapatienten über Gedankenaustausch kommunizieren und l...
Die neue Liebe: Visionäre Beziehungsutopien

Die neue Liebe

Visionäre
Beziehungsutopien

Sara Navid

In der Zukunft werden Beziehungen anders sein, sagen sie. In der Zukunft – das bedeutet meistens so viel wie „Gib der Sache noch zehn Jahre Internet, dann leben wir ganz anders als heute!“ – werden wir ausschließlich über Screens arbeiten, mit Komapatienten über Gedankenaustausch kommunizieren und lebendige Tiere essen, weil Kanye West PETA aufgekauft und zu einem Delikatessenladen gemacht hat.

Romantische Beziehungen werden anders aussehen, weil sie sich an den gesellschaftlichen Werten orientieren und die sind im stetigen Wandel. Weil Individualismus noch stärker ausgeprägt sein wird, weil die digitale Gegenwart keine Steifheit mehr zulässt, weil Romantik eine ganz neue desillusionierte Form von Praxis bekommt. Das schleicht sich jetzt schon sehr oft in unsere Medienwelt ein. Berichte von Pärchen, die nicht monogam leben. Menschen, die überhaupt nicht mehr auf der Suche nach ihrem perfekten “Significant Other” sind. Patchwork-Familien, Online-Dating, Dreiecksbeziehungen, in einer liberalen Welt sind alle Vorstellungen akzeptabel und umsetzbar.

Ich plädiere selbstverständlich dafür, dass jeder das machen kann und soll, was ihn oder sie zum Glück führt. Da gibt es ja einige Ideen, die vielleicht nicht jedem ins Konzept passen, oder Experimente, die nur das bleiben: Experimente. Ich verurteile keine Form von Liebe, auch wenn ich manchmal mit zusammengekniffenen Augen versuche, sie zu entziffern. So wie jetzt, nachdem ich in den letzten Wochen über unzählige Artikel über Beziehungsformen, Monogamie und Zukunft gestolpert bin.

Dabei dreht es sich vor allem um die Menschen, die sich auf polygame Beziehungen einlassen, ihr eigenes Verständnis von Liebe und Zusammenleben haben und das Miteinander untereinander klären, ohne die Gesellschaft mitreden zu lassen. Finde ich gut. Ich check’s nur nicht. Ich kann Gefühle wie Eifersucht so gut es geht rational zur Seite schieben, aber am Ende ist verliebt sein – traditionell mein persönlicher Aufhänger für eine zweisame Beziehung – doch auch eine Art Exklusivitätsanspruch, und zwar kein gegenseitiger.

Was ich damit sagen möchte: Vielleicht finde ich das in der Theorie ziemlich cool, eine Person aktiv zu lieben, mit ihr den Hauptteil meines Lebens zu verbringen und meinen Alltag zu teilen, aber die Möglichkeit zu haben, mich mit anderen Menschen zu treffen und auszutauschen, auch sexuell. Aber praktisch will ich das nicht, weil ich nur eine Person will.

Das Gefühl mag sich irgendwann ändern, aber das ist das, was ich aus persönlichen Erfahrungen kenne. Und da ist kein Raum für rationale Arrangements. Da gibt es nur verletzt werden und kein Verständnis haben für die Entscheidungen des Gegenübers. Natürlich kann man diesen Teil seiner Emotionen unterdrücken – „für die Liebe“ – aber was ist das für eine Liebe, bei der man sich Freiheit aufdrückt, die man gar nicht will, weder für sich noch für den Geliebten?

Das ist kein Plädoyer für die Stanni-Beziehung. Liebe kennt womöglich keine Konventionen, und wo wir herkommen, aufwachsen und wie wir sozialisiert werden, kann eine große Rolle spielen, bei unserer Art zu lieben. Daher gebe ich zu: Mein Stirnrunzeln ergibt sich aus Faktoren, die mich persönlich beschäftigen. Ich würde keine polygame Beziehung wollen, weil ich sie nicht könnte, selbst wenn mir die Idee gefällt – genauso wenig wie ich eine monogame Beziehung mit jemandem möchte, dem ich nicht emotional verfallen bin.

In den ganzen visionären Beziehungsutopien kommt leider nie vor, dass die „geschlossene“ Beziehung auch noch ein funktionierendes System sein kann. Auch hier müssen beide Parteien einverstanden sein und ihre Gefühle ausdiskutieren, um einen gemeinsamen Weg durch’s Leben zu finden – ohne andere Partner.

Die Frage ist, ob diese Systeme gesellschaftsübergreifend Seite an Seite sein können, ohne dass sich ihre Anhänger gegenseitig bekriegen. Und seien wir ehrlich, wenn iPhone– vs. AndroidInstagram schon so viel elitäres Machtgehabe produzieren kann, wie ist es dann bei einem global-sozialen Thema? Leider sehe ich für unsere Welt nur die negative Diskussion, die schwer in die Richtung “wenn du es nicht so wie wir machst, machst du es falsch” einschlägt. Am Ende bleibt uns dann wieder nur eine „richtige Lösung“ für das Problem, und ein auflehnender Kampf der Minderheit.

Die Illustration stammt von Maria Shukshina und Icons8
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Digitale Plastikwelt: Die Sache mit dem Internet

Wir schreiben das Jahr 2006. Marcel kam auf mich zu und fragte mich, ob ich eine Art Kolumne für seinen damaligen Blog Tokyopunk schreiben möchte. Das Thema durfte ich mir aussuchen. Ich glaube mein allererster Text, den ich „fürs Internet“ geschrieben habe, handelte vom kleinen Prinzen und darüber...
Digitale Plastikwelt: Die Sache mit dem Internet

Digitale Plastikwelt

Die Sache mit
dem Internet

Hannah Maria Paffen

Wir schreiben das Jahr 2006. Marcel kam auf mich zu und fragte mich, ob ich eine Art Kolumne für seinen damaligen Blog Tokyopunk schreiben möchte. Das Thema durfte ich mir aussuchen. Ich glaube mein allererster Text, den ich „fürs Internet“ geschrieben habe, handelte vom kleinen Prinzen und darüber wie er die Welt sah.

Ich bin an den Text herangegangen als würde ich einen Aufsatz schreiben, weil ich einfach nicht wusste was freies Schreiben war. In der Schule lernte ich nicht, wie man seine Gedanken seiner Umgebung mitteilt, wie man Dinge durch das Schreiben verarbeiten oder den Tag und sich selbst reflektieren kann und das nicht für den Lehrer, sondern für sich selbst zu tun.

Erst nach und nach, war es für mich zu einer Art digitalem Tagebuch geworden. Zu etwas, mit dem ich selbst auch etwas anfangen konnte. Etwas, was ich für mich tat. Und damit war ich nicht alleine. „Damals“, so bekloppt sich das auch anhören mag, als es die Worte „Blog“ oder „Influencer“ noch gar nicht gab, war ich auf dem besten Weg einer von ihnen zu werden.

Und da war nicht nur ich, da waren ganz viele andere ehrliche Schreiberlinge mit großartigen Texten, Meinungen und Ideen da draußen. Marcel und ich trafen zuerst mit Tokyopunk und später mit AMY&PINK den Nerv der Zeit. Den Zeitgeist der digitalen Natives und formten damit ganz unbewusst eine ganze Generation, die Generation der ersten Blogger sozusagen. Abgefahren.

Wir wussten zwar nicht, was wir da genau taten, aber wir taten es laut und fanden Gehör. Wir hatten auf einmal die Möglichkeit uns durch eine neue Art und Weise mitzuteilen. Wir, die sich alleine im Jugendzimmer Gedanken über die Welt gemacht haben und es nicht für möglich hielten, dass es da draußen ganz vielen ähnlich geht. Wir, die nichts voneinander wussten, am anderen Ende von Deutschland oder der Welt saßen. Das, was heute so selbstverständlich und normal geworden ist, war für mich damals so besonders.

Aus meiner kleinen Blase im Jugendzimmer konnten wir unsere Meinung in die Welt rufen. Und so schrieben wir, wir chatteten, schrieben uns Mails, Nachrichten bei ICQ. Wir kommentierten Texte unbefangen und positiv, ehrlich und tauschten uns einfach aus und das natürlich alles komplett konzentriert und bedacht, denn jede Sekunde kostete Geld.

Das Internet war kein Ort der Angst oder des Mobbings. Mobbing passierte bei uns an der Bushaltestelle. Wir mussten demjenigen noch in die Augen schauen, wenn wir jemanden Banane fanden und damit auch zurechtkommen wenn sich diese mit Tränen füllten. Laptop einfach zuklappen gab es nicht.

Es gab keine Trolle, wir waren ein Team. Ein Team aus vielen jungen Erwachsenen, zu denen ich heute noch, viele Jahre später, Kontakt habe oder sie sogar kennenlernen durfte. Wir inspirierten uns gegenseitig. Keiner von der ersten Bloggergeneration hatte gewusst, welchen Hype das Internet in den nächsten Jahren bekommen würde. Welchen Stellenwert und Einfluss Blogger haben könnten. Dass dies der Anfang eines kompletten Wandels war. Hallo Globalisierung, hallo Remote-Jobs, hallo Internet, Smartphones, Apps & Co. hallo, hallo, hallo!

Es gab noch kein Instagram, noch kein Snapchat, Facebook auch nicht. Wer einigermaßen cool war, hatte MySpace – naja, für eine gewisse Zeit, oder hat sich mit Beepworld und Freenet irgendwie seine eigene Internetseite gebastelt. Und heute möchten Kinder Modeblogger werden, wenn sie groß sind, oder Youtube-Star, Fashionista, Vlogger, Creator oder was es sonst noch so gibt. Und das ist auch okay. Es ist für alle okay. Du musst kein Superstar, Supermodel oder was weiss ich was sein. Du musst einfach nur etwas zu sagen haben.

Was ist dann passiert? Wir sind erwachsen geworden. Ein Teil dieser Generation hat diesen Aufschwung genutzt und daraus sehr wahrscheinlich sogar unbewusst und ungewollt zu ihrem Job gemacht. Blogs wurden zu Onlinemagazinen, zu Marken. Andere sind wiederum ausgestiegen, haben angefangen zu arbeiten, studiert, eine Lehre gemacht. Das, was man eben regulär nach der Schule gemacht hat. Das, was sich gehört, das, was man kannte.

Ehrliche Texte fanden immer weniger Gehör. Die Authentizität ging verloren. Ich, für meinen Teil, fand immer weniger Zeit. Aus dem Internet mit Ecken und Kanten sind glattgebügelte Selfies mit Filter geworden. Weitere Hochglanzbilder auf denen alles so gut ausschaut, so perfekt, so glatt, so einfach, so gar nicht realistisch.

Nach und nach haben wir dann dadurch das Internet zu dem werden lassen, was es heute ist. Wir haben es zum Teil verkommen lassen, weil die Stimmen, die wirklich etwas zu sagen haben, leiser wurden oder verloren gingen. Wir haben selbst den Weg frei gemacht für die Trolle da draußen, für Mobbing, für Bananenkommentare, die man einfach so irgendwo anonym drunter knallt.

Warum bloggt man eigentlich? Alle haben das gefragt und eine richtig schlaue Antwort fällt mir leider erst jetzt ein. Es ist eine Art Philosophie, vielleicht auch Kunst. Man beschäftigt sich mit Themen und verpackt diese in einen Text, man bündelt Informationen, stellt sie online und wartet auf eine Reaktion. Darauf, dass man Gehör findet, darauf, dass sie einen Teil der Gesellschaft widerspiegeln um eine Art Sprachrohr zu sein, für alle die, nicht den Mut haben die Dinge zu sagen, die ihre Gedanken nicht aufs Papier bringen können.

Es ist wie ein Gespräch mit Freunden oder eine Art Reportage über persönliche Gedankengänge. Eigentlich das, was alle Medien tun. Jeder Film, jede Serie, jeder Artikel in der Zeitung, jedes Buch. Das Denken wird angeregt, eine eigene Meinung entsteht und man wird zum Träumen eingeladen, inspiriert, in eine andere Welt entführt, animiert oder einfach nur unterhalten.

Als ich mir vor einiger Zeit die About You Awards angeschaut habe, habe ich mich geschämt. Das Internet kann mehr als „Influencer“ erschaffen, die es nicht verstehen, dass sie mit den About You Awards einfach nur auf Dauerwerbesendung geschaltet sind.

Aber klar, natürlich ist das sehr verlockend und ich wäre sehr wahrscheinlich selbst auch schwach geworden, damit ich Cro mal über seine Pandanase streicheln kann. Dass ein Unternehmen sogenannte Influencer-Awards verleiht, ist bezeichnend für eine Social-Media-Generation die mit Werbung verschmilzt und es noch nicht ein mal mehr mitbekommt. Das Internet hat mehr auf dem Kasten.

Es handelt sich hierbei um keine representative Stichprobe und deswegen beschäftigt mich das Thema wohl auch. Nur wer laut ist, viele Follower hat und / oder einen flachen Inhalt, ist nicht automatisch Preisträger. Schon gar nicht unter dem Deckmantel der Konsumgesellschaft eines Online-Versandhandels. Natürlich schreibe ich diese Worte überspitzt und ich hoffe, die Meute von Komikerin Enissa Irgendwer wird mir nicht auf den Hals gehetzt, aber allein das ist doch schon absoluter Käse, dass es zu so etwas gekommen ist.

Das geschriebene Wort im Internet wurde schon von Anfang an belächelt. Print ist tot, es lebe Print! Blogs sind tot, es lebe der Blog! Es war immer ein blödes Gegeneinander, nie ein wirkliches Miteinander. Es sind die leisen Stimmen mit gutem Inhalt, die das Internet verzaubern. Die mit dem langen Atem. Und ich frage mich, wo denn die authentischen jungen Stimmen unserer Generation, unserer vorherigen Generation und unserer Nachfolgenden geblieben sind? Die, die außerhalb jeglicher Werbeslogans wirklich etwas zu sagen haben.

Manchmal habe ich das Gefühl, das Zeitalter des geschriebenen Wortes ist vorbei. Zu groß ist die Versuchung nach schnellen, billigen, leichten „Content“, der über Stories, Vlogs & Co. so dermaßen schnell inhaliert werden kann, als würde man sich eine Line Koks reinziehen – und den gleichen Effekt hat es sehr wahrscheinlich auch.

Vielleicht ist es auch das Ergebnis, dass die Menschen, die wirklich etwas zu sagen haben, jahrelang hinter jedem Praktikum, Studium und Job hergelaufen sind und das Online-Feld einer anderen Generation überlassen haben. So haben wir uns ein weiteres Hochglanz-Magazin geschaffen, auf dessen Cover absurde Figuren tanzen, die es so in der Welt vermutlich überwiegend gar nicht gibt und die authentischen Darsteller sind in der Nebenrolle gelandet.

Wir haben Blogger & Co. zu weiteren künstlichen Vorbildern gemacht, die wir so doch gar nicht wollten. Jetzt sehen wir sie nicht nur in Magazinen, sondern wir sehen sie gleich schon in der Früh in den „Stories“ und damit einhergehend, wie perfekt sie schon morgens um 6 Uhr aussehen.

Das Internet war mal voll von inspirierenden Menschen, echten Menschen, da draußen. Was beschäftigt unsere Generation, wo ist der Austausch untereinander. Hilfe! Kann mich jemand hören? Wo sind die echten Instagram-Muttis?

Die mit den Depressionen, mit den voll gekotzten Pullovern, mit ihren Ängsten, keine gute Mutter zu sein, die mit den Augenringen, mit dem fettigen Ansatz, die mit den dreckigen Fußböden, weil man nicht zum Staubsaugen kommt? Die mit den Wohnungen, die nicht aussehen, wie aus einem skandinavischen Einrichtungsstudio, dort wo nicht alles aufeinander abgestimmt ist, dort wo nicht nur Luxusstrampler liegen? Ich rede hier nicht von #NoMakeup, ich suche das echte Leben.

Wo sind die echten Modejunkies, die sich nicht in einen Katalog pressen lassen, die ihren eigenen Stil haben? Wo sind die Menschen, die auch noch wirklich einen Berg hoch laufen oder auch wirklich draußen zelten und sich nicht nur zurecht gemacht irgendwo hinsetzen, um ihr nächstes schönstes Outdoorfoto posten zu können? Ich bin mir sicher, dass es diese Blogs bzw. Social-Media-Kanäle da draußen noch gibt und zwar reichlich davon. Bitte werdet lauter! Wann haben wir eigentlich das Internet zu dem gemacht, was es heute ist? Wann habe ich das Internet zu dem gemacht, was es heute ist…

Die Illustration stammt von Icons8
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Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki: Haruki Murakami und die Einsamkeit

Wenn Tsukuru Tazaki an seine Jugend in Nagoya zurück denkt, fühlt er sich hin- und hergerissen zwischen tiefer Dankbarkeit und dunkler Traurigkeit. Heute führt der 36-Jährige ein trostloses Dasein in Tokio, er baut Bahnhöfe, er ist einsam. Lange war Tsukuru Tazaki dem Tod nahe, aus eigenem Antrieb....
Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki: Haruki Murakami und die Einsamkeit

Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki

Haruki Murakami und
die Einsamkeit

Marcel Winatschek

Wenn Tsukuru Tazaki an seine Jugend in Nagoya zurück denkt, fühlt er sich hin- und hergerissen zwischen tiefer Dankbarkeit und dunkler Traurigkeit. Heute führt der 36-Jährige ein trostloses Dasein in Tokio, er baut Bahnhöfe, er ist einsam. Lange war Tsukuru Tazaki dem Tod nahe, aus eigenem Antrieb. Nur die wachsende Sehnsucht nach seiner neuen Bekanntschaft Sara lässt ihn weiterleben, die Gespräche, das Hoffen auf baldigen Geschlechtsverkehr, seine tragische Vergangenheit immer im Nacken.

Wer Haruki Murakamis ruhigen und detaillierten Worten lauscht, der muss das während des Genusses einer Tasse grünen Tees, bei Tageslicht, oder bei einem Glas teuren Whiskys, in der Nacht, machen. Anders geht es nicht. So war das bereits bei seinen früheren Werken „Naokos Lächeln„, bei „Hard-Boiled Wonderland und das Ende der Welt„, bei „1Q84„.

Tsukuru hegte keinen Groll gegen seine vier besten Freunde, die ihn vor 16 Jahren grundlos verstoßen hatten. Er nahm sein Schicksal wortlos hin, ertränkte seine Sorgen, versuchte sich an der Liebe, aber scheiterte ohne großes Aufsehen. Wie es ihnen heute wohl geht? Der sanften Shiro, der lebhaften Kuro. Dem starken Ao und dem klugen Aka. An sein letztes Telefonat mit ihnen kann er sich noch genau erinnern. Er wurde darum gebeten, sich nicht mehr bei ihnen zu melden. Niemals wieder.

Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki ist die Erzählung eines Mannes, der alte Wunden aufreißen muss, um die letzte Chance auf ein glückliches Leben nicht zu verspielen. Sie ist durchwoben mit bunten Ereignissen, die nicht aus dieser Welt zu sein scheinen und doch so real sind wie nur irgendwie möglich. Sake, Schönheit und sechs Finger – die Angst vor der Wahrheit niemals allzu weit entfernt. Eine Reise, die nur jemand antreten kann, der nichts mehr zu verlieren hat. Oder eben alles.

Tsukurus Gedanken sind immer ein wenig melancholisch, sie kreisen um andere. „Die grundlose Traurigkeit, die eine ländliche Idylle im Herzen eines Menschen weckt.“ Er muss mit einer Entscheidung voran schreiten, die andere vor langer Zeit für ihn gefällt haben.

„Menschen, denen man die Freiheit nimmt, hassen immer jemanden dafür.“ Kann er sie etwa doch verstehen? „Die Herzen der Menschen waren wie Nachtvögel. Sie warteten still auf etwas, und wenn die Zeit dafür gekommen war, flogen sie geradewegs darauf zu.“ Tsukuru sucht nach Antworten. Aber was dort draußen auf ihn wartet, wird ihm nicht gefallen.

Haruki Murakami ist bekannt für seine makellosen Beschreibungen. Sehr japanisch stellt er den Leser vor vollendete Tatsachen und wischt diese in einem seiner gefürchteten Zeitsprünge mit einer Handbewegung hinweg. Plötzlich ist nichts mehr wie zuvor, obwohl sich weder die teilnehmenden Personen noch die sommerlichen Szenerien verändert haben. Wäre Michael Bay ein Autor, Haruki Murakami wäre sein Gegenpart. Keine Explosionen, kein Lärm, keine Sinneslücken. Aber mit jeder Menge Können.

Alles passt wie ein Puzzle ineinander, jede Erwähnung hat eine Bewandtnis. Wenn Herr Tazaki nichts zu tun hat, löst er einen Fahrschein. Er kauft sich einen Becher, gefüllt mit heißem Kaffee, und setzt sich auf den Bahnsteig in Shinjuku. Fasziniert beobachtet er die Menschen, wie sie hektisch aus- und einsteigen, wie sie erleichtert in ihre Sitze fallen, wie sie hinfort fahren und in der Dunkelheit verschwinden. Selbst einzusteigen, davor fürchtet er sich. Doch womöglich ist die Zeit nun reif.

Wer die bisherigen Geschichten des ostasiatischen Erfolgsautors kennt, der wird in Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki keine Überraschungen erleben, zumindest keine bösen. Haruki Murakami bleibt sich treu und kreierte das perfekte Buch für den ausklingenden Sommer. Und in dem ein oder anderen Kapitel fühlen wir uns plötzlich ertappt, an uns selbst erinnert, versunken in der Vergangenheit. Also Tee aufsetzen, Whisky eingießen und endlich auf dem Sofa zur Ruhe kommen.

Die Fotografie stammt von DuMont
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Crossing Souls: Zurück in die Achtziger

Spätestens seit der Netflix-Serie Stranger Things sind die Achtziger wieder in aller Munde. Mutige Kids, die im Stil von Stephen King und Steven Spielberg illustre Abenteuer erleben. Gegen Außerirdische, gegen das Militär, gegen Erwachsene, die ihnen den Spaß am Mysteriösen nicht gönnen. Und ganz im...
Crossing Souls: Zurück in die Achtziger

Crossing Souls

Zurück in die
Achtziger

Marcel Winatschek

Spätestens seit der Netflix-Serie Stranger Things sind die Achtziger wieder in aller Munde. Mutige Kids, die im Stil von Stephen King und Steven Spielberg illustre Abenteuer erleben. Gegen Außerirdische, gegen das Militär, gegen Erwachsene, die ihnen den Spaß am Mysteriösen nicht gönnen. Und ganz im Geiste von Elfi & Co. gibt es jetzt auch ein Videospiel, das euch den Zauber dieser Zeit vermitteln will.

Crossing Souls heißt das gute Indiestück aus Spanien, das euch im wieder modernen Pixellook die Geschichte von ein paar Jugendlichen aus Kalifornien im Jahr 1986 erzählt. Die entdecken nämlich einen pinken Zauberstein, der es ihnen erlaubt, zwischen zwei Dimensionen hin und her zu wechseln. Können sie die Welt vor dem Untergang und damit auch ihre Familien und sich selbst retten? Das liegt ganz an euch!

Während die Illustrationen an sich wie die auf einer billigen Cornflakespackung wirken, ist der Pixellook absolut großartig. Popkulturelle Anspielungen findet ihr quasi an jeder Ecke. Ghostbusters, Zurück in die Zukunft, E.T.Crossing Souls ist eine kunterbunte Wundertüte der nostalgischen Referenzen. Wer darauf Lust hat, der kann sich das Spiel für die Konsole und den PC herunter laden.

Crossing Souls: Zurück in die Achtziger Crossing Souls: Zurück in die Achtziger Crossing Souls: Zurück in die Achtziger Crossing Souls: Zurück in die Achtziger Crossing Souls: Zurück in die Achtziger Crossing Souls: Zurück in die Achtziger Crossing Souls: Zurück in die Achtziger Crossing Souls: Zurück in die Achtziger Crossing Souls: Zurück in die Achtziger Crossing Souls: Zurück in die Achtziger Crossing Souls: Zurück in die Achtziger Crossing Souls: Zurück in die Achtziger Crossing Souls: Zurück in die Achtziger Crossing Souls: Zurück in die Achtziger Crossing Souls: Zurück in die Achtziger Crossing Souls: Zurück in die Achtziger Crossing Souls: Zurück in die Achtziger Crossing Souls: Zurück in die Achtziger
Die Illustration stammt von Fourattic
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Verstummt, verblasst, vergessen: Die Legenden deiner Jugend

Egal, wie weit weg es uns auch verschlagen hat, in die überfüllten Straßen New Yorks, an die heißen Küsten Australiens oder unter die hohen Decken der Berliner Altbauwohnungen: Am Ende des Jahres kehren wir nach Hause zurück. In unsere Stadt. In eine Welt, in der die Zeit still zu stehen scheint. Un...
Verstummt, verblasst, vergessen: Die Legenden deiner Jugend

Verstummt, verblasst, vergessen

Die Legenden
deiner Jugend

Marcel Winatschek

Egal, wie weit weg es uns auch verschlagen hat, in die überfüllten Straßen New Yorks, an die heißen Küsten Australiens oder unter die hohen Decken der Berliner Altbauwohnungen: Am Ende des Jahres kehren wir nach Hause zurück. In unsere Stadt. In eine Welt, in der die Zeit still zu stehen scheint. Und wir fühlen uns überlegen. Weil niemand dort den Mut hatte, auch nur annähernd das zu wagen, was wir erreicht haben.

Die Straßen der kleinen Gemeinde sind noch immer dieselben, die wir als Kinder mit dem BMX abgefahren sind. Abgelaufen sind. Wir kennen sie in- und auswendig. Jeden Winkel, jede Abkürzung. Wir träumen noch heute von der Zeit, in der diese Gassen die Adern unseres kindlichen Daseins waren. Und jeder Meter, nein, jeder Zentimeter, ist mit Erinnerungen behaftet, die in den richtigen Momenten über uns herein brechen.

Als ich die Hauptstraße an einem sonnigen Sommermorgen entlang spaziere und keine Menschenseele antreffe, da gehen meine Gedanken auf Wanderschaft. Sie schweben empor, über die Stadt, sie kreieren einen Plan. Der Häuser. Der Wege. Der Felder. Und überall ploppen Marken mit Andenken auf, die mich bei geistiger Berührung in sich hinein ziehen und mir noch einmal abspielen, was mich als Menschen ausmacht.

Wie wir mit 12 in diesen Wohnwagen eingebrochen sind, um dort mit vom Jahrmarkt geklautem Helium unsere Stimmen in die von Micky Maus zu verwandeln. Wie wir mit 13 heulend den Notarzt gerufen haben, weil Maria beim Schlittenfahren gegen den Zaun vom Freibad geknallt ist und ihr das Blut das Gesicht hinunter floss. Wie wir mit 16 auf der Rutsche des nahegelegenen Spielplatzes saßen und Chrissy ihr weißes Top hochzog, um oben ohne und mit den Mittelfingern herum fuchtelnd den Nachbarn zu beleidigen, der uns am Vortag mit einer Schaufel verprügeln wollte.

Als ich wieder zu mir komme, stehe ich auf einer kleinen Brücke etwas außerhalb der Stadt. Nahe der verlassen wirkenden Schrebergärten. Die Sonne scheint mir ins Gesicht, der Schweiß läuft mir in die Augen, unter mir bahnt sich ein kleiner Bach den Weg ins nächste Dorf. Ich starre in das klare Wasser und mir wird schlagartig eine unumgängliche Wahrheit klar, die mir das Herz schwer werden lässt und mir die Tränen in die Augen treibt.

Wir herrschten über diesen Ort, brachten ihn zum Wanken, zum Beben. Wir waren es, die nachts durch seine Tore zogen, wir küssten und aßen und schlugen und weinten und kamen und schrieen und lachten und tranken. Laut. Energisch. Mutig. Auf dass wir uns verewigen. Auf dass unsere Taten noch in 100 Jahren für Raunen sorgten. Auf dass wir nicht sterben konnten, auch wenn wir schon längst vergangen waren.

Unsere Graffiti sind verblasst. Unsere Legenden verstummt. Unsere Markierungen gelöscht. Die Generation, die heute in diesen Straßen ihr Unwesen treibt, hat keine Ahnung mehr davon, was sich hier vor Jahren abgespielt hat. Was wir riskierten. Wen wir anfassten. Wie viele Feinde wir uns schufen und wie viele Freunde uns begleiteten. Es ist ihnen egal. Unsere Namen sind ihnen egal. Unsere Orte. Unser Kummer. Unsere Lieder.

Und dann sehen wir ein, dass wir keinen einzigen Grund haben, uns überlegen zu fühlen. Weil wir nichts erreicht haben. Weil nichts von Dauer ist. Weder an diesem Ort noch woanders. Und dass es vollkommen egal ist, wie weit weg es uns verschlägt und was wir erleben. Mit wem wir es erleben. Wie oft und wie intensiv wir es erleben. Denn irgendwann drehen wir uns um. Und nichts von alledem ist mehr da.

Unsere Andenken geistern nur noch als vage Schatten durch die Stadt. Sie haben keine Wirkung, kein Verlangen. Doch sie dienen als Beweis dafür, dass wir ersetzt worden sind. Von jungen Menschen, die uns als irrelevant betrachten und ihre eigenen Legenden an den Orten schreiben, die uns als Kulisse für unsere Erinnerungen dienten. Und das weder zum ersten noch zum letzten Mal.

Aber auch diese Generation wird irgendwann einmal an zurückkehren. Und sie wird auf dieser Brücke stehen und sie wird weinen und sie wird sich der Tatsache bewusst werden, dass keine ihrer noch so krassen und leidenschaftlichen und dramatischen Handlungen in Ewigkeit mündet. Dass ihre Jugend die Kopie einer Kopie einer Kopie ist. Und dass alles zerfällt, sobald sie sich einmal umdreht.

Alles, was uns als Trost bleibt, ist der ewige Traum, etwas zu tun, was noch nie jemand vor uns getan hat. Also verschlägt es uns in die überfüllten Straßen New Yorks, an die heißen Küsten Australiens oder unter die hohen Decken der Berliner Altbauwohnungen. Wir denken nicht an ein kopiertes Leben, wir glauben an ein einzigartiges. Das macht uns stark. Es ist die einzige Möglichkeit, nicht den Verstand zu verlieren.

Wir machen weiter. Wir füllen die leeren Legenden unserer Erinnerungen mit neuen Abenteuern und Bildern und Gerüchen und Geschmäckern und Geräuschen. Und womöglich können wir im nächsten Jahr wieder hierher zurück kehren. In unsere Stadt. In eine Welt, in der die Zeit still zu stehen scheint. Und wir fühlen uns überlegen. Weil niemand dort den Mut hatte, auch nur annähernd das zu wagen, was wir erreicht haben.

Die Fotografie stammt von Jacob Bentzinger
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Mädchen in Sachsen: Ein Sommer in Dresden

Ich persönlich kann mit der kühlen Jahreszeit ja herzlich wenig anfangen. Klar, bei schneeweißem Untergrund und blauem Himmel mit einem Snowboard über die Pisten der Alpen schmettern und danach beim Aprés-Ski die betrunkene Sau in einer gut beheizten Hütte rauszulassen, während man Songs von Jürgen...
Mädchen in Sachsen: Ein Sommer in Dresden

Mädchen in Sachsen

Ein Sommer
in Dresden

Daniela Dietz

Ich persönlich kann mit der kühlen Jahreszeit ja herzlich wenig anfangen. Klar, bei schneeweißem Untergrund und blauem Himmel mit einem Snowboard über die Pisten der Alpen schmettern und danach beim Aprés-Ski die betrunkene Sau in einer gut beheizten Hütte rauszulassen, während man Songs von Jürgen Drews trällert und Glühwein in sich hinein schüttet, das kann sogar ich gutheißen. Aber sobald es draußen matschig, kalt und dunkel wird, sinkt bei mir die generelle Lebensfreude und ich beginne damit, sehnsüchtig auf den kommenden Frühling zu warten…

Der Fotograf Kristijonas Duttke und seine temporäre Muse Katharina haben für diese jährliche Winterdepression ein gutes Gegenmittel gefunden: Sie bringen uns mit gekonnten Bildern für das Yume Mag einfach den Sommer zurück in die eiskalte Bude. Kristijonas und Katharina nutzten den Sommer nämlich, um in einer schnuckeligen Gartenlaube, die irgendwo mitten in Dresden steht, den Zauber der sonnigen Monate auf Fotos zu verewigen. Als „kleines Fleckchen Paradies, inmitten eines typischen Kleingartenvereins in Dresden“ beschreibt Kristijonas den von grünen Pflanzen und bunten Blumen umwachsenen Ort.

„Es sieht fast so aus, als wäre es in Schweden„, merkt Kristijonas noch an – und dem kann ich nur zustimmen. Und was macht Katharina sonst so, außer auf Fotos gut auszusehen? „Sie modelt nur nebenbei ist sonst anderweitig hauptberuflich tätig – mehr darf und kann ich nicht sagen.“ Geheimnisvoll ist sie also auch noch, diese Katharina. Uns soll es recht sein, schließlich geht es im Leben um das Hier und Jetzt und den Augenblick. Außer natürlich der Augenblick ist kalt, dunkel und ungemütlich. Dann können wir uns zumindest mit sommerlichen Bildern aus der Vergangenheit den Alltag ein wenig versüßen…

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Die Fotografie stammt von Kristijonas Duttke
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Nihon Noir: Tokio bei Nacht

Tokio ist natürlich nicht nur am Tag schön, wenn die bunt angezogenen Schulmädchen durch Harajuku streifen, hektische Anzugträger ins Büro eilen und verliebte Pärchen im Yoyogi-Park picknicken, sondern ganz besonders auch nachts, wenn die Stadt im Dunkeln versinkt und die unzähligen Neonlichter die...
Nihon Noir: Tokio bei Nacht

Nihon Noir

Tokio bei
Nacht

Marcel Winatschek

Tokio ist natürlich nicht nur am Tag schön, wenn die bunt angezogenen Schulmädchen durch Harajuku streifen, hektische Anzugträger ins Büro eilen und verliebte Pärchen im Yoyogi-Park picknicken, sondern ganz besonders auch nachts, wenn die Stadt im Dunkeln versinkt und die unzähligen Neonlichter die Häuser in unnatürlich grelle Lichter hüllen.

Gerne spaziere ich nachts durch die kleinen Gassen der Megametropole. Vorbei an betrunkenen Geschäftsmännern, die sich die Krawatten um die Köpfe gebunden haben. Vorbei an winzigen Supermärkten, die auch um diese Zeit um die Besucher buhlen. Und vorbei an lecker duftenden Ramen-Restaurants, in denen so manch einsames Herz ein wenig innere Wärme sucht.

Der aus dem australischen Melbourne stammende Fotograf Tom Blachford hat Tokio mit seiner Bilderserie „Nihon Noir“ in eine fantastische Cyberpunk-Fantasie verwandelt, die direkt aus „Blade Runner“ oder „Ghost in the Shell“ entstammen könnte, und so bewiesen, dass die gigantische Stadt im fernen Osten vielleicht gerade bei Nacht ihr wahres Gesicht zeigt.

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Die Fotografie stammt von Tom Blachford
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Hauptstadt der Exzesse: Berlin ist zum Ficken, Fummeln und Feiern da

Es ist einer dieser typischen Freitagabende in Berlin. Also einer von denen, an denen du zu Hause herum hängst und auf die Anrufe von Leuten wartest, die sich nur zum Feiern bei dir melden. Weil du nun mal die Person bist, die alle Türsteher und Dealer dieser Stadt beim Namen kennt und bei manchen s...
Hauptstadt der Exzesse: Berlin ist zum Ficken, Fummeln und Feiern da

Hauptstadt der Exzesse

Berlin ist zum Ficken,
Fummeln und Feiern da

Nadine Kroll

Es ist einer dieser typischen Freitagabende in Berlin. Also einer von denen, an denen du zu Hause herum hängst und auf die Anrufe von Leuten wartest, die sich nur zum Feiern bei dir melden. Weil du nun mal die Person bist, die alle Türsteher und Dealer dieser Stadt beim Namen kennt und bei manchen sogar weißt, wie ihre Kinder heißen und wo sie an ihren freien Tagen frühstücken gehen.

Du hast den Plan, wo heute die beste Party steigt und wo’s das beste Koks zu kaufen gibt. Weil du die Woche damit verbracht hast, nach all diesen Dingen zu suchen, während deine sogenannten Freunde ihren sogenannten Jobs nachgingen. Und deshalb bist du wichtig. Du hängst also zu Hause herum, wartest auf die Anrufe von Leuten, die sich nur zum Feiern bei dir melden und legst dir im Kopf drei Outfits zurecht.

Ein Outfit für’s Prince Charles, eines für den Fall, dass du drei Tage nicht nach Hause kommst, und eines, das gerade so okay ist, um noch schnell nebenan Gras zu kaufen. Im Prinzip sehen sie alle gleich aus. Dein Lieblingsshirt ist dreckig, natürlich, weil du von Montag bis Freitag schon so mit dem Wochenende beschäftigt warst, dass deine Wäsche, dein Geschirr und mit der Zeit auch deine Würde einfach liegen geblieben sind. So geht das, seit du in Berlin wohnst, und manchmal fragst du dich, ob das schon alles war, ob das jetzt echt dein Leben ist oder ob du nur die Fantasie lebst, du weißt schon, ob du nun eine von denen bist, vor der man dich als Kind immer gewarnt hat.

Ich spiele das Spiel jetzt seit fünf Jahren. Fünf Jahre Berlin, fünf Jahre die immer gleichen Wochenenden, nur dass der Freundeskreis ständig wechselt und hier ein Club schließt und dort wieder neu auf macht. Ich bin eines von den coolen Kids, glaube ich, eine von denen, die man um ihren Stammplatz auf der Gästeliste beneidet und darum, dass sie einen Fick drauf gibt, wie sie nach dem Feiern aussieht, und der auch egal ist, dass in ihrem Bett mittlerweile mehr Kerben sind als es Holz gibt.

Ich bin eines von den coolen Kids und damit auch wie jeder, der in Berlin etwas von sich hält. Ich mag das, Individualismus ist eh tot, nur manchmal habe ich halt keinen Bock drauf, und dann ziehe ich alleine los, es lebe der Individualismus. Ich will raus aus dem Klischee, hinein in das nächste.

Mit dem neuen Track von Alle Farben auf den Ohren und zwei Flaschen Bier im Beutel ziehe ich los, Partytram M10, nächster Halt: Warschauer Straße. Bei den Dealern auf dem Technostrich kaufe ich Gras für ’nen Zehner, lasse mich ein bisschen antatschen, das ist da irgendwie so üblich, die Medien berichteten. Keine zwei Meter kann man gehen, ohne mit „Mäuschen“ oder „Baby“ angequatscht zu werden, und ich frage mich, ob die Dealer so überhaupt etwas los werden, ich meine, bei Leuten, die noch nie etwas gekauft haben.

Mein Weg führt mich auf die Modersohnbrücke, die natürlich voller Leute ist, aber irgendwie kann man hier gut zusammen allein sein. Ich drehe mir einen Joint, und während ich ihn rauche, schaue ich auf die Bahngleise hinunter. Die Brücke schwingt bei jedem Auto, das darüber fährt, und es fühlt sich ein bisschen an wie betrunken sein.

Den Sonnenuntergang, wegen dem alle gekommen sind, nehme ich gar nicht richtig wahr. Irgendwann setzt der Fressflash ein, ihr kennt das ja, ich brauche jetzt dringend Schokolade und ‘nen Döner, mir eigentlich egal, Hauptsache Essen, und so lande ich in der Simon-Dach-Straße und stopfe mir Pizza für 2,50 Euro in den Rachen, von irgendwo her hört man Marteria singen oder Casper oder irgendeinen anderen dieser total überbewerteten Rapper, die hier wahrscheinlich auch immer ihre Pizza kaufen, immer dann, wenn keiner guckt.

Die Luft riecht nach Wasserpfeife, das ist hier so, erst wenn man wieder weiter nach unten kommt, mehr auf den Technostrich, wird der Geruch zu Gras. Und später in der Nacht kommt dann die Kotze dazu, die Kotze der Touristen, die zum ersten Mal Mexikaner trinken und sich MDMA einwerfen, weil man’s halt so macht, und dann erzählen sie jedem, wie geil Berlin doch ist und dass sie unbedingt ins Berghain wollen, während sie letzten Endes dann doch nur im Matrix landen.

Das Matrix, das ist ein mindestens genauso sagenumworbener Ort wie das Berghain. Jeder weiß wie es dort ist, obwohl er noch nie drin war, aber die Partys, die sind immer scheiße, genau wie die im Berghain immer geil sind und sowieso, in Clubs, in die echt jeder kann, da geht man sowieso nicht rein, wenn man Berliner ist und zu den coolen Kids gehört, und irgendwie reizt mich das gerade, also schnell noch ’nen Wodka gekauft und ein Gramm Speed gezogen, was echt kacke ist, ehrlich Leute, kauft nicht auf dem Technostrich, die zocken euch nur ab da. Über die Warschauer Brücke zu gehen, ist jetzt fast unmöglich, überall sind Menschen, viel zu viele Menschen.

Jemand sagt „Das ist Berlin!“ und mir kommt ein bisschen Kotze hoch, das ist vielleicht dein Berlin, aber nicht meins, echt nicht, oder vielleicht doch? Ich drängle mich vorbei, einmal links, Treppe runter, noch mal rechts. Hier ist es also, dieses Matrix.

Die Schlange vor dem Club ist lang, das Publikum eine Mischung aus überstylten Mädchen in High Heels und Jungs, die das erstbeste T-Shirt aus dem Schrank gezogen und noch keinen Bartwuchs haben. Durch die offenen Türen dringen dumpf die Beats, ich stehe trotz Schlange keine zehn Minuten an, das ist neu. Die Türsteher hier kenne ich nicht, Taschenkontrolle, Ausweis zeigen, kritischer Blick, „Du darfst rein!“, als sei das hier etwas Besonderes.

Drinnen stehen halbnackte Mädchen in einem Käfig und fassen sich gegenseitig an. Vor ihnen eine Gruppe Jungs, die den Mädchen laut grölend schmutzige Dinge zurufen. Also, ich glaube, dass es schmutzige Dinge sind, denn sie sprechen eine Sprache, die ich nicht verstehe, doch schön klingt sie nicht.

Ich gehe zur Bar und bestelle mir zwei Drinks, bezahle aber nur einen, das ist hier so „bei den Ladys“, sagt man mir. Bevor ich den ersten hinunter stürzen kann, werden sechs verschiedene Songs angespielt, immer einmal bis zum ersten Refrain, doch nie länger als ’ne Minute. Sind wohl die Charts, denn jeder außer mir kann sie mitsingen, und tanzen, verdammt, tanzen können die hier auch, nur hat es was von einem Softerotikfilm.

Ich bin gerade beim zweiten Drink, als mich ein Typ anspricht, deutlich jünger als ich, und ich habe keine Ahnung, was er sagt, aber mir ist langweilig, also schiebe ich ihm die Zunge in den Hals und er findet das voll okay. Wir knutschen noch so fünf, sechs Minuten weiter, dann nehme ich ihn an der Hand und ziehe ihn aus dem Club. Sein Englisch ist so mittel, zumindest hab ich verstanden, dass er in einer dieser schäbigen Jugendherbergen in der Warschauer Straße wohnt.

Also gehen wir zu ihm und ficken, und der Sex ist auch so mittel und irgendwann morgens stehe ich auf und ziehe mich an, verschwinde ohne „Tschüß“ zu sagen, laufe über die völlig leere Brücke, kaufe in der S-Bahn-Station noch ein trockenes Croissant und Kaffee, während im Radio leise Schwarz zu Blau spielt und fahre zurück in meinen Kiez. Vielleicht sind meine Freitagabende typisch und auch trostlos, aber hey, ich habe mein Berlin echt lieber als eures.

Die Fotografie stammt von Roman Khripkov
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Mädchen in Brasilien: Zuhause mit Yasmin Shizue

Als ich 18 geworden bin, habe ich im Tattoostudio um die Ecke einen Termin gemacht, weil ich mir ein paar schwarze Sterne und einen Mond auf den Oberarm stechen lassen wollte. 50 Euro musste ich vorauszahlen und in einer Woche noch mal vorbei schauen. Natürlich bin ich dort nie wieder hingegangen, w...
Mädchen in Brasilien: Zuhause mit Yasmin Shizue

Mädchen in Brasilien

Zuhause mit
Yasmin Shizue

Daniela Dietz

Als ich 18 geworden bin, habe ich im Tattoostudio um die Ecke einen Termin gemacht, weil ich mir ein paar schwarze Sterne und einen Mond auf den Oberarm stechen lassen wollte. 50 Euro musste ich vorauszahlen und in einer Woche noch mal vorbei schauen. Natürlich bin ich dort nie wieder hingegangen, weil ich vor lauter Zweifel starr vor Angst war. Was ist, wenn ich Himmelskörper irgendwann nicht mehr toll finde?

Dieses Problem hat Yasmin Shizue aus Brasilien wohl nicht mehr. Die bezaubernde Tattooliebhaberin und -künstlerin sticht nicht nur kleine und große Meisterwerke auf die Haut von Menschen, die keine Zweifel mehr haben, sondern besitzt auch selbst ein paar nette Malereien, Botschaften und Symbole auf dem Körper. Die Fotografin Erika de Faria hat die hübsche Südamerikanerin nun für C-Heads digital verewigt.

„Kurz nachdem sie ihre Leidenschaft für das Zeichnen und Tattoos entdeckt hat, arbeitete Yasmin als Assistentin für einen Tätowierer, bevor sie kurz darauf ihr eigenes Studio eröffnete“, erzählt Erika. „Ihre Arbeit mit Tattoos, ihr feiner Pinselstrich, das ist wirklich etwas ganz Besonderes und die Elemente der Natur sind in ihren Zeichnungen ständig präsent und zeigen auch immer ein bisschen, wer sie wirklich ist.“

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Die Fotografie stammt von Erika de Faria
Als Model ist Yasmin Shizue zu sehen
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Musik, Drogen, Gummistiefel: Festivals sind mein Zuhause

Die Vorfreude auf ein Festival kann bis ins Unermessliche steigen. Hat man erstmal das Line-up mental auf seinen Unterarm getackert, ist der Schlüpfergummi der Erwartungen oft schon bis zum Anschlag gespannt. Monate vorher wechseln die Emotionen zwischen grenzenloser Freude auf die persönlichen Supe...
Musik, Drogen, Gummistiefel: Festivals sind mein Zuhause

Musik, Drogen, Gummistiefel

Festivals sind
mein Zuhause

Wenke Walter

Die Vorfreude auf ein Festival kann bis ins Unermessliche steigen. Hat man erstmal das Line-up mental auf seinen Unterarm getackert, ist der Schlüpfergummi der Erwartungen oft schon bis zum Anschlag gespannt. Monate vorher wechseln die Emotionen zwischen grenzenloser Freude auf die persönlichen Superhelden und die Angst einen davon verpassen zu können.

Ist man dann erst einmal dort, kommt sowieso alles anders. Die fetten Cumuluswolken formen sich zu einem gigantischen Stinkefinger und der blaue Engländer neben dir baut sein Zelt direkt in dein Zelt. Jetzt heißt es locker bleiben und das Beste daraus machen.

Allein schon, um deine Solidarität gegenüber dem Wert des Tickets zu zeigen und dem damit verbundenen Pennerdasein gehörig zu trotzen. Statt wertvollem Zucker pumpt man seine Blutbahn lieber mit THC, Speed oder anderem bewusstseinserweiternden Gedöns voll. Um den bedingungslosen Enthusiasmus zu deinem zu machen.

Mit den Gummistiefeln fest an den Waden und der Sonne im Rücken reiht man sich in die noch ganz akzeptabel riechende Menschenschlange ein. Statt dem gewohnten Dollarzeichen in den Augen, wird jetzt das Festivalbändchen zum Objekt der Begierde.

Den Stress erstmal bewältigt, geht es auf das Gelände. Kein Gras, keine Natur. Aber egal. Was zählt, ist der Plan. Bis zur Besinnungslosigkeit in der Partymeute verschmelzen zu wollen und sich am Morgen nicht mal an die den eigenen Vornamen erinnern zu können. Plan. Check. Oder auch nicht.

Eigentlich willst du jetzt Bier, aber dein Körper giert nach dem einfachen Klaren, nach Wasser. Der erste Schein ist weg und Du stellst dir nüchtern sein vor. Klappt nicht. Ab zur Main-Stage, denn das Line-up wartet nicht auf dich. Genauso wie du ist es auf Speed und kennt keine Gnade.

Was du verpeilst, verpasst du. Wenn du es schaffst, rastest du aus. Aggressiv vorgehende Ellebogen, zerlatschte Schuhe und eine leicht demolierte Visage sind dein Markenzeichen. Es ist dir egal. Party. Mutti kennt mich, doch zum Glück weiß sie von allem nichts.

Erster Tag und Geld ist so gut wie weg. Verzweiflung trifft auf „Drauf geschissen“. Afterhour neben Kevin-Pascal und die Welt gehört dir. Jutebeutel und Fake-Ray-Ban im Klo runtergespült, jetzt heißt es Freiheit. Die ersten Sonnenstrahlen am Morgen vermitteln dir das Gefühl eines längst vergessenden Superhelden. Du bist da und zurück im gleichen Moment.

Auf dem Weg zu deinem Zelt könnte jeder dein Freund sein. Doch dir ist das egal, du bist zu sehr damit beschäftigt zu genießen und nicht über diese verdammten Zeltheringe nachzudenken, geschweige denn zu stolpern. Zufrieden angekommen, aber vollgepumpt mit Harn, wird das 3,35-minütige Entleeren des Beutels bei deinem Zeltnachbarn vollzogen. So wie es sich gehört. Glücklich und tot fällst du in deinen Schlafsack und machst dich selbst dem Erdboden gleich. Morgen geht’s weiter. Alkoholabbau, beeile dich!

Die Fotografie stammt von Krists Luhaers
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Tiny Tits: Mädchen mit kleinen Brüsten

Eigentlich müsste es mir ja egal sein, was andere Menschen über meine nicht ganz so groß geratenen Möpse denken. Schließlich gehen die nur mich was an. Sonst niemanden. Und wer auch immer gerade an ihnen herum lutscht, darf sich erst recht nicht beschweren. Hallo, du kommst in mein Haus, in mein Bet...
Tiny Tits: Mädchen mit kleinen Brüsten

Tiny Tits

Mädchen mit
kleinen Brüsten

Daniela Dietz

Eigentlich müsste es mir ja egal sein, was andere Menschen über meine nicht ganz so groß geratenen Möpse denken. Schließlich gehen die nur mich was an. Sonst niemanden. Und wer auch immer gerade an ihnen herum lutscht, darf sich erst recht nicht beschweren. Hallo, du kommst in mein Haus, in mein Bett und dann sind dir meine Titten zu klein? No way, Bitch!

Trotzdem ist es irgendwie ganz nett, dass es da draußen genügend Leute gibt, die nicht auf Palinas Megamelonen stehen, sondern auf handgroße Wundertüten, mit deren Kreation Allah zwar ein wenig sparsam war, die allerdings weder die Schwerkraft noch tellergroße Brustwarzen fürchten müssen. Kleine Titten sind cool, das predigen wir auf AMY&PINK in diversen Artikeln schließlich bereits seit Jahren.

Die Jungs und Mädels drüben im Onlineforum Tiny Tits, einem global geliebten Subreddit, feiern Göttinnen mit Mückenstichen regelrecht ab. Je kleiner, desto besser, möchte man meinen, aber selbst mittelgroße Brüste sind dort noch ein Grund mal so richtig auszurasten. Es ist doch irgendwie schön, wenn meine beiden Lieblinge endlich den Zuspruch bekommen, den sie verdienen.

Die Illustration stammt von William-Adolphe Bouguereau
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Alaina Castillo: Eine junge Frau mit Ambitionen

Durch ihren impressionistischen und gefühlsbetonten Zugang zu zeitgenössischem R&B und Pop drückt Alaina Castillo das breite Spektrum der komplizierten Emotionen aus, die das moderne Leben in seiner jetzigen Form ausmachen und spiegelt die einzigartige Perspektive ihrer Generation wider. Oder anders...
Alaina Castillo: Eine junge Frau mit Ambitionen

Alaina Castillo

Eine junge Frau
mit Ambitionen

Annika Lorenz

Durch ihren impressionistischen und gefühlsbetonten Zugang zu zeitgenössischem R&B und Pop drückt Alaina Castillo das breite Spektrum der komplizierten Emotionen aus, die das moderne Leben in seiner jetzigen Form ausmachen und spiegelt die einzigartige Perspektive ihrer Generation wider. Oder anders ausgedrückt: Sie ist jung, schön und will jetzt endlich ein Superstar werden. Denn sie hat es sich verdient.

Die in Houston aufgewachsene und in Los Angeles lebende Künstlerin entdeckte ihre eigenen musikalischen Ambitionen erst, nachdem sie dem Chor ihrer örtlichen Kirche beigetreten war: „Mir wurde klar, dass es mir wirklich Spaß machte, zu üben und auf die Bühne zu gehen, und dass das Endergebnis etwas Erstaunliches und Schönes ist.

Alainas religiöse Erziehung bedeutete zunächst, dass ihre popkulturelle Ernährung sehr begrenzt war. Nachdem ihre Eltern sie mit einer Diät aus Kirchenmusik und klassischem Pop, von den Beach Boys über Elvis Presley bis hin zu Whitney Houston, wurde sie zu einer Frau mit Ambitionen, nachdem sie Usher im Radio gehört hatte. Er hat ihr den Weg gezeigt, den sie nun konsequent gehen möchte, bis sie ein Superstar ist. Denn sie hat es sich verdient.

Alaina Castillo: Eine junge Frau mit Ambitionen Alaina Castillo: Eine junge Frau mit Ambitionen Alaina Castillo: Eine junge Frau mit Ambitionen Alaina Castillo: Eine junge Frau mit Ambitionen Alaina Castillo: Eine junge Frau mit Ambitionen
Die Fotografie stammt von Chris Shelley
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Mädchen in Texas: Ein Nachmittag mit Taylor Green

Alle paar Jahre überlege ich mir nun bereits, ob ich mir nicht auch mal ein Tattoo zulegen möchte. Zumindest ein kleines. So für den Anfang. Als Zwölfjährige wollte ich unbedingt schwarze Sterne auf dem Oberarm haben, aber meine Eltern hatten es mir verboten. Und das war wahrscheinlich auch besser s...
Mädchen in Texas: Ein Nachmittag mit Taylor Green

Mädchen in Texas

Ein Nachmittag
mit Taylor Green

Daniela Dietz

Alle paar Jahre überlege ich mir nun bereits, ob ich mir nicht auch mal ein Tattoo zulegen möchte. Zumindest ein kleines. So für den Anfang. Als Zwölfjährige wollte ich unbedingt schwarze Sterne auf dem Oberarm haben, aber meine Eltern hatten es mir verboten. Und das war wahrscheinlich auch besser so. Heute möchte ich mir vielleicht ein kleines Herz auf die Hand oder ein ungefülltes Dreieck auf dem Unterarm.

Taylor Green aus Austin im sonnigen Texas ist da offensichtlich schon ein Stückchen weiter. Die erdverbundene Liebhaberin der Pflanzen, der Tiere und gewisser übersinnlicher Spiritualitäten hat ihre kindlichen Anfangsängste überwunden und ist heute eine wahrlich wunderschön tätowierte Göttin. Arme, Beine, Oberkörper – überall finden sich kunterbunte Kunstwerke, die so manche persönliche Geschichte visuell erzählen.

Der ebenfalls in den USA geborene und auch dort arbeitende Fotograf Dalton Campbell durfte Taylor nun für das Self Control Magazine ablichten. Und zwar dort, wo es Miss Greenery nun einmal am besten gefällt: In der freien Natur. Und vielleicht hat mich Taylor Green mit ihren körperlichen Kunstwerken ja davon überzeugt, mir selbst bald ein Tattoo stechen zu lassen. Nur wo und was, das bleibt noch mein kleines Geheimnis…

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Die Fotografie stammt von Dalton Campbell
Als Model ist Taylor Green zu sehen
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Celeste: Der Berg ruft

Ich finde ja, dass Pixel immer noch die schönste Art sind, um Videospiele zu machen. Natürlich könnte das daran liegen, dass ich mit dem Super Nintendo aufgewachsen bin, aber selbst heute, nachdem ich 3D-Epen wie The Witcher, Skyrim oder Final Fantasy durchgespielt und genossen habe, macht mein Herz...
Celeste: Der Berg ruft

Celeste

Der Berg
ruft

Marcel Winatschek

Ich finde ja, dass Pixel immer noch die schönste Art sind, um Videospiele zu machen. Natürlich könnte das daran liegen, dass ich mit dem Super Nintendo aufgewachsen bin, aber selbst heute, nachdem ich 3D-Epen wie The Witcher, Skyrim oder Final Fantasy durchgespielt und genossen habe, macht mein Herz doch noch immer einen höheren Sprung, wenn ich ein hübsches, liebevoll gestaltetes Pixelabenteuer entdecke.

Celeste ist genau solch eine Perle. Die Geschichte um die mutige Madeline, die sich auf eine waghalsige Wanderung auf einen von Fallen, Feinden und Fürchterlichkeiten gespickten Berg begibt und dort auf süße Omis, dubiose Hotelbesitzer und seltsame Adrenalinjunkies trifft, ist sowohl auf Konsolen als auch auf dem PC zu erleben und wahrlich ein Fest für alle eingefleischten Pixelart-Fans wie mich.

Spielerisch erwartet euch bei Celeste eine Mischung aus Super Meat Boy und alten Super-NintendoJump’n’Runs, die voller Geheimnisse und überraschungen steckt. Die Level sind abwechslungsreich, die Charaktere sind sympathisch und der Anspruch steigt mit jeder geschafften Hürde. Celeste ist nichts für ungeduldige oder ungeschickte Spieler – aber alle anderen werden ihren Spaß mit dem polierten Indie-Schatz haben.

Celeste: Der Berg ruft Celeste: Der Berg ruft Celeste: Der Berg ruft Celeste: Der Berg ruft Celeste: Der Berg ruft Celeste: Der Berg ruft Celeste: Der Berg ruft Celeste: Der Berg ruft Celeste: Der Berg ruft Celeste: Der Berg ruft Celeste: Der Berg ruft Celeste: Der Berg ruft Celeste: Der Berg ruft Celeste: Der Berg ruft Celeste: Der Berg ruft Celeste: Der Berg ruft
Die Illustration stammt von Matt Thorson
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Beziehungspause: Lass uns lieber Schluss machen

Ich brauche eine Pause von dir. Es war der dritte Streit innerhalb von nur zwei Wochen, und der Grund dafür war eine Nichtigkeit. So bedeutungslos, dass ich heute, ein paar Jahre später, nicht einmal mehr sagen kann, warum wir uns damals eigentlich in die Haare gekriegt haben. Vermutlich ging es d...
Beziehungspause: Lass uns lieber Schluss machen

Beziehungspause

Lass uns lieber
Schluss machen

Jana Seelig

„Ich brauche eine Pause von dir.“ Es war der dritte Streit innerhalb von nur zwei Wochen, und der Grund dafür war eine Nichtigkeit. So bedeutungslos, dass ich heute, ein paar Jahre später, nicht einmal mehr sagen kann, warum wir uns damals eigentlich in die Haare gekriegt haben. Vermutlich ging es darum, dass einer von uns mal wieder den Müll nicht rausgebracht hatte, oder die neuste Folge einer Serie, die wir gemeinsam schauen wollten, ohne den anderen angesehen hatte. Ich weiß es wirklich nicht mehr.

Was mir aber in Erinnerung blieb, war dieser eine Satz, der alles zwischen uns veränderte. „Ich brauche eine Pause von dir.“ Gesprochen von meinem damaligen Freund, und das auch noch während einer verbalen Auseinandersetzung. Ich war wie vor den Kopf gestoßen. Intuitiv wusste ich, dass es hier nicht um eine kurze Auszeit ging, bis die erhitzten Gemüter sich wieder beruhigt hatten, sondern eine richtige Pause. Eine Pause von unserer Beziehung.

Zwei Tage nach unserem Streit, als sich alles wieder etwas beruhigt hatte, setzten wir uns zusammen und redeten miteinander, ganz ruhig und sachlich. Es lief schon länger nicht mehr richtig gut zwischen uns, aber, da waren wir uns einig, die Gefühle füreinander waren noch vorhanden. Somit war es für meinen Freund ausgeschlossen, dass wir Schluss machen würden.

Er wollte lediglich eine Auszeit haben, um sich neu zu sortieren und auch mir die Chance geben, dasselbe zu tun. Einer Beziehungspause stand ich zwar skeptisch gegenüber, weil es für mich gleichbedeutend mit einer richtigen Trennung war, doch am Ende des Tages willigte ich ein. Ich wollte ihn nicht verlieren, und er mich offensichtlich auch nicht.

Gemeinsam stellten wir ein paar Regeln auf, an die sich während der Probezeit ohne einander jeder von uns zu halten hatte. Wir einigten uns auf einen Zeitraum von sechs Wochen, in denen wir beide keinen Kontakt zueinander haben würden, und tun und lassen würden, was wir wollten, ohne auch nur im Kopf auf den anderen und seine Gefühle Rücksicht nehmen zu müssen.

Es war praktisch wie eine richtige Trennung. Zwar sprach es keiner von uns aus, aber es war klar, dass während dieser sechs Wochen auch Liebeleien und Sex mit anderen kein Tabu waren. Nach Ablauf dieser Frist wollten wir uns treffen. Mit der festen Absicht, unsere Beziehung wieder zu beleben und es noch einmal miteinander zu versuchen. Wir glaubten beide nicht daran, dass sich an unseren Gefühlen füreinander etwas ändern würde, und genau das war der Grund, warum auch ich in eine Trennung auf Zeit einwilligte.

Wenn ich ehrlich war, konnte ich ein wenig Raum für mich alleine auch sehr gut gebrauchen. Da wir zusammen wohnten, musste einer von uns vorübergehend ausziehen. Die Entscheidung fiel auf meinen Freund, weil die Idee einer Beziehungspause von ihm gekommen war und er einen guten Kumpel hatte, in dessen WG gerade ein Zimmer freigeworden war, das er kurzfristig beziehen konnte. Wir verbrachten noch eine letzte Nacht miteinander, bevor er am nächsten Tag einen Koffer mit dem Nötigsten packte und verschwand.

Die ersten Tage ohne ihn waren wirklich hart. Ich fragte mich ständig, was er machte, und ob es ihm auch so schlecht ging wie mir, oder ob er seine neu gewonnene Freiheit genoss und durch die Clubs zog, mit fremden Frauen flirtete und die Zeit seines Lebens hatte. Es fühlte sich an wie Liebeskummer, dabei war mir gar nicht das Herz gebrochen worden.

Ich wünschte mir, dass es ihm gut ging, aber gleichzeitig, dass er mich so vermisste, dass er einfach anrief und die selbst auferlegte Kontaktsperre brach, während ich eisern dagegen ankämpfte, nicht diejenige zu sein, die zum Hörer griff und ihm sagte, dass es eine schwachsinnige Idee war, sich auf Zeit zu trennen.

Nach einer Woche Herzschmerz raffte ich mich das erste Mal so richtig auf und tat all die Dinge, von denen ich wusste, dass sie meinen Freund an mir störten. Ich hörte die furchtbarste Popmusik, die die Welt je gehört hat, auf voller Lautstärke, sang dazu laut in meine Haarbürste und ließ meine Kaffeetassen dort stehen, wo ich nun mal am liebsten meinen Kaffee trank, auf dem Fußboden direkt vor der Heizung.

Ich verbrachte Stunden in der Badewanne, wo ich einfach nur herum lag und träumte, und klatschte mir mehr Make-up ins Gesicht als es eine Dragqueen jemals tun würde. Ich rief meine Singlefreundinnen an, die ich zugegebenermaßen etwas vernachlässigt hatte, und ging mit ihnen bis in die frühen Morgenstunden tanzen, arbeitete Dinge ab, die ich schon ewig vor mir hergeschoben hatte und begann, wieder Klavier zu spielen.

Bereits in der dritten Woche merkte ich, dass das Vermissen weniger wurde und dass ich irgendwie Gefallen an meinem „Single-Leben“ fand. An einem Abend knutschte ich sogar mit einem Fremden, und auch wenn es sich etwas komisch anfühlte, genoss ich es doch irgendwie. Im Laufe der Zeit fühlte ich mich immer freier – und hatte das Gefühl, wieder mehr bei mir selbst anzukommen.

Genau sechs Wochen nach seinem vorübergehenden Auszug meldete sich mein Freund wieder. Wir verabredeten ein Treffen an einem neutralen Ort, wo wir ungestört miteinander über die vergangene Zeit und unsere Gefühle sprechen konnten, ohne von Erinnerungen überflutet zu werden. Schließlich wollten wir die Sache neutral angehen, uns weder streiten, noch direkt im Bett landen. Die Wahl fiel schließlich auf einen Park.

Das Wiedersehen verlief zwar herzlich, aber wir beide spürten, dass zwischen uns eine gewisse Distanz herrschte. Insgeheim merkten wir wohl beide, worauf es hinauslaufen würde, wollten dem jeweils anderen aber auch nicht auf die Füße treten. Wir machten ein bisschen Smalltalk, kamen dann aber recht schnell zur Sache. Meinem Freund war es fast genauso ergangen wie mir. Nach anfänglichen Zweifeln und ein bisschen Liebeskummer hatte auch er eine Richtung eingeschlagen, die während unserer Beziehung irgendwie auf der Strecke geblieben war.

Obwohl wir zu Beginn unserer Pause noch der festen überzeugung waren, dass wir nach einer kurzen Auszeit wieder zueinander finden würden, war klar, dass unsere Partnerschaft hier zu Ende gehen würde. Nicht, weil wir uns nicht mehr möchten, sondern weil wir beide gemerkt hatten, dass wir doch noch nicht bereit dazu waren, uns zu binden. Zwar schlossen wir nicht aus, es irgendwann noch einmal zu versuchen, doch jetzt und hier war nicht die Zeit dazu.

Und das war es. Eine Woche später zog er aus. Wir blieben in losem, freundschaftlichen Kontakt, trafen uns ein paar Mal auf ein Bier, aber mehr war es auch nicht. Einige meiner Freundinnen meinten, die Beziehungspause wäre eine dumme Idee gewesen, und dass er und ich noch immer zusammen wären, wenn wir uns nicht vorübergehend getrennt hätten. Ich wage diese These anzuzweifeln. Vielleicht hätten wir noch ein, zwei Jahre mehr geschafft, aber so richtig glücklich wären wir vermutlich nicht damit geworden.

Von daher war es wohl die richtige Entscheidung, die Liebe für einen Moment auf Standby zu setzen, auch wenn ich das in jetzigen Partnerschaften anders handhaben würde. Ich glaube durchaus, dass es Paare gibt, die nach einer solchen Bewährungsprobe wieder zusammenfinden. Ich habe für mich aber auch gemerkt, dass ich nicht der Typ für so etwas bin. Und bevor ich noch einmal eine Trennung auf Zeit eingehen würde, eher Schluss machen würde.

Die Fotografie stammt von SingSing Wade Kim
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Kurze Haare, kleine Brüste: Ich liebe Tomboys

Als ich mit zwölf Jahren meine allererste, sogenannte, Freundin in unserem selbstgebauten Geheimversteck irgendwo unter Pappkartons, Rattengift und Industriepaletten den nackten, haarigen Arsch kraulte, wusste ich, was mich mein restliches Leben lang erwarten würde. Denn sie war keines dieser normal...
Kurze Haare, kleine Brüste: Ich liebe Tomboys

Kurze Haare, kleine Brüste

Ich liebe
Tomboys

Marcel Winatschek

Als ich mit zwölf Jahren meine allererste, sogenannte, Freundin in unserem selbstgebauten Geheimversteck irgendwo unter Pappkartons, Rattengift und Industriepaletten den nackten, haarigen Arsch kraulte, wusste ich, was mich mein restliches Leben lang erwarten würde. Denn sie war keines dieser normalen Mädchen, die irgendwann anfingen, sich wie wild Make-up aufs Gesicht zu knallen, zur Pediküre zu gehen und sich die Beine zu rasieren, sondern mein bester Kumpel. Seit etlichen Jahren schon.

Wir sprangen als Power Rangers über Erdsäcke, schlugen uns im Wald gegenseitig windelweich und schauten spät abends zusammen mit ihren kleinen Brüdern die ersten Pornos auf TM3, nur um ihr eigen Fleisch und Blut dann auszulachen und johlend die Treppe hinunter zu stoßen. Ich bewunderte Maria mit jeder Faser meines Körpers. Sie war mein erster Tomboy.

Drei Jahre später hatten wir dann das erste Mal Sex. Sie kam gerade vom Kellnern im Lokal ihrer Mutter hoch in ihr Zimmer, wir redeten die ganze Nacht. Über wahnsinnige Träume und die Zukunft und Xavier Naidoo. Ich streifte ihr mit einer Handbewegung den hellgelben Slip vom Körper und wühlte mich durch ihren behaarten Unterleib.

Ein guter Freund schlummerte grinsend daneben, der Vollmond schien ins Zimmer – wie romantisch das doch war. Dass sie mir ein Jahr später beichtete, sie sei ja eigentlich lesbisch und hätte sich schon im Kindergarten am liebsten von Liesl und Beate beim Mittagsschlaf umarmen lassen, hielt mich nicht davon ab, diese Liebe zu weiblichen Kumpeltypen fortzusetzen.

Tatsächlich stand ich noch nie auf nervige Tussis. Mit ihren Stöckelschuhen und Handtäschchen und glitzernden Lippen. Obwohl ich mit einigen von ihnen zusammen war. Zum Testen. Was ich wollte, waren Mädels mit Verstand. Und Direktheit. Und Sinn für’s Grobe. Ich mochte diejenigen, die statt Tangas Boxershorts trugen. Die sich auf Skateboards blutige Knie einheimsten, anstatt im Solarium zu verbrennen.

Die sich durchsetzen konnten und frech waren und eine eigene Meinung hatten und verdammt noch mal eher das Leben fickten, als sich davon penetrieren zu lassen. Die man als gute Freunde kennen lernte und die plötzlich mit prallen Titten und fertiger Muschi schmunzelnd vor einem standen, aber sich dennoch nicht verändert hatten. Und dann ausprobierten, was neu war. Wie mit Maria. Oder Anastasia. Oder Wenke.

Eine gute Freundin meinte einmal zu mir, dass ich auf diese Art von Mädchen stehe, weil ich ohne Vater aufgewachsen bin. Und dadurch versuche, mit allen Mitteln verlorene Autorität zurück zu holen. Mag sein, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass ich nichts mit Mädchen anfangen kann, die zu allem Ja und Amen sagen. Die unbedingt dem geltenden Schönheitsideal entsprechen müssen. Und die kichern und klimpern und niemals furzen oder grunzen oder schlagen. Wie öde. Dann kann ich auch mit einer Puppe zusammen sein.

Die schönsten und womöglich auch lehrreichsten Zeiten meines Lebens habe ich deswegen auch immer mit weiblichen Wesen erlebt, die eben mehr Kumpel als Freundin waren. Mit denen ich nachts um die Wette trinken und koksen und kotzen und grölen konnte, nur um sie anschließend auf dem Balkon durchnehmen zu dürfen, während Muse auf voller Lautstärke lief – weil es gerade Sommer war und die Stadt unter der Hitze zu zerschmelzen drohte. Die kleine, feste Brüste mit diesen wahnsinnig tollen, puffigen Nippeln hatten, weil Gott bis zur letzten Sekunde unentschieden war, welches Geschlecht er ihnen um seines Willen erteilen sollte. Und ich war ihm unendlich dankbar dafür.

Und die während des Sex erst einmal lautstark nebenan kacken gingen, nur um ein paar Minuten später grinsend zurück zu kehren, ihre abstrusen und verrückten Abenteuer auf dem Klo zu schildern und dann mit fettigem Salami-Sandwich und einer frisch geöffneten Flasche Bier im Mund weiter zu vögeln. Um anschließend selbst Fotos mit der miesen Digitalkamera vom Discounter von sich zu machen und am nächsten Tag an einen weiteren unserer Kumpel zu schicken. Das ist wahre Liebe, fernab von allen beschissenen Disney-Filmen und Bravo-Foto-Love-Storys und Bilderbuch-Ratgebern. Was für ein Dreck.

Also lebe ich mein Leben ganz normal weiter, schlafe ab und zu mit langweiligem Menschen, deren Geschichten schon tausend Mal erzählt worden sind, und hoffe insgeheim, dass ich mich irgendwann einmal richtig in einen vorlauten, durchgeknallten, anstandslosen, rülpsenden, furzenden, biertrinkenden, dreckig lachenden, ungeschminkten, kleinbrüstigen, selbstbewussten Kumpeltyp mit Sommersprossen und hübscher Scheide und verschmitzten Lächeln und abstrusen Erlebnissen verknalle, und umgekehrt, der keine Angst vor’m Leben hat und über jeden noch so hohlen Blondenwitz genau so widerlich lacht wie ich.

Der eine Vergangenheit zum Eintauchen hat. Mit Höhen und Tiefen und zum Niederknien tolle Lieblingsfilme und Lieder und sowieso. Der mehr Zeit mit anderen Jungs auf dem Fußballplatz als im Barbie-Traumhaus verbracht hat. Und der nun mal eine Sie ist, bei der man im ersten Augenblick weiß: Alter, mit der ist das ganze restliche Leben eine große Mischung aus Sex und Beer Pong und Großmäuler verprügeln und auf Reisen gehen und Autos anzünden und den Sonnenuntergang anhimmeln und Slipknot hören und Geld rauswerfen und Party machen und nackt im See planschen und sich gegenseitig Flaschen reinschieben und sich mit diesem ganz bestimmten Grinsen zulächeln, das man eben nur kennt, wenn man gerade seinen besten Freund fickt. Das ist das Beste. Am ganzen Leben. Versprochen.

Die Fotografie stammt von Daniel Apodaca
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Small Dick Problems: Der Club der kleinen Schwänze

Fast drei Monate lang hatte ich einen Freund mit einem kleinen Penis. Steffen, ein 28-jähriger Werbekaufmann, und ich haben uns auf der Abschiedsfeier eines Kumpels kennengelernt, der gemeinsam mit seiner Verlobten für ein Jahr auf Weltreise durch Südamerika, Asien und Australien ging. Beim alkoh...
Small Dick Problems: Der Club der kleinen Schwänze

Small Dick Problems

Der Club der
kleinen Schwänze

Daniela Dietz

Fast drei Monate lang hatte ich einen Freund mit einem kleinen Penis. Steffen, ein 28-jähriger Werbekaufmann, und ich haben uns auf der Abschiedsfeier eines Kumpels kennengelernt, der gemeinsam mit seiner Verlobten für ein Jahr auf Weltreise durch Südamerika, Asien und Australien ging.

Beim alkoholbedingten Fummeln auf dem Beifahrersitz seines Autos dachte ich noch, dass er dank Bier, Schnaps und viel zu viel Wodka einfach keinen Ständer mehr bekam, als ich mit meiner Hand in seiner geöffneten Hose herum tastete und nur eine weiche Fleischmasse und Haare fühlte. Ein paar Abende später wusste ich es dann allerdings besser: Er hatte schlichtweg einen kleinen Schwanz. Einen sehr kleinen.

„Kleine Schwänze sind für Arschficks da“, sagte einmal meine gute Bekannte Miri zu mir. Also machten Steffen und ich von dieser Lebensweisheit in der doppeldeutig kurzen Beziehung massiv Gebrauch. Aber nachdem meine rosarote Brille langsam verblich und ich noch so sehr auf Steffen herumrutschen konnte, ohne wirklich Spaß daran zu haben, beendete ich die Beziehung.

Das lag allerdings nicht nur an Steffens Minipenis, sondern auch an der Tatsache, dass ich schnell merkte, dass ihm seine genetisch bedingt winzige Männlichkeit das komplette Selbstbewusstsein, das er auf der Party noch dank Alkohol und guter Laune hatte, nahm. Am Ende war Steffen einfach nur noch eine weinerliche Klette mit einem kleinem Schwanz. Und mit dieser Mischung konnte ich beim besten Willen nichts anfangen.

Im Onlineforum „Small Dick Problems“ auf Reddit plaudern Jungs mit kaum sichtbarem Gemächt über genau solche Probleme. Wie überleben in einer Welt, in der Typen mit riesigen, pochenden Fleischpeitschen in von Testosteron getriebenen Herden auf die Jagd nach femininem Fickvieh gehen? Wie dem süßen Mädchen seiner Träume klar machen, dass man schon drin ist, egal, wie oft sie nun fragt? Welche Tipps in Sachen Schambehaarung und Zurechtzupfen gibt es, um das Stäbchen zumindest visuell zum Stab zu machen? Und helfen teure Penispumpen, schwere Gewichte und dubiose Tabletten aus dem Internet wirklich dabei, dass aus dem Zweig endlich ein Stamm wird?

„Wir haben uns das Leben mit einem kleinen Schwanz nicht ausgesucht, sondern umgekehrt“ ist der offizielle Slogan dieses Forums, in dem sich schlecht ausgestattete Typen gegenseitig Mut machen. „Ich kann einfach nicht mehr hören, dass es nicht auf die Größe ankommt“, schreibt darin ein User. „Meine Freundin macht sich in SMS mit anderen Typen über meinen kleinen Schwanz lustig“, ein anderer. Und: „Ich habe einem Mädchen ein von ihr gewünschtes Penisfoto geschickt und seitdem nichts mehr von ihr gehört. Was soll ich nur machen?“

Aber es gibt auch gute Nachrichten. Von Männern, die trotz oder gerade wegen eines extrem kurzen Glieds die große Liebe gefunden haben. Von Mädchen, die aus einem Fetisch für kleine Penisse eine wahre Leidenschaft gemacht haben und dem anderen Geschlecht damit den ein oder anderen sexuellen Gefallen tun. Und von Paaren, die gerade ihr erstes Kind bekommen haben. Denn egal ob kurz oder lang, ob dünn oder dick, ob krumm oder gerade: Irgendwo da draußen gibt es ein Mädchen, das die passende Muschi für genau dieses Gerät hat. Man muss sie nur finden…

Small Dick Problems
Die Fotografie stammt von Charles Deluvio
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Adieu, Einsamkeit: Ich bin endlich kein Single mehr

Nicht nur, dass ich mich in den letzten Wochen ziemlich aus dem Staub gemacht habe, nein, auch vom derzeit überquellenden Singlemarkt bin ich klammheimlich verschwunden. Schwupp, weg war sie, also ich. Zügelt jetzt bitte eure Enttäuschung und verschiebt eure Selbstmordversuche auf später, auch ihr w...
Adieu, Einsamkeit: Ich bin endlich kein Single mehr

Adieu, Einsamkeit

Ich bin endlich
kein Single mehr

Carolin Schütz

Nicht nur, dass ich mich in den letzten Wochen ziemlich aus dem Staub gemacht habe, nein, auch vom derzeit überquellenden Singlemarkt bin ich klammheimlich verschwunden. Schwupp, weg war sie, also ich. Zügelt jetzt bitte eure Enttäuschung und verschiebt eure Selbstmordversuche auf später, auch ihr werdet irgendwann darüber hinwegkommen. Und wer sich aus lauter Verzweiflung gleich mal als Blumenkind vormerken lassen will, der schreibt uns doch bitte einen Leserbrief, damit wir euch in die jetzt bereits stattfindende Hochzeitsplanung packen können.

Aber so kommt es, dass man bemerkt, wie sehr einen der eine Mensch einfach vollkommen macht, die gute, bessere Hälfte des eigenen Ichs eben. Die Person, mit der man lachen und weinen kann, die einen zum Ausrasten bringt und man sich doch wieder freut neben ihm aufzuwachen. Der einen Liebe gibt und gleichzeitig der beste Kumpel ever ist.

Man erlebt Momente, in denen man mit seiner imaginären Kopfcam tausende Bilder macht, damit diese bloß nicht irgendwann aus dem Kleinhirn verschwinden, in denen man die Welt anhalten möchte, dass dieser Augenblick nie vergeht. Jede Sekunde mit diesem Menschen genießen und durchleben – egal ob tiefste Trauer oder der scheinbar glücklichste Zustand im Leben.

Man malt sich seine gemeinsame Zukunft, wie in einem bunten Malbuch, aus und rätselt gemeinsam, wie scheiße und faltig man denn in 50 Jahren aussehen wird. Man streitet sich über irrelevante, belanglose Kleinigkeiten, um im Endeffekt voneinander zu lernen und sich dann wieder in die Arme nehmen zu können und sich die berühmten drei Worte vor dem Schlafengehen ins Ohr zu hauchen.

Ich weiß, das alles hört sich an, als hätte ich gerade fünf rosarote Brillen übereinander auf und zusätzlich noch ein paar Ich-könnte-die-ganze-Welt-umarmen-Pillen eingeschmissen habe, aber das habe ich schon lange beiseite gelegt und kann durchaus überzeugt und realistisch sagen, jepp, meine Damen und Herren, ich habe meinen Traummann gefunden, mit dem ich irgendwann kleine Gnome züchten und auf Gnomisland glücklich und bis ans Ende unserer Tage leben werde. „We come to love not by finding a perfect person, but by learning to see an imperfect person perfectly.“ Wie recht Sam Keen doch hat.

Die Fotografie stammt von Alex Iby
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Ausgespannt!Deine Freundin ist jetzt meine Freundin

Ich lernte Katha auf einer typischen Bauernparty am Rande meiner Heimatstadt kennen. Sie war groß, sie war hübsch, ihre langen schwarzen Haare wehten im nach billigen Bier und angekotzten Ecken riechenden Wind. Natürlich hatte sie einen Freund. Seit drei Jahren. Den Ferdinand. Der irgendwo bei der B...
Ausgespannt!Deine Freundin ist jetzt meine Freundin

Ausgespannt!

Deine Freundin ist
jetzt meine Freundin

Marcel Winatschek

Ich lernte Katha auf einer typischen Bauernparty am Rande meiner Heimatstadt kennen. Sie war groß, sie war hübsch, ihre langen schwarzen Haare wehten im nach billigen Bier und angekotzten Ecken riechenden Wind. Natürlich hatte sie einen Freund. Seit drei Jahren. Den Ferdinand. Der irgendwo bei der Bundeswehr war. Soldat. In der Kaserne. Oder im Krieg. Auf jeden Fall nicht hier. Bei ihr. Sein Pech.

Mein von Geburt an zu klein geratenes Gewissen schaltete um auf Fernsehgarten, als wir unseren johlenden Freunden um drei Uhr nachts den Rücken kehrten, um in der Wohnung ihrer etwas geistig behinderten großen Schwester die Sau raus zu lassen und uns beim einfallenden Mondlicht und etwas lallend ewige Liebe zu schwören. Darauf gleich noch einen.

Am nächsten Morgen platzte die Anzeige meines Handys. “Du hast dem Ferdi die Freundin ausgespannt? Alter…” war da zu lesen. “Du Held!”, sagten die einen, “Du Arsch!” die anderen. “Viel Glück!” ihre beste Freundin. Und damit meinte sie nicht unbedingt das Wohl unserer neu entfachten Liebe, sondern eher mein Körperliches. Denn Ferdi… naja, sagen wir es mal so: Selbst Betonwände sind für ihn kein Hindernis.

Ich könnte euch jetzt erzählen, wie ich ein paar Tage später seinen Fängen und dem im Anschlag gehaltenen Maschinengewehr, das wahrscheinlich eher ein krumm geratener Stock war, aber bei panischen Erlebnissen fantasiert man sich ja gerne etwas zusammen, nur knapp entkam, in Boxershorts zur nächsten Bushaltestelle rannte und eine verrückte Blumenlady um zwei Euro anbettelte.

Und wie der Hobby-Rambo heulend bei Katha anrief, um ihr seine ewige Liebe zu gestehen, und irgendwas von Hochzeit und Kindern stammelte und danach fast Selbstmord verübte, weil sie lachend auflegte und mir anschließend Nacktfotos von sich und ihrem Lieblingsteddy schickte. Aber das ist nicht der Rede wert, hielt unsere Beziehung doch gerade einmal drei Wochen.

Die Frage, die mich seit dieser einschneidenden Geschichte beschäftigt, eigentlich nicht so sehr, weil ich mein Gewissen irgendwann gegen vermeintlichen Internetruhm tauschte und sowieso in der Hölle landen werde, ist, wie schlimm es nun wirklich ist, einem anderen Menschen die Freundin auszuspannen? Wenn es ihr doch in der anderen Beziehung sicherlich ganz, ganz schlecht geht. Oder man sie viel, viel mehr liebt, als es der andere jemals könnte? Oder man einfach scheiße geil auf sie ist?

Oder sollte man sich der gesellschaftlichen Wut über das Thema ergeben und einfach abwarten, bis die Natur, oder in diesem Fall die Unbeständigkeit jedes Einzelnen, die Sache erledigt, damit man gleich nach der Trennung zuschlagen und die sexy Schulter zum Ausheulen bieten kann? Andererseits würde man mit einer aktiven Zerstörung einer anderen Beziehung die Sache doch nur beschleunigen, oder etwa nicht?

Ich habe Katha nach unserer Blitz-Liaison nur zwei Mal wieder gesehen. Beim ersten Mal erzählte sie mir von einer spontanen Analsexparty im Jeep ihres damaligen Chefs und seiner Freundin, beim zweiten Mal verkündete sie stolz auf dem Tisch einer Kneipe, dass Ferdi und sie im darauffolgenden Frühjahr in der kleinen Kapelle im Wald heiraten würden. Ich freute mich für die beiden. Ganz ehrlich.

Die Fotografie stammt von Lauren Richmond
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Luo Yang: Geschichten aus China

Dass wir beide im selben Jahr geboren sind, verbindet uns, Luo Yang und mich. 1984. Ich mache mir über Politik nicht viele Gedanken, erzählt sie mir, als ich sie nach dem Land frage, in dem sie lebt. Und ich glaube auch nicht, dass sie einen Einfluss auf meine Arbeiten oder mein Leben hat. Ich kü...
Luo Yang: Geschichten aus China

Luo Yang

Geschichten
aus China

Marcel Winatschek

Dass wir beide im selben Jahr geboren sind, verbindet uns, Luo Yang und mich. 1984. „Ich mache mir über Politik nicht viele Gedanken“, erzählt sie mir, als ich sie nach dem Land frage, in dem sie lebt. „Und ich glaube auch nicht, dass sie einen Einfluss auf meine Arbeiten oder mein Leben hat. Ich kümmere mich lieber um Menschen um mich herum, obwohl deren Leben natürlich von Politik beeinflusst wird. Ein wenig.“

Ai Weiwei ist ein Pionier und Künstler, den ich sehr respektiere“, antwortet sie auf meine Frage nach dem chinesischen Rebell, den die Welt kennt und liebt. „Aber wir stammen aus zwei verschiedenen Generationen. Seine Arbeiten beruhen mehr auf der Gesellschaft und der Politik, ich hingegen sorge mich eher um die Emotionen der Menschen um mich herum. Seine Probleme konfrontieren mich deswegen nicht direkt.“

Ich frage nach dem vor einigen Jahren verstorbenen Ren Hang. „Er war ein guter Freund von mir. Ich habe kurz vor ihm mit dem Fotografieren begonnen und wir trafen uns auf einer meiner Ausstellungen im Jahr 2009, als er noch nach seinem eigenen Stil suchte. Seine Beharrlichkeit und Anstrengung haben sich gegen die strenge chinesische Realität durchgesetzt und ihm die Aufmerksamkeit des Westens eingebracht.“

Wird Rens doch sehr offensive und alternative Kunst etwas in China und der Welt hinterlassen, frage ich Luo. „Es ist schwer zu sagen, ob er China zum Besseren verändert hat, aber zumindest hat er mehr chinesischen Künstlern und jungen Menschen den Mut und die Kraft gegeben, ihr wahres Selbst zu verfolgen, und Menschen aus dem Westen die junge Generation Chinas näher zu bringen. Ren war ein mutiger Mann.“

Ich erzähle Luo, dass ich Mian Mian liebe. „Ich weiß, dass ihre Bücher im Westen sehr bekannt sind, aber ich kenne sie nicht besonders gut. Sie ist eine der Pioniere, die mit ihren Erfahrungen und ihrem Körper schreiben. Wir haben ein paar gemeinsame Freunde und ich kenne ihr frühes, wildes Leben. Die Mädchen, die ich fotografiere, teilen einige Gemeinsamkeiten mit ihr. Sie sind mutig, jung, verloren und schön.“

„Die chinesische Generation der Achtziger Jahre ist in einer Kluft gefangen,“ antwortet Luo, als ich sie nach unserem gemeinsamen Geburtsjahr frage. „Wir haben die traditionellen Kulturen unserer Vorgänger übernommen und leben seit der Öffnung des Landes im Konflikt mit uns selbst. Wir wollen freier sein, werden aber von unseren Familienwerten zurückgehalten. Ich kenne westliche Gleichaltrige nicht allzu gut, doch im Grunde sind wir alle gleich. Wir teilen alle die gleichen Emotionen und Probleme, unabhängig von geografischen und kulturellen Unterschieden.“

Eine letzte und fast schon klischeereiche Frage habe ich dann aber doch noch. Was möchte Luo den Deutschen über China und seine junge, neue Generation mitteilen? „Ich arbeite nun bereits seit über zehn Jahren als Fotografin und habe große Veränderungen gesehen, was die Generation der Achtziger und Neunziger angeht. Die neue Generation scheint entspannter und treuer gegenüber sich selbst zu sein.

Und weil China sich in jeder Sekunde weiter entwickelt und verändert, wird es immer mehr und mehr junge, interessante Menschen geben. Vielleicht haben das Internet und die sozialen Medien die Welt näher zusammengebracht. Kommt nach China und lernt das Land und die Jungen besser kennen!“

Luo Yang Luo Yang Luo Yang Luo Yang Luo Yang Luo Yang Luo Yang Luo Yang Luo Yang Luo Yang Luo Yang Luo Yang Luo Yang Luo Yang Luo Yang Luo Yang Luo Yang Luo Yang Luo Yang Luo Yang Luo Yang Luo Yang Luo Yang Luo Yang Luo Yang Luo Yang Luo Yang Luo Yang Luo Yang Luo Yang
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Knete, Koks und Currywurst: Die Sache mit den Promipartys

Wenn du dich mitten in der Nacht auf einer Veranstaltung wieder findest, auf der dir an neun Ständen der Alkohol kostenlos in zahlreichen Variationen und ‘ne Currywurst obendrauf ins Gesicht gespritzt werden und dir operierte Z-Promis ihre überdimensionierten Brüste um die Ohren hauen, dann heißt da...
Knete, Koks und Currywurst: Die Sache mit den Promipartys

Knete, Koks und Currywurst

Die Sache mit den Promipartys

Marcel Winatschek

Wenn du dich mitten in der Nacht auf einer Veranstaltung wieder findest, auf der dir an neun Ständen der Alkohol kostenlos in zahlreichen Variationen und ‘ne Currywurst obendrauf ins Gesicht gespritzt werden und dir operierte Z-Promis ihre überdimensionierten Brüste um die Ohren hauen, dann heißt das entweder, dass du es in Berlin wirklich geschafft hast – oder dass du einfach sehr gut im Reinschmuggeln bist.

Bei einer dieser jährlich stattfindenden Musikindustrieevents verschlug es mich zur Geisterstunde an einen geheimen Ort (Ewerk, Mauerstraße 78 – 80, 10117 Berlin), zu einer geheimen Party (European Music & Media Night), die von einem bekannten deutschen Automobilkonzern (Volkswagen) veranstaltet wurde und auf der nur die wichtigsten Leute (Indira Weis) der wichtigsten Firmen (RTL II) der wichtigsten Branchen (Gartenbau) umher tanzten. Und ich mittendrin. Etwas angeheitert.

Ich quatschte mit Wilson Gonzales Ochsenknecht über unsere feuchtfröhliche Zeit auf einem Festival in Österreich, mit Bonnie Strange über Vorbilder und Freundschaften und mit zahlreichen Musikmanagern über den Tod und das Wiederauferstehen des Business im Allgemeinen.

Pro-Tipp: In einem Satz fünfmal das Schlagwort “Business” erwähnen und ihr steigt im Ansehen des Gesprächspartners um 56 Prozent. Jedes Mal. Übertreibt es aber nicht, denn mit erhöhtem Alkoholpegel will euch plötzlich jeder groß rausbringen. Egal welchen Geschlechts oder sexueller Orientierung ihr angehört oder ob der Mensch gegenüber eigentlich nur die Klos bei Universal putzt.

Die Bande an sich ist ein illustrer Haufen von sympathischen Wichtigtuern. Die Promis regen sich über andere Promis auf, Musikleute über andere Musikleute, alle gemeinsam über Karl-Heinz aus BottropKirchhellen, der es durch ein zwielichtiges Gewinnspiel in der Superillu auf die Feierei geschafft hat und im Sekundentakt Hannelore zu Hause anruft, um sie darüber zu informieren, wen er in der letzten Minute alles an vermeintlichen Berühmtheiten gesehen hat. “Hier, die eine aus dem Dschungelcamp, Hannelore, die mit den großen Titten! Mit der stand’sch an der Bar!”

Catering-Firmen und Barkeeper wissen aber eines schon längst: Stars sind auch nur Menschen. So prügeln sie sich um zwei Uhr morgens zu H-Blockx in den viel zu kleinen Nebenraum, werfen die Gläser und Flaschen im Sekundentakt durch die Gegend, wahrscheinlich nur, um den draußen in Massen wartenden Paparazzi eine Freude zu bereiten, und stellen sich brav in einer siebzig Meter langen Schlange quer durch den Club an, um ein bisschen Brötchen mit roter Sauce zu bekommen. Wie kurz nach’m Krieg war das.

Irgendwann hatte ich dann aber auch mal die Schnauze voll von halbnackten, sich schweißig an meinem Astralkörper reibenden Koks-Models und Soap-Darstellerinnen, ließ mich mittels Stage-Diving zu meiner neonblauen Jacke der Unterdrückung tragen und verließ dann ohne Goodie-Bag und ohne Pierre “Ich Musikmanager aus Leidenschaft, du meine Muse” Koslowski das Getümmel.

Danke noch mal an die Band, deren Namen ich schon wieder vergessen habe, aber die mich todesmutig in ihrem Gitarrenkoffer hineingeschmuggelt hat, und an Bruno, den überkorrekten Türsteher, dem ich kurz lasziv zugeleckt habe und der den Rest des Abends keine Fragen mehr stellte. Gott schütze euch!

Die Fotografie stammt von
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Super Nintendo: Die beste Konsole der Welt

Als ich zwölf Jahre alt war, rief ich am Samstag Vormittag bei einer Kindersendung des österreichischen Fernsehens an, weil die nette Frau und eine sprechende Handpuppe ein Super Nintendo verlosten, inklusive Donkey Kong Country. Und einen Game Boy – in grün – packten sie auch noch oben drauf. Ich e...
Super Nintendo: Die beste Konsole der Welt

Super Nintendo

Die beste Konsole
der Welt

Marcel Winatschek

Als ich zwölf Jahre alt war, rief ich am Samstag Vormittag bei einer Kindersendung des österreichischen Fernsehens an, weil die nette Frau und eine sprechende Handpuppe ein Super Nintendo verlosten, inklusive Donkey Kong Country. Und einen Game Boy – in grün – packten sie auch noch oben drauf. Ich erriet, dass der Löwe in dem Bilderätsel fehl am Platz war und gewann. Das war der schönste Tag meines Lebens. Wirklich. Das war der schönste Tag meines Lebens.

Mein Super Nintendo und ich waren unzertrennlich. Nicht nur, dass allein der pure Besitz mich zu einem beliebteren Kind in der Schule und meinem Freundeskreis machte, ich liebte und lebte jedes einzelne Spiel, das ich in meine Hände bekam. An jedem Wochenende fuhren meine Mutter und ich auf einen anderen Flohmarkt, um einen Schatz nach dem anderen nach Hause zu holen. Irgendwann kannte ich die dubiosen Verkäufer, die dort herum standen – und sie kannten mich.

Nintendo war für mich nicht nur irgendeine japanische Firma, die eben zufällig auch Videospiele herstellte, Nintendo war meine Religion. Super Mario World, The Legend of Zelda – A Link to the Past oder Starwing katapultierten mich in fremde Welten, von denen ich heute noch träume. Ich saß da und spielte. Ich spielte und ich spielte und ich spielte.

Während ich heute The Witcher, Grand Theft Auto oder Skyrim einlege und mich immer wieder frage, ob ich gerade wirklich nichts Besseres oder Sinnvolleres zu tun habe, als mich hier in virtuelle Abenteuer zu flüchten, zum Beispiel Geld verdienen oder mir eine Frau suchen oder ein Haus bauen, kannte ich dieses Gefühl damals nicht.

Und genau darum beneide ich mich heute selbst. Ich zockte Secret of Mana, Yoshi’s Island oder Chrono Trigger nicht einfach nur – ich kannte diese Spiele in- und auswendig. Und mit auswendig meine ich, dass ich wirklich jeden Charakter, jeden Pixel, jeden Winkeln, jede Abkürzung, jeden Bug, jeden Gegner kannte – und liebte.

Wenn ich einmal nicht weiter wusste, dann legte ich nicht einfach das nächste Spiel ein, so wie heute, sondern ich kaufte mir Zeitschriften, in denen Tipps und Tricks und manchmal ganze Karten drin waren, oder rief bei der Nintendo-Hotline an, die verlorenen Kindern wie mir weiterhalfen. Das Internet gab’s nicht. Nur mich und was auch immer da im Weg stand.

Und wenn ein Spiel zu Ende war, dann war das noch lange nicht das Ende. Ich spielte es noch mal und noch mal und noch mal. Allein und mit Freunden. Und noch mal. Jump’n’Runs, Autorennen, ja, sogar Rollenspiele. Wenn ich alles, was dieses Modul zu bieten hatte, herausgepresst hatte, dann steckte ich es in ein Action Replay und cheatete das Teil in andere Sphären.

Spazierte ich am Anfang von Zelda durch die Wände, um zu sehen, was die Dorfbewohner sagen, wenn ich dort noch vor dem ersten Kampf auftauchte? Na klar! Warpte ich mich in Lufia durch die Ahnenhöhle und in Terranigma durch NeoTokyo? Auf jeden Fall! Musste ich Chrono Trigger drei Tage lang am Stück durchspielen, weil ich durch den Adapter nicht speichern konnte? Oh yeah! Bereue ich auch nur eine Sekunde, die ich vor dieser Konsole verbracht habe? Auf keinen Fall!

Tatsächlich, und diese Meinung hat sich in den letzten Jahren immer mehr manifestiert, ist das Super Nintendo das Beste, was der Menschheit jemals passiert ist. Alles, was davor war, war grafisch zu schlecht, um wirklich in die Welten eintauchen zu können, alles, was danach kam, sah zu gut aus, um die Fantasie noch wirklich anzuregen.

Und ich gehe sogar noch einen Schritt weiter und sage: Die bunte Pixeloptik und der 16-Bit-Sound des Super Nintendos sind der absolute Höhepunkt der Videospielgeschichte. Denn die technischen Grenzen der Konsole waren der perfekte Rahmen für jeden Entwickler, um das kreativste Optimum aus den Spielen herauszuholen – wenn sie es denn konnten.

Heute setze ich mich vor ein Call of Duty, ein The Last of Us oder ein Assassin’s Creed. Und ich habe nicht das Gefühl, wirklich ein Spiel zu spielen, sondern von einer Cutscene zur nächsten getrieben zu werden. Als wären Level keine Level mehr, sondern nur noch ein Übel, um eine verwässerte Geschichte zu erzählen, die so jedem Kinoverleih zu peinlich gewesen wäre.

Jede technische Errungenschaft der vergangenen Dekaden, ob von Sony oder von Microsoft und sogar von Nintendo, werden relativiert, wenn man auf einer Party ist und Super Mario Kart einlegt. Oder Super Bomberman 2. Oder Super Street Fighter II. Pixel werden zu Universen, Sprites werden zu Charakteren, Chiptunes zu Hymnen. Und dann geht’s ab.

Ich kann mir heute keinen Titel auf der PlayStation, auf dem Nintendo 64 oder auf der Dreamcast angucken, ohne mich ehrlich zu fragen, wie wir diese schlecht aufgelöste Dreiecksorgie jemals wirklich erleben konnten, ohne uns lachend zu übergeben. Aber setzt mich vor ein Star Ocean, ein Super Probotector oder ein Parodius und ich verspreche euch, euer Herz schlägt höher, eure Hände greifen intuitiv zum Controller – und euer Abenteuer beginnt im nächsten Augenblick.

Wie viele andere aus meiner Generation glaubte auch ich, dass die nächste Konsolengeneration, nach dem Super Nintendo, nur noch heilvoller werden konnte. Das Club Nintendo Magazin und die Total! beschmissen uns regelrecht mit nicht zu glaubenden Informationen über das Nintendo 64. Also verkaufte ich mein Super Nintendo, und alles, was ich liebte, um genügend finanzielle Mittel für mein persönliches Upgrade zu haben. Nintendo wusste eben, wie ich zu verführen bin. Der Hype wirkte.

Ich möchte nicht sagen, dass ich meine Zeit mit dem Nintendo 64 bereue. The Legend of Zelda – Ocarina of Time & Majora’s Mask, Banjo-Kazooie oder Super Smash. Bros waren Erfahrungen, die ich nicht missen möchte. Aber wenn ich heute nachts wachliege, dann denke ich an mein Super Nintendo. Und alles, wofür es stand.

Seit einigen Wochen verbringe ich meine Freizeit nun in Facebook-Gruppen, auf denen Konsolen, Spiele und Zubehör getauscht und verscherbelt werden. Manchmal für viel, manchmal für wenig Geld. Und ja, ich bin kurz davor, jemand zu werden, der genügend neue Konsolengenerationen miterlebt hat und jetzt sagt: Nope, das wird nicht mehr besser.

Vielleicht rede ich mir auch nur alles ein. Womöglich befinde ich mich gerade in einer ausgewachsenen Quarterlife Crisis, in der man alles von früher besser findet, verklärt, verfälscht, subjektiv. Vielleicht werde auch ich bald zu einem alten Mann, der auf der Fensterbank lehnt und Kinder anbrüllt, weil die nicht wissen, wie toll es damals war. Die kleinen, nichtsnutzigen Scheißer.

Als ich zwölf Jahre alt war, rief ich am Samstag Vormittag bei einer Kindersendung des österreichischen Fernsehens an, weil die nette Frau und eine sprechende Handpuppe ein Super Nintendo verlosten, inklusive Donkey Kong Country. Und einen Game Boy – in grün – packten sie auch noch oben drauf. Ich erriet, dass der Löwe in dem Bilderätsel fehl am Platz war und gewann.

Das war der schönste Tag meines Lebens. Wirklich. Das war der schönste Tag meines Lebens. Und jetzt wünsche ich mir nichts Sehnlicheres, als wieder zwölf zu sein und zum ersten Mal in die kunterbunten Welten meines Super Nintendos abtauchen zu dürfen.

Die Fotografie stammt von Korie Cull
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500 Days of Summer: Ein Liebesfilm, der gar keiner ist

In Menschen, die das Leben luftig leicht nehmen, sich an nichts binden möchten und denen die geistige und körperliche Freiheit das höchste Gut ist, verliebt man sich am schnellsten und hofft, während der sanften Berührungen, des ersten Kusses und des umwerfenden Sex, dass man diese eine Person im Le...
500 Days of Summer: Ein Liebesfilm, der gar keiner ist

500 Days of Summer

Ein Liebesfilm,
der gar keiner ist

Marcel Winatschek

In Menschen, die das Leben luftig leicht nehmen, sich an nichts binden möchten und denen die geistige und körperliche Freiheit das höchste Gut ist, verliebt man sich am schnellsten und hofft, während der sanften Berührungen, des ersten Kusses und des umwerfenden Sex, dass man diese eine Person im Leben ist, für die man alle Vorsätze über Bord wirft, sich zu Liebesschwüren hinreißen lässt und mit dem man den Rest seines jämmerlichen Daseins verbringen möchte. Doch das geht meistens schief. Denn was haben wir bereits sehr früh gelernt? Einer ist Ernie, der andere immer Bert.

500 Days of Summer mit der bezaubernden Zooey Deschanel und dem dauerverträumten Joseph Gordon-Levitt ist ein luftig leichter Film über genau diese Art von absolut aussichtsloser Liebe zwischen einem Schmetterling und dessen Fänger, der im steten Wandel das Auf und Ab, die Höhen und Tiefen und die ständig sterbende und wieder auferweckte Hoffnung aufzeigt, mit der man in diesem Zusammenspiel der Schicksalsschläge zu kämpfen hat.

Unterlegt mit dem tollsten Soundtrack seit gefühlten Ewigkeiten, dem richtigen Gleichgewicht zwischen Komödie und Drama und sympathischen Charakteren, in die man sich sofort hinein versetzt fühlt, haben meine Schaubekanntschaft und ich Tränen gelacht, stumm in uns hinein geweint und jeden zweiten Dialog laut mit “Schlampe” kommentiert. Der perfekte Film also für jedes erste Date, über einen Liebesfilm, der gar kein Liebesfilm ist.

Die Fotografie stammt von Fox Searchlight Pictures
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Generation One-Night-Stand: Tinder hat uns die große Liebe geklaut

Es ist einer dieser typischen Donnerstagabende, als ich mich nach der überaus anstrengenden Arbeit mit meiner an der einen Seite etwas zu braunen Tiefkühlpizza aus dem billigen Supermarkt von gegenüber neben meine Mitbewohnerin aufs Sofa setze, das mit der Pizza ist halb so schlimm – als Student leb...
Generation One-Night-Stand: Tinder hat uns die große Liebe geklaut

Generation One-Night-Stand

Tinder hat uns die
große Liebe geklaut

Anne Müller

Es ist einer dieser typischen Donnerstagabende, als ich mich nach der überaus anstrengenden Arbeit mit meiner an der einen Seite etwas zu braunen Tiefkühlpizza aus dem billigen Supermarkt von gegenüber neben meine Mitbewohnerin aufs Sofa setze, das mit der Pizza ist halb so schlimm – als Student lebt man schließlich nur von Luft und Liebe.

Da Letzteres in dieser Wohnung aktuell wohl nur in Form vom Schnurren der Katze vorhanden ist, sitzt meine Mitbewohnerin seit einer Stunde vor dem Fernseher, das Kissen umschlungen wie einen potentiellen Partner, und sieht sich auf dem wohl liebsten Privatsender der Deutschen „Doctor’s Diary“ an – Gretchen Haase in ihrem erbittertem Kampf um die große Liebe.

Wobei hier jedem halbwegs intelligenten und aufmerksamen Menschen nach maximal fünf Minuten klar ist, mit wem die moderne Version einer hoffnungslosen, blonden Romantikerin am Ende zusammen sein wird, ohne an dieser Stelle nun eure absolute Lieblingsserie spoilern zu wollen, Jugendschwarm und die große Liebe ihrer Träume: Marc Meier. Genau. Der.

Das einzig Realistische an der Serie ist wohl nur, dass sich die weiblich wohlgeformte Hauptdarstellerin zu jedem erdenklichen Zeitpunkt mit Schokolade tröstet. Pünktlich zum nächsten Werbeblock meldet sich das Smartphone mit lauten Tönen zu Wort, eine kurze, maximal drei Seiten lange, SMS, ja es gibt noch Leute die SMS schreiben, einer Freundin darüber, wie grausam ihr wohl hundertstes Date mit einer Onlinebekanntschaft war. Nie wieder würde sie so etwas machen. Das ist eine glatte Lüge.

Dank unzähligen Apps wie Tinder, Lovoo und Co. geht das Stalken, Liken und Treffen heute so schnell wie noch nie. Dabei denken wir nur noch selten an die überaus schwierigen Zeiten zurück, in denen man eine Facebook-Freundschaftsanfrage an eine Person, die man nicht direkt kannte oder zu den eigenen Freunden zählte, sogar noch mehr als recht begründen musste bzw. sich erst einmal in ein bis zwei Nachrichten vorstellte, um nicht als der totale Creep verschrien zu werden.

Inzwischen reichen also ein bis fünf mehr oder weniger freizügige Bilder, ein kurzer, müder Blick und eine schicksalshafte Wischbewegung aus, um zu entscheiden, wer ein potentieller Partner, für nur eine Nacht oder womöglich etwas länger, wäre. „Willkommen im Kaufhaus – Welches unserer vielfältigen Modelle hat ihnen denn am meisten zugesagt?“

Unsere überaus verwöhnte und undankbare Generation hat wohl das ambivalenteste Verhältnis zur Liebe, das man sich vorstellen kann. Einerseits träumen wir alle, ohne Ausnahme, von diesem einen, ganz besonderen Menschen und wollen die große Liebe, diese eine, die für immer oder zumindest bis zum selbstverursachten Lungenkrebs anhält.

Andererseits konsumieren wir einander, suchen immer nach der besten Option, wenn nicht alle Punkte auf der inneren Checkliste stimmen, sodass unser Leben wie geplant weiterläuft. Kein Kurzstopp in Love-City, um den Plan neu zu schreiben, ziehen wir weiter, wischen wieder nach links, bis uns der nächste potentielle Traumpartner auf dem kleinen Display anlächelt. Wer auch nur ansatzweise schwierig erscheint, wird gelöscht. So etwas können wir gerade wirklich nicht gebrauchen.

Um die Enttäuschung nach dem nächsten gescheiterten Date zu überwinden, trifft man sich dann freitags zum Kino, ein Muss in einer solchen Situation, natürlich der neueste Film von Schweiger oder Schweighöfer, Kerle die selbst keine Rollenvorbilder sind, was die ewige und große Liebe betrifft, erzählen einem in der gefühlt hundertsten Version der selben Story, wie groß und mächtig dieses Gefühl doch sei und dass man auch jeden Mist bauen darf, denn die große Liebe verzeiht einem das schon.

In der kalten und überaus unfairen Realität, auch bekannt als die echte Welt, gilt selbst heutzutage eben nicht das gütige Motto „Das Zimmermädchen und der Millionär“, sondern eine frostige Wahrheit namens „Der Adel heiratet immer in den gleichen Kreisen“, auch wenn wir allesamt seit William und Waity Katie vom märchenhaften Happy End träumen dürfen.

So laufen wir weiter durch die Gegend, auf der Suche nach etwas, dass man nicht wie ein paar billige Schuhe im Schlussverkauf finden kann, nicht auf Knopfdruck mit dem Prince Charming vom grell leuchtenden Werbeplakat auf der anderen Seite der Straße bestellen kann. Nicht, dass wir kein Happy End wollten, wir haben nur teilweise verlernt, wie man eines bekommt.

So verlangen wir vollstes und zweifelsfreies Vertrauen, lassen uns aber gleichzeitig unser eigenes in den Anderen nehmen, von Statusanzeigen – wer, wann, wo zuletzt online war, unsere Nachricht gelesen, aber (noch) nicht beantwortet hat. Wir wollen den Kontrollverlust, das Ungewisse, vermeiden, bei einem Gefühl, das jedoch genau diese Dinge mit sich bringt.

Und wenn wir mal ehrlich sind, ist es doch das, was wir wollen, jemanden treffen und das Gefühl zu haben, nicht mehr Herr oder Herrin unserer selbst zu sein, den ganzen Tag grinsend wie ein Honigkuchenpferd durch die Stadt laufen, von pfeifenden Vögeln und herunter fallenden Rosen umgeben, alles rosa und süß und frei und hoffnungsvoll. Wie schön!

Vielleicht ist es also mal wieder an der Zeit, die an Dramatik übersteigerte Komödie im Kino oder Zuhause in der DVD-Packung, das Smartphone und die App voll mit hübschen Männern und Frauen, und allem, was womöglich dazwischen liegt, in der vorgewärmten Hosentasche zu lassen, bis man es dann braucht, um sich die Nummer vom netten Kerl aus der Getränkeabteilung des Supermarktes oder der Bar, den man vorher natürlich nicht googlen konnte, zu speichern.

Denn seien wir doch alle an dieser Stelle mal ehrlich: Es ist doch auch viel schöner, auf die Frage „Und wo habt ihr euch kennen gelernt..?“ mit einer wahren Geschichte zu antworten. Und nicht mit einer, die man sich erträumt hat. Dann muss man auch nicht mehr die Donnerstagabende mit seiner soapguckenden Mitbewohnerin und der schnurrenden Katze verbringen.

Die Fotografie stammt von Igor Starkov
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Japanische Popmusik: Lieder aus einer fremden Welt

Als ich mit Anfang 20 endlich meinen Führerschein machte und mit dem knallroten Seat Ibiza meiner Mutter durch die Straßen meiner bis nach oben hin zugeknöpften Heimatstadt düste, kreuz und quer, immer hin und her, da dröhnte aus meinen Lautsprechern kein Hip Hop, kein Techno und auch kein Wolfgang...
Japanische Popmusik: Lieder aus einer fremden Welt

Japanische Popmusik

Lieder aus einer
fremden Welt

Marcel Winatschek

Als ich mit Anfang 20 endlich meinen Führerschein machte und mit dem knallroten Seat Ibiza meiner Mutter durch die Straßen meiner bis nach oben hin zugeknöpften Heimatstadt düste, kreuz und quer, immer hin und her, da dröhnte aus meinen Lautsprechern kein Hip Hop, kein Techno und auch kein Wolfgang Petry. Nein. Es war die damals recht neue Single einer japanischen Popmusikerin.

Kumi Koda hieß sie. „Butterfly“ war der Song. Meine damalige Freundin, die zusammengekauert auf dem Beifahrersitz saß, schämte sich in Grund und Boden, als wir am örtlichen Eiscafé, an der Schule, am Freibad vorbei düsten. Mit „Butterfly“ in voller Lautstärke. Dass sie mich danach noch mal rangelassen hat, dürfte als eines der mysteriösesten Weltwunder der Menschheitsgeschichte gelten.

Natürlich macht es absolut keinen Sinn, dass ich japanische Musik höre. Ich bin kein Japaner und kann auch kein Japanisch. Egal, wie sehr ich es mir manchmal wünsche und viele Japanischkurse ich schon über mich ergehen lassen habe. Und glaubt mir: Es waren etliche.

Meine Lehrer sind schier an mir verzweifelt. Grüße gehen raus an Herrn Hasegawa, an Frau Takeda und an Herrn Sugimoto. An Frau Ikeda, an Frau Takahashi und an Frau Watanabe. An Herrn Fujiwara, an Herrn Noguchi und an Frau Yokoyama. An Frau Ota, an Frau Sato und an Herrn Suzuki. Und an Frau Maier-Dümpfelstetter.

Nach rund 20 Jahren und unzähligen Japanischstunden kann ich an guten Tagen bis sieben zählen, „Kokoro“ für Herz von „Kodomo“ für Kinder unterscheiden und ganz laut „Hajimemashite, watashi wa Maruseru desu!“ für „Hallo, mein Name ist Marcel!“ rufen. Das war’s. Wirklich.

Man müsste meinen, nach all den japanischen Animes, Comics, Serien, Filmen, Konzerten, Büchern, Dramen, Videospielen und gefühlt hunderttausenden Liedern müsste ich etwas mehr können. Aber nein. Selbst für meine große Liebe, der japanischen Popkultur, bin ich noch zu faul, allen Ernstes Japanisch zu lernen.

Vielleicht ist das aber auch gar nicht so verkehrt. Ich habe in meinem Leben genügend Japanstudenten getroffen, die ihr Hobby zur Berufung machen wollten, und mit jedem frisch erlernten Wort weniger Lust darauf hatten, auch noch irgendetwas Japanisches zu konsumieren.

Womöglich, weil man dann erst wirklich merkt, dass Japan eben auch nur ein stinknormales Land mit Problemen, Langeweile und einer, relativ, durchschnittlichen Unterhaltungsindustrie ist. Wie Deutschland. Oder Amerika. Oder Rumänien.

Es würden sich nicht jedes Jahr hunderte Japaner von strategisch überraschend gut platzierten Brücken, Hochhäusern und Bahnhöfen stürzen, wenn die Nation im fernen, fernen Osten so toll wäre, wie es in K-On! dargestellt wird. Und das, obwohl die Serie quasi eine rundum glaubwürdige Dokumentation über den schulischen Alltag junger Heranwachsender im Land der aufgehenden Sonne ist.

Doch davon bekomme ich, aufgrund meiner vollkommenen mentalen Blockade, auch nur noch irgendeine weitere Bedeutung eines japanisches Wortes in mein Gehirn aufzunehmen, nichts mit. Für mich klingt alles Japanische toll. Alles ist wundervoll. Alles hat etwas Magisches.

Wenn ihr bei Jacques aus irgendeinem Pariser Vorort feucht werdet, der euch in übelstem französischem Akzent nach dem Weg zum nächsten öffentlichen Klo fragt, dann hat bei mir Japanisch eben diesen Effekt. Was sagst du da, kleine Japanerin? Dein Hund hat Warzen am Sack? Kawaii!

Ich bin dieser typische, fette, dem ersten Herzinfarkt immer etwas zu nahe 08/15-Nerd, der Japan für das Mekka der evolutionären Kreativität hält und alles, wo auch nur ein japanisches Schriftzeichen drauf steht, obwohl er es nicht einmal von einem Chinesischen unterscheiden könnte, auf einer vollkommen unnatürlich hohen Ebene der Obsession zelebriert.

Schon bald werde ich mir Kuschelkissen mit kindhaft wirkenden, halbbekleideten Waifus, die in Wahrheit natürlich tausendjährige Vampirköniginnen sind, darauf kaufen. Nur noch mit Sake beträufelten Reis essen. Und meinen Namen offiziell in Marcel-san ändern.

Wenn musikalische Götter wie Hikaru Utada, Scandal oder Asian Kung-Fu Generation in die Tasten, Saiten und Mikrofone hauen und brüllen und schmettern und klimpern, dann höre ich keine ausgelutschten Texte über Liebe, Schmerz und Freiheit. Ich höre den Puls von Tokio. Die Vibration von Osaka. Die Stimme von Kyoto. Und manchmal auch den Furz von Düsseldorf.

Bei Liedern wie „First Love„, „Secret Base“ oder „Rewrite“ kann ich mir meine eigenen Geschichten im Kopf zusammen reimen. Mir meine persönlichen Abspänne vorstellen. Mir mein Leben am anderen Ende der Welt herum fantasieren.

J-Pop versprüht die gleiche Art von Magie, die man als Kind hatte, wenn man englischsprachige Songs im Radio hörte und noch nicht verstehen musste, was für ein Schwachsinn darin besungen wurde. „Can you blow my whistle baby, whistle baby?“ Äh, nein danke, lieber nicht?

Natürlich könnte ich mir die Übersetzungen eben dieser Lieder im Internet heraussuchen. Aber das wäre sehr dumm. Dann wüsste ich ja, dass meine kreativen Helden, die ich höre, seitdem auf irgendeiner Sailor-Moon-Soundtrack-CD ein japanisches Lied drauf war und meinen Geschmack für immer so, nennen wir es mal, alternativ gemacht hat, dass ich jetzt keine Freunde mehr habe, auch nur die gleiche, mit Poprock untermalte Hirnscheiße von sich geben, wie Helene Fischer, Revolverheld und die Toten Hosen. Nur eben auf Japanisch. Und dann kann ich mich ja auch gleich aufhängen.

Dennoch würde ich an dieser Stelle behaupten, dass J-Pop das beste Musikgenre ist, das die Menschheit jemals hervor gebracht hat. Jazz ist tot. Hip Hop ist murmelig. Selbst der ansonsten überall gefeierte K-Pop kann nur noch bunt und sonst nichts.

Japanische Popmusik hingegen ist melodiös, emotional und überzeugt durch eine unfassbare Kraft, die man ansonsten nur erlebt, wenn man einmal aus Versehen auf einer Animeconvention zwischen verschwitzten, mit zwei bis sieben Canon-Spiegelreflexkameras bewaffneten Weebs und einer als Rem aus Re:Zero verkleideten Sechszehnjährigen steht.

Denn wenn man nicht auf den Text achten muss, sondern nur auf die musikalische Darbietung im Ganzen, dann bemerkt man erst, welche Raffinesse, welches Können, welche klangvolle Perfektion viele japanische Künstler in ihre vollkommen authentische Arbeit stecken. Und ich kann das mit Fug und Recht behaupten, bemerken und bewerten. Schließlich habe ich 63 Jahre lang Musikgeschichte studiert. Auf der Monduniversität.

Womöglich hat J-Pop mich auch einfach kaputt gemacht. Weil die in ihren knapp vierminütigen Liedern gern acht verschiedene Musikgenres, drei Orchester und eine aus vollem Hals schreiende Sängerin vermischen, umrühren und den Epikschalter auf 11 hochdrehen. So dass man meinen könnte, das Universum explodiert gleich, während Gott stirbt und im Hintergrund der Chor der Keio Girls Senior High School weint.

J-Pop, das sind die Hymnen meiner kleinen, eigenen, verkorksten Welt. Der japanischen Musikindustrie ist es egal, ob ich die Lieder höre oder nicht. Die Stars verehre oder nicht. Die Musikvideos schaue oder nicht. Sie werden mir nicht durch Fernsehwerbung und Radioslots und Newsletter vermarktet. Ich existiere nicht für sie. Ich kann mir ihre Bedeutung selbst zusammen reimen. Weiß nichts von ihren Skandalen oder Problemen oder Gerüchten.

J-Pop, das ist eine riesige, persönliche Playlist. Nur für mich. Weil alle anderen sie scheiße finden. Deren emotionale Bandbreite für alle meine Lebenslagen etwas bereit hält. Zum Tanzen. Zum Lachen. Zum Weinen.

Egal, ob sie mich an traurige Animefolgen erinnern oder an die aufwühlende Hintergrundmusik in Videospielen oder an Liebeskummer oder an meine ersten Minuten am Flughafen Narita, als ich durch das „Welcome to Japan“-Banner in eine Welt voller kultureller, technologischer und menschlicher Wunder trat. J-Pop ist immer für mich da und stopft ein wenig das Fernwehloch, das ich in meinem kleinen, ständig genervten und gelangweilten Herzen habe.

Natürlich ist J-Pop nicht cool. Selbst Japaner finden J-Pop nicht cool. Als ich bei einem Picknick im Yoyogipark einmal erwähnt hatte, dass ich AKB48 mag, durfte ich den Rest meiner Japanreise allein verbringen.

Weil anscheinend im Staatsfernsehen ein zu jeder vollen Stunde wiederholter Bericht über mich lief, in dem sie die Bevölkerung vor mir warnten und sagten, dass man sich lieber von mir fern halten solle. Ein Gaijin, der auf AKB48 steht und das auch noch öffentlich zugibt? Wenn Sie diesen wandelnden Hentai sehen, lassen Sie alles fallen! Inklusive Ihrer Kinder und Haustiere. Und laufen Sie um Ihr nacktes Leben!

Coole Japaner mögen schwedische Indiebands, amerikanische Rapper und britische DJs. Aber auf keinen Fall einen Haufen zugekleisterter Yukis von nebenan, die schmierige Zuhältermanager zusammen in eine sogenannte Band geworfen haben und nun so lange zu poppiger Tanzmusik auf und ab und hin und her hüpfen lassen, bis irgendetwas in ihnen zerbricht.

Weil ihnen klar wird, dass nur übergewichtige Büroangestellte mittleren Alters sie feiern und gleichzeitig besteigen wollen. Und sie anschließend, nach ihrer oft vom Abrasieren der Haare und Heulen vor Fernsehkameras begleiteten Sinnkrise, durch jüngere Modelle ersetzt werden. Andererseits ist das wahrscheinlich in der gesamten Unterhaltungsindustrie so. Überall. Auf der ganzen Welt.

Und wenn man sich Interviews von japanischen Bands und Musikern anschaut, dann ist da kein Stolz zu sehen, auf das, was sie geschaffen haben. Keine Überheblichkeit. Nicht einmal ein Hauch von Selbstbewusstsein. Sondern eher das genaue Gegenteil.

Ein kollektives Entschuldigen dafür, dass man für so einen Lärm verantwortlich ist, der fälschlicherweise von Plattenfirmen auch noch als Musik tituliert und verkauft wird. Als müssten sie sich dafür schämen, dass sie ihrem Traum gefolgt sind. Anstatt die Zementfabriken ihrer Väter zu übernehmen, wie es sich für waschechte japanische Nachkömmlinge gehört. Schließlich haben sie Schande über Otosan gebracht. Schande!

Nicht einmal sie selbst scheinen J-Pop zu mögen. Aus welchem Grund auch immer. Aber vielleicht ist das auch einfach nur die japanische Zurückhaltung und Höflichkeit, die in jedem noch so vor Individualität mangelndem Reisebericht klischeehaft bewundert und gefeiert wird. Ganz scheu sind sie nämlich. Die Japaner. Alle Japaner. Da gibt es keinerlei Ausnahmen. Das weiß nun doch wirklich jedes Kind.

Womöglich bin ich aber auch einfach seltsam. Also, nicht im coolen Sinn. Oh Gott, auf keinen Fall im coolen Sinn. Sondern eher im „Sollen wir ihn gleich einweisen oder noch zwei Wochen warten?“-Sinn. Wenn ich auch nur einen Takt eines x-beliebigen Mark-Forster-Gedenkthemas im Radio höre, möchte ich auf der Stelle zum Massenmörder mutieren.

Aber setzt mich mit voller Lautstärke vor ein zehnstündiges „Die besten Anime-Titellieder von 1980 bis heute“-YouTube-Video und ich werde gleichzeitig verhungern und verdursten. Weil ich einfach nicht ausschalten kann. „A Cruel Angel’s Thesis“ ist halt einfach auch ein Banger.

Mir ist vollkommen bewusst, dass ich mit dieser Offenbarung jegliche Chance auf zukünftigen Geschlechtsverkehr für immer vertan habe. Aber ich kann einfach nicht mehr so tun, als würde ich Leute wie Billie Eilish, Lizzo oder Lil Nas X gut finden. Es geht einfach nicht. Ihre Lieder. Ihre Geschichten. Ihre Gedanken. Sie bedeuten mir einfach nichts. Rein. Gar. Nichts.

Stattdessen sitze ich hier, schließe genüsslich meine Augen und höre Perfume und Kyary Pamyu Pamyu und Babymetal. Wie sie über „Sekai“, „Dokidoki“ und „Hanabi“ singen. Und ich bin glücklich. Obwohl, oder vielleicht sogar weil, ich kein einziges Wort verstehe.

Japanische Popmusik: Lieder aus einer fremden Welt Japanische Popmusik: Lieder aus einer fremden Welt Japanische Popmusik: Lieder aus einer fremden Welt Japanische Popmusik: Lieder aus einer fremden Welt Japanische Popmusik: Lieder aus einer fremden Welt Japanische Popmusik: Lieder aus einer fremden Welt Japanische Popmusik: Lieder aus einer fremden Welt Japanische Popmusik: Lieder aus einer fremden Welt Japanische Popmusik: Lieder aus einer fremden Welt Japanische Popmusik: Lieder aus einer fremden Welt
Die Fotografie stammt von Kitty
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Battle Royale: Der beste Teeniefilm der Welt

Damals, im Jahr 2002, war das Internet nicht nur unglaublich langsam, sondern wurde auch nach Minute abgerechnet. Der einzige richtige Film, den ich mir damals illegal durch FrostWire zog, weil das ungefähr zwei Tage lang dauerte und wahrscheinlich mehr kostete als eine Monatsrente, war Battle Royal...
Battle Royale: Der beste Teeniefilm der Welt

Battle Royale

Der beste Teeniefilm
der Welt

Marcel Winatschek

Damals, im Jahr 2002, war das Internet nicht nur unglaublich langsam, sondern wurde auch nach Minute abgerechnet. Der einzige richtige Film, den ich mir damals illegal durch FrostWire zog, weil das ungefähr zwei Tage lang dauerte und wahrscheinlich mehr kostete als eine Monatsrente, war Battle Royale. Ich musste ihn unbedingt sehen, nachdem irgendwo ein überaus blutiger Trailer aufgeploppt war.

Die Story ist schnell erklärt: Eine japanische Schulklasse wird auf einer verlassenen Insel ausgesetzt, um sich dort gegenseitig mit Pistolen, Schwertern und Pfannen die Köpfe einzuschlagen. Derjenige, der überlebt, darf zurück zu seiner Familie. Die anderen… naja… sind tot. Battle Royale ist ein Gedankenexperiment, das aufzeigt, was passiert, wenn Liebende und Freunde plötzlich zu Feinden werden.

Der YouTuber Nerdwriter geht sogar noch einen Schritt weiter. In seinem Video erklärt er, warum Battle Royale der beste Teeniefilm aller Zeiten ist. Er gehe nämlich an die Grenzen des mentalen Spektrums und würde dokumentieren, an welchem Punkt sich Psychen ändern, logische über emotionale Entscheidungen siegen und Menschen ihre gesellschaftliche Normung bekämpfen. Und es geht um Liebe. Um die erste, große Liebe.

Battle Royale: Der beste Teeniefilm der Welt
Die Fotografie stammt von Toei
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Stilvolles Erwachsenwerden: Modeblogs haben mich gerettet

Mein Name ist Jana und bin Modebloggerin von Beruf. Nein, war Modebloggerin, bevor mir ein eigenes Buch dazwischen kam und ich einfach keine Zeit mehr fand, meinen Modeblog zu pflegen. So ein Blog bedeutet nämlich verdammt viel Arbeit, zumindest dann, wenn man ihn gut machen will, ich meine, mit ver...
Stilvolles Erwachsenwerden: Modeblogs haben mich gerettet

Stilvolles Erwachsenwerden

Modeblogs haben
mich gerettet

Jana Seelig

Mein Name ist Jana und bin Modebloggerin von Beruf. Nein, war Modebloggerin, bevor mir ein eigenes Buch dazwischen kam und ich einfach keine Zeit mehr fand, meinen Modeblog zu pflegen. So ein Blog bedeutet nämlich verdammt viel Arbeit, zumindest dann, wenn man ihn gut machen will, ich meine, mit vernünftigen Fotos und Texten, die ein bisschen mehr aussagen als „Kauft diesen Nagellack, denn er ist toll!“

Und seien wir ehrlich: Dem wurde ich schon lang nicht mehr gerecht. Weil mir schlicht und ergreifend die Zeit fehlte. Die Muse. Eine vernünftige Kamera. Und jemand, der mich regelmäßig in meinen Outfits fotografierte, und wenn es nur um ein kurzes „Das bin ich in meiner liebsten Jogginghose“-Portrait ging. Naja, und dann kam mir eben noch dieses Buch dazwischen. Minusgefühle. Ein Buch über mein Leben mit einer depressiven Erkrankung. „Ein wichtiges Buch“, sagt man zu mir, „ein Projekt, das viel mehr Mehrwert schafft als ein Modeblog es jemals könnte.“

Ich gab also den Blog auf und widmete mich einer „Mission“, also dem Kampf gegen die Stigmatisierung von psychisch Erkrankten, wobei ich das Wort „Mission“ niemals selbst benutzt habe. Es wurde mir so in den Mund gelegt. „Was du jetzt machst, ist wichtig“, sagt man zu mir und „Sei froh, dass du die Chance hast, dich jetzt richtigen Dingen widmen zu dürfen, statt nur eine dieser zahlreichen Modebloggerinnen zu sein, die den Mädchen da draußen ein falsches Bild vom Leben vermitteln und die echten Probleme unter den Tisch kehren.“

Jeder vernünftige Mensch weiß, dass niemandes Leben so aussieht wie auf den perfekt inszenierten Instagram-Bildern oder lernt eben genau das mit fortschreitendem Alter. Dass auch eine Chiara Ferragni schlechte Tage hat, an denen sie beschissen aussieht, sich die Seele aus dem Leib kotzt und heult, weil in ihrem Leben auch nicht alles richtig läuft. Nur, weil gewisse Thematiken verschwiegen werden, weil sie beispielsweise nichts auf einem Modeblog zu suchen haben, heißt es nicht, dass sie nicht da sind und man sich damit nicht im Privaten, ganz allein für sich, auseinander setzt.

Ein Mensch ist mehr als nur ein Blog, und was er nach außen trägt oder nicht, ist immer noch ihm selbst überlassen. Nur, weil jemand nur über Schminke und Klamotten redet, ist er nicht automatisch ein schlechter Mensch, der kein Gespür für „die Realität“, „das echte Leben“ hat. Genauso wie nicht jeder, der sich mit Aktivismus und großzügigen Spenden brüstet automatisch gut ist und keinen Wert auf sein Äußeres legt.

Es gibt sehr wohl Modeblogs und YouTube-Kanäle, die mehr Inhalte transportieren als “Kauf das, das ist gut!” Und selbst diejenigen, die nichts anderes tun, als schöne Kleidung und hübsches Make-Up vorzustellen, haben ihre Daseinsberechtigung und vermitteln eine Botschaft. Auch wenn diese vielleicht erst auf den zweiten Blick deutlich wird. Man braucht sich als junges Mädchen, als Frau, nicht für seine Vorliebe für eben diese Dinge zu schämen. Modeblogs können Inspiration sein. Freizeitbeschäftigung. Ein Ausgleich zu der Welt da draußen, die eben nicht immer so fluffig pink ist wie die Lidschatten, die man im Internet so präsentiert bekommt.

Und habt ihr eigentlich mal an die ganzen Transfrauen dort draußen nachgedacht? Die, die dank unserer intoleranten Gesellschaft noch immer dazu gezwungen sind, sich über Schminktechniken im Internet zu informieren, statt einfach in die nächste Drogerie zu gehen und sich dort beraten zu lassen? Oder die Jungs und Männer, die sich für schöne Kleidung und Make-Up interessieren? Sei es, weil sie sich selbst gerne schminken oder einfach auf der Suche nach einem schönen Geschenk für die Freundin, Mutter oder kleine Schwester sind?

Woher wollt ihr denn wissen, dass all diese Dinge, die auf solchen Kanälen vermittelt werden, nicht ihren ganz eigenen und durchaus als wertvoll anzusehenden Teil zum Leben beitragen? Mir ist durchaus bewusst, dass es bei Modeblogs gewisse Sachen gibt, die man kritisch hinterfragen muss. Wie bei allen anderen Themen, die so Tag für Tag durchs Netz gespült werden eben auch.

Aber wann ist es denn okay geworden, speziell jungen Mädchen ein eigenes Denkvermögen abzusprechen? Erinnert ihr euch noch daran, wie das damals war, als eure Eltern alles für euch entschieden, weil sie euch eine eigene Meinung, ein eigenes Denken und eigene Handlungen gar nicht zugetraut haben? Das fanden wir alle scheiße! Und jetzt tun wir, genau hier, im Netz, das Gleiche mit der Generation, die nach uns kommt.

Als ich meinen Modeblog gestartet habe, damals im Februar 2008, war ich jung und dumm. Ich konsumierte fast meine komplette Jugend lang, ohne nachzudenken, ohne zu hinterfragen, was ich tat, schminkte mich zu viel, trug wirklich hässliche Klamotten, einfach weil sie „in“ waren und fing irgendwann an, das mit dem Netz zu teilen. Aus einer Leidenschaft heraus, die auf dem Dorf, aus dem ich komme, kein anderer mit mir teilte.

Doch irgendwann, ein paar Jahre später, hat es bei mir Klick gemacht und ich habe angefangen, mich ernsthaft mit meinem Konsumverhalten auseinander zu setzen – nicht obwohl, sondern gerade weil ich Modeblogs las und selbst auch einen schrieb. Dazu hat es niemanden gebraucht, der mir gesagt hat, was richtig und was falsch ist. Also niemanden außer mir selbst. Ich musste da erst reinwachsen, ganz für mich allein, musste älter werden und reifer, um gewisse Dinge zu begreifen, wie bei jedem anderen Thema auch.

Ich für meinen Teil war immer froh, dass es so etwas wie Modeblogs gab. Ganz egal, ob dort nur Outfits gezeigt wurden, neue Produkte vorgestellt oder exzellent recherchierte, konsumkritische Texte geschrieben wurden. Es war für mich immer Inspiration und Lehre zugleich – und zwar auf eine Art und Weise, wie es kein Fashion- oder Lifestylemagazin jemals geschafft hat.

Durch meinen eigenen Blog lernte ich, meine Meinung zu formulieren – eine Sache, die beispielsweise in der Schule viel zu oft zu kurz kommt. Ich lernte fotografieren und entdeckte so ein neues Hobby, das ich auch heute noch, wo ich selbst nicht mehr blogge, so gut wie oft zu pflegen versuche. Ich begriff, was Kritik eigentlich bedeutet und wie man am besten damit umgeht und sie annimmt. Ich hab mich selbst mit, aber auch durch den Blog ein großes Stückchen weiter entwickelt. In eine Richtung, die ich für mich eigentlich ziemlich gut finde.

Modebloggerin zu sein oder Modeblogs zu lesen hat mir ernsthaft nie geschadet – also lasst die jungen Leute da draußen einfach machen und sich für Kleidung und Make-Up interessieren, lasst sie YouTube-Videos gucken, lasst sie die falsche Schminke kaufen, ihre eigenen Blogs starten und vielleicht sogar ihr Geld damit verdienen. Das ist nämlich alles gar nicht so schlecht, wie ihr immer glaubt. Und außerdem: Wenn ihr Modeblogs oder Beauty-Channel auf YouTube für das größte Problem haltet und ihren „Mehrwert“ bemängelt, habt ihr euch in eurer viel zitierten „echten Welt“ noch nicht richtig umgesehen. Aber das nur am Rande.

Die Fotografie stammt von Kristina Petrick
Der Text erschien in der Kategorie Mode mit den Themen
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Benee: Die moderne Popprinzessin

Benee selbst ist keineswegs an den Begriff des Genres gebunden - oder an irgendeine Kategorisierung sowie Regeln in diesem Bereich. Ich mag eklektische, zufällige Vibes, erzählt die junge Sängerin aus Neuseeland uns. Das ist mein Ding mit allem. Mode und Kunst. Es ist irgendwie chaotisch. Sie is...
Benee: Die moderne Popprinzessin

Benee

Die moderne
Popprinzessin

Annika Lorenz

Benee selbst ist keineswegs an den Begriff des Genres gebunden – oder an irgendeine Kategorisierung sowie Regeln in diesem Bereich. „Ich mag eklektische, zufällige Vibes“, erzählt die junge Sängerin aus Neuseeland uns. „Das ist mein Ding mit allem. Mode und Kunst. Es ist irgendwie chaotisch.“ Sie ist eine Anomalie in der Popsphäre, wirklich anders als alle anderen. Ihre Authentizität ist sofort erkennbar.

„Ich tue nichts, was ich nicht tun will, weil es für mich keinen Sinn ergibt“, erklärt sie. Sie kleidet sich nicht, um zu beeindrucken, und sie hat keine Angst davor, einfach nur sie selbst zu sein: ein Kauz, unentschuldbarer Kiwi, sehr bescheiden und zurückhaltend. „Ich weiß nicht, ob ich mich jemals an den Erfolg gewöhnen werde, um ehrlich zu sein“, sagt sie. „Ich bin in diesem ständigen, überwältigenden Zustand, in dem alles sehr surreal ist.“

„In meiner Kindheit,“ sagt die aus Auckland stammende Musikerin, „fühlte ich mich ein bisschen seltsam, und es kam mir so vor, als wäre ich auf mich allein gestellt.“ Sie trieb Sport und versuchte sich in der Schule an Gitarre und Saxophon, aber die Musikkarriere von Benee begann erst wirklich, als sie vor ein paar Jahren von einem Produzenten im Internet entdeckt wurde.

Sie hatte eine Reihe von GarageBand-Covers aufgenommen, von Leuten wie Gnarls Barkley und Amy Winehouse, und sie „hauptsächlich für Freunde“ bei SoundCloud veröffentlicht. Schon bald fand sie sich in einem richtigen Studio wieder und nutzte die freie Zeit, die ihr in ihrem letzten Schuljahr zur Verfügung stand, um eine faszinierende Welt der Klänge und Worte zu erkunden und zum kleinen Popstar zu avancieren.

Bis zu ihrem großen Durchbruch jonglierte Benee in Abendschichten das Geschirr als Tellerwäscherin in einem Restaurant und in einer Pizzeria und tüftelte nebenher weiter an ihren Songs. Vor einigen Jahren brachte Benee ihren zweifellos eingängigen Hit Soaked heraus, der sofort zum viralen Erfolg wurde.

Es war eine Erleichterung, sowohl für Benee selbst als auch für ihren Entdecker. Der australische einflussreiche Radiosender Triple J begann, ihn zu spielen. „Ach du meine Güte, vielleicht habe ich ja die richtige Entscheidung getroffen“, dachte Benee noch, bevor sie endgültig ein Teil der modernen Popmusik wurde.

Benee: Die moderne Popprinzessin Benee: Die moderne Popprinzessin Benee: Die moderne Popprinzessin Benee: Die moderne Popprinzessin Benee: Die moderne Popprinzessin
Die Fotografie stammt von Imogen Wilson
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Spaß zu zweit: Ich liebe meine Mitbewohnerin

Ohne das Konzept Wohngemeinschaft wäre ich vermutlich schon lange tot. Jeder meiner vergangenen Mitbewohner rettete mir mindestens einmal das Leben. Egal ob ich den Gasherd anließ, mich in einer lauschigen Dezembernacht bei minus zwölf Grad Celsius in einem durchsichtigen Nachthemd aussperrte oder b...
Spaß zu zweit: Ich liebe meine Mitbewohnerin

Spaß zu zweit

Ich liebe meine
Mitbewohnerin

Lena Freud

Ohne das Konzept Wohngemeinschaft wäre ich vermutlich schon lange tot. Jeder meiner vergangenen Mitbewohner rettete mir mindestens einmal das Leben. Egal ob ich den Gasherd anließ, mich in einer lauschigen Dezembernacht bei minus zwölf Grad Celsius in einem durchsichtigen Nachthemd aussperrte oder beim Schlafwandeln eine Packung Erdnüsse aß, auf die ich nun mal mit Atemnot und einem raschen Anschwellen meines gesamten Kopfes reagiere. In letzter Sekunde kam immer der Mensch aus dem Zimmer nebenan, um mir zu Hilfe zu eilen.

Aber auch abgesehen von der Überlebenshilfe bringt das Zusammenwohnen viele Vorteile. Es ist billig, macht Spaß und es ist immer jemand da, dessen Kühlschrankfach gefüllt ist. Wobei das ja fast schon wieder unter Lebensrettung fällt. Außerdem finde ich es spannend, unterschiedliche Menschen und deren Lebensweisen kennenzulernen.

Ich liebe meine Mitbewohnerin abgöttisch. Wir haben den gleichen Modegeschmack, können ganze Abende damit zubringen über fette Mädchen in Röhrenjeans zu lästern und machen seit meinem Einzug vor einigen Monaten durchgehend die unterschiedlichsten Diäten, zwischen denen wir uns mit Schokolade und Kartoffelbrei vollstopfen, als gäbe es kein Morgen mehr.

Wenn ich abends nicht allein sein kann, macht sie eine Flasche Wein für uns auf, sie zwingt mich auszugehen, wenn ich Liebeskummer habe, und versichert mir am nächsten Morgen, dass der Typ, der mir eine falsche Telefonnummer gab, eine totale Hackfresse hatte. Eigentlich ist das alles ganz schön. Außer manchmal. Wenn ich sie töten möchte.

Weil sie nämlich genau die gleichen Klischeemacken hat, wie jeder andere Mitbewohner, mit dem ich bis jetzt das Vergnügen hatte. Alle haben sie eine Vorliebe für nächtliche Ruhestörung, eine Abneigung gegen das Spülen von Töpfen und Pfannen und obendrein leiden sie an chronischer Unfähigkeit, meine Lebensmittel von ihren eigenen zu unterscheiden.

Seitdem ich in WGs wohne, fühle ich mich bestens gerüstet für eine Zukunft als Mutter. Die wichtigsten Regeln für das Zusammenleben mit Mitbewohnern sind die gleichen, die auch für das Zusammenleben mit Kindern gelten. Erstens: Für Süßigkeiten, Alkohol und Drogen gibt es kein sicheres Versteck. Sie finden alles. Am besten schaffst du das Zeug gar nicht erst ins Haus. Zweitens: Sei um Gottes Willen ruhig beim Sex, wenn du nicht willst, dass sie irgendwann im Türrahmen stehen und schockiert zusehen. Drittens: Wenn sie am nächsten Morgen immer noch nicht da sind, besteht Grund zu Sorge. Immer.

Die auffälligste Gemeinsamkeit von Kindern und meiner Mitbewohnerin: Hinter dem süßen Kulleraugengesicht steckt ein unfassbares Zerstörungspotential. Ob sie nun gewaltsam den halbem Wasserhahn à la “Ich habe nur ganz normal zugedreht, ehrlich!” aus dem Waschbecken reißt, Telefonanschlüsse zerstört oder meinen ganzen Satz teurer Rotweingläser nach und nach beim Abspülen zerbricht.

Sie macht es nie absichtlich, aber dafür sehr konsequent. Aber das sind Dinge, über die man mit ein bisschen Übung hinwegsehen kann. Das regelmäßige „Wir haben übrigens deinen Wodka getrunken…“ ist dagegen nur schwer verzeihlich. Genauso wie die Tatsache, dass ich jeden zweiten Morgen kalt duschen muss, weil sie gerne mal drei Stunden lang das ganze warme Wasser verbraucht.

Wenn sie abends aus der Arbeit kommt, hat sie schlechte Laune. Wenn sie morgens aus dem Bett steigt auch. Und dazwischen sowieso. Ausserdem hat sie diese besondere Gabe, meinem Männerbesuch den Kopf zu verdrehen. Ich hasse es, wenn das passiert. Ständig muss ich die Pornofantasien meiner Freunde abkühlen, in denen wir mädchenhaft kichernd den ganzen Tag nackt durch die Wohnung tollen, und werde um das Privileg beneidet, sie morgens nach dem Duschen sehen zu dürfen.

In all diesen Momenten möchte ich mich an den Computer setzen und ein Wohnungsgesuch aufgeben. Nie wieder WG. Einfach mal Ruhe haben, nicht mehr das Stöhnen aus dem Nebenzimmer mit Hardcore-Musik übertönen müssen. In Hello-Kitty-Unterwäsche durch die Wohnung moshen, Slayer in einer angemessenen Lautstärke hören und nebenbei die Sexy Sport Clips im Nachtprogramm gucken. Endlich nackt und ungeschminkt auf dem Küchenboden sitzen und Nudelsuppe direkt aus dem Topf trinken, ohne dabei erwischt zu werden. Sturmfrei für immer. So stelle ich mir das wahre, das richtige Leben vor.

Naja, zumindest bis sie dann wirklich mal für ein paar Tage zu ihren Eltern fährt. Denn bereits nach 24 Stunden stelle ich fest, dass Misosuppe zum Frühstück allein irgendwie nur halb so gut schmeckt, dass es blöd ist, den sexy Nachbarn unten im Garten allein anzuschmachten und ich allein Angst im Dunkeln habe. Und in diesen Augenblicken wird mir bewusst, dass ich tatsächlich die Einzige bin, die das Privileg hat, zuzusehen, wie sie morgens, nach drei Stunden im Bad, nackt und nass aus der Dusche steigt. Fuck, so kann ich ihr einfach nicht böse sein.

Die Fotografie stammt von Womanizer WOW Tech
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Sonniger Liebeskummer: Sommerzeit ist Trennungszeit

Ja, es ist wieder Sommer und bekanntermaßen müssten sowohl das weibliche als auch das männliche Geschlecht zu dieser Jahreszeit vor Glückshormonen fast platzen. Doch komischerweise sind gerade in dieser Sommer-Sonne-Biergarten-Hochsaison etliche Beziehungen in meinem Bekanntenkreis zu Bruch gegangen...
Sonniger Liebeskummer: Sommerzeit ist Trennungszeit

Sonniger Liebeskummer

Sommerzeit ist
Trennungszeit

Carolin Schütz

Ja, es ist wieder Sommer und bekanntermaßen müssten sowohl das weibliche als auch das männliche Geschlecht zu dieser Jahreszeit vor Glückshormonen fast platzen. Doch komischerweise sind gerade in dieser Sommer-Sonne-Biergarten-Hochsaison etliche Beziehungen in meinem Bekanntenkreis zu Bruch gegangen. Ob es am Fremdflirten, den verdammt kurzen Röcken, den braungebrannten sexy Bierpacks oder doch vielleicht an mir liegt, ich weiß es nicht. Allerdings habe ich hier die ultimativen Tipps und Tricks, die das Vergessen leichter machen.

Zuerst kommt die Verdrängungs-Methode: Jeder Gedanke an den zu Vergessenden wird konsequent zur Seite geschoben. Hilfreich ist dabei das Zerreißen von Bildern des zu Vergessenden. Ferner ist Ablenkung in Form von Unternehmungen, Arbeit, Sport, Partys, Alkohol, aber nicht zu viel, kann nämlich zu unkontrollierbaren emotionalen Rückfällen führen, siehe den dritten Punkt, oder das Aufsuchen des anderen Geschlechts und des damit verbundenen „Wild herum Flirtens, bis sich die Balken biegen“ sehr förderlich.

Dann haben wir da die Miesmachmethode: Der zu Vergessende wird konsequent schlecht gemacht. Gut geeignet zur Durchführung dieser Methode sind eingeweihte, spitzzüngige Freundinnen, die den zu Vergessenden noch nie besonders schätzten.

Man erkennt sie unter anderem daran, dass man von ihnen des Öfteren den Satz „Der hat dich gar nicht verdient!“ zu hören bekam. Ferner nehme man ein möglichst unvorteilhaftes aufgenommenes Lichtbild des zu Vergessenden und entdecke darauf zahlreiche Makel. Sollte es wider Erwarten keine geben, was nicht sein kann, eignen sich diverse Bildbearbeitungsprogramme hervorragend zum Verunstalten der Vorlage.

Nun folgt die Alkohol-Methode, die auch als meine persönliche Lieblingsmethode bekannt ist: Aufkommende Gedanken an den zu Vergessenden werden konsequent in Alkohol ertränkt, vorzugsweise Bier. Kann bei mangelnder Übung allerdings voll nach hinten losgehen und die Sehnsucht nur noch verstärken. Am besten eine Testrunde im Beisein guter Freunde in der Sportkneipe nebenan durchführen. Da wird man schließlich sowieso nie wieder auftauchen.

Anschließend versuchen wir es mit der Aha-Effekt-Methode: Hierbei ist es erlaubt, sich so lange hemmungslos dem durch den zu Vergessenden verursachten Herzschmerz hinzugeben, bis der Stolz, sofern noch oder überhaupt vorhanden, aufbegehrt oder man über sich selbst lachen muss.

Sollte das, wider Erwarten, ebenfalls nichts bringen, hilft nur noch die Justiz-Methode: Man bombardiere den zu Vergessenden so lange und vehement mit Anrufen, SMS, WhatsApp-Mitteilungen, Emails, FacebookNachrichten, Geschenken, Briefen und ungebetenen Besuchen, bis einem eine einstweilige Verfügung des zuständigen Amtsgerichts verbietet, sich dem zu Vergessenden auf weniger als hundert Meter zu nähern beziehungsweise Kontakt mit ihm aufzunehmen. Mit etwas Glück, gegebenenfalls auch Verstand, tritt vorher der Aha-Effekt, siehe einen Punkt vorher, ein.

Und hat auch dieser Versuch nicht zur Lösung des Problems beigetragen, kommt nun die einzig konsequente Methode, die mir noch einfällt: Man teile dem zu Vergessenden ruhig und ohne Szene oder Drama mit, dass er aus diversen Gründen den Status eines zu Vergessenden erlangt hat. Man bittet ihn höflich, aber bestimmt und keine Widerrede duldend, sich nie wieder zu melden und sich rückstandslos aus dem Leben zu entfernen. Na dann, viel Spaß beim Vergessen, Verdrängen oder Neuverlieben, hihi.

Die Fotografie stammt von Everton Vila
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Digitale Hysterie: Shitstorms sind scheiße

Ich liebe das Internet. Ernsthaft. Ich könnte Stunden damit zubringen, mir Katzengifs und Bildern von Cheeseburgern auf Tumblr reinzuziehen oder das Hitler-Spiel auf Wikipedia zu spielen. Ihr wisst schon, das, bei dem man auf einen zufälligen Artikel klickt und dann versucht, so schnell wie möglich...
Digitale Hysterie: Shitstorms sind scheiße

Digitale Hysterie

Shitstorms
sind scheiße

Nadine Kroll

Ich liebe das Internet. Ernsthaft. Ich könnte Stunden damit zubringen, mir Katzengifs und Bildern von Cheeseburgern auf Tumblr reinzuziehen oder das Hitler-Spiel auf Wikipedia zu spielen. Ihr wisst schon, das, bei dem man auf einen zufälligen Artikel klickt und dann versucht, so schnell wie möglich auf dem Eintrag von Hitler zu landen.

Ich liebe, dass man alles, was man nicht weiß googeln kann und einem die wichtigsten Artikel zum aktuellen Weltgeschehen ganz automatisch in die Timeline gespült werden. Ich lese mit dem allergrößten Vergnügen Rage-Comics, überprüfe meine Persönlichkeit anhand der verschiedensten Psychotests und habe Netflix und YouPorn abwechselnd im Dauerbetrieb.

Das Internet ist eine feine Sache. Bis auf dass es neben lauter tollen Dingen auch haufenweise Shitstorms produziert. Bei allem. Und jedem. Zwar sind ausgewachsene Shitstorms eher selten, doch die allgemeine Shitstorm-Mentalität kotzt mich an. Vor allem auf Twitter, das ich selbst zwar eher selten zum Schreiben, aber eben zum Mitlesen nutze. Man will ja schließlich informiert sein. 

Informationen sind in diesen Tagen allerdings eher spärlich gesät. Vielleicht geht das nur mir so, aber ich empfange kaum noch gute und relevante Artikel, sondern lediglich die, die irgendwie scheiße sind, wie in dem dazugehörigen Tweet immer betont wird. Das sind dann Artikel von Ronja von Rönne, Tilo Jung oder dieser homophoben Kolumnistin, die vor Kurzem, zurecht, entlassen wurde. Und die will ich halt alle nicht lesen.

Davon abgesehen, dass mir meine Zeit zu schade ist, um Artikel, die meine Filterblase für scheiße befindet, zu lesen, verstehe ich in erster Linie nicht, warum sie überhaupt geteilt werden. Ich meine, das bringt denen doch Aufmerksamkeit und Klicks? Und ist das nicht das, wonach wir Autoren irgendwie alle streben, ganz egal, ob ein Artikel jetzt ge- oder total misslungen ist?

Mein Erklärungsversuche dafür sehen wie folgt aus. Die Person, die sich auf Twitter oder einem anderen sozialen Netzwerk über den Artikel echauffiert, tut das, weil sie andere Personen davor warnen will, den Content zu lesen. Damit erreicht sie leider grundsätzlich das Gegenteil, denn die Neugier siegt und generiert Klicks.

Die Person, die den Link teilt, möchte ganz öffentlich zeigen, dass sie ein guter Mensch ist und, in ihren Augen, schlechte, oder ganz und gar teilweise gefährliche, Meinungen verurteilt. Dadurch macht sie sich selbst zu einer Art Märtyrer, die für das Gute kämpft. Die besagte Person fühlt sich persönlich von einem Artikel angegriffen und möchte ihren Unmut darüber äußern, weil meckern, egal an welcher Stelle, einfach gut tut.

Die Person, die so ganz klar Stellung gegen einen Artikel bezieht, will, dass der oder der Autor eines Artikels nicht länger veröffentlichen darf und nutzt dafür die sofort darauf anspringende Meute, die mit ihr am gleichen Strang zieht.

Ganz grundsätzlich finde ich alle Taktiken gar nicht so doof – bis auf, dass sie letzten Endes alle genau eine Person, also in dem Fall den Autoren eines Textes, diffamieren, und das oftmals in einem Ausmaß, gegen das keine normale Person, und sei sie noch so selbstreflektiert und gefestigt in ihrem Tun – ankommt. 

Versteht mich nicht falsch, auch ich habe an den oben zitierten Journalisten einiges auszusetzen, doch die Art und Weise, wie im Netz mit ihnen umgegangen wird, finde ich genauso verwerflich wie das, was sie teilweise in ihren Artikeln propagieren. Deshalb kommen hier ein paar Vorschläge zu den oben genannten Szenarien.

Nicht darauf aufmerksam machen. Im besten Fall liest es keiner aus der eigenen Filterbubble, weil der Artikel gar nicht erst thematisiert wird. Etwas machen, das wirklich etwas bewegt. Etwas, das es rechtfertigt, sich im Anschluss wie ein Märtyrer zu fühlen. Tierbabys retten zum Beispiel, Spenden für Erdbebenopfer sammeln oder eine Selbsthilfegruppe für Menschen, die in ihrem Leben zu wenig positive Aufmerksamkeit erfahren haben, gründen.

Gute Freunde anrufen, dort meckern und dann in aller Ruhe eine Mail an den Autor oder die Autorin schreiben, um mit ihm oder ihr in einen Dialog zu treten. Am besten ohne zu drohen, zu schimpfen oder beleidigend zu werden. Direkt an den Verlag oder die veröffentliche Zeitschrift wenden. Ist die Kritik sachlich formuliert und berechtigt, wird man sich ihr auch annehmen.

Ansonsten: Sagt einfach nichts. Bitte. Diese Shitstormkultur ist einfach… Shit. Sie bringt weder euch, noch die angegriffene Person irgendwie weiter. Im Gegenteil: Shitstorms kosten wahnsinnig viel Kraft. Und zwar alle Beteiligten. Kraft, die man in wesentlich sinnvollere (und schönere Dinge) investieren könnte.

Die bösen Absichten, die ihr den Leuten anhand eines Artikels schnell mal unterstellt, entpuppen sich schneller als ihr denkt als Fehlinterpretationen von euch. Und auch wenn ihr unter euren Klarnamen schreibt: Unterschiede zu den anonymen Hatern, die ihr gerne als Trolle bezeichnet, gibt es zumindest nach außen hin eigentlich keine mehr.

Also tut euch doch selbst den Gefallen und hört auf damit, bewusst Shitstorms gegen einzelne Personen heraufzubeschwören. Ein beschissener Artikel mit einer beschissenen Meinung ist ein beschissener Artikel mit beschissener Meinung. Ein Shitstorm gegen eine Einzelperson zerstört langfristig nicht nur Karrieren, sondern auch Menschen. Hate Speech ist Hate Speech, auch wenn sie von euch, die Hate Speech mit Sicherheit häufiger ausgesetzt sind als die Durchschnittsperson, kommt.

Shitstorms sind immer scheiße, ganz egal, ob sie jetzt die Richtigen oder die Falschen treffen. Und genau deshalb pisst mich eure Bereitschaft, so im Netz zu agieren, auch so sehr an. Sie verderben mir persönlich den Spaß am Netz und auch die Option, gewisse Dinge selbst zu reflektieren, geschweige denn eine Meinung dazu zu vertreten.

Denn wer sich selbst äußert, egal zu welcher Seite, gerät selbst in den Strudel des Hasses, den beide Parteien gegenseitig auf sich feuern. Und das halte ich wirklich für gefährlich. Zumindest, wenn ich mir so ansehe, zu welchen Äußerungen es in den ganzen Shitstorms des letzten halben Jahres gekommen ist. Damit will ich einfach nichts zu tun haben.

Doch leider ist es ja mittlerweile auch so, dass man selbst dann angegriffen wird, wenn man einfach nichts sagt und sich raushält. Das hab ich zumindest gut beobachten können, aus der Distanz, die ich zu solchen Dingen einfach wahre. Und zu welchen Problemen das für einzelne Personen führen kann, davon will ich lieber gar nicht erst reden.

Also: Hört doch bitte einfach auf damit und zeigt mir wieder Dinge, die es sich zu lesen und zu verfolgen lohnt. Sonst muss ich am Ende einen Shitstorm gegen das komplette Internet starten, und da hab ich echt wenig Bock drauf.

Die Illustration stammt von Bogdan Magenta und Icons8
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Guten Morgen: Sabber auf der Brust

„Ähm, hallo? Du kannst jetzt aufstehen“, sage ich, doch es tut sich nichts. Ich hebe den Kopf und betrachte den nackten Körper, der jetzt schon eine ganze Weile auf mir liegt. Höre ich da ein leises Schnarchen? Bitte nicht! Ich fühle mich wie lebendig begraben von einem Neunzig-Kilo-Kerl, der mich b...
Guten Morgen: Sabber auf der Brust

Guten Morgen

Sabber auf
der Brust

Sophie Krause

„Ähm, hallo? Du kannst jetzt aufstehen“, sage ich, doch es tut sich nichts. Ich hebe den Kopf und betrachte den nackten Körper, der jetzt schon eine ganze Weile auf mir liegt. Höre ich da ein leises Schnarchen? Bitte nicht! Ich fühle mich wie lebendig begraben von einem Neunzig-Kilo-Kerl, der mich bewegungsunfähig macht. Umständlich versuche ich mit meiner freien Hand, seinen Arm von meinem zu schieben. Boah, allein der wiegt so viel wie ein Sack Kartoffeln.

Von meinen Anstrengungen lässt sich der Typ gar nicht stören. Schlummert einfach weiter. Spinnt der? Der kann doch nicht einfach auf mir einpennen, sein schlaffes, kondombespanntes Glied noch zwischen meinen Beinen. Bääh. Und dabei hat er sich nicht mal wirklich verausgabt.

Eine schnelle Nummer war das, Tür auf, im Flur ausziehen, auf’s Bett schmeißen, rein, raus, fertig. Dort, wo sein Kopf es sich auf meiner Brust bequem gemacht hat, spüre ich plötzlich etwas Feuchtes auf mich tropfen. Der sabbert mir jetzt nicht ernsthaft auf die Titte?

In einem Ansturm von Ekel stemme ich mich ruckartig hoch. Sein Kopf rutscht von mir herunter und – oh Wunder – der Typ wacht endlich auf. „Hä? Was? Wo bin ich?“ Sein irritierter Blick scannt erst mich, dann das Zimmer. Langsam leckt er sich über die Lippen und wischt sich einen Speichelfaden vom Kinn.

„Guten Morgen“, begrüße ich ihn. Er grunzt etwas als Antwort und robbt von mir herunter. Auf der Bettkante bleibt er sitzen, rollt sich das Gummi vom Schwanz und lässt es neben dem Nachtisch auf den Boden fallen. „Der Mülleimer steht in der Küche.“

Während er in seine Jeans schlüpft, ziehe ich mir die Bettdecke bis unters Kinn. Besonders gesprächig ist er ja nicht gerade, aber soll mir recht sein. „Shit“, sagt er, mit einem Blick auf sein Handy. „Was ist?“, frage ich, obwohl mich die Antwort nicht sonderlich interessiert.

„Mein Mitbewohner hat seinen Schlüssel verloren und fragt, ob ich noch nach Hause komme.“ Ist klar. Wegen mir musst du dir garantiert keine Geschichten ausdenken. „Na, dann mach dich mal lieber schnell auf den Weg.“ „Jep. Bin schon weg.“

Ich stehe nicht auf, um ihn zur Wohnungstür zu bringen. Bevor er das Schlafzimmer verlässt, dreht er sich noch einmal zu mir um, weiß aber anscheinend nicht so recht, was er sagen soll. „Bis bald.“ Ich kann nur hoffen, dass sich das nicht bewahrheitet. Was für eine Luftnummer. Warum habe ich den überhaupt mitgenommen?

Die Fotografie stammt von Maddi Bazzocco
Der Text ist ein Auszug aus dem Buch "Frühwarnsystem" von Sophie Krause, das ihr auf Instagram auch in interaktiver Form bewundern könnt.
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Die Monster Mädchen: Biester mit großen Brüsten

Nehmen wir es gleich vorweg: Die Monster Mädchen ist nicht gerade der tiefgründigste, intelligenteste oder auch nur annähernd schönste Anime unter der Sonne. Ganz im Gegenteil. Die vollkommen idiotische Geschichte passt auf einen vollgewichsten Keks, die Dialoge bestehen meist aus Schimpfen, Schreie...
Die Monster Mädchen: Biester mit großen Brüsten

Die Monster Mädchen

Biester mit
großen Brüsten

Marcel Winatschek

Nehmen wir es gleich vorweg: Die Monster Mädchen ist nicht gerade der tiefgründigste, intelligenteste oder auch nur annähernd schönste Anime unter der Sonne. Ganz im Gegenteil. Die vollkommen idiotische Geschichte passt auf einen vollgewichsten Keks, die Dialoge bestehen meist aus Schimpfen, Schreien und Stöhnen und die Illustrationen sehen aus, als kämen sie direkt aus einem dieser siebtklassigen Hentaidatingsimulationen von irgendwelchen russischen Hinterwäldlerentwicklern, die man regelmäßig für knapp zwei Euro im Zehnerpack auf Steam hinterhergeworfen bekommt.

Worum geht’s? Jahrelang hatte der japanische Staat ein Geheimnis bewahrt: Fabelwesen wie Zentauren, Meerjungfrauen, Harpyien und Lamias sind real. Drei Jahre vor Beginn der Geschichte von Die Monster Mädchen enthüllte die Regierung die Existenz dieser Kreaturen und verabschiedete eine Art Kulturaustauschprogramm.

Seitdem sind diese Kreaturen zu einem Teil der menschlichen Gesellschaft geworden und leben mit gewöhnlichen Familien wie Austauschschüler und Au-pair-Programmteilnehmern zusammen, jedoch mit anderen Pflichten und Einschränkungen. So ist es Menschen zum Beispiel nicht erlaubt, sich mit den seltsamen Wesen zu paaren. Warum auch immer.

Hier kommt Kimihito Kurusu, ein typischer 08/15-Japanofuckboy, ins Spiel. Als Kuroko Smith, eine Koordinatorin des japanischen Kulturaustauschprogramms und weibliche Kopie eines gewissen Agenten aus dem Film Matrix, die sehr verängstigte und verlegene Lamia Mia versehentlich an seine Tür liefert, traut er sich nicht, sie wegzuschicken, und lässt sie bei sich einziehen. Natürlich. Im weiteren Verlauf der Geschichte trifft Kimihito auf andere weibliche Monster, die jeweils einer anderen Spezies angehören, und gewährt ihnen Unterschlupf.

Einige kommen mehr oder weniger zufällig an, andere werden Kimihito von Kuroko aufgezwungen oder drängen sich ihm auf, und es dauert nicht lange, bis er sich in einer chaotischen Umgebung wiederfindet, in der er darum kämpft, in Harmonie mit seinen neuen Mitbewohnerinnen zu leben, während er sich sowohl mit ihren ständigen Wünschen, Ängsten und Dramen, die sich wieder daraus ergeben, dass er ihnen hilft, in der menschlichen Welt zurechtzukommen, auseinandersetzen muss.

Die Situation nimmt eine neue Wendung, nachdem Kimihito mittgeteilt wird, dass aufgrund einer zu erwartenden Gesetzesänderungen, das sich mit zwischenmenschlichen Beziehungen befasst, von ihm als Versuchsobjekt erwartet wird, eines der Mädchen zu heiraten, wodurch die Konkurrenz um seine Aufmerksamkeit zunimmt. Im Laufe der Zeit fühlen sich jedoch auch andere liminale Wesen zu ihm hingezogen und beginnen, um seine Aufmerksamkeit zu buhlen, sehr zu Kimihitos Verlegenheit und zum Ärger seiner Mitbewohnerinnen.

Die Monster Mädchen ist einer dieser typischen, schon tausend Mal erzählten Haremanimes, in der der ständig aus der Nase blutende Protagonist von um die zehn notgeilen Weiblichkeiten, sagen wir mal, umworben wird. Nur dass es sich eben diesmal um Monster mit mehr oder weniger großen Brüsten handelt, die unbedingt jetzt und hier bestiegen werden wollen.

Wir haben Mia, die Schlange mit den großen Brüsten, Papi, die Harpyie mit den kleinen Brüsten, Zentrea, die Zentaurin mit den gigantischen Brüsten, Sue, das Schleimwesen mit den flexiblen Brüsten, Melu, die Meerjungfrau mit den großen Brüsten, Rachnera, die Spinne mit den gewaltigen Brüsten, Lala, den Dullahan mit den großen Brüsten, Zombina, den Zombie mit den dicken Brüsten, Tionisha, den Oger mit den riesigen Brüsten, Manako, den Zyklopen mit den kleinen Brüsten, Doppel, die Formwandlerin mit den normal großen Brüsten, Polt, den Kobold mit den großen Brüsten, Ki, die Dryade mit den enormen Brüsten, Lilith, den Teufel mit den kleinen Brüsten, Cattle, die Minotaurin mit den riesigen Brüsten, Luz, die Füchsin mit den kleinen Brüsten, Merino, das Schaf mit den großen Brüsten, und natürlich die Agentin Kuroko, die ebenfalls mit einem ausladenden Vorbau gesegnet wurde. Von wem auch immer.

In Die Monster Mädchen fliegen dem Zuschauer die ständig entblößten sekundären Geschlechtsteile von allen Seiten um die Ohren – und meist direkt in Kimihitos Gesicht, der daraufhin heult, jammert oder blutet. Für gewöhnlich alles drei zusammen. Viel mehr erzählerische Tiefe hat Die Monster Mädchen kaum zu bieten. Aber das macht nichts. Die Monster Mädchen überzeugt weder durch seine aufwühlende Geschichte noch durch seine intelligenten Wendungen oder gar den zeichnerischen Stil.

Schaut euch einfach die ersten fünf Minuten von Die Monster Mädchen an, dann wisst ihr ganz genau, was euch über die nächsten Folgen erwartet. Die Serie soll einfach eines: Spaß machen. Wer schon immer einmal sehen wollte, wie ein wütendes Pferd mit großen, nassen Möpsen einen Taschendieb auf einem Motorrad zur Strecke bringt, der ist bei Die Monster Mädchen genau richtig. Klüger wird’s nicht. Aber auch nicht viel dümmer. Und das ist in unserer heutigen, sonst so unvorhersehbaren Welt doch auch schon etwas wert.

Für die einen ist Die Monster Mädchen eine zeitgenössische Kritik über den weiter anhaltenden Rassismus und Sexismus in der japanischen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts, für die anderen eine kunterbunte Wichsvorlage für Perverse, die immer schon einmal wissen wollten, wie sich wohl Geschlechtsverkehr mit einer feuchten, großbrüstigen Schlange anfühlt. Oder wie der bekannte deutsche Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel bereits immer zu sagen pflegte: Why not both?

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Die Illustration stammt von Okayado, Lerche, Kazé und Crunchyroll
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Kindheitserinnerungen: Ein Tamagotchi und 14 tote Fische

Als ich klein war, war ich wohl das, was man landläufig als verwöhnte Göre bezeichnet. Mein Zimmer war eine beschissene Deluxe-Version von Toys ‘R’ Us. Ich hatte so ziemlich alles, was es Anfang der 90er so auf dem Spielwarenmarkt zu erwerben gab. Ich besaß nicht nur das größte Barbie-Traumhaus, son...
Kindheitserinnerungen: Ein Tamagotchi und 14 tote Fische

Kindheitserinnerungen

Ein Tamagotchi
und 14 tote Fische

Lena Freud

Als ich klein war, war ich wohl das, was man landläufig als verwöhnte Göre bezeichnet. Mein Zimmer war eine beschissene Deluxe-Version von Toys ‘R’ Us. Ich hatte so ziemlich alles, was es Anfang der 90er so auf dem Spielwarenmarkt zu erwerben gab. Ich besaß nicht nur das größte Barbie-Traumhaus, sondern auch das zugehörige Auto, den Pferdestall, den Reisebus und das Motorboot.

Ich hatte zwei Kisten voller Lego-Bausteine, eins dieser ferngesteuerten Rennautos, eine Armee von Kuscheltieren, so viele Baby-Born-Puppen, dass meine Eltern oft Schwierigkeiten hatten, mich auf Anhieb in meinem Zimmer zu entdecken, und eine ganze Masse an Action-Figuren. Doch nichts hat mich glücklicher gemacht, als ein winzig kleiner, digitaler Minibildschirm, umrahmt von einem durchsichtigen, gelben Plastikei. Das Tamagotchi.

An eines ranzukommen war verhältnismäßig einfach. Wie alles, was ich haben wollte, starrte ich es einfach eine halbe Ewigkeit lang traurig an. Bis Papa seufzend aufgab und das Ding auf die Kasse legte. Ich weiß noch, dass ich mit dem Auspacken warten musste, bis wir uns in ein Café gesetzt und eine Cola bestellt hatten. Die Plastikverpackung ging ziemlich schwer auf, wir fragten die Bedienung nach einem Messer. Und dann drückte ich den Knopf und es erwachte zum Leben. Magisch. Ich war fasziniert und glücklich.

Endlich bekam ich das Haustier, welches mir aufgrund jahrelangen allergischen Asthmas verwehrt geblieben war. Ich konnte mein kleines gelbes Küken immer bei mir tragen, ohne Gefahr zu laufen, einem anaphylaktischen Schock zu erliegen. Ich liebte es abgöttisch.

In der Schule war ich eine der Ersten, die ein Tamagotchi besaßen, doch schon bald hatte sich die gesamte 2a mit den kleinen Dingern ausgestattet und wir verbrachten viele glückliche Stunden, eingelullt in ein regelmäßiges, sanftes Piepsgeräusch, das jede Aufnahme von Unterrichtsstoff unmöglich machte. Wir stopften sie mit süßen Snacks voll, legten sie schlafen, gaben ihnen Spritzen und räumten solange bergeweise Tamagotchi-Scheiße weg, bis man uns die Dinger verbieten musste.

Für unseren Aufstieg in die Eliteschulen des Landes war das durchaus förderlich, für die armen Tamagotchis aber war es der Anfang vom Ende. Langsam setzte die Verwahrlosung der kleinen Scheißer ein. Schon bald herrschte auf den Displays der gleiche Zustand wie in den Kinderzimmern von Mandy-Serafina und Jeremy-Pascal.

Eines Tages kam ich von der Schule und mein kleines Küken hatte sich in einen niedlichen Engel verwandelt. Ich brauchte circa drei Stunden, um zu verstehen, dass es sich nicht weiterentwickelt hatte, sondern schlicht und ergreifend verreckt war. Ich wünschte mir zum Geburtstag ein Neues.

Mittlerweile gab es eine verbesserte Generation, mit viel niedlicheren Tieren. Mama und Papa wollten mir keins kaufen. Ich glaube, sie wollten mir beibringen, dass richtige Tiere sich nicht einfach mit einem Reset-Knopf wiederbeleben lassen. Ich bekam stattdessen ein Aquarium. Fische, ha? Die langweiligsten Hausiere aller Zeiten. Die einzigen Freunde des Tierhaarallergie geplagten Kindes.

Ich tötete sie bereits am dritten Tag. Keine böse Absicht, ich leerte nur beim Versuch sie zu füttern eine ganze Dose Fischflocken ins Wasser. 20 Minuten später schwamm der Erste mit dem Bauch nach oben. Mama und Papa spülten jeden einzelnen die Toilette herunter. Vierzehn Mal mussten sie spülen. Dann gingen sie los und kauften mir ein Neues. Nein, kein Aquarium. Ein Tamagotchi. Sie hatten dazugelernt. Ich war glücklich. Und beging nie wieder einen Zierfischmord. Danke, Bandai.

Die Illustration stammt von Bandai
Der Text erschien in der Kategorie Spiele mit den Themen
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Berühmte Brüste: Wer sich Nacktfotos von Promis anschaut, ist ein Arschloch

Wir sind die Generation Nacktfoto. Ehrlich, ich kenne niemanden in meinem Alter, der noch nie seinen Penis oder seine Brüste fotografiert und das Bild anschließend an seinen Partner, seine Affäre oder zumindest den engsten Freundeskreis weitergeleitet hat. Mein Handy zum Beispiel ist voll mit Sc...
Berühmte Brüste: Wer sich Nacktfotos von Promis anschaut, ist ein Arschloch

Berühmte Brüste

Wer sich Nacktfotos
von Promis anschaut,
ist ein Arschloch

Nadine Kroll

Wir sind die Generation Nacktfoto. Ehrlich, ich kenne niemanden in meinem Alter, der noch nie seinen Penis oder seine Brüste fotografiert und das Bild anschließend an seinen Partner, seine Affäre oder zumindest den engsten Freundeskreis weitergeleitet hat.

Mein Handy zum Beispiel ist voll mit Schwanzbildern der Exaffären und Unterwäschefotos der besten Freundinnen. Und natürlich Nacktfotos von mir. Das Gerät ist also eine tickende Zeitbombe. Was, wenn es in falsche Hände gerät?

Ich liebe es, meine Titten zu fotografieren. Warum? In allererster Linie, weil ich sie großartig finde. Wirklich, wirklich großartig. So wie andere Leute tagtäglich Selfies von ihrem mehr oder weniger demolierten Gesicht machen, fotografiere ich eben meine Brüste. Und verschicke sie. Mal für Geld, mal umsonst. Schließlich kann ich mit ihnen machen, was auch immer ich möchte.

Ich finde es nämlich nicht schlimm, Nacktfotos zu verschicken. Und zu bekommen. Es gibt allerdings eine goldene Regel, an die ich mich immer halte, auch im betrunkensten, im freudigsten und erregtesten Zustand: Ich verschicke Nacktfotos nur, wenn ich damit leben könnte, dass diese früher oder später im Netz landen. Irgendwo. Irgendwann. Und irgendwie.

Natürlich möchte ich nicht, dass Bilder von meiner Muschi für alle sichtbar auf Reddit oder 4chan oder sonst wo landen. Wenn ich das wollte, würde ich sie nämlich der Allgemeinheit zugänglich machen. Zum Beispiel auf Twitter. Oder Instagram. Oder AMY&PINK. Oder eben Portalen, auf denen sich geile Böcke, wie ihr es seid, Fotos von fremden Mädchen herunterladen können, um dazu kräftig zu wichsen.

Ich verschicke meine Nacktfotos ausschließlich an Leute, die ich persönlich kenne. Meistens ficke ich diese Leute auch. Oder möchte von ihnen einfach nur die direkte Bestätigung erhalten, dass meine Brüste tatsächlich so fantastisch sind, wie ich immer geglaubt habe und auch heute noch glaube. Ob das nun zwei oder zweihundert sind, tut dabei nichts zur Sache. Die Entscheidung, wer mich nackt sehen darf, liegt nämlich immer nur bei mir. Auch, wenn es nur um einfache Bilder geht.

Ich habe schon in der Mittelstufe, als wir unsere kaum vorhandenen Titten noch mit Einwegkameras knipsten, gelernt, dass es nicht okay ist, die Nacktfotos der verhassten Mitschülerin für alle sichtbar ans schwarze Brett zu hängen.

Wieso sollte es dann also okay sein, sich in das Handy einer fremden Person zu hacken, um ihre Fotos zu stehlen und gleich der ganzen Welt über das Internet zugänglich zu machen? Weil die Person vielleicht nicht bekannt ist und wir natürlich alle wissen wollen, wie die Brüste unserer allerliebsten Film- und Fernsehstars aussehen?

Auf Reddit, 4chan & Co. tauchen dank gut geplanter Leaks, wie zum Beispiel „The Fappening„, immer wieder allerlei Nacktfotos von Prominenten auf. Überaus private Schnappschüsse, für deren Veröffentlichung sie und die vielen anderen bekannte Frauen, die dort abgebildet werden, nie ihr Einverständnis gegeben haben.

Eine Schauspielerin, wie sie mit gespreizten Beinen ein Glas Wein trinkt. Ein Model, wie es sich, ganz außer Atem, auf den Rücken spritzen lässt. Oder eine Sängerin, wie sie ihrem Freund eine Videoaufnahme ihrer Brüste schickt. Und genau an dieser intimen Stelle liegt das Problem.

Natürlich lechzen wir alle nach Tittenbildern von schönen Frauen. Den ganzen Tag lang könnte ich sie studieren, in ihnen vergehen. Und ich persönlich sehne mich auch nach Nacktfotos von männlichen Prominenten wie Johnny Depp oder Ryan Gosling.

Doch natürlich werden in erster Linie die Handys von Frauen gehackt, merkt ihr was? Aber mal ehrlich: Für genau so etwas hat Hugh Hefner uns den Playboy geschenkt. Einverständnis ist das Stichwort, das hier nur allzu gerne vergessen wird.

Wenn weibliche Stars und Sternchen in Magazinen oder auf Internetseiten blank ziehen wollen, dann sollen sie das tun. Was aber auf ihren eigenen Handys gespeichert ist, ist privat – und das sollte auch so bleiben. Ganz egal, ob ihr euch gerne mal einen auf diese Bilder runterholen würdet oder nicht. Seid ihr nicht die Ersten, die schreien, wenn die NSA die SMS, die ihr in betrunkenem Zustand an eure Exfreundin oder Mutter schreibt, mitliest? Eben.

„Wenn man Nacktfotos mit seinem Handy macht, muss man mit sowas rechnen!“, ist kein Argument. Stichwort: Victim Blaming. „Stell’ dir mal vor, das würde jemand bei deiner Tochter oder Schwester oder Freundin machen!“ als Gegenargument übrigens genauso wenig hilfreich.

Wann, wie, wo und vor allem für wen sich jemand, und ich sage hier gezielt nicht „eine Frau“, obwohl wir alle wissen, dass es in den wenigsten Fällen Männer sind, die sich von der Gesellschaft so behandeln lassen müssen, zu einem sexuellen Objekt machen will, ist immer der Person selbst überlassen.

Wenn also Nacktfotos von jemanden nicht direkt an euch oder die Presse gehen, dann habt ihr gefälligst eure schmutzigen Griffel davon zu lassen. Sonst verwandelt ihr euch nämlich schnurstracks in genau die Sexualstraftäter, die ihr sonst in der Öffentlichkeit so gnadenlos und hart verurteilt.

Und falls ihr mal wieder enormen Druck auf euren kleinen Eiern haben solltet, dann fragt doch einfach eure liebe, kleine Freundin, ob sie euch nicht ein paar offenherzige Nacktbilder von sich schickt. Ihr dürft dann aber auch nicht sauer darüber sein, wenn jemand euch das Handy plötzlich klaut und die privaten Fotos ins Netz stellt. Denn: „Damit muss man ja rechnen!“

Die Illustration stammt von Clip und Icons8
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Ein Versuch der Annäherung: Modemädchen, die moderne Nymphe

Das Modemädchen, eine eigentlich sehr schützenswerte Gattung Mensch, welche von allerlei Fälschungen verunreinigt wird. Die Echtheit und Ursprünglichkeit eines wirklichen Modemädchens mutet strahlend an. Es handelt sich hierbei keineswegs um Modeopfer oder liebenswert betitelte „Milchmädchen“ – w...
Ein Versuch der Annäherung: Modemädchen, die moderne Nymphe

Ein Versuch der Annäherung

Modemädchen,
die moderne Nymphe

Raphaela Anouk

Das Modemädchen, eine eigentlich sehr schützenswerte Gattung Mensch, welche von allerlei Fälschungen verunreinigt wird. Die Echtheit und Ursprünglichkeit eines wirklichen Modemädchens mutet strahlend an.

Es handelt sich hierbei keineswegs um Modeopfer oder liebenswert betitelte „Milchmädchen“ – welche mit entblößten Brüsten gleich eine ganz andere Bedeutung bekommen würden – nein. Vielmehr geht es um eine moderne Art der Nymphe, welche sich ihrer Wirkung durchaus bewusst ist, und die Oberfläche ihres Seins geschickt einsetzt.

Ihr Hauptinteresse gilt der Ästhetik, sie mag das feingeistige und fühlt sich in kreativen Gefilden zu Hause. Das gemeine Modemädchen schätzt eine gewisse Urbanität im täglichen Umfeld, Villen am Stadtrand gehören noch zu dem typischen Territorium, genauso wie mehr oder minder prachtvolle Landsitze oder leicht verwilderte Künstler-WGs in einschlägigen Szenevierteln. Ebenfalls wird das Modemädchen von der absoluten Antiszene angezogen und ist weder totaler Einzelgänger noch Herdentier.

Primär geht es unserem Objekt der Begierde nicht um Konsum, ein übertriebenes Kaufverhalten ist untypisch für diese Gattung. Mode ist in diesem Kontext sehr generell zu verstehen, im Sinne von der Art etwas zu tun und nicht etwa bezogen auf den stupiden Akt des Blößebedeckens. Mode als temporäre und zeitgemäße Weise bestimmte Dinge zu tun. Der Wandel ist ein ganz markantes Merkmal daran, die zyklische Weiterentwicklung und Anpassung an die Gesellschaft.

Akkurates Charakterchaos ist ebenso typisch für das gemeine Modemädchen, wie auch das Streben nach Perfektion – in einem vielmehr intellektuellen als ästhetischen Sinne, auch wenn man meinen könnte, es wäre genau anders herum.

Wert wird auf den bohèmischen Lebensstil gelegt, auf die schönen Dinge im Leben. Hedonismus als grundlegender Charakterzug. Der Bezug auf das rein Äußerliche lässt diesen Organismus erblassen. Pure Oberflächlichkeit löst universelles Unbehagen in ihm aus.

Das gemeine Modemädchen etikettiert sich selbst nie als solches, wahrscheinlich ist es sich dessen nicht einmal bewusst. Sobald man sich eigens als etwas betitelt, ist man ja zumeist eine Fälschung dessen. Aber wenn einen andere entlarven und beschreiben, worüber sprechen wir dann? Ist es auf- oder abwertend, will man uns den Kopf streicheln oder auf unsere Pfirsichpos schlagen?

Ist Modemädchen ein Subjekt oder doch viel mehr ein plagiatorisches Objekt? Preise ich mich als Idealversion von etwas Künstlichem an, stelle ich mich hinter Glas, um betrachtet zu werden? Alle Augen auf mich, ich bin ein Modemädchen, wie ein Löwe im goldenen Käfig.

Die Fotografie stammt von Ryan Jacobson
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Fernsehen statt Feiern: Partys sind scheiße

Es ist Samstagabend und ich sitze zu Hause vor dem Fernseher. Netflix & Chill, wobei das in meinem Fall bedeutet, dass ich auf der Couch fläze und mir einen schlechten Film nach dem anderen reinziehe. Ich habe heute bereits Magic Mike gesehen, Magic Mike XXL, und wenn es ihn gäbe, ich würde mir auch...
Fernsehen statt Feiern: Partys sind scheiße

Fernsehen statt Feiern

Partys sind
scheiße

Sophie Fischer

Es ist Samstagabend und ich sitze zu Hause vor dem Fernseher. Netflix & Chill, wobei das in meinem Fall bedeutet, dass ich auf der Couch fläze und mir einen schlechten Film nach dem anderen reinziehe. Ich habe heute bereits Magic Mike gesehen, Magic Mike XXL, und wenn es ihn gäbe, ich würde mir auch noch Magic Mike XXXXL ansehen.

Leuten im Kino oder TV beim Feiern, und sich ausziehen, zuzugucken, finde ich inzwischen wertvoller, als mir selbst vor Clubs die Beine in den Bauch zu stehen und 10 oder gar 15 Euro Eintritt dafür zu bezahlen, dass ich am nächsten Tag mit leerem Geldbeutel und immer schlimmer werdenden Katern aufwache. Obwohl ich wirklich nur drei Bier getrunken habe. Amazon Prime, Netflix und Sky Ticket sind für mich bessere Freunde, als es irgendwelche Partybekanntschaften jemals sein könnten und ich schäme mich auch nicht, das offen zuzugeben.

Hallo, mein Name ist Sophie und ich bin offiziell zu alt für wilde Partys. Zwar bin ich „erst“ 24 und stehe damit „in der Blüte meines Lebens“, zumindest wenn man nach meinen Eltern geht, die mir ständig erzählen, ich solle die Zeit, in der ich noch ungebunden bin und keine Kinder habe, genießen. Wie das gehen soll, wenn man wie ich zehn bis zwölf Stunden pro Tag im Büro hängt und in seiner „Freizeit“ bereits Pitches für die kommende Woche vorbereiten muss, haben sie mir allerdings nicht verraten.

Vielleicht geht das mit Kokain, aber wie ich auf der Weihnachtsfeier meiner Firma festgestellt habe, ist koksen leider nicht mein Ding. Ich wage auch zu bezweifeln, dass meine Eltern mit „ich solle die Zeit genießen“ meinten, dass ich drogensüchtig werden soll, um Job und Privatleben so unter einen Hut zu bekommen, dass ich meinen Enkelkindern später erzählen kann, was für ein irres Partyleben ich doch hatte, während ich ganz nebenbei Karriere machte, Sexismus bekämpfte und ihre Mutter großzog.

Es ist nicht so, dass Partys mir keinen Spaß machen oder ich Menschen so sehr hasse, dass ich am liebsten jeden Kontakt mit ihnen vermeide. Im Gegenteil, ich würde mich durchaus als geselligen Menschen bezeichnen, der gerne unterwegs ist, neue Leute kennenlernt und zu Musik jeglicher Genres die Hüften schwingt.

Mir mangelt es nur irgendwie an der Energie, die andere Menschen zu haben scheinen, wenn sie nach einem anstrengenden Tag im Job oder in der Uni noch losziehen, um sich die Nächte um die Ohren zu schlagen, statt es sich – wie ich – vor dem Fernseher bequem zu machen, um für einen Moment mal zu genießen, dass man absolut nichts tun muss, außer auf einen viereckigen Kasten zu starren und Channing Tatum dabei zuzusehen, wie er sich vor wild grölendem Publikum nackig macht.

Während es mir früher – und damit meine ich so das Alter zwischen 16 und 21 Jahren – absolut nichts ausgemacht hat, ein ganzes Wochenende lang wach zu bleiben und am nächsten Montag trotzdem wieder zumindest halbwegs fit in Schule oder Uni zu sitzen, reicht inzwischen ein Schlafdefizit von nur sechs Stunden aus, um mich in einen sozial unerträglichen Zombie zu verwandeln, dessen Augenringe schwärzer sind als der Kaffee, den ich mir reinballern muss, um meine Lider wenigstens halbwegs offen zu halten und nicht bei der Arbeit vor dem Rechner, morgens in der U-Bahn oder sogar auf dem Heimweg beim Laufen auf offener Straße einzuschlafen.

Vom dem Kater, der mich inzwischen heimsucht, wenn ich auch nur ein halbes Gläschen Wein zu viel getrunken habe, will ich lieber gar nicht erst anfangen. Wobei, will ich doch. Denn wenn ich früher nach langen Nächsten vielleicht mal mit einem etwas flauen Gefühl im Magen aufgewacht bin, das sich nach einer heißen Dusche und einem angemessenen Frühstück sofort wieder verflüchtigt hatte, fühlt sich der Tag nach etwas Alkoholkonsum für mich inzwischen an, als würde mich mein eigener Körper auf möglichst qualvolle Art vollenden lassen wollen.

Und das obwohl ich mich im Gegensatz zu früher mittlerweile eigentlich ganz gut ernähre und mir ein, zwei oder auch drei Drinks nun wirklich nichts anhaben sollten. Tun sie aber leider trotzdem. Mehr auf jeden Fall, als die komplette Tüte Chips, die ich so manchem Abend auf der Couch bereits verdrückt habe. Ich weiß, ich weiß. Aber abgesehen von den gelegentlichen Snacks vor dem Fernseher ernähre ich mich wirklich gut. Zumindest besser als noch vor wenigen Jahren.

Vielleicht ist das gerade auch nur „so eine Phase“, in der man eben mal so einen Durchhänger hat und weniger Zeit auf Partys und in Clubs verbringt als früher. Kann ja sein, dass ich in sechs Monaten bis einem Jahr wieder richtig Lust darauf bekomme, mir die Nächte um die Ohren zu schlagen, weil es mir neue Energie schenkt, statt sie mir zu rauben. Momentan aber fühle ich mich zu alt für diesen Kram. Das ist aber nicht weiter schlimm, denn eigentlich, muss ich sagen, gefällt mir mein Leben aktuell ganz gut.

Zwar muss ich mich manchmal vor anderen Menschen dafür rechtfertigen, dass ich die Zeit lieber alleine zuhause verbringe, als mit ihnen auszugehen, und mir wurde sogar schon ein paar Mal unterstellt, depressiv zu sein, ich kann euch garantieren, dass dem nicht so ist, aber ich fühle mich damit nun mal gerade wohl.

Ich bin, um ehrlich zu sein, sogar ziemlich froh, dass ich nicht zu diesen Leuten gehöre, die eine Party nach der nächsten nachjagen und vom dem ständigen Gefühl umgetrieben zu werden, etwas zu verpassen, wenn sie sich hier und dort nicht blicken lassen und dies und jenes nicht auch noch mitnehmen.

Das Einzige, was ich verpasse, sind schlaflose Nächte, Alkohol– und Drogenexzesse, die mit fiesen Katern enden und One-Night-Stands, auf die man im Nachhinein betrachtet doch hätte verzichten können, weil sie mir nichts gebracht haben außer Angst, mich mit einem Tripper infiziert zu haben. Und das sind jetzt wirklich nicht die Dinge, auf die ich sonderlich viel Wert lege. Da nutze ich meine Freizeit dann doch lieber, um die Füße hochzulegen, mich von meinem anstrengenden Alltag zu erholen und all die Serien zu bingen, die ihr sehen würdet, für die euch aber vor lauter Feierei die Zeit fehlt.

Die Illustration stammt von Icons8
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Sex im Seniorenheim: Junge Liebe zwischen alten Menschen

Jasmin war ein durchgestylter, prinzipientreuer und überall rasierter Punk, dem die Gesellschaft, und alles was darin verwickelt war, direkt am Arsch vorbei ging. Sie hörte leidenschaftlich gerne Slipknot, In Extremo und Knorkator, hätte die Welt, in der wir leben, am liebsten in den unheiligen Flam...
Sex im Seniorenheim: Junge Liebe zwischen alten Menschen

Sex im Seniorenheim

Junge Liebe zwischen
alten Menschen

Marcel Winatschek

Jasmin war ein durchgestylter, prinzipientreuer und überall rasierter Punk, dem die Gesellschaft, und alles was darin verwickelt war, direkt am Arsch vorbei ging. Sie hörte leidenschaftlich gerne Slipknot, In Extremo und Knorkator, hätte die Welt, in der wir leben, am liebsten in den unheiligen Flammen der Herrschaftslosigkeit aufgehen sehen und stammte aus einer wildgewordenen Zigeunerfamilie, was sie nicht müde wurde jedem und allem auf die Nase zu binden, und zwar genau mit diesem Begriff.

Zum ersten Mal traf ich im nahegelegenen Seniorenheim auf sie, in dem ich irgendwo zwischen Schulabschluss und Weltherrschaft einem unterbezahlten und langweiligen Job an der Rezeption entgegen sehen durfte, während sie Sozialstunden ableistete und eure Großeltern mit Brettspielen, Grießbrei und Matheaufgaben nötigte. Sie war 16. Ich nicht.

Während Jasmin mich auf der Brücke vor dem ständig nach Weinbrand, Zigaretten und Tod riechenden Schuppen noch vollkommen ignorierte, machten wir einige Stunden später im Fahrstuhl herum, schmissen uns in der Kapelle im obersten Stock gegenseitig mit unseren Klamotten ab und zündeten anschließend im Gemeinschaftsraum einen Joint an, während unsere älteren Mitmenschen ein Mittagsschläfchen hielten. Außer Herr Brechtl – die Perversion auf zwei Rädern.

Der alte Mann im Rollstuhl starrte uns mit gierigen Augen an, als wir gerade wieder im Begriff waren uns schick für die Außenwelt zu machen und den Rest des Joints im Garten zu versenken, rief irgendwas von Penissen und Handtüchern und schleifte uns daraufhin in sein Zimmer, wo er uns bei einem Gläschen Tee erzählte warum er sich ein Zimmer mit Blick auf den Sportplatz der anliegenden Schule gewünscht hatte. Wegen der leichtbekleideten, jungen Mädchen.

Er präsentierte uns alte, verstaubte Alben mit Fotos seiner vielseitigen FKK-Urlaube irgendwo am Meer und betitelte uns mit Geschlechtsteilen und Begriffen aus einer längst vergangenen Zeit, ohne es böse zu meinen. Wir lachten, wir freuten, wir sangen und flohen so schnell wir konnten aus seinem freizügigen Reich, als er kurz eingenickt war.

Nachdem wir uns auf der Toilette dem Sinn des Lebens näher brachten, ich angesteckt von ihrem Enthusiasmus am liebsten auf der Stelle meine Religion ablegen und zur Anarchie übertreten wollte und wir uns gegenseitig mit den Händen zwischen den Beinen und den Lippen auf der Brust schworen, niemals diesem System aus Kapitalismus, Sozialismus und Fundamentalismus beizuwohnen, änderte sich mein Bewusstsein gegenüber Gott für immer.

Es ist ja nicht so, dass ich leicht von Dingen zu überzeugen wäre, doch nach dieser Offenbarung, dem Anfang meines neuen Lebens und dem geschürten Hass gegen meine eigene Spezies, feierten wir den Beginn unserer neuen Weltordnung erst einmal gebührend, in dem wir uns bei Lidl ein paar eingeschweißte Hot Dogs klauten.

Meine Überzeugung zu Jasmin und ihrer Meinung hätte keine Grenzen mehr gekannt, wäre womöglich unsterblich geworden und hätte diese unsere Nation ins Verderben des satanischen, ewigen Feuers gestürzt, wenn ich sie nicht zwei Wochen später auf einer Schulparty mit der blonden Sabrina – Grinsekatze, weiße Socken und eine unterschiedlich große Oberweite – betrogen hätte und wir der Anarchie, dem tiefen Wunsch nach Chaos und dem Hass auf alle Ismen zum Trotz am nächsten Tag zusammen Eisessen gegangen wären.

Jasmin soll deswegen so abgrundtief sauer gewesen sein, dass sie der Legende nach den Kopf ihres besten Freundes aus Wut über mich so stark gegen das Waschbecken in seinem Bad geschlagen hat, dass dieses in alle Einzelteile zerbrach. Und obwohl ich seitdem nichts mehr von ihr hörte, bin ich mir sicher, dass sie ganz tief unter der Erde an einem glühenden Racheplan schmiedet, der alle Beteiligte direkt zu ihr in die Hölle katapultieren wird, damit wir uns gemeinsam für alle Ewigkeit der größten Folter von allen hingeben müssen: den FKK-Anekdoten von Herrn Brechtl zu lauschen.

Die Fotografie stammt von Emiliano Vittoriosi
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MissesVlog im Gespräch: Kelly Svirakova, kann man von YouTube leben?

Würden außerirdische Wesen sich heute Videos auf YouTube angucken, dann könnten sie meinen, die Spezies des Menschen bestehe lediglich aus zweierlei Arten. Die einen, die pompöse Computerspiele vorstellen und lautstark an ihnen verzweifeln, und die anderen, die sich teure Kosmetikartikel ins Gesicht...
MissesVlog im Gespräch: Kelly Svirakova, kann man von YouTube leben?

MissesVlog im Gespräch

Kelly Svirakova, kann
man von YouTube leben?

Marcel Winatschek

Würden außerirdische Wesen sich heute Videos auf YouTube angucken, dann könnten sie meinen, die Spezies des Menschen bestehe lediglich aus zweierlei Arten. Die einen, die pompöse Computerspiele vorstellen und lautstark an ihnen verzweifeln, und die anderen, die sich teure Kosmetikartikel ins Gesicht drücken und dabei sanft vor sich hin sinnieren. Dazwischen gibt es, außer gähnender Langeweile und übertriebener Albernheit, wenig. Aber wer sucht, der wird bekanntlich fündig.

Millionen Voyeure haben Kelly aka MissesVlog dabei zugesehen, wie sie auf einer Treppe herum rannte, sich dabei an die Brüste fasste und lächelnd die zehn größten Geheimnisse ihrer Artgenossinnen ausplauderte. Dass High Heels schmerzen, zum Beispiel. Dass Schlafen besser als Duschen ist. Oder dass Rasieren jede Menge Zeit kostet. Das alles hätte man sich womöglich bereits vorher denken können, aber die sympathische Bewegtbildkünstlerin erklärt es uns lieber noch einmal – und wir hören ihr gebannt zu.

Und kurz bevor die bayerische Grinsekatze die Videoplattform ihrer Wahl vollends erobert, in einer grausamen Welt, in der Seitenaufrufe mehr zählen als alle Schulnoten, Praktika und Fortbildungen zusammen, haben wir sie uns gekonnt zur Seite genommen und mit ihr gemeinsam den Antrieb von Trollen und Stalkern ergründet, eine wilde Reise nach Los Angeles Revue passieren lassen und geklärt, ob sie sich für den Playboy ausziehen würde. Und wenn ja, für wie viel.

Ich bin gerade vollkommen verrückt nach grünem Tee und könnte täglich zwölf Liter davon trinken. Von was bist du abhängig?

Kaffee und Energy Drinks. Das wird jeder meiner YouTube-Kollegen oder Menschen, die etwas mit Cutten zu tun haben, genau so sehen. Wir sind quasi Wesen der Nacht, da braucht man etwas, was einen wach hält.

Welches Video auf YouTube hast du dir zuletzt angesehen – und warum?

Ich habe mir ein Video von zwei YouTubern angesehen, einer amerikanisch, der andere britisch, die zusammen kollaboriert haben und alltägliche Begriffe wie „Schneebesen“ in die Suchleiste einer Pornoseite eingegeben haben, um sich dann die Ergebnisse anzusehen und ich war sehr angetan von dieser Idee… Ja, so sieht mein Leben momentan also aus. Aber ich fand’s sehr amüsant.

Dein erstes Video auf YouTube war eine, nennen wir es mal, mutige Tanzeinlage für die Aussenseiter. Hättest du damals gedacht, dass du einige Jahre später zu den bekanntesten deutschen Gesichtern auf der Plattform gehörst?

Gedacht – nein. Gehofft und gezielt darauf hingearbeitet – ja. Damals habe ich mir das Ziel 100.000 Abonnenten gesetzt und wollte das auch unbedingt erreichen. Als es soweit war, dachte ich eigentlich, es geht von da an nicht weiter – und ich habe mich zum Glück geirrt. Was momentan auf meinem Kanal passiert, begreife ich selbst nicht ganz.

Das Einzige, was ich mir damals dachte, war: „Das sieht nach viel Spaß aus, was diese Hampelmänner da auf YouTube produzieren. Warum gibt es noch keine Hampelfrau? Das muss ich ändern!“ Was für Möglichkeiten sich dadurch für mich entwickelt haben, konnte damals keiner von uns YouTube-Hampeln vorausahnen.

Du warst, kurz nach deinem Aufstieg, für ein YouTube-Projekt ein paar Wochen mit einigen Kollegen in den USA, was ging da so?

Richtig. Ich war sechs Wochen lang mit Gronkh, Sarazar, David Hain, Fabian Siegismund, Rob Bubble und Pandorya in Los Angeles. Zumindest war das die erste Truppe, die Besatzung des Projekts hat sich im Laufe von insgesamt drei Monaten immer mal wieder geändert. Wir haben unsere Zeit zusammen in einem riesigen Haus in West Hollywood verbracht, das wir, aufgrund des etwas protzigen Aussehens, “The Mansion” nannten, welcher auch der Name des YouTube-Kanals, der die Reise dokumentierte, wurde.

Das war eine der besten Reisen meines Lebens. Tolle Menschen, faszinierende Orte und super Videos produziert. Es gab keinen Moment, in dem sich YouTuber oder Crew gestritten haben. Alle haben sich näher kennengelernt, nachdem man sich nur zwei bis drei Mal im Jahr auf irgendwelchen Events begegnet ist und super verstanden, was die Reise natürlich super angenehm gemacht hat.

Wir waren in Las Vegas und haben eine Hochzeit gefeiert, auf Roadtrips durch kilometerweit Wüste, inclusive Stopps bei geilen Fast-Food-Ketten, haben Freizeitparks, Studios und andere Sehenswürdigkeiten besucht und alles mit der Kamera fest gehalten. Das hört sich alles zu schön an, um wahr zu sein, aber in den Videos sieht man uns allen an, dass wir eine richtig gute Zeit zusammen hatten und viel an neuer Lebenserfahrung dazu gewonnen haben.

Auch wenn mir mit meinen damals 20 Jahren das Nachtleben sehr erschwert worden ist, vor allem in Las Vegas, was mir etwas auf den Senkel gegangen ist, weil man sich plötzlich wieder wie 15 fühlt. Da hilft nur das Bestechen von Türstehern und Kellnerinnen, die alle eigentlich Schauspieler oder Tänzer waren, da in einer Welt wie Hollywood tatsächlich alles käuflich und mehr Schein als Sein ist. So wie auch unser Haus, das von außen aussieht wie eine Megavilla, aber von innen erhebliche Baumängel aufwies. Aber was soll’s.

An meinem 21. Geburtstag hatte ich J.W., den Namen zensieren wir mal lieber, haha, einen jungen, aufstrebenden Modedesigner, den wir zuvor in einem Club kennen gelernt und zu uns ins Haus eingeladen haben, koksend und nackt im Whirlpool sitzen. Auch wieder eine Erfahrung, die etwas schockierend, aber lustig zugleich war. Und er war eigentlich ein echt netter Typ.

Sind die Leute, mit denen du ab und zu in Videos abhängst, wirklich deine Freunde?

Nach drei Jahren lernt man so einige YouTuber kennen und es gibt keinen einzigen, mit dem ich auf Kriegsfuß oder ähnlichem stehe. Man versteht sich eben super, weil jeder, der das macht, einen kleinen Knacks in der Birne hat. Und uns alle verbindet etwas: Die Produktion von Videos auf eigene Faust. Da entwickeln sich sehr schnell Freundschaften, vor allem, wenn man erst einmal zusammen ein Video gedreht hat. Dafür reicht es für mich erstmal, wenn man die Videos vom anderen cool findet.

Da jeder auf YouTube sehr stark seine Persönlichkeit vor der Kamera präsentiert, kennt man die Leute quasi schon ein bisschen und kann einschätzen, ob man sich mit ihnen versteht oder nicht. Klar habe ich auch Freunde, die gar nichts mit YouTube am Hut haben und jedes Mal verblüfft den Kopf schütteln, wenn jemand beim Bummeln durch die Stadt nach einem Foto mit mir fragt, aber genau so, wie es gut tut mit Menschen zu sprechen, die sich in einer ähnlich verrückten Situation befinden wie man selbst, so ist es auch super, sich über die normalen Dinge im Leben auszutauschen.

Hast du das Gefühl, dass du dich wirklich angestrengt hast, um deine heutige Abonnentenzahl zu generieren – oder geschah das eher so nebenher?

Ich würde sagen beides. Es geschah aber eher so nebenher, weil ich kein Mensch bin, der jeden Tag den Anstieg seiner Views und Abonnenten checkt, und ich mir irgendwann dachte: „Oh, upps. Schon eine Million… Craaaazy!“ Ich bin etwas verpeilt, das ist mein Problem. Da gibt es auch andere Sorten YouTuber, was aber eigentlich nötig ist, wenn man davon leben möchte. Entgegengesetzt der allgemeinen Meinung darüber, ist Videos auf YouTube machen sehr anstrengend.

Vor allem bei zwei bis drei Videos die Woche. Man muss sich das mal überlegen: Zwei bis drei Mal die Woche eine neue, kreative Idee, die den Nerv der Zeit trifft und so viele Menschen wie möglich ansprechen sollte. Plus haareraufend und deprimiert durch die Wohnung stapfen, weil die zündende Idee eben nicht mal so einfach vom Himmel fällt.

Man ist sein eigener Chef. Jeden Tag motiviert zu sein, sich an den Computer zu setzen, die Idee auszuarbeiten und ein freies Skript zu schreiben. Vor die Kamera setzen: Sieht der Hintergrund gut aus? Stimmt das Licht? Stimmen die Kameraeinstellungen? Ist der Ton so gut? Sich Gedanken machen, wie man was sagt, damit es richtig rüber kommt.

Gut drauf sein und unterhalten, auch wenn man mal keinen so guten Tag hat. Dann wieder an den Computer setzen und stundenlang schneiden, nur damit einem Premiere Pro abschmiert und man keinen Zwischenstand gespeichert hat. Video hochladen: Guter Titel? Gutes Thumbnail? Was muss in die Beschreibung rein? Video auf allen sozialen Netzwerken teilen und dann eine Minute nach Veröffentlichung des Videos „Du bist scheiße. Das Video ist schlecht!“ in den Kommentaren zu lesen. Ich will mich nicht beschweren, ich habe den besten Job der Welt. Aber es ist tatsächlich ein Job und harte Arbeit. Dass das von vielen noch nicht realisiert wird, macht einen ein bisschen traurig, aber das wird sich noch ändern. Da bin ich mir ziemlich sicher.

Tatsächlich bin ich, wie viele andere auch, durch deine “10 Dinge, die Mädchen tun (aber niemandem erzählen)“-Liste auf dich aufmerksam geworden. Ist das dein persönliches Lieblingsvideo?

Auch wenn das mein erfolgreichstes Video ist, ist es nicht mein Lieblingsvideo. Wenn ich mir eines von meinen eigenen aussuchen müsste, würde ich einen Vlog von Reisen nehmen, die ich gemacht habe. Das ist eine schöne Erinnerung, die ich mit ganz vielen anderen Menschen teilen kann, die vielleicht nicht die Möglichkeit haben an solche Orte zu gelangen oder bestimmte Menschen zu treffen. Den Gedanken finde ich schön.

Ich befand mich auf AMY&PINK irgendwann im Zwiespalt, ob ich lieber Content produziere, der mir selbst Spaß macht, oder von dem ich wusste, dass er den Lesern gefällt und viele Likes und Klicks generiert. Ist das auch für dich ein Problem?

Klar mache ich mir Gedanken darüber, welches Thema besonders gut funktioniert, aber ich würde nie ein Video machen, das mich selber nicht interessiert. Das würde man mir sofort ansehen und so ein Video anzugucken macht dem Zuschauer keinen Spaß, weshalb das Video vielleicht auch gar nicht so erfolgreich wäre.

Ich versuche immer Themen zu finden, die ich lustig finde und die mit hoher Wahrscheinlichkeit funktionieren werden. Da hat sich bis jetzt immer etwas gefunden. Außerdem ist mein Kanal eher um mich als Person herum als um Themen aufgebaut, weshalb sich dieses Problem quasi von selber löst.

Bist du persönlich sehr traurig, wenn mal ein Video nicht so oft geklickt wird, wie du es dir vielleicht erhofft hast?

Manchmal gibt es Videos, die einem sehr am Herzen liegen oder von denen man denkt „Das wird jetzt der absolute Knaller!“, die dann echt wenig geschaut werden. Das macht mich schon ein bisschen traurig, aber das ist gleichzeitig genau das Spannende an YouTube. Man kann einfach nicht genau sagen, was funktionieren wird. Ich habe schon von vielen YouTubern gehört, dass sie sich bei Videos dachten „Na, das war jetzt nicht so dolle“ und genau diese Videos am Ende eines der erfolgreichsten auf dem Kanal geworden sind.

Erzähl mal ein wenig aus dem Nähkästchen, welcher YouTube-Star ist in Wirklichkeit ein hochnäsiges Arschloch, wer wird ziemlich unterschätzt, obwohl er toll ist, wer müffelt ein bisschen?

Klar mag man den einen YouTuber mehr als den anderen, so wie man eben den einen Menschen mehr als den anderen mag, aber im Grunde verstehen sich alle, weswegen ich hier niemanden in die Pfanne hauen möchte. Ich persönlich hatte noch nie ernsthafte Probleme mit meinen Kollegen, deswegen kann ich dazu ehrlich nichts sagen, was nicht unfair wäre.

Unterschätzt werden so viele, dass man das gar nicht hier aufzählen könnte. So viel Talent, das in der Masse leider untergeht. Vor allem, wenn man nicht Peniswitze-Comedy, Beauty oder Let’s Plays macht. Das wird sich aber alles noch entwickeln. Und niemand müffelt, nur weil wir Nerds sind, die komische Videos im Internet machen. Alle YouTuber riechen wie Einhörner!

Wie sehr hat diese Videoplattform dein Leben verändert?

Durch YouTube hat sich mein Leben beängstigend stark verändert. Das fängt schon bei Themen wie Selbstbewusstsein und Selbstsicherheit an. Sich zu denken: „Leute, das bin ich, akzeptiert mich so wie ich bin.“ Ich wurde oft ins kalte Wasser geschmissen, indem ich zu Events und Treffen gefahren bin, um mit Menschen abzuhängen, die ich eigentlich nur aus Videos und vom Chatten her kannte. Ich war als Kind und den Großteil meiner Jugend sehr unsicher und schüchtern.

Durch YouTube habe ich gelernt, über meinen Schatten zu springen und mich zu überwinden auf andere Menschen zuzugehen, eine wichtige Lektion meiner Jugend, für die ich sehr dankbar bin. Ich habe gelernt, mit Kritik klarzukommen, egal wie unkonstruktiv sie auch sein mag. Der Traum, auch mal größere Projekte, vielleicht sogar Filme zu produzieren, hat sich durch das Videos machen in mir aufgetan.

Ich habe Menschen kennen gelernt, denen ich ohne YouTube wahrscheinlich nie im Leben über den Weg gelaufen wäre und die ich heute nicht missen möchte. Reisen, Lebenserfahrung, gute und schlechte Seiten von einem gewissen Grad an Bekanntheit kennen gelernt. Ich könnte noch ewig weiter aufzählen. Wie gesagt: Beängstigend.

Denkst du manchmal darüber nach, was du mit deiner Zeit anstellen würdest, wenn es YouTube nicht geben würde?

Ich wäre wahrscheinlich, wie die meisten in meinem Alter, immer noch auf der Suche nach etwas, was mich erfüllt. Nur würde ich mich nicht trauen zu suchen. Ich wäre den einfachsten Weg gegangen und hätte nach dem Abi erstmal ein Jahr zu Hause gesessen, von meiner großen Schwester gezwungen ein bisschen rumzureisen, was ich aber nicht machen würde, weil ich viel zu viel Angst hätte.

Dann hätte ich irgendeinen x-beliebigen Studiengang ausgewählt, vielleicht sogar bei meiner Schwester in London und würde verschüchtert durch dunkle, nasse Gassen laufen. So schlimm wäre es wahrscheinlich nicht gewesen, aber ich stell’ mir das Leben ohne YouTube irgendwie viel trüber vor… Ich denk’ lieber gar nicht drüber nach.

Wenn du auf Veranstaltungen wie der Gamescom oder den VideoDays abhängst und dich ständig fremde Menschen anquatschen, fühlst du dich da gut – oder nervt das eher?

Ich find’s super! Die letzten Jahre habe ich es immer total genossen, die Menschen, die meine verrückten Videos gucken, ein bisschen kennen zu lernen, um herauszufinden, was sie auf diesen Pfad gelenkt hat. Es ist schön, so viele Leute zu treffen und mal live zu spüren, was die Videos, auch wenn sie von den meisten Menschen als absoluter Quatsch abgetan werden, den Zuschauern bedeuten. Aber es ist anstrengender als man denkt, so viele Menschen auf einmal zu treffen, die alle was von einem wollen. Nach so einem Tag reicht es noch für einen Drink und dann fällt man erschöpft ins Bettchen.

Hast du das subjektive Gefühl, dass YouTube unsere Jugend klüger oder eher doch dümmer macht?

Meiner Meinung nach weder noch. YouTube ist eine Plattform, die hauptsächlich unterhält. Wieso sollte man von Unterhaltung dümmer werden? Außerdem werde ich tausendmal lieber von authentischen, sympathischen Menschen, die ich mir selber aussuchen kann, auf YouTube unterhalten, als von Schauspieler XY, der außerordentlich realistische Emotionen bei „Mitten im Leben“ zu tausendmal durchgekauten und einfallslosen Szenarios performt.

Wie gehst du mit Trollen um?

Ich hab mich an die Trolle gewöhnt. Klar geht das nicht komplett an einem vorbei. Ich habe auch mal einen schlechten Tag, an dem mich der ein oder andere Kommentar verletzt, aber ich habe gelernt, darüber zu stehen. Mein guter Freund MrTrashpack hat mal etwas sehr Weises zu mir gesagt: Die Menschen haben einen schlechten Tag, kommen nach Hause und müssen irgendwo ihren Frust loswerden. Solange das ganz harmlos unter meinem Video passiert, stehe ich gerne dafür zur Verfügung. So ungefähr. Das fand ich super.

Wenn du deinen Zuschauern eine Sache ganz direkt sagen könntest, ohne auf witzig machen zu müssen, und die würden das dann auch geschlossen einhalten – was wäre es?

Nehmt euch selber und eure Umwelt nicht allzu ernst und geht immer freundlich auf eure Mitmenschen zu. Man weiß nie, wer grade eine harte Zeit durchmacht. Das sind die zwei Dinge, die mir spontan einfallen, um für sich selbst, abgesehen von äußeren Einflüssen, ein glückliches Leben zu führen.

Wurdest du schon mal so richtig gestalkt?

Nicht so richtig. Natürlich wurden mir schon Google-Earth-Bilder mit rotem Pfeil zu meinem Zimmerfester per E-Mail geschickt, Präsentkörbe vor die Tür gelegt und Briefe an meine private Adresse geschickt, aber als richtiges Stalking kann man das ja nicht bezeichnen. Wenn ich ein bestimmtes Verhalten nicht gut heiße, dann ignoriere ich es. Normalerweise hört das nach einer bestimmten Zeit von alleine auf. Ich wohne aber auch noch sehr versteckt und behütet in einer kleinen Stadt in Bayern. Von YouTubern, die in Köln oder Berlin leben, hört man andere Geschichten.

Ist es nicht nervig für weibliche YouTuberinnen, wenn die gefühlte Mehrheit einfach nur ihre Brüste sehen will?

Am Anfang haben mich solche Kommentare schon sehr belastet. Ich habe in Videos nur weite, hochgeschlossene T-Shirts getragen, weil es mir sehr wichtig war, dass die Zuschauer meine Videos wegen meiner Person und nicht wegen meiner Brüste anklicken oder weil ich halt ein Mädchen bin, wooow. Mittlerweile sind das Old News und nichts besonderes mehr.

Ein dummer Witz, den der 600.000ste 11-Jährige unter meinem Video macht. Wenn ich auf sowas eingegangen bin, dann nur, um mich darüber lustig zu machen, wie lustig sich die Verfasser fühlen, während sie diesen Kommentar verfassen. Das ist mittlerweile aber auch schon langweilig.

Als Vorteil genutzt habe ich das bis jetzt nur ein einziges Mal: In “10 Dinge, die Mädchen tun (aber niemandem erzählen)“, aber auch nur weil es einfach die Wahrheit ist und gut zum Thema gepasst hat. Es ist was anderes, seine Brüste ins Spiel zu bringen, weil es zum Thema passt oder ein Video zu machen, um seine Brüste zu zeigen, denke ich.

Wie stehen die Chancen, dass du in den YouTube-Kommentaren deinen Traummann findest?

Oh, eher schlecht. So ein YouTube-Kommentar gibt einem nicht wirklich viel preis, nicht einmal, wenn es unter allen anderen heraussticht. Außerdem ziele ich es nicht darauf ab, meinen Traummann auf YouTube zu begegnen. Ich weiß nicht, wie es wäre, wenn jemand bewusst Videos macht, um unter den Zuschauern einen Partner zu finden… Interessantes Konzept. Sollte mal jemand versuchen. So richtig mit das Date dann vloggen und so. Nichts für mich, aber würde bestimmt funktionieren.

Was waren die kreativsten Anmachsprüche, die du jemals in den Kommentaren bekommen hast – und welche die miesesten?

Die kreativsten kann ich jetzt gar nicht benennen. Ist mir trauriger Weise nicht im Gedächtnis geblieben. Dafür habe ich ein ganzes Video über die miesesten „Anmachsprüche“ gemacht! „Is’ bestimmt Ü18 – Kelly liest perverse Kommentare #24“.

Schon mal Penisfotos in der Inbox gehabt?

Zum Glück nicht, glaube ich. Könnte aber auch sein, dass ich einfach nur die falschen Nachrichten öffne, hehe.

Kommunizierst du deinen Zuschauern ganz offen, wenn du in einer Beziehung bist – oder verheimlichst du das lieber so total boybandmäßig?

Ich würde kein öffentliches Statement abliefern, dass ich jetzt vergeben bin und an wen oder so. Ich würde es aber auch nicht verheimlichen. Die Dinge würden einfach ihren Lauf nehmen und die Zuschauer, die sich dafür interessieren, sollen sich ihren eigenen Teil dazu denken. Eine Beziehung zu verheimlichen ist anstrengend, es schränkt vieles ein und das ist keine schöne Atmosphäre für Liebe, finde ich. Man muss das Ganze aber auch nicht an die große Glocke hängen, das stresst auch. Es gibt aber sicherlich Pärchen, die gerne mit sowas umgehen und dann können sie das auch so machen. Jedem das Seine.

Würdest du dich selbst als Feministin bezeichnen?

Ich denke, in jeder Frau schlummert ein Feminist. Welcher Mensch will denn aus freiem Willen nicht sozial, politisch und wirtschaftlich gleichgestellt zu seinen Mitmenschen sein? Ich denke, viele haben Angst vor dem Wort Feministin, weil es irgendwie negativ belastet ist. Dabei bedeutet es erstmal nichts anderes als die Forderung zur Gleichberechtigung der Geschlechter. Das sollte niemand schlecht finden.

Ich weiß, diese Frage hörst du wahrscheinlich von jedem, aber ich weiß es immer noch nicht: Kann man von YouTube leben?

Wenn man genügend Klicks macht, kann man durch Werbung, die vor den Videos läuft, Product Placements oder externen Auftritten bei Events genug Geld verdienen, dass man davon Leben kann, ja.

Viele YouTuber produzieren ja CDs, Bücher und anderes Merchandise – und geben sogar Konzerte. Wo bleiben die Kelly-T-Shirts – und wann gehst du endlich auf Tour?

Wenn ich sowas mache, dann will ich es auch richtig cool und gut machen. Ich lasse mir für solche Dinge viel Zeit, deswegen kann ich dir das leider nicht sagen. Aber du bekommst die CD, das Buch und ein T-Shirt natürlich sofort zugeschickt!

Genau das wollte ich hören. Mit welchem internationalen YouTuber würdest du gern mal ein Video drehen?

Ich würde unglaublich gerne eine Folge „My Drunk Kitchen“ mit Hannah Hart drehen, Daily Videos und Challenges mit Grace Helbig machen und mit Mamrie Harts Hund spielen. Diese drei Frauen sind meine absoluten YouTube-Vorbilder, weil sie ohne Special Effects, aufwändige Kamerafahrten oder gescriptete Sketche einfachen und super lustigen Content liefern.

Welche Tipps gibst du jungen, und vielleicht auch älteren, Menschen, die auf YouTube Erfolg haben wollen?

Probiert alles aus, lernt von Video zu Video dazu und habt ganz viel Spaß. Das Wichtigste an einem Video, finde ich, ist, dass man die Leidenschaft hinter dem, was man produziert, sieht. Und lasst euch vor allem nicht von den Videos großer YouTuber abschrecken. Man hat eben nicht von Anfang an gleich das Megateam, das einen unterstützt. Einfach sein eigenes Ding machen, die Zeit bringt einem alles bei, was man wissen muss.

So, genug von YouTube. Was machst du eigentlich sonst noch so?

Das ist schwierig. Alles, was ich mache und was mir Spaß macht, dokumentiere ich ja auf YouTube. Das nimmt also eigentlich mein ganzes Leben ein. Das einzige Mal, dass keine Kamera dabei ist, ist, wenn ich meine Nicht-YouTube-Freunde treffe oder meine tschechische Familie besuche. Da mein Hobby gleichzeitig mein Beruf ist, mache ich nichts nebenher. Selbst wenn ich reise, was sich zu einer großen Leidenschaft entwickelt, im Moment, mache ich Videos drüber. Wenn ich über mein Leben rede, ist YouTube nunmal nicht mehr auszuschließen und fließt überall mit ein.

Ich versuche jetzt jede Woche mindestens ein Buch zu lesen, aber das Internet lenkt mich immer wieder ab, schon nach den ersten drei Seiten. Hast du ‘nen Tipp für mich?

Dann wird es nicht das richtige Buch für dich sein. Ich lese selber nur Bücher, die mich sofort fesseln, da denke ich gar nicht mehr ans Internet. Allgemein muss man sich einfach bewusst darüber werden, was für eine Entspannung es ist, mal nicht 24 Stunden auf Facebook online und rund um die Uhr erreichbar zu sein. Vor allem, wenn das Internet quasi dein Job ist. Handy in eine Ecke werfen, Laptop zuklappen und sich selber runterfahren.

Was sind deine Lieblingsseiten im Netz?

Meine Lieblingsseite ist eindeutig Tumblr. Der Humor auf dieser Plattform ist einfach unschlagbar. Es ist quasi die Quelle des Internethumors. Alles, was auf 9Gag, Facebook etc. viral geht, gab es Wochen zuvor schon auf Tumblr. Außerdem bekommt man einen Einblick in die verrücktesten Fandoms, in denen Nutzer Folgen einer Serie Frame für Frame auseinander nehmen und analysieren, diskutieren. Macht total Spaß, die verschiedenen Meinungen zum Weltgeschehen unter eindrucksvollen Bildern zu lesen. Tumblr ist einfach cool!

Ich kann sowohl Kanye West als auch Kim Kardashian nicht ab. Welchem Promi würdest am liebsten eine mitgeben, wenn du ihn auf offener Straße sehen würdest?

Keinem. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass ich selber oft sehr oberflächlich bewertet werde, oder ob’s mich einfach nicht genug kümmert, was Promis machen, um mich darüber aufzuregen, aber ich fühle mich von Personen der Öffentlichkeit echt nicht genug gereizt.

Interessierst du dich für Politik?

Mein Problem war, dass ich in der Schule Sozialkunde verabscheut habe, wo man politische Themen anspricht und darüber diskutiert, weshalb ich mich außerhalb der Schule auch lieber mit YouTube beschäftig habe als mich fürs Weltgeschehen zu begeistern. Mittlerweile ändert sich das langsam.

Allerdings interessiert mich im Moment Politik der Vergangenheit, ich hole meine Geschichtskenntnisse nach. Ebenfalls ein Fach, auf das ich in der Schule nicht viel Wert gelegt habe. Ich denke, ich werde mich vorarbeiten. Ich merke, dass das politische Interesse tatsächlich mit dem Erwachsenwerden wächst.

Sagen wir mal, der Playboy würde dir 100.000 Euro bieten, damit du blank ziehst. Würdest du’s machen?

Nein, das hebe ich mir für den Moment auf, an dem ich so verzweifelt Ruhm suche, dass ich mich sogar dafür ausziehe. Also nicht alle Frauen machen ein Playboy-Shooting nur aus diesem Grund, aber ich hebe mir das auf. Das ist schlau. Okay?

Würdest du ins Promi-Big-Brother-Haus einziehen?

Nö, ich will nicht 24 Stunden am Tag beobachtet werden. Das wäre mir einfach zu unangenehm. So offen bin ich dann doch nicht.

Wie sieht deine Zukunft aus?

Ich weiß nicht so genau. Ich mag es eigentlich gar nicht zu weit voraus zu planen und lasse das meiste einfach auf mich zukommen. Das Einzige, was ich für meinen Kanal plane, ist vielleicht etwas öfter ernstere Themen anzusprechen. Am liebsten in Kurzfilmform. Persönlich: viel Reisen, sich mit anderen Kulturen konfrontieren und Menschen kennen lernen, die ein ganz anderes Leben führen und sich mit ihnen austauschen.

Wahrscheinlich habe ich heute öfter das Wort YouTube benutzt als je zuvor. Lust auf ‘ne Tasse grünen Tee?

Sehr gerne! Aber ich würde liebe Pfefferminztee trinken, wenn der auch zur Auswahl steht. Der schmeckt mir einfach besser. Nichts gegen grünen Tee. Grüner Tee ist auch super.

Die Illustration stammt von Kelly Svirakova
Der Text erschien in der Kategorie Filme mit den Themen
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Terror in Deutschland: Ich habe Angst

Ich bin kein Experte, was Terror und Politik angeht. Ich bin Bürger. Ich bin jung. Noch. Ich würde mich als grundlegend informiert bezeichnen, was die Lage in Deutschland angeht. Ich kann lesen. Und denken. Und ich habe Angst. Ich habe Angst, seitdem man mir sagte, dass immer wieder Anschläge in...
Terror in Deutschland: Ich habe Angst

Terror in Deutschland

Ich habe
Angst

Lena Freud

Ich bin kein Experte, was Terror und Politik angeht. Ich bin Bürger. Ich bin jung. Noch. Ich würde mich als grundlegend informiert bezeichnen, was die Lage in Deutschland angeht. Ich kann lesen. Und denken. Und ich habe Angst.

Ich habe Angst, seitdem man mir sagte, dass immer wieder Anschläge in Deutschland verübt werden. Am Berliner Breitscheidplatz. In Ansbach. In Würzburg. Ich habe Angst, seitdem man mir sagte, ich sollte die Augen offen halten. Ich habe große Angst, seitdem man mir sagte, ich solle bitte nicht in Panik verfallen.

Ich habe Angst, wenn die Menschen, die ich liebe, Flugzeuge besteigen. Ich habe Angst, wenn ich mit der U-Bahn in die Arbeit fahre. In der Innenstadt. Rush Hour. Weihnachtsmarkt. Ich habe plötzlich sogar ein bisschen Angst vor Männern mit Turban. Meine Angst ist völlig irrational.

Ich weiß, dass meine Angst die Macht derer schürt, welche sie auslösen. Vor kurzem habe ich gehört, dass die Angst vor einem selten eintretenden Ereignis unverhältnismäßig hoch ist, wenn die persönlichen Konsequenzen so verheerend sind, wie im Falle von Krieg und Terror.

Und ja, ich habe unverhältnismäßig große Angst, um meine Familie, meine Wohnung, die Menschen, die ich liebe, alles, was ich mir mühsam aufbauen musste. Ich habe Angst um mein Leben. Ich weiß, dass ich statistisch gesehen mehrmals im Leben im Lotto gewinnen werde, bevor ich einem Anschlag zum Opfer falle. Ich kenne die Sicherheitsbestimmungen an den Flughäfen, an denen ich meine Lieben verabschiede.

Ich weiß, dass wir in einigen Jahren vielleicht schon gar nicht mehr über das Thema Terror nachdenken werden. Ich bin nicht dumm. Ich bin nicht begriffsstutzig oder geistig behindert. Und trotzdem habe ich Angst. Ich habe eine scheiß Angst.

Ich bin deutsche Staatsbürgerin. Ich lebe in einem sicheren Land. Meine Mitbürger fühlen sich ebenfalls sicher. Es geht uns gut hier. Meine Generation wächst behütet auf. Wir kennen keinen Krieg, keinen Terror.

Wir wissen wohl, was Krieg bedeutet, wenn wir Nachrichtensprechern und Großeltern zuhören. Aber wir haben ihn nie am eigenen Leib erfahren. Wir können uns nicht einmal annähernd vorstellen, was wäre, wenn man uns den Boden unter den Füßen wegreißt. Und es scheint auch nicht relevant für uns.

Ich schätze, wir haben eine ganze Menge verdammtes Glück gehabt. Aber wie sieht das alles in der aktuellen Situation aus? Was passiert, wenn man uns sagt, Menschen seien auf dem Weg in unser sicheres Land, um Bomben in U-Bahnen, Flugzeugen und Innenstädten zu zünden? Wir stehen nackt und hilflos vor dem Problem. Allein mit unserer Angst. Wie verhalten wir uns jetzt? Und wie verhalten wir uns nach einem Anschlag, der laut Regierung nur eine Frage der Zeit ist? Was würde ich persönlich tun?

Wir wissen es nicht. Woher auch? Aus „Terrorismus für Idioten“? Meine Regierung hier in Deutschland sagt mir, ich solle mir Sorgen machen, aber nicht in Panik verfallen. Die Sicherheitsbestimmungen werden noch weiter in die Höhe geschraubt.

Ich solle „den Behörden von seltsam aussehenden Menschen berichten“, meinte Ehrhart Körting von der SPD, und ruhig ein Auge haben, auf die vielen schlecht integrierten Bürger, die mir Deutschland jetzt zum Terroristenzivilkämpferfraß vorwirft. Ich soll der Speicherung meiner Daten und der verschärften Überwachung zustimmen. Schließlich sind die unter uns. Du könntest auch einer sein.

Die Forderungen vieler Politiker werden immer radikaler. Mich würde das nicht weiter beunruhigen. Ich interessiere mich nicht sonderlich für Politik. Ich befasse mich hin und wieder damit, um beim Smalltalk mit sexy Anzugträgern nicht völlig bescheuert auszusehen. Ich bin nur nicht dumm genug, meine Panik von meiner eigenen Regierung ausnutzen zu lassen.

Wir stehen vor einem Problem. Das ist wahr. Aber wir stehen, scheiß noch mal, nicht vor einer Apokalypse. Ich möchte nicht, dass meine Grundrechte hier und da ein wenig zurechtgeknautscht werden, weil dieses Land angeblich keine anderen Möglichkeiten kennt, meine Sicherheit zu gewährleisten.

Der ehemalige innenpolitische Sprecher der Unionsfraktion, Hans-Peter Uhl, wirft mir nun also vor, ich hätte die Lage nicht verstanden, wenn ich mich jetzt noch gegen die Vorratsdatenspeicherung zur Wehr setzte. Ich werfe Herrn Uhl vor, mein Grundgesetz nicht ganz verstanden zu haben.

Ich bin dagegen, dass man meine Angst vor Terror und Krieg schürt und ausnutzt, um meine Grundrechte aus den Angeln zu heben und sie zu verändern, um das Bürgertum besser überwachen zu können. Ich bin nicht paranoid. Das Foto meines Hauses bei Street View ist nicht verpixelt und, offen gestanden, ist es mir scheißegal, ob irgendwer herausfinden könnte, dass ich unverhältnismäßig oft bei Google nach japanischen Lesbenpornos suche.

Es geht mir darum, dass mein Grundgesetz nicht scheibenweise beschnitten werden kann. Ein wenig mehr Überwachung heute, ein paar mehr Einschränkungen morgen? Und was ist übermorgen? Das macht mir Angst. Mehr als jede Terrormeldung es je könnte.

Ich möchte nicht in einem Land leben, in dem man die Panik schürt, vor der man gerade noch gewarnt hat, nur um die eigenen Interessen durchzubringen. Ich möchte nicht von Menschen regiert werden, die in mir Vorurteile gegen Minderheiten aufflammen lassen.

Ich will meiner Regierung ihre nackte Panik nicht an ihren unüberlegten Handlungen ansehen. Ist das zu viel verlangt? Wie gesagt, ich bin weder Terror-, noch Politikexperte, ich kann von daher nur für mich selbst sprechen und meinem unguten Gefühl Ausdruck verleihen, aber, hey, Deutschland, hörst du dir eigentlich noch manchmal selbst beim Reden zu?

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Die Vielfickerin: Ich bin eine Schlampe und stolz darauf

Ich will ganz ehrlich sein: Ich mache mir nichts aus dem Gerede anderer. Was Menschen, die nicht meine Freunde sind, über mich oder auch direkt zu mir sagen, ist mir ziemlich egal. Deshalb verfolge ich auch nicht, was ihr mir für Leserbriefe schickt. Ich schreibe nicht, um euch zu befriedigen, sonde...
Die Vielfickerin: Ich bin eine Schlampe und stolz darauf

Die Vielfickerin

Ich bin eine Schlampe
und stolz darauf

Nadine Kroll

Ich will ganz ehrlich sein: Ich mache mir nichts aus dem Gerede anderer. Was Menschen, die nicht meine Freunde sind, über mich oder auch direkt zu mir sagen, ist mir ziemlich egal. Deshalb verfolge ich auch nicht, was ihr mir für Leserbriefe schickt. Ich schreibe nicht, um euch zu befriedigen, sondern um mein Mitteilungsbedürfnis zu stillen. Und natürlich, weil ich es geil finde, für die „Rotze“, die ich von mir gebe, auch noch Geld zu kassieren.

Am Wochenende allerdings war mir extrem langweilig. Meine Freunde waren alle ausgeflogen und ich hatte kein Gras mehr im Haus, weil leider auch mein Dealer weg war. Also fing ich aus lauter Verzweiflung an, mich durch das Internet zu klicken und blieb irgendwann bei meinen eigenen Artikeln hängen. Und bei den dazugehörigen Leserbriefen.

Größtenteils war das, was darin stand, ziemlich langweilig. Monotone Wiederholungen von Dingen, die ich mir schon viel zu oft im Leben anhören musste und über die ich einfach nur noch gähnen kann. Ehrlich, Leute, lasst euch mal was Neues einfallen. Frauen als Schlampe zu betiteln ist doch schon out, seit Sido seine Maske abgenommen hat und viel mehr Würdig wurde als er jemals Gangsterrapper war.

Ich habe nicht die leiseste Ahnung, was es euch bringt, mich eine Nutte, Hure oder ähnliches zu nennen. Soll das etwa eine Beleidigung sein? Ernsthaft, Leute. Das sind Berufe, so wie Bankkaufmann oder Dealer. Denkt ihr wirklich, das würde mich auch nur im entferntesten angreifen?

Meine Eltern haben nicht viel Erziehungsarbeit geleistet bei mir, aber sie haben mir immerhin beigebracht, was eine Schlampe ist, während bei einigen von euch da echt was schief gelaufen zu sein scheint. Sogar meine Therapeutin nennt mich manchmal Schlampe und da ist nichts Schlimmes bei.

Eine Schlampe ist nämlich ein Frau, die tierisch unordentlich ist und gerne mal ihr Äußeres vernachlässigt. Und dass das auf mich zutrifft, kann ich nun wirklich nicht abstreiten. So habe ich das zumindest gelernt. Das männliche Pendant dazu ist übrigens Schlamper oder Schlunz, nur falls ihr mal jemanden zurechtweisen wollt.

Letztere werden ausschließlich in einem nicht sexuellen Kontext benutzt, während es mittlerweile sehr üblich scheint, das Wort „Schlampe“ auf Frauen anzuwenden, die sexuell aktiv sind. Das männliche Gegenstück dazu scheint „männliche Schlampe“ zu sein, aber dass das sprachwissenschaftlich korrekt ist, wage ich zu bezweifeln.

Ich finde es nicht schlimm, eine „Schlampe“ zu sein. Weder in dem einen, noch in dem anderen Zusammenhang. Ich bin unordentlich, ich rasiere mir die Achseln nicht und ich habe Sex, wann, wo und mit wem ich will. Männern, Frauen, Menschen die sich irgendwo zwischen diesen Geschlechtern bewegen, egal.

Was ich allerdings sehr wohl schlimm finde, ist, dass ihr meine Freiheit, oder besser gesagt, die Freiheiten, die ich mir herausnehme, weil ich einfach Bock drauf habe, so abwertet. Ihr wollt nicht mit so vielen Menschen wie möglich Sex haben, euch ins Gesicht spritzen, in den Arsch ficken oder von einer großbusigen Domina auf dem Schwanz herumtrampeln lassen, während sie euch Tiernamen gibt? Gut. Dann tut es nicht. Euch zwingt ja niemand zu genau diesen Dingen.

Ihr wollt nicht mit jemandem in die Kiste steigen, dessen Muschi schon mehr als drei Schwänze mit einem feuchten Kuss begrüßt hat oder der jede Nacht ein anderes Paar Titten mit nach Hause nimmt? Das ist total okay. Ich verstehe zwar nicht, warum die Anzahl der vorangegangenen Sexualpartner für euch relevant ist, an dieser Stelle sei gesagt, dass Löcher nicht „ausleiern“, weder vorne, noch hinten, aber die Entscheidung liegt ja schließlich bei euch.

Wenn ich allerdings eine Theorie zu diesem Denken abgeben müsste, dann wäre das, dass ihr einfach nur Angst davor habt, schlechter als der oder die Vorgänger zu ficken und deshalb Wert darauf legt, dass euer Geschlechtspartner noch möglichst unbefleckt ist, also so wenig fremdes Sperma oder Fotzenschleim wie möglich am eigenen Körper hatte. Falls ich damit falsch liege, lasse ich mich allerdings gerne eines Besseren belehren – ich lese die Leserbriefe diesmal auch, versprochen.

Ich habe lange überlegt, ob ich den Teil, der jetzt kommt, einfach mit „Ich bin gerne eine Schlampe“ beginne, doch irgendwie wäre das falsch. Ich bin jemand, der gerne Sex hat. Jemand, der zu seinen Vorlieben steht und Spaß an neuen Dingen hat. Sex gehört zu meinem Leben wie wie Fleischwurst, die ich jeden Morgen verdrücke – und, nein, das ist keine besonders geschickt gewählte Metapher. Ich mag Fleischwurst. Und ich mag Sex.

Ich liebe das berauschende Gefühl eines Orgasmus, das mich oft noch stundenlang später grinsen lässt. Ganz egal, ob ich ihn mir selbst besorgt oder von anderen besorgen lassen hab. Ehrlich, Mann, wenn ich könnte, würde ich den ganzen Tag Orgasmen haben. Und die erreicht man eben durch Sex. Guten Sex. Sehr guten Sex. Und den, den habe ich einfach.

Weil es ihn mir erlaube. Mir gönne. Auf all die Vorurteile scheiße, die man mir entgegen bringt, wenn ich sage, dass ich manchmal Tage damit verbringe, mir das Hirn rausvögeln zu lassen und anderen das Hirn herauszuvögeln. Weil es geil ist. Sex fetzt, Mann. Und das wisst ihr.

Wenn ihr mich also eine Schlampe, Hure, Nutte, Bitch oder einfach nur Drecksau nennen wollt, weil ich mir nehme, was ich will: nur zu. Dann müsst ihr aber auch damit rechnen, dass ich euch für minderbemittelt halte. Nicht, weil ihr meinen Lebensstil kritisiert, sondern weil ihr meint, mir mit einem angeblichen Schimpfwort einen Stempel aufdrücken zu müssen, der mich in eine eurer Schubladen sortiert. Eine, die ihr klammheimlich immer dann, wenn keiner guckt, wieder herauszieht und nachschaut, ob noch alles gleich geblieben ist. Sonst würdet ihr die „Rotze“, die ich hier verbreite, ja nicht ständig lesen. Und mit einem eurer Schubladenwörter kommentieren.

Wenn ich für guten Sex in Kauf nehmen muss, dass die ach so offene und aufgeklärte Gesellschaft mich als etwas sieht, das nicht toleriert, aber trotzdem mit staunend offen stehenden Mündern abwertend kommentiert werden darf, dann ist das eben so. Meine Orgasmen gleichen das aus. Und abgesehen davon, beleidigt mich das sowieso nicht.

Drüber nachdenken solltet ihr trotzdem mal, bevor ihr solche Worte in den Mund nehmt. Es gibt da draußen nämlich sehr wohl Menschen, die ihr mit eurer beschissenen Wortwahl diskriminiert. Und das, Leute, muss echt nicht sein. Dann einfach doch lieber mal einen großen Schwanz in den Mund nehmen und brav die Klappe halten.

Die Fotografie stammt von Dainis Graveris
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Hauptsache hart: Kleine Schwänze sind groß genug

Es ist ein noch recht kalter Herbsttag und ich sitze mit meinem Kumpel Sebastian auf einer Bank in der Hasenheide. Wir haben gerade frisches Weed gekauft und rollen eine Tüte, während Sebastians Hund auf der Wiese unsichtbaren Dingen nachjagt. Während ich darauf warte, dass mein Kumpel mit der Tü...
Hauptsache hart: Kleine Schwänze sind groß genug

Hauptsache hart

Kleine Schwänze
sind groß genug

Nadine Kroll

Es ist ein noch recht kalter Herbsttag und ich sitze mit meinem Kumpel Sebastian auf einer Bank in der Hasenheide. Wir haben gerade frisches Weed gekauft und rollen eine Tüte, während Sebastians Hund auf der Wiese unsichtbaren Dingen nachjagt.

Während ich darauf warte, dass mein Kumpel mit der Tüte fertig wird, damit ich endlich rauchen kann, folgt mein Blick unaufhörlich dem Köter, der gerade auf einen Busch zu rennt, wo ein Typ mit heruntergelassener Hose seinen Schwanz raushängen lässt und pisst.

„Weißt du, was mir ein absolut gutes Rätsel ist?“, sage ich zu Sebastian. „Dass Typen bei jeder Gelegenheit ihren scheiß Schwanz hervorholen und einem damit in der Fresse rumwedeln, wenn’s drauf ankommt im Schlafzimmer aber keinen hochbekommen. Sie verschicken ständig Fotos von ihrem ach so großen und ach so harten Schniedel, aber wenn sie dann vor dir stehen und die Hosen runterlassen, hängt dann so ein schlaffes Mini-Wini-Würstchen vor dir.“ „Was ist denn bei dir schon wieder los?“, fragt Sebastian. „Schlechten Sex gehabt?“

„Nee“, antworte ich, „gar keinen, weil ich schon wieder so einen Schlappschwanz im Bett hatte. Der war tierisch geil auf mich, aber hat einfach keinen hochbekommen und dann auch noch etwas davon gefaselt, dass seine Exfreundin seine Sexualität ruiniert hat und dass er jetzt Zeit braucht, dass er aber unbedingt mit mir schlafen will und ich ihm Zeit geben soll. Hab ich auch, aber als ich ihm das Kondom übergezogen hab, wurde sein Schwanz halt wieder schlaff und dann kam die Ausrede, dass er Kondom ja nicht gewohnt ist, weil seine Exfreundin mit der Pille verhütet hat und, ach, es geht mir einfach auf den Sack. Weißte, komm erst mal richtig auf deinen Schwanz klar und dann fick mich anständig. Punkt.“

„Boah, Nadine!“, sagt Sebastian und verdreht die Augen. „Du bist aber auch echt eine Bitch, was sowas betrifft.“ „Bin ich nicht!“, entgegne ich. „Alles, was ich sage ist: Du kannst nicht die ganze Zeit auf supergeilen Macker machen und dann wenn es wirklich drauf ankommt literally den Schwanz einziehen. Ist ja okay, wenn man mal keinen hochbekommt, ich wird auch nicht immer feucht, wenn ich geil bin, aber diese Rechtfertigungen sind einfach nervig und auch einfach ein riesen Abturn.“

„Schätzchen, ich hab dich wirklich gerne, aber Penisse sind so. Wenn sie funktionieren sollen, funktionieren sie ganz oft nicht. Ist mir auch schon oft genug passiert. Kopfsache.“ „Ja, versteh ich, aber ich bin doch keine Therapeutin, die sich um deine komischen Penisproblemchen zu kümmern hat. Wenn du geil bist, aber keinen hochbekommst, dann mach halt irgendwas anderes. Gib ja genug Wege, auf denen man Sex haben kann, ohne dass der Schwanz zum Einsatz kommt. Vor mir muss sich niemand dafür entschuldigen, dass er keinen Steifen kriegt.“

Sebastians Köter kommt angerannt und leckt mir mit meiner feuchten Zunge über die Hand. „Ach“, sage ich. „Warum sind Männer nicht ein bisschen mehr wie Hunde? Die denken einfach nicht nach, sondern stoßen zu, wenn sie geil sind. Und lecken können sie auch.“ „Die haben aber auch nicht den Anspruch, irgendjemanden zu befriedigen“, hakt Sebastian ein. „Die ficken, um sich fortzupflanzen, und nicht einfach so aus Spaß.“ „Glaub ich nicht“, sage ich. „Dein Hund besteigt so oft mein Bein, der hat Spaß an Sex.“

„Dass wir Typen so oft Probleme mit unseren Schwänzen haben, liegt aber auch an euch Frauen„, sagt Sebastian. „Wir haben eben auch Angst, euch nicht zu reichen. Wir wollen gut sein und euch befriedigen. Das kann dem Kopf schon so sehr zusetzen, dass der Penis plötzlich nicht mehr funktioniert, obwohl wir vielleicht fünf Minuten noch einen Riesenständer hatten und den auch fotografiert haben.“

„Jetzt mach aber mal einen Punkt“, entgegne ich. „Dass ihr keinen hochkriegt ist nicht die Schuld der Frauen. Wir können nichts für eure Gedanken. Ich hab noch nie einem Typen direkt gesagt, dass mit seinem Schwanz etwas nicht stimmt. Ich bin immer sehr höflich und lobe den Penis, sage dass er so schön groß ist und wundervoll anzusehen, dass er sich gut in mir anfühlt und gut schmeckt, dass ich ihn gerne lutsche und was mal halt so sagt, um das Ego eines Typen aufzubauen.“

„Mag sein“, sagt Sebastian. „Und dennoch sitzt du hier und erzählst mir, was für ein Loser dein letzter Typ war. Und du bist ja nicht die Einzige. Du glaubst gar nicht, wie oft sich bei mir schon irgendwelche Freundinnen ausgeheult haben, weil ihr Kerl es im Bett nicht bringt. Natürlich trifft mich das irgendwo auch und löst Ängste in mir aus. Bei jeder Partnerin, mit der ich ficken will, muss ich Angst haben, dass sie danach zu ihren Freundinnen rennt und ihnen erzählt, wie miserabel ich bin. Ihr seid da schon für den Druck mit verantwortlich.“

„Du spinnst“, sage ich und nehme endlich die langersehnte Tüte entgegen. Wir hören auf zu reden und genießen für eine Augenblick nur, wie das Gras uns langsam zudröhnt, während die Sonne uns in die Gesichter scheint. Nach einer halben Stunde trennen sich unsere Wege und Sebastian und sein Köter ziehen ab.

Dennoch hat mich das Gespräch mit ihm natürlich nachdenklich gestimmt. Worte können extrem vernichtend sein und Dinge in Menschen auslösen, die zu diesem Zeitpunkt nicht gewollt sind. Vielleicht müssen wir Damen mit unseren Worten vorsichtig den Männern gegenüber werden, mit denen wir nicht schlafen, uns aber gerne über Sex unterhalten.

Aber trotzdem: Wenn das eigene Ego stimmt, dann ist es glatt mal egal, wie groß der Schwanz eines Mannes ist, wie oft er Frauen in der Regel zum Orgasmus bringt und was andere Menschen darüber sagen. Wenn dein Ego stimmt und du selbstbewusst bist, eine Sache, die man meiner Meinung nach sowieso nur aus sich selbst ziehen kann, bist du ein guter Ficker.

Nur, weil manche Männer wirklich Schlappschwänze sind, trifft das ja nicht auf alle zu, und auch die müssten im Prinzip nur mal ein bisschen an ihrem Kopf arbeiten und die vermeintlichen Unzulänglichkeiten im Bett von sich schieben, um wieder einen vernünftigen Ständer zu kriegen und es den Frauen, die es wollen, mal so richtig hart zu besorgen.

Ich frage mich im übrigen, ob das bei schwulen Männern auch so ist. Ich habe fast den Eindruck, es sind nur die Heten, die solche Probleme mit ihren Schwänzen haben, obwohl ja bei Schwulen tatsächlich ein richtiger Schwanzvergleich stattfindet, wenn beide die Hosen runterlassen.

Und klar, dass das die Penisprobleme von Heteromännern wieder auf das Konto der Frauen geht. Es ist ja sowieso an allem, was bei Typen nicht richtig läuft, der Feminismus schuld mit seinen starken Stimmen und starken Frauen, die wissen, was sie wollen und sich das auch nehmen.

Die Fotografie stammt von Charles Deluvio
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Die Bäckereiüberfälle: Haruki Murakamis krimineller Fiebertraum

Ja, ich gebe es zu, ich befinde mich im Augenblick auf einer unwiderruflichen Haruki-Murakami-Pilgerfahrt, aber, hey, wie kann mir das auch nur eine einzelne Seele da draußen verübeln? Schließlich zählt der japanische Autor zu den Besten seiner Zunft. Und das gilt für die Vergangenheit, die Gegenwar...
Die Bäckereiüberfälle: Haruki Murakamis krimineller Fiebertraum

Die Bäckereiüberfälle

Haruki Murakamis
krimineller Fiebertraum

Marcel Winatschek

Ja, ich gebe es zu, ich befinde mich im Augenblick auf einer unwiderruflichen Haruki-Murakami-Pilgerfahrt, aber, hey, wie kann mir das auch nur eine einzelne Seele da draußen verübeln? Schließlich zählt der japanische Autor zu den Besten seiner Zunft. Und das gilt für die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft gleichermaßen.

Aber ich kann alle Skeptiker gut verstehen. An welches seiner Werke sollte man sich zuerst herantrauen, um dem Meister gerecht zu werden? Lieber mit dem allseits beliebten Naokos Lächeln beginnen? Sich in die Psychogeschichte Hard-Boiled Wonderland und das Ende der Welt heranwagen? Oder doch gleich das Epos 1Q84 als erste, neue Vision erleben?

Glück habt ihr. Schließlich gibt es ein kleines Büchlein mit dem fantastischen Titel Die Bäckereiüberfälle, übersetzt von Damian Larens, das wie eine kleine Demo agiert und euch die Light-Version eines Murakami-Romans in kurzen, feinen Häppchen auf dem Lesetisch serviert. Mit Illustrationen von Kat Menschik ermöglicht es euch, kurz einzutauchen, in seine Welt.

„Gott und Marx und John Lennon sind tot. Wir hatten Hunger, so viel stand fest, deshalb wollten wir Böses tun. Aber nicht der Hunger trieb uns zum Bösen, sondern das Böse trieb, indem es uns hungern ließ. Klingt irgendwie, ich weiß nicht, existenzialistisch. So machten wir uns auf zur Bäckerei. Mit Messern bewaffnet, gingen wir langsam die Geschäftsstraße entlang auf die Bäckerei zu. Wir kamen uns vor wie in High Noon. Mit jedem Schritt duftete es wohliger nach Brot.“

Euch zu viel zu verraten, das wäre kontraproduktiv. Aber im Groben geht es um zwei Freunde, die eines Tages beschließen, eine Bäckerei zu überfallen. Schließlich haben sie Hunger. Und was wäre bitte ein besserer Grund, um eine Bäckerei zu überfallen? Na eben. Doch die Tat endet anders, als sie es sich vorgestellt haben, und führt zu unaufhörlichem Übermut.

„Das Mädchen starrte uns verblüfft an. In den Verhaltensregeln für McDonald’s-Personal steht nirgendwo, wie man Kunden zu begegnen hat, die plötzlich Skimützen überziehen. Sie wollte mit dem weitermachen, was nach dem Willkommen bei McDonald’s kommt, aber ihr Mund gefror, und sie brachte kein Wort heraus. Nur ihr Arbeitslächeln blieb ihr unsicher an den Lippen hängen wie die Neumondsichel bei Tagesanbruch.“

Die Bäckereiüberfälle könnt ihr ruhig und mit einem Sandwich bewaffnet an einem Nachmittag durchlesen. Es ist eine kurze Geschichte über Recht und Ordnung, über Flüche und Frauen, über das Hier und Jetzt. Wer sie versteht, der ist bereit für eines von Haruki Murakamis größeren Werke, alle anderen wissen zum Schluss zumindest, dass aller bösen Dinge zwei sind.

Die Fotografie stammt von DuMont
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Kawaii Monster Café: Supersüßes Tokio

Natürlich hat Tokio auch seine normalen Seiten. Seine ordinären Seiten. Sogar seine langweiligen Seiten. Männer in dunklen Anzügen. Wahre Wände aus hohen Wolkenkratzern. Laute und überfüllte U-Bahnen. Aber dann tretet ihr durch eine Tür und plötzlich seid befindet ihr euch im zuckersüßen Tokio, wo a...
Kawaii Monster Café: Supersüßes Tokio

Kawaii Monster Café

Supersüßes
Tokio

Daniela Dietz

Natürlich hat Tokio auch seine normalen Seiten. Seine ordinären Seiten. Sogar seine langweiligen Seiten. Männer in dunklen Anzügen. Wahre Wände aus hohen Wolkenkratzern. Laute und überfüllte U-Bahnen. Aber dann tretet ihr durch eine Tür und plötzlich seid befindet ihr euch im zuckersüßen Tokio, wo alles kawaii und fluffig und kunterbunt ist.

Willkommen im Kawaii Monster Café, dem Ort in der japanischen Hauptstadt, an dem ihr den Spaß eures Lebens haben könnt. Das mitten in Harajuku gelegene Etablissement vereint alles, was süß ist, an einem Ort. Einhörner, auf denen ihr reiten könnt, rosa Torten, auf denen ihr herum tollen könnt, babymäßige Milchfläschchen, die kopfüber von der Decke hängen.

Im Grunde besteht das Kawaii Monster Café aus dem „Sweets Go Round“-Kuchen und vier Bereichen, die „Mushroom Disco“, „Milk Stand“, „Bar Experiment“ und „Mel-Tea Room genannt wurden. Sebastian Masuda hat das Restaurant entworfen. Die bunten Speisen sowie die putzigen „Monster Girls“ werden euren Besuch unvergesslich machen. Mitten in Harajuku. Mitten in Tokio.

Kawaii Monster Café: Supersüßes Tokio Kawaii Monster Café: Supersüßes Tokio Kawaii Monster Café: Supersüßes Tokio Kawaii Monster Café: Supersüßes Tokio
Die Fotografie stammt von Marlen Stahlhuth
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Wie lebt man mit Krebs? Der Feind in meiner Brust

Das heißt im Klartext, Sie haben zwar diesen kleinen Knoten in der Brust, aber keinen Krebs. Die Ärztin lächelt mich an. Ich weiß nicht, wie ich jetzt reagieren soll. Ich lächle zurück. Vor Kurzem fand sie besagten Knoten bei einer Vorsorgeuntersuchung. In meiner linken Brust. Die ist statistisch...
Wie lebt man mit Krebs? Der Feind in meiner Brust

Wie lebt man mit Krebs?

Der Feind in
meiner Brust

Lena Freud

„Das heißt im Klartext, Sie haben zwar diesen kleinen Knoten in der Brust, aber keinen Krebs.“ Die Ärztin lächelt mich an. Ich weiß nicht, wie ich jetzt reagieren soll. Ich lächle zurück. Vor Kurzem fand sie besagten Knoten bei einer Vorsorgeuntersuchung. In meiner linken Brust. Die ist statistisch gesehen häufiger betroffen, wie ich später nachlese.

Sie erwähnte zum ersten Mal das Wort “Brustkrebs”. Und ich bekam ein komisches Gefühl. Jetzt scheint es sich in Luft aufzulösen. Das denke ich zumindest. Denn noch Tage später ertappe ich mich bei diesem kleinen, aufdringlichen “Was wäre wenn?”-Gedanken. Ich möchte mit jemandem darüber sprechen.

In einem Forum lerne ich Sabrina kennen. Sie ist 34 Jahre alt und wohnt in Saarbrücken. Wir verabreden uns für den Abend zu einem spontanen Skype-Interview. Sabrinas Gespräch nach der Mammographie verlief anders als meines.

Sabrina hat Brustkrebs. Als ich die Webcam einschalte, lächelt mir eine hübsche Frau entgegen. Ich bin überrascht. Sie sieht nicht krank aus, trägt dezentes Make Up und Schmuck. Nur der bunte Schal, den sie sich um den Kopf geschlungen hat, lässt vermuten, dass die Chemotherapie, die Sabrina vor Kurzem über sich ergehen lassen musste, Spuren auf ihrem Körper hinterlassen hat.

Hallo Sabrina. Ich freue darauf, ein wenig mit dir über deine Krankheit zu sprechen.

Danke, ich finde das Thema sehr wichtig und erzähle meine Geschichte nicht zum ersten Mal. Brustkrebs ist ein Thema, das uns alle an geht, das jeden treffen kann. Selbst Männer können erkranken. Die richtige Vorsorge ist wichtig, Früherkennung kann, natürlich nicht nur bei dieser Krebsart, in so vielen Fällen Leben retten.

Ich finde es bewundernswert, dass dir Aufklärung und Prävention so wichtig sind. Schließlich steckst du ja noch mitten in dieser Geschichte drin. Ist das nicht anstrengend?

Nein. Ich will über dieses Thema sprechen. Seit der Diagnose habe ich viel darüber gelesen, ich bin ein richtiger Experte auf dem Gebiet geworden. Manchmal sind die Ärzte beeindruckt von meinem Wissen. Das klingt jetzt blöd, aber ich will meinen Feind so gut wie möglich kennen. Und andere sollten das auch tun.

Nein, das klingt ganz und gar nicht blöd. Ich habe mich ja bis zur Diagnose auch recht umfassend informiert. Wie hast du erfahren, dass du Krebs hast?

Bei einer Routineuntersuchung beim Frauenarzt. Und da war er dann. Ein relativ großer, überraschend harter Knoten. Die Ärztin ließ mich selbst daran fühlen. Ich erschrak, weil ich ihn nicht schon vorher entdeckt hatte. Da wuchert etwas still und leise in deinem Körper vor sich hin und dann merkst du es nicht einmal. Es folgten einige Untersuchungen. Dann der Befund. Brustkrebs. Vermutlich hätte ich in Panik verfallen sollen, über den Tod nachdenken oder sonstwas. Aber ich saß nur da und fühlte mich taub.

Ich wusste nichts über Krebs, hatte keine Ahnung, was da vor sich ging und wie ich behandelt werden würde. Und ich hatte auch kaum Zeit dazu. Die folgenden Ereignisse rissen mich einfach fort. Der Tumor musste entfernt werden, dabei musste man mir die linke Brust abnehmen. Ich empfand das als enormen Eingriff in meine Weiblichkeit, auch wenn es eine lebensrettende Notwendigkeit war.

Es folgten Chemotherapie und Bestrahlung, wohl die Schlimmste Zeit meines Lebens. Alles zehrte mich aus, ich wartete nur noch auf den Tag, an dem die Behandlung endlich zu Ende sein würde. Ich wusste nicht, wie viel ich noch ertragen sollte.

Nach der Therapie schloss ich mich einer Selbsthilfegruppe für betroffene Frauen an und machte eine Psychotherapie sowie eine Reha. Ich erholte mich und setzte mich mit dem Thema auseinander. Begann mich langsam wieder aufzubauen und mich über Brustkrebs zu informieren.

Aber damit war deine Geschichte noch nicht zu Ende.

Richtig. Vor Kurzem entdeckte ich selbst etwas Beunruhigendes in meiner aufgebauten Brust und ging zum Arzt. Der Tumor von damals war nicht komplett heraus operiert worden und auch nicht durch die Chemotherapie besiegt. Also wieder Krebs.

Hast du dich anders gefühlt, jetzt, wo du wusstest, wie die Behandlung verlaufen wird?

Ja. Weißt du, nach der ersten Therapie, insbesondere der schrecklichen Bestrahlung, habe ich immer gesagt: „So etwas mache ich nie wieder. Lieber sterbe ich, als nochmals durch diese Hölle zu gehen!“ Aber es kam natürlich anders.

Ich hatte einen überraschend großen Überlebenswillen entwickelt, war gestärkt aus der ersten Krise hervorgegangen, und wollte jetzt, beim zweiten Mal, dem Krebs ganz bewusst den Kampf ansagen. Ich setzte mich bei den Ärzten durch, bestand auf eine Chemotherapie, wollte keine Bestrahlung mehr. Ich stellte meinen Lebensstil um, ernähre mich jetzt gesünder, komme zu Ruhe und achte sehr genau auf mich.

Wie siehst du deine Zukunft?

Realistisch.

Das heißt?

Ich habe den Krebs nicht besiegt. Und wenn es soweit ist, kann er immer wieder kommen. Aber ich habe gelernt zu kämpfen. Ich liebe mein Leben, habe einen tollen Ehemann, der mich unterstützt, wo es nur geht. Aber ich lebe nicht in einer Traumwelt. Der Krebs hat mir viel genommen. Ich möchte, dass die Menschen Bescheid wissen, über das, was mit ihnen passieren kann. Darüber, dass es hart ist.

Aber niemand sollte, so wie ich bei meiner ersten Behandlung, so ohnmächtig und hilflos mit ansehen, wie das alles passiert, ohne zu wissen, was geschieht. Mit dem Wissen über meine Erkrankung habe ich ihr den Schrecken genommen. Ich weiß, dass ich Chancen auf Heilung habe. Und die werde ich ergreifen. Ich werde garantiert nicht aufgeben.

Die Illustration stammt von Icons8
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Linke Gewalt: Widerstand und Prügel

Sagen wir es direkt mal so, wie es ist: Die linke Szene hat ein Gewaltproblem. Nein, ich rede nicht vom Anzünden von Autos oder Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, was, seien wir mal ehrlich, einer der lächerlichsten Straftatbestände ist, die das Strafgesetzbuch zu bieten hat. Abgesehen von der S...
Linke Gewalt: Widerstand und Prügel

Linke Gewalt

Widerstand
und Prügel

Lena Freud

Sagen wir es direkt mal so, wie es ist: Die linke Szene hat ein Gewaltproblem. Nein, ich rede nicht vom Anzünden von Autos oder Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, was, seien wir mal ehrlich, einer der lächerlichsten Straftatbestände ist, die das Strafgesetzbuch zu bieten hat. Abgesehen von der Strafbarkeit für den Besitz von Marihuana vielleicht.

Nein, wovon ich spreche ist die linke Szene und ihr Problem mit Gewalt gegenüber Frauen. Und wenn ich „Frauen“ sage, dann schließt das Transfrauen, genderqueere oder intersexuelle Personen und solche, die von der Gesellschaft als weiblich gelesen werden, mit ein. Auch wenn nicht öffentlich darüber geredet wird, die hinter vorgehaltener Hand weitergegebenen Warnungen („Halte dich besser von XY fern, der hat sich mehr als nur einer Frau gegenüber übergriffig verhalten!“) kennen wir alle.

Man würde wohl nicht vermuten, dass solche Stille-Post-Spiele über gewalttätige Männer in der linken Szene Gang und Gäbe sind, schließlich gilt sie nach außen hin als besonders feministisch und setzt sich gegen lautstark gegen Diskriminierung ein und damit unter anderem auch gegen Sexismus. Die übergriffigen, das sind immer die anderen. Wenn jemand aus dem eher mittleren bis rechten Spektrum mit Gewalt auffällt, wundert das eigentlich niemanden mehr so richtig.

Wenn es sich jedoch um einen Mann aus der linken Szene handelt, dem öffentlich sexuelle, emotionale, homophobe oder rassistische Gewalt vorgeworfen wird, will das erst einmal niemand so richtig glauben. Schließlich ist ja bekannt, dass dieser Mensch ein Feminist ist und bei Demos für Frauenrechte immer in der ersten Reihe mit marschiert. Dem traut man Gewalt einfach nicht zu – außer vielleicht ein paar Steinwürfe in Richtung Polizisten. Und auch nur dann, wenn die Polizei sich als Erstes gewalttätig verhalten hat. Aus purer Notwehr, sozusagen.

Fakt ist jedoch: In der linken Szene gibt es Gewalt. Und sie richtet sich nicht etwa ausschließlich gegen „das System“, sondern in erster Linie gegen marginalisierte Menschen innerhalb der eigenen Strukturen. Die Sache ist jedoch, dass die Gewalt der Linken gegen die Menschen, für die sie vorgeben, zu kämpfen, sehr viel subtiler von statten geht als das, was wir in den Medien zu sehen kriegen, wenn über „linke Gewalt“ berichtet wird.

Es fliegen keine Molotow-Cocktails durch die eigenen Reihen, und es zündet auch niemand Autos an, die jemandem aus der eigenen Gruppierung gehören oder schlägt seine Frau auf offener Straße windelweich. Und dennoch ist sie da, die Gewalt. Die Öffentlichkeit bekommt sie nur nicht mit, weil sie verschwiegen, abgestritten und so gut es geht vertuscht wird. Und zwar von den Menschen, die vorgeben, für mehr Gerechtigkeit zu kämpfen. Es ist ihr linker Status, der die Täter davor schützt, bestraft zu werden und die Glaubwürdigkeit der Opfer untergräbt.

Die linke Szene besteht nach wie vor überwiegend aus Männern. Aus weißen, heterosexuellen Männer wohlgemerkt, die Diskriminierung so gut wie nie am eigenen Leib erfahren hat, denn die meisten von ihnen stammen aus guten Elternhäusern, in denen Geld nie eine Rolle spielte und haben sich bewusst dafür entschieden, „links“ zu sein – und nicht etwa, weil sie es sein mussten, in etwa, weil das eigene diskriminiert werden sie dazu zwang. Strukturelle Diskriminierung, wie Homosexuelle, Transsexuelle, Frauen, People of Color oder Menschen mit Behinderungen oder psychischen Erkrankungen sie erleben, kennen diese Männer nur aus Erzählungen von anderen.

Sie sind genauso privilegiert aufgewachsen wie die weißen, heterosexuellen Männer, die sich später nicht explizit linken Gruppierungen anschließen und wurden dementsprechend schon immer von patriarchalen Strukturen geschützt, die sie als vollkommen normal erachten. Vielleicht, weil sie es nicht anders kennen. Vielleicht aber auch, weil sie gewisse Privilegien, die ihnen aufgrund dessen zuteilwerden, einfach nicht ablegen wollen.

Es sind besonders diese linken „Feministen“, die immer wieder betonen, dass es bei Feminismus ja um Gleichberechtigung ginge und es deshalb auch nicht okay sei, Männer von vornherein irgendwo auszuschließen – seien es nun Konzerte, auf denen nur Frauen als Gäste zugelassen werden oder Sportarten wie Rollerderby, bei denen Männer nun einmal nicht teilnehmen dürfen.

In solchen Fällen vergessen sie nur allzu gerne, dass es dabei keineswegs darum geht, Männer zu „diskriminieren“, sondern ausschließlich darum, einen sicheren Ort für Frauen zu schaffen, in dem diese vor übergriffigen Männer geschützt werden und ausnahmsweise einmal eine sorglose Zeit verbringen können, da sie nicht damit rechnen müssen, jederzeit belästigt zu werden. Sei es nun körperlich oder auch „nur“ verbal.

Es ist also kein Wunder, dass Warnungen über übergriffige Männer aus dem linken Spektrum fast ausschließlich durch das Stille-Post-Spiel von Frau zu Frau getragen werden, statt sie offen innerhalb der Gruppe zu diskutieren. Die betroffenen Frauen, die sich trauen, ihre Erlebnisse zu teilen, werden größtenteils als „zu sensibel“ abgestempelt. Man traut dem beschuldigten Mann auch einfach keine Gewalt zu. Schließlich ist ja bekannt, dass er „Feminist“ ist und sich für die Rechte von Frauen stark macht. „Er“ würde so etwas einfach nicht tun.

Viel wahrscheinlicher, als dass ein Mann, der sich als links bezeichnet, sich auf irgendeine Art und Weise gewalttätig verhält, ist doch, dass es „nur ein Missverständnis“ war. „Ein kleiner Spaß, der viel zu ernst genommen wurde.“ „Feministinnen müssen das abkönnen!“, heißt es dann gerne mal. Oder „Ich hab den Witz von meinem schwarzen Freund und der fand ihn extrem lustig, er kann also nicht so rassistisch sein!“

Linke Gewalt ist, abgesehen von besagten Steinwürfen auf Polizisten und auf rechte Läden geworfene Molotow-Cocktails, jedoch vor allem eins: subtil. Sie beginnt und endet immer mit emotionaler Einschüchterung und Manipulation. Dazwischen ist alles möglich. Von „harmlosen“ Witzen mit sexistischen und rassistischen Inhalten bis hin zu Vergewaltigungen. Ein „Nein!“ wird auch hier noch nicht als „Nein!“ gelesen, sondern maximal als „Überzeug’ mich!“

Die linkspolitische Einstellung schützt. Die meisten Männer wissen das und nutzen es aus. Sie wissen, dass den Opfern sowieso niemand Glauben schenken würde, weil die vorgeworfene Gewalttätigkeit nicht mit dem Bild, das sie anderen von sich präsentieren, konform geht. Und so fahren sie fröhlich fort damit. Eine Ächtung haben sie nicht zu befürchten – und wenn doch, haben sie tausende von Ausreden parat, die ihre Taten auf irgendeine Art und Wiese doch rechtfertigen und können sich im Zweifelsfall auf all das stützen, was sie schon für marginalisierte Personen getan haben. Ein „Ausrutscher“ kann jedem Mal passieren. „Alle Menschen machen Fehler!“

Deswegen bleibt am Ende nur das Stille-Post-Spiel statt die öffentliche Diskussion um Gewalt innerhalb der linken Bewegung untereinander. Die Warnungen, die mir über einzelne Personen zugetragen wurden, entpuppten sich bisher allesamt als berechtigt. Und die großen, einflussreichen, mächtigen der linken Szene? Schweigt. Obwohl das Tuscheln über die internen Gewaltstrukturen längst nicht mehr zu überhören sind.

Die Fotografie stammt von Jean Toir
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Zerstör mich!Liebe muss die Hölle sein

Meine beste Freundin, die womöglich nur eine gute Bekannte ist, schaut mich immer wieder verstört an, wenn ich ihr erzähle, dass ich schlichtweg mit keinem Mann zusammen sein kann, der mich nicht an meine mentalen Grenzen und darüber hinaus treibt. Such dir doch einfach mal einen ganz normalen Type...
Zerstör mich!Liebe muss die Hölle sein

Zerstör mich!

Liebe muss
die Hölle sein

Mia Jung

Meine beste Freundin, die womöglich nur eine gute Bekannte ist, schaut mich immer wieder verstört an, wenn ich ihr erzähle, dass ich schlichtweg mit keinem Mann zusammen sein kann, der mich nicht an meine mentalen Grenzen und darüber hinaus treibt. „Such dir doch einfach mal einen ganz normalen Typen!“ rät sie mir dann. Doch egal, wie sehr ich mir das auch wünschen würde, ich kann es nicht.

Ich war 14, als ich meinen ersten richtigen Freund traf. Er war 17 und psychisch gestört. Das wusste ich anfangs aber nicht. Mir war nur wichtig, dass er schlank, ja, fast schon schmächtig war, lange, dunkle Haare hatte und mich verstand. Er spielte in einer Band, schrieb Kurzgeschichten über die Liebe, die er aber niemals veröffentlichte, und küsste so zart und doch stark, dass ich allein bei dem Gedanken daran heute noch feucht werde.

Zu Beginn unserer Beziehung taten wir ganz normale Paardinge. Eis essen gehen. Im Kino knutschen. Wein trinken und dabei Musik hören. Am Ende unserer Beziehung zog ihn meine Mutter heulend und kreischend an seinen langen Haaren aus meinem Zimmer, während sein aufgeschnittener Arm unseren Flurteppich voll blutete und er aus voller Kehle „My Heart Will Go On“ brüllte. Zwischen Anfang und Ende lagen dreieinhalb Jahre. Das war zugleich die schönste als auch die schlimmste Zeit in meinem Leben.

Wenn andere Frauen erzählen, dass sie von ihrem Freund psychisch missbraucht wurden, dann möchte ich nur laut lachen und sie zurück in ihr ödes, mittelmäßiges Leben schicken, das sie für so krass und schlimm und deprimierend halten. Die emotionale Hölle ist nämlich nicht traurig und auch nicht hart, sie ist wunderschön. Fast schon magisch. Besonders zu zweit. Wer etwas anderes denkt, der ist nie bis ans Ende gegangen.

Als ich merkte, dass unsere Beziehung irgendwie anders war als die meiner Klassenkameraden, war ich gerade dabei, der Katze meiner Nachbarin den Schwanz mit einem Küchenmesser abzuschneiden. Die Wetten, die mein Freund und ich uns ausdachten, waren anfangs noch harmlos und ziemlich lustig, wurden aber immer abstruser, ekliger und auch gefährlicher. Meine Freunde, die ich seit dem Kindergarten kannte, hatten irgendwann Angst vor mir.

Aus der Clique von ungefähr zehn Leuten waren nach und nach nur noch wir beide übrig, weil wir uns von den anderen abkapselten. Die begriffen uns nicht, die waren zu normal. Wir verstanden die Welt, aber die Welt verstand uns nicht. Wir redeten jede Nacht stundenlang über Dinge, die sich andere nicht auszusprechen trauten. Tod, Schmerzen, die Sterne. Wir waren eins, alle anderen waren einsam. Solche Verlierer.

Ich begann, alle anderen Menschen zu hassen, weil sie so normal waren. Von dem netten Mädchen, das ich vor dieser Beziehung war, war danach nicht mehr viel übrig. Mein Freund lehrte mich, dass das Leben eine einzige Farce ist, die man nur dadurch austricksen konnte, indem man immer etwas Unerwartetes tat. Und das taten wir. Und es war großartig. Gott wusste nicht, mit wem er sich da anlegte.

Wir waren auf jeder Ebene ebenbürtig. Er versuchte nicht, mich zu manipulieren, sondern ich verband sein krankes Gehirn mit meinem. Und so wurden aus zwei ver- und zerstörten Seelen eine. Wir dachten irgendwann wie eine Person. Für uns war das ganz normal. Und wenn Liebe jemals einen wahre Definition haben sollte, dann diese. Natürlich klingt das nach jugendlicher Emoscheiße, aber es war, als wären wir die einzigen Wesen in einem viel zu großen Universum, die wirklich zusammen gehörten.

Er tat alles, was ich sagte. Und ich tat alles, was er sagte. Er trat seinem Chef auf einem Betriebsausflug zwischen die Beine, weil ich es sagte. Und ich ließ mich von einem übergewichtigen Türken mittleren Alters auf der McDonald’s-Toilette bumsen, weil er es sagte. Es war keineswegs, als hätte ich meinen Kopf abgeschaltet, sondern als würden wir jede noch so kleine Entscheidung gemeinsam treffen.

Natürlich war selbst diese wunderschöne Hölle nicht für die Ewigkeit bestimmt. Irgendwann driftete er in eine von MDMA geflutete Welt ab, in der ich keinen Halt fand. Er war von Tag zu Tag fröhlicher und glücklicher, während meine Gedanken immer düsterer wurden. Unsere perfekte Harmonie schien uns zu entgleiten. Ich tat alles, was er sagte, aber er irgendwann nicht mehr, was ich sagte. Und das machte mich wütend.

Ich saß nachts allein in meinem Zimmer und malte mir aus, welche schlimmen Dinge ich ihm und seiner Familie antun würde, sollte er mich verlassen. Er hatte mich in diese dunkle Parallelwelt gebracht und nun dort allein zurück gelassen. Ich wollte nicht, dass er glücklich ist. Ich wollte, dass er mit mir gemeinsam zerstört ist.

Um ihn eifersüchtig zu machen, begann ich etwas mit einem blonden Schönling aus meiner Klasse. Doch das interessierte ihn gar nicht. Dafür gefiel mein Ersatzfreund meiner Mutter so gut, dass sie vor Glück fast weinte. „Gott sei Dank“, sagte sie damals. „Ich dachte schon, du würdest für immer mit diesem Idioten zusammen sein.“ Ich lächelte nur. Was wusste sie schon.

Das ging ein paar Monate so und ich begann fast zu glauben, dass ich wieder ein normaler Mensch werden könnte, mit normalen Kinoabenden und normalen Partys und normalen Abendessen bei den Eltern des jeweils anderen. Bis eines Abends mein Freund vor der Tür stand. Es regnete. Seine langen, dunklen Haare waren ganz nass. Ich wollte mich am liebsten sofort in ihnen vergraben.

Ich weiß nicht, ob er betrunken oder high oder einfach nur verstört war, aber er sagte, er hätte ein Mädchen kennengelernt, eines mit Locken und einem süßen Lächeln und sie wäre in einer 80s-Tanzgruppe und Klassensprecherin. Sie wäre ganz großartig, aber irgendwie würde sie ihm emotional nicht so viel bedeuten wie ich. Er würde mich vermissen. Ob ich ihm nochmal eine Chance geben würde.

Man könnte jetzt denken, dass ich aus Spaß „Wetten, du traust dich nicht, dir die Pulsadern aufzuschneiden!“ sagte, aber ich meinte es vollkommen ernst. Wenn er wirklich mit mir zusammen sein will, dann macht er es auch, dachte ich mir. Natürlich wollte ich nicht, dass er starb. Ich wollte nur, dass er tat, was ich ihm sagte. Dass er mir seine Treue bewies. Seine unendliche Loyalität.

Der Schnitt war nicht lebensgefährlich, aber er blutete wie ein Schwein. Meine Mutter rastete aus, der Krankenwagen und die Polizei kamen, Nachbarn hatten sie gerufen. Ich schlief noch einige Nächte auf dem länglichen Fleck, bis er plötzlich weg war. Meinen Freund sah ich danach nur noch einige Male, aber wir sprachen nicht mehr viel miteinander. Ich galt als Psycho, er begann Verschwörungstheorien zu entwickeln. Satelliten würden ihn beobachten. Sein Handy warf er in einen nahegelegenen See.

Ich habe versucht, danach wieder eine normale Beziehung mit einem normalen Menschen zu führen. Aber es klappt nicht. Wenn deine erste Beziehung dir so viele innerliche Türen geöffnet hat, von denen du vorher nicht einmal wusstest, dass sie existieren, dann kannst du nicht mehr so tun, als würdest du sie nicht kennen. Du wirst inkompatibel für Leute, die noch nie gewisse Schalter in ihrem Gehirn umgelegt haben.

Mein nächster Freund war Steuerfachangestellter oder irgend so ein Scheiß. Seine Eltern waren Anwälte. Ich hätte ihnen vor lauter Gewohnheit an die Wand kotzen können. Der Typ versagte schon bei der ersten Wette, die ich ihm auferlegte, dabei war sie noch harmlos. Er sollte ein fremdes Mädchen auf einer Party küssen, auf der wir waren, ohne vorher mit ihr zu sprechen. Natürlich traute er sich das nicht. Aus lauter Enttäuschung machte ich noch auf der Stelle mit ihm Schluss und habe dem Türsteher einen geblasen.

Seitdem befinde ich mich in einem Limbo der Langeweile. Ich fühle mich, als hätte ich alle meine Emotionen bereits gelebt, als wäre ich ausgefühlt, als wäre der Rest meines Lebens lediglich ein Warten auf den Tod. Ich würde alles geben, um nur noch eine Nacht wie die zu erleben, in der die Welt noch in Ordnung war. In der ich mich zu Hause fühlte, in der Gewissheit, dass wir eins waren und alle anderen nicht.

Meine beste Freundin, die womöglich nur eine gute Bekannte ist, schaut mich immer wieder verstört an, wenn ich ihr erzähle, dass ich schlichtweg mit keinem Mann zusammen sein kann, der mich nicht an meine mentalen Grenzen und darüber hinaus treibt. „Such dir doch einfach mal einen ganz normalen Typen!“ rät sie mir dann. Doch egal, wie sehr ich mir das auch wünschen würde, ich kann es nicht.

Die Fotografie stammt von Hoang Loc
Der Text erschien in der Kategorie Liebe mit den Themen
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Halt's Maul, Berlin!Ich bin dann mal im Off-Modus

Es ist kurz vor drei Uhr. Ich sitze in meiner Wohnung in Kreuzberg, angelehnt an die kalte Zimmerwand. Jegliche Störgeräusche, künstliche Einflüsse und auch die Musik finden keine Aufmerksamkeit. Sie sind im Off-Modus. Ich bin im Off-Modus. Endlich. Mein Fenster vorsichtig angekippt – frische Luft m...
Halt's Maul, Berlin!Ich bin dann mal im Off-Modus

Halt's Maul, Berlin!

Ich bin dann mal
im Off-Modus

Wenke Walter

Es ist kurz vor drei Uhr. Ich sitze in meiner Wohnung in Kreuzberg, angelehnt an die kalte Zimmerwand. Jegliche Störgeräusche, künstliche Einflüsse und auch die Musik finden keine Aufmerksamkeit. Sie sind im Off-Modus. Ich bin im Off-Modus. Endlich. Mein Fenster vorsichtig angekippt – frische Luft muss immer rein. Ich will echten Sauersttoff atmen. Keinen Smog, keinen Rauch. Keine Sinnesillusionen mehr. Mit der Reinheit der Luft klärt sich auch mein Gedankennebel peu à peu. So langsam verstehe ich mal wieder. Solche Breaks braucht es ab und zu.

Natürlich ist es nachts. Nachts kann ich klarer denken. Die unruhigen Geister der Großstadt schlafen zum Glück. Endlich habe ich den nötigen Raum, um meine Gedanken auf den Spielplatz der Möglichkeiten zu entführen. Jetzt und hier können sie sich austoben. Ungeniert weit und lange im Unbekannten weilen. Wann, wenn nicht jetzt und hier? Keine Uhr, die tickt. Kein Wecker, der klingeln muss. Die kleine Freiheit. Die, die man sich täglich nehmen sollte aber nur viel zu selten nehmen will. Aus Angst vor dem Nichts, aber manchmal ist das genau das Richtige.

Berlin, du hast mich hart gemacht. Ich wollte dich so laut hören, wie ich nur konnte. Das habe ich. Angeschrien hast du mich. Du hast mir die verschiedensten Sekrete der Glückseligkeit aus allen möglichen Löchern gepustet. Mich im Anlitz des Vorzeige-Sonntags-Sonnenuntergangs tröpfchenweise weinen lassen. In großen Momenten warst du mein Pinky und ich dein Brain. Ich suhlte mich in deiner Coolness und übergoss mich unaufhörlich mit deinem individualistischen Charme des puren Purismus. But now, shut the fuck up. Please.

Berlin, ich will Stille. Bitte halt jetzt einfach deinen Mund und lass mich hier mit meiner Ruhe in Ruhe. Mach den Schmutz, die Autos und die widerliche Ignoranz jedes Einzelnen aus. Fahr auf Kur, leg dir ein Haustier zu oder kaufe dir einfach nur eine Pflanze. Mach Urlaub von dir selbst.

Jetzt mal ehrlich: Wie lange kann sich eine Hauptstadt eigentlich selbst ertragen, ohne kulturell zu implodieren? Menschen rasten grundlos aus, weil die Fassade bröckelt. Schöne, talentierte Individualisten transformieren zu geistlosen Seelenhyänen. Wäre es nicht tragisch? Der Aufstand der Hipster gegen das Hipstertum. Ach kommt, das wird nie passieren. Das ist Gedankenromantik.

Schürt diese Stadt also eine Art Selbsthass? Nein. Sie zwingt dich nur zur maßlosen Selbstreflexion. Eigentlich ist sie nichts anderes, als die ursprüngliche Idee der Seifenblase. Von weitem wirkt sie groß, stark, so voller Träume. Eine verschwommene Mischung aus der bunten Neugier nach unzählig vielen Dingen und der kindlichen Sehnsucht nach einem eigenen Platz in der Welt. Wer zu nah an die Blase kommt, läuft Gefahr sie zu zerstören.

Wenn sie dann wirklich mal durch Eigenverschulden zerplatzt, wird man ruhig und geht für eine Weile sicherheitshalber in den plötzlichen Off-Modus. Es ist noch nicht einmal vier Uhr. Die Wand, an der ich lehne, ist inzwischen auf Körpertemperatur gepimpt. Ich atme schon so lange diese Stille, dass ich sie nähre. Nur ein alter, zufriedener Buddha ist jetzt gechillter als ich. Berlin, ich liebe dich am meisten, wenn du ab und zu mal deinen Mund hältst und zuhörst.

Die Fotografie stammt von Stefan Widua
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Jidouhanbaiki: Im Reich der Getränkeautomaten

Wer zum ersten Mal nach Japan fliegt, der wird sich schon bald auf seinem Weg durch Tokio, Osaka oder Kyoto verfolgt fühlen. Denn egal, ob mitten in der bunten Großstadt oder auf dem idyllischen Land, ob tagsüber oder nachts, ob in überfüllten Einkaufsstraßen oder auf verlassenen Wanderwegen. Sie si...
Jidouhanbaiki: Im Reich der Getränkeautomaten

Jidouhanbaiki

Im Reich der Getränkeautomaten

Marcel Winatschek

Wer zum ersten Mal nach Japan fliegt, der wird sich schon bald auf seinem Weg durch Tokio, Osaka oder Kyoto verfolgt fühlen. Denn egal, ob mitten in der bunten Großstadt oder auf dem idyllischen Land, ob tagsüber oder nachts, ob in überfüllten Einkaufsstraßen oder auf verlassenen Wanderwegen. Sie sind wirklich überall: Getränkeautomaten.

„Japan hat die höchste Anzahl von Getränkeautomaten der Welt in Bezug auf die Landmasse,“ erklärt uns der Fotograf Edward Way, der in Bordeaux geboren und in Paris aufgewachsen ist. „Sie formen die urbanen Plätze und füllen die Lücken zwischen heimatlicher und öffentlicher Erfahrung. Sie gelten als Erinnerung daran, wie Menschen den Raum um sich herum gestalten.“

Getränkeautomaten versorgen die japanischen Einwohner nicht nur mit eiskalter Limonade oder brühend heißem Kaffe, nein, in den Metallkästen finden sich auch Früchte, Kleidung und Regenschirme. Die Jidouhanbaiki sind neben dem Siegeszug der Konbini zu überlebenswichtigen Mechanismen der fernöstlichen Gesellschaft geworden. Und manchmal, manchmal sind sie sogar Kunst.

Jidouhanbaiki: Im Reich der Getränkeautomaten Jidouhanbaiki: Im Reich der Getränkeautomaten Jidouhanbaiki: Im Reich der Getränkeautomaten Jidouhanbaiki: Im Reich der Getränkeautomaten Jidouhanbaiki: Im Reich der Getränkeautomaten Jidouhanbaiki: Im Reich der Getränkeautomaten Jidouhanbaiki: Im Reich der Getränkeautomaten Jidouhanbaiki: Im Reich der Getränkeautomaten Jidouhanbaiki: Im Reich der Getränkeautomaten Jidouhanbaiki: Im Reich der Getränkeautomaten Jidouhanbaiki: Im Reich der Getränkeautomaten Jidouhanbaiki: Im Reich der Getränkeautomaten Jidouhanbaiki: Im Reich der Getränkeautomaten Jidouhanbaiki: Im Reich der Getränkeautomaten
Die Fotografie stammt von Edward Way
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