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Ficken auf dem Festival: Grillfleisch, Sperma, Einmannzelt

Es fängt immer alles vor der Bühne beim Konzert an, bei romantischer Feuerzeug-in-die-Höhe-halten-Stimmung, wenn du dich einsam fühlst und die Hüfte der Nebenfrau eine Kuhle der Geborgenheit zu sein scheint, in die du deine Hände legen und in der du Halt finden kannst. Ein bisschen schunkeln, bevor Nägel mit Köpfen gemacht werden. Dein Schwanz klopft von hinten an ihre Pobacken. Sie dreht sich um, steckt dir die Zunge in den Hals, spielt Propeller und die Sache ist geritzt. Zwei Menschen wollen…
Ficken auf dem Festival: Grillfleisch, Sperma, Einmannzelt
Ficken auf dem Festival: Grillfleisch, Sperma, Einmannzelt
Ficken auf dem Festival
Grillfleisch, Sperma, Einmannzelt
Text: Christine Neder  Fotografie: Daniele Colucci

Es fängt immer alles vor der Bühne beim Konzert an, bei romantischer Feuerzeug-in-die-Höhe-halten-Stimmung, wenn du dich einsam fühlst und die Hüfte der Nebenfrau eine Kuhle der Geborgenheit zu sein scheint, in die du deine Hände legen und in der du Halt finden kannst.

Ein bisschen schunkeln, bevor Nägel mit Köpfen gemacht werden. Dein Schwanz klopft von hinten an ihre Pobacken. Sie dreht sich um, steckt dir die Zunge in den Hals, spielt Propeller und die Sache ist geritzt. Zwei Menschen wollen Liebe. Jetzt. Sofort.

Auf dem Weg zum Zelt müsst ihr euch noch zurück halten. Anstaltshalber. Ficken in der Öffentlichkeit ist ja auch irgendwie verboten. Sollte aber eigentlich auf einem Festival so halb legal wie Kiffen sein. Um nicht unnötig miteinander reden zu müssen, kann manchmal ziemlich unsexy sein, wenn ein komischer Dialekt oder Geruch aus dem Mund kommt, und außerdem ist ja genau das Unbekannte so sexy, knutscht du einfach weiter, schiebst zum ersten Mal die Hand unter das Shirt und fühlst einen weichen, vom Pommesfett und Alkohol aufgeschwemmten und Schweiß leicht klebrigen, wohligen Körper.

Vor lauter Herumlecken kannst du dich gar nicht konzentrieren. Zu mir oder zu dir? An der leidigen Frage kommst du nicht vorbei. Schnell und in wenigen Worten klärt ihr, wer den Luxus eines Einmannzeltes hat oder welcher temporäre Mitbewohner am besten mit der Tatsache zurecht kommt, dass gleich hemmungslos auf seinem Daunenschlafsack abgespritzt wird. Echte Adrenalin-Junkies nehmen natürlich das fremde Zelt.

Lippe an Lippe gepresst lauft ihr über die Stolperlandschaft Zeltwiese, reißt euphorisch ein paar Heringe mit den Füßen aus dem Boden und bekommt schon die ersten Beschwerden. "Hey, geht’s noch, ihr Assis?" Scheiß’ drauf! Denn endlich habt ihr die Liebeshöhle erreicht. Die Lippen müssen sich trennen, kein Grund Körperkontakt zu verlieren. Weiterfummeln.

Während du nervös im Stockfinstern den Reißverschluss zum Zelteingang sucht, tastet sich so manche Hand entlang des Hosenbundes, öffnet die Gürtelschnalle und fühlt schon einmal das Ausmaß des Gemächts. Noch kann sie wegrennen, falls nur ein kleines Wienerwürsten angeklopft hat. Sex im Zelt ist wie Dinner in the Dark.

Du weißt zwar grob, was serviert wird, aber was du wirklich bekommst, bleibt eine Überraschung, und weißt du erst, wenn du es probierst oder in den Mund steckt. Aber das macht auch den Nervenkitzel aus. Das Ungewissen, das Unbekannte und die Finsternis.

Nach so viel neuer Musik, die du den ganzen Tag über entdeckt hast, gehört zum krönenden Abschluss die Entdeckung und Eroberung eines frischen Körpers, das Ertasten einer fremden Brust, das Lecken eines unbekannten Oberschenkels, das Umklammern eines neuen Penis. Die Dunkelheit macht hemmungslos.

Scheiß’ auf die Cellulite, scheiß’ auf die Akne, scheiß’ auf die Welt da draußen. Sieht doch keiner. Es gibt nur zwei triebgesteuerte Körper, berauscht von Geilheit und Musik. Allzu viele akrobatische Stellungen sind aber nicht drin. Zu eng, zu klein, zu betrunken. Auch nicht schlimm, bei dem ganzen Überangebot an Kamasutra-Stellungen sehnst du dich eh back to the roots.

Einfach schnell verschmelzen, den steinharten Penis in die klitschnasse Muschi stecken und loslegen. Brüste kneten und Nippel ziehen nicht vergessen. Die Klassiker dürfen beim Sex im Zelt genauso wenig fehlen, wie die Toten Hosen auf Rock im Park. Die nassen Körper bewegen sich rhythmisch zum Bass, der in der Ferne wummert. Die Küsse werden salziger, die Luft dünner, das Gehirn matschiger und die Körper klebriger.

Es bildet sich ein kleiner See aka Feuchtgebiet im Lendenbereich, die Stoßbewegungen werden undefinierter und alles scheint außer Kontrolle zu geraten. Ficken auf Glatteis bei 36 Grad und 80 Prozent Luftfeuchtigkeit. Du schwimmst mit den Östrogenen und Androgenen in deinen Körperflüssigkeiten und produzierst beim Karnickelbumsen peinliche Quietsch-Platsch-Schleim-Geräusche.

Drauf geschissen, das raschelnde Nebengeräusch des Schlafsacks ist noch lauter und der Reißverschluss, der sich in deinen Oberschenkel bohrt, noch unangenehmer als die Genitalrutschpartie. Das hat ja schon wieder was.

Unbekannter Körper, unkontrollierbare Bewegungen, wie Masturbieren mit eingeschlafener Hand. Immer an die Geilheit denken und an die Tatsache, dass ihr es gerade zwischen 80.000 anderen Menschen treibt. 80.000 Menschen. Jeden Moment könnte einer reinschauen und euch beim intimsten Akt zugucken. Neben Kacken natürlich. Nur durch eine hauchdünne Membran seid ihr vom Voyeurismus der Außenwelt geschützt.

Der Gedanke erregt dich, leitet den Höhepunkt ein. Und jetzt? Schreien oder nicht schreien, das ist hier die Frage. Gentleman spielen, schweigen und genießen oder geiler Hecht sein und den Nachbarn zeigen, was du so drauf hast?

Ach, jetzt ist es auch schon egal! "Ich bin gleich… Oh Gott… Uuooaahhhhhhhhhhhhh…" Der Schrei beim Orgasmus hört sich durch die Ohropax, die du natürlich drin gelassen hast, wie in einer Unterwasser-Traumwelt an. Und so fühlst du dich auch. Klitschnass und nicht wirklich am Leben.

Ihr sackt zufrieden und befriedigt zusammen. Wenn ihr nicht festklebt, streichelt ihr euch gegenseitig noch ein bisschen. Es geht hier nicht um Liebe, Kinder kriegen und Heiraten. Genau wie im Club wirst du auch auf einem Festival nicht deinen Traumpartner fürs Leben finden. Beim Ficken auf dem Festival geht es um animalische Triebe und das Gefühl von grenzenloser Freiheit. Selbstverwirklichung.

Den Namen hast du nach ein paar Tagen eh wieder vergessen. Vorausgesetzt du hast ihn zwischen dem Geschrei der anderen Leute und der lauten Musik überhaupt verstanden. Und wie genau das ganze Gebumse jetzt abgelaufen ist, wird dir auch nicht im Gedächtnis bleiben.

Doch was du niemals vergessen wirst, was sich wie ein Brandzeichen in die Nasenschleimhäute brennt – der Geruch. Der Geruch von Sex im Zelt. Der Duft von Alkohol und Grillfleisch aus dem Mund, gepaart mit Körpersekreten wie Schweiß und stinkende Füße, der vollendet wird mit einer Nuance Latex und Sperma. Aue de Sexival. Noch einmal tief ein- und ausatmen und dann, wie bei jedem guten Konzert, eine Zugabe abliefern.

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