Freundschaft Plus - Verlieben verboten

Da draußen laufen knapp vier Milliarden Menschen herum, die ihren Penis in mich hinein schieben wollen. Diese theoretische Befriedigung sexueller Lüste beinhaltet allerdings auch jede Menge Probleme. Erstens sind manche…
Freundschaft Plus - Verlieben verboten

Freundschaft Plus

Verlieben
verboten

Da draußen laufen knapp vier Milliarden Menschen herum, die ihren Penis in mich hinein schieben wollen. Diese theoretische Befriedigung sexueller Lüste beinhaltet allerdings auch jede Menge Probleme. Erstens sind manche davon zu jung oder zu alt. Zweitens möchte ich mit den meisten von ihnen nicht vögeln, weil sie fett, hässlich oder Pakistaner sind. Und drittens verlieben die Typen sich immer viel zu schnell in mich, wenn ich sie dann doch einmal zwischen meine Beine fahren lasse.

Abhilfe soll dabei ein System schaffen, das wir früher „Friends With Benefits“ genannt haben, heute aber in Stadt und Land unter dem eingedeutschten Begriff „Freundschaft Plus“ bekannt ist. Was bedeutet das Ganze? Dass man mit jemandem befreundet ist und trotzdem oder gerade deshalb mit einem poppen darf. Dabei gibt es nur eine Regel: Verlieben verboten! Wer sich nicht daran hält, fliegt raus!

Besonders auf Tinder findet sich immer öfter die kleine Anmerkung „F+“. Entweder bei trainierten Typen, die einfach keine olle Klette an der Backe haben wollen, oder bei hübschen Mädchen, die lediglich einen heißen Fuckboy für einsame Stunden suchen. Natürlich schreiben auch Fakes, Wale und Greise den Großbuchstaben mitsamt Satzzeichen in ihre Bio. Aber das interessiert ja sowieso niemanden.

Wie läuft das Ganze so ab? Man trifft sich auf einen Kaffee, ein Glas Rotwein oder irgendeinen Film mit Ryan Reynolds. Vorzugsweise „La La Land“. Der geht immer. Und wenn man sich gut versteht, dann vögelt man sich gegenseitig so laut, hart und animalisch die Birne raus, bis die halbe Nachbarschaft gleichzeitig die Polizei ruft. Anschließend schläft einer von beiden ein, der andere fährt nach Hause. Und wenn man wieder Bock auf Ficken hat, dann wiederholt man das Ganze eben. Easy peasy.

Theoretisch wäre „Freundschaft Plus“ die perfekte Beziehung. Besonders, wenn man mehrere davon gleichzeitig am Laufen hat. Man hat zusammen Spaß, lacht und erfreut sich an des anderen Geschlechtsteile. Und dann geht’s wieder ab ins heimische Bett, um dort gemütlich zu furzen und sich noch die übrig gebliebene, halbe Pizza von vor drei Tagen reinzuschieben, weil einem die qualitativ hochwertigen und ironisch romantischen Vorsexspaghetti vom Abendessen natürlich nicht gereicht haben.

Die ganze Sache würde also komplett ohne die nervigen Herausforderungen ablaufen, die eine normale Beziehung so mit sich bringen. Irrelevante Fragen wie „Was denkst du gerade?“, „Was sind wir eigentlich?“ oder das ganz üble „Hast du kurz Zeit, um mit mir zu reden?“ fallen automatisch weg. Und wenn sie doch auftauchen, dann rennt einer einfach kotzend aus der Wohnung und wart nie wieder gesehen.

Das Problem bei einer dieser lasziv aufregenden „Freundschaft Plus“-Beziehungen ist nämlich, dass einer von beiden immer, und wenn ich sage immer, dann meine ich auch immer, mehr Gefühle für den anderen entwickelt als es ihm und dem Gegenüber gut tut. Und hat sich erst einmal der Samen der Emotionen in die anfangs doch so spannungsreiche Fickvereinbarung verirrt, um dort langsam, aber sicher, zu keimen, kann man die ganze Scheiße gleich in die Tonne treten.

Plötzlich findet’s der eine nämlich doch nicht mehr so geil, dass auch andere Leute aus dem Internet an den primären und sekundären Genitalien der notgeilen „Freundschaft Plus“-Bekanntschaft herum lutschen dürfen. Plötzlich muss man innerhalb von fünf Minuten auf eine WhatsApp-Nachricht antworten, sonst bekommt der andere eine existenzielle Krise. Und plötzlich wartet einer der beiden mit einem Strauß roter Rosen abends vor dem Büro des anderen und möchte ein tiefsinniges Gespräch führen.

Ich darf mit Fug, Recht und voller Stolz behaupten, dass ich mich noch nie in eine „Freundschaft Plus“-Bekanntschaft verliebt habe. Und ich hatte bereits etliche. Mit Simon, dem einfältigen Kameraassistenten aus Adlershof. Mit Jennifer, der ständig dumm kichernden Werbekauffrau aus Prenzlauer Berg. Und mit einem Typen, den ich nur „Herr Schwanz“ genannt habe, weil er irgendetwas Wichtiges in der Politik war und ich seinen Vornamen nicht laut am Handy aussprechen sollte.

Was ist mit jedem Einzelnen von ihnen passiert? Genau: Sie haben sich in mich verknallt. Und das, obwohl ich erstens gleich am Anfang klar gemacht habe, dass ich das nicht will, und zweitens wirklich alles während der Bumsbeziehung dafür getan habe, um auch ja nicht charmant, liebenswert oder sympathisch zu wirken. Nur halt so viel, wie eben nötig war, um mir keine reinzuhauen.

Jeder von ihnen dachte, dass er doch etwas Besonderes sei und ich ruhig mal eine Ausnahme machen könne. Wir würden doch so gut zueinander passen. Weißt du nicht mehr, das Abendessen im Horváth. Wie gut wir uns da doch verstanden haben. Wie schön wir uns doch unterhalten haben. Und wie viel und herzhaft wir doch gelacht haben. Am Arsch.

Jedes Mal das gleiche Prozedere. Nummer blockieren, Kontakt löschen und anschließend darauf warten, dass der andere irgendeine andere aufdringliche Möglichkeit findet, um mich letztendlich doch noch ausfindig zu machen. Über Facebook. Per Email. Oder über eine gute Freundin, die wir zufällig gemeinsam in einem Restaurant getroffen haben, und die dann genervt schmalzige Liebesbekundungen an mich weiterreichen muss.

Meine Theorie besagt, dass man „Freundschaft Plus“-Beziehungen exakt nach einem Monat wieder beenden und sich eine neue suchen muss. Bevor auch nur irgendeine Chance besteht, dass der andere sich in dich verknallen könnte. Denn alles danach bedeutet nur Stress. Und der Sex wird auch immer schlechter. Irgendwann liegt man sowieso nur noch da, wie in so einer Ehe, und lässt sich halt knallen, während man an die Lebensmitteleinkäufe vom nächsten Tag denkt. Hab ich eigentlich noch Olivenöl zu Hause?

Was lernen wir daraus? „Freundschaft Plus“ ist anfangs aufregend und am Ende beschissen. Immer. Wie sollte es auch sonst enden? Perfekt wäre natürlich, wenn einer einfach keinen Bock mehr auf die Löcher des anderen hat, das höflich per WhatsApp mitteilt und der Zweite im Bunde das Ende der Fickbeziehung mit einem „Daumen hoch“-Emoji bestätigt. Alle sind zufrieden, jeder ist glücklich, die Suche nach einem neuen, wandelnden Geschlechtsorgan kann wieder von vorne beginnen.

Leider sind Menschen allesamt weinerliche Heulsusen, die an kalten Wintertagen nicht alleine schlafen wollen. Sie möchten jemanden, der sich ihre Probleme anhört, sie in den Arm nimmt, wenn der Chef mal wieder gemein zu ihnen war, sie tröstet, wenn die Last des Daseins erneut zu schwer ist, um sie allein zu stemmen. Aber ratet mal, wer das nicht möchte? Genau: Ich!

Wenn ich jemanden für eine Beziehung, eine Hochzeit, sieben Kinder, eine Reihenhaushälfte und einen Hund im mit einem Apfelbaum bepflanzten Vorgarten suche, dann schreibe ich das auch so in meine perfekt ausformulierte Tinderbio oder sage es dem Typen vor mir beim Date ins Gesicht, bevor er auch nur Hallo sagen kann.

Wenn ich aber ausdrücklich hinschreibe, dass ich ausschließlich an einer „Freundschaft Plus“-Beziehung interessiert bin, dann meine ich das auch so. Denn dann bin ich einfach nur zu faul, um es mir selbst zu machen, und brauche jemanden, der ungefähr derselben Generation angehört wie ich, atmet, und nicht aussieht wie Homer Simpson nach einem Verkehrsunfall.

Und, nein, ich verliebe mich nicht in einen dahergelaufenen Ficker, der sich auch noch auf eine hoffentlich ziemlich perverse „Freundschaft Plus“-Beziehung mit irgendeiner dahergelaufenen Blondine aus dem Internet einlässt. So wie ich das eben bin. Das können ja nur Psychopathen sein. Liebesbeziehung ausgeschlossen! Wer will denn schon mit so einem zusammen sein?

Da lobe ich mir meinen guten, alten Vibrator. Er ist immer für mich da, wenn ich ihn brauche. Er funktioniert optimal, ohne jegliche Widerworte zu geben. Und er verliebt sich auch in Gottes Namen nicht in mich. Im Gegensatz zu Simon, Jennifer und Herr Schwanz, die auch heute Nacht wieder heulend zu meinem Profilfoto auf Facebook masturbieren und schier an der Frage verzweifeln werden, warum ich mich nicht ebenfalls in sie verliebt habe. Was für elendige Loser.

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Die Fotografie stammt von Dainis Graveris
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