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Das Popkultur Magazin

Eine Nacht mit Folgen: Ich habe mit meinem Mitbewohner geschlafen

Eigentlich war Max gar nicht mein Typ. Blond, schlaksig und ein wenig nerdig, wie so ein typischer Informatikstudent eben. Durch seine schwarz umrandete Brille drängten sich zwei smaragdgrün Augen, wenn er lachte, dann grunzte er manchmal etwas. Oft polterte aus seinem Zimmer lauter, dumpfer Tech...
Eine Nacht mit Folgen: Ich habe mit meinem Mitbewohner geschlafen

Eine Nacht mit Folgen

Ich habe mit meinem Mitbewohner geschlafen

Lena Freud

Eigentlich war Max gar nicht mein Typ. Blond, schlaksig und ein wenig nerdig, wie so ein typischer Informatikstudent eben. Durch seine schwarz umrandete Brille drängten sich zwei smaragdgrün Augen, wenn er lachte, dann grunzte er manchmal etwas.

Oft polterte aus seinem Zimmer lauter, dumpfer Techno, während er an der Webseite eines Berliner Startups, das das Tinder für Staubsauger oder so etwas in der Art sein wollte, bastelte. Wäre Max mir auf der Straße entgegen gekommen oder hätte er mich auf einer Party angequatscht, dann hätte ich ihn kaum beachtet. Zu wenig Muskeln, zu wenig Charisma, zu wenig dunkle Haare. Eigentlich war Max gar nicht mein Typ.

Fast ein halbes Jahr lang hatte ich mit Max und Sophie in einer WG in Kreuzberg gewohnt. Sophie studierte Verpackungstechnik im vierten Semester und war selten zu Hause. Oft übernachtete sie bei ihrem Freund, mit dem sie bereits seit der Schulzeit zusammen war.

Sophie war sehr ordentlich. Wenn sie kochte, war das Geschirr danach sofort gewaschen. Wenn sie duschte, wischte sie das Glas mit einem eigenen Schaber trocken. Und wenn sie eine kleine Party veranstaltete, waren die leeren Flaschen und Chipstüten bereits am nächsten Morgen verschwunden.

Meine angeborene chaotische Art vertrugen sich zwar nicht immer reibungslos mit dem Putzfimmel von Sophie und der logischen Mentalität von Max, aber erstens war ich froh, ein Zimmer gefunden zu haben, und zweitens redete ich mir ein, dass die beiden mich in gewissen Dingen zu einem besseren Menschen machten.

Ließ ich früher Pizzaschachteln, Unterwäsche und Sektflaschen kreuz und quer in meinem Zimmer und drumherum liegen, achtete ich nun darauf, nicht allzu negativ aufzufallen. Für Max und Sophie war ich vielleicht so etwas wie eine frische Brise, zumindest redete ich mir das ein.

Das lief auch alles ganz gut, bis ich eines Nachts sturzbetrunken von einer Party bei meiner besten Freundin zurück kam. Leise versuchte ich mich in die Wohnung zu schleichen, was daran scheiterte, dass ich beim Hereinkommen über den Teppich stolperte und so blöd gegen die Garderobe knallte, dass ich die Hälfte der Jacken mitsamt Aufhänger herunterriss.

Sophies sonst übliches Gemeckere blieb allerdings aus, die nächtigte bei ihrem Freund. Stattdessen trat Max aus seinem hell erleuchteten Zimmer. Er hatte ein Stück Pizza in der Hand, auf seinem Computermonitor lief World of Warcraft, aus den Lautsprechern polterte ein nicht enden wollender Beat.

„Alles in Ordnung?“ fragte er kurz, stopfte sich das Pizzastück in den Mund und half mir auf. „Ja, ja, passt schon…“ kicherte ich benommen. „Hast du noch Pizza übrig?“, stotterte ich dann. „Ähm, ja, klar!“ stotterte er zurück.

Ich holte zwei Flaschen Beck’s aus dem Kühlschrank und folgte ihm in sein Zimmer, nur um von einer halben Salamipizza begrüßt zu werden. Wie ein wildes Tier stürzte ich mich auf sie. Max wusste nicht, ob er lächeln oder mich von seiner Pizza stoßen sollte, aber er blieb höflich und schaute zu, wie ich den belegten Brotfladen in mich hinein stopfte. Satt, und vom Bier gleich noch mehr beschwipst, saß ich auf seinem Bett und wir begannen ein wenig zu plaudern.

über meine und seine Eltern, über seine Jugend in Hamburg, über Berlin und die Leute und die Partys und die Uni und warum wir nicht mehr CDU wählen wollen, obwohl wir das beide bei der letzten Wahl getan hatten. Max verwandelte sich vom schlaksigen Nerd in einen Menschen mit außergewöhnlichen Gedanken und emotionalem Tiefgang.

Vielleicht war ich auch einfach nur besoffen und ein wenig notgeil. Und natürlich schliefen wir in dieser Nacht miteinander. Dass mich ein schlecht animiertes und seltsam atmendes 3D-Skelett auf dem Monitor anglotzte, während ich mit heruntergezogener Unterhose vor Max kniete, hätte ich womöglich als schlechtes Omen interpretieren sollen.

Nach dem Sex verabschiedete ich mich in mein Zimmer, nur um am nächsten Morgen auf einen Kater und einen kaum sprechenden Max zu treffen. Er saß beim Frühstück und schmierte sich ein Brötchen, als ich nur mit einem Nachthemd bekleidet in die Küche wankte.

„Guten Morgen!“ begrüßte ich ihn wohl etwas zu laut, es kam nur ein emotionsloses „Moin“ zurück. Er sah nicht so aus, als wolle er Gesellschaft, also goss ich mir ein Glas Milch ein, verschwand wieder in meinem Zimmer und legte mich erneut ins Bett.

„Ihr habt was?!“ schreckte mich einige Stunden später Sophies Gebrüll aus dem Schlaf. Dann Gepolter. Dann ein Klopfen an der Tür. „Du hast mit Max gevögelt?!“ schnauzte sie mich an. Noch halb im Schlaf gab ich nur ein „Ja, und?“ zurück, das Sophie wohl so sehr aufregte, dass sie aus meinem Zimmer in ihres stürmte und die Tür zuknallte.

Es stellte sich heraus, dass Max und Sophie seit einigen Wochen eine Affäre hatten und heimlich vögelten, wenn ich nicht zu Hause war. Und da ich generell schwer von Begriff bin, bekam ich weder vom regelmäßigen Geschlechtsverkehr noch von der Tatsache, dass Sophie sich in Max verliebt hatte und mit dem Gedanken spielte, ihren Freund für ihn zu verlassen, etwas mit.

Während ich mich wie bei Gute Zeiten, schlechte Zeiten fühlte, weigerte Sophie sich ab diesem Morgen auch nur noch ein Wort mit mir zu sprechen. Die nächsten Wochen lebte ich also mit einer mich hassenden Putzfetischistin und einem überforderten Nerd zusammen, bevor es mir zu bunt wurde und ich mir eine neue WG in der Nähe meiner besten Freundin suchte.

Die letzten WhatsApp-Nachrichten, die ich mit Max austauschte, erzählten davon, dass Sophies Freund mit ihr Schluss gemacht hatte und die WG kurz danach aufgelöst wurde, weil herauskam, dass Max gar nichts von Sophie wollte. Außer eben Sex.

Auch heute noch frage ich mich, ob ich schuld daran war, dass diese sich bis dahin eigentlich ganz gut funktionierende WG aufgelöst hatte. Ob ich einfach nicht nach einem Stück Pizza hätte fragen sollen. Oder ob ich meine Hose hätte anlassen sollen, als dieses Computerskelett direkt in meine nicht ganz reine Seele schaute. Aber heute können sowohl ich als auch meine drei neuen Mitbewohner über diese Geschichte lachen, wenn wir sie uns bei einer Salamipzza und der ein oder anderen Flasche Beck’s erzählen. Und zwar immer und immer wieder.

Die Fotografie stammt von We-Vibe
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Digitaler Lifestyle: Mit dem MediaPad M2 von Huawei durch Berlin

Das Leben in der großen Stadt steckt voller Wunder, voller Geheimnisse, voller Überraschungen. Aber es kann auch sehr schnell ziemlich verwirrend und unklar werden. Das, was du jetzt wirklich brauchst, ist ein digitaler Kamerad, der immer an deiner Seite ist und dich durch den Dschungel der wundersc...
Digitaler Lifestyle: Mit dem MediaPad M2 von Huawei durch Berlin

Digitaler Lifestyle

Mit dem MediaPad M2 von Huawei durch Berlin

Annika Lorenz

Das Leben in der großen Stadt steckt voller Wunder, voller Geheimnisse, voller Überraschungen. Aber es kann auch sehr schnell ziemlich verwirrend und unklar werden. Das, was du jetzt wirklich brauchst, ist ein digitaler Kamerad, der immer an deiner Seite ist und dich durch den Dschungel der wunderschönen Metropolen dieser Welt führt, egal ob wo sie liegen.

Wir haben die Instagram-Liebhaberin, Medienstudentin und Kunstenthusiastin Anouk dazu eingeladen, das neue Huawei MediaPad M2 an ihren Lieblingsorten in Deutschlands Wunderwelt Berlin zu testen. Wir schlenderten zu einem veganen Paradies namens Dandy Diner, sahen uns in der Vintageschatztruhe Made in Berlin um und aßen Leckereien bei Yoli Frozen Yogurt.

Das Huawei MediaPad M2 definiert die Welt des Tablets neu. Dank seines neuen, noch reaktionsfreudigeren Displays kannst Du mit einem Stylus schreiben, zeichnen und Apps bedienen. Und erstmalig kannst Du Dich mit dem neuen Fingerprint-Sensor sicher und schnell identifizieren. Mit diesem technischen Wunderwerk machen Ausflüge in den Großstadtdschungel gleich noch mehr Spaß.

Digitaler Lifestyle: Mit dem MediaPad M2 von Huawei durch Berlin Digitaler Lifestyle: Mit dem MediaPad M2 von Huawei durch Berlin Digitaler Lifestyle: Mit dem MediaPad M2 von Huawei durch Berlin Digitaler Lifestyle: Mit dem MediaPad M2 von Huawei durch Berlin Digitaler Lifestyle: Mit dem MediaPad M2 von Huawei durch Berlin Digitaler Lifestyle: Mit dem MediaPad M2 von Huawei durch Berlin Digitaler Lifestyle: Mit dem MediaPad M2 von Huawei durch Berlin Digitaler Lifestyle: Mit dem MediaPad M2 von Huawei durch Berlin Digitaler Lifestyle: Mit dem MediaPad M2 von Huawei durch Berlin Digitaler Lifestyle: Mit dem MediaPad M2 von Huawei durch Berlin
Die Fotografie stammt von Marlen Stahlhuth
Als Model ist Anouk Aoki zu sehen
Mit freundlicher Unterstützung von Huawei
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Liebe Frauen...: Alle Männer wollen mit euch schlafen

Ich könnte euch jetzt eine ellenlange Geschichte darüber schreiben, dass Freundschaft ein dehnbarer Begriff ist. Dass es jede Menge Arten von Freundschaften gibt. Gleichwertige Freundschaften zum Beispiel, von denen alle Teilhabenden zehren. Und unehrliche Freundschaften, von denen einer mehr hat al...
Liebe Frauen...: Alle Männer wollen mit euch schlafen

Liebe Frauen...

Alle Männer wollen
mit euch schlafen

Marcel Winatschek

Ich könnte euch jetzt eine ellenlange Geschichte darüber schreiben, dass Freundschaft ein dehnbarer Begriff ist. Dass es jede Menge Arten von Freundschaften gibt. Gleichwertige Freundschaften zum Beispiel, von denen alle Teilhabenden zehren. Und unehrliche Freundschaften, von denen einer mehr hat als der andere. Aber ich versuche es euch anders zu erklären.

Liebe Frauen, die männlichen Freunde, die ihr zu haben glaubt, teilen sich selbst in drei Gruppierungen ein. Erstens: Die Schwulen. Zweitens: Diejenigen, die heimlich in euch verliebt sind und nur auf den richtigen Moment warten, dass sie euch die Klamotten vom Leib reißen und wild auf euch herum hüpfen dürfen. Davon träumen sie schließlich jede Nacht, und das oft seit Jahren.

Und drittens: Diejenigen, die zwar nicht wirklich etwas von euch wollen, aber sich die Gelegenheit auf keinen Fall entgehen lassen würden, wenn ihr unten ohne auf dem Boden kniet und es jetzt einfach mal wieder braucht. Was auch immer das genau sein mag. Penis nehmen, in die Vagina oder sonst wo hinschieben, so schwer kann das ja nicht sein.

Wenn ihr nicht gerade Pilze am Kinn, Eiterblasen auf der Stirn oder Mundgeruch bis nach Jerusalem habt, dann haben sich alle, ja, alle eure männlichen “Freunde” schon einmal vorgestellt, wie ihr wohl nackt ausseht und wie ihr im Bett seid. Ob ihr laut Namen stöhnt oder ganz leise kommt, ob ihr kratzt oder beißt oder auf Dinge steht, auf die selbst das Internet keine Antwort weiß.

Sind eure Brüste groß oder klein, straff oder hängend, stehen eure Nippel oder verstecken sie sich, seid ihr rasiert oder buschig, habt ihr schmale Schamlippen oder wuchernde Fetzen. Auf diese Fragen adäquate Antworten zu finden, darauf sind wir schließlich programmiert, vollkommen egal, wie sehr uns die Gesellschaft in Verhaltensmuster drängt, die uns in höfliche, soziale und bedachte Mitglieder der Gemeinschaft verwandeln. Dabei ist es irrelevant, ob wir das wollen oder nicht.

Natürlich ist eine Freundschaft zwischen Frauen und Männern theoretisch möglich. Aber nur solange, bis irgendeiner von beiden psychisch austickt und plötzlich Gelüste entwickelt, deren Wurzeln älter sind als alles, woran wir uns erinnern mögen. Nur ständige Zurückhaltung und Abwägen hält die meisten davon ab, sich wie wild aufeinander zu stürzen, als würde es kein Morgen mehr geben.

Und warum auch nicht? Freundschaften, die sich in Beziehungen verwandeln, sind doch der perfekte Weg. Man weiß genau, auf was man sich beim anderen einlässt, kennt seine Stärken und Schwächen, ist sich darüber bewusst, was er mag und was nicht, hat womöglich bereits einen gemeinsamen Freundeskreis. Praktischer geht’s doch gar nicht!

Das gilt nicht nur für Frauen und Männer. Sondern auch für Männer und Männer. Und Frauen und Frauen. Und Transsexuelle und Intersexuelle und Transgender. Und vielleicht auch für Tiere. Manch einer schafft es ja sogar, Freundschaft und Sex gekonnt miteinander zu vermischen, ohne damit die zwischenmenschliche Beziehung vollkommen zu zerstören.

Wenn ihr also das nächste Mal eure sogenannten männlichen Freunde darauf testen wollt, ob sie womöglich mehr wollen, als nur mit euch abzuhängen, Filme zu gucken und einen durchzuziehen, dann ladet sie doch einfach mal zu euch nach Hause ein, und schlagt ihnen ernsthaft vor, es jetzt und hier zu tun. Ohne Konsequenzen. Wer würde dazu schon nein sagen?

Die Fotografie stammt von Toa Heftiba
Der Text erschien in der Kategorie Sex mit den Themen
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Mädchen in Toronto: Zuhause mit Sarah Nicole Harvey

Sagt doch einfach mal Hallo zu Sarah Nicole Harvey, der hübschen Muse, die gleichzeitig auch noch Model, Künstlerin und Fotografin ist und in Toronto ihr kreatives Unwesen treibt. Und, nein, sie ist kein Charakter aus der Serie Pretty Little Liars. Zumindest glauben wir das. Man weiß heutzutage ja s...
Mädchen in Toronto: Zuhause mit Sarah Nicole Harvey

Mädchen in Toronto

Zuhause mit Sarah
Nicole Harvey

Daniela Dietz

Sagt doch einfach mal Hallo zu Sarah Nicole Harvey, der hübschen Muse, die gleichzeitig auch noch Model, Künstlerin und Fotografin ist und in Toronto ihr kreatives Unwesen treibt. Und, nein, sie ist kein Charakter aus der Serie Pretty Little Liars. Zumindest glauben wir das. Man weiß heutzutage ja schließlich nie so genau, nicht wahr? Eben.

Sarah ist jetzt seit einigen Jahren in der „Industrie“, wie sie es nennt, dabei. Sie modelte für Brautmoden und Beautyprodukte, sie stand für teure Mode und ganz ohne Klamotten vor der Kamera und sie nimmt den Fotoapparat auch gerne mal selbst in die Hand und verewigt sich damit am liebsten selbst – solange eben niemand anderes da ist, den sie ablichten kцnnte.

Ihre neueste Selbstportraitserie entstand für Sticks & Stones und heißt „Bored Stiff“. Natürlich war Sarah auch schon in anderen Magazinen zu sehen. Zum Beispiel der italienischen Vogue, dem Nakid Magazine und dem Boathouse Stores, aber manchmal, da liebt sie es einfach in einem kleinen Rahmen zu agieren. „Ich mache mir einen heißen Kaffee, zünde mir eine Zigarette an und ziehe mich aus,“ erzählt uns Sarah Nicole Harvey. Schließlich sei sie immer gelangweilt, immer unruhig, immer unbefriedigt. Ich verstehe dich, Sarah. Ich verstehe dich total…

Sarah Harvey Sarah Harvey Sarah Harvey Sarah Harvey Sarah Harvey Sarah Harvey Sarah Harvey Sarah Harvey Sarah Harvey Sarah Harvey
Die Fotografie stammt von Sarah Nicole Harvey
Als Model ist Sarah Nicole Harvey zu sehen
Der Text erschien in der Kategorie Kunst mit den Themen
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#NotJustSad: Hallo, ich bin depressiv

Ich bin nicht einfach nur traurig, ich bin depressiv. Das ist etwas anderes als traurig zu sein. Meistens bin ich ziemlich glücklich, wenn ich traurig bin. Das klingt irgendwie absurd, aber so ist das eben, wenn man die meiste Zeit nichts fühlt. Man ist glücklich, weil man traurig ist. Man ist glück...
#NotJustSad: Hallo, ich bin depressiv

#NotJustSad

Hallo, ich bin
depressiv

Jana Seelig

Ich bin nicht einfach nur traurig, ich bin depressiv. Das ist etwas anderes als traurig zu sein. Meistens bin ich ziemlich glücklich, wenn ich traurig bin. Das klingt irgendwie absurd, aber so ist das eben, wenn man die meiste Zeit nichts fühlt. Man ist glücklich, weil man traurig ist. Man ist glücklich darüber, dass man überhaupt etwas fühlt. So ist das, wenn man depressiv ist. Also zumindest ist das bei mir so.

Ich bin allerdings nicht nur depressiv, sondern auch das Mädchen aus dem Internet. Das depressive Mädchen aus dem Internet. Das, das mit seiner Depression und ein paar wütenden Tweets dazu einen Ruck durch Deutschland und das Thema Depressionen wieder in die Öffentlichkeit gebracht hat. Das zumindest schreiben die Zeitungen über mich.

Das stimmt so allerdings nur bedingt. Ich habe ein Thema angeschnitten, das die Welt nicht erst seit dem Absturz der Germanwings-Maschine beschäftigt. Ich war nicht die Erste. Ich war nicht die Wütendste. Und ich war bei weitem nicht die Einzige.

Meine Depression war für mich nie ein Geheimnis. Aber eben auch kein Thema, das ich, wann immer es ging, in die Runde warf. Scrollt man durch meine Tweets der letzten Jahre findet man immer wieder solche, die sich um meine Antidepressiva, Arztbesuche oder Gespräche mit meiner Therapeutin drehen.

Ich führte sogar einen kleinen Blog, der sich am Rande mit dem Thema beschäftigte – aber ich tat das eben nicht so offensiv, wie an diesem einen Tag, wo ich zum ersten Mal in der Halböffentlichkeit des Netzes den Satz aussprach: “Hallo, ich bin depressiv.”

“Hallo, ich bin depressiv” ist ein Satz, mit dem ich mich nirgendwo vorstellen würde. Die Sätze, die ich im Normalfall sage, wenn ich mich jemandem vorstelle, sind eher so “Hallo, ich mag Katzen!” oder “Hallo, du hast da Dreck am Kinn.” Seit einem knappen halben Jahr muss ich allerdings auch niemandem mehr sagen, dass ich depressiv bin. Es weiß sowieso jeder.

Einerseits ist das ganz gut, denn ich bin in neuen Beziehungen nicht mehr dazu gezwungen, irgendwann die Bombe platzen zu lassen – und glaubt mir, depressiv zu sein ist wie permanent eine Bombe mit sich herumzutragen, die sich irgendwann entzündet und alles in dir und deinem Körper lahm legt. Andererseits kämpfe ich seitdem mit einem neuen Problem. Ich bin eben nicht mehr die, die Katzen mag oder andere Leute auf Dreck am Kinn hinweist, sondern die Depressive. Die Depressive mit dem Hashtag. Nicht einfach nur traurig, echt jetzt.

Wenn ich jemanden kennenlerne, sehen meine Gespräche in etwa so aus. „Hi, ich bin Jana.“ „Ach, du bist die mit dem Hashtag.“ „Nein, bin ich nicht. Ich bin die mit der Haiphobie und der schwarzen Katze.“ „Hä?“ Hallo, ich bin Jana und ich bin depressiv. Ich bin nicht einfach nur traurig. Ich habe nie einen Hashtag erfunden, sondern nur ein paar Tweets in die Welt gefeuert, die an meinen Ex-Freund gerichtet waren. Liebe Grüße an der Stelle.

Tweets, die geteilt und aufgegriffen wurden. Tweets, auf die andere Menschen auf Twitter mit ihren eigenen Geschichten reagiert haben. Tweets, aus denen schlussendlich ein Hashtag erstand, das von tausenden Leuten genutzt und groß gemacht wurde. Nicht ich habe das Thema wieder in die Öffentlichkeit gebracht, sondern alle, die unter dem Hashtag und auch abseits davon mitgetwittert haben. Der Hashtag hat viel Gutes getan. Aber eben nicht nur.

Er katapultierte mich in eine Öffentlichkeit, auf die ich nicht gefasst war. Ich wusste ja, dass die Medien hart sind, aber dass sie so hart und auch hartnäckig sind, hat mir im Vorfeld keiner gesagt. Ich hab beschlossen, mich dem zu stellen und es hat einiges an Mut erfordert, zum ersten Mal in eine Kamera zu sagen, dass ich depressiv bin. Währenddessen ging meine Liebe endgültig den Bach hinunter. Freundschaften zerbrachen. An Streit. An Neid. An Dingen, für die ich bis heute die Gründe suche.

Ich wurde mit Vorwürfen überhäuft, dass ich nicht jedem von meiner Depression erzählt habe, mit dem ich regelmäßig in Kontakt bin – aber naja, ich rede halt lieber über Lippenstifte und schlechte Popmusik, als dass ich mich an den Küchentisch setze und heule, dass mein Leben voll schlimm ist. Ist es nämlich nicht. Naja, außer wenn ich eine depressive Phase hab, und dann rede ich mit niemandem. Ich putze mir noch nicht mal die Zähne, verdammt!

Tag für Tag erreichen mich Mails, in denen ich angegriffen werde. Die harmlosen beschimpfen mich als depressive Schlampe. Die schlimmeren drohen mit Vergewaltigung, denn offensichtlich ist Mann der Meinung, dass Sex ohne Einverständnis meinerseits mich von meiner Depression heilen kann.

Von den ganz schlimmen will ich überhaupt nicht reden. Mittlerweile schützen mich verschiedene Spamfilter vor vielen diesen Mails, aber eben nicht vor allen. Manchmal rutscht dann eben doch eine durch, die besonders geschickt formuliert ist. Das treibt mich jedes Mal erneut an den Rand einer Depression.

Twitter ist für mich unbenutzbar. Was einst für mich ein Freizeitspaß war, auf dem ich mit Vorliebe über Titten schrieb, ist nun bitterer Ernst. Ich darf nicht mehr sagen, was ich sagen will, weil ich jetzt die Depressive bin. Man verbietet mir den Mund, weil es sich für eine “Identifikationsfigur”, zu der ich irgendwie gemacht wurde, nicht schickt, sich einen Schwanz in eben diesen zu schieben. Das ist nicht nur wahnsinnig anstrengend, sondern greift auch einen Teil meiner Identität an. Genauer gesagt: Es nimmt mir einen Teil der Identität einfach weg.

Pimmel. Pfefferminzschnaps. Popmusik. Das alles sind Dinge, über die ich mich nicht definieren will, doch sie sind eben ein Teil von mir. So, wie die Depressionen eben auch ein Teil von mir sind. Die zelebiere ich im Gegensatz zu Pimmeln, Pfefferminzschnaps und Popmusik allerdings nicht gern. Ich beschäftige mich lieber mit Dingen, die mich glücklich machen. Und das machen Depressionen einfach nicht.

Ja, Awareness ist gut und man muss darüber sprechen – aber Selbstschutz ist wichtiger als der Kampf gegen Dinge, die einen auf Dauer nur erdrücken. Und für meinen Selbstschutz ist es wichtig, dass ich speziell von meinem privaten Umfeld im Gesamten wahrgenommen werde und eben nicht als die, die irgendwie krank ist.

Im Großen und Ganzen bin ich schon sehr glücklich darüber, wie die Sache für mich gelaufen ist. Also vorausgesetzt, ich fühle überhaupt mal was. Ich darf etwas bewegen. Ich bin nur ein kleiner Teil davon, doch dass auf mich als Einzelperson Wert gelegt wird, ist eine vollkommen neue Erfahrung.

Und das möchte ich nutzen, um auf andere Einzelschicksale aufmerksam zu machen. Weil Depressionen eben nicht nur Einzelschicksale sind, sondern etwas, das uns alle betrifft. Jeder kämpft für sich, Tag und Tag, um sich selbst, doch nur ein Kollektiv ist stark genug, sich gegen die Stigmatisierung zu wehren.

Es gibt da allerdings so eine Sache, mit der ich nicht so glücklich bin. Nämlich einige der Tweets, die ich in meiner Rage ganz unbedacht in den Raum warf. In dieser Zeit, in der ich regelmäßig auf Reisen war und mit den verschiedensten Menschen über Depressionen sprach, habe ich nämlich einiges dazu gelernt.

Zum einen, dass man Nicht-Depressive eben nicht aus der Diskussion ausschließen darf. Arschlöcher hingegen schon. Sie können nur verstehen, wenn sie zuhören und sich austauschen dürfen – und das erreicht man nicht, wenn man sie beschimpft und ihnen ihre eigene Meinung abspricht, so wie ich das in meinen damaligen Tweets getan habe. Zum anderen ist ein Hashtag nicht das Maß der Dinge. Es ist ein Anfang – aber es darf nicht allein bei dem Hashtag bleiben.

Und deshalb stelle ich mich trotz allen Hasses, der auf mich einprasselt, ins Fernsehen und auf Bühnen, um von meinen Nicht-Gefühlen zu erzählen, schreibe Artikel und Bücher und beantworte jeden Tag zahlreiche Emails von anderen Betroffenen, wobei ich immer darauf achte, keine therapeutische Rolle einzunehmen, sondern eher die eines guten Freundes, an dessen Schulter man sich ausweint.

Ich repräsentiere eine Geschichte. Meine Geschichte, um genau zu sein. Es ist ein Einzelschicksal, das irgendwie doch kein Einzelschicksal ist, weil viele fühlen, was ich fühle. Die meiste Zeit nämlich nichts. Minusgefühle. Minus Gefühle.

Den Umgang damit muss man jedem selbst überlassen. Du willst darüber sprechen? Gut. Du willst nicht darüber sprechen? Auch gut. Die Tweets, die unter dem Hashtag #NotJustSad ausgetauscht werden, erzählen leider längst keine Geschichte mehr. Sie sind bevormundend geworden.

Ein jeder will der bessere Depressive sein. Der bessere Aktivist im Kampf gegen die Stigmatisierung. Das, was eins als Kollektiv aller Betroffener und Angehörigen von Betroffenen begann, wurde zu einer Arena für Einzelkämpfer.

Statt darüber zu reden, was man (nicht) fühlt, wird darüber diskutiert, wem so ein Hashtag überhaupt gehört und wer das Recht hat, ihn zu benutzen. Statt aufeinander zu reagieren und sich gegenseitig zu unterstützen, so wie das zu Beginn der Fall war, wird aufeinander eingedroschen.

Jeder schreibt nur noch für sich. Ich bilde keine Ausnahme. Das Kollektiv zerbricht am Einzelnen. An verschiedenen Einzelnen, um genau zu sein. Ein sehr wichtiger Hashtag ist dem Untergang geweiht. Egotrip statt Empörung.

Und jetzt? Muss die Aufklärung weiter gehen. Von einer Blase im Netz, die sich nur noch angreift, statt sich mit (Selbst)Heilung und Stigmatisierung zu beschäftigen, hinaus in die “richtige” Welt. Es geht nicht mehr bloß um Hashtags. Es geht um echte Menschen mit genauso echten Erkrankungen. Um Kämpfe, die in mehr als 140 Zeichen ausgefochten werden.

Wie? Das ist jedem selbst überlassen. Ich weiß nur eins: Dass es für mich mit bloßen Gemotze und Hass auf die Welt, Mitmenschen und die (eigene) Erkrankung irgendwie nicht funktioniert. Hashtagaktivismus in allen Ehren: Mein persönlicher Weg ist es nicht. Und dass ich das inzwischen erkannt habe, macht mich schon irgendwie sehr glücklich. Ich kann nämlich glücklich sein, obwohl ich depressiv bin. Vorausgesetzt, man spricht mir meine eigenen Gedanken nicht immer sofort ab, nur weil ich krank bin.

Die Illustration stammt von Piper
Der Text erschien in der Kategorie Leben mit den Themen
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Mädchen in Japan: Oh, wie schön ist Tokio

Das Land der aufgehenden Sonne gehört nicht ohne Grund zu den wahrlich magischsten Orten dieses Planeten. Besonders in der japanischen Hauptstadt findet man einen Schmelztiegel der kulturellen Eroberungen, von farbenfroher Mode über leckerem Essen bis hin zu poppiger Musik. Tokio ist immer eine R...
Mädchen in Japan: Oh, wie schön ist Tokio

Mädchen in Japan

Oh, wie schön
ist Tokio

Daniela Dietz

Das Land der aufgehenden Sonne gehört nicht ohne Grund zu den wahrlich magischsten Orten dieses Planeten. Besonders in der japanischen Hauptstadt findet man einen Schmelztiegel der kulturellen Eroberungen, von farbenfroher Mode über leckerem Essen bis hin zu poppiger Musik.

Tokio ist immer eine Reise wert, egal für welchen touristischen Zweck man auch dort hin möchte. Selbst die alltäglichsten Begebenheiten werden am fernöstlichsten Ende der Welt zu einem Abenteuer. U-Bahnfahren, Manga lesen, über eine berühmte Verkehrskreuzung gehen: Japan ist auch in den kleinsten Ereignissen fantastisch.

Auch der israelische Fotograf Michael Ivnitsky hat sich auf die Reise nach Japan gemacht. Dort wollte er nicht nur hohe Gebäude, fischreiches Essen und das Gewusel der Stadt mit eigenen Augen sehen, sondern war auch auf der Suche nach den schönsten Seiten von Tokio – in Form eines hübschen Mädchens, das er gleich in einem Hotelzimmer im Herzen der Stadt für das Nasty Magazin verewigte.

Lisa M, der ihr auf Twitter folgen und auf Patreon etwas Kleingeld im Tausch gegen ein paar Nackedeifotos zukommen lassen könnt, ist Japan pur. Ihre zarthelle Haut, die dunklen Haare, die süßen Rehaugen, all das schreit geradezu nach der femininen Magie Asiens.

Wer durch die Straßen der japanischen Großstädte wandelt, der verliebt sich schon mal in eines der zahlreichen Mädchen, die dort von Boutique zu Boutique, U-Bahnstation zu U-Bahnstation oder Klassenzimmer zu Klassenzimmer laufen, immer hektisch, immer gut geschminkt, immer von einer magischen Aura umgeben, die man hier vergebens sucht.

Michael Ivnitsky hat das Paradies Japans gesucht und es in den hüllenlosen Armen von Lisa M gefunden. Das Land der aufgehenden Sonne gehört nicht ohne Grund zu den wahrlich magischsten Orten dieses Planeten. Und Lisa M ist einer dieser zahlreichen Gründe…

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Die Fotografie stammt von Michael Ivnitsky
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Der Musiker im Gespräch: Mikky Ekko, wie sehr magst du Rihanna?

Wir leben nicht nur in einer Zeit, die uns vorgibt, in der Vergangenheit zu leben, sondern auch in einer Zeit, in der wir wie kleine Kinder das Übernatürliche beschwören. Eine dieser Serien, die jene Sehnsüchte spiegeln, war Teen Wolf, die in den USA auf MTV ausgestrahlt wurde. Den Song zum Vorspann...
Der Musiker im Gespräch: Mikky Ekko, wie sehr magst du Rihanna?

Der Musiker im Gespräch

Mikky Ekko, wie sehr
magst du Rihanna?

Meltem Toprak

Wir leben nicht nur in einer Zeit, die uns vorgibt, in der Vergangenheit zu leben, sondern auch in einer Zeit, in der wir wie kleine Kinder das Übernatürliche beschwören. Eine dieser Serien, die jene Sehnsüchte spiegeln, war Teen Wolf, die in den USA auf MTV ausgestrahlt wurde. Den Song zum Vorspann Who Are You, Really? hat der amerikanische Künstler Mikky Ekko geschrieben. Mit dieser Frage hat er sich Jahre später selbst konfrontiert, nachdem er als Sohn eines Predigers mit seinem Vater durch den tiefen Süden Amerikas gereist ist, umgeben von Gospelmusik und Armut.

Um seinen ganz persönlichen Traum zu leben, ließ Mikky sich in Nashville nieder, bis der Produzent Clams Casino, der schon mit A$AP Rocky zusammen gearbeitet hat, auf ihn zu kam. Entstanden ist aus der gemeinsamen Arbeit Mikkys Debütsingle “Pull Me Down”. Der internationale Durchbruch gelang ihm mit dem Song “Stay”, den er gemeinsam mit Rihanna bei den Grammys performte.

Fangen wir gleich mit den Zeilen aus deinem Song an: „Who are you really, Mikky Ekko? And where are you going?“

Ich bin auf einer Reise der ständigen Verbesserung. Ich baue etwas auf, breche zusammen und baue wieder. Im Moment werde ich in viele Richtungen gezogen, die ich nicht zählen kann. Es scheint mir, dass Fokussieren und Prioritäten setzen zum wichtigsten Teil meines menschlichen Wachstums geworden ist. Damit verbessert sich die Kunst auch in einem relativen Verhältnis.

Was muss man als Kind der Wilden, wie es in deinem Song “We Must Be Killers” heißt, denn faken?

Menschsein. Liebe zeigen. Liebe ist ein merkwürdiger Organismus, der meistens mehr von mir verlangt als ich geben möchte, aber aus gutem Grund. Echte Liebe erfordert puren Einsatz und Arbeit. Ich bin nicht gut darin, aber ich bin mir bewusst, wann ich nicht alles gebe, das ich habe.

Es ist der Titel des Songs, der im Vorspann der amerikanischen Serie “Teen Wolf” läuft. Glaubst du an das Übernatürliche?

In meinen Augen ist das Leben so übernatürlich wie ich es selbst zulasse. Mein Problem ist meist meine eigene Natur. Ich versuche besser in dem zu sein, was ich bin und weniger Zeit, damit zu verbringen, wer das überhaupt ist.

Als du jung warst, bist du mit deinem Vater durch Louisiana, Mississippi, und den Rest des tiefen Südens gereist. Was hast du da erlebt, vor allem als Sohn eines Predigers?

Meine Mutter und mein Vater haben uns immer beigebracht, eigenständig zu denken. Als Familie standen wir uns alle immer sehr nahe, auch wenn wir nicht in allem die selbe Meinung haben. Schon von klein auf habe ich gelernt, jede individuelle Meinung zu respektieren. Ich habe auch zu reflektieren gelernt. Zurzeit wird den Menschen so viel passive Information aufgezwungen, dass ich selbst gar nicht weiß, wie jeder die Zeit zum Reflektieren finden soll. Es wird schon zur echten Kunst, wenn sich der Raum von Technik und sozialen Netzwerken so ausdehnt.

Wie hat sich das angefühlt, als Clams Casino dich gefragt hat, ob ihr zusammen arbeiten wollt? Der Produzent von “I’m God” muss ein ziemlich interessanter Typ sein.

Clams ist ein guter Freund geworden. Ich war definitiv begeistert vom Gedanken, mit ihm abzuhängen. Weißt du, ich habe seinen Sound schon immer geliebt. Wenn man so eine Sache angeht, muss man aber von Erwartungen loslassen. Wir haben das beide gemacht und uns kennengelernt. Zum Glück hat es geklappt. Für mich ist es sinnvoller, am Anfang alles einfach und persönlich zu halten. Wenn das klappt, entsteht daraus auch Kunst. Manchmal muss man sich selbst auch zwingen, zu wachsen und Kunst zu schaffen. Aber unsere Zusammenarbeit war definitiv nicht so. Zum Glück! Clams und ich tauschen uns immer noch sehr oft aus.

Denkst du, dass Kanye den Titel für sein Album gestohlen hat? Oder leidet jeder Künstler unter Größenwahn und glaubt, Gott zu sein?

Ich denke, dass jeder Mensch fähig ist, so zu fühlen. Ich kann mir vorstellen, dass wir als Künstler weniger zurückhaltend sind, wenn es darum geht, das auszudrücken. Ha! Ich würde aber niemals für Kanye sprechen. Er ist in seinem eigenen Gebiet. Ich hoffe nur, dass Menschen, die so großen Einfluss haben, Freunde haben, von denen sie wirklich geliebt werden. Diese Art der Darstellung scheint mir echt sehr wild. Ich kann nicht einmal beginnen, mir das vorzustellen.

Und was ist mit dir? Wie sieht deine eigene Quelle für deine Songs aus?

Ich werde bohren, bis die Quelle trocken ist. Dann werde ich weitermachen. Hoffentlich verschwende ich nicht das Wasser, das ich bekomme.

Du hast einmal Folgendes getwittert: „This world is unreal like a snake in a rope.“ Was meinst du damit?

Mein guter Freund Damian Taylor war in der Stadt. Er hat mir das Label Sublime Frequencies gezeigt. Das Label hat so viel interessante Musik! Ich bin gerade dabei, mich weiter zu bewegen, daher überlege ich gerade, wohin ich es hinschicken werde. Schaut es euch an, wenn ihr Lust habt.

Für dich als Künstler muss sich das das, was gerade passiert, unwirklich anfühlen. Mit Rihanna zusammen hast du den Song “Stay” bei den Grammys performed. Wie kam es zu der Zusammenarbeit?

Ich bin immer noch nicht sicher, wie Rihanna den Song entdeckt hat. Ich habe den Song anfangs für meine Aufnahmen gemacht. Wir hatten den Song ein paar Produzenten zugeschickt, aber eines Tages einen Anruf bekommen. Rihanna wolle den Song für ihre Aufnahmen. Ich habe einfach aufgelegt, weil ich davon ausgegangen bin, dass ich reingelegt wurde. Das Telefon hat wieder geklingelt und ich hörte nur “Nein, ernsthaft, setz’ dich hin! Wir müssen darüber reden.” Hier sind wir nun, nach ein paar wilden Monaten.

Was für eine Frau ist Rihanna? Erkläre sie in den Worten eines Poeten, aber, bitte, über – oder untertreibe nicht. Sei einfach ehrlich!

In der kurzen Zeit, in der ich ihr nahe war, ist das mein Eindruck: Rihanna scheint die Stärke jeder Frau zu besitzen und den Antrieb aller Frauen. Ihre Präsenz ist einfach, komplex und zwingend wie eine junge Königin eines derben Romans. Die meisten Erinnerungen drehen sich um die Proben für die größte Show meines Lebens, also ist es möglich, dass meine Gedanken woanders waren, haha. Aber das war mein erster Eindruck.

Du hörst sehr unterschiedliche Musik. Von den Shrines bis Kendrick Lamar ist alles dabei. Wäre Kendrick auch ein möglicher Duettpartner? Was gefällt dir persönlich an dieser Art von Hip Hop und Rap?

Jeder liebt Kendrick. Ich denke, es ist Ehrlichkeit, was die Leute anzieht. Sein Schreibstil ist ein einziger Hybrid aus Neuem, Alten, Einfachen und Komplexem. Ich würde gerne ein Publikum anziehen, das sich auf ähnliche Art zu mir angezogen fühlt. Die besten Künstler sind immer die vergrößerte Version von sich selbst, nicht wahr? Ich denke, dass das alle Kunstmedien einschließt. Ich bin in dieser Debatte trotzdem ein Sucker. Auch wenn ich falsch liege. Für mich ist es gut, aus meiner eigenen bequemen Zone raus zu kommen.

Was können wir von dir in Zukunft erwarten? Was ist dein Traum?

Ich hoffe, dass ich einen neuen Platz für Menschen schaffen kann, der meine Träume widerspiegelt. Ich möchte erklären, was ich weiß, in der Hoffnung, dass Leute die Fehler vermeiden, die ich selbst begangen habe. Es ist der einzige Traum, den ich habe. Ich lebe in diesem Traum jeden Tag, wenn ich aufstehe. Sonst würde ich verschlafen.

Die Fotografie stammt von Naj Jamaï
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Japanischer Jazz: Musik aus einer anderen Welt

Hier mal ein kleines Schmankerl für alle, die auch gerne über den musikalischen Tellerrand hinweg schauen und sich nicht nur mit handelsüblichem Schlager, Pop und Hip Hop zufrieden geben. Denn die magische Mitte der Musik, das Paradies aller Genres, der Garden Edens jedes einzelnen Tons liegt im jap...
Japanischer Jazz: Musik aus einer anderen Welt

Japanischer Jazz

Musik aus einer
anderen Welt

Marcel Winatschek

Hier mal ein kleines Schmankerl für alle, die auch gerne über den musikalischen Tellerrand hinweg schauen und sich nicht nur mit handelsüblichem Schlager, Pop und Hip Hop zufrieden geben. Denn die magische Mitte der Musik, das Paradies aller Genres, der Garden Edens jedes einzelnen Tons liegt im japanischen Jazz der siebziger Jahre. Hier kommt alles zusammen, hier endet und beginnt es. Wer einmal auf diese Bündelung musikalischen Talents gestoßen ist, dem kommt alles andere plötzlich wie Kindergarten vor, der schämt sich, jemals etwas anderes an und in seine Ohren gelassen zu haben.

Die Lichtfiguren des japanischen Jazz aus den siebziger Jahren heißen unter anderem Terumasa Hino, Hiroshi Suzuki, Takeshi Inomata, Sunao Wada und Jiro Inagaki. Schon bei den ersten Tönen ihrer unzähligen Jam-Sessions merkt selbst der unmusikalischste Banause, dass hier die Seele tanzt, dass hier Zauberei herrscht, dass man sich hier ganz der Kreativität hingeben kann. Wo heute Einfallslosigkeit, Schnelllebigkeit und Redundanz herrschen, sprang früher regelmäßig der Funke der Inspiration über. An diesem Ort, in dieser Zeit war noch alles echt, war noch alles gut.

Tardiobscurus hat auf seinem YouTube-Kanal einen großartigen Mix namens „Japanese Jazz When Driving On A Warm Night“ veröffentlicht, der euch die Magie längst vergangener Tage, voller Soul, Grooves und Funk, zurückgibt. Hier jammen alternative Lieblinge wie Indigo Jam Unit, Soil & „Pimp“ Sessions und Ryo Kawasaki um die Wette.

Und wer sich nun in den japanischen Jazz der siebziger Jahre und später verliebt und bereits jetzt alle anderen CDs, Kassetten und Schallplatten anderer Genres aus dem Fenster geworfen hat, der findet sich plötzlich in einem schwarzen Loch der musikalischen Varianz wieder, aus dem er so schnell nicht mehr herauskommen wird. Jam on!

Japanischer Jazz: Musik aus einer anderen Welt
Die Illustration stammt von Tardiobscurus
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Digitale Trennungen: Hast du mich gerade auf Facebook entfreundet?

Weiß noch jemand, wie verdammt unangenehm es in Zeiten ohne Facebook & Co., also früher, gewesen ist, beste Freundschaften zu beenden? Für jene, die sich kaum an ein Leben ohne soziale Netzwerke erinnern können, hier ein kleiner Erinnerungsschub: Man rief die betreffende Person an und machte ein Tre...
Digitale Trennungen: Hast du mich gerade auf Facebook entfreundet?

Digitale Trennungen

Hast du mich gerade auf Facebook entfreundet?

Daniela Lindner

Weiß noch jemand, wie verdammt unangenehm es in Zeiten ohne Facebook & Co., also früher, gewesen ist, beste Freundschaften zu beenden? Für jene, die sich kaum an ein Leben ohne soziale Netzwerke erinnern können, hier ein kleiner Erinnerungsschub: Man rief die betreffende Person an und machte ein Treffen aus. In einem Café. Oder in der Lieblingsbar. Oder eben gerade nicht in der Lieblingsbar, um den Ort der Freude nicht negativ zu konditionieren. Erinnerung ist schließlich ein fragiles Konzept.

Man traf sich dann und beendete die Freundschaft vis-à-vis. So mit anschauen und so, ihr wisst schon. Ja, dazu gehört natürlich etwas Mut. Und ja, es ist wahrscheinlich immer unangenehm, dem Gegenüber persönlich ins Gesicht zu sagen, dass man sich nun distanzieren möchte und ab dem jetzigen Moment keinen Wert mehr auf die Gesellschaft des anderen legt.

Vor allem dann, wenn man jahrelang unzertrennlich jeden Scheiß miteinander gelebt und erlebt hat und jetzt erklären muss, warum man nun getrennte Wege gehen möchte. Gründe dafür gibt es zahlreich: Sex mit dem Partner des anderen, Sex mit mehreren Partnern des anderen und natürlich vieles mehr.

Da saß einem nun ein Mensch gegenüber, den man über Jahre geschätzt, mit dem man viel Zeit verbracht und Gedanken geteilt hat. Höchstwahrscheinlich wurde man bei einem solchen Treffen Zeuge verschiedener Emotionen, wie Trauer, Enttäuschung oder Wut. Tränen flossen, böse Begriffe fielen, man lag sich schluchzend in den Armen und wünschte sich alles Gute für die Zukunft.

Dank Facebook kann man sich das Leben dies betreffend nun ungemein erleichtern: Stichwort Button „Freund/in entfernen“. Schwups. Weg. Erledigt. Emotionen Fehlanzeige. Falls man zu der eher zart besaiteten Abteilung gehören sollte, die mit dramatischen persönlichen Nachrichten als Reaktion auf das unsanfte Ende der besten Freundschaft nicht so gut klar kommt, kein Problem: Einfach mit „Blockieren“ einstellen, dass der andere einen in den Weiten von Facebook nicht mehr finden kann und man wird auf ewig seine Ruhe haben und auch nicht zu dem vollzogenen Schritt des „Entaddens“ Stellung nehmen müssen.

Bis vor kurzem war ich wirklich der festen Überzeugung gewesen, dass mir so etwas niemals passieren würde. Ich bin nämlich reif und besonnen und meine besten Freunde sind natürlich genauso reif und besonnen wie ich, sonst wären sie nicht meine besten Freunde, versteht sich. Bis vor kurzem war ich der festen Überzeugung gewesen, dass meine Freunde niemals Facebook nutzen würde, um ihren Standpunkt deutlich zu machen und ihre Bedürfnisse durchzusetzen.

Bis vor kurzem war ich der festen Überzeugung gewesen, dass zwischenmenschliche Beziehungen auch in Zeiten der Beschleunigung und der sozialen Netzwerke einen realen, fühlbaren Wert besitzen. Bis ich letzten Sommer von der Hochzeit einer Freundin in meine Wohnung in Wien zurückgekommen war und festgestellt habe, dass sie mich noch am Tag meiner Abreise aus Facebook entfernt hatte.

Ich kannte sie schon seit zwölf Jahren. Ich hatte sie seit einer gefühlten Ewigkeit nicht gesehen, den Weg von 900 Kilometer in den Norden von Deutschland aber trotz Geldmangels gerne in Kauf genommen, um am angeblich wichtigsten Tag in ihrem Leben dabei sein zu können. Eingeladen hatte sie mich per Facebook, ins Ausland telefonieren ist schließlich teuer, auch wenn es um eine Hochzeit geht.

Da sie mir versichert hatte, dass ich auf der ausklappbaren Couch in ihrem Wohnzimmer übernachten könne, war ich doch etwas verwundert, als sie mir am Abend vor ihrer Hochzeit eröffnete, dass ich mir die 120 mal 200 Zentimeter große Liegefläche mit drei Typen teilen sollte, die ich noch nie zuvor in meinem Leben gesehen hatte.

Ich meine, ich bin ja nicht unsozial, unnötig anspruchsvoll oder ähnliches, eine Isomatte hätte mir schon auch gereicht und wenn ich von dieser Platznot vor meiner Ankunft in Kenntnis gesetzt worden wäre, hätte ich mir auch meine beschissene Isomatte mitgenommen und mich auf ein freies Stück Boden verzogen und die Klappe gehalten.

Aber dem war nicht so und somit saß ich abends in einem kleinen Dorf, ohne weitere Übernachtungsmöglichkeiten, fest und versuchte mit den drei Typen klarzukommen, von denen sich einer bestimmt tagelang nicht geduscht hatte – wovon ich ausgegangen war, weil er sich während seines Monologs über Nachhaltigkeit mehrmals seine fettigen, ungewaschenen Strähnen aus dem Gesicht gestrichen hat.

Als ich meiner Freundin am Tag der Abreise und nach einer Nacht ohne Schlaf meinen Unmut verbal deutlich machte, indem ich ihr ganz direkt ins Gesicht sagte, wie scheiße ich ihr Verhalten finden würde, meinte sie nur, dass ich mich in den letzten Jahren verändert hätte und wir bestimmt irgendwann mal wieder voneinander hören werden.

Verändert? Nein ich hatte schon vor Jahren keinen Bock darauf gehabt, mich an ungewaschene Möchtegern-Hippies zu kuscheln. Voneinander hören? Damit meinte sie wohl, dass sie mich aus Facebook und Skype entfernen wird. Ich für meinen Teil saß ein paar Stunden später auf dem Weg nach Wien verwirrt auf meinem Sitzplatz im ICE – der mich eine unverschämte Summe gekostet hatte – und dachte darüber nach, wie man die Freundschaft wieder kitten könnte.

Zuhause angekommen starrte ich dann zunächst eine Weile fassungslos in den Bildschirm meines Notebooks, auf ihr Profilbild und auf das „Freund/in hinzufügen“, bis mich eine Welle der Erleichterung überkam. Nach zwölf Jahren emotionaler Auseinandersetzungen und Streitereien nun endlich ein glattes Ende.

Sie hatte mit meinem Exfreund gevögelt und ich hatte ihr verziehen. Sie hatte einen mit mir geplanten und bezahlten Urlaub platzen lassen – um mit ihrem neuen Freund zu vögeln, und ich bin allein gefahren und habe ihr verziehen.

Damals hatten wir noch kein Facebook. Damals haben wir uns getroffen, geredet, argumentiert, gestritten und uns schließlich wieder vertragen. Damals sind wir auf ein Bier und einen Jägermeister gegangen und haben uns gern gehabt. Damals, als sie mit meinem Freund geschlafen hat, saßen wir eben etwas länger zusammen, um zu reden. Damals, wenn wir schon Facebook gehabt hätten, ich hätte sie nicht gelöscht. Ganz sicher nicht.

Ich schaue immer noch auf ihr Bild, „Freund/in hinzufügen“ und auf einmal denke ich mir, ganz oder gar nicht und spüre, wie sich in mir all die aufgestaute Wut bündelt, die seit langem in mir brodelt und raus will, verliere jegliche Reife und Besonnenheit, klicke auf „Blockieren“ und mache damit für alle Zeit unmöglich, dass sie mich finden kann. Nie wieder. Ganz sicher.

Die Illustration stammt von Flamenco und Icons8
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Mädchenclique: Freundinnen fürs Leben

Ich bin unter Jungs aufgewachsen. Mir wird oft gesagt, dass man das merkt. Wieso, das weiß ich selbst nicht so genau. Ich vermute mal, dass es daran liegt, dass mir einige Attribute, die man für typisch weiblich hält, einfach fehlen. Oder aber daran, dass ich gewisse Eigenschaften mitbringe, die a...
Mädchenclique: Freundinnen fürs Leben

Mädchenclique

Freundinnen
fürs Leben

Nadine Kroll

Ich bin unter Jungs aufgewachsen. Mir wird oft gesagt, dass man das merkt. Wieso, das weiß ich selbst nicht so genau. Ich vermute mal, dass es daran liegt, dass mir einige Attribute, die man für „typisch weiblich“ hält, einfach fehlen. Oder aber daran, dass ich gewisse Eigenschaften mitbringe, die als „nicht sonderlich mädchenhaft“ angesehen werden. Ich kann zum Beispiel lauter rülpsen als jeder Typ, dem ich bisher begegnet bin, massenhaft Bier trinken, ohne umzufallen sowie laut und rüpelhaft sexistische Witze erzählen und Prügeleien mit den Männern anfangen, die darüber lachen. 

Als ich jünger war, war ich verdammt stolz darauf, sagen zu können, dass ich mich mit Mädchen nicht verstehe und lieber mit Jungs abhänge. In meinen Augen machte mich das ziemlich einzigartig und die Jungs, mit denen ich mich umgab, waren begeistert, dass ich kein „typisches Mädchen“ war, das sich gerne die Nägel lackierte, shoppen ging und mit ihren Freundinnen über Jungs sprach.

Ich verbrachte meine ganze Jugend fast ausschließlich mit Jungs, hing mit ihnen nachmittags im Skatepark meiner kleinen Heimatstadt rum, stand am Wochenende total besoffen und grölend mit ihnen im Fußballstadion, lernte, wie man Joints baut, schaute meinen ersten richtigen Porno mit ihnen und war Schiedsrichterin beim obligatorischen Kekswichsen, weil ich damals noch nicht wusste, wie man als Frau abspritzt. Ich konnte mir absolut nicht vorstellen, „eine von denen“ zu sein, also hielt ich mich an meiner Jungsclique fest – bis ich Sophia traf.

Mit Sophia änderte sich schlagartig alles. Ich lernte sie im Physikunterricht kennen. Wir schrieben uns zuerst Nachrichten auf den Tischen. Nachdem eine fleißige Putzkolonne unsere Gespräche mit viel Scheuermittel von den alten Holzbänken entfernt hatte, wichen wir später auf immer größer und länger werdende Zettel um, die wir für die jeweils andere an einer geheimen Stelle im Physiksaal versteckten.

Ich hatte absolut keine Ahnung, dass es auch Mädchen wie sie gibt. Auch für sie war es ein Schock, dass ich keinen Penis, dafür aber zwei recht ausgeprägte Brüste hatte, als wir uns nach wochenlangem schriftlichem Austausche zum ersten Mal an der Tischtennisplatte auf dem Schulhof trafen, um mal richtig miteinander zu reden.

Sophia war genau wie ich. Eher burschikos, doch sich ihrer Wirkung als Frau bewusst. Nachdem wir den ersten Schockmoment überwunden hatten, war klar, dass wir Freundinnen sein würden. Von dem Tag an der Tischtennisplatte auf dem Schulhof an waren wir unzertrennlich.

Wir gingen gemeinsam mit den Jungs zum Skatepark, zündeten uns gegenseitig die Joints an und rissen einen sexistischen Witz nach dem anderen. Wenn einer der Jungs darüber lachte, drohten wir ihm Prügel an. Am Wochenende gingen wir gemeinsam in der schäbigen Dorfdisko auf Männerjagd und wenn die eine ein gutes Ziel erblickt hatte, ließ sie die andere an den Freigetränken, die das mit sich brachte, teilhaben. Ich hatte eine Verbündete gefunden, ohne nach ihr gesucht zu haben.

Durch Sophia eröffnete sich mir allerdings zusätzlich eine ganz andere Welt, nämlich eine, in der Frauen voll okay waren und in der es normal war, auch „weibliche Themen“ zu behandeln. Bis sie in mein Leben kam, war mir überhaupt nicht klar gewesen, dass mir bisher eine Frau gefehlt hatte. Eine Frau, mit der ich übers Menstruieren sprechen konnte, über Intimrasur und über BHs – Dinge eben, von denen Jungs im pubertierenden Alter nichts wissen wollen.

Nach und nach stießen immer weitere Mädchen zu unserer Clique. Sie waren alle etwas anders, eben einfach mehr so wie wir, und wir alle hatten gemeinsam, dass wir nicht gut mit anderen Mädchen konnten. Aber zusammen entwickelten wir uns zu einem unschlagbaren Team, das auf dem Schulhof gleichermaßen geehrt und gefürchtet und von Jungs allen Alters begehrt wurde.

Nur, dass Jungs uns plötzlich gar nicht mehr so interessierten wie zuvor, denn wir hatten ja uns. Und wir haben endlich erkannt, dass nicht alle Mädchen gleich doof sind, sondern richtig cool sein können, wenn man sich nur von den eigenen Vorurteilen freimacht und sich auf sie einlässt. Wir waren eine Girlgang, wie sie im Buche steht.

Unsere Mädchenclique von damals trifft sich immer noch alle zwei Jahre, um an die gute alte Zeit zu denken und die neusten persönlichen Geschichten auszutauschen. Obwohl wir uns alle in sehr unterschiedliche Richtungen entwickelt haben, sind wir einander immer noch wichtig. Jede von uns hat mittlerweile eine neue Girlgang gefunden, mit der sie ihre Freizeit verbringt und wir sind uns mittlerweile alle darin einig, dass Freundinnen wichtiger sind, als jeder Schwanz auf dieser Welt.

Uns wurde klar, dass unsere Antihaltung gegenüber anderen Frauen nicht cool, sondern lediglich sexistischer Quatsch war, der dem Frauenbild, wie es uns vermittelt wurde entsprach – und eben nicht dem, wie es wirklich ist. über die Jahre habe ich begriffen, dass meine frühere Verachtung für andere Frauen etwas war, das nicht aus mir selbst kam, sondern etwas, das aus der Gesellschaft auf mich einwirkte.

Die Rollen für Mann und Frau waren genauestens vorgegeben, und die Frau kam dabei immer schlechter weg. Ich wollte allerdings nicht schlecht sein und hab mich deswegen an die Jungs gehalten, weil ich in ihnen Vorbilder sah. Sie waren eben auch diejenigen, die von Lehrern, Eltern oder auch Wildfremden mehr Anerkennung bekamen als wir Mädchen – ohne was dafür zu tun. Und so hab ich mich, ohne es zu wissen schon ganz früh gegen mein eigenes Geschlecht gestellt, weil ich cool sein wollte.

Heute weiß ich, dass meine „Ich bin anders als die anderen Frauen!“-Attitüde völlig uncool war. Der anerzogene Hass von Frauen auf Frauen ist wohl eine der schlimmsten Sachen, die dem weiblichen Geschlecht, das sich sowieso schon immer gegen Männer behaupten muss, passieren kann. Und spätestens seit Beyoncé in die Welt gebrüllt hat, dass Mädchen die Welt regieren, sollte allen klar sein, dass echte Girlgangs wirklich rocken.

Die Fotografie stammt von Priscilla Du Preez
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Sex im Seniorenheim: Junge Liebe zwischen alten Menschen

Jasmin war ein durchgestylter, prinzipientreuer und überall rasierter Punk, dem die Gesellschaft, und alles was darin verwickelt war, direkt am Arsch vorbei ging. Sie hörte leidenschaftlich gerne Slipknot, In Extremo und Knorkator, hätte die Welt, in der wir leben, am liebsten in den unheiligen Flam...
Sex im Seniorenheim: Junge Liebe zwischen alten Menschen

Sex im Seniorenheim

Junge Liebe zwischen
alten Menschen

Marcel Winatschek

Jasmin war ein durchgestylter, prinzipientreuer und überall rasierter Punk, dem die Gesellschaft, und alles was darin verwickelt war, direkt am Arsch vorbei ging. Sie hörte leidenschaftlich gerne Slipknot, In Extremo und Knorkator, hätte die Welt, in der wir leben, am liebsten in den unheiligen Flammen der Herrschaftslosigkeit aufgehen sehen und stammte aus einer wildgewordenen Zigeunerfamilie, was sie nicht müde wurde jedem und allem auf die Nase zu binden, und zwar genau mit diesem Begriff.

Zum ersten Mal traf ich im nahegelegenen Seniorenheim auf sie, in dem ich irgendwo zwischen Schulabschluss und Weltherrschaft einem unterbezahlten und langweiligen Job an der Rezeption entgegen sehen durfte, während sie Sozialstunden ableistete und eure Großeltern mit Brettspielen, Grießbrei und Matheaufgaben nötigte. Sie war 16. Ich nicht.

Während Jasmin mich auf der Brücke vor dem ständig nach Weinbrand, Zigaretten und Tod riechenden Schuppen noch vollkommen ignorierte, machten wir einige Stunden später im Fahrstuhl herum, schmissen uns in der Kapelle im obersten Stock gegenseitig mit unseren Klamotten ab und zündeten anschließend im Gemeinschaftsraum einen Joint an, während unsere älteren Mitmenschen ein Mittagsschläfchen hielten. Außer Herr Brechtl – die Perversion auf zwei Rädern.

Der alte Mann im Rollstuhl starrte uns mit gierigen Augen an, als wir gerade wieder im Begriff waren uns schick für die Außenwelt zu machen und den Rest des Joints im Garten zu versenken, rief irgendwas von Penissen und Handtüchern und schleifte uns daraufhin in sein Zimmer, wo er uns bei einem Gläschen Tee erzählte warum er sich ein Zimmer mit Blick auf den Sportplatz der anliegenden Schule gewünscht hatte. Wegen der leichtbekleideten, jungen Mädchen.

Er präsentierte uns alte, verstaubte Alben mit Fotos seiner vielseitigen FKK-Urlaube irgendwo am Meer und betitelte uns mit Geschlechtsteilen und Begriffen aus einer längst vergangenen Zeit, ohne es böse zu meinen. Wir lachten, wir freuten, wir sangen und flohen so schnell wir konnten aus seinem freizügigen Reich, als er kurz eingenickt war.

Nachdem wir uns auf der Toilette dem Sinn des Lebens näher brachten, ich angesteckt von ihrem Enthusiasmus am liebsten auf der Stelle meine Religion ablegen und zur Anarchie übertreten wollte und wir uns gegenseitig mit den Händen zwischen den Beinen und den Lippen auf der Brust schworen, niemals diesem System aus Kapitalismus, Sozialismus und Fundamentalismus beizuwohnen, änderte sich mein Bewusstsein gegenüber Gott für immer.

Es ist ja nicht so, dass ich leicht von Dingen zu überzeugen wäre, doch nach dieser Offenbarung, dem Anfang meines neuen Lebens und dem geschürten Hass gegen meine eigene Spezies, feierten wir den Beginn unserer neuen Weltordnung erst einmal gebührend, in dem wir uns bei Lidl ein paar eingeschweißte Hot Dogs klauten.

Meine Überzeugung zu Jasmin und ihrer Meinung hätte keine Grenzen mehr gekannt, wäre womöglich unsterblich geworden und hätte diese unsere Nation ins Verderben des satanischen, ewigen Feuers gestürzt, wenn ich sie nicht zwei Wochen später auf einer Schulparty mit der blonden Sabrina – Grinsekatze, weiße Socken und eine unterschiedlich große Oberweite – betrogen hätte und wir der Anarchie, dem tiefen Wunsch nach Chaos und dem Hass auf alle Ismen zum Trotz am nächsten Tag zusammen Eisessen gegangen wären.

Jasmin soll deswegen so abgrundtief sauer gewesen sein, dass sie der Legende nach den Kopf ihres besten Freundes aus Wut über mich so stark gegen das Waschbecken in seinem Bad geschlagen hat, dass dieses in alle Einzelteile zerbrach. Und obwohl ich seitdem nichts mehr von ihr hörte, bin ich mir sicher, dass sie ganz tief unter der Erde an einem glühenden Racheplan schmiedet, der alle Beteiligte direkt zu ihr in die Hölle katapultieren wird, damit wir uns gemeinsam für alle Ewigkeit der größten Folter von allen hingeben müssen: den FKK-Anekdoten von Herrn Brechtl zu lauschen.

Die Fotografie stammt von Emiliano Vittoriosi
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Rache muss weh tun: Wenn du mir mein Herz brichst, breche ich dir dein Arschloch

„Wenn dir jemand das Herz bricht, dann brich ihm die Beine“, lautet ein zynisch illustrer Spruch, den man frisch Verlassenen gerne mit auf den Weg gibt. Als seelische Stütze, mit einem gut gemeinten Augenzwinkern hinterher. Schwachsinn, sage ich. Wenn jemand dein Herz fickt, dann ficke ihn. Aber so...
Rache muss weh tun: Wenn du mir mein Herz brichst, breche ich dir dein Arschloch

Rache muss weh tun

Wenn du mir mein Herz
brichst, breche ich dir
dein Arschloch

Nadine Kroll

„Wenn dir jemand das Herz bricht, dann brich ihm die Beine“, lautet ein zynisch illustrer Spruch, den man frisch Verlassenen gerne mit auf den Weg gibt. Als seelische Stütze, mit einem gut gemeinten Augenzwinkern hinterher. Schwachsinn, sage ich. Wenn jemand dein Herz fickt, dann ficke ihn. Aber so richtig. In den Arsch.

Ungefähr drei Monate ist es jetzt her, dass mein Freund mit mir Schluss gemacht hat, weil er ein nettes, braves und nicht so anstrengendes Mädchen kennengelernt hat. Natürlich war ich stinksauer und wünschte ihr die Pest an den Hals. Jeden Morgen, jeden Abend, jede Nacht. Bis ich merkte, dass der Fehler gar nicht bei ihr liegt, sondern bei ihm.

Die Sache mit den netten, braven und nicht so anstrengenden Mädchen ist nämlich die: Sie sind auch im Bett oftmals sehr nett und brav. Da werden nicht einfach mal so Fäuste in die Muschi gesteckt und ins Gesicht spritzen geht auch nicht klar. Mein Ex hatte sich jedoch dafür entschieden, statt der versauten Rotzgöre, die ihr Sexleben mit Vorliebe dem Internet erzählt, eines der lieben Mädchen seine neue Freundin zu nennen.

So kam es, dass er zwar echt verliebt, jedoch auch sexuell frustriert wurde und begann, mich mit den perversesten Nachrichten, die ich je in meinem Leben erhalten hatte, zu bombardieren. Und ich habe schon viele perverse Nachrichten in meinem Leben bekommen, schließlich mache ich ja auch keinen Hehl daraus, dass ich auf so etwas stehe.

Ich hatte mit dem Typen, von dem ich Dinge wusste, die die Grenzen des guten Geschmacks und sozialen Verständnisses leicht sprengten, bereits alles gemacht – von mehr oder weniger leckeren Golden Showers bis hin zur fast schon klinisch anmutenden Prostatamassage fehlte nichts, außer einer klitzekleinen Sache: dem gepflegten Fick mit einem Strap-On.

Eigentlich ficke ich damit nur Mädchen. Ich genieße es sehr, meinen großen, harten Gummischwanz in ihre feuchten Mösen zu schieben und sie beim Kommen zu beobachten, während ich sie zärtlich ficke und mit der Zunge ihre Nippel lecke. Mir geht dabei so richtig einer ab und ganz oft wünsche ich mir, einen richtigen Schwanz zu haben. Ich glaube nämlich, dass es ziemlich geil sein muss, wenn man am Schwanz spürt, wie feucht das Mädchen, das da unter einem liegt, eigentlich ist und wie sich die Muskeln in ihrer Muschi zusammen ziehen, wenn sie einen Orgasmus hat.

Männer damit in den Arsch zu ficken gibt mir eigentlich nichts. Zumindest gab es mir nichts, bis ich es ausprobierte. Ich dachte immer, ich sei nicht der Typ, der andere gerne erniedrigt. Bis… naja, bis ich meinen Gummischwanz in das bis dato jungfräuliche Arschloch meines Exfreundes steckte. Oder in mein Arschloch von Exfreund. Im Prinzip kann man es nennen, wie man will.

Mein Ex hatte meinen fast schon episch anmutenden Strap-On schon häufiger bewundert und ich glaube, insgeheim ist er auch heute noch neidisch darauf, dass ich selbst entscheiden kann, wie groß mein Schwanz ist. Und dass ich natürlich immer einen hoch kriege, was bei ihm leider nicht immer der Fall war.

Manchmal trug ich den ledernen Harnisch auch für ihn und ließ ihn an meinem großen, schwarzen Schwanz saugen, doch gefickt habe ich ihn damit nie. Wie gesagt, Erniedrigung ist eigentlich nichts für mich – und es gibt ja wohl kaum etwas Erniedrigenderes für einen Mann, als sich nackt vor ein Mädchen zu knien und sich von einem Gummischwanz, der größer und härter ist als der eigene, penetrieren zu lassen.

Es war ein Freitagmorgen und ich saß gerade mit meiner Mitbewohnerin im Wohnzimmer, um mir mit ihr alte „Buffy“-Folgen anzusehen, als mich seine WhatsApp-Nachricht erreichte: „Wir sollten es noch mal treiben, Baby. So richtig dreckig. Anspucken. Anpissen. Fisten. Und ich will, dass du mich mit dem Strap-On fickst.“

Meine erste Reaktion darauf war ein lautes Lachen, hatte er doch am Tag zuvor zu mir gesagt, dass er mich nicht mehr ficken will, weil er jetzt dieses Mädchen hat. Mein zweiter Gedanke war: Ich tu’s. Natürlich hätte ich seinen Schwanz gerne in mir gehabt, alleine um zu beweisen, dass ich viel geiler bin als „dieses Mädchen“, das den Begriff Deepthroat vermutlich nur aus dem Urban Dictionary kennt, wenn überhaupt.

Dass er jetzt jedoch angekrochen kam und wollte, dass ich meinen Schwanz in ihn stecke, machte die Sache noch viel spannender. Meine Mitbewohnerin saß derweil da und wusste nicht so genau, ob sie mich jetzt anfeuern oder aufhalten sollte – immerhin hatte mir der Typ aufs Übelste das Herz gebrochen und bei jedem Fick, den ich nach der Trennung eingegangen bin, immer ein Stück mehr davon behalten.

Letzten Endes entschied sie sich doch dazu, mich gehen zu lassen, half mir dabei, mir den Strap-On umzuschnallen – ich hatte nämlich vor, ganz stilecht mit Trenchcoat, Spitzenunterwäsche und besagtem Sexspielzeug bei meinem Exfreund aufzutauchen – und gab mir zur Verabschiedung High Five.

Als ich die Wohnung meines Ex, zu der ich noch immer einen Schlüssel besitze, betrat, lag dieser bereits mit heruntergelassener Hose auf der Couch, zog sie jedoch schnell wieder hoch, als er mich in meinem Aufzug sah. Er hatte Schiss, das konnte ich bis hierher spüren. In dem Moment wollte ich eigentlich schon wieder umkehren. Wenn ich eines noch weniger leiden kann als Lügner, dann sind das wohl Loser, die große Reden schwingen, bis sie mit der Situation, von der so angeblich so unglaublich krass träumen, konfrontiert werden.

Ich entschied mich jedoch dazu, zu bleiben und abzuwarten, bis er seinen Joint fertig geraucht hatte. Ich wollte dann doch nicht unverrichteter Dinge nach Hause kehren, nur um meiner Mitbewohnerin zu erzählen, dass mein Exfreund immer noch ein Arschloch ist, dessen Arschloch ich leider nie mit meinem Schwanz penetrieren durfte.

Also wartete ich, bis er fertig geraucht hatte, zwang ihn dann, sich vor mir zu entblößen und versohlte ihm den Arsch dafür, dass er mich so lange hatte warten lassen. Dann rammte ich ihm meinen großen, schwarzen Schwanz in sein kleines, enges Arschloch, wie er es zuvor immer so gern bei mir getan hatte und fickte ihn, bis er mich wimmernd darum bat, ihn endlich kommen zu lassen. Den Gefallen tat ich ihm allerdings nicht. Ich tauschte lediglich meinen Gummischwanz gegen einen Buttplug, den ich nicht mehr brauchte, ließ ihn den Strap-On noch schnell sauber lecken und verschwand grußlos in die Nacht.

Es war als letzter Fick geplant und ich finde, es ist nicht meine Aufgabe, einem Typen, der meistens schon nach fünf Minuten abgespritzt hat, weil das alles viel zu geil für ihn war, einen letzten Orgasmus zu verschaffen, während ich in der gesamten Beziehung nach jedem Fick eigentlich nur frustriert da lag und überlegte, wen ich wohl die Nacht darauf mit ins Bett nehme, nur um mal wieder so richtig geil zu kommen.

Soll sich doch die Neue damit rumschlagen. Statt eines Orgasmus habe ich eben meine Genugtuung bekommen. Und eine Geschichte, die noch bei so einigen Saufrunden mit Freunden für Erheiterung und große Augen sorgen wird. Noch bevor ich zu Hause ankam, hatte ich eine weitere Nachricht von ihm auf dem Handy: „Das war echt geil, auch wenn ich mir jetzt selbst einen runterholen musste. Doch bitte erzähl keinem etwas davon.“

Tja, liebe Jungs, und auch liebe Mädchen, was soll ich dazu sagen? Fangt endlich an, zu euren sexuellen Vorlieben zu stehen. Man unterhält sich sowieso darüber, ob im Netz oder privat. Und nichts ist so geil wie ein Mensch, der seine Perversion nach außen tragen kann, ohne dabei rot zu werden und das Stottern zu beginnen.

Die Fotografie stammt von Dainis Graveris
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Sailor Moon: Die Abenteuer eines magischen Mädchens

Bunny Tsukino ist ein fröhliches 14-jähriges Schulmädchen, das sich oft in ungewollten Schwierigkeiten befindet. Eines Tages rettet sie eine sprechende Katze namens Luna vor ein paar gemeinen Kindern, und ihr Leben verändert sich schlagartig für immer. Luna schenkt Bunny eine magische Brosche, die s...
Sailor Moon: Die Abenteuer eines magischen Mädchens

Sailor Moon

Die Abenteuer eines
magischen Mädchens

Annika Lorenz

Bunny Tsukino ist ein fröhliches 14-jähriges Schulmädchen, das sich oft in ungewollten Schwierigkeiten befindet. Eines Tages rettet sie eine sprechende Katze namens Luna vor ein paar gemeinen Kindern, und ihr Leben verändert sich schlagartig für immer. Luna schenkt Bunny eine magische Brosche, die sie in Sailor Moon, Verteidigerin von Liebe und Gerechtigkeit, verwandelt!

Nun muss sie gemeinsam mit ihrer tierischen Gefährtin zusammenarbeiten, um die anderen Sailor-Kriegerinnen und die dazugehörige Mondprinzessin zu finden, deren legendärer Silberkristall die einzige Hoffnung der Erde gegen die dunklen Mächte der bösen Königin Berylle ist. Und damit wären auch kurz die Anfänge von Sailor Moon erklärt, die zweifellos zu den beliebtesten Anime-Serien aller Zeiten zählt.

Doch es geht noch weiter. Denn nachdem Bunny und Luna mit der ziemlich nerdigen Sailor Merkur und der burschikosen Sailor Mars neue Freunde gefunden haben, setzen sie ihre Suche nach dem legendären Silberkristall fort, während zwei neue mächtige Verbündete in den Kampf ziehen. Sailor Jupiter ist die grosse und zähe Hüterin des Donners, und Sailor Venus gilt sowohl als die Hüterin der Liebe als auch gleichzeitig als das wohl erfahrenste Mitglied.

Sailor Moon selbst erhält mit der Zeit beeindruckende neue Kräfte und lernt immer mehr über den mysteriösen Tuxedo Mask, der komischerweise immer genau im richtigen Moment zu erscheinen scheint. Könnten ihre fernen Vergangenheiten miteinander verflochten sein, und hat das etwas mit der Mondprinzessin zu tun, die sie suchen? Alles läuft auf den finalen Kampf mit Königin Beryl hinaus, der den Sailor-Kriegerinnen wirklich alles abverlangen wird, um siegreich zu sein.

Sailor Moon ist der Inbegriff des weltweit geliebten Phänomens der magischen Mädchen und erzählt die kunterbunten Abenteuer der tollpatschigen 14-jährigen Schülerin und ihrer Freundinnen, die vom Schicksal auserwählt wurden, um die Mächte des Bösen zu besiegen. Die Legenden von Sailor Moon werden bereits seit über 20 Jahren in diversen Anime, Manga und Romanen erzählt und von zahlreichen Fans auf der ganzen Welt geschätzt.

Basierend auf Naoko Takeuchis erfolgreicher Grafikromanreihe erzählt Sailor Moon das fantastische Märchen von einer gutherzigen Heulsuse, die dazu bestimmt ist, die Welt vor dunklen Mächten zu schützen. Werden die Sailor-Kriegerinnen in der Lage sein, den legendären Silberkristall rechtzeitig zu finden, bevor die Welt in ewige Dunkelheit fällt? Na hoffentlich!

Sailor Moon ist auch heute noch sehenswert. Die liebenswerten Charaktere trösten über die längst überholten Monster-of-the-Week-Folgen hinweg. Wer sich gemeinsam mit ein paar taffen Mädels in ein ästhetisch beeindruckendes Tokio begeben und dort das ein oder andere magische Abenteuer erleben möchte, der ist bei Sailor Moon genau richtig. Und wer sich nicht bereits in den ersten Minuten in Bunny Tsukino und ihre besten Freundinnen verknallt, dem ist sowieso nicht mehr zu helfen.

Sailor Moon: Die Abenteuer eines magischen Mädchens Sailor Moon: Die Abenteuer eines magischen Mädchens Sailor Moon: Die Abenteuer eines magischen Mädchens Sailor Moon: Die Abenteuer eines magischen Mädchens Sailor Moon: Die Abenteuer eines magischen Mädchens Sailor Moon: Die Abenteuer eines magischen Mädchens Sailor Moon: Die Abenteuer eines magischen Mädchens Sailor Moon: Die Abenteuer eines magischen Mädchens Sailor Moon: Die Abenteuer eines magischen Mädchens Sailor Moon: Die Abenteuer eines magischen Mädchens Sailor Moon: Die Abenteuer eines magischen Mädchens Sailor Moon: Die Abenteuer eines magischen Mädchens Sailor Moon: Die Abenteuer eines magischen Mädchens Sailor Moon: Die Abenteuer eines magischen Mädchens Sailor Moon: Die Abenteuer eines magischen Mädchens Sailor Moon: Die Abenteuer eines magischen Mädchens Sailor Moon: Die Abenteuer eines magischen Mädchens Sailor Moon: Die Abenteuer eines magischen Mädchens Sailor Moon: Die Abenteuer eines magischen Mädchens Sailor Moon: Die Abenteuer eines magischen Mädchens Sailor Moon: Die Abenteuer eines magischen Mädchens Sailor Moon: Die Abenteuer eines magischen Mädchens Sailor Moon: Die Abenteuer eines magischen Mädchens Sailor Moon: Die Abenteuer eines magischen Mädchens Sailor Moon: Die Abenteuer eines magischen Mädchens Sailor Moon: Die Abenteuer eines magischen Mädchens Sailor Moon: Die Abenteuer eines magischen Mädchens Sailor Moon: Die Abenteuer eines magischen Mädchens Sailor Moon: Die Abenteuer eines magischen Mädchens Sailor Moon: Die Abenteuer eines magischen Mädchens Sailor Moon: Die Abenteuer eines magischen Mädchens Sailor Moon: Die Abenteuer eines magischen Mädchens
Die Illustration stammt von Naoko Takeuchi, Kodansha und Kazé
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Gurren Lagann: Titten, Monster, Riesenroboter

Es gibt zwei verschiedene Arten von krank sein. Einmal die fluffig Lustige, bei der man frühmorgens zum Arzt schlendert, ihm einmal kurz ins Gesicht hustet und für die nächsten ein, wenn man Glück hat gleich zwei Wochen faul und mit Lieferando bewaffnet zu Hause herumliegt und endlich mal Zeit hat d...
Gurren Lagann: Titten, Monster, Riesenroboter

Gurren Lagann

Titten, Monster,
Riesenroboter

Marcel Winatschek

Es gibt zwei verschiedene Arten von krank sein. Einmal die fluffig Lustige, bei der man frühmorgens zum Arzt schlendert, ihm einmal kurz ins Gesicht hustet und für die nächsten ein, wenn man Glück hat gleich zwei Wochen faul und mit Lieferando bewaffnet zu Hause herumliegt und endlich mal Zeit hat die Wohnung aufzuräumen. Oder eine Gute-Besserungs-Party zu schmeißen.

Und dann gibt es die Schattenwelt, die Dimension des unendlichen Schmerzes, in der man verschwitzt und fiebrig mit Halluzinationen im Bett feststeckt, das Sonnenlicht wohl nie wieder sehen wird. Der einzige Freund in diesem trüben Universum aus Schleim und Husten und Niesen: Der Laptop. Der einem Ablenkung verschafft, wenn man nicht schlafen kann. Und die Kopfschmerzen einem Twitter und Facebook versauen.

In meinem Grippe-Fieberwahn brauchte ich irgendetwas, das mich so richtig ablenkt. Einen Anime. Der mich zum Weinen und Lachen und Nachdenken bringt, ohne mich mit realistischem Unsinn zu langweilen. Ein Typ namens Veed hat im Netz diese Liste veröffentlicht. Die 50 besten Anime. Seiner Meinung nach. Ja, One Piece. Ja, Neon Genesis Evangelion. Ja, Wolf’s Rain. Kenne ich alles, liebe ich alles.

Auf Platz 1 befindet sich Gurren Lagann. Und er schrieb dazu, dass die ersten Folgen scheiße sind, der Rest aber das Beste seien, was er jemals irgendwo gesehen hat. Was lustig ist. Denn als ich die Serie ausprobierte, cancelte ich das Teil nach Folge 4. Weil es öde war. Und immer dasselbe passierte. Wüste, Monster, Roboter. Tada. Aber was hatte ich schon zu verlieren?

Also gab ich der Show noch einmal eine Chance und guckte die insgesamt 27 Episoden am Stück durch. Nur zwangsweise unterbrochen durch Schlafen, Essen und Onanieren. Und ich weinte am Schluss. Wie ein kleines Kind. In meine vollgerotzten Taschentücher. Weil es so großartig war. Und ich einfach nicht wollte, dass es vorbei ist. Gurren Lagann.

Die Geschichte ist schnell erzählt. Ein kleiner Trottel namens Simon lebt zusammen mit seinem besten Kumpel Kamina in einem Dorf unter der Erde und verdient seine Brötchen mit dem Graben von Tunneln. Eines Tages fällt ein riesiges Ungeheuer, gemeinsam mit der großbrüstigen Yoko, durch die Steindecke, ein Roboter erscheint, Simon hat Superkräfte. Kampf, noch mehr Brüste.

Ab jetzt geht es darum, einen riesigen Bösewicht am Ende der Welt aufzusuchen, der seit Jahrhunderten die Menschheit der Zukunft unterdrückt. Simon und Kamina schließen sich einer Truppe Rebellen an, hauen mit ihren Mechas alles kurz und klein, kämpfen gegen Mutantenkröten, Badehäuser und humane Haie. Das klingt noch alles relativ normal. Wie japanische Zeichentrickfilme eben so sind.

Richtig geht es aber erst ab, wenn Kamina abkratzt. Was ziemlich früh passiert. Und richtig traurig ist. Und aus Gurren Lagann plötzlich ein Epos macht. Ab diesem Zeitpunkt wird so viel Story und Liebe und Wahnsinn in den Rest der Folgen gesteckt, das schaffen andere Serien nicht einmal in 16 Staffeln. Riesige Weltraumschlachten. Und die Frage nach dem Sinn. Und Verrat. Und noch mehr Brüste. Also lag ich da wie eine behinderte Banane im Bett und fand das alles ganz großartig, was da vor meinen Augen passierte.

Wahrscheinlich hat Gainax hier den Inbegriff des japanischen Animationsgenres geschaffen. Wer nach Kinderkacke wie Yu-Gi-Oh! und Beyblade das Vertrauen in die riesigen Kulleraugen verloren hat, der muss sich Gurren Lagann angucken. Daran führt gar kein Weg vorbei.

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Die Illustration stammt von Gainax und Anime Limited
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Ein Tag in Tokio: Die schönste Stadt der Welt

Geblendet von den kunterbunten Lichtern und Lost in Translation wie einst Scarlett Johansson und Bill Murray, wird ein Besuch in Tokio eure Erwartungen zweifelsfrei übertreffen. Denn hinter jeder Ecke lauert ein neues Wunder, eine neue Überraschung, ein neues Abenteuer. Die Stadt ist ein riesiges, i...
Ein Tag in Tokio: Die schönste Stadt der Welt

Ein Tag in Tokio

Die schönste
Stadt der Welt

Annika Lorenz

Geblendet von den kunterbunten Lichtern und Lost in Translation wie einst Scarlett Johansson und Bill Murray, wird ein Besuch in Tokio eure Erwartungen zweifelsfrei übertreffen. Denn hinter jeder Ecke lauert ein neues Wunder, eine neue Überraschung, ein neues Abenteuer. Die Stadt ist ein riesiges, intensives, sich ständig weiter ausbreitendes und auch atmendes Tentakelmonster aus Kunst, Kultur und Menschen, eine bizarre Kombination aus Tradition und extremer Modernität an einem Ort, der rund um die Uhr von Leben wimmelt.

Tokio ist so groß, dass es schwer zu verstehen ist, vor allem als Besucher, und doch ist das U-Bahn-System seltsam logisch. Wenn ihr euch erst einmal damit vertraut gemacht habt, wird es zu eurem unterirdischen Eingangstor zur Erkundung der lauten und manchmal sogar ruhigen Metropole.

Macht euch bereit für leckeres Essen, Shopping in allen Facetten, aufregendes Theater, feuchtfröhliches Nachtleben, majestätische Sehenswürdigkeiten, und überall Geräusche und Lichter, wie ihr sie noch nie zuvor gesehen habt. Kommt mit einer vollen Brieftasche und einem voll aufgeladenen Akku und macht euch bereit, die schönste Stadt der Welt zu erkunden.

Das Essen in Japan ist ein so wichtiger Teil der Kultur und so gut, dass man das Land buchstäblich nur zum Essen besuchen könnte. Der beste Ort, um ein schmackhaftes japanisches Essen zu bekommen, ist ein Izakaya. Das entspricht einer japanischen Kneipe, in der man von Sashimi über Tempura bis hin zu unglaublichem japanischen Kartoffelsalat alles bekommen kann. Jeder hat sein Lieblingsrestaurant, und meines ist das Touhachi in Nakameguro, das eine Station von Shibuya aus zu finden ist.

Für Fischliebhaber gibt es auf dem Markt in Toyosu die berühmten Thunfischauktionen, die für die Öffentlichkeit, meist Touristen, um fünf Uhr morgens geöffnet sind. Wenn ihr keine Lust darauf habt, euch mit anderen Touristen durch die Hallen zu quetschen, dann geht lieber gegen 17 Uhr zu den Märkten am Bahnhof Okachimachi, wo die Einheimischen um die besten Preise feilschen, da die Fischverkäufer Restbestände verkaufen. In der Nähe gibt es Izakaya-Lokale der alten Schule, wo ihr, wenn die Fischer einen guten Tag hatten, vom Kugelfisch bis zum ethisch verwerflichen Wal alles bestellen können.

Wenn ihr euch von all dem etwas überwältigt fühlt, dann besucht das touristenfreundliche Gonpachi in Nishiazabu, wo Quentin Tarantino bereits Szenen von Kill Bill gedreht hat. Das Essen dort ist ziemlich gut und bietet euch eine illustre Einführung in die japanische Küche. Andere touristenfreundliche traditionelle Restaurants sind das Ohashi und das Kotaro in Shibuya, während das Muginae in Shinagawa mit köstlichen Ramen lockt.

Die Japaner sind nicht gerade dafür bekannt, dass sie ihren Alkohol, den sie gerne literweise in sich hinein kippen, gut vertragen, aber das hindert sie sicher nicht daran, einen schönen Abend zu verbringen. Taucht kopfüber in den Kulturschock im Golden-Gai-Viertel von Shinjuku ein, das durch sechs klaustrophobische Gassen miteinander verbunden ist und wo über 150 winzige Bars aufeinander und umeinander gestapelt sind. Eine bekanntere, aber immer noch sehr gemütliche Bar findet ihr im Kinfolk in Nakameguro, in dem sich jeden Abend eine illustre Mischung aus Japanern und Gaijins bei ihren köstlichen, aber sehr starken Cocktails trifft.

Später am Abend ist eine Karaoke-Session ein wesentlicher Teil des Tokio-Erlebnisses, denn in vielen Bars in Shibuya gibt es von Mitternacht bis fünf Uhr morgens Nomihodai-Deals, also all you can drink, um die Stimmbänder aufzuwärmen.

Wenn ihr euch beim Singen lieber nicht zum Idioten machen und stattdessen lieber in die Clubszene Tokios eintauchen möchtet, versucht es mit dem Dommune. Dieser winzige Club mit Platz für nur 50 Menschen überträgt seine Partys live ins Internet, damit auch daheim gebliebene Tokioter mitfeiern können. Internationale DJs wie Fourtet und Jamie XX haben kürzlich so vor über 10.000 Menschen gespielt.

Man kann nicht nicht einkaufen gehen, während man in Tokio ist. Selbst wenn ihr knapp bei Kasse seid, solltet ihr euch umsehen und gleichzeitig im Konsumwahn verlieren. Die Japaner lieben es, einzukaufen, und jede Art und Weise von Mode wird angeboten: High-End-Boutiquen in Ginza, japanische Modehäuser in Aoyama und Daikanyama sowie Mode, Schreibwaren und Spielzeug im Überfluss in Shinjuku und Shibuya.

Die Inbegriff der japanischen Modeerfahrung findet ihr aber in Harajuku, der Heimat aller neuen Modetrends in Asien. Besucht es am besten an einem Sonntag und gesellt euch zu Tausenden von Kids, die in verschiedenen, kunterbunten Aufmachungen die Straßen bevölkern. Probiert es im Laforet für den Streetstyle, Big Love für Schallplatten und Kiddy Land für alles, was mit Hello Kitty & Co. zu tun hat. Besucht auch das Pass the Baton im Untergeschoss des Omotesando-Hills-Gebäudes, denn dort gibt es einzigartige Second-Hand-Klamotten, die ihr euch wirklich nicht entgehen lassen solltet.

Irgendwann solltet ihr euch auch eurer nerdigen Seite zuwenden, dem, was die Einheimischen Otaku nennen, Kinder und erwachsene Männer, die von Videospielen, Spielzeug und Comics besessen sind. Ihr Mekka liegt in Akihabara, auch Electric Town genannt, der Heimat des achtstöckigen Techno-Drome-Mandarake-Komplexes und der berühmt berüchtigten Maid-Cafés. Eine weniger touristische, aber ebenso merkwürdige Szene findet sich ein paar Haltestellen weiter am Nakano Broadway, der Heimat von echten Geek-Freaks, Spielzeugsammlern und Fanatikern.

Ihr habt euch nun also vollgefuttert, getrunken und seid in einem Club tanzen gegangen, aber nun braucht ihr eine Bleibe für die Nacht, und, keine Sorge, wie immer gibt es in Tokio eine Fülle von Möglichkeiten. Für ein normales Hotel mit großartiger Lage ist das Shibuya XL preisgünstig, während das Claska Hotel in Meguro mit einer Galerie in der Lobby eine trendigere Option ist. Kapselhotels sind eine beliebte, erschwingliche Option für Tokio-Besucher, in denen jeder Gast in einer kleinen Schlafkabine von etwa einem Meter Breite übernachtet.

Das Central Inn Gotanda ist supergünstig und erlaubt Männern und Frauen in den gemischten Schlafsälen zu übernachten. In einem Manga-Café zu schlafen ist noch billiger, wenn man den letzten Zug verpasst hat und sich kein Taxi nach Hause leisten kann, da es in Tokio keine Nachtbusse gibt und die U-Bahn um 12:30 Uhr schließt.

Dort könnt ihr euch mit Getränken eindecken, euch Manga ausleihen und bis fünf Uhr morgens auf den ersten Zug warten. Und auch Love Hotels, in denen man stundenweise für ein Zimmer bezahlt, sind eine interessante Erfahrung. Nicht ganz so billig, aber oft wahnsinnig kreativ dekoriert, sucht ihr euch einfach ein Zimmer am Automateneingang aus und schleicht euch für ein kurzes Nickerchen hinein.

Wenn ihr in Japan seid, solltet ihr euch auch einige Tempel und Schreine ansehen, aber nicht mehr als drei, denn wenn ihr keine Experte seid, werdet ihr sowieso nicht wirklich in der Lage sein, den Unterschied zu erkennen. Wenn ihr es nicht bis nach Kyoto, der alten Hauptstadt Japans, schafft, solltet ihr euch zumindest den Meiji Jingu in Harajuku ansehen. Er ist ab sechs Uhr morgens geöffnet, und, wenn ihr so früh aufstehen könnt, ist es das wirklich wert, denn mit weniger Leuten dort ist es ein perfekter Ort, um sein inneres Zen zu finden.

In Tokio gibt es allerlei hohe Gebäude, die mal modern, mal eher traditionell gehalten sind und von denen man oft einen freien Blick auf die Skyline bis zur Spitze des Tokyo Metropolitan Government Building in Shinjuku hat. Alternativ könnt ihr für 2300 Yen das Sky Deck auf dem Dach des Hotels Roppongi Hills besuchen, um einen romantischen Blick auf die nächtliche Stadt zu genießen.

Im Ticket inbegriffen ist der Eintritt in das Mori Art Museum im 53. Stock, in dem immer abwechselnd Ausstellungen zeitgenössischer Kunst von hoher Qualität gezeigt werden. Und natürlich zählen auch der Tokyo Tower sowie der Tokyo Skytree zu tollen Orten, an denen ihr einen wunderschönen Ausblick über die Metropole haben könnt.

Für die ganz Gescheiten bietet sich das einzige Parasitenmuseum der Welt in Meguro an, das kostenlos ist, ebenso wie das Ikebukuro-Erdbebenmuseum, wo ihr eine kostenlose 7-Punkte-Erschütterung erleben könnt. Und schließlich könnt ihr euch für den Preis einer Tasse Kaffee mit ein paar coolen Katzen in einem der zahlreichen Cat Cafés abhängen. In Tokio ist schließlich wirklich für jeden etwas dabei.

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Die Fotografie stammt von Marlen Stahlhuth
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Befreiung im Kopf: Wenn es dir schlecht geht, brauchst du einen Neuanfang

Manchmal brauchen wir einen Neuanfang. Sehr oft ist dieser bewusste Akt, verbunden mit symbolischen Änderungen im Leben, nicht nur freiwillig, sondern erwünscht. Wir hören sie ja immer sagen: Wenn du nicht zufrieden bist, dann ändere etwas an der Situation. Und weil sehr oft sehr viele Dinge unwe...
Befreiung im Kopf: Wenn es dir schlecht geht, brauchst du einen Neuanfang

Befreiung im Kopf

Wenn es dir schlecht
geht, brauchst du
einen Neuanfang

Sara Navid

Manchmal brauchen wir einen Neuanfang. Sehr oft ist dieser bewusste Akt, verbunden mit symbolischen Änderungen im Leben, nicht nur freiwillig, sondern erwünscht. Wir hören sie ja immer sagen: Wenn du nicht zufrieden bist, dann ändere etwas an der Situation.

Und weil sehr oft sehr viele Dinge unweigerlich miteinander zusammenhängen, gehen wir eben radikal mit dieser Situationsänderung um. Wieso grundlegend renovieren, wenn wir auch ausziehen können? Der Thrill des Neuen kann uns durchaus erst einmal von der Trägheit und der Last des Alten ablenken.

Vielleicht finden wir in der neuen Wohnung die vielen Ecken der Ruhe und der Leichtigkgeit, die wir in der alten, mit dem Schmutz der Vergangenheit belegten Bude unter dem ganzen Dreck nicht mehr fanden.

So einen Neuanfang wünschen wir uns, wenn wir merken, dass wir die Zeit nicht zur letzten persönlichen Revolution zurück drehen können. Damals, als ich den Job schmiss und mein neues Leben in Mut und Fröhlichkeit begann. Damals, als ich von meiner Reise zurückkam und Berlin für mich neu entdecken konnte, unbelastet und frei von jeglicher Verpflichtung.

Und dann? Nach nicht ganz einem Jahr kam wieder ein Neuanfang auf mich zugedonnert. Nur dass ich ihn mir dieses Mal nicht ausgesucht habe. Ich habe nicht einmal darüber nachgedacht. Ich war glücklich und ich war zufrieden, so lange, bis der Winter kam und mit voller Gewalt mein Traumschloss in Eis hüllte und es in seiner natürlichen Gewalt zerspringen ließ.

Es lief ungefähr so ab: Wenn wir in aller Eile ein Traumschloss errichten, dann vergessen wir hier und da die Feinarbeit. Sobald die wesentlichen Pfeiler stehen, das Dach hält und die Möbel drin stehen, können wir bereits einziehen. Die kleinen Details – wie etwa das Wasser im Keller und die Ratten auf dem Dachboden – um die können wir uns ja im Laufe der Zeit kümmern. Bestimmt machen das auch viele so. Ich hingegen schmiss nur noch große Partys und heizte ziemlich stark auf.

Der Kostenvoranschlag für die Reperaturen zeigte dann jedoch: Asbest, Loch in der Decke, Schimmel in den Wänden, morscher Unterbau, und wetterbedingt gefährdet. Wahrscheinlich ist es günstiger, ein neues, kleines Haus zu kaufen mit dem Wert, den du noch deinen Besitz nennst, als hier überhaupt noch irgendetwas anzufassen. Tritt es ein, mach es kaputt, lass es uns demolieren. Stemple es ab als Teil deiner Vergangenheit und suche dir eine bescheidene Bleibe, die aber wenigstens stabil ist.

Das wollte ich so alles nicht. Meine Sachen sind bereits im Koffer. Zumindest die drei Habseligkeiten, die dieses Renovierungsintermezzo überlebt haben. Ich denke an die schönste Zeit meines Lebens zurück. Zu neunzig Prozent unbeschwert, mit Geld auf dem Konto und einem starken Netz an Zuversicht neben mir.

Die Welt in Schönheit getaucht, weil ich es so wollte. Sonnenschein auf meinem Gesicht, obwohl die Sonne schon längst untergegangen war. Dieser erzwungene Neuanfang bricht über mich herein, obwohl der Nachgeschmack des letzten Males mir noch im Mund hängt.

Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich mich nicht auf die Zukunft freue, sondern mich in den verbitterten Erinnerungen der Vergangenheit suhlen möchte. Ich weiß, dass Selbstmitleid nicht die Antwort ist. Ich weiß, dass ich verantwortlich für meine Fehler bin. Ich weiß, dass ich das alles hätte vermeiden können. Bei meinem nächsten Haus werde ich nicht das günstigste, sondern das qualitativ hochwertigste Angebot nehmen. Das verspreche ich mir selbst.

Die dunklen Zeiten der Suche zurück zur Leichtigkeit sind angebrochen. Zurück in die Zukunft, zu einem Ich, dass sich mit den Tatsachen und den Konsequenzen aller Dinge, die passiert sind, arrangieren kann. Zu einem Ich, dass Kraft aus den Erfahrungen schöpft und den Mut wieder aufgenommen hat. Ich wünschte nur, dass das alles ohne Bewusstsein und ohne kognitive Anwesenheit passieren könnte. Denn bis dahin wird es richtig hart.

Die Illustration stammt von Thierry Fousse und Icons8
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Mädchen in New York: Zuhause mit Shannon Sullivan

Habt ihr euch schon mal gefragt, wie es wohl wäre, wenn ihr einfach eure Sacken packen, den ganzen Scheiß hier hinter euch lassen und in Amerika ein neues Leben beginnen würdet? Shannon Sullivan macht genau das. Sie arbeitet, tanzt, küsst, trinkt und lacht - und das alles in der Metropole der mehr o...
Mädchen in New York: Zuhause mit Shannon Sullivan

Mädchen in New York

Zuhause mit
Shannon Sullivan

Daniela Dietz

Habt ihr euch schon mal gefragt, wie es wohl wäre, wenn ihr einfach eure Sacken packen, den ganzen Scheiß hier hinter euch lassen und in Amerika ein neues Leben beginnen würdet? Shannon Sullivan macht genau das. Sie arbeitet, tanzt, küsst, trinkt und lacht – und das alles in der Metropole der mehr oder weniger unendlichen Träume: New York City.

Kein Wunder also, dass der Fotograf Atisha Paulson Shannon als Muse und Model für seine neue Fotoserie „Aftermath“ ausgesucht hat, die er wiederum für Sticks & Stones schoss. Mitten in Brooklyn, dort also, wo das alternative Leben von New York pulsiert, abseits der funkelnden Wolkenkratzer und wohlhabenden Oberschicht. Hier ist die Ostküste noch echt, pur und aufregend.

Wenn ihr also eh hier nichts mehr zu verlieren habt, dann tut es doch Shannon Sullivan doch einfach gleich, verabschiedet euch von euren übrig gebliebenen Freunden und geht mal wieder ein Risiko ein. New York City wartet auf euch. Trotz Donald Trump. Trotz Gefahren. Trotz Zukunftsängsten. Und, wer weiß, vielleicht trefft ihr ja auf irgendeiner der zahlreichen Partys Atisha und Shannon.

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Die Fotografie stammt von Atisha Paulson
Als Model ist Shannon Sullivan zu sehen
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Deutschlands Nachsehen: Die Oberfläche und die Tiefe

Als ich mich vor ein paar Jahren hier auf AMY&PINK als schizophrenes Modemädchen vorstellte, ja, da hatte ich das Gefühl, nicht so ganz verstanden worden zu sein. Ich gebrauche das Wort Schizophrenie, wie es im Alltag gebraucht wird. In mir wohnen zwei Menschen, die ein gepflegtes Verhältnis zur Amb...
Deutschlands Nachsehen: Die Oberfläche und die Tiefe

Deutschlands Nachsehen

Die Oberfläche
und die Tiefe

Meltem Toprak

Als ich mich vor ein paar Jahren hier auf AMY&PINK als schizophrenes Modemädchen vorstellte, ja, da hatte ich das Gefühl, nicht so ganz verstanden worden zu sein. Ich gebrauche das Wort Schizophrenie, wie es im Alltag gebraucht wird. In mir wohnen zwei Menschen, die ein gepflegtes Verhältnis zur Ambivalenz führen, was sich schon in der deutschen Romantik herauskristallisierte.

Ich finde die Oberfläche genauso faszinierend wie die Tiefe. Die deutsche Gesellschaft hingegen findet das nicht so ganz vereinbar. Nach der Prämisse, dass der Mensch genauso krank ist wie die Gesellschaft, in der er lebt, findet meine Schizophrenie den Ursprung in ihrer Umgebung. Aber warum scheint die Gesellschaft im Gesamtbild schizophren?

In Deutschland ist ganz deutlich zu beobachten, dass die Tiefe die Oberfläche ablehnt. Vice versa. Während ein tiefgründiger Mensch in seiner grauen, willkürlich ausgewählten Kleidung der Geisteswissenschaften die Oberfläche ablehnt, weil er sie als wertlos empfindet, zählt für den stereotypischen Modemenschen nichts als das Äußere, das sich als einzige Definition seiner Selbst darstellt.

Beide belächeln sich gegenseitig, erkennen jedoch aber nicht, dass die Mitte das Leben selbst ist. Wer kann schon bestreiten, dass er das Schöne nicht mag und wer möchte bestreiten, dass es auf das Innere nicht ankommt? Eine Verfeinerung unseres Geistes, um das Leben zu meistern, ist genauso erstrebenswert wie eine leichte Verfeinerung unseres Körpers, um das Leben auf angenehme Art zu meistern.

Bin ich also in der Welt der Mode unterwegs, treffe ich auf ein Prozent der Menschen, die sowohl intellektuell als auch an der Mode interessiert sind. Die restlichen 99 kann man also nur angucken oder belächeln, und leider alles andere als geistreiche Unterhaltungen führen.

Wenn ich in Frankreich oder der Türkei den Umgang mit der Mode betrachte, sehe ich, dass großes Interesse an der Schönheit besteht, man dies aber nicht verleugnet. Ganz im Gegenteil. Man möchte überhaupt nicht darauf verzichten.

Egal aus welchem Bildungsstand, die Mode ist für den Franzosen und den Türken, der sich in der Geschichte gerne an dem edlen Europäer orientierte, so majestätisch wichtig wie die Kunst. Doch hat Frankreich nicht nur guten Stil zu bieten, sondern auch Dichter und Denker. Gerade aus unserem Nachbarland stammt nicht nur eine der stilvollsten Damen der Zeitgeschichte, Coco Chanel, sondern auch der Satz „Ich denke, also bin ich“ des großen Philosophen Descartes.

Die Deutschen hingegen haben ein großes Problem damit, zuzugeben, dass sie schön aussehen wollen und es eben doch nicht nur auf die Funktion ankommt. Allem voran bestätigt der Berliner Großstadt-Look, dass man so aussehen möchte, als hätte man sich keine Mühe gegeben.

Warum? Weil es peinlich ist, sich zurecht zu machen? Ganz richtig. Klaus Wowereit wird kritisiert, weil er die Fashion Week besucht, statt ihn zu loben, dass er offener ist, als manch seiner Kollegen, und durch den Besuch einer Show einfach zeigt, dass gutes Design, welches funktional formästhetisch ist, die Welt schöner macht und natürlich die Wirtschaft ankurbelt.

Der ehemalige Berliner Bürgermeister zählt höchstwahrscheinlich zu den ein Prozent, mit denen man sich über Politik unterhalten kann. Mit dem Rest, der größtenteils aus Modejournalisten, Einkäufern, Stylisten, Makeup-Artisten, Models, Influencern, Seriendarsteller, Gattinnen, Stylebloggern, die hauptsächlich für den schlechten Ruf eines modeinteressierten Menschen verantwortlich sind, besteht, wird dann ganz gezwungen natürlich nur über die Optik in einem neumodischen Sinne diskutiert. Vielleicht noch mal kurz einen Diskurs zur Kunst? Wäre ja auch ganz nett, wenn man irgendwie kunstinteressiert und intellektuell wirkt. Es möchte sicher keiner schön aussehen, aber als blöd abgestempelt werden.

Doch kann sich so ein eigener Stil entwickeln? Ein Modebewusstsein, das ehrlich ist? Eine Modelandschaft, die frei von purer Oberflächlichkeit ist? Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie ich in der ersten Reihe vor meiner Deutschlehrerin im Leistungskurs saß und die mich bemusterte und verabscheute, weil ich eben wie ein typisches Mädchen gekleidet war. Sie wusste ganz genau, dass ich einen türkischen Migrationshintergrund habe. In der Türkei ist man eben gerne schön.

Meiner Deutschnote hat das trotz der Zeit und Mühe, die ich in mein Äußeres steckte, nicht geschadet. Höchstens die Brille, durch die meine verbitterte Öko-Lehrerin mich wahrnehmen wollte, um mich zu verurteilen. Ein Verbrechen? Und so passiert es, dass die Menschen dich auf das Äußere reduzieren. Weil sie glauben, wer sich schön macht, kann nichts.

So geht es vielen Frauen in Deutschland. Aber die Vorurteile bestehen eben dank der Stereotypen, die wirklich nichts anderes können als „gut auszusehen“. Und von ihnen gibt es in Deutschland genug. Man braucht sich dazu nur die Menschen anschauen, die prominent sind.

Viel mehr als die Reduzierung nervt mich aber, dass man in der Welt der Mode dadurch größtenteils auf einseitige Menschen trifft, die sich absolut nur für die Mode und das Äußere interessieren, gleichzeitig in der Welt der Tiefe, somit der Philosophie, große Ablehnung für gute Kleidung findet. Sich in der Mode und der Schönheit verlieren, ist gefährlich, genauso sehr wie sich das Verlieren in der Tiefgründigkeit als tiefe Depression erweisen kann. Die Kunst des Lebens? Die Zahl zwei. Zwei für zwei Seiten.

Das Schöne und das Hässliche, das Lustige und das Ernste. Die Oberflächlichkeit und die Tiefe. Ob Alfons Kaiser oder Klaus Wowereit, die uns als Vorbilder dienen können, sie beherrschen es. Mach dich locker, Deutschland. Es ist nicht peinlich, sich für Mode zu interessieren und sich schön zu machen.

Es ist peinlich, seine Interessen zu bestreiten und nicht aufrecht dazu zu stehen für das, was man ist. So lange muss man sich in einer Welt durchboxen, in der man auf Menschen ohne Sinn für Ästhetik und zugleich Sinn für die Tiefe trifft, bis Deutschland endlich zugibt, dass nicht nur eine geistreiche Seele schön ist, sondern auch ein ansehnlicher Körper.

Die Fotografie stammt von Flaunter
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Mind Game: Gott ist tot

Ein Taugenichts verliebt sich in ein Mädchen mit großen Brüsten und wird bei einem Überfall in den Arsch geschossen. So normal beginnt Mind Game, der, sagen wir mal, bewusstseinserweiternde Anime von Robin Nishi und Masaaki Yuasa. Nach dem unrühmlichen Ableben trifft der junge Mann dann auf einen kö...
Mind Game: Gott ist tot

Mind Game

Gott ist tot

Marcel Winatschek

Ein Taugenichts verliebt sich in ein Mädchen mit großen Brüsten und wird bei einem Überfall in den Arsch geschossen. So normal beginnt Mind Game, der, sagen wir mal, bewusstseinserweiternde Anime von Robin Nishi und Masaaki Yuasa. Nach dem unrühmlichen Ableben trifft der junge Mann dann auf einen körperlich ziemlich instabilen Gott, der ihm mit magischen Riesenbildschirmen und Spiegeln eine zweite Chance ins Leben verpasst.

Die nutzt er, flieht mit einer gescheiterten Schwimmerin und ihrer burschikosen Schwester vor Gangstern, Comic-Figuren und hässlichen Franzosen und erzählt währenddessen die Geschichte einer gestrandeten Weltraum-Crew, die sich von dem Dung eines extrem tollpatschigen Aliens ernähren muss und irgendwann merkt, dass ihre einzige Chance aus dem Dilemma der vaginale Ausgang einer auf der Toilette sitzenden Japanerin ist. Die ganze Bande landet irgendwann im Bauch eines Wals, trifft auf einen schrulligen alten Mann und entdeckt bald ihren eigenen Sinn des Lebens.

Weil ich zu dumm zum Kiffen war und mein bewusstseinserweiternder Kakao auch nicht so richtig zünden wollte, musste ich gestern Nacht die Grenzen meiner Gedankenwelt auf andere Art und Weise versetzen und zog mir Mind Game vom japanischen Studio 4°C hinein, die sich auch für Batman Gotham Knight und Animatrix verantwortlich zeigen.

Schnellwechselnde Szenen, harte Schnitte und eine bescheuerte Story, gepaart mit grellen Farben und unterschiedlichsten Zeichenstilen, brachten meinen Kopf zum Platzen und schafften es mich mit einem Feuerwerk aus Kreativität und Inspiration so zu verwirren, dass ich anschließend in einer embryonalen Stellung auf dem harten Boden lag und mir wünschte, Gott wäre mein neuer bester Freund.

Wer mutig ist und sich nicht immer nur bei Disneys Alice im Wunderland und der Rocky Horror Picture Show die Birne wegballern möchte, der darf sich ruhig einmal an diesem japanischen Animationswerk versuchen und dadurch auf eine bildgewaltige Odyssee von Robin Nishi und Masaaki Yuasa durch eure Fantasie gehen. Für Komplettnüchterne ist der Streifen zwar nicht geeignet, alle anderen werden aber ihre pure Freude an Mind Game haben. Nishi, Gott und dicke Titten forever.

Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot
Die Illustration stammt von Studio 4°C und Rapid Eye Movies
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Intimer Körperschmuck: Ich habe mir die Klitoris piercen lassen

Drei Tage nach meinem 18. Geburtstag ließ ich mir ein Piercing durch den Kitzler stechen. Genau genommen geht es gar nicht direkt durch den Kitzler, sondern durch die Vorhaut, die diesen umschließt. Das wissen allerdings die wenigsten Menschen. Also dass in den meisten Fällen nur die Vorhaut gepierc...
Intimer Körperschmuck: Ich habe mir die Klitoris piercen lassen

Intimer Körperschmuck

Ich habe mir die Klitoris
piercen lassen

Nadine Kroll

Drei Tage nach meinem 18. Geburtstag ließ ich mir ein Piercing durch den Kitzler stechen. Genau genommen geht es gar nicht direkt durch den Kitzler, sondern durch die Vorhaut, die diesen umschließt. Das wissen allerdings die wenigsten Menschen. Also dass in den meisten Fällen nur die Vorhaut gepierct wird. Und eben nicht die Klitoris an sich.

Generell sorgt mein Piercing immer wieder für Verwirrung, wenn mir jemand an die Muschi fasst oder ich mit gespreizten Beinen von einem anderen Menschen liege. Meistens wird der Akt an sich dann erst mal unterbrochen. Und ich muss ein paar Fragen zu meinem Intimschmuck beantworten.

Nachdem mein Partner oder meine Partnerin einen intensiven Blick darauf geworfen hat, um herauszufinden, wo genau das Piercing eigentlich sitzt. Schon da zeigt sich schnell, wie wenige Leute eigentlich Ahnung von der weiblichen Anatomie haben. Das Piercing markiert wirklich genau meinen Kitzler. Also die Stelle, die am empfindsamsten ist. Diese Stelle sollte man also reizen, wenn man mich schnellst möglichst zum Orgasmus bringen will.

Zu den gängigsten Fragen gehört wohl das „Tut das weh?“. Nein, es tut nicht weh. Es fühlt sich sogar ziemlich geil an. Klar, das Stechen war nicht die angenehmste Sache auf der Welt. Aber es hat sich gelohnt. Zwar muss man mit Piercing beim Sex etwas vorsichtiger sein, wildes Rumrubbeln ist also nicht, macht aber glaube ich auch die wenigsten Frauen an. Dafür reicht allerdings bereits ein sehr leichter Druck mit Zunge oder Fingern darauf, um mich richtig geil zu machen.

Im Alltag spürt man das Piercing übrigens nicht. Ich weiß nicht, woher das Gerücht kommt, Menschen mit Intimpiercing seien dauergeil, aber dem ist definitiv nicht so. Ich zumindest war bereits ständig geil, bevor ein Stab in meinem Kitzler steckte. Und nein, ich kann mich auch nicht zum Orgasmus bringen, indem ich einfach die Beine übereinanderschlage.

Schön wäre es schon. Ganz klar. Aber so leicht ist es eben nicht. Das ist so in etwa, wie zu fragen, ob ein Typ kommen kann, alleine dadurch, dass sein harter Schwanz ein wenig am Stoff seiner Jeans reibt. Und das Gegenteil, also Desensibilisierung an der Stelle, wo das Piercing sitzt, ist übrigens auch nicht der Fall.

Ich habe es mir doch nicht hauptsächlich aus sexuellen Gründen stechen lassen. Wobei das zugegebenermaßen zumindest ein kleiner Anreiz war. Sondern aus optischen. Ich finde Intimpiercings generell wahnsinnig sexy. Sowohl an Männern als auch an Frauen. Und ich möchte nicht ausschließen, dass es in Zukunft vielleicht sogar noch mehr werden.

Aber zurück zum eigentlichen Thema. Nämlich dazu, was mein Klitorisvorhautpiercing mich über Sex gelehrt hat. Neben der Sache, dass eigentlich kaum einer meiner Geschlechtspartner so richtig Ahnung von der weiblichen Anatomie und wie man sie am besten bedient zu haben scheint, habe ich nämlich seit ich gepierct bin auch die absurdesten Sachen darüber gehört, was mit einer Vagina passieren kann, wenn man dort „Dinge hin macht, die da eigentlich nicht hin gehören“.

Da ist von irgendwelchen anschließenden Missbildungen an der Vagina die Rede, von absoluter Gefühllosigkeit, weil beim Piercen angeblich wichtige Nerven durchtrennt werden und von eitrigen Geschwüren, die zwangsläufig entstehen, wenn so ein Klitorisvorhautpiercing mit beispielsweise fremdem Speichel oder Sperma in Berührung kommen.

Es soll Leute geben, die, nachdem sie sich ein Piercing in die Vagina rammen lassen haben, „nie wieder schmerzfrei Sex haben konnten.“ Nie wieder! Und denen es während einer natürlichen Geburt einfach rausgerissen ist, weil das zu gebärende Kind von innen dagegen gedrückt hat. Insbesondere im Internet gilt das Piercing als eines der gefährlichsten, von dem man bloß die Finger lassen sollte.

All das ist natürlich Schwachsinn und hat mit der Realität in etwa so viel zu tun, wie die böse Hexe, die Kinder holt, wenn sie nicht brav sind oder der Weihnachtsmann, der liebe Kinder reichlich beschenkt. Eigentlich amüsieren mich solche Geschichten ja immer, weil sie so wunderbar absurd sind, wenn, nun ja, wenn da nicht das Ding wäre, dass diese Storys zeigen, wie wenig Ahnung Menschen im Allgemeinen von ihrem Körper haben. Und zwar nicht nur von der Anatomie an sich, sondern auch von allen anderen Dingen, die der menschliche Körper Tag für Tag so verrichtet, ohne sich großartig anstrengen zu müssen.

Klar ist so ein frischgestochenes Piercing eine Wunde. Das darf man auf keinen Fall vergessen. Und dann sollte man da auch wirklich erst mal ein bis zwei Wochen kein Sperma und keinen Speichel dran lassen, aber insgesamt zählen Piercings, die von Schleimhaut umgeben sind, und dazu zählen neben Piercings im Mundbereich eben auch die, die man sich untenrum so stechen lassen kann, zu den risikoärmsten und denen, die am schnellsten verheilen und am seltensten zu Problemen führen.

Mit am unangenehmsten und gefährlichsten ist übrigens ein Piercing durch den Ohrknorpel, das sich insbesondere bei Frauen auch heute noch größter Beliebtheit erfreut. Und das, obwohl es im Normalfall zu den speichel- und spermafreien Zonen gehört. Je nach Fetisch, versteht sich.

Bei einem normalen Penis-in-Vagina-Fick spürt man es übrigens im seltensten Fall. Maximal dann, wenn man den Typen richtig hart reitet. Sonst wird das Piercing, zumindest bei mir, nicht mal annähernd berührt. Es sei denn, ich helfe mit der Hand ein wenig nach. Die Frauen, deren Kitzler beim Sex ständig ohne zutun von außen mit dem Körper des Partners in Kontakt ist, möchte ich an dieser Stelle gerne beglückwünschen. Eine so positionierte Klitoris hätte ich auch gerne.

Insgesamt stimmen mich diese ganzen Vorurteile ein wenig traurig. Nicht, weil Menschen Piercings, und vor allen Dingen denen im Intimbereich, so kritisch gegenüberstehen, sondern weil sie damit offenbaren, dass sie keinerlei anatomische Kenntnisse haben. Dabei macht Sex doch erst so richtig Spaß, wenn man auch weiß, wo man anfassen muss oder gerne angefasst wird. Und ich glaube, die Menschen, die solche Geschichten herausholen, wenn es ums Thema Piercings geht, wissen gar nicht, was sie mit ihren Körpern alles anstellen können, um sich selbst und anderen Lust zu bereiten.

Eine witzige Anekdote zu dem Intimpiercing hab ich übrigens auch noch. Ich hatte nämlich mal einen Typen im Bett, der das Piercing sah, aufsprang, sein Handy zückte und danach googelte. Ich glaube, Ich muss nicht dazu sagen, dass zwischen ihm und mir danach nichts mehr lief.

Die Fotografie stammt von Sharon McCutcheon
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Beabadoobee: Bedroompop vom Feinsten

Beabadoobee macht Musik, bei der das Zuhören genauso viel Spaß macht wie das Aussprechen ihres Künstlernamens. Die philippinisch-britische Künstlerin ist eine ästhetische wie kreative Wundertüte, die gerne Leute auf harmlose Art und Weise verarscht, ziemlich dumme Witze reißt und Musik macht, die un...
Beabadoobee: Bedroompop vom Feinsten

Beabadoobee

Bedroompop
vom Feinsten

Annika Lorenz

Beabadoobee macht Musik, bei der das Zuhören genauso viel Spaß macht wie das Aussprechen ihres Künstlernamens. Die philippinisch-britische Künstlerin ist eine ästhetische wie kreative Wundertüte, die gerne Leute auf harmlose Art und Weise verarscht, ziemlich dumme Witze reißt und Musik macht, die unter ihrer kunterbunten ersten Schicht genügend Spielraum für Spekulationen lässt.

Im Alter von 17 Jahren wurde Beabadoobee von der Schule geschmissen. Da sie sich komplett verloren fühlte und nicht wirklich wusste, was sie tun wollte, beschloss ihr Vater, ihr eine Gitarre zu kaufen, weil sie sich die ganze Zeit „wirklich langweilte“. Als sie sich selbst beibrachte, wie man spielt, lernte sie zunächst den 90er-Jahre-Klassiker Kiss Me von Sixpence None the Richer und schrieb anschließend ihren ersten Originaltitel Coffee – ein gedämpfter, emotionaler Bedroompopbop, der auf ein Mal viral ging.

Die in Asien geborene und in London aufgewachsene Beabadoobee, die in Wirklichkeit Bea Kristi heißt, ist zum alternativen Star ihrer Generation avanciert, irgendwo zwischen Clairo, Powfu und Mxmtoon. In ihren Songs geht es um das, was ihre Altersgenossen eben so interessiert: Liebe, Schmerz und Depressionen. Wer sich jung fühlt, der findet in Beabadoobee ein offenherziges Vorbild, dem man ruhig seine Emotionen in die Hände legen kann. Und wer sich alt fühlt, den erinnert die Sängerin an die Dinge im Leben, die wirklich wichtig sind.

Beabadoobee: Bedroompop vom Feinsten Beabadoobee: Bedroompop vom Feinsten Beabadoobee: Bedroompop vom Feinsten Beabadoobee: Bedroompop vom Feinsten Beabadoobee: Bedroompop vom Feinsten
Die Fotografie stammt von Jordan Curtis Hughes
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Kita, Koks und Kater Blau: Meine Wohnungssuche in Berlin

Während ich unter der Dusche stehe, mir leblos die Haare wasche, beschwerlich die Zähne putze und überhaupt erst richtig wach werde, klingelt es sirenenartig im Zehn-Sekunden-Takt an der Wohnungstür. Ich hasse diese Momente und reagiere auf eben solche meist mit der Gleichgültigkeit des monoton flie...
Kita, Koks und Kater Blau: Meine Wohnungssuche in Berlin

Kita, Koks und Kater Blau

Meine Wohnungssuche
in Berlin

Katrin Olszewski

Während ich unter der Dusche stehe, mir leblos die Haare wasche, beschwerlich die Zähne putze und überhaupt erst richtig wach werde, klingelt es sirenenartig im Zehn-Sekunden-Takt an der Wohnungstür. Ich hasse diese Momente und reagiere auf eben solche meist mit der Gleichgültigkeit des monoton fließenden Wasserstrahls vor meinen Augen.

Der Postbote soll mit seiner Weihnachtsladung an Paketen doch bitte zu unserem Hartz-IV-Nachbarn gehen, der eh nichts anderes zu tun halt, als sich einen wunderbar original laminierten Arno-Dübel-Gedenktisch zu basteln, philosophiere ich noch, als es heftig zu klopfen und lärmen anfängt. Sondereinsatzkommando? Nein, viel schlimmer noch, es ist mein alter Kollege Tobias.

Das Temperament lässt sich quasi an seinen Lippen ablesen, als ich in der Tür stehe und ihn phlegmatisch hereinwinke. Die Wohnungsbesichtigung war wohl wieder ein Schuss in den Ofen. Tobias sucht seit etwa einem Jahr seine Traumwohnung in Berlin und findet, in seinem Fall, natürlich keine. „Welcome to the Circus“ könnte es auch heißen, wenn man die Absage eines Makler-Hipsters in die Tasche steckt.

Bei der Ausschreibung der Inserate fängt es ja bekanntlich schon an. Wir bieten: Wohnung zur Zwischenmiete, zum Tausch, für mindestens hundert Monatsmieten Provision, Mietzuschlag wegen Neubezug, selbstständige Mängelbeseitigung, mit Schimmel und ohne Klo. Wow, da wohne ich doch lieber gleich auf der Straße.

Die Chance, in Berlin reibungslos eine Wohnung zu finden, ist in etwa so groß, wie Karl Lagerfeld im Hawaiihemd oder Jürgen von der Lippe im Anzug zu begegnen. Kein Wunder auch, bei der momentan rapide steigenden Bevölkerungszahl, die sich proportional zu den Kothäufchen an den Straßenecken verhält. Aber warum ist das so?

Ich selbst bin Berlinerin und quasi ein Urgestein in den einst friedlichen Gefilden meiner Geburtsstätte. Doch im Laufe meiner pubertären Achterbahnfahrten musste ich feststellen, dass auch die Welt sich immer weiter dreht und die Menschheit mit ihr. Es ist die Zeit des Lebens, die uns dazu zwingt neue Orte zu erkunden, uns zu suchen und zu finden. Und sei es auf dem Penny-Parkplatz in Plauen.

Aber Berlin ist Metropole. Berlin ist Mutterstadt. Berlin ist so wunderbar. Kita, Koks und Kater Blau, denken viele und packen ihre Bündel Scheine ein, um sich auf den Weg in die große Stadt zu machen. Reiche Söhne investieren dank Papi in Aktien und kaufen Wohnungen oder ganze Bezirke.

Jaja, es ist traurig und eine alte Leier, ich weiß. Aber mit dem explodierenden Überangebot an Eigentumswohnungen und der rigorosen Anfechtung der letzten drei besetzten Häuser in Berlin, sinkt die Hoffnung auf das einst so starke Gemeinschaftsgefühl und hinterlässt just den hässlichen Status Quo einer egoistischen und kapitalistischen Gesellschaft.

So ist es nun auch mit der Wohnungssuche. Die Werbespots von Zalando machen es vor, die Bewerber in Kreuzberg machen es nach. Allein vor meinem Haus fand neulich eine Besichtigung mit 64 Leuten statt. Ich habe nachgezählt, weil ich es selbst nicht glauben wollte und der Meinung war, es wäre jemand aus dem Fenster gesprungen und ich hätte unverzüglich den Notarzt zu rufen. Doch als der Makler seine 64 hysterischen BWLer an die Hand nahm und ins Haus führte, war mir alles klar.

Nun hängt Tobias ebenfalls im Fadenschein des Netzes fest und hofft, endlich von der schwarzen Witwe erkannt zu werden, die stets ihre flinken Beine in Bewegung hält, um alles an sich zu reißen, was einen guten Geschmack und ein bisschen Provision in petto hat.

Mittlerweile hat er sich mit dem Gedanken abgefunden, das in Berlin kein Luxusloft, sondern eine solide und warme Behausung auch viel wert ist, und man frei nach Arno Dübel mit den Worten „Man soll sich doch so wenig Arbeit machen wie es geht.“ gut leben kann. Ansonsten zieht man einfach nach Plauen.

Die Fotografie stammt von Jonas Denil
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Ein Tag in Kyoto: Japans magischste Stadt

Kyoto ist ein wahrhaft magischer Ort, das spürt man an jeder Ecke, auf jeder Straße, über jeder Brücke. Wer die alte Kaiserstadt betritt, wird mit jedem Schritt in eine andere Zeit versetzt. Moderne Manga-Läden grenzen an alte, kleine Kneipen und Restaurants. Wunderschöne Geishas schweben durch hell...
Ein Tag in Kyoto: Japans magischste Stadt

Ein Tag in Kyoto

Japans magischste
Stadt

Annika Lorenz

Kyoto ist ein wahrhaft magischer Ort, das spürt man an jeder Ecke, auf jeder Straße, über jeder Brücke. Wer die alte Kaiserstadt betritt, wird mit jedem Schritt in eine andere Zeit versetzt. Moderne Manga-Läden grenzen an alte, kleine Kneipen und Restaurants. Wunderschöne Geishas schweben durch hell blinkende Einkaufszentren. Traditionelle Tempel thronen über schicken Wolkenkratzern.

Die Metropole, die von 794 bis 1868 Sitz des kaiserlichen japanischen Hofes war, liegt etwa 400 Kilometer südwestlich von Tokio im zentralen Westen der japanischen Hauptinsel Honshu, etwa zehn Kilometer südwestlich des Biwa-Sees und etwa 40 Kilometer von Osaka entfernt.

Nach der klassischen chinesischen Geomantie ist Kyoto wie ein Schachbrett angelegt. Das Zentrum und der Süden sind das wirtschaftliche Herz der Stadt. Einige der touristischen Sehenswürdigkeiten befinden sich im Zentrum, aber die meisten der berühmten Tempel liegen im Norden.

Im Zentrum der Stadt Kyoto gibt es einen schönen Lebensmittelmarkt namens Nishiki Food Market, der tagtäglich die Esstische der Einwohner deckt und liebevoll Kyoto’s Kitchen genannt wird. In den Läden der überdachten Arkade kann man alles finden, von japanischen Essiggurken, Tee, Süßigkeiten und Tofu bis hin zu Keramik und anderen traditionellen Waren. Wenn euch etwas gefällt, dann geht einfach hin und schaut es euch genauer an oder probiert, die Besitzer der Läden werden euch Tipps und Tricks zur Seite stehen.

Am östlichen Ende des Nishiki-Marktes befindet sich der Nishiki Tenmangu-Schrein, der sich auf die Bedürfnisse von Studenten und Geschäftsleuten spezialisiert hat. Hier könnt ihr eine Münze einwerfen, um den mechanisierten Löwentänzer zu starten, der wiederum euer Glück und wie es generell in eurem Leben weiter geht bestimmen wird. Was wird euch das Schicksal bringen? Der Löwe verrät es euch.

Sogar innerhalb Japans ist es selten, ein Museum oder eine Bibliothek zu finden, die komplett den Manga gewidmet sind. Von kostbaren Nachkriegsstücken über moderne populäre Comics bis hin zu internationalen Publikationen hat das Internationale Manga-Museum in der Innenstadt von Kyoto etwa 300.000 verschiedene Werke gesammelt.

Das Gebäude selbst wurde aus einem alten Grundschulgebäude renoviert. Im Inneren des Hauses können die Besucher die „Manga-Wand“ mit ihrer riesigen Sammlung ausländischer und einheimischer Manga durchstöbern und vollständig in die Geschichte der japanischen Comics, abgeschottet Zeit und Raum, eintauchen.

Die Shijo Street verläuft durch das berühmte Vergnügungsviertel Gion. Hier findet ihr zahlreiche Geisha-Häuser und andere traditionelle Gebäude. Erkundet die Geschäfte, die Macha, eine Art bitterer, grüner Tee, verschiedene Süßigkeiten und Kimono-Accessoires anbieten und sich wiederum allesamt auf die eine Straße konzentrieren, die den Geist von Kyoto wirklich einfängt. Am östlichen Ende der Shijo-Straße befindet sich der Yasaka-Jinja-Schrein, das Gesicht von Gion. Die Arkade führt vom Bahnhof Keihan Shijo zum westlichen Tor des Yasaka Jinja-Schreins.

Das Teramachi-Einkaufszentrum ist voller Abwechslung, von Jugendbekleidungsgeschäften bis hin zu gebrauchten Büchern und Zeichnungen aus der Edo-Zeit, auch bekannt als Ukiyo-e. Viele Geschäfte, die sich auf lokal hergestellte Waren spezialisiert haben, führen Unikate, wie zum Beispiel Samurai-Perücken. Der nördliche Teil der Sanjo-Straße ist gesäumt von Cafés und traditionelleren Läden, die oft selbst hergestellte Waren wie Tee und Papier verkaufen.

Gion Corner ist ein einzigartiges Theater mit einstündigen Aufführungen von sieben professionellen Darstellungskünsten aus Kyoto – der klassischen Komödie des Kyogen, dem Kyomai-Tanz, der Gagaku-Musik des kaiserlichen Hofes, der Koto-Harfe, dem Bunraku-Puppentheater, der Teezeremonie und dem Blumenarrangement.

Die Gion-Ecke befindet sich in der Yasaka-Halle an der Nordseite der Kaburenjo-Halle von Gion, wo Geishas wunderschöne Präsentationen geben. Dort könnt ihr bei Interesse auch eine echte Teezeremonie erleben und euch in entspannter Atmosphäre über die Etikette der Teezeremonie informieren. Da die Erklärungen der Präsentationen auf Englisch gehalten werden, ist die Gion-Ecke bei Touristen aus dem Ausland sehr beliebt.

Wenn ihr den Kifune-Jinja-Schrein besucht, werdet ihr die Gegenwart verschiedener Götter und Geister spüren können. Vergesst hier die Hektik der Stadt in der Stille, mit dem beruhigenden Rauschen des Flusses, der direkt neben euch herum plätschert, und genießt das entspannende Gefühl der kühlen Luft, die vom Fluss her kommt. Der Kifune-Jinja-Schrein wird seit langem von Menschen besucht, die für Glück und Wohlstand, für die Ehe und für die Erfüllung ihrer Wünsche beten.

Der Kifune-Jinja-Schrein wird vom Kaiserhaus verehrt und ist vielen Menschen in Japan vertraut. Er sieht wunderschön aus, im frischen Grün des Frühlings, das jeden Tag dunkler wird, und die Gegend ist im Sommer wegen des Essens am Kawa-Doko-Flussufer beliebt. Der Schrein ist auch wegen seines flammenden Herbstlaubs und des dramatischen Kontrasts seiner roten Laternen, die im Winter mit weißem Schnee bedeckt sind, beliebt. Wenn ihr tief in Kyoto eintauchen wollt, solltet ihr ihm einen Besuch abstatten.

Für einen Abstecher ins Schrullige geht am besten zum Konkai-Komyoji-Tempel, unweit des berühmten Philosopher’s Walk in der Tetsugaku-no-michi-Straße und nur zehn Gehminuten von der Okazaki-michi-Bushaltestelle des Kyoto City Bus entfernt.

Der Tempel selbst hat ein beeindruckendes zweistöckiges Tor, und in der Mie-do-Halle steht eine hölzerne Sitzstatue von Honen, dem Gründer der Jodo-Sekte des Buddhismus. Die schönen Gärten des Tempels mit Sandmalereien stellen das Leben von Honen und anderen dar, die mit der Gründung des Tempels in Verbindung stehen. Im Herbst spiegeln sich die Ahornbäume, die die Tempelteiche umgeben, glänzend im Wasser.

Versteckt innerhalb des Tempelgeländes findet ihr eine ungewöhnliche Statue von Amida Buddha. Das ist vielleicht nicht das, woran ihr denkt, wenn ihr euch eine Buddha-Statue vorstellt, denn diese hat einen Kopf aus gelocktem Haar, der so groß ist, dass er fast wie ein Afro aussieht.

Man sagt, dass diese Amida-Figur so außergewöhnlich viel Zeit damit verbrachte, sich ihrer asketischen Ausbildung zu widmen und für das Schicksal der Menschheit zu beten, dass ihr Haar länger und wilder wurde, bis es sich hoch auf ihrem Kopf auftürmte. Es gibt nur 16 solcher Figuren in ganz Japan. Versucht, diesen ungewöhnliche Figur des Amida Buddha mit seinem wilden Haar zu fotografieren und auf Instagram zu posten.

Fushimi ist ein Teil von Kyoto, aber es fühlt sich irgendwie anders und nostalgisch an. Auf eine gute Art und Weise. Der Fushimi Inari-taisha-Schrein und seine prächtigen eintausend Zinnober-Tore sind auf der ganzen Welt bekannt, aber der Bezirk hat noch eine ganze Reihe weiterer verborgener Schätze zu bieten.

Der im Süden von Kyoto gelegene Schrein spielt seit langem eine wichtige Rolle als Verkehrsknotenpunkt, der Kyoto und Osaka über den Fluss verbindet. Aufgrund seiner reichlich vorhandenen unterirdischen Reserven an klarem, hochwertigem Wasser hat sich Fushimi auch zu einem Zentrum für die Sake-Produktion entwickelt, eine Tradition, die bis heute mit mehr als 20 aktiven Brauereien fortgeführt wird.

Und dann ist da noch der berühmte Kaiserpalast von Kyoto, der die Residenz der kaiserlichen Familie war, bis die Hauptstadt 1869 nach Tokio verlegt wurde. Ihr findet ihn im Gyoen-Park von Kyoto. Innerhalb des kaiserlichen Palastgeländes, das von einer überdachten Lehmmauer umgeben ist, befinden sich der Seiryo-den, die Palasthalle, und der Kyogosho, der Kleine Palast, die stark an diese dynastische Epoche erinnern. Mit Ausnahme von fünf Tagen im Frühjahr und Herbst, an denen der Kaiserpalast für die Öffentlichkeit zugänglich ist, müsst ihr im Voraus eine Genehmigung für den Besuch des Geländes beantragen.

Wenn Tokio euch zu laut, zu überfüllt und generell irgendwie zu verwirrend ist, dann werdet ihr Kyoto lieben. Hier ist alles ein wenig ruhiger und entspannter. Und vielleicht auch etwas natürlicher. Die altehrwürdigen Geister vergangener Epochen scheinen dafür zu sorgen, dass die Stadt nicht aus dem Gleichgewicht gerät. Traditionen findet ihr überall in Kyoto, aber die bunten Straßen sind weder staubig noch antiquiert. Und selbst wenn ihr nur einen Spaziergang am Kamo macht, werdet ihr euch im Handumdrehen in Kyoto und seine interessanten Bewohner verlieben.

Ein Tag in Kyoto: Japans magischste Stadt Ein Tag in Kyoto: Japans magischste Stadt Ein Tag in Kyoto: Japans magischste Stadt Ein Tag in Kyoto: Japans magischste Stadt Ein Tag in Kyoto: Japans magischste Stadt Ein Tag in Kyoto: Japans magischste Stadt Ein Tag in Kyoto: Japans magischste Stadt Ein Tag in Kyoto: Japans magischste Stadt Ein Tag in Kyoto: Japans magischste Stadt Ein Tag in Kyoto: Japans magischste Stadt
Die Fotografie stammt von Marlen Stahlhuth
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Digitale Revolution: Blogger sind die besseren Journalisten

Ich wollte mal „was mit Medien machen“. Frauenzeitschriften, so was in der Art. Bisschen reisen, bisschen schminken, seine eigenen nutzlosen, oberflächlichen Gedanken als tiefschürfende Philosophie verkaufen – klingt doch gut, oder? Ja, tut es. Zumindest wenn man bei sich zuhause zahlungswillige Elt...
Digitale Revolution: Blogger sind die besseren Journalisten

Digitale Revolution

Blogger sind die
besseren Journalisten

Nina Ponath

Ich wollte mal „was mit Medien machen“. Frauenzeitschriften, so was in der Art. Bisschen reisen, bisschen schminken, seine eigenen nutzlosen, oberflächlichen Gedanken als tiefschürfende Philosophie verkaufen – klingt doch gut, oder? Ja, tut es. Zumindest wenn man bei sich zuhause zahlungswillige Eltern sitzen hat, die einem mit Freude das monatliche Gehalt mit Taschengeld ersetzen. Und das nicht nur während der fünf Jahre Studium, sondern auch noch danach, während der zwei bis fünf unbezahlten Praktika bei Print und Digital, Fernseh- und Radiosendern.

Dem Journalismus geht’s schlecht? Wen wundert’s? Am Ende kriegen nur die Vollidioten den Job, deren Eltern im Hintergrund am längsten zahlen. Der Rest, der einigermaßen was in der Birne hat, sitzt schon lange nicht mehr in tristen Großraum-Redaktionen, in denen es ähnlich kreativ zugeht wie in der städtischen Sparkasse, sondern ist in den Blogs zu finden. So bleiben dem klassischen Journalismus nur noch die Leute, die sich kriecherisch-duckend für das Praktikum oder den 450-Euro-Aushilfsjob bedanken. Ist ja auch geil, 20.000 Euro für’s Studium verprasst und gleich so ein krasser Karrierestart, gratuliere euch.

Wobei das Wort „Studium“ vielleicht auch nicht gerade das richtige Wort ist, für den Bildungsweg der 2.0-Journalisten. Wer später mal beim typischen Unterhaltungs-, Mode– und People-Journalismus landen will, studiert längst nicht mehr einfach Medien- und Kommunikationswissenschaften, Journalismus oder Publizistik. Wer schafft denn bitte auch schon den N.C. von 1,0, der dafür verlangt wird? Da müsste man ja voll schlau sein und so.

Ist ja aber auch gar nicht nötig, gibt ja genügend private Akademien, an denen man für so Lifestyle-mäßig-klingende Studiengänge wie „Modejournalismus“, „Communication“ oder „Trend-und Markenmanagement“ gezielt und schon bestens spezialisiert auf das spätere Medium vorbereitet wird.

Schade nur, dass von den gefühlten 100.000 privaten Akademien, die sich wohl mal eben dachten: „Ey, lass mal ‘ne Schule gründen und neue Studiengänge ausdenken, mal schauen wer’s glaubt…“, nur wenige Absolventen gebraucht werden. Und ärgerlich, dass die Abschlüsse nicht immer staatlich anerkannt sind. Der Preis ist dafür ganz real: satte 450 bis 600 Euro muss man im Monat mindestens hinblättern – so viel, wie man an staatlichen Universitäten gerade mal im Semester bezahlt.

Das ist aber egal, denn Mama und Papa machen das schon – und wenn’s hilft… Tut es aber nicht, zumindest nicht der Karriere. Man könnte ja eigentlich denken, dass Magazine, Fernsehen und Co. sich dankbar dafür zeigen, dass ihre zukünftigen Mitarbeiter für ihre Ausbildung so viel auszugeben wie andere für einen Kleinwagen

Ist ja eigentlich ganz nett, wenn man bedenkt, dass andere Arbeitgeber so schön blöd sind, ihre Azubis sogar zu bezahlen. Aber nein: Das Studium an einer Privatakademie ist noch lange nicht das Ende der Ausbildung.

Warum sollte man auch den 28-jährigen Studienabsolventen, deren Eltern es ganz offensichtlich geschafft haben, die letzten 10 Jahre den Lebensunterhalt der lieben Kinder zu stemmen, so etwas Essenzielles wie ein Volontariat oder gleich eine Anstellung als Redakteur anbieten? Wäre jetzt ja viel zu plötzlich, so karrieremäßig durchzustarten. Da geht noch mehr.

Mehr Praktikum, darauf haben sich alle großen Medienkonzerne geeinigt: Ohne genügend Erfahrung darf man hier kein Praktikum machen. Und nein, „Erfahrung“ heißt nicht, dass man voller Herzblut für die Studentenzeitung geschrieben hat. „Erfahrung“ heißt, dass man Praktika bei mindestens einer Tageszeitung und bei einem Onlinemedium gemacht haben muss.

Je mehr desto besser, kostet dem Verlag dann ja auch viel weniger, seine Praktikanten einzuarbeiten. Davon gibt es nämlich regelmäßig neue, denn das Perverse ist, dass ein Praktikum schon lange nicht mehr den Einstieg ins richtige Berufsleben bedeutet. Ein Praktikum öffnet allemal die Tür zum nächsten Praktikum.

Irgendwie spricht es nicht gerade für Journalisten, Leute, die uns Wissen und Erfahrungen vermitteln wollen, dass sie dankbar nickend zustimmen, wenn sie nach beendeten Studium und bereits zwei absolvierten Praktika ihre neue, alte bekannte Position antreten: Praktikant, was sonst. Es spricht auch nicht für Journalisten, die per se selbstbewusst ihre eigene Meinung vertreten sollen, dass sie sich freiwillig dermaßen von ihren Eltern oder anderen Geldgebern abhängig machen.

Überhaupt sollten sich Medienhäuser fragen, wen sie am Ende anziehen. Mag nämlich sein, dass Journalisten, die mit viel Herzblut dabei sind, eine lange Ausdauer beweisen – aber selbst für solche Menschen spricht es nicht, sich bereitwillig unter Wert zu verkaufen.

Ich will damit nicht sagen, dass alle Leute, die heutzutage noch in den klassischen Medien arbeiten wollen, zwangsweise dumm sind. Trotzdem haftet Menschen, die ihre eigene Bildung und Arbeit nicht wertschätzen, aus Angst, das unterbezahlte Praktikum an einen der anderen zwanzig Anwärter zu verlieren, etwas von einem Schaf an. Die Herde – der Großteil der willigen “Journalisten“ und „Redakteure“ 2.0 würde es mit sich machen lassen. Also lässt man es selbst auch mit sich machen.

Besonders freundliche Medienhäuser ködern die willigen Schafe mit der Aussicht auf ein Volontariat. Bescheid kriegt man – wie sollte es auch anders sein – natürlich erst nach dem mindestens dreimonatigen absolvierten Praktikum. Ah ja. Dass man Praktikanten bevorzugt, die bereit sind, sich ganze sechs Monate für das Gehalt eines Minijobbers krumm zu machen, um am Ende davon nicht mal das eigene Essen zahlen zu können, versteht sich von selbst, oder?

Manche Verlage sind sogar noch schlauer: Ganz nach dem Vorbild der Medienakademien gründen sie hausinterne Journalistenschulen. Praktikanten, die mit 28 Jahren immer noch nicht ihren eigenen Lebensunterhalt bestreiten können, müssen ja nicht den ganz großen Sprung ins Volontariat machen. Die geben sich bestimmt auch mit einem Platz an der hausinternen Journalistenschule zufrieden. Da darf man dann zwei Jahre lang als Schüler ganz legal ausgebeutet werden. Knapp 1.000 Euro monatliches Gehalt für die 40-Stunden-Woche, ist das nicht toll?

Die Absolventen bringen die richtige Einstellung dann auch gleich gratis mit: Für die eigene Meinung einstehen? Viel zu anstrengend. Neues ausprobieren? Warum denn, wenn man doch Altes so schön neu aufbereiten kann? Jetzt mit der lang ersehnten Anstellung als Junior-Redakteur und dem ersten Gehaltscheck muss man ja auch irgendwie flüssig bleiben.

Und so gibt es wohl nicht einen Mac, in keiner einzigen Redaktion, bei dem die Blogs Ohhhmhhh, Lilies Diary oder Journelles nicht in der Favoriten-Liste eingespeichert sind. Ist doch super, wie die Blogger-Mädels dort Dinge testen, die man dann, ein bis zwei Wochen verspätet, schön zitieren kann, das Ganze gespickt mit fremden Gedanken, die den Redakteuren, leidenschaftslos und mittelintelligent, so nie in den Sinn kommen würden.

Lieber Journalismus, du sparst dadurch natürlich gewaltig. Statt deine Angestellten tariflich zu bezahlen, setzt du halt einfach ein paar Praktikanten und Daddy’s Girls hin, die machen das schon. Dabei übersiehst du regelmäßig euren treusten Mitarbeiter: Das Echo, das in jedem eurer Artikel mitschwingt und schon vom nächsten Ruf der Blogger übertönt wird. Gratuliere, lieber Journalismus, so schaufelst du dir wirklich selbst ein Grab.

Die Illustration stammt von Lime und Icons8
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Misosuppe: Das japanische Nationalgericht

Klar, wenn du an japanisches Essen denkst, dann schießen dir zuerst Gerichte wie Sushi, Tempura und vielleicht noch Teriyaki in den Kopf. Aber die fernöstliche Küche hält noch eine ganz andere Leibspeise bereit, die hier gerne einmal als schnöde Vorspeise abgeschrieben wird. Dabei gehört sie doch zu...
Misosuppe: Das japanische Nationalgericht

Misosuppe

Das japanische Nationalgericht

Marcel Winatschek

Klar, wenn du an japanisches Essen denkst, dann schießen dir zuerst Gerichte wie Sushi, Tempura und vielleicht noch Teriyaki in den Kopf. Aber die fernöstliche Küche hält noch eine ganz andere Leibspeise bereit, die hier gerne einmal als schnöde Vorspeise abgeschrieben wird. Dabei gehört sie doch zu den japanischen Nationalgerichten: Die Misosuppe!

In Japan ist die Misosuppe heute vor allem zum traditionellen Frühstück üblich, wo sie zusammen mit Reis aufgetischt wird. Die Hauptgeschmacksgeber sind Dashi, also Fischsud, und Miso, eine aus Sojabohnen gewonnene Paste. An Neujahr wird die Misosuppe oft durch Zugabe von Mochi, also Reiskuchen verfeinert, die in der Suppe mitgekocht und dadurch weich werden.

Misosuppe wird in Japan nur sehr selten mit einem Löffel, sondern meistens mit Stäbchen gegessen. Dabei werden die festen Bestandteile mit den Stäbchen gegessen und die Suppe aus der Schüssel getrunken. Dieses süße Video zeigt dir, wie du ganz einfach deine eigene Misosuppe zaubern kannst. Zum Beispiel mit Popcorn, Tomaten und Speck. Oishii desu ne!

Misosuppe: Das japanische Nationalgericht
Die Fotografie stammt von Marukome
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Polyamorie: Je mehr Menschen du fickst, desto ehrlicher bist du zu dir selbst

Kürzlich lag ich mit einem Mann, den ich sehr mag, im Bett, und sprach mit ihm über Beziehungen, während wir uns einen Joint teilten. Ganz allgemein. Ich bin seit knapp zwei Jahren Single, er etwa ein halbes, und seit ungefähr vier Monaten schläft er nun mit mir. Er ist nicht der einzige Kerl, der m...
Polyamorie: Je mehr Menschen du fickst, desto ehrlicher bist du zu dir selbst

Polyamorie

Je mehr Menschen du
fickst, desto ehrlicher
bist du zu dir selbst

Nadine Kroll

Kürzlich lag ich mit einem Mann, den ich sehr mag, im Bett, und sprach mit ihm über Beziehungen, während wir uns einen Joint teilten. Ganz allgemein. Ich bin seit knapp zwei Jahren Single, er etwa ein halbes, und seit ungefähr vier Monaten schläft er nun mit mir. Er ist nicht der einzige Kerl, der mich fickt, doch ich bin zur Zeit sein einziges Mädchen.

Wir liegen also in seinem Bett und sprechen über Beziehungen. Monogam müssen sie sein, so sagt er, und weil er wisse, dass ich das nicht könne, würde zwischen uns auch nie mehr laufen als der Sex. Monogamie, das sei ein Konzept, von dem man ja heute, wo alle nur in offenen Beziehungen leben, gar nicht mehr sagen dürfe, dass man es gut findet und lebt.

Monogamie, das klingt so schön romantisch – doch können wir diese Art von Romantik denn heute überhaupt noch verwirklichen? Ich muss an einen Post denken, den ich auf Facebook sah. Er kam von einer Frau, die ich fast nur aus Erzählungen kenne, mit der ich aber doch verbunden bin.

Der Wortlaut war etwa der gleiche, es zeigten vierundzwanzig Daumen hoch. Ich brauche dreizehn Sekunden, um eine Antwort zu verfassen, doch abschicken kann ich sie nicht. Ich ficke nämlich ihren Freund. Drei Straßen weiter sitzt mein bester Kumpel und ist in derselben Situation. Er fickt nämlich besagte Frau.

Ich nehme die Hand des Mannes, der neben mir liegt, und frage: „Bist du noch nie fremdgegangen?“ Er sagt: „Ich war noch nie treu“, und da wird mir plötzlich klar, dass ich nicht das einzige Mädchen bin, das er fickt. Mein Vater hat meine Mutter betrogen, da war ich elf. Sechs Jahre später bin ich zum ersten Mal einem meiner Freunde fremd gegangen – wenn man die zahlreichen Nächte, in denen ich meine Finger in andere Mädchen gesteckt habe, außer Acht lässt.

Sieben Wochen nach meinem Seitensprung erfuhr ich, dass er nach dem schriftlichen Mathe-Abi eine andere geschwängert hatte. Ich machte Schluss, köpfte eine Flasche Sekt und freute mich, dass wenigstens ich schlau genug war, Kondome zu benutzen. Auf ihn sauer war ich nie. Wohl aber auf mich, weil ich nicht ehrlich zu ihm war.

Über Monogamie gesprochen habe ich das erste Mal mit 21. Mittlerweile wusste ich, dass ich ‘heteroflexibel’ war, auch wenn ich das Wort dafür nicht kannte. Ich knutschte wie so oft mit einem Mädchen, eine Hand an ihrer Brust. Mein Freund saß an der Bar und trank ein Bier, und als ich mich von der fremden Frau löste, um einen Schluck von ihm zu nehmen, stellte er stumm sein Glas vor mich und ging.

Erst Tage später gestand er mir, dass er eifersüchtig war, und wir verstrickten uns in eine Diskussion. „Ein Mann kann mir nicht das geben, was eine Frau mir geben kann und andersrum“, sagte ich, doch ich liebte diesen Mann und willigte ein, ab sofort nur noch mit ihm zu schlafen. Fünf Monate später machte ich Schluss und schlief noch in derselben Nacht mit einer Frau.

Monogam, das bedeutet nicht nur exklusiv, sondern auch lebenslang. Doch gibt es das denn überhaupt noch? Im Laufe unseres Lebens wechseln wir die Jobs, die Autos und die Freunde. Wir wachsen einfach aus ihnen heraus, denn in einer Welt, in der uns alle Türen offen stehen, ist es schwer, sich gemeinsam zu entfalten.

Immer schneller stoßen wir an Grenzen, beruflich wie privat. Diese Grenzen sind immer die anderen – doch was, wenn wir es selbst sind? Wir bauen uns selbst Schranken auf und sind zu feige, sie zu öffnen. Manchmal reicht ja schon ein klitzekleines Stück. Stattdessen aber warten wir, bis die Mauern uns einengen und bringen sie dann mit Gewalt zu Fall.

Ich sage nicht, dass wir jetzt alle polygam werden und andere Beziehungskonzepte über den Haufen werfen sollen – aber wenn wir weder lebenslang noch exklusiv sein können, dann sollten wir darüber sprechen. Ein ehrliches Gespräch kann so manches gebrochene Herz verhindern. Manchmal sogar mehrere auf einmal.

Man muss Beziehungen nicht definieren. Wenn da Liebe ist, dann ist sie da. Man gehört einfach zusammen. Man gehört zusammen, doch man gehört dem jeweils anderen. Ein „Wir“, das sind immer noch zwei Individuen mit eigenen Träumen, eigenen Wünschen und Zielen. Ein „Wir“, das muss sich entwickeln, langsam zusammen wachsen. Ein „Wir“, das lässt sich nicht erzwingen.

Ich denke, dass jede Beziehung, jeder Fick und jeder Kuss für sich genommen einfach einzigartig ist. Was ich mit einem Partner, ob flüchtig oder ausgiebig, erlebe, ist immer anders als das, was mir ein anderer zu bieten hat. Sei es nun ein größerer Schwanz, eine schickere Wohnung oder einfach nur Geborgenheit und Liebe.

Dennoch glaube ich nicht, dass man Polyamorie lernen kann, auch wenn uns das Bücher wie “Treue ist auch keine Lösung: Ein Plädoyer für mehr Freiheit in der Liebe” oder “Drei ist keiner zu viel – Das ultimative Einsteigerbuch in eine offene Beziehung” glauben machen wollen.

Polygamie bedeutet für mich nicht sich ausschließlich sexuelle Wünsche, die man bei einem Partner nicht bekommt, bei einem anderen zu erfüllen. Polyamorie ist kein „Rumhuren, ohne den Partner zu verletzen“ und schon gar keine Ausrede für Menschen, die einfach nicht treu sein wollen.

Ich kenne keine Beziehung, die wirklich monogam ist, doch in den wenigstens davon wissen beide Partner über die sexuellen Aktivitäten des jeweils anderen Bescheid. Fast immer ist’s ein Egotrip. Der eine besucht Chatrooms, um seinen Schwanz dort von fremden Frauen bewundern zu lassen. Die Browserhistory löscht er natürlich sofort.

Was, wenn seine Freundin im Netz ihre Titten zeigt? Na, dann ist sofort Schluss, ganz klar. Ein anderer greift Sexdates auf Tinder ab. Über’s Firmenhandy, versteht sich, die App natürlich auf dem Homescreen. Dass er auf Golden Showers steht, ist ihm vor seiner Freundin viel zu peinlich. Die Letzte mietet ein Hotel über eine zweite Kreditkarte, um sich von sechs Männern gleichzeitig bumsen zu lassen, weil der Freund einfach nicht auf Gruppensex steht. Was keiner weiß, das ist auch nie passiert.

Was ich daraus lerne? Polygamie ist nicht besser als Monogamie – nur in vielen Fällen, die ich kenne und selbst erlebt habe, einfach ehrlicher. Viel ehrlicher. Mit dem Mann, der für vier Monate wie mein Zuhause war, habe ich am nächsten Morgen Schluss gemacht. Ich mag es nicht, belogen zu werden, doch noch weniger mag ich Menschen, die sich selbst belügen – und vielleicht glaube ich genau deswegen nicht an Monogamie, sehr wohl aber an die Liebe. Wenn auch nicht an die große.

Die Fotografie stammt von Dainis Graveris
Der Text erschien in der Kategorie Sex mit den Themen
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Celeste: Der Berg ruft

Ich finde ja, dass Pixel immer noch die schönste Art sind, um Videospiele zu machen. Natürlich könnte das daran liegen, dass ich mit dem Super Nintendo aufgewachsen bin, aber selbst heute, nachdem ich 3D-Epen wie The Witcher, Skyrim oder Final Fantasy durchgespielt und genossen habe, macht mein Herz...
Celeste: Der Berg ruft

Celeste

Der Berg
ruft

Marcel Winatschek

Ich finde ja, dass Pixel immer noch die schönste Art sind, um Videospiele zu machen. Natürlich könnte das daran liegen, dass ich mit dem Super Nintendo aufgewachsen bin, aber selbst heute, nachdem ich 3D-Epen wie The Witcher, Skyrim oder Final Fantasy durchgespielt und genossen habe, macht mein Herz doch noch immer einen höheren Sprung, wenn ich ein hübsches, liebevoll gestaltetes Pixelabenteuer entdecke.

Celeste ist genau solch eine Perle. Die Geschichte um die mutige Madeline, die sich auf eine waghalsige Wanderung auf einen von Fallen, Feinden und Fürchterlichkeiten gespickten Berg begibt und dort auf süße Omis, dubiose Hotelbesitzer und seltsame Adrenalinjunkies trifft, ist sowohl auf Konsolen als auch auf dem PC zu erleben und wahrlich ein Fest für alle eingefleischten Pixelart-Fans wie mich.

Spielerisch erwartet euch bei Celeste eine Mischung aus Super Meat Boy und alten Super-NintendoJump’n’Runs, die voller Geheimnisse und überraschungen steckt. Die Level sind abwechslungsreich, die Charaktere sind sympathisch und der Anspruch steigt mit jeder geschafften Hürde. Celeste ist nichts für ungeduldige oder ungeschickte Spieler – aber alle anderen werden ihren Spaß mit dem polierten Indie-Schatz haben.

Celeste: Der Berg ruft Celeste: Der Berg ruft Celeste: Der Berg ruft Celeste: Der Berg ruft Celeste: Der Berg ruft Celeste: Der Berg ruft Celeste: Der Berg ruft Celeste: Der Berg ruft Celeste: Der Berg ruft Celeste: Der Berg ruft Celeste: Der Berg ruft Celeste: Der Berg ruft Celeste: Der Berg ruft Celeste: Der Berg ruft Celeste: Der Berg ruft Celeste: Der Berg ruft
Die Illustration stammt von Matt Thorson
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Traumland Türkei: Auf den Spuren meiner Großeltern

Knapp sieben Wochen meiner Semesterferien verbringe ich auch dieses Jahr wieder in der Türkei. Doch nur die Wenigsten können sich vorstellen, wie ich diese lange Zeit dort gestalte und aus welchem Grund es mich jedes Jahr aufs Neue in dieses Land lockt. Mit der Annahme, dass es in die Heimat geht, l...
Traumland Türkei: Auf den Spuren meiner Großeltern

Traumland Türkei

Auf den Spuren
meiner Großeltern

Meltem Toprak

Knapp sieben Wochen meiner Semesterferien verbringe ich auch dieses Jahr wieder in der Türkei. Doch nur die Wenigsten können sich vorstellen, wie ich diese lange Zeit dort gestalte und aus welchem Grund es mich jedes Jahr aufs Neue in dieses Land lockt. Mit der Annahme, dass es in die Heimat geht, liegen alle falsch, denn geboren und aufgewachsen bin ich in Darmstadt. Doch wenn es nicht einmal die Heimat meiner Eltern ist, wie mein Vater oft nach über 50 Jahren in Deutschland sagt, dann ist es jedenfalls die meiner Großeltern.

In den Siebziger Jahren nämlich war unter zahlreichen Gastarbeitern aus Italien, Griechenland und der Türkei auch mein Großvater, der mit seiner Frau und seinen Kindern in das deutsche Land emigrierte, um sich eine Existenz aufzubauen. In den Sommerferien reise ich also als Enkelin eines Gastarbeiters mit der Familie für sechs Wochen in die Türkei, um Urlaub am Meer zu machen, Freunde zu besuchen und den Onkel in der großartigen Stadt Istanbul zu sehen. Vor allem aber um mir meinen Wurzeln bewusst zu werden.

Oft wundere ich mich darüber, noch mehr aber es sind viele meiner deutschen Freunde, für die es unbegreiflich ist, dass ich immer noch meinen ganzen Sommer mit meinen Eltern und beiden älteren Geschwistern verbringe. Sind wir doch alle gemeinsam in einer Gesellschaft aufgewachsen, die stark individualisiert ist. Aber als Kind anatolischer Eltern, habe ich natürlich ein bestimmtes Verständnis von Zusammenhalt und Umgang in einer Familie vermittelt bekommen, und selbst für mich entschieden, es anzunehmen.

Natürlich aber hat jeder das Recht, seine Prioritäten selbst zu setzen. Doch denke ich, dass gerade in meinem Fall, die Auseinandersetzung mit der Familie und dem Ursprung eine wichtige Bedeutung bei der Identifikationssuche hat. Diejenigen, die zwischen zwei Kulturen aufwachsen, können sicher nachempfinden, weshalb man also die Heimat der Eltern auch als einen Annäherungsversuch des eigenen Ichs schätzt und diese nur stärker kennenlernen möchte, um sich selbst zu verstehen und sich der eigenen Person bewusst zu werden.

Einen anderen Grund meines Aufenthalts möchte ich nicht verschweigen. Denn der Brad Pitt des Osten, der in allen muslimischen Ländern verehrt und vergöttert wird, ist eben ein Türke mit goldblondem Haar und blauen Augen, der von allen Frauen überall gejagt wird. So sehe ich dieses Jahr diese zwei Monate meiner Semesterferien als reales Zeitpensum, in dem ich den begehrtesten Mann der Türkei treffen kann.

Nein, der eigentliche Grund ist natürlich ein ganz anderer. Denn auch wenn ich jedes Jahr hier her kommen sollte, ist es niemals eine Wiederholung, wie viele vielleicht annehmen. Ich sehe und erlebe niemals dasselbe. Weil es immer neue Menschen kennen zu lernen gibt, alle mit ihren eigenen Geschichten. Von der Metropole Istanbul bis zu einem winzigen Dorf in Anatolien.

Bis ich aber erst einmal Kıvanç Tatlıtuğ in Istanbul aufspüren kann, halte ich mich im Urlaubsort Didim auf und reise dann weiter in den Osten der Türkei, dann wieder zurück an das „größte Freilichtmuseum der Welt“ und in neun Stunden nach Istanbul mit dem Auto und dann ab nach Deutschland durch Europa. Es herrschen noch immer viele Vorurteile, die zwar menschlich sind, aber noch lange kein Hindernis sein sollten, die Türkei zu besuchen. Denn keine Nation ist es nicht wert, ungesehen zu bleiben.

Ich fliege also in das Land, als Tourist und Reisender zugleich mit deutschem Akzent, Zeitverständnis und Diskretion, indem Mustafa Kemal Atatürk das laizistische Modell eingeführt hat, das längst keines mehr ist, indem ein junges Mädchen als potentielle Schwiegertochter Tee kochen können muss, obwohl Kaffee das meist getrunkene Getränk ist.

Ich reise in das Land, in dem nach den USA am meisten Coca Cola getrunken und Fernsehen, es gibt 60 Serien, wovon die meisten zu Ramadan beginnen, geschaut wird. Es ist das Land, in dem der Verkäufer dich Tante, Schwester, Bruder, Onkel nennt. Es ist das Land, in dem der Döner leider etwas anders schmeckt, weil Türken keine Soßen, aber dafür Brot, das aussieht wie eine Serviette, mögen.

Es ist die Heimat der Monobraue by Nature, aber, was viele nicht wissen, das Land, in dem die häufigste Augenfarbe Grün ist – und nicht braun. Aber niemals reichen diese Fakten aus, um das Land in solch großen Tönen zu rühmen. Denn selbst meine Lehrerin sagte einmal, als es um die Wahl des Studienfahrtsortes ging, wenn es in der Türkei keine Kultur zu sehen gibt, ja wo dann.

Unzählige Tempel, Moscheen, Kirchen, Saraybauten und Konaks, die mit ihrer Architektur aus der Antike bis aus dem Osmanischen Reich jeden Besucher in Staunen versetzen gibt es in der Türkei. Beim Anblick der zweitgrößten Bibliothek der Antike in Pergamon und dem Mausoleum von Halikarnassos in Bodrum, eines der sieben Weltwunder, ist es nicht nur mein nerdiges Archäologenherz, das höher schlägt.

Moderne und Tradition treffen in diesem so wahnsinnig interessanten Land aufeinander. Miniröcke passieren an Burkas in der Heimat Homers vorbei, Farben, Menschen, Geschichten. Und auch das ist noch immer nicht alles. Begleitet mich in den nächsten Wochen auf meiner Reise durch die Türkei und lernt dabei eines der größten Schätze unserer Welt kennen.

Die Fotografie stammt von Wei Pan
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Sie kommt von Herzen: Hassliebe ist das ehrlichste Gefühl

Wenn man von Liebe spricht, schwingt der Hass immer ein bisschen mit. Es ist ja so: Ohne Hass könnte die Liebe gar nicht existieren. Ich meine, woher sollst du denn wissen, was Liebe ist, wenn du noch nie richtig gehasst hast? Und woher weißt du, wie sich Hass anfühlt, wenn du noch nie richtig gelie...
Sie kommt von Herzen: Hassliebe ist das ehrlichste Gefühl

Sie kommt von Herzen

Hassliebe ist das
ehrlichste Gefühl

Jana Seelig

Wenn man von Liebe spricht, schwingt der Hass immer ein bisschen mit. Es ist ja so: Ohne Hass könnte die Liebe gar nicht existieren. Ich meine, woher sollst du denn wissen, was Liebe ist, wenn du noch nie richtig gehasst hast? Und woher weißt du, wie sich Hass anfühlt, wenn du noch nie richtig geliebt hast?

Ehrlich jetzt, Liebe und Hass, die gehen Hand in Hand und Curse hat in den Zweitausendern sogar mal einen Song dazu gemacht, “Kann man sich gleichzeitig lieben und hassen?” fragte er da. Ich kann ihm heute sagen, dass das geht. Vielleicht ist das diese Hassliebe, von der man immer hört. Die immer herhalten muss, wenn man es nicht mehr erklären kann.

Es ist irgendwie krass, wenn Liebe und Hass sich so nah sind: Das ist einfach das stärkste Gefühl, also für mich zumindest. Dieser Moment, wenn Hass das Gefühl von Liebe nicht ersetzt oder mindert, sondern sogar noch verstärkt. Wenn du nicht liebst und hasst, dann spürst du Gleichgültigkeit und das ist wirklich das schlimmste Gefühl. Weil es nicht einmal so ein richtiges Gefühl ist irgendwie, also für mich zumindest.

Ich hab schon viel geliebt, naja, nicht so richtig, nicht so wie man Menschen liebt oder lieben sollte. Eher so, wie man Pommes liebt. Oder Schokolade. Aber ich habe schon geliebt, denke ich. Das Ding ist nur: irgendwann war ich immer satt. Also nicht jetzt von den Pommes und der Schokolade. Satt von der Liebe. Sie war mir irgendwann egal, also, sie ist irgendwann irgendwie unspektakulär geworden, wie das halt so ist, wenn du jeden Tag nur Pommes isst oder Schokolade.

Das ist schon alles geil, aber irgendwann hast du halt auch einfach genug und dann willst du eben andere Sachen. Ich meine damit jetzt noch nicht mal unbedingt ein Steak vom Kobe-Rind, sondern eher die kulinarischen Kleinigkeiten: Dass die Pommes mal zu salzig sind und die Schokolade mal zu bitter. Oder andersherum. Mit dieser Hassliebe ist es hingegen so, dass sie mich voll vereinnahmt. Ich esse und esse und ich werde einfach nicht satt. Und das, obwohl mir schon ganz schlecht davon ist. Obwohl es mir eigentlich auch schon gar nicht mehr schmeckt.

Mit Liebe und Hass ist es ja so: Sie müssen sich nicht immer auf Menschen beziehen. Über die Jahre, die wir nun schon zusammen sind, haben Berlin und ich zum Beispiel so ein Ritual entwickelt: Immer, wenn ich die Stadt verlassen muss, weil sie es mir mal wieder schwer gemacht hat, einfach nur glücklich mit ihr sein zu können, schenkt sie mir so einen Moment, der mir zeigt, dass es falsch wäre, ihr für immer den Rücken zu kehren.

Das klingt jetzt etwas umständlich. Einfach gesagt: Ich glaube, die Stadt will trotz aller Niederlagen und Rückschritte, dass ich wiederkomme. Wieder nach Hause. Ich glaube, das ist diese Hassliebe, von der man immer hört. Man will sie auf keinen Fall loslassen, weil man glaubt, der Hass garantiere einem die Liebe. Zwei zum Preis von einem. Purer Zeitgeist. Und trotzdem würde man lieber nur einen ganzen Sack von dem einen kaufen. In dem Fall natürlich einen Sack voll Liebe.

Wo die Liebe hinfällt, kann man ja nie sagen. Sie passiert einfach so für sich, ohne dass man es will und steuern kann. Hass hingegen, der ist schon sehr konkret. Zumindest erlebe ich das so. Fest. Hart. Konkret. So empfinde ich Hass. Okay, das ist vielleicht ein sehr starkes Wort, also Hass an sich, genau wie Liebe auch, aber Hass macht es mir nicht schwer, Worte für ihn zu finden.

Ich hasse ja relativ viel. Nazis zum Beispiel. Oder Haie. Wirklich, ich hasse Haie. Und ich weiß nicht einmal genau wieso. Und trotzdem üben sie auf mich eine solche Faszination aus, dass ich geradezu besessen von ihnen bin. Wenn irgendwo ein Haifilm läuft, muss ich ihn sehen. Wenn irgendwo ein Buch über Haie erscheint, muss ich es lesen.

Jedes Poster, jedes Shirt, auf dem ein Hai zu sehen ist: Ich muss es haben. Verdammt, ich habe sogar einen scheiß Hai tätowiert. weil ich diese Tiere hasse – und ich liebe das Tattoo. Genau wie ich Haie auch irgendwie liebe. So versucht man vielleicht immer instinktiv die Liebe gegen den Hass gewinnen zu lassen.

Vielleicht erfährt man Hassliebe sehr oft. Man weiß es nur eben nicht, bis man mal länger drüber nachdenkt. Bis es einen Anlass dazu gibt. Diesen Moment, wenn Hass das Gefühl von Liebe nicht mindert, sondern sogar noch verstärkt, habe ich erst einmal bei einem Menschen erlebt, und das war irgendwie krass, also dass Liebe und Hass sich so nah waren.

Ich habe den Typen, den ich so hassliebe, vom ersten Moment an gehasst. Da bin ich mir heute zumindest ganz sicher. Seine Arroganz. Die Art, wie er spricht und sich bewegt. Ja, sogar seinen verdammten Bart, der nicht so richtig zu seinem vor Überheblichkeit nur so strotzendem Grinsen passt – doch irgendwie war da etwas an ihm, das mich sofort in seinen Bann zog.

Vielleicht die Arroganz. Oder die Art, wie er sprach und sich bewegte. Ja, vielleicht sogar sein verdammter Bart, der nicht so richtig zu seinem vor Überheblichkeit nur so strotzendem Grinsen passte. Ich habe den Typen, den ich so hassliebe, vom ersten Moment an geliebt. Da bin ich mir heute ganz sicher.

Wir waren nicht lange zusammen, ein halbes Jahr vielleicht, und ich glaube, er hat mich auch ziemlich gehasst. Meine viel zu große Nase. Meine Aufsässigkeit. Und dass ich ihm immer ins Wort gefallen bin – doch irgendwie war da was an mir, das ihn sofort in meinen Bann gezogen hat. Vielleicht die viel zu große Nase. Oder meine Aufsässigkeit. Ja, vielleicht sogar die Tatsache, dass ich ihm immer ins Wort gefallen bin. Er hat mich vom ersten Moment an geliebt.

Wir waren nicht lange zusammen, ein halbes Jahr vielleicht, und während dieses halben Jahres, waren wir ziemlich oft getrennt. Weil wir uns gehasst haben. Unzählige Streitgespräche haben wir geführt, uns immer wieder geschworen, nie wieder ein Wort miteinander zu sprechen – doch das Ding ist eben, zum Küssen braucht man keine Worte.

Und so viel Hass in unseren Worten steckte, so viel Liebe steckte auch in unseren Küssen. Und wenn wir dann da lagen und rauchten, die Wangen rot vom Sex und den Ohrfeigen, die wir uns gaben, weil wir uns hassten, während wir uns liebten, schlugen unsere Herzen mindestens genauso wild, wie es unsere Fäuste die meiste Zeit über wollten. Immer dann waren wir zusammen.

Wir waren nicht lange zusammen, ein halbes Jahr vielleicht, doch diese Hassliebe, die ist immer noch da, auch wenn wir längst nicht mehr zusammen sind. Irgendwann haben wir Schluss gemacht, weil sie uns so vereinnahmt hat und sind zurück gegangen zu der viel zu süßen Schokolade und den ungesalzenen Pommes, denn die haben uns auf Dauer niemals unglücklich gemacht – weil wir immer wussten, was wir an ihnen haben. Und außerdem gibt es auch noch das Steak vom Kobe-Rind.

Die Fotografie stammt von Igor Miske
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Internet, Y U No Connect? Ich fordere das freie Netz für alle

Die letzte Woche war ich unterwegs. Ganz weit weg und mit ganz viel Stress. Mal hier, mal dort. Mit den verschiedensten Flugzeugen, in den verschiedensten Hotels, Städten, Einkaufszentren, Bars, Parks, Hinterhöfen. Was hatten die alle gemeinsam, außer dass auch noch viele andere Menschen auf die Ide...
Internet, Y U No Connect? Ich fordere das freie Netz für alle

Internet, Y U No Connect?

Ich fordere das
freie Netz für alle

Marcel Winatschek

Die letzte Woche war ich unterwegs. Ganz weit weg und mit ganz viel Stress. Mal hier, mal dort. Mit den verschiedensten Flugzeugen, in den verschiedensten Hotels, Städten, Einkaufszentren, Bars, Parks, Hinterhöfen. Was hatten die alle gemeinsam, außer dass auch noch viele andere Menschen auf die Idee kamen, genau zur gleichen Zeit dort zu verweilen und schwitzten, rauchten, stanken? Genau: Internet konntest du da vergessen. Aber mal total. Und das brachte mich regelmäßig an den Rand des Wahnsinns.

Natürlich könnte ich jetzt sagen, dass ich die ständige Netzverbindung zum Arbeiten brauchte. Ihr wisst schon. So etwas wie Geld verdienen. Und Fotografen anschreiben. Und Bloggerinnen dumm anmachen. Und so. Aber eigentlich wollte ich mich nur auf Facebook einchecken, idiotische Tweets von noch idiotischeren Menschen lesen, Tierpornos gucken. Eben nichts verpassen. Und schnell reagieren können. Aber das ging nicht. Weil irgendwer da oben entschieden hat, dass konstant verfügbares Internet immer noch kein Grundrecht ist.

15 Euro für einen Tag langsames W-Lan im Hotel. Wirklich? Und das dann auch noch nur für die Inhaber einer Kreditkarte. Eine halbe Stunde kostenloses Netz im Flugzeug dank der Promoaktion von Ford. Wirklich? Und alle an Bord freuen sich ‘nen Bären. Ein augenscheinlich freies Wi-Fi von Nike, das nur dazu da ist, euch automatisch zu einer Jogging-iPhone-App weiterzuleiten. Und sonst nirgendwo hin. Wirklich?!

Also rannte ich ständig mit meinem iPhone in der Hand durch die Gegend, hielt es hoch in die Luft und war auf der ewigen Suche. „Free Public Wifi“ ist oft ein Garant für Vernetzung. Aber auch nicht immer. „McDonald‘s“ ist super. Aber limitiert. „Starbucks“ ist so etwas wie Gott. Oder noch besser. Aufrufen, Knopf drücken, Internet haben. Für immer. Naja, jedenfalls solange, bis der Akku oder der White Chocolate Mocha schlapp macht. „Marcel, guck‘ mal: Megan Fox nur mit Wackelpudding bekleidet auf einem fliegenden Einhorn, das aussieht wie Keira Knightley in schöner!“ „Jaja, Fresse jetzt, ich muss noch fünf scheinbar offene W-Lans abchecken…“

Ich möchte ja gar nicht unbedingt, dass es umsonst ist. Wirklich. Zwar glaube ich, dass dem kostenlosen Internet die Zukunft gehört, aber jetzt, heute, da würde ich sogar noch dafür zahlen. Aber nicht zu viel. Wir leben nach dem Millennium. Ich möchte meine Zeit nicht damit verplempern, dem Netz hinterherzurennen. Egal ob im Flugzeug, im Hotel, alles, was irgendwie nicht so ganz Deutschland ist. Sagen wir 15 Euro für eine Woche komplettes Internet, wo ich halt gerade so bin. Also überall. Und wir sind im Geschäft, ja? Okay: 20 Euro. Das wäre es mir wert. Wirklich.

Klingt zu utopisch? Mag sein. Aber ich müsste keine Angst mehr davor haben, den verlockenden Roaming-Button nach rechts zu schieben und so meine Kinder und Kindeskinder in eine Jahrhunderte lange Schuldenfalle zu treiben. Ich müsste im Flugzeug nicht die hundertste Wiederholung von „The Big Bang Theory“ gucken und so tun, als würde ich „Penny, Penny, Penny“ immer noch lustig finden, sondern könnte meine Zeit sinnvoll nutzen. Und denkt doch bitte mal einer an die human penetrierten Affen…!

Was ich damit sagen will: Hallo, wer immer gerade die Macht über diese schnöde, kleine Welt besitzt und lieber anonym bleiben möchte, ich verstehe das voll und ganz, ehrlich jetzt: Mach doch endlich das Internet überall hin. Für alle. Für immer. Für mich. Irgendwann auch für umsonst. Bitte ganz bald für umsonst. Das wäre wirklich sehr lieb von dir. Herzlichst, dein Marcel. Du Arschloch.

Die Illustration stammt von Natasha Remarchuk und Icons8
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Digitaler Magerwahn: Bist du noch fett oder schon auf Instagram?

Habt ihr euch in letzter Zeit mal wieder bei Instagram eingeloggt? Falls ja, werdet ihr das Phänomen wahrscheinlich kennen: Man scrollt und scrollt die tausend neuen Posts der letzten drei Stunden runter und hat am Ende das Gefühl, dass alle eh nur ein und das selbe Foto gepostet haben. Wer ist schu...
Digitaler Magerwahn: Bist du noch fett oder schon auf Instagram?

Digitaler Magerwahn

Bist du noch fett oder
schon auf Instagram?

Nina Ponath

Habt ihr euch in letzter Zeit mal wieder bei Instagram eingeloggt? Falls ja, werdet ihr das Phänomen wahrscheinlich kennen: Man scrollt und scrollt die tausend neuen Posts der letzten drei Stunden runter und hat am Ende das Gefühl, dass alle eh nur ein und das selbe Foto gepostet haben. Wer ist schuld daran? #Oatmeal, #RawTill4, #Shredz, #Triangl und #Kayla_Itsines.

Ich weiß gar nicht genau, wann es mir auffiel. Kann sein, dass es erst ein paar Wochen her ist, vielleicht auch schon ganze Monate oder Instagram war einfach von vornherein schon so: ein Sammelbecken für bipolare Leute, die eigentlich völlig geltungsbedürftig sind und am liebsten für irgendwas – egal wofür – berühmt wären, gleichzeitig aber viel zu sehr Mitläufer sind, um was Neues auszuprobieren.

Deswegen halten sie sich lieber an Altbewährtes, wie zum Beispiel vegane Ernährung, Low-Carb, Magersucht, Mode und Fitness-Wahn. Vielleicht ist das der Grund, dass es hier inzwischen nur noch drei Sorten von Leuten gibt: Die Essgestörten, die Triangl-Bitches und die Fitness-Freaks.

Da wäre zunächst einmal der Haufen Essgestörte. Wer bisher dachte, es gäbe nur Bulimie, Anorexie und Binge Eating, der wird bei Instagram eines Besseren belehrt. Unter den Hashtags #RawTill4, #EatClean, #Vegan und #LowCarb findet man eine ganze Palette an bemerkenswerten Ernährungsformen, die jedem Psychotherapeuten in pure Verzückung versetzen würden, beim Gedanken an die Therapie-Stunden, die man den #Igers dafür mal eben aufdrücken könnte.

Wie es sich für echte Essgestörte gehört, finden die Hardcore-Veganer, Kohlenhydrat-Phobiker und Mono-Diätler ihr Essverhalten natürlich total normal und absolut nachahmenswert, weshalb fleißig unappetitliche fettfreie Rezepte voller Chemie geteilt werden. Ein Dauerbrenner, der gar nicht mehr aus der Mode kommen will, ist der Protein-Pancake, in denen künstliches, nach Gummibären riechendes Pulver aus Lysin, Methionin und Molkeeiweiß das böse, böse Mehl ersetzt.

Ein wenig merkwürdig ist es, dass Anhänger der Protein-Pancakes die Dinger so ziemlich jeden Tag auf dem Frühstücksteller liegen haben, nett angerichtet mit Tiefkühl-Erdbeeren und einem Null-Kalorien-Schokoladen-Sirup. Kann natürlich sein, dass manche das ewig gleiche Bild posten, um endlich auch #Shredz, #FitnessGuru und wie sie alle heißen, als Sponsor zu gewinnen.

Die andere Theorie ist: Wie wäre es damit, sich ab und zu mal einen echten Pancake zu gönnen – vielleicht würden dann auch die unerklärlichen Heißhungerattacken nach weiterem Protein-Süßstoff-Pulver-Matsch nachlassen? Das soll jetzt aber nicht heißen, dass die Truppe der essgestörten Instagram-Ökotrophologen ausschließlich Pulver aus Trocken-Eiweiß konsumiert.

Es gibt auch die ganz Natürlichen. Nein, ich spreche nicht von der Paleo-Diät, sondern von den ganzen Mono-Ernährungsformen auf Instagram. Insbesondere #RawTill4, eine Essensphilosophie, bei der bis 16 Uhr nur rohes Obst und Gemüse gegessen werden darf. Vor allem auf braune, matschige Bananen stehen die #RawTill4-Veganer, die gerne mal ‘ne Woche nach „Banana Island“ abtauchen, um so richtig zu entgiften.

Dass man von dieser Ernährung nicht dick wird, leuchtet irgendwie ein – wahrscheinlich leidet man die ganze Zeit abwechselnd unter Durchfall und Blähungen. Dann braucht man die Instagram-Sekte, pardon, -Community natürlich noch viel mehr, weil die Leute im echten Leben die spezielle Geruchsnote nicht mehr ertragen.

Weniger komplex geht es bei den #Triangl-, #OotD- und #HunterBoots-Mitgliedern zu. Hinter den Posts und Bildern zu Neopren-Bikinis und Gummistiefeln werden hier keine Essstörungen versteckt, respektive offengelegt, sondern – ja was eigentlich? Am ehesten lässt sich diese Kategorie der Instagram-Mitglieder wohl so beschreiben, dass sie ganz allgemein nicht so furchtbar vielschichtig zu sein scheint.

Die Truppe #OotD ist nämlich die Sorte Mensch, die man sonst ganz gern bei Abercrombie oder Hollister im Laden findet: Leute, die zumindest selbst daran glauben, dass sie das Zeug zum Promi haben und irgendwann, irgendwie noch entdeckt werden, weil in ihnen etwas Besonderes steckt. Tja, und bis dahin stecken sie sich halt selbst in etwas gar nicht Besonderes, in Triangl-Bikins oder Hunter-Gummistiefel zum Beispiel.

Das soll ganz klar das Ziel, so schnell wie möglich entdeckt zu werden, weiter voranbringen – am besten natürlich von irgendeinem #Triangl-Marketing-Manager, der Modell „Winnie“ an einem so überragend schön findet, dass man vom Fleck weg als Model engagiert wird. Dass man unter dem Hashtag #Triangl mit rund 99.000 Leuten konkurriert, die die selbe Idee hatten, macht die Sache etwas schwierig, aber drauf geschissen. Erhöht man seine Reichweite halt, indem man auch im Winter zwei bis drei Mal die Woche #Triangl-Bilder aus dem letzten Sommer repostet.

Da ist die letzte Kategorie der Instagrammers wenigstens ein bisschen ambitionierter. Mitglieder, die sich unter #Fitspiration, #Lifting und #Fitstagram offiziell dem Fitness-Wahn verschrieben haben, leisten wenigstens sport-technisch etwas: Jede Menge Squats, Planks und Burpees, das alles high intensive und natürlich für den #SummerBody.

So richtig kreativ sind sie dabei allerdings auch nicht – müssen sie ja aber auch gar nicht sein, denn es gibt ja schon ein großes Vorbild, an das man sich ranheften kann: Kayla Itsines. Die australische Fitness-Trainerin, die unter ihrem #BikiniBodyGuide über 100.000 Fotos findet, spornt die Instagram-Fitness-Sekte immer wieder zu Bildern ihrer #Transformation und dem #Progress an.

Wobei ‘Transformation’ und ‘Progress’ hier so viel bedeuten, dass normalgewichtige Leute nach nur drei Monaten aussehen wie wandelnde Leichen, bei denen Sehnen und Venen aus den unmöglichsten Körperstellen hervortreten. Schön ist das zwar nicht, dafür bringt es einem mit ein bisschen Glück jede Menge neue Follower und Instafame: Die kränksten, pardon, beeindruckendsten Verwandlungen aus #KaylasArmy und dem #KaylaMovement werden nämlich in regelmäßigen Abständen von Kayla gepostet.

Kayla selbst hat übrigens alles richtig gemacht. Auf ihrem Profil sind gefühlte 100 Bilder von ihr in einem #Triangl-Bikini zu finden, auf jedem zweiten Bild finden sich entweder Proteinwaffeln oder ein garantiert cleanes Essen, bestehend aus rein organischen Zutaten wie Chia-Samen, Obst und Mandelmilch. Und ansonsten gibt es jede Menge Bilder und Videos zu Squats, Burpees und Co.

Jetzt denkt ihr vielleicht, ihr könnt das auch. Wenn die Frau es geschafft hat, mit diesem banalen Zeug berühmt zu werden, dass ja jeder postet, warum solltet ihr das nicht schaffen? Ihr postet also stolz eure Gammel-Bananen-und-Bikini-Bilder, tagged euch im Fitnessstudio mit #Transformation und euch sind die Likes der Instagram-Mitglieder sicher, die schon auf den selben Zug aufgesprungen sind.

Glückwunsch, damit habt ihr es geschafft, dass die Artenvielfalt bei Instagram weiter ausstirbt und man die Welt hier nicht „mit den Augen anderer“, sondern mit denen des ewig gleichen Stereotypen sieht. Dessen Bilder man nur pflichtbewusst liked, weil man selbst genau das Gleiche gepostet hat. Inspiration sieht anders aus.

Die Fotografie stammt von Max Libertine
Der Text erschien in der Kategorie Essen mit den Themen
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Barakamon: Der Kalligraph und das Mädchen

Nehmen wir das Fazit an dieser Stelle doch gleich mal vorweg: Ich habe in den letzten Folgen von Barakamon durchgeheult, ich, der ausgewachsene Typ mit dem Bart und der Wampe und der spitzen Zunge. Nicht etwa, weil am Ende der zwölf Episoden etwas unglaublich Legendäres oder Bombastisches oder Aufre...
Barakamon: Der Kalligraph und das Mädchen

Barakamon

Der Kalligraph
und das Mädchen

Marcel Winatschek

Nehmen wir das Fazit an dieser Stelle doch gleich mal vorweg: Ich habe in den letzten Folgen von Barakamon durchgeheult, ich, der ausgewachsene Typ mit dem Bart und der Wampe und der spitzen Zunge. Nicht etwa, weil am Ende der zwölf Episoden etwas unglaublich Legendäres oder Bombastisches oder Aufregendes passiert wäre, sondern weil mir die Charaktere so ans Herz gewachsen waren, und das in einer Zeit, wofür andere Serien Jahre brauchen.

Die Geschichte ist so ordinär wie dröge: Der gescheiterte Kalligrafiekünstler Seishu wird von Tokio auf eine Insel am Arsch der Welt geschickt, um dort seinen Zeichenstil zu verbessern – und darauf hat er mal so gar keinen Bock. Die Bewohner sind Hinterwäldler, die Unterkunft ist eine Bruchbude und dann rennt da auch noch ständig dieses kleine Mädchen namens Naru durch die Gegend, das ihm den allerletzten Nerv raubt.

Jeder Mensch, der auch nur mehr als einen Film gesehen hat, weiß ganz genau, wie sich die Sache entwickelt. Seishu freundet sich nach und nach mit den Einheimischen an, und das, obwohl er ein ziemlicher Idiot ist, er erkennt, dass ihm das Leben auf dieser überhitzten Insel genau die Inspiration bietet, die er zum Arbeiten braucht, und Naru, die sechsjährige Nervensäge, erobert sein kaltes, depressives, fast schon totes Herz.

Natürlich passiert gegen Ende hin noch etwas unglaublich Dramatisches, aber das ist vollkommen egal, denn bis dahin habt ihr euch längst in jeden einzelnen Hinterwäldler verliebt. Miwa, die draufgängerische Tochter eines zwielichtigen Alkoholhändlers, Ikko, der ständig qualmende und fischverliebte Schuldirektor, oder Hina, Narus knuffige, beste Freundin, die so schüchtern ist, dass sie bei jedem Windhauch wie dämlich anfängt zu flennen.

Manchmal fühle ich mich wie ein Prediger, der Leuten ständig erklären muss, dass viele Anime so großartig sind, weil sie es schaffen, Emotionen so dermaßen zu konzentrieren, dass sie wie eine prall gefüllte Bombe sind. Innerhalb dieser knappen, halben Stunde, die jede Episode dauert, furzt ihr Gefühle nur so aus euch heraus, weil ihr sie nicht in euch halten könnt.

Ihr kotzt vor Lachen, weil Tamako, die verrückte Mangatante, hinter jeder Situation ein homosexuell angehauchtes Drama vermutet, ihr fiebert mit, wenn Nachwuchs-Kalligraf Kosuke seinem Idol Seishu vorwirft, er würde auf der Insel seinen Stil verlieren, ihr habt Pipi in den Augen, wenn Naru nach Hause kommt und… nein… das kann ich euch nicht sagen, es ist zu traurig…

Sowieso: Kurz zu Naru, wer sich nicht sofort in die Kleine verknallt und sie auf der Stelle adoptieren will, der hat kein Herz. Sie ist die freche, kleine, fröhliche Tochter, die jeder haben sollte, null nervig, null anstrengend, null künstlich. Ihr Lachen und ihre Weltansichten sind so ansteckend, dass sich jeder erwachsene Mensch, der nicht so ist wie sie, fragen sollte, wann und wo sein Leben schief gelaufen ist.

Wer Barakamon keine Chance gibt, der nimmt sich selbst eine wunderschöne und überraschend nachdenkliche Erfahrung. Und am Ende wollt ihr nur noch eure sieben Sachen packen und auf genau diese Insel fliegen, um dort ein idyllisches und richtiges Leben zu führen. Weit entfernt von all dem unnötigen Stress und dem Erfolgsdruck und der Missgunst. Mit Naru. Und Miwa. Und Ikko. Und all den anderen scheinbaren Hinterwäldlern…

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Die Illustration stammt von Satsuki Yoshino und Square Enix
Der Text erschien in der Kategorie Filme mit den Themen
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MissesVlog im Gespräch: Kelly Svirakova, kann man von YouTube leben?

Würden außerirdische Wesen sich heute Videos auf YouTube angucken, dann könnten sie meinen, die Spezies des Menschen bestehe lediglich aus zweierlei Arten. Die einen, die pompöse Computerspiele vorstellen und lautstark an ihnen verzweifeln, und die anderen, die sich teure Kosmetikartikel ins Gesicht...
MissesVlog im Gespräch: Kelly Svirakova, kann man von YouTube leben?

MissesVlog im Gespräch

Kelly Svirakova, kann
man von YouTube leben?

Marcel Winatschek

Würden außerirdische Wesen sich heute Videos auf YouTube angucken, dann könnten sie meinen, die Spezies des Menschen bestehe lediglich aus zweierlei Arten. Die einen, die pompöse Computerspiele vorstellen und lautstark an ihnen verzweifeln, und die anderen, die sich teure Kosmetikartikel ins Gesicht drücken und dabei sanft vor sich hin sinnieren. Dazwischen gibt es, außer gähnender Langeweile und übertriebener Albernheit, wenig. Aber wer sucht, der wird bekanntlich fündig.

Millionen Voyeure haben Kelly aka MissesVlog dabei zugesehen, wie sie auf einer Treppe herum rannte, sich dabei an die Brüste fasste und lächelnd die zehn größten Geheimnisse ihrer Artgenossinnen ausplauderte. Dass High Heels schmerzen, zum Beispiel. Dass Schlafen besser als Duschen ist. Oder dass Rasieren jede Menge Zeit kostet. Das alles hätte man sich womöglich bereits vorher denken können, aber die sympathische Bewegtbildkünstlerin erklärt es uns lieber noch einmal – und wir hören ihr gebannt zu.

Und kurz bevor die bayerische Grinsekatze die Videoplattform ihrer Wahl vollends erobert, in einer grausamen Welt, in der Seitenaufrufe mehr zählen als alle Schulnoten, Praktika und Fortbildungen zusammen, haben wir sie uns gekonnt zur Seite genommen und mit ihr gemeinsam den Antrieb von Trollen und Stalkern ergründet, eine wilde Reise nach Los Angeles Revue passieren lassen und geklärt, ob sie sich für den Playboy ausziehen würde. Und wenn ja, für wie viel.

Ich bin gerade vollkommen verrückt nach grünem Tee und könnte täglich zwölf Liter davon trinken. Von was bist du abhängig?

Kaffee und Energy Drinks. Das wird jeder meiner YouTube-Kollegen oder Menschen, die etwas mit Cutten zu tun haben, genau so sehen. Wir sind quasi Wesen der Nacht, da braucht man etwas, was einen wach hält.

Welches Video auf YouTube hast du dir zuletzt angesehen – und warum?

Ich habe mir ein Video von zwei YouTubern angesehen, einer amerikanisch, der andere britisch, die zusammen kollaboriert haben und alltägliche Begriffe wie „Schneebesen“ in die Suchleiste einer Pornoseite eingegeben haben, um sich dann die Ergebnisse anzusehen und ich war sehr angetan von dieser Idee… Ja, so sieht mein Leben momentan also aus. Aber ich fand’s sehr amüsant.

Dein erstes Video auf YouTube war eine, nennen wir es mal, mutige Tanzeinlage für die Aussenseiter. Hättest du damals gedacht, dass du einige Jahre später zu den bekanntesten deutschen Gesichtern auf der Plattform gehörst?

Gedacht – nein. Gehofft und gezielt darauf hingearbeitet – ja. Damals habe ich mir das Ziel 100.000 Abonnenten gesetzt und wollte das auch unbedingt erreichen. Als es soweit war, dachte ich eigentlich, es geht von da an nicht weiter – und ich habe mich zum Glück geirrt. Was momentan auf meinem Kanal passiert, begreife ich selbst nicht ganz.

Das Einzige, was ich mir damals dachte, war: „Das sieht nach viel Spaß aus, was diese Hampelmänner da auf YouTube produzieren. Warum gibt es noch keine Hampelfrau? Das muss ich ändern!“ Was für Möglichkeiten sich dadurch für mich entwickelt haben, konnte damals keiner von uns YouTube-Hampeln vorausahnen.

Du warst, kurz nach deinem Aufstieg, für ein YouTube-Projekt ein paar Wochen mit einigen Kollegen in den USA, was ging da so?

Richtig. Ich war sechs Wochen lang mit Gronkh, Sarazar, David Hain, Fabian Siegismund, Rob Bubble und Pandorya in Los Angeles. Zumindest war das die erste Truppe, die Besatzung des Projekts hat sich im Laufe von insgesamt drei Monaten immer mal wieder geändert. Wir haben unsere Zeit zusammen in einem riesigen Haus in West Hollywood verbracht, das wir, aufgrund des etwas protzigen Aussehens, “The Mansion” nannten, welcher auch der Name des YouTube-Kanals, der die Reise dokumentierte, wurde.

Das war eine der besten Reisen meines Lebens. Tolle Menschen, faszinierende Orte und super Videos produziert. Es gab keinen Moment, in dem sich YouTuber oder Crew gestritten haben. Alle haben sich näher kennengelernt, nachdem man sich nur zwei bis drei Mal im Jahr auf irgendwelchen Events begegnet ist und super verstanden, was die Reise natürlich super angenehm gemacht hat.

Wir waren in Las Vegas und haben eine Hochzeit gefeiert, auf Roadtrips durch kilometerweit Wüste, inclusive Stopps bei geilen Fast-Food-Ketten, haben Freizeitparks, Studios und andere Sehenswürdigkeiten besucht und alles mit der Kamera fest gehalten. Das hört sich alles zu schön an, um wahr zu sein, aber in den Videos sieht man uns allen an, dass wir eine richtig gute Zeit zusammen hatten und viel an neuer Lebenserfahrung dazu gewonnen haben.

Auch wenn mir mit meinen damals 20 Jahren das Nachtleben sehr erschwert worden ist, vor allem in Las Vegas, was mir etwas auf den Senkel gegangen ist, weil man sich plötzlich wieder wie 15 fühlt. Da hilft nur das Bestechen von Türstehern und Kellnerinnen, die alle eigentlich Schauspieler oder Tänzer waren, da in einer Welt wie Hollywood tatsächlich alles käuflich und mehr Schein als Sein ist. So wie auch unser Haus, das von außen aussieht wie eine Megavilla, aber von innen erhebliche Baumängel aufwies. Aber was soll’s.

An meinem 21. Geburtstag hatte ich J.W., den Namen zensieren wir mal lieber, haha, einen jungen, aufstrebenden Modedesigner, den wir zuvor in einem Club kennen gelernt und zu uns ins Haus eingeladen haben, koksend und nackt im Whirlpool sitzen. Auch wieder eine Erfahrung, die etwas schockierend, aber lustig zugleich war. Und er war eigentlich ein echt netter Typ.

Sind die Leute, mit denen du ab und zu in Videos abhängst, wirklich deine Freunde?

Nach drei Jahren lernt man so einige YouTuber kennen und es gibt keinen einzigen, mit dem ich auf Kriegsfuß oder ähnlichem stehe. Man versteht sich eben super, weil jeder, der das macht, einen kleinen Knacks in der Birne hat. Und uns alle verbindet etwas: Die Produktion von Videos auf eigene Faust. Da entwickeln sich sehr schnell Freundschaften, vor allem, wenn man erst einmal zusammen ein Video gedreht hat. Dafür reicht es für mich erstmal, wenn man die Videos vom anderen cool findet.

Da jeder auf YouTube sehr stark seine Persönlichkeit vor der Kamera präsentiert, kennt man die Leute quasi schon ein bisschen und kann einschätzen, ob man sich mit ihnen versteht oder nicht. Klar habe ich auch Freunde, die gar nichts mit YouTube am Hut haben und jedes Mal verblüfft den Kopf schütteln, wenn jemand beim Bummeln durch die Stadt nach einem Foto mit mir fragt, aber genau so, wie es gut tut mit Menschen zu sprechen, die sich in einer ähnlich verrückten Situation befinden wie man selbst, so ist es auch super, sich über die normalen Dinge im Leben auszutauschen.

Hast du das Gefühl, dass du dich wirklich angestrengt hast, um deine heutige Abonnentenzahl zu generieren – oder geschah das eher so nebenher?

Ich würde sagen beides. Es geschah aber eher so nebenher, weil ich kein Mensch bin, der jeden Tag den Anstieg seiner Views und Abonnenten checkt, und ich mir irgendwann dachte: „Oh, upps. Schon eine Million… Craaaazy!“ Ich bin etwas verpeilt, das ist mein Problem. Da gibt es auch andere Sorten YouTuber, was aber eigentlich nötig ist, wenn man davon leben möchte. Entgegengesetzt der allgemeinen Meinung darüber, ist Videos auf YouTube machen sehr anstrengend.

Vor allem bei zwei bis drei Videos die Woche. Man muss sich das mal überlegen: Zwei bis drei Mal die Woche eine neue, kreative Idee, die den Nerv der Zeit trifft und so viele Menschen wie möglich ansprechen sollte. Plus haareraufend und deprimiert durch die Wohnung stapfen, weil die zündende Idee eben nicht mal so einfach vom Himmel fällt.

Man ist sein eigener Chef. Jeden Tag motiviert zu sein, sich an den Computer zu setzen, die Idee auszuarbeiten und ein freies Skript zu schreiben. Vor die Kamera setzen: Sieht der Hintergrund gut aus? Stimmt das Licht? Stimmen die Kameraeinstellungen? Ist der Ton so gut? Sich Gedanken machen, wie man was sagt, damit es richtig rüber kommt.

Gut drauf sein und unterhalten, auch wenn man mal keinen so guten Tag hat. Dann wieder an den Computer setzen und stundenlang schneiden, nur damit einem Premiere Pro abschmiert und man keinen Zwischenstand gespeichert hat. Video hochladen: Guter Titel? Gutes Thumbnail? Was muss in die Beschreibung rein? Video auf allen sozialen Netzwerken teilen und dann eine Minute nach Veröffentlichung des Videos „Du bist scheiße. Das Video ist schlecht!“ in den Kommentaren zu lesen. Ich will mich nicht beschweren, ich habe den besten Job der Welt. Aber es ist tatsächlich ein Job und harte Arbeit. Dass das von vielen noch nicht realisiert wird, macht einen ein bisschen traurig, aber das wird sich noch ändern. Da bin ich mir ziemlich sicher.

Tatsächlich bin ich, wie viele andere auch, durch deine “10 Dinge, die Mädchen tun (aber niemandem erzählen)“-Liste auf dich aufmerksam geworden. Ist das dein persönliches Lieblingsvideo?

Auch wenn das mein erfolgreichstes Video ist, ist es nicht mein Lieblingsvideo. Wenn ich mir eines von meinen eigenen aussuchen müsste, würde ich einen Vlog von Reisen nehmen, die ich gemacht habe. Das ist eine schöne Erinnerung, die ich mit ganz vielen anderen Menschen teilen kann, die vielleicht nicht die Möglichkeit haben an solche Orte zu gelangen oder bestimmte Menschen zu treffen. Den Gedanken finde ich schön.

Ich befand mich auf AMY&PINK irgendwann im Zwiespalt, ob ich lieber Content produziere, der mir selbst Spaß macht, oder von dem ich wusste, dass er den Lesern gefällt und viele Likes und Klicks generiert. Ist das auch für dich ein Problem?

Klar mache ich mir Gedanken darüber, welches Thema besonders gut funktioniert, aber ich würde nie ein Video machen, das mich selber nicht interessiert. Das würde man mir sofort ansehen und so ein Video anzugucken macht dem Zuschauer keinen Spaß, weshalb das Video vielleicht auch gar nicht so erfolgreich wäre.

Ich versuche immer Themen zu finden, die ich lustig finde und die mit hoher Wahrscheinlichkeit funktionieren werden. Da hat sich bis jetzt immer etwas gefunden. Außerdem ist mein Kanal eher um mich als Person herum als um Themen aufgebaut, weshalb sich dieses Problem quasi von selber löst.

Bist du persönlich sehr traurig, wenn mal ein Video nicht so oft geklickt wird, wie du es dir vielleicht erhofft hast?

Manchmal gibt es Videos, die einem sehr am Herzen liegen oder von denen man denkt „Das wird jetzt der absolute Knaller!“, die dann echt wenig geschaut werden. Das macht mich schon ein bisschen traurig, aber das ist gleichzeitig genau das Spannende an YouTube. Man kann einfach nicht genau sagen, was funktionieren wird. Ich habe schon von vielen YouTubern gehört, dass sie sich bei Videos dachten „Na, das war jetzt nicht so dolle“ und genau diese Videos am Ende eines der erfolgreichsten auf dem Kanal geworden sind.

Erzähl mal ein wenig aus dem Nähkästchen, welcher YouTube-Star ist in Wirklichkeit ein hochnäsiges Arschloch, wer wird ziemlich unterschätzt, obwohl er toll ist, wer müffelt ein bisschen?

Klar mag man den einen YouTuber mehr als den anderen, so wie man eben den einen Menschen mehr als den anderen mag, aber im Grunde verstehen sich alle, weswegen ich hier niemanden in die Pfanne hauen möchte. Ich persönlich hatte noch nie ernsthafte Probleme mit meinen Kollegen, deswegen kann ich dazu ehrlich nichts sagen, was nicht unfair wäre.

Unterschätzt werden so viele, dass man das gar nicht hier aufzählen könnte. So viel Talent, das in der Masse leider untergeht. Vor allem, wenn man nicht Peniswitze-Comedy, Beauty oder Let’s Plays macht. Das wird sich aber alles noch entwickeln. Und niemand müffelt, nur weil wir Nerds sind, die komische Videos im Internet machen. Alle YouTuber riechen wie Einhörner!

Wie sehr hat diese Videoplattform dein Leben verändert?

Durch YouTube hat sich mein Leben beängstigend stark verändert. Das fängt schon bei Themen wie Selbstbewusstsein und Selbstsicherheit an. Sich zu denken: „Leute, das bin ich, akzeptiert mich so wie ich bin.“ Ich wurde oft ins kalte Wasser geschmissen, indem ich zu Events und Treffen gefahren bin, um mit Menschen abzuhängen, die ich eigentlich nur aus Videos und vom Chatten her kannte. Ich war als Kind und den Großteil meiner Jugend sehr unsicher und schüchtern.

Durch YouTube habe ich gelernt, über meinen Schatten zu springen und mich zu überwinden auf andere Menschen zuzugehen, eine wichtige Lektion meiner Jugend, für die ich sehr dankbar bin. Ich habe gelernt, mit Kritik klarzukommen, egal wie unkonstruktiv sie auch sein mag. Der Traum, auch mal größere Projekte, vielleicht sogar Filme zu produzieren, hat sich durch das Videos machen in mir aufgetan.

Ich habe Menschen kennen gelernt, denen ich ohne YouTube wahrscheinlich nie im Leben über den Weg gelaufen wäre und die ich heute nicht missen möchte. Reisen, Lebenserfahrung, gute und schlechte Seiten von einem gewissen Grad an Bekanntheit kennen gelernt. Ich könnte noch ewig weiter aufzählen. Wie gesagt: Beängstigend.

Denkst du manchmal darüber nach, was du mit deiner Zeit anstellen würdest, wenn es YouTube nicht geben würde?

Ich wäre wahrscheinlich, wie die meisten in meinem Alter, immer noch auf der Suche nach etwas, was mich erfüllt. Nur würde ich mich nicht trauen zu suchen. Ich wäre den einfachsten Weg gegangen und hätte nach dem Abi erstmal ein Jahr zu Hause gesessen, von meiner großen Schwester gezwungen ein bisschen rumzureisen, was ich aber nicht machen würde, weil ich viel zu viel Angst hätte.

Dann hätte ich irgendeinen x-beliebigen Studiengang ausgewählt, vielleicht sogar bei meiner Schwester in London und würde verschüchtert durch dunkle, nasse Gassen laufen. So schlimm wäre es wahrscheinlich nicht gewesen, aber ich stell’ mir das Leben ohne YouTube irgendwie viel trüber vor… Ich denk’ lieber gar nicht drüber nach.

Wenn du auf Veranstaltungen wie der Gamescom oder den VideoDays abhängst und dich ständig fremde Menschen anquatschen, fühlst du dich da gut – oder nervt das eher?

Ich find’s super! Die letzten Jahre habe ich es immer total genossen, die Menschen, die meine verrückten Videos gucken, ein bisschen kennen zu lernen, um herauszufinden, was sie auf diesen Pfad gelenkt hat. Es ist schön, so viele Leute zu treffen und mal live zu spüren, was die Videos, auch wenn sie von den meisten Menschen als absoluter Quatsch abgetan werden, den Zuschauern bedeuten. Aber es ist anstrengender als man denkt, so viele Menschen auf einmal zu treffen, die alle was von einem wollen. Nach so einem Tag reicht es noch für einen Drink und dann fällt man erschöpft ins Bettchen.

Hast du das subjektive Gefühl, dass YouTube unsere Jugend klüger oder eher doch dümmer macht?

Meiner Meinung nach weder noch. YouTube ist eine Plattform, die hauptsächlich unterhält. Wieso sollte man von Unterhaltung dümmer werden? Außerdem werde ich tausendmal lieber von authentischen, sympathischen Menschen, die ich mir selber aussuchen kann, auf YouTube unterhalten, als von Schauspieler XY, der außerordentlich realistische Emotionen bei „Mitten im Leben“ zu tausendmal durchgekauten und einfallslosen Szenarios performt.

Wie gehst du mit Trollen um?

Ich hab mich an die Trolle gewöhnt. Klar geht das nicht komplett an einem vorbei. Ich habe auch mal einen schlechten Tag, an dem mich der ein oder andere Kommentar verletzt, aber ich habe gelernt, darüber zu stehen. Mein guter Freund MrTrashpack hat mal etwas sehr Weises zu mir gesagt: Die Menschen haben einen schlechten Tag, kommen nach Hause und müssen irgendwo ihren Frust loswerden. Solange das ganz harmlos unter meinem Video passiert, stehe ich gerne dafür zur Verfügung. So ungefähr. Das fand ich super.

Wenn du deinen Zuschauern eine Sache ganz direkt sagen könntest, ohne auf witzig machen zu müssen, und die würden das dann auch geschlossen einhalten – was wäre es?

Nehmt euch selber und eure Umwelt nicht allzu ernst und geht immer freundlich auf eure Mitmenschen zu. Man weiß nie, wer grade eine harte Zeit durchmacht. Das sind die zwei Dinge, die mir spontan einfallen, um für sich selbst, abgesehen von äußeren Einflüssen, ein glückliches Leben zu führen.

Wurdest du schon mal so richtig gestalkt?

Nicht so richtig. Natürlich wurden mir schon Google-Earth-Bilder mit rotem Pfeil zu meinem Zimmerfester per E-Mail geschickt, Präsentkörbe vor die Tür gelegt und Briefe an meine private Adresse geschickt, aber als richtiges Stalking kann man das ja nicht bezeichnen. Wenn ich ein bestimmtes Verhalten nicht gut heiße, dann ignoriere ich es. Normalerweise hört das nach einer bestimmten Zeit von alleine auf. Ich wohne aber auch noch sehr versteckt und behütet in einer kleinen Stadt in Bayern. Von YouTubern, die in Köln oder Berlin leben, hört man andere Geschichten.

Ist es nicht nervig für weibliche YouTuberinnen, wenn die gefühlte Mehrheit einfach nur ihre Brüste sehen will?

Am Anfang haben mich solche Kommentare schon sehr belastet. Ich habe in Videos nur weite, hochgeschlossene T-Shirts getragen, weil es mir sehr wichtig war, dass die Zuschauer meine Videos wegen meiner Person und nicht wegen meiner Brüste anklicken oder weil ich halt ein Mädchen bin, wooow. Mittlerweile sind das Old News und nichts besonderes mehr.

Ein dummer Witz, den der 600.000ste 11-Jährige unter meinem Video macht. Wenn ich auf sowas eingegangen bin, dann nur, um mich darüber lustig zu machen, wie lustig sich die Verfasser fühlen, während sie diesen Kommentar verfassen. Das ist mittlerweile aber auch schon langweilig.

Als Vorteil genutzt habe ich das bis jetzt nur ein einziges Mal: In “10 Dinge, die Mädchen tun (aber niemandem erzählen)“, aber auch nur weil es einfach die Wahrheit ist und gut zum Thema gepasst hat. Es ist was anderes, seine Brüste ins Spiel zu bringen, weil es zum Thema passt oder ein Video zu machen, um seine Brüste zu zeigen, denke ich.

Wie stehen die Chancen, dass du in den YouTube-Kommentaren deinen Traummann findest?

Oh, eher schlecht. So ein YouTube-Kommentar gibt einem nicht wirklich viel preis, nicht einmal, wenn es unter allen anderen heraussticht. Außerdem ziele ich es nicht darauf ab, meinen Traummann auf YouTube zu begegnen. Ich weiß nicht, wie es wäre, wenn jemand bewusst Videos macht, um unter den Zuschauern einen Partner zu finden… Interessantes Konzept. Sollte mal jemand versuchen. So richtig mit das Date dann vloggen und so. Nichts für mich, aber würde bestimmt funktionieren.

Was waren die kreativsten Anmachsprüche, die du jemals in den Kommentaren bekommen hast – und welche die miesesten?

Die kreativsten kann ich jetzt gar nicht benennen. Ist mir trauriger Weise nicht im Gedächtnis geblieben. Dafür habe ich ein ganzes Video über die miesesten „Anmachsprüche“ gemacht! „Is’ bestimmt Ü18 – Kelly liest perverse Kommentare #24“.

Schon mal Penisfotos in der Inbox gehabt?

Zum Glück nicht, glaube ich. Könnte aber auch sein, dass ich einfach nur die falschen Nachrichten öffne, hehe.

Kommunizierst du deinen Zuschauern ganz offen, wenn du in einer Beziehung bist – oder verheimlichst du das lieber so total boybandmäßig?

Ich würde kein öffentliches Statement abliefern, dass ich jetzt vergeben bin und an wen oder so. Ich würde es aber auch nicht verheimlichen. Die Dinge würden einfach ihren Lauf nehmen und die Zuschauer, die sich dafür interessieren, sollen sich ihren eigenen Teil dazu denken. Eine Beziehung zu verheimlichen ist anstrengend, es schränkt vieles ein und das ist keine schöne Atmosphäre für Liebe, finde ich. Man muss das Ganze aber auch nicht an die große Glocke hängen, das stresst auch. Es gibt aber sicherlich Pärchen, die gerne mit sowas umgehen und dann können sie das auch so machen. Jedem das Seine.

Würdest du dich selbst als Feministin bezeichnen?

Ich denke, in jeder Frau schlummert ein Feminist. Welcher Mensch will denn aus freiem Willen nicht sozial, politisch und wirtschaftlich gleichgestellt zu seinen Mitmenschen sein? Ich denke, viele haben Angst vor dem Wort Feministin, weil es irgendwie negativ belastet ist. Dabei bedeutet es erstmal nichts anderes als die Forderung zur Gleichberechtigung der Geschlechter. Das sollte niemand schlecht finden.

Ich weiß, diese Frage hörst du wahrscheinlich von jedem, aber ich weiß es immer noch nicht: Kann man von YouTube leben?

Wenn man genügend Klicks macht, kann man durch Werbung, die vor den Videos läuft, Product Placements oder externen Auftritten bei Events genug Geld verdienen, dass man davon Leben kann, ja.

Viele YouTuber produzieren ja CDs, Bücher und anderes Merchandise – und geben sogar Konzerte. Wo bleiben die Kelly-T-Shirts – und wann gehst du endlich auf Tour?

Wenn ich sowas mache, dann will ich es auch richtig cool und gut machen. Ich lasse mir für solche Dinge viel Zeit, deswegen kann ich dir das leider nicht sagen. Aber du bekommst die CD, das Buch und ein T-Shirt natürlich sofort zugeschickt!

Genau das wollte ich hören. Mit welchem internationalen YouTuber würdest du gern mal ein Video drehen?

Ich würde unglaublich gerne eine Folge „My Drunk Kitchen“ mit Hannah Hart drehen, Daily Videos und Challenges mit Grace Helbig machen und mit Mamrie Harts Hund spielen. Diese drei Frauen sind meine absoluten YouTube-Vorbilder, weil sie ohne Special Effects, aufwändige Kamerafahrten oder gescriptete Sketche einfachen und super lustigen Content liefern.

Welche Tipps gibst du jungen, und vielleicht auch älteren, Menschen, die auf YouTube Erfolg haben wollen?

Probiert alles aus, lernt von Video zu Video dazu und habt ganz viel Spaß. Das Wichtigste an einem Video, finde ich, ist, dass man die Leidenschaft hinter dem, was man produziert, sieht. Und lasst euch vor allem nicht von den Videos großer YouTuber abschrecken. Man hat eben nicht von Anfang an gleich das Megateam, das einen unterstützt. Einfach sein eigenes Ding machen, die Zeit bringt einem alles bei, was man wissen muss.

So, genug von YouTube. Was machst du eigentlich sonst noch so?

Das ist schwierig. Alles, was ich mache und was mir Spaß macht, dokumentiere ich ja auf YouTube. Das nimmt also eigentlich mein ganzes Leben ein. Das einzige Mal, dass keine Kamera dabei ist, ist, wenn ich meine Nicht-YouTube-Freunde treffe oder meine tschechische Familie besuche. Da mein Hobby gleichzeitig mein Beruf ist, mache ich nichts nebenher. Selbst wenn ich reise, was sich zu einer großen Leidenschaft entwickelt, im Moment, mache ich Videos drüber. Wenn ich über mein Leben rede, ist YouTube nunmal nicht mehr auszuschließen und fließt überall mit ein.

Ich versuche jetzt jede Woche mindestens ein Buch zu lesen, aber das Internet lenkt mich immer wieder ab, schon nach den ersten drei Seiten. Hast du ‘nen Tipp für mich?

Dann wird es nicht das richtige Buch für dich sein. Ich lese selber nur Bücher, die mich sofort fesseln, da denke ich gar nicht mehr ans Internet. Allgemein muss man sich einfach bewusst darüber werden, was für eine Entspannung es ist, mal nicht 24 Stunden auf Facebook online und rund um die Uhr erreichbar zu sein. Vor allem, wenn das Internet quasi dein Job ist. Handy in eine Ecke werfen, Laptop zuklappen und sich selber runterfahren.

Was sind deine Lieblingsseiten im Netz?

Meine Lieblingsseite ist eindeutig Tumblr. Der Humor auf dieser Plattform ist einfach unschlagbar. Es ist quasi die Quelle des Internethumors. Alles, was auf 9Gag, Facebook etc. viral geht, gab es Wochen zuvor schon auf Tumblr. Außerdem bekommt man einen Einblick in die verrücktesten Fandoms, in denen Nutzer Folgen einer Serie Frame für Frame auseinander nehmen und analysieren, diskutieren. Macht total Spaß, die verschiedenen Meinungen zum Weltgeschehen unter eindrucksvollen Bildern zu lesen. Tumblr ist einfach cool!

Ich kann sowohl Kanye West als auch Kim Kardashian nicht ab. Welchem Promi würdest am liebsten eine mitgeben, wenn du ihn auf offener Straße sehen würdest?

Keinem. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass ich selber oft sehr oberflächlich bewertet werde, oder ob’s mich einfach nicht genug kümmert, was Promis machen, um mich darüber aufzuregen, aber ich fühle mich von Personen der Öffentlichkeit echt nicht genug gereizt.

Interessierst du dich für Politik?

Mein Problem war, dass ich in der Schule Sozialkunde verabscheut habe, wo man politische Themen anspricht und darüber diskutiert, weshalb ich mich außerhalb der Schule auch lieber mit YouTube beschäftig habe als mich fürs Weltgeschehen zu begeistern. Mittlerweile ändert sich das langsam.

Allerdings interessiert mich im Moment Politik der Vergangenheit, ich hole meine Geschichtskenntnisse nach. Ebenfalls ein Fach, auf das ich in der Schule nicht viel Wert gelegt habe. Ich denke, ich werde mich vorarbeiten. Ich merke, dass das politische Interesse tatsächlich mit dem Erwachsenwerden wächst.

Sagen wir mal, der Playboy würde dir 100.000 Euro bieten, damit du blank ziehst. Würdest du’s machen?

Nein, das hebe ich mir für den Moment auf, an dem ich so verzweifelt Ruhm suche, dass ich mich sogar dafür ausziehe. Also nicht alle Frauen machen ein Playboy-Shooting nur aus diesem Grund, aber ich hebe mir das auf. Das ist schlau. Okay?

Würdest du ins Promi-Big-Brother-Haus einziehen?

Nö, ich will nicht 24 Stunden am Tag beobachtet werden. Das wäre mir einfach zu unangenehm. So offen bin ich dann doch nicht.

Wie sieht deine Zukunft aus?

Ich weiß nicht so genau. Ich mag es eigentlich gar nicht zu weit voraus zu planen und lasse das meiste einfach auf mich zukommen. Das Einzige, was ich für meinen Kanal plane, ist vielleicht etwas öfter ernstere Themen anzusprechen. Am liebsten in Kurzfilmform. Persönlich: viel Reisen, sich mit anderen Kulturen konfrontieren und Menschen kennen lernen, die ein ganz anderes Leben führen und sich mit ihnen austauschen.

Wahrscheinlich habe ich heute öfter das Wort YouTube benutzt als je zuvor. Lust auf ‘ne Tasse grünen Tee?

Sehr gerne! Aber ich würde liebe Pfefferminztee trinken, wenn der auch zur Auswahl steht. Der schmeckt mir einfach besser. Nichts gegen grünen Tee. Grüner Tee ist auch super.

Die Illustration stammt von Kelly Svirakova
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Cowboy Bebop: Kopfgeldjäger im Weltall

Das Tolle daran, wenn man krank ist, ist die Tatsache, dass man alte Serien am Stück gucken kann, ohne ein schlechtes Gewissen dabei haben zu müssen. Du bist nicht produktiv, sondern pfeifst dir ein Grippostad C nach dem anderen rein, steckst den Pizzaboten mit deinen Viren an, drückst auf Play, es...
Cowboy Bebop: Kopfgeldjäger im Weltall

Cowboy Bebop

Kopfgeldjäger
im Weltall

Marcel Winatschek

Das Tolle daran, wenn man krank ist, ist die Tatsache, dass man alte Serien am Stück gucken kann, ohne ein schlechtes Gewissen dabei haben zu müssen. Du bist nicht produktiv, sondern pfeifst dir ein Grippostad C nach dem anderen rein, steckst den Pizzaboten mit deinen Viren an, drückst auf Play, es geht los, alles ist gut. Du legst dich hin und tauchst ein in eine ferne Welt.

Auf meinem Trip zwischen Husten, Kopfschmerzen und Müdigkeitsanfällen begleitet mich gerade ein alter Freund. Cowboy Bebop. Natürlich auf Japanisch mit deutschen Untertiteln, damit ich auch etwas dabei lerne. Jedenfalls so viel wie möglich. Es erinnert mich an damals, als Anime noch auf MTV und VIVA liefen. Als wir noch MTV und VIVA geguckt haben. Als diese Sender noch eine Rolle in der Jugendkultur spielten.

Wir schreiben das Jahr 2071. Die Zukunft ist jetzt. Aus ihrem irdischen Garten Eden vertrieben, wählte die Menschheit den Rand des Universums als endgültige Grenze. Mit dem abschnittsweisen Zusammenbruch der früheren Nationen betrat ein gemischtes Durcheinander von Rassen und Völkern die Bühnen dieser Welten.

Sie breiteten sich zu den Sternen aus und nahmen die von der Menschheitsgeschichte über Jahrtausende gesponnenen Konzepte von Freiheit, Gewalt, Illegalität und Liebe mit, wo neue Regeln und eine neue Generation von Gesetzlosen entstanden. Die Menschen nannten sie Cowboys.

Die Geschichte muss ich niemandem mehr erzählen. Lernt Spike und Jet kennen, einen Herumtreiber und einen Cyborg-Cop im Ruhestand, die sich gemeinsam zu einer Kopfgeldjagd zusammen geschlossen haben. In dem umgebauten Schiff The Bebop durchsuchen Spike und Jet die Galaxie nach Kriminellen, auf die, warum auch immer, ein Kopfgeld ausgesetzt ist.

Dabei treffen sie auf viele interessante Charaktere, darunter den ungewöhnlich intelligenten Hund Ein, die verkorkste Hackerin Ed und die sowohl sinnliche als auch nervtötende Faye Valentine, eine vollkommene Femme fatale mit Reizen und Fehlern. Der Mond ist durch einen Unfall zerbrochen und hat weite Teile der Erde unbewohnbar gemacht, alles ist kalt, dreckig, depressiv.

Jetzt, mit viel weniger Skrupeln als der Rest ihrer in alle Winde verteilten Spezies, findet sich die bunt zusammengewürfelte Bande oft ohne Geld und folglich ohne Essen auf ihren Tellern wieder – einen Status, den sie tunlichst und schnellstens wieder ändern wollen. Also geht es auf ins nächste Abenteuer. Und wenn sie in das Kreuzfeuer eines Mafia-Großkampfes geraten, überdenken sie vielleicht alle die Entscheidungen, die sie bisher in ihrem Leben getroffen haben.

Einen Hoffnungsschimmer gibt es nur selten. Und wenn, dann verblasst er irgendwo hinter den durch den Raum schwebenden Metalltrümmern, den Geschichten vom Krieg, der unerfüllten Liebe, der Habgier der anderen. Die Wirkung der diversen Medikamente trägt nicht unbedingt dazu bei, dass man die Erlebnisse der episodenhaften Abenteuer so kühl erlebt, wie sie womöglich eigentlich gedacht sind.

Cowboy Bebop ist ein fast schon vergessener Schatz. Ein Relikt, das durch die wahnsinnig gute Musik von Yoko Kanno, deren gesammelte Werke ich für immer und ewig hören könnte, und einer direkt ins Herz gehenden Truppe an unterschiedlichsten Charakteren zur Legende wird. Ich möchte mit Ed eine Partie Schach spielen, ich möchte mit Ein auf einer grünen Wiese herum tollen, ich möchte Faye unter den Tisch trinken.

Immer wenn “The Real Folk Blues” von den Seatbelts einsetzt und ich durch Apothekenutensilien schon fast in andere Sphären versetzt bin, dann bin ich glücklich und mir läuft eine Träne über die Wange. Weil ich dabei war, als Spike und Vicious die Kirche in Schutt und Asche legten, als Roco auf der Venus starb, als das Innenleben des Bebop-Kühlschranks Jagd auf Jet und seine Freunde machte.

Dass Cowboy Bebop, erstmals im Jahr 1998 ausgestrahlt, ein absoluter Fanliebling ist, versteht sich von selbst. Der Anime ist ein Meisterwerk des Geschichtenerzählens, der Ideen, des Designs, der von Yoko Kanno komponierten Musik und der Produktion auf allen erdenklichen Ebenen.

Cowboy Bebop ist einzigartig. Er taucht regelmäßig in den Top-Ten-Listen der Anime-Juwelen auf und steht manchmal sogar an der Spitze eben dieser – und zwar vollkommen zurecht. Es ist leicht zu verstehen, warum: Er hat alles und noch viel mehr. Wenn ihr euch in diesem Jahr auch nur einen einzigen Anime sehen wollt, dann ist Cowboy Bebop zweifellos derjenige, in den ihr noch heute eintauchen solltet.

Das Tolle daran, wenn man krank ist, ist die Tatsache, dass man alte Serien am Stück gucken kann, ohne ein schlechtes Gewissen dabei haben zu müssen. Du bist nicht produktiv, sondern pfeifst dir ein Grippostad C nach dem anderen rein, steckst den Pizzaboten mit deinen Viren an, drückst auf Play, es geht los, alles ist gut. Du legst dich hin und tauchst ein in eine ferne Welt.

Cowboy Bebop: Kopfgeldjäger im Weltall
Die Illustration stammt von Sunrise
Der Text erschien in der Kategorie Filme mit den Themen
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Rakutaro Ogiwara: Junges Japan

Wenn ihr Menschen zum Thema Japan befragt, dann antworten diese meist mit Stereotypen. Sie kennen Sushi und vielleicht noch Sake. Sie kennen verrückte Fernsehshows und vielleicht noch Manga. Sie erwähnen womöglich sogar die Automaten, an denen Leute die gebrauchte Unterwäsche von minderjährigen Schu...
Rakutaro Ogiwara: Junges Japan

Rakutaro Ogiwara

Junges
Japan

Marcel Winatschek

Wenn ihr Menschen zum Thema Japan befragt, dann antworten diese meist mit Stereotypen. Sie kennen Sushi und vielleicht noch Sake. Sie kennen verrückte Fernsehshows und vielleicht noch Manga. Sie erwähnen womöglich sogar die Automaten, an denen Leute die gebrauchte Unterwäsche von minderjährigen Schulmädchen kaufen können, die gerade knapp bei Kasse sind.

Doch wer einen Fuß nach Japan setzt, der merkt schnell, dass das Land aus mehr besteht als nur süßen Animefiguren, farbenfrohen Videospielen und frisch geschnittenem Fisch. Die Nation wird gerade von einer unglaublich kreativen, überaus verspielten und oft auch sehr einsamen Jugend übernommen, die nur eines möchte: In einer Gesellschaft voller strikter Regeln überleben.

Der in Sagamihara lebende Künstler Rakutaro Ogiwara hat es sich zur Aufgabe gemacht, die jungen Einwohner seines Heimatlandes in seinen Fotografien zu verewigen. Auf seinem Instagram-Account teilt er spezielle, interessante und manchmal sogar magisch intime Momente von Menschen, deren Ideenreichtum oft nur von ihrer instinktiven Schüchternheit übertroffen wird.

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Die Fotografie stammt von Rakutaro Ogiwara
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Tarzan wohnt bei mir: Tausche Nachbarn

Angefangen hat alles vor etwa zwei Wochen, als es Montag morgens um circa 6:30 Uhr an meiner Wohnungstür klingelte. Nach kurzen Zweifeln, wer wohl so früh an meinen Nerven zerren will, kam mir eine meiner liebsten Freundinnen in den Sinn, die eventuell noch etwas vorbeibringen wollte. Aber so früh?...
Tarzan wohnt bei mir: Tausche Nachbarn

Tarzan wohnt bei mir

Tausche
Nachbarn

Carolin Schütz

Angefangen hat alles vor etwa zwei Wochen, als es Montag morgens um circa 6:30 Uhr an meiner Wohnungstür klingelte. Nach kurzen Zweifeln, wer wohl so früh an meinen Nerven zerren will, kam mir eine meiner liebsten Freundinnen in den Sinn, die eventuell noch etwas vorbeibringen wollte. Aber so früh? Und ohne davor noch mal Bescheid zu geben?

Nach kurzem Zögern öffnete mein Freund die Tür und es blickte uns ein zugequollenes, leicht verstört hereinblickendes weibliches Wesen an, das wohl neben einer kilometerlangen Koksspur den Kasten Bier auch nicht verschmäht hatte. Mehr als unverständlich versuchte sie irgendwelche Worte aneinanderzureihen, die man sich leider durch den vermutlichen Drogeneinfluss nur schlecht zusammenreimen konnte.

Doch indem sie uns geistesgegenwärtig ihr Handy vor die Nase streckte und wir aus ihrem Mund irgendwas mit „Tastensperre“ entnehmen konnten, stellte sich heraus, dass es um das Entsperren eben dieser ging. Zwei Tastenklicke und das Problem war gelöst. Dachten wir.

Amüsiert davon, und mittlerweile auch wach, machte ich mich auf den Weg ins Bad, als es wieder an der Tür klingelt. Dieselbe verstörte Person mit demselben Problem. Leute, ist es wirklich möglich innerhalb von zwei Minuten das Entsperren eines Mobiltelefons wieder zu vergessen?

Seitdem klingelt es alle paar Tage, meist zu solch unchristlichen Zeiten wie früh um fünf Uhr oder nachts um halb eins an meiner Tür. Geöffnet habe ich seitdem nicht mehr. Bin ich nun ein schlechter Mensch? Unsozial zu meinen Nachbarn? Oder ist es nur berechtigt auch mal seinem Schlaf nachzugehen?

Dann wäre da noch der tarzanähnlich aussehende Typ. Etwas kleiner. Anfang dreißig. Lange, leicht gelockte braune Haare. Viel zu gebräunter Teint für diese Jahreszeit. Schmal gebaut, trotz allem ziemlich durchtrainierter Körper.

Woher ich das mit dem durchtrainierten Körper weiß? Ich hätte es mir auch lieber erspart, aber vor zwei Tagen stand der besagte Typ kurz nach acht Uhr morgens in seiner offenen Wohnungstür. Beide Hände in die Hüften gestützt, rief er mehrmals ziemlich laut und angepisst „Hallooo?!“ durchs Treppenhaus.

Nichts ahnend, woher das kommt, und die Treppen nach unten stürzend, um noch rechtzeitig die S-Bahn zu erwischen, rief ich einfach mal belustigt „Hallooo!!“ zurück, als ich plötzlich im ersten Stock diesen fast nackten Körper, lediglich mit einer verdammt knappen „Unterhose“ bekleidet, vor mir stehen sah.

„Hast du meine Waschmaschine?!“ Leicht verdutzt antwortete ich: “Äh, nein…?“ Wieso auch? Hat man ihm im Schlaf die Waschmaschine unter seinem Allerwertesten weggeklaut? War die verstörte Tussi mit dem Handy von neulich seine Freundin, Verlobte, Frau, Affäre, die aus Rache seine Waschmaschine mitgehen hat lassen?

Man weiß es nicht. Aber ich werde es sicherlich in den nächsten Wochen herausfinden. Eventuell sogar mit den beiden Freaks über mir: einer stellte sich damals als „Stefan und ich bin hauptberuflich DJ“ vor. Sehr von sich selbst überzeugt. Wer sonst stellt sich mit seinem Beruf als Zweitname vor?

Der andere, „Holger und arbeite bei ProSieben“, wollte irgendwie nicht mehr von meiner Türschwelle treten und erzählte eifrig von dem Sender, bei dem er wohl für das Kaffe kochen zuständig ist, was mich natürlich wahnsinnig interessierte. Nicht. Beide sind meist nachts um halb drei aktiv, verrücken Schränke, bohren und hämmern und legen vor allem Platten auf. In einer eheunmenschlichen Lautstärke.

Und, nicht zu vergessen, das uralte Pärchen im obersten Stock, welches immer noch das Weihnachtsgeschenk meiner Tante gehamstert einbehalten hat, jedoch steif und fest behauptet, dieses nie angenommen zu haben. So. Und was machen eure Nachbarn Tag für Tag?

Die Fotografie stammt von Christian Stahl
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Kurze Haare, kleine Brüste: Ich liebe Tomboys

Als ich mit zwölf Jahren meine allererste, sogenannte, Freundin in unserem selbstgebauten Geheimversteck irgendwo unter Pappkartons, Rattengift und Industriepaletten den nackten, haarigen Arsch kraulte, wusste ich, was mich mein restliches Leben lang erwarten würde. Denn sie war keines dieser normal...
Kurze Haare, kleine Brüste: Ich liebe Tomboys

Kurze Haare, kleine Brüste

Ich liebe
Tomboys

Marcel Winatschek

Als ich mit zwölf Jahren meine allererste, sogenannte, Freundin in unserem selbstgebauten Geheimversteck irgendwo unter Pappkartons, Rattengift und Industriepaletten den nackten, haarigen Arsch kraulte, wusste ich, was mich mein restliches Leben lang erwarten würde. Denn sie war keines dieser normalen Mädchen, die irgendwann anfingen, sich wie wild Make-up aufs Gesicht zu knallen, zur Pediküre zu gehen und sich die Beine zu rasieren, sondern mein bester Kumpel. Seit etlichen Jahren schon.

Wir sprangen als Power Rangers über Erdsäcke, schlugen uns im Wald gegenseitig windelweich und schauten spät abends zusammen mit ihren kleinen Brüdern die ersten Pornos auf TM3, nur um ihr eigen Fleisch und Blut dann auszulachen und johlend die Treppe hinunter zu stoßen. Ich bewunderte Maria mit jeder Faser meines Körpers. Sie war mein erster Tomboy.

Drei Jahre später hatten wir dann das erste Mal Sex. Sie kam gerade vom Kellnern im Lokal ihrer Mutter hoch in ihr Zimmer, wir redeten die ganze Nacht. Über wahnsinnige Träume und die Zukunft und Xavier Naidoo. Ich streifte ihr mit einer Handbewegung den hellgelben Slip vom Körper und wühlte mich durch ihren behaarten Unterleib.

Ein guter Freund schlummerte grinsend daneben, der Vollmond schien ins Zimmer – wie romantisch das doch war. Dass sie mir ein Jahr später beichtete, sie sei ja eigentlich lesbisch und hätte sich schon im Kindergarten am liebsten von Liesl und Beate beim Mittagsschlaf umarmen lassen, hielt mich nicht davon ab, diese Liebe zu weiblichen Kumpeltypen fortzusetzen.

Tatsächlich stand ich noch nie auf nervige Tussis. Mit ihren Stöckelschuhen und Handtäschchen und glitzernden Lippen. Obwohl ich mit einigen von ihnen zusammen war. Zum Testen. Was ich wollte, waren Mädels mit Verstand. Und Direktheit. Und Sinn für’s Grobe. Ich mochte diejenigen, die statt Tangas Boxershorts trugen. Die sich auf Skateboards blutige Knie einheimsten, anstatt im Solarium zu verbrennen.

Die sich durchsetzen konnten und frech waren und eine eigene Meinung hatten und verdammt noch mal eher das Leben fickten, als sich davon penetrieren zu lassen. Die man als gute Freunde kennen lernte und die plötzlich mit prallen Titten und fertiger Muschi schmunzelnd vor einem standen, aber sich dennoch nicht verändert hatten. Und dann ausprobierten, was neu war. Wie mit Maria. Oder Anastasia. Oder Wenke.

Eine gute Freundin meinte einmal zu mir, dass ich auf diese Art von Mädchen stehe, weil ich ohne Vater aufgewachsen bin. Und dadurch versuche, mit allen Mitteln verlorene Autorität zurück zu holen. Mag sein, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass ich nichts mit Mädchen anfangen kann, die zu allem Ja und Amen sagen. Die unbedingt dem geltenden Schönheitsideal entsprechen müssen. Und die kichern und klimpern und niemals furzen oder grunzen oder schlagen. Wie öde. Dann kann ich auch mit einer Puppe zusammen sein.

Die schönsten und womöglich auch lehrreichsten Zeiten meines Lebens habe ich deswegen auch immer mit weiblichen Wesen erlebt, die eben mehr Kumpel als Freundin waren. Mit denen ich nachts um die Wette trinken und koksen und kotzen und grölen konnte, nur um sie anschließend auf dem Balkon durchnehmen zu dürfen, während Muse auf voller Lautstärke lief – weil es gerade Sommer war und die Stadt unter der Hitze zu zerschmelzen drohte. Die kleine, feste Brüste mit diesen wahnsinnig tollen, puffigen Nippeln hatten, weil Gott bis zur letzten Sekunde unentschieden war, welches Geschlecht er ihnen um seines Willen erteilen sollte. Und ich war ihm unendlich dankbar dafür.

Und die während des Sex erst einmal lautstark nebenan kacken gingen, nur um ein paar Minuten später grinsend zurück zu kehren, ihre abstrusen und verrückten Abenteuer auf dem Klo zu schildern und dann mit fettigem Salami-Sandwich und einer frisch geöffneten Flasche Bier im Mund weiter zu vögeln. Um anschließend selbst Fotos mit der miesen Digitalkamera vom Discounter von sich zu machen und am nächsten Tag an einen weiteren unserer Kumpel zu schicken. Das ist wahre Liebe, fernab von allen beschissenen Disney-Filmen und Bravo-Foto-Love-Storys und Bilderbuch-Ratgebern. Was für ein Dreck.

Also lebe ich mein Leben ganz normal weiter, schlafe ab und zu mit langweiligem Menschen, deren Geschichten schon tausend Mal erzählt worden sind, und hoffe insgeheim, dass ich mich irgendwann einmal richtig in einen vorlauten, durchgeknallten, anstandslosen, rülpsenden, furzenden, biertrinkenden, dreckig lachenden, ungeschminkten, kleinbrüstigen, selbstbewussten Kumpeltyp mit Sommersprossen und hübscher Scheide und verschmitzten Lächeln und abstrusen Erlebnissen verknalle, und umgekehrt, der keine Angst vor’m Leben hat und über jeden noch so hohlen Blondenwitz genau so widerlich lacht wie ich.

Der eine Vergangenheit zum Eintauchen hat. Mit Höhen und Tiefen und zum Niederknien tolle Lieblingsfilme und Lieder und sowieso. Der mehr Zeit mit anderen Jungs auf dem Fußballplatz als im Barbie-Traumhaus verbracht hat. Und der nun mal eine Sie ist, bei der man im ersten Augenblick weiß: Alter, mit der ist das ganze restliche Leben eine große Mischung aus Sex und Beer Pong und Großmäuler verprügeln und auf Reisen gehen und Autos anzünden und den Sonnenuntergang anhimmeln und Slipknot hören und Geld rauswerfen und Party machen und nackt im See planschen und sich gegenseitig Flaschen reinschieben und sich mit diesem ganz bestimmten Grinsen zulächeln, das man eben nur kennt, wenn man gerade seinen besten Freund fickt. Das ist das Beste. Am ganzen Leben. Versprochen.

Die Fotografie stammt von Daniel Apodaca
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Linke Gewalt: Widerstand und Prügel

Sagen wir es direkt mal so, wie es ist: Die linke Szene hat ein Gewaltproblem. Nein, ich rede nicht vom Anzünden von Autos oder Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, was, seien wir mal ehrlich, einer der lächerlichsten Straftatbestände ist, die das Strafgesetzbuch zu bieten hat. Abgesehen von der S...
Linke Gewalt: Widerstand und Prügel

Linke Gewalt

Widerstand
und Prügel

Lena Freud

Sagen wir es direkt mal so, wie es ist: Die linke Szene hat ein Gewaltproblem. Nein, ich rede nicht vom Anzünden von Autos oder Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, was, seien wir mal ehrlich, einer der lächerlichsten Straftatbestände ist, die das Strafgesetzbuch zu bieten hat. Abgesehen von der Strafbarkeit für den Besitz von Marihuana vielleicht.

Nein, wovon ich spreche ist die linke Szene und ihr Problem mit Gewalt gegenüber Frauen. Und wenn ich „Frauen“ sage, dann schließt das Transfrauen, genderqueere oder intersexuelle Personen und solche, die von der Gesellschaft als weiblich gelesen werden, mit ein. Auch wenn nicht öffentlich darüber geredet wird, die hinter vorgehaltener Hand weitergegebenen Warnungen („Halte dich besser von XY fern, der hat sich mehr als nur einer Frau gegenüber übergriffig verhalten!“) kennen wir alle.

Man würde wohl nicht vermuten, dass solche Stille-Post-Spiele über gewalttätige Männer in der linken Szene Gang und Gäbe sind, schließlich gilt sie nach außen hin als besonders feministisch und setzt sich gegen lautstark gegen Diskriminierung ein und damit unter anderem auch gegen Sexismus. Die übergriffigen, das sind immer die anderen. Wenn jemand aus dem eher mittleren bis rechten Spektrum mit Gewalt auffällt, wundert das eigentlich niemanden mehr so richtig.

Wenn es sich jedoch um einen Mann aus der linken Szene handelt, dem öffentlich sexuelle, emotionale, homophobe oder rassistische Gewalt vorgeworfen wird, will das erst einmal niemand so richtig glauben. Schließlich ist ja bekannt, dass dieser Mensch ein Feminist ist und bei Demos für Frauenrechte immer in der ersten Reihe mit marschiert. Dem traut man Gewalt einfach nicht zu – außer vielleicht ein paar Steinwürfe in Richtung Polizisten. Und auch nur dann, wenn die Polizei sich als Erstes gewalttätig verhalten hat. Aus purer Notwehr, sozusagen.

Fakt ist jedoch: In der linken Szene gibt es Gewalt. Und sie richtet sich nicht etwa ausschließlich gegen „das System“, sondern in erster Linie gegen marginalisierte Menschen innerhalb der eigenen Strukturen. Die Sache ist jedoch, dass die Gewalt der Linken gegen die Menschen, für die sie vorgeben, zu kämpfen, sehr viel subtiler von statten geht als das, was wir in den Medien zu sehen kriegen, wenn über „linke Gewalt“ berichtet wird.

Es fliegen keine Molotow-Cocktails durch die eigenen Reihen, und es zündet auch niemand Autos an, die jemandem aus der eigenen Gruppierung gehören oder schlägt seine Frau auf offener Straße windelweich. Und dennoch ist sie da, die Gewalt. Die Öffentlichkeit bekommt sie nur nicht mit, weil sie verschwiegen, abgestritten und so gut es geht vertuscht wird. Und zwar von den Menschen, die vorgeben, für mehr Gerechtigkeit zu kämpfen. Es ist ihr linker Status, der die Täter davor schützt, bestraft zu werden und die Glaubwürdigkeit der Opfer untergräbt.

Die linke Szene besteht nach wie vor überwiegend aus Männern. Aus weißen, heterosexuellen Männer wohlgemerkt, die Diskriminierung so gut wie nie am eigenen Leib erfahren hat, denn die meisten von ihnen stammen aus guten Elternhäusern, in denen Geld nie eine Rolle spielte und haben sich bewusst dafür entschieden, „links“ zu sein – und nicht etwa, weil sie es sein mussten, in etwa, weil das eigene diskriminiert werden sie dazu zwang. Strukturelle Diskriminierung, wie Homosexuelle, Transsexuelle, Frauen, People of Color oder Menschen mit Behinderungen oder psychischen Erkrankungen sie erleben, kennen diese Männer nur aus Erzählungen von anderen.

Sie sind genauso privilegiert aufgewachsen wie die weißen, heterosexuellen Männer, die sich später nicht explizit linken Gruppierungen anschließen und wurden dementsprechend schon immer von patriarchalen Strukturen geschützt, die sie als vollkommen normal erachten. Vielleicht, weil sie es nicht anders kennen. Vielleicht aber auch, weil sie gewisse Privilegien, die ihnen aufgrund dessen zuteilwerden, einfach nicht ablegen wollen.

Es sind besonders diese linken „Feministen“, die immer wieder betonen, dass es bei Feminismus ja um Gleichberechtigung ginge und es deshalb auch nicht okay sei, Männer von vornherein irgendwo auszuschließen – seien es nun Konzerte, auf denen nur Frauen als Gäste zugelassen werden oder Sportarten wie Rollerderby, bei denen Männer nun einmal nicht teilnehmen dürfen.

In solchen Fällen vergessen sie nur allzu gerne, dass es dabei keineswegs darum geht, Männer zu „diskriminieren“, sondern ausschließlich darum, einen sicheren Ort für Frauen zu schaffen, in dem diese vor übergriffigen Männer geschützt werden und ausnahmsweise einmal eine sorglose Zeit verbringen können, da sie nicht damit rechnen müssen, jederzeit belästigt zu werden. Sei es nun körperlich oder auch „nur“ verbal.

Es ist also kein Wunder, dass Warnungen über übergriffige Männer aus dem linken Spektrum fast ausschließlich durch das Stille-Post-Spiel von Frau zu Frau getragen werden, statt sie offen innerhalb der Gruppe zu diskutieren. Die betroffenen Frauen, die sich trauen, ihre Erlebnisse zu teilen, werden größtenteils als „zu sensibel“ abgestempelt. Man traut dem beschuldigten Mann auch einfach keine Gewalt zu. Schließlich ist ja bekannt, dass er „Feminist“ ist und sich für die Rechte von Frauen stark macht. „Er“ würde so etwas einfach nicht tun.

Viel wahrscheinlicher, als dass ein Mann, der sich als links bezeichnet, sich auf irgendeine Art und Weise gewalttätig verhält, ist doch, dass es „nur ein Missverständnis“ war. „Ein kleiner Spaß, der viel zu ernst genommen wurde.“ „Feministinnen müssen das abkönnen!“, heißt es dann gerne mal. Oder „Ich hab den Witz von meinem schwarzen Freund und der fand ihn extrem lustig, er kann also nicht so rassistisch sein!“

Linke Gewalt ist, abgesehen von besagten Steinwürfen auf Polizisten und auf rechte Läden geworfene Molotow-Cocktails, jedoch vor allem eins: subtil. Sie beginnt und endet immer mit emotionaler Einschüchterung und Manipulation. Dazwischen ist alles möglich. Von „harmlosen“ Witzen mit sexistischen und rassistischen Inhalten bis hin zu Vergewaltigungen. Ein „Nein!“ wird auch hier noch nicht als „Nein!“ gelesen, sondern maximal als „Überzeug’ mich!“

Die linkspolitische Einstellung schützt. Die meisten Männer wissen das und nutzen es aus. Sie wissen, dass den Opfern sowieso niemand Glauben schenken würde, weil die vorgeworfene Gewalttätigkeit nicht mit dem Bild, das sie anderen von sich präsentieren, konform geht. Und so fahren sie fröhlich fort damit. Eine Ächtung haben sie nicht zu befürchten – und wenn doch, haben sie tausende von Ausreden parat, die ihre Taten auf irgendeine Art und Wiese doch rechtfertigen und können sich im Zweifelsfall auf all das stützen, was sie schon für marginalisierte Personen getan haben. Ein „Ausrutscher“ kann jedem Mal passieren. „Alle Menschen machen Fehler!“

Deswegen bleibt am Ende nur das Stille-Post-Spiel statt die öffentliche Diskussion um Gewalt innerhalb der linken Bewegung untereinander. Die Warnungen, die mir über einzelne Personen zugetragen wurden, entpuppten sich bisher allesamt als berechtigt. Und die großen, einflussreichen, mächtigen der linken Szene? Schweigt. Obwohl das Tuscheln über die internen Gewaltstrukturen längst nicht mehr zu überhören sind.

Die Fotografie stammt von Jean Toir
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Kopf gegen Herz: Denkst du noch oder liebst du schon?

Wenn ich sage, dass ich Gefühle für jemanden habe, also Gefühle, die nicht Hass sind, dann muss man bei mir zwischen drei verschiedenen Kategorien unterscheiden. Ich habe quasi Gefühle in drei verschiedenen Stadien – verknallt sein, verliebt sein und lieben. Und über diese Gefühle spreche ich fast n...
Kopf gegen Herz: Denkst du noch oder liebst du schon?

Kopf gegen Herz

Denkst du noch oder
liebst du schon?

Jana Seelig

Wenn ich sage, dass ich Gefühle für jemanden habe, also Gefühle, die nicht Hass sind, dann muss man bei mir zwischen drei verschiedenen Kategorien unterscheiden. Ich habe quasi Gefühle in drei verschiedenen Stadien – verknallt sein, verliebt sein und lieben. Und über diese Gefühle spreche ich fast nie.

Ich will nämlich nicht darüber sprechen müssen, sondern einfach nur fühlen. Die Liebe leben, in all ihren Facetten, selbst wenn dazu der Schmerz gehört. Die Liebe ist aber dabei, sich zu verlieren. Ich glaube, wir haben sie wegrationalisiert. Vielleicht aus Angst. Vielleicht aus Egoismus. Vielleicht, weil wir uns alle viel zu kaputt dafür halten.

Ich verknalle mich ziemlich oft. Meistens sogar mehrmals am Tag. In den Typen, der im Park mit seinem Hund spielt oder das Mädchen, das mit mir einem zuckersüßen Lächeln einen ebenso süßen Cupcake verkauft. Um mich zu verknallen, muss ich nicht mal mit jemandem sprechen. Es reicht, den Menschen anzusehen, um verknallt zu sein. Einfach, weil er oder sie etwas ausstrahlt, das mich anzieht. Es ist das Geringste aller Gefühle, und doch ist es wunderschön.

Das Problem daran, verknallt zu sein, ist, dass es schnell wieder verfliegt. Zum Beispiel, weil der Mensch, in den man sich verknallt hat, einen wirklich dummen Satz sagt oder plötzlich Bushido über den Lautsprecher seines Telefons abspielt.

Die Oberflächlichkeit siegt über das Gefühl, das ich im Moment des ersten Treffens hatte – und dann will ich nach Möglichkeit auch nichts mehr mit dieser Person zu tun haben, ihr am besten nicht mal mehr begegnen, weil es mir schon irgendwie peinlich ist, dass ich in sie verknallt war. Ich habe das verknallt sein wegrationalisiert.

Verliebt sein, das ist schon etwas mehr. Es sind diese viel zitierten Schmetterlinge im Bauch, wenn man die andere Person sieht oder vielleicht auch nur an sie denkt. Manchmal frage ich mich dann, ob ich vielleicht nicht einfach nur kotzen muss und deshalb dieses seltsame Gefühl im Bauch habe, doch wenn ich das Gefühl dann näher hinterfrage, stellt sich eigentlich immer raus, dass ich doch nur verliebt bin.

Wenn ich verliebt bin, bekomm ich von dem anderen Menschen nie genug. Manchmal weiß ich, dass es falsch ist und dass ich all diese Gefühle gar nicht haben sollte, weil der Mensch eigentlich schlecht ist für mich.

Es ist dann wie mit Alkohol: Man trinkt und trinkt und trinkt, und redet sich ein, dass der Kater schon nicht so schlimm sein wird, auch wenn man weiß, dass er kommen muss. Und so ertrinke ich eben manchmal in Gefühlen, und das ist schön, auch wenn dort vielleicht Herzschmerz auf mich wartet. Der Rausch, der vorher kommt, ist toll, und so trinkt man eben und verliebt sich immer wieder.

Was das Trinken betrifft, bin ich mittlerweile fast erwachsen geworden. Ich trinke immer seltener, denke bei jeder Runde nach, ob ich wirklich noch einen Shot will – immerhin weiß ich, dass ein Kater darauf folgt, und je mehr man trinkt, desto schlimmer fällt er aus. So wie beim Alkohol ist auch bei meinen Gefühlen irgendwann der Punkt erreicht, an dem ich mir die Frage stellen muss, ob ich aus dem Verliebtsein Liebe machen will, auch wenn ich weiß, dass Herzschmerz auf mich wartet.

Nicht sofort, sondern einfach irgendwann – und je mehr man sich verliebt, desto schlimmer wird der Schmerz. Es beginnt das rationale Denken. Ist es wirklich das, was ich will? Und selbst wenn ich unbedingt will – kann ich das überhaupt? Ist es mit meinem Job vereinbar? Meinen Freundschaften? Meinem Leben?

Die Antwort lautet fast immer: Nein. Wir sind zu Einzelkämpfern geworden, und bei der weiteren Lebensplanung auf einen zweiten Menschen zu achten, ist uns zu viel. Bevor man einfach schaut, wo es hinführt oder hinführen könnte, gibt man es wieder auf. Aus Angst, von vorne anfangen zu müssen, wenn es doch nicht funktioniert. Mit der Liebe kommt der Schmerz, und diese langsam heilenden Wunden können wir uns längst schon nicht mehr leisten. Wir rationalisieren das Verliebtsein also weg.

Ich will dann manchmal wieder 16 sein, als verliebt sein noch das Größte war und fast das Einzige, nach dem man strebte. Damals war es irgendwie leichter. Man verliebte sich, man kam zusammen und dachte, es würde für immer halten. Man machte Pläne für die Zukunft, obwohl man nicht wusste, wer man ist und wohin man will, und versprach sich, die Wege gemeinsam zu gehen, auch wenn sie in unterschiedliche Richtungen führten.

Man trank gemeinsam zu viel und kotzte dann und es war irgendwie egal, denn es ging nur um den Moment. Darum zu fühlen und berauscht zu sein, vom Schnaps und der Verliebtheit. Es gab nichts wegzurationalisieren, weil einfach nichts davon wirklich schlimm war – weder der Kater, noch der Schmerz, wenn eine Liebe doch nicht hielt.

Jetzt, wo ich längst nicht mehr 16 bin, erscheint mir all das viel zu schwer. Natürlich war es damals auch nicht so leicht und dennoch – es wurde mit den Jahren immer schwerer. Statt mich einfach zu verlieben, gehe ich nun auf Nummer sicher; immerhin weiß ich, wer ich bin und was ich will. Oder glaube zumindest, genau das zu wissen.

Und wisst ihr was? Ich hab keinen Bock mehr auf die Sicherheit. All die Rationalität, die ich mir in all den Jahren antrainiert habe. Die Vorsicht, die die vielen Herzbrüche, die ich mir und anderen zugefügt habe, mit sich gebracht haben. Wenn ich heute sage, dass ich jemanden liebe, dann ist das ziemlich rational. Weil er eben einfach gut zu mir passt. Zu meinem Leben. Meinen Freunden. Meinem Job.

Und ich meine das ernst, wenn ich sage, dass ich diesen Menschen liebe – denn ehrlich, Menschen, die so perfekt für einen sind, die kann man nicht nicht lieben. Doch diese Liebe entsteht in meinem Kopf und nicht dort, wo sie eigentlich entstehen sollte – nämlich im Herzen – und sie entsteht erst dann, wenn ich alles genau hinterfragt und für okay befunden hab. Ich kann lieben, ohne verliebt zu sein. Genau genommen kann ich sogar erst dann lieben, wenn das Verliebtsein endlich weg ist – und das ist so ziemlich das Traurigste, das ich mir jemals eingestehen musste.

Ich nehme mir selbst das »Zsa-Zsa-Zsu«, weil ich immer Angst habe, dass die Schmetterlinge im Bauch mich doch nur zum Kotzen bringen – dabei will ich genau das. Also, nicht kotzen selbstverständlich, aber es zumindest mal riskieren. Den Kopf ausschalten und den fünftem Tequila doch noch runterkippen. Den einen Kuss zu viel noch wagen, auch wenn’s vielleicht der Falsche ist.

Die Gefühle überschwappen lassen, statt sie zu unterdrücken, damit am Ende bloß nichts weh tut. Schmerz gehört doch einfach dazu – und ehrlich, was wir mit 16 überlebt haben, das schaffen wir auch heute. Ich will die drei Stadien meiner Gefühle, verknallt sein, verliebt sein und lieben, nicht mehr nacheinander abhaken, so wie ich das bisher getan habe. Sondern endlich wieder ineinander fließen lassen.

Die Illustration stammt von Icons8
Der Text erschien in der Kategorie Liebe mit den Themen
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Grillfleisch, Sperma, Einmannzelt: Ficken auf dem Festival

Es fängt immer alles vor der Bühne beim Konzert an, bei romantischer Feuerzeug-in-die-Höhe-halten-Stimmung, wenn du dich einsam fühlst und die Hüfte der Nebenfrau eine Kuhle der Geborgenheit zu sein scheint, in die du deine Hände legen und in der du Halt finden kannst. Ein bisschen schunkeln, bev...
Grillfleisch, Sperma, Einmannzelt: Ficken auf dem Festival

Grillfleisch, Sperma, Einmannzelt

Ficken auf
dem Festival

Christine Neder

Es fängt immer alles vor der Bühne beim Konzert an, bei romantischer Feuerzeug-in-die-Höhe-halten-Stimmung, wenn du dich einsam fühlst und die Hüfte der Nebenfrau eine Kuhle der Geborgenheit zu sein scheint, in die du deine Hände legen und in der du Halt finden kannst.

Ein bisschen schunkeln, bevor Nägel mit Köpfen gemacht werden. Dein Schwanz klopft von hinten an ihre Pobacken. Sie dreht sich um, steckt dir die Zunge in den Hals, spielt Propeller und die Sache ist geritzt. Zwei Menschen wollen Liebe. Jetzt. Sofort.

Auf dem Weg zum Zelt müsst ihr euch noch zurück halten. Anstaltshalber. Ficken in der Öffentlichkeit ist ja auch irgendwie verboten. Sollte aber eigentlich auf einem Festival so halb legal wie Kiffen sein. Um nicht unnötig miteinander reden zu müssen, kann manchmal ziemlich unsexy sein, wenn ein komischer Dialekt oder Geruch aus dem Mund kommt, und außerdem ist ja genau das Unbekannte so sexy, knutscht du einfach weiter, schiebst zum ersten Mal die Hand unter das Shirt und fühlst einen weichen, vom Pommesfett und Alkohol aufgeschwemmten und Schweiß leicht klebrigen, wohligen Körper.

Vor lauter Herumlecken kannst du dich gar nicht konzentrieren. Zu mir oder zu dir? An der leidigen Frage kommst du nicht vorbei. Schnell und in wenigen Worten klärt ihr, wer den Luxus eines Einmannzeltes hat oder welcher temporäre Mitbewohner am besten mit der Tatsache zurecht kommt, dass gleich hemmungslos auf seinem Daunenschlafsack abgespritzt wird. Echte Adrenalin-Junkies nehmen natürlich das fremde Zelt.

Lippe an Lippe gepresst lauft ihr über die Stolperlandschaft Zeltwiese, reißt euphorisch ein paar Heringe mit den Füßen aus dem Boden und bekommt schon die ersten Beschwerden. „Hey, geht’s noch, ihr Assis?“ Scheiß’ drauf! Denn endlich habt ihr die Liebeshöhle erreicht. Die Lippen müssen sich trennen, kein Grund Körperkontakt zu verlieren. Weiterfummeln.

Während du nervös im Stockfinstern den Reißverschluss zum Zelteingang sucht, tastet sich so manche Hand entlang des Hosenbundes, öffnet die Gürtelschnalle und fühlt schon einmal das Ausmaß des Gemächts. Noch kann sie wegrennen, falls nur ein kleines Wienerwürsten angeklopft hat. Sex im Zelt ist wie Dinner in the Dark.

Du weißt zwar grob, was serviert wird, aber was du wirklich bekommst, bleibt eine Überraschung, und weißt du erst, wenn du es probierst oder in den Mund steckt. Aber das macht auch den Nervenkitzel aus. Das Ungewissen, das Unbekannte und die Finsternis.

Nach so viel neuer Musik, die du den ganzen Tag über entdeckt hast, gehört zum krönenden Abschluss die Entdeckung und Eroberung eines frischen Körpers, das Ertasten einer fremden Brust, das Lecken eines unbekannten Oberschenkels, das Umklammern eines neuen Penis. Die Dunkelheit macht hemmungslos.

Scheiß’ auf die Cellulite, scheiß’ auf die Akne, scheiß’ auf die Welt da draußen. Sieht doch keiner. Es gibt nur zwei triebgesteuerte Körper, berauscht von Geilheit und Musik. Allzu viele akrobatische Stellungen sind aber nicht drin. Zu eng, zu klein, zu betrunken. Auch nicht schlimm, bei dem ganzen Überangebot an Kamasutra-Stellungen sehnst du dich eh back to the roots.

Einfach schnell verschmelzen, den steinharten Penis in die klitschnasse Muschi stecken und loslegen. Brüste kneten und Nippel ziehen nicht vergessen. Die Klassiker dürfen beim Sex im Zelt genauso wenig fehlen, wie die Toten Hosen auf Rock im Park. Die nassen Körper bewegen sich rhythmisch zum Bass, der in der Ferne wummert. Die Küsse werden salziger, die Luft dünner, das Gehirn matschiger und die Körper klebriger.

Es bildet sich ein kleiner See aka Feuchtgebiet im Lendenbereich, die Stoßbewegungen werden undefinierter und alles scheint außer Kontrolle zu geraten. Ficken auf Glatteis bei 36 Grad und 80 Prozent Luftfeuchtigkeit. Du schwimmst mit den Östrogenen und Androgenen in deinen Körperflüssigkeiten und produzierst beim Karnickelbumsen peinliche Quietsch-Platsch-Schleim-Geräusche.

Drauf geschissen, das raschelnde Nebengeräusch des Schlafsacks ist noch lauter und der Reißverschluss, der sich in deinen Oberschenkel bohrt, noch unangenehmer als die Genitalrutschpartie. Das hat ja schon wieder was.

Unbekannter Körper, unkontrollierbare Bewegungen, wie Masturbieren mit eingeschlafener Hand. Immer an die Geilheit denken und an die Tatsache, dass ihr es gerade zwischen 80.000 anderen Menschen treibt. 80.000 Menschen. Jeden Moment könnte einer reinschauen und euch beim intimsten Akt zugucken. Neben Kacken natürlich. Nur durch eine hauchdünne Membran seid ihr vom Voyeurismus der Außenwelt geschützt.

Der Gedanke erregt dich, leitet den Höhepunkt ein. Und jetzt? Schreien oder nicht schreien, das ist hier die Frage. Gentleman spielen, schweigen und genießen oder geiler Hecht sein und den Nachbarn zeigen, was du so drauf hast?

Ach, jetzt ist es auch schon egal! „Ich bin gleich… Oh Gott… Uuooaahhhhhhhhhhhhh…“ Der Schrei beim Orgasmus hört sich durch die Ohropax, die du natürlich drin gelassen hast, wie in einer Unterwasser-Traumwelt an. Und so fühlst du dich auch. Klitschnass und nicht wirklich am Leben.

Ihr sackt zufrieden und befriedigt zusammen. Wenn ihr nicht festklebt, streichelt ihr euch gegenseitig noch ein bisschen. Es geht hier nicht um Liebe, Kinder kriegen und Heiraten. Genau wie im Club wirst du auch auf einem Festival nicht deinen Traumpartner fürs Leben finden. Beim Ficken auf dem Festival geht es um animalische Triebe und das Gefühl von grenzenloser Freiheit. Selbstverwirklichung.

Den Namen hast du nach ein paar Tagen eh wieder vergessen. Vorausgesetzt du hast ihn zwischen dem Geschrei der anderen Leute und der lauten Musik überhaupt verstanden. Und wie genau das ganze Gebumse jetzt abgelaufen ist, wird dir auch nicht im Gedächtnis bleiben.

Doch was du niemals vergessen wirst, was sich wie ein Brandzeichen in die Nasenschleimhäute brennt – der Geruch. Der Geruch von Sex im Zelt. Der Duft von Alkohol und Grillfleisch aus dem Mund, gepaart mit Körpersekreten wie Schweiß und stinkende Füße, der vollendet wird mit einer Nuance Latex und Sperma. Aue de Sexival. Noch einmal tief ein- und ausatmen und dann, wie bei jedem guten Konzert, eine Zugabe abliefern.

Die Fotografie stammt von Daniele Colucci
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Mädchen in Hamburg: Ein Nachmittag mit Julia

Dass Hamburg eine durch und durch wunderschöne Stadt ist, beweisen nicht nur die kunterbunten Straßen, idyllischen Häfen und ikonischen Etablissements, die überall verteilt sind, sondern auch die Menschen, die sich tagtäglich durch die Metropole an der Elbe bewegen. Wer das Glück hat, rund um Altona...
Mädchen in Hamburg: Ein Nachmittag mit Julia

Mädchen in Hamburg

Ein Nachmittag
mit Julia

Daniela Dietz

Dass Hamburg eine durch und durch wunderschöne Stadt ist, beweisen nicht nur die kunterbunten Straßen, idyllischen Häfen und ikonischen Etablissements, die überall verteilt sind, sondern auch die Menschen, die sich tagtäglich durch die Metropole an der Elbe bewegen. Wer das Glück hat, rund um Altona, Eimsbüttel oder das Schanzenviertel zu leben, weiß um die Liebe, die die Bewohner mit Hamburg verbinden.

Eine der bezaubernden Gestalten, die Hamburg Tag für Tag noch ein bisschen hübscher machen, ist Julia, die in einem netten Klamottenladen namens Vintage Gallery arbeitet und tatkräftig dafür sorgt, dass stilbewusste Menschen ihren Store noch stilbewusster verlassen. Der angehende Fotograf Daniel Dittus hat die Hamburger Schönheit an einem sonnigen Frühlingstag für Sticks & Stones verewigt. Mit einer Ananas.

„Wir renovieren gerade meine neue Wohnung und sind darin auf Tapeten aus den Siebzigern gestoßen“, erzählt Daniel uns. „Ich habe Julia durch einen Freund kennengelernt und war fasziniert von ihrem Style und ihrem Vibe. Also habe ich sie gefragt, ob sie nicht mal Lust auf ein Shooting hätte. Wir hatten Glück, die Sonne strahlte und Julia, die zuvor noch nie vor der Kamera stand, zog einfach ihr eigenes Ding durch.“ Wundervoll!

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Die Fotografie stammt von Daniel Dittus
Als Model ist Julia Eh zu sehen
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Die McFit-Hölle: Sport ist Mord

Letztes Jahr wurde mir auf meiner Rucksackreise durch Südostasien vor allem nahe gebracht, wieso Asiaten eigentlich immer so eine schmächtige Statur haben. Weil ihr Essen meistens Durchfall verursacht. Es schmeckt fantastisch und sieht eigentlich recht gesund aus, aber ein kausaler Zusammenhang zwis...
Die McFit-Hölle: Sport ist Mord

Die McFit-Hölle

Sport ist
Mord

Sara Navid

Letztes Jahr wurde mir auf meiner Rucksackreise durch Südostasien vor allem nahe gebracht, wieso Asiaten eigentlich immer so eine schmächtige Statur haben. Weil ihr Essen meistens Durchfall verursacht. Es schmeckt fantastisch und sieht eigentlich recht gesund aus, aber ein kausaler Zusammenhang zwischen der Nahrungsmittelaufnahme und den regen Magen-Darm-Aktivitäten muss bestehen. Anders können sich meine Oberschenkel nicht den Gewichtsverlust von zehn Kilogramm innerhalb von sechs Monaten erklären.

Vielleicht neige ich hier zu übereilten Schlussfolgerungen. Vielleicht lag es auch an meinen Muschi-Organen, die nur mit luftdicht abgepackten Lebensmitteln und sterilem Porzellan klarkommen. Arme Backpackerjahre sind keine Herrenjahre. Die Ost-Asiaten haben sicherlich eine durchschnittliche Darmflora und können genauso gut und stabil kacken gehen, wie alle anderen gesunden Menschen.

Obwohl ich sicherlich als Folge der Ernährungsumstellung mit Verätzungen an sensiblen Stellen rechnen muss, hatte meine kleine Reise in die Activia-Hämisphäre einen großen Vorteil zu verbuchen. Ich war rank und schlank und konnte im Bikini, wenn schon nicht mit einem ganzheitlichen Frauenbild, dann wenigstens mit einem schlanken Bauch triumphieren. Dann sollte man aber auch betonen, dass das an Thailands Stränden nicht besonders schwer ist. Dort konkurriert man hauptsächlich mit fettbäuchigen Sextouristen aus Westeuropa.

Die kleine Reise hat ein Ende genommen und meine Auto-Schlankheit leider auch. Bedauerlicherweise hat die psychologische Umstellung nicht ganz mitgezogen. Ich war zwar zurück beim festen Stuhlgang, allerdings nicht bei den proportionalen Essgewohnheiten. Und so kam es, dass ich innerhalb weniger Monate ungefähr zehn Kilo zunahm und heute aussehe, als hätte sich eine Fettschwarte mit Eigenleben um meinen zarten Elefantenkuhkörper gelegt.

Den Prozess konnte ich jeden Morgen am Spiegel beobachten, jedoch war ich machtlos. Tiefkühlpizza, drei Mal am Tag Chilli Cheese Fries bei Burgermeister und ein Sommer voller Eis-am-Stiel. Auch in der Grätsche berühren sich meine Beine noch, und meine Kimme schwitzt, wenn ich mich beim Aufstehen strecken möchte. Jetzt ziehe ich die Zügel der Disziplinlosigkeit. Spätestens, wenn man dem Zug hinterherrennt und dabei Blut kotzt und schwitzt, als käme man gerade frisch aus einem Brandkatastrophengebiet, muss man zur Tat schreiten, die Hand erheben und laut rufen: Stop! Hungertime!

Ich werfe alle meine Prinzipien der “effizienten Faulheit”, das bedeutet “zu faul sein, um sich etwas zu essen zu machen, deshalb einfach weiterhungern” als Diätregelung, über Bord, denn der Appetit hat ein Monster erschaffen, welches mein Bewusstsein hypnotisiert und dafür sorgt, dass ich den ganzen Tag nichts anderes mache, außer Fettklumpen in meinen Rachen zu schieben und Flüssigschmalz zu gurgeln.

Ganz ehrlich: Wenn das so weiter ginge, ich wäre schon bald die Hauptrolle für das Remake von “Feed”. Und deshalb bin ich jetzt eines dieser Opfer, Sklavin der Schönheitsideal-Gesellschaft, die zwei bis drei Mal die Woche in die McFit-Filiale ihres Vertrauens reinrollen, um etwas für ihr Geschlechtsverkehr-Rating zu tun.

McFit, der 24-Stunden Discounter für Menschen, die “Sport” machen wollen, ist ja ein Biotrop für Kulturen, denen man sonst nicht nahe kommt. Pumper, die sich gegenseitig per Grunzlaute anfeuern, Schwule, die stundenlang den Stepper für einen begehrenswerten Knackarsch belegen, Michaela und Sabine, die sich seit der Scheidung den Yoga-Kurs nicht mehr leisten können und natürlich ich, wie immer die Einzige, die ins Fitnessstudio geht, um tatsächlich abzunehmen. Mein Schwabbel und mein Wabbel fallen auf, aber ich bin da jetzt hart und lasse niemanden über mich urteilen, ohne nicht mindestens genauso angeekelt zurück zu spucken.

Das Gerät meiner Wahl ist der Crosstrainer. Das Wort alleine bringt mich schon zum schwefeligen angstfurzen. Nach jeder halbstündigen Session sehne ich mich nach Nachkriegsreha und einer Streicheleinheit. Ich verstehe das nicht, wie Menschen tatsächlich Spaß an Sport haben. Wisst ihr, was Spaß für mich ist? Essen. Und rumliegen.

Ich will keinen Sport machen, niemand will Sport machen, man muss Sport machen, so lange man noch keinen Mann so hart gegen die Wand gebumst hat, dass Kinder aus dem eigenen Arsch fallen. Die Option der Fortpflanzung möchte ich mir irgendwie erhalten – und das geht nur, wenn man unter den Speckfalten meine primären Geschlechtsteile auch noch findet.

Ich habe auch andere Formen der Kalorienabnahme in Erwägung gezogen. Eine Salat-Diät, die mich wütend macht. Speed, weil ich ja nicht genug Suchtprobleme zu bewältigen habe. Teamsport, damit mir auch alle schön beim Sterben zusehen können. Fett absaugen, die Kohle sitzt ja locker unter den Achseln. Aber der soziale Druck im Fitnessstudio und die Selbstgeißelung vor dem Spiegel sollten das nötigste Commitment herauspressen, um Ergebnisse zu erzielen.

Aber das Schlimmste an so einer drastischen Maßnahme ist wahrscheinlich nicht einmal der Sport, sondern der ausbleibende Effekt. Ich habe nämlich nicht das Gefühl, dass sich mein Körper im Zustand des Bewegens oder des Nicht-Essens von seinen Fettreserven ernährt. Eigentlich habe ich die meiste Zeit nur noch mehr Lust als sonst, in einen Laib Käse zu beißen und mich unter eine Cola-Dusche zu stellen.

Wie machen das die Leute, die sich bedingungslos selbst lieben und das als Motivationsgrundlage für gesunde Ernährung und Sport (!) nehmen? Wieso reicht es nicht, drei Mal am Tag einfach irgendetwas zu essen und täglich die fünf Stockwerke in die eigene Wohnung hoch und wieder runter zu laufen? Ich komme zu dem Schluss, dass das Leben ein Arschloch ist und die Dringlichkeit von Sport in meinem Leben die Strafe für all meine Sünden ist. Und ihr so?

Die Fotografie stammt von Şule Makaroğlu
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Tetsushi Tsuruki: Mädchen in Tokio

Für viele von uns ist Japan das Land der tausend Träume, ein fernes Paradies, in dem Hoffnungen wahr und Sorgen vertrieben werden. Die Realität ist in diesem Gedankenkonstrukt oft nur ein Hindernis, in unserer Fantasie erschaffen wir eine fernöstliche Parallelwelt, in der wir endlich glücklich sind...
Tetsushi Tsuruki: Mädchen in Tokio

Tetsushi Tsuruki

Mädchen
in Tokio

Marcel Winatschek

Für viele von uns ist Japan das Land der tausend Träume, ein fernes Paradies, in dem Hoffnungen wahr und Sorgen vertrieben werden. Die Realität ist in diesem Gedankenkonstrukt oft nur ein Hindernis, in unserer Fantasie erschaffen wir eine fernöstliche Parallelwelt, in der wir endlich glücklich sind – egal wie sehr die harten, kalten Fakten auch dagegen sprechen.

Denn Japan ist kein Wunderland, kein kunterbunter Fiebertraum, der Inselstaat am anderen Ende der Erde erscheint bei näherem Hinsehen als zerrissene Nation voller gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und auch im tiefsten Sinn menschlicher Probleme.

Der japanische Fotograf Tetsushi Tsuruki zeigt uns sein Heimatland von einer gänzlich ungeschminkten Seite. Keine Filter, keine falschen Erwartungen. Japan ist hier lediglich eine Kulisse, mit Menschen bestückt, die sich längst ihrer äußeren Hüllen, und damit dem sozialen Schutz, entledigt haben.

Tetsushi leuchtet mit dem Blitzlicht seiner Kamera tief in die humanen und zerbrochenen Seelen seiner Protagonisten. In diesem alternativen Paradies herrscht die Wahrheit in ihrer pursten kreativen Form. Wer hier überlebt, der weiß um die Herausforderungen seiner Umwelt.

In Tetsushis Realität sehen wir blutbeträufelte Hotelbettlaken, nackte Mädchen im Badewasser, den blauweißen Himmel über den niemals zu enden scheinenden Hochhäusern Tokios. Seine Reisen führen ihn in die hintersten, versteckten und von bloßem Auge schnell übersehenen Ecken einer Stadt, die niemals schläft, deren verschmutzte Reinheit erst nach dem Sonnenuntergang sichtbar wird.

Hinter den stumpfen, schwarzen Fenstern der mit Leuchtreklamen bestückten Fassaden verewigt er Momentaufnahmen eines Landes der tausend Träume, ein fernes Paradies, in dem Hoffnungen wahr und Sorgen vertrieben werden. Wenn man sich denn vollends bewusst ist, gegen welche Realität man seine eigene tauscht.

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Die Fotografie stammt von Tetsushi Tsuruki
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Der Rapper im Gespräch: Haftbefehl, bist du ein Gentleman?

Chabos wissen, wer der Babo in Berlin ist. Und in Frankfurt. Und ab und zu auch in Mannheim. Haftbefehl mutierte zum Barack Obama der Straße. Ghettokids feiern ihn, Bitches feiern ihn, Hipster feiern ihn – und auch die deutsche Musikszene kann einfach nicht genug von unserem lustigen, aber irgendwie...
Der Rapper im Gespräch: Haftbefehl, bist du ein Gentleman?

Der Rapper im Gespräch

Haftbefehl, bist du
ein Gentleman?

Ines Aniol

Chabos wissen, wer der Babo in Berlin ist. Und in Frankfurt. Und ab und zu auch in Mannheim. Haftbefehl mutierte zum Barack Obama der Straße. Ghettokids feiern ihn, Bitches feiern ihn, Hipster feiern ihn – und auch die deutsche Musikszene kann einfach nicht genug von unserem lustigen, aber irgendwie auch gefährlichen, Hafti bekommen.

Auf jeden Fall Grund genug für uns, um den Babo in der quadratischen Universitätsstadt mit ein paar wichtigen Fragen zu nerven. Wie stellt man sich so ein Haftbefehl-Konzert vor? Achtung: Auf der Bühne steht genau das, was man erwartet… Der grinsende Rapper und vier Back-Ups mit ihren Bauchtaschen von Nike.

In den ersten Reihen hängen die Ghetto-Kids ab, und relativ schnell kommen dann die Hipster. Was ich erschreckender Weise auch erblickt habe: Diese verfuckten Paare, bei denen der Typ hinter seiner Freundin steht und ihre Hüfte umschlingt. Diese Kotzbrocken nerven schon bei Robbie-Williams-Konzerten, aber hier sollten sie dafür auf’s Maul bekommen!

Übrigens: Falls ihr pissen seid, wenn der Chabo-Song kommt: Keine Panik bekommen! Der Track wird noch ungefähr sieben weitere Male performt. Immer. Genau. Gleich. Kauft alle Haftbefehls Album! Er will bestimmt nächstes Jahr wieder nach Ibiza! Haftbefehl kommt nach dem Auftritt zum Interview. Sein Manager reicht ihm ein Magazin mit Autofelgen. Er soll sich welche aussuchen. Geil, voll Hip Hop. Hafti stellt sich als Heiko vor. Das Interview mit Heiko Haftbefehl beginnt.

Wie war dein gestriger Abend?

Wir sind nach unserem Konzert zu Jimi Blue Ochsenknecht gegangen und da ging die Party ab.

Jetzt, wo du cool mit Jimi Blue bist, könntest du dir vorstellen mit ihm Mucke zu machen?

Warum nicht? Ist doch lustig! Ich darf das. Die anderen Rapper dürfen das nicht.

Ist jetzt vielleicht ein bisschen komisch für dich, aber es soll noch Menschen geben, die dich nicht kennen. Könntest du dich für die in drei Sätzen vorstellen?

Ist doch nicht schlimm. Ich kenn’ doch auch nicht jeden Menschen. Also, ich esse gerne Steak. Gucke gerne SpongeBob und hab immer eine geladene Pistole zu Hause. Scherz! Ich kann gut rappen, bin ein cooler Typ und der netteste Mensch auf der Welt.

Du erwähnst oft, dass du nicht sehr gesund lebst. Ich finde du hast dafür aber einen sehr ebenmäßigen und strahlenden Teint. Was ist dein Beauty-Geheimnis?

Was ist ein Teint? Achso, ja, es gibt eine Creme, die nennt sich Chanel Hydra Beauty Creme für Männer. Die kostet 100 Euro für 50 Milliliter. Die muss ich mir jeden Monat kaufen, weil mein kleiner Bruder die sich auch auf den Arsch schmiert. Kann ich auf jeden Fall allen Rappern empfehlen. Von Nivea- und Bebe-Creme sollen alle die Finger lassen. Dann lieber gar keine Creme, bevor die so einen Scheiß benutzen.

Also glänzt der Arsch von deinem Bruder so schön wie dein Gesicht?

Richtig, der Wichser! (lacht)

Kann man eigentlich mit irgendwelchen Überraschungen auf deinen Konzerten rechnen? Vielleicht boxt du dich mit einem Fan oder du holst ein Mädchen auf die Bühne wie ‘N Sync und mit der machst du bisschen rum?

Neeee, neeee, so was mach ich nicht. Ich bin doch kein Pornodarsteller. Wieso soll ich ein Mädchen auf die Bühne holen und mit der rumknutschen?! Mein Special ist, dass wir „Chabos wissen wer der Babo ist“ neun mal gespielt haben und ich bin in die Masse reingegangen. Ich glaub‘, das macht auch kein deutscher Rapper. So Sachen mach‘ ich halt, ganz verrückt.

Was wäre denn, wenn dich dann da unten ein Mädchen küssen würde?

Ja dann kann ich nichts machen. Was soll man da schon machen? Blöd gelaufen dann.

Mir ist aufgefallen, dass du ein ganz schöner Hipstermagnet bist.

Ja, ist doch cool. Das ist doch die Zukunft. Es gibt immer mehr von denen. Wenn ich durch Kreuzberg laufe, kommen mir keine Gangster mehr entgegen, sondern Hipster. Für mich ist jeder Mensch ein Mensch, egal wie er sich anzieht. Hauptsache man kann sich mit ihm unterhalten und er ist cool. Vielleicht bekommen die auch was geschenkt, wenn die übercool sind.

In Berlin kommt das gut mit Geschenken und Goodie-Bag.

Was ist Goodie-Bag? Ich freu mich auf jeden Fall immer auf Berlin. Die Konzerte sind immer ausverkauft. Da kommen also sehr viele Hipster.

Weißt du, was ich an dir so sympathisch finde? Du hinterfragst alles, was du nicht kennst. Viele würden einfach so tun, auch wenn sie keinen Plan hätten. Das hat so einen sympathischen Sesamstraßen-Flair.

Fragen sind doch gut. Ich hab in der Schule nicht so viele Fragen gestellt, deswegen hake ich heute mehr nach. In meinem Umfeld reden die Leute auch über andere Sachen als Goodie-Bags und Teint.

Mir hat ein Vöglein gezwitschert, dass du ein krasser Gentleman sein sollst – zumindest bei Frauen. Ich denke, dann solltest du mir folgende Frage beantworten können: Sollte man eine Frau bei einem Date warten lassen?

Nee, eigentlich nicht. Wenn die Frau einen länger als zehn Minuten warten lässt, sollte man sich direkt auf den Weg zum nächsten Saunaclub machen. Wenn die Frau denkt, dass sie was Besseres ist, dann sollte man ihr in den Arsch treten.

Und was ist, wenn der armen Frau der Absatz abgebrochen ist?

Dann soll sie anrufen und Bescheid sagen. Und dann sagst du als Mann, dass sie mit dem kaputten Schuh kommen soll, damit er sich das angucken kann. Keine Frau, die Stil hat, bricht ihren Absatz ab, weil Schuhe teuer sind. Also nur von Frauen mit Stil. Sie könnte natürlich auch schnell zu H&M rein und sich neue kaufen.

Oder sie pfeift sich ein Mentos rein und bricht den anderen Absatz auch noch ab.

Ahhh, natürlich, die Werbung. Das kann man natürlich auch machen. Dann sehen die Guccis wie Air Max aus. In der Werbung hat es doch auch geklappt und seitdem läuft es bei Mentos.

Wenn wir schon in den Neunzigern rumschwelgen, hast du früher viel Fernsehen geguckt?

Auf jeden Fall! Alle unter einem Dach, Eine schrecklich nette Familie mit Al Bundy, dem Typen, und die Bill Cosby Show hab ich geschaut. Heute guck’ ich kein TV mehr.

Kennst du eigentlich die Leute, die immer mit dir auf Tour sind? Sind das deine Freunde oder wollen die nur deinen Fame?

Ich weiß nicht. Es gibt bestimmt auch Leute, die nur meinen Fame haben wollen. Aber man kann nicht immer die Schlange in der Gruppe riechen. Ich habe natürlich auch meine Brudis und Geschäftspartner dabei, aber es gibt immer Menschen, die dazu kommen, die man nicht wirklich kennt.

Du unterstützt deine Familie mit deinem Einkommen, richtig?

Auf jeden Fall. Bei mir zu Hause muss keiner mehr arbeiten. Mein kleiner Bruder nimmt jetzt auch ein Album auf, welches ich komplett finanziere. Da reden wir nicht von 20.000 Euro, sondern viel mehr. Meiner Mama hab ich vor kurzem ein Auto gekauft, das ich jetzt leider selber zu Schrott gefahren hab. Aber immerhin hab ich es ihr gekauft und sie konnte ein paar Mal damit einkaufen fahren.

Wo lässt du dir eigentlich deine Augenbrauen zupfen?

Ich lasse meine Augenbrauen nicht zupfen. Die machen das mit einem Gillette-Messer! Alle drei Tage lass ich mir mit dem Messer die Haare an der Seite weg machen und dann machen die gleich die Augenbrauen mit. Ist eine türkische Art, so stef, stef, stef, stef,…

Ich dachte, die machen das immer mit einem Faden.

Nee, das ist mir zu schwul.

In Amerika sind viele berühmte Rapper mit angesagten Topmodels liiert. Hast du nicht auch Lust auf so eine Model-Freundin?

Ich habe schon eine Freundin, mit der ich sehr sehr glücklich bin. Der bleibe ich auch treu. Davor habe ich alles Mögliche gemacht, aber darin habe ich einfach keinen Sinn gesehen. Es ist nicht meine Art, die ganzen Seelen von Groupies aufzusammeln. Ich finde es einfach nur ekelhaft. Wenn ich allerdings irgendwann wieder Single sein sollte, kann es sein, dass ich ein krasses Dreckschwein werde.

Das werden wir spätestens dann raus finden, wenn du bei deinen Konzerten mit fremden Fans rumknutschst. Aber wahrscheinlich machst du es genau aus diesem Grund noch nicht, wegen deiner Freundin.

Ich bin meiner Freundin auf jeden Fall treu und finde das gehört auch dazu. Jeder Mann sollte seiner Frau treu bleiben und sie nicht verarschen, nur weil sie gerade nicht bei einem sein kann. Es gibt viele Rapper, die einfach irgendwelche Mädels mit ins Hotelzimmer nehmen. Die sollten sich lieber auf´s Wesentliche konzentrieren und nicht so viel Schwachsinn machen.

High-Five dafür! Stell’ dir mal vor, du chillst vergnügt in deinem Bett und auf einmal steht Gott vor dir und stellt dir folgendes Ultimatum: „Hafti, entweder du hast nie wieder Sex, aber dafür kannst du das geilste Essen, ohne Sodbrennen, bis an dein Lebensende genießen oder du hast weiterhin Sex, aber du bekommst jeden Tag nur Reis zum Überleben.“ Sex oder Essen, wie entscheidest du?

Ich glaub, ich würde mich für’s Essen entscheiden. Ich schwör. Oder? Ey, das ist voll die komische Frage. Man braucht doch beides zum Überleben. Kann ich auch so Curry-Reis nehmen?

Nein.

Wie die Chinesen also. Aber die leben doch voll lange. Keine Ahnung, Mann, das ist die mega strange Frage. Wenn ich jetzt schon daran denke, dass ich nicht mehr ballern kann… das geht beides nicht.

Wer ist für dich der stilvollste Promi? Wo du dir so denkst… boar, çok güzel, aber jedes Mal!

Es gibt ein paar Killers, die wissen, wie man sich anzieht. Al Pacino, Robert De Niro und John Travolta. Der hat letztens übrigens einen Film am Strand gedreht, wo die Leute extra das Sand oder der Sand… wie heißt das?

Ist doch egal…

Naja, wo die Leute auf jeden Fall das Sand mit einem Föhn aufwärmen mussten, damit seine Füße nicht frieren. Der Mann hat ganz krasse Probleme, aber er zieht sich super an. Und Denzel Washington. Also für einen Schwarzen hat er es richtig krass drauf.

Viele Rapper haben das Ziel, irgendwann mal auf dem GTA-Soundtrack zu landen, hättest du da auch Bock drauf?

Übertrieben krass. Celo und Abdi machen jetzt einen FIFA-Soundtrack. Fussball ist nicht so meine Welt. Ich steh’ mehr so auf Schießen und Laden und all the niggas in the hood. Ich würde das übergerne machen. Aber ich glaube nicht, dass das möglich sein wird.

Die Fotografie stammt von Universal Music
Der Text erschien in der Kategorie Musik mit den Themen
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Magersucht: Das Tagebuch eines dünnen Mädchens

Seit Wochen schon schlafe ich regelmäßig auf dem Teppichboden in meinem Zimmer. Genauer gesagt in meinem rosa und blaugestrichenen Kinderzimmer, mit dem grauen Fußboden und den Kuscheltieren auf dem Bett. Das Bett macht mir Angst. Würde ich statt auf dem Fussboden im Bett liegen, so fürchte ich, wür...
Magersucht: Das Tagebuch eines dünnen Mädchens

Magersucht

Das Tagebuch eines
dünnen Mädchens

Klara Stein

Seit Wochen schon schlafe ich regelmäßig auf dem Teppichboden in meinem Zimmer. Genauer gesagt in meinem rosa und blaugestrichenen Kinderzimmer, mit dem grauen Fußboden und den Kuscheltieren auf dem Bett. Das Bett macht mir Angst. Würde ich statt auf dem Fussboden im Bett liegen, so fürchte ich, würde ich nämlich tatsächlich schlafen. Womöglich stundenlang. Unkontrollierbar lang. Eine gruselige Vorstellung.

Denn ich möchte nicht schlafen, nein, darf nicht schlafen. Nur ein bisschen dösen. Ein bisschen ruhen. Aber auf keinen Fall darf ich schlafen. Wenn ich schlafe, dann verbrenne ich nämlich weniger Kalorien. Ein weiterer Vorteil ist, dass ich jetzt auch keinen Wecker mehr brauche. Der harte, kalte Boden drückt so sehr gegen meinen knochigen Rücken, dass ich die Minuten zähle, bis ich endlich aufstehen darf.

Aufstehen darf ich aber immer erst ab sechs. Keine Minute früher, keine Minute später. Ab dieser Zeit ist jeder Schritt geplant und ritualisiert. Ab jetzt überlasse ich nichts mehr dem Zufall. Der Gang zur Toilette, wie jeden Tag, das Zurechtrücken der Waage, wie jeden Tag, und das Ablegen aller Kleider, wie jeden Tag. Erst das Hemd, dann die Hose, dann die Unterwäsche, zuletzt die Socken und auch das Haargummi. Alles muss weg.

Der Moment der Wahrheit, mein Richterspruch. Fast schon zeremoniell atme ich langsam ein und wieder aus und schließe langsam die Augen. Die Vermessung meiner Sünden, mein Urteil in schwarzen digitalen Ziffern. Heute ließ die Waage Gnade walten: 44,7 Kilogramm. Das sind 200 Gramm weniger als gestern. Erleichterung – aber leicht genug bin ich trotzdem nicht. Auch die Tatsache, dass heute der 4. August ist, ändert nichts an meinem täglichen Prozedere. Denn dieser sommerlich-warme Dienstag ist so etwas wie ein neuer Abschnitt in meinem Leben.

Dieser neue Abschnitt beginnt auf Station 8 in Zimmer Nummer 24. Ab sofort mein Zimmer. Zum Einzug in mein neues Zuhause bekomme ich Besuch von meinen Zimmernachbarinnen und der Stationsschwester. Diese hat sogar ein kleines Präsent für mich: den Therapiewochenplan. Und plötzlich sind die steril-weißen Wände, die verstellbaren Krankenhausbetten und die Schläuche neben meinem Schrank gar nicht mehr so schlimm. Ich liebe Pläne.

Zwei Wochen später sitze ich immer noch in Zimmer Nummer 24 auf Station 8 und starre regungslos aus dem Fenster. Den Therapiewochenplan habe ich neben mein Bett links an die Regalwand geklebt, rechts daneben ein Foto von mir im schwarzen Kleid, lachend und mit meiner Mutter im Arm. Zwischen den beiden Bildern liegen genau 14 Monate, zwanzig Kilogramm und unzählige Nächte auf dem Fußboden.

Zimmer Nummer 24 darf ich nur zu den Untersuchungen, zu den Therapien und zu den gemeinsamen Mahlzeiten verlassen. Die restlichen Stunden muss ich in meinem Krankenhausbett verbringen und aus dem Fenster starren. Isolationshaft nenne ich es, Bettruhe zur körperlichen Stabilisierung nennt es der Oberarzt mit den hohen Geheimratsecken und der dreckigen Brille.

Von hier oben habe ich einen Ausblick über die ganze Stadt. Da unten rechts, gleich hinter dem langgezogenen Hügel, kommen die Uni und die Bibliothek. Noch vor ein paar Wochen saß ich genau da unten und habe jeden Tag acht Stunden lang die Bücher gewälzt.

Mittlerweile weiß ich nicht mal mehr, welche Bücher das überhaupt waren. Ich war im geistigen Vakuum. Während ich da saß und angestrengt versuchte, die Buchstaben zu entziffern, war in meinem Hirn nur noch Nebel. Ein stumpfes, dunkles Irgendwas, das alle Gedanken aufgesogen hat wie Löschpapier. Umso länger ich die Seiten anstarrte, desto mehr verwandelten sie sich plötzlich in Bilder von Pizza. In Bilder von Eiscreme oder von Sahnetorte.

Ich sah wackelnde Oberarme, zu enge Jeans und ausladende Hüften. Ich sah, wie die Kalorien lebendig wurden und wie sie sich auf den Weg in meine Oberschenkel machten. Ich sah tanzende Fettzellen und turnende Kohlenhydrate. Ich sah, wie meine Beine, noch während ich da saß, plötzlich auf ein Zehnfaches anschwollen und in jedem Moment zu platzen drohten.

Ich weiß nicht, wann es angefangen hat. Ich weiß nicht, ob ich irgendwann einfach aufgewacht bin und beschlossen habe abzunehmen. Was ich weiß, ist, dass ich schon immer „die Komische“ gewesen bin. Ich war es, neben die die Austauschschüler, die Störer und die Neuen in der Klasse platziert wurden, weil das der einzige freie Platz war.

Ich war es, die im Theaterstück in der sechsten Klasse mit der Zeile „Das dicke Ende kommt zum Schluss“ glänzen durfte. Ich war es, über die im Sportunterricht mit Schokoriegeln verhandelt wurde, wer mich ins Team aufnehmen muss. Ich war es, die die kreativsten und demütigsten Spitznamen verliehen bekam. Ich war es, die sich mit 13 Jahren so ungeliebt fühlte, dass sie 80 Schlaftabletten schluckte und sich versuchte, die Pulsadern mit einer Bastelschere aufzuschneiden.

Darauf folgten Höhen und Tiefen, auf der Waage und in sozialen Beziehungen. Ich wollte mich nie wieder ausgeliefert fühlen. Nie wieder wollte ich, dass andere Menschen so viel Macht über mich haben, dass ich ihnen unterlegen bin. Nie wieder wollte ich, dass meine Gefühle von anderen kontrolliert werden würden. Ich wollte besonders sein. Einzigartig, anders, herausragend. Unfehlbar, unnahbar und eiskalt. Ich wollte eine glatte, kantenlose, perfekte Barbiepuppe ohne Makel und ohne Angriffsfläche werden.

Und das wurde ich auch. Je mehr ich lernte meinen Hunger zu kontrollieren, desto mehr lernte ich auch meine Gefühle zu kontrollieren. Irgendwann hatte ich keinen Hunger und keine Gefühle mehr. Es war überwältigend. Ich allein, niemand anders, ja, nicht einmal mein eigener Körper, hatte nun mehr das Sagen über mich. Ich, nur ich, ich und niemand anders.

Ich bestimmte, wann ich aß, wie viel ich aß, ob ich überhaupt aß. Ich setzte mir Ziele. Erst waren es drei Kilo. Dann noch einmal drei. Dann waren es fünf. Ich schaffte sie alle und das nur durch meine reine Willenskraft. Ich hatte Ehrgeiz. Ich war so verdammt gut, in dem was ich tat. Die ganze Welt stand mir auf einmal offen. Konnte es noch besser werden? Und wie es das konnte. Ich hatte nicht nur Macht über mich, sondern auch über die anderen. Plötzlich war ich nicht mehr „die Dicke“ oder „die Komische“. Ich hatte endlich eine Identität bekommen.

Je fragiler und zerbrechlicher ich wurde, desto vorsichtiger wurde der Umgang mit mir. Wer mit mir sprach, nutze nur noch schonende, sanfte, zarte und federleichte Worte. Ich wurde in Zuckerwatte gepackt und mit Honig übergossen. Meine Erscheinung hauchte den anderen Ehrfurcht ein. Niemand mehr, der mich „Happy Hippo“ oder „Rollmops“ rufen würde. Die Angst, jedes falsche Wort könnte meine verhungerten Arme zerbrechen, war zu groß.

Jedes Kilo weniger war mein Triumph. Jedes Gramm, das ich abwarf, befreite mich von den Altlasten des Rollmopses. Jedes verlorene Kilo war ein Manifest an meine Außenwelt: Schaut mich an. Schaut mir dabei zu, wie ich mich zu Tode hungere. Schaut mich an, wie ihr nur daneben stehen könnt und machtlos seid. Schaut her, wen ihr damals faul und dick genannt habt.

Schaut euch an, was ich kann. Und ich kann noch mehr. Ja, verdammt, ich bin nicht mal ein bisschen außer Atem. Ich fange jetzt erst richtig an. Schaut her, wie dieser verhungerte Mensch besser funktionieren kann als ihr es jemals können werdet. Und ich funktionierte tatsächlich. Ich hatte Erfolge im Sport. Ich engagierte mich sozial. Ich gewann Wettbewerbe und Preise. Ich schaffte mein Abitur mit Auszeichnung. Ich gewann ein Stipendium. Und währenddessen wurde ich langsam aber sicher immer weniger.

Irgendwann war ich so wenig, dass ich es nicht mehr schaffte aufzustehen. Ich war so wenig, dass ich bei 30 Grad im Schatten zwei dicke Pullover getragen hatte und trotzdem fröstelte. Ich war so wenig, dass ich blaue Hände und lila Füße hatte. Ich war so wenig, dass sich auf meiner fast schon transparenten Haut ein Flaum aus Haaren gebildet hatte. Eine Art Schutzfell, das mich warmhalten sollte. Ich war so wenig, das ich an nichts anderes mehr denken konnte außer an Essen und an Gewicht. Ich hatte mich in meiner eigenen Welt verloren. In meinem Labyrinth aus Kaffeebechern und Kaugummipapierchen war ich dabei, mir mit meinem geliebten Maßband die Kehle abzuschnüren.

In Zimmer 24 auf Station 8 sind Kaugummi und Maßbänder verboten. Genau wie in meiner Welt, gibt es hier für alles eine Regel. 30 Minuten lang hat man für eine Mahlzeit Zeit. Zwei Gläser Wasser darf man maximal zu den Hauptmahlzeiten trinken. Teelöffel und Kuchengabeln stehen auf dem Index. Light-Produkte ebenfalls. Beim Essen darf auf keinen Fall über Kalorien gefachsimpelt werden.

Regelmäßigen Ausgang bekommt nur, wer brav zunimmt und immer aufisst. Wer so viel abnimmt, dass sein BMI in einen lebensgefährlichen Bereich rutscht, bekommt ein milchshakeähnliches Aufpäppel-Getränk, das es in den Sorten Waldfrucht, Vanille oder Cappuccino gibt. Und wer das nicht trinkt, der bekommt eine Sonde durch die Nase geschoben.

Auf Station 8 bin ich das erste Mal seit langem nicht mehr der Strippenzieher, sondern die Marionette. Eine Marionette, mit langen Fadenbeinen und feinen Fadenärmchen, die mit ihrem BMI von 15.2 nur eine von vielen Fadenmädchen ist. Eins haben wir Fadenmädchen alle gemeinsam: Wir sind hier, weil wir in unserem Leben in eine Sackgasse geraten sind.

Vielleicht hat uns irgendwer absichtlich in die Irre geschickt. Vielleicht waren wir auf der Flucht und haben nicht auf den Weg geachtet. Vielleicht war es dunkel und wir konnten die Kreuzung nicht erkennen. Vielleicht waren wir neugierig, wo uns der Trampelpfad hinführt. Gelandet sind wir dann alle hier, in einem sterilen und weißen Krankenhauszimmer auf Station 8. Wir sind dabei, unseren Weg zurück zu finden, zu dem Punkt, an dem wir falsch abgebogen sind. Und wenn wir diesen Weg gehen, dann müssen wir uns wohl oder übel auch verändern. Wir müssen die Metamorphose endlich wagen.

Und während ich über meinen langen Weg vor mir nachdenke, kommt mir plötzlich ein Gedanke. Bevor mir dieser Gedankte entwischt, kritzele ich ihn noch schnell in mein Notizbuch: „Als es Winter wurde und die kleine Raupe bemerkte, dass sie sich fortan nicht mehr vom süßen Nektar der Blüten nähren kann, beschloss sie zum Schmetterling zu werden. Doch als sie aus ihrem Kokon schlüpfte und ihre Flügel entfaltete, da war sie plötzlich gar nicht mehr hungrig.“

Die Fotografie stammt von Christopher Campbell
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Ficken für Fortgeschrittene: Sex ist nur schmutzig, wenn er richtig gemacht wird

Vor langer, langer Zeit gab es mal ein Online-Portal, das sich StudiVZ nannte. Das war so etwas wie Facebook, aber für Leute, die noch zur Uni gingen. Oder zumindest so taten. Eigentlich war es dazu gedacht, sich mit Mitstudierenden und Freunden besser und schneller vernetzen zu können, aber wenn wi...
Ficken für Fortgeschrittene: Sex ist nur schmutzig, wenn er richtig gemacht wird

Ficken für Fortgeschrittene

Sex ist nur schmutzig,
wenn er richtig
gemacht wird

Lena Freud

Vor langer, langer Zeit gab es mal ein Online-Portal, das sich StudiVZ nannte. Das war so etwas wie Facebook, aber für Leute, die noch zur Uni gingen. Oder zumindest so taten. Eigentlich war es dazu gedacht, sich mit Mitstudierenden und Freunden besser und schneller vernetzen zu können, aber wenn wir ehrlich sind, waren wir da doch alle nur angemeldet, um irgendwelchen sinnlosen Gruppen beizutreten, die nur dazu dienten, unsere Profile und damit auch uns selbst ein wenig cooler aussehen zu lassen.

Die hießen beispielsweise „Wenn man Tiere nicht essen darf, warum sind sie dann aus Fleisch?“, „Es gibt bessere Partys als das Rügenwalder Mühlenfest!“, „Ich fand Hitler schon scheiße, als er noch in ganz kleinen Clubs spielte!“ oder aber „Guter Sex ist, wenn selbst die Nachbarn danach eine rauchen!“.

Ursprünglich waren diese Gruppen wohl mal dazu gedacht, um mit Gleichgesinnten über bestimmte Themen diskutieren zu können. Dafür wurden sie allerdings so gut wie nie genutzt. Es ging um nicht mehr und nicht weniger, um den eigenen Charakter anhand der Gruppentitel irgendwie zu umreißen und so allen Kommilitoninnen und Kommilitonen zu zeigen, was für ein cooler Typ oder eine heiße Braut man war. Nur Streber traten irgendwelchen Gruppen bei, in denen tatsächlich über Hausarbeiten und anstehende Klausuren geredet wurde.

Wie ihr euch sicher alle vorstellen könnt, gehörte ich nicht dazu. Meine Gruppen drehten sich alle um Feiern, Ficken und Fäkalhumor. Vermutlich wundert es euch deshalb auch nicht, wenn ich euch verrate, dass meine Lieblingsgruppe eine war, die den vielsagenden Titel „Dreck ist nur schmutzig, wenn er richtig gemacht wird!“ war. Aber um die soll es hier heute gar nicht gehen. Sondern um die StudiVZ-Gruppe, der dieser Name nachempfunden war: „Sex ist nur schmutzig, wenn er richtig gemacht wird!“

Seit #MeToo zuerst durch die sozialen Netzwerke und dann durch die Medien gejagt wurde, haben Männer auf der ganzen Welt ein großes Problem, das zumindest in ihren Augen schwerer zu wiegen scheint, als dass Frauen auf der ganzen Welt tagein, tagaus mit sexueller Belästigung zu kämpfen haben, die – Überraschung – in den allermeisten Fällen von Männern ausgeübt wird.

Mann hat Angst, dass bald schon ein „harmloser Flirt“ zur Anzeige gebracht wird und beschwert sich, dass die Frauen von heute immer prüder werden, was „Sex“ betrifft, aber zeitgleich ihren Körper mit weiten Ausschnitten, kurzen Röcken und engen Hosen so zur Schau stellen, dass Mann das ja nur als Einladung zum sofortigen Geschlechtsverkehr verstehen könne.

In sozialen Netzwerken – in erster Linie Twitter und Instagram – tun Frauen zwar gerne so, als wären sie sehr aufgeschlossen und versaut, aber wenn Mann ihnen dann ein Penisfoto schickt oder sie fragt, ob sie Bock haben zu ficken, stellen sie einen direkt als sexistisches Schwein an den Pranger.

Wer soll denn da den Überblick behalten, was man noch darf und was nicht? Wie soll man überhaupt noch Frauen kennenlernen? Und das Wichtigste: Wie findet man zwischen den ganzen Feministinnen noch eine, die im Bett zwar genauso dirty ist wie man selbst, aber eben auch keine Schlampe?

Nun, genau das möchte ich heute gerne erklären. Und zwar anhand der bereits oben erwähnten StudiVz-Gruppe „Sex ist nur schmutzig, wenn er richtig gemacht wird!“. Es ist nämlich so, dass Frauen keineswegs prüder geworden sind. Sexismus zu benennen und sich dagegen zu wehren, bedeutet nicht, dass wir keine Lust haben, zu ficken und gefickt zu werden.

Genauso, wie Titten zu zeigen oder Röcke zu tragen, die mehr freigeben als sie verdecken, nicht bedeutet, dass man keine Feministin ist, die Wert darauf legt, mit ein wenig Anstand und Respekt behandelt zu werden. Die meisten Frauen stehen genauso sehr auf Sex wie es Männer tun.

Aber – und damit kommen wir zum Punkt – Sex ist eben nur schmutzig, wenn er richtig gemacht wird. Und dazu gehört in erster Linie, dass er einvernehmlich ist und allen Beteiligten gleichermaßen Spaß macht. Ich sage bewusst „allen Beteiligten“, weil Sex sich nicht auf zwei Personen beschränken muss.

Wir Frauen reden so gerne über Sex, weil wir ihn eben mögen. Und wir reden über Sexismus, weil er uns stört. Beides sind vollkommen unterschiedliche Dinge, die in unserer Gesellschaft aber leider doch Hand in Hand gehen. Das liegt vor allem daran, dass sie meisten Kerle Sex und Sexismus nicht voneinander unterscheiden können. Aber ich will euch jetzt wirklich nicht erklären, was sexistisch ist und was nicht, sondern lieber darüber schreiben, wie Mann den dreckigen Sex bekommt, der er sich wünscht.

Zu allererst wäre da der Punkt, dass Typen einfach häufig viel zu plump vorgehen. Ganz ehrlich: Wer von euch hat schon mal eine Frau herumgekriegt, indem er ihr auf der Straße hinterhergerufen hat, dass er gerne mal seinen Schwanz in sie schieben würde? Niemand. Aus dem einfachen Grund, dass es so respektlos ist, dass Frauen sich nicht mal dann darauf einlassen würden, wenn ihr Ryan Gosling persönlich wärt.

Geilen Sex bekommt ihr, indem ihr auf die Bedürfnisse von Frauen eingeht und sie nicht etwa von oben herab behandelt oder ihnen vorschreibt, was sie zu tun haben. Wenn ihr gemeinsam über Vorlieben und Abneigungen sprecht. Vielleicht nicht unbedingt beim ersten Date, aber eben dann, wenn so langsam klar wird, dass ihr miteinander im Bett landet werdet.

Es hilft auf alle Fälle, als Mann erst einmal zuzuhören, bevor man solche Ansprüche stellt wie „Du musst auf alle Fälle deepthroaten können, und wenn du dich nicht in den Arsch ficken lässt, dann wird das eh nichts mit uns beiden!“. Die meisten Frauen machen das von ganz alleine. Vorausgesetzt, sie haben Bock auf euch.

Wir sind nämlich genauso dirty, wie wir im Internet gerne tun. Nur bestimmen wir gerne selbst darüber, wer seinen Schwanz jetzt in uns schieben darf und wer nicht. Und da haben sexistische Schweine nun mal schlechtere Karten als die Typen, die uns nicht direkt ihren Penis ins Gesicht klatschen wollen oder uns sagen, dass wir viel zu prüde sind, nur weil wir ein wenig Respekt verlangen, bevor ihr uns ficken dürft. Und danach übrigens auch.

Wer nett ist, steigert seine Chancen auf Sex um 100 Prozent. Und wer erwartet, dass wir all die Sachen tun, die man so in Pornos zu sehen bekommt, der sollte erst einmal einen Realitätscheck machen, ob er selbst überhaupt das leisten kann, was die Typen in den Pornos leisten – und uns dann die Zeit geben, uns erst einmal so wohl zu fühlen, dass wir von uns aus verlangen, dass ihr uns euren Schwanz bis zum Anschlag in den Arsch schiebt.

Wer dreckigen Sex will, der muss es eben richtig machen. Und das geht am Einfachsten, wenn man sich als Typ erst mal selbst zurückhält und sich stattdessen um unsere Bedürfnisse kümmert. Allen voran Respekt im täglichen Umgang miteinander. Übrigens: Wer Sex für das Geilste hält, hat noch nie richtig gegrillt.

Die Fotografie stammt von Dainis Graveris
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Ungekommen: Ich hatte noch nie einen Orgasmus

Die traurige Wahrheit ist: Ich hatte noch nie in meinem Leben einen richtigen Orgasmus. Weder wenn ich es mir selbst gemacht habe, noch wenn ich Sex mit meinem Freund hatte. Und das obwohl ich inzwischen Mitte 20 bin und schon einige sexuelle Beziehungen hinter mir habe. Darunter sogar eine mit eine...
Ungekommen: Ich hatte noch nie einen Orgasmus

Ungekommen

Ich hatte noch nie
einen Orgasmus

Lena Freud

Die traurige Wahrheit ist: Ich hatte noch nie in meinem Leben einen richtigen Orgasmus. Weder wenn ich es mir selbst gemacht habe, noch wenn ich Sex mit meinem Freund hatte. Und das obwohl ich inzwischen Mitte 20 bin und schon einige sexuelle Beziehungen hinter mir habe. Darunter sogar eine mit einer Frau, weil ich durch das Fehlen eines sexuellen Höhepunktes zwischenzeitlich mal kurz dachte, dass ich eine Lesbe sei und nur deshalb beim Sex mit Männern und mir selbst nicht kommen würde.

Das stellte sich allerdings sehr schnell als Trugschluss heraus. Die Frau, mit der ich im Bett war, konnte mich auch nicht zum Orgasmus bringen. Und ich musste feststellen, dass ich fremden Muschis so wirklich gar nichts abgewinnen kann.

Wenn ich meinen Freundinnen davon erzähle, dass ich noch nie einen sexuellen Höhepunkt hatte, reagieren die meistens schockiert. Dass man beim Ficken einfach nicht kommen kann, kennen sie alle. Doch dass es auch bei der Selbstbefriedigung mit den Fingern oder diversem Spielzeug einfach nicht klappen will, finden sie alle dann doch ungewöhnlich, wenn nicht sogar komplett unverständlich.

Tipps, wie ich es schaffen kann, mich selbst so zu stimulieren, dass ich auch mal in den Genuss eines sexuellen Höhepunktes komme, haben sie allerdings nicht so wirklich parat. Außer üben, üben, üben und sich vielleicht weniger auf den sogenannten G-Punkt zu konzentrieren und mehr auf den Kitzler.

Einmal sprach ich das Problem mit dem fehlenden Orgasmus bei meiner Frauenärztin an, weil ich es einfach leid war, das einzige Mädchen, wenn nicht sogar die einzige Person in meinem gesamten Freundeskreis zu sein, die nicht wusste, wie sich so etwas anfühlt, geschweige denn, wie man überhaupt in die Nähe von so etwas wie einem Höhepunkt kommt.

Deren erste Frage war, ob ich als Kind sexuell missbraucht oder später von einem meiner Partner vergewaltigt worden war. Beides ist nicht der Fall. Nachdem ich ihr das so gesagt hatte, bekam ich als Tipp, mich einfach zu entspannen und vom Druck zu lösen, dann würde es schon klappen mit dem Höhepunkt. Das tat es aber nicht. Egal, wie sehr ich mich und meine Vaginalmuskeln zu entspannen versuchte.

Mag ja sein, dass sexuelle Probleme mit sexualisierter Gewalt in Verbindung stehen, bei mir ist das allerdings nicht der Fall. Was es für mich nur noch umso frustrierender macht, dass ich keinen Orgasmus kriegen kann, weil es mir das Gefühl vermittelt, dass mit mir und meinem Körper einfach ganz grundlegend etwas falsch ist.

Dass ich asexuell sein könnte, glaube ich übrigens auch nicht. Ich habe in meiner Verzweiflung nämlich irgendwann begonnen, mich mit dem Thema Asexualität zu beschäftigten und das, was andere asexuelle Menschen so in Bezug auf ihre eigene Sexualität so beschreiben, trifft auf mich ganz und gar nicht zu.

Ich fühle mich sehr wohl zu anderen Personen, oder besser gesagt zu Männern, sexuell hingezogen, werde bei Berührungen an den richtigen Stellen geil und beim Anblick diverser Deutschrapper mit Migrationshintergrund sogar ziemlich feucht und habe generell sehr gerne Sex. Nur mit dem Orgasmus will es bei mir nicht so richtig klappen. Und ich will ehrlich sein: Inzwischen leide ich darunter sehr.

Ich habe mal irgendwo gelesen, dass das Schlimmste, was einem Mann passieren kann, ein gespielter Orgasmus ist. Ich glaube, das Schlimmste, was einem Mann passieren kann, ist wenn die Frau, die er bumst, generell keinen Orgasmus kriegt.

Meine letzte Beziehung ist daran sogar zerbrochen, obwohl es nun wirklich nicht seine Schuld war, dass ich einfach nicht kommen konnte. Hätte ich ab und an mal etwas vorgetäuscht, wären wir heute mit Sicherheit noch zusammen. So aber hat er drei Jahre weggeworfen, nur weil mein Körper nicht so wollte, wie wir beide uns das erhofft hatten.

Um unsere Beziehung irgendwie zu retten, haben wir es sogar mit Analsex und BDSM versucht. Erfolglos. Es hätte ja sein können, dass ich nur dann einen Orgasmus bekomme, wenn ich geohrfeigt werde, während mir mein Freund mit seinem Schwanz ins Arschloch hämmert, doch nicht einmal das war der Fall. Zugegeben, es hätte mich schon stark gewundert, wenn ausgerechnet das funktioniert hätte, aber probieren geht ja bekanntermaßen über studieren, und um meine Beziehung zu retten, wollte ich nichts unversucht lassen.

Abgesehen davon, dass ich natürlich schon ganz gerne wüsste, wie sich so ein richtiger, echter Orgasmus überhaupt anfühlt. Ob es wirklich so ein unbeschreibliches Feuerwerk ist, ein Blitzschlag, der auf gute Art und Weise durch den ganzen Körper geht, ein Gefühl, das die Engel in deinen Ohren singen lässt und dich sogar süchtig machen kann.

Vor einem halben Jahr habe ich eine Psychotherapie bei einer speziell ausgebildeten Sexualtherapeutin begonnen, um mein Orgasmus-Problem in den Griff zu bekommen und endlich mal einen sexuellen Höhepunkt zu erfahren.

Im Normalfall arbeitet sie mit Männern, die zu früh ejakulieren, oder Paaren, die mit ihrem Sexleben generell unzufrieden sind, weil sie im Bett unterschiedliche Sachen wollen. Doch auch immer mehr junge Frauen, die Probleme damit haben, sich beim Sex wirklich fallen zu lassen, kommen zu ihr in die Praxis, um sich bei ihren Sexualproblemen helfen zu lassen.

Bisher hat die Therapie mir allerdings sehr wenig gebracht. Zwar kenne ich meinen Körper und die einzelnen Teile meiner Vulva und Vagina inzwischen besser als alle anderen Frauen in meinem privaten Umfeld, aber einen Orgasmus hatte ich immer noch nicht. Inzwischen habe ich die Hoffnung, überhaupt jemals einen sexuellen Höhepunkt zu erleben und die Engel singen zu hören sogar fast vollständig aufgegeben. Vielleicht muss es nämlich einfach Frauen wie mich geben, die nie kommen.

Ja, vielleicht bin ich sogar dazu geboren worden, anderen Frauen zu erzählen, dass es vollkommen okay ist, keinen Orgasmus zu haben und noch nie einen gehabt zu haben, weil das ganze Prinzip sowieso nur auf gesellschaftlichem Druck beruht, der einem sagt, dass man nur ein vollwertiges Mitglied dieser Gesellschaft ist, wenn man möglichst krass und möglichst häufig kommt.

Wenn ihr an dieser Stelle trotzdem Tipps habt, wie ich es schaffen kann, mich selbst zum Höhepunkt zu bringen, bin ich natürlich dankbar. So sehr sogar, dass ich dem ersten Typen, der es schafft, mich zum Kommen zu bringen, sogar Geld dafür bezahlen würde. Denn, wenn ich ehrlich bin, dann will ich doch nicht sterben, ohne jemals einen Orgasmus gehabt zu haben.

Die Fotografie stammt von Alexander Krivitskiy
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Paul Kalkbrenner: Der König von Deutschland

In Deutschland, Österreich und der Schweiz hatte er wirklich alles erreicht. Jetzt brauche es etwas Größeres. Paul Kalkbrenner meint damit den Rest der Welt. Dass international derzeit der EDM-Wahnsinn herrscht, kann ihm dabei nur helfen. Natürlich hat Paul keine Verbindung zu diesem Genre, aber er...
Paul Kalkbrenner: Der König von Deutschland

Paul Kalkbrenner

Der König von
Deutschland

Annika Lorenz

In Deutschland, Österreich und der Schweiz hatte er wirklich alles erreicht. Jetzt brauche es etwas Größeres. Paul Kalkbrenner meint damit den Rest der Welt. Dass international derzeit der EDM-Wahnsinn herrscht, kann ihm dabei nur helfen. Natürlich hat Paul keine Verbindung zu diesem Genre, aber er profitiert davon, dass die Massenraves der letzten Jahre einen vielversprechenden Nährboden für elektronische Musik geschaffen haben.

„All diese Musik hat Türen für andere elektronische Musiker geöffnet“, erklärt Paul uns. „Das sind alles Hörgewohnheiten: Wenn der Amerikaner zum Beispiel zehn Jahre „Bumm, Bumm, Bumm, Bumm, Bumm“ in den Ohren hat, dann haben vielleicht Künstler, die viel kleiner sind als ich jetzt, die Chance, erfolgreich zu werden“.

Repertoirekünstler, ja, das entspricht Pauls Selbstverständnis als klassischer Albumkünstler. Das ist seine Kunstform, alles andere ergibt für ihn keinen Sinn, betont er mehrfach. Wenn ihr mit Paul Kalkbrenner über seine Musik diskutieren wollt, solltet ihr es vermeiden, mit Referenznamen um euch zu werfen.

Nicht, dass sich das nicht mit seinem Ego vereinbaren ließe, der Mann ist so entspannt und locker, so etwas würde ihn nie treffen. Es ist nur so, dass ihm der Blick auf die Musik anderer Menschen ziemlich fremd ist. Stattdessen ist er rund um die Uhr mit seinen eigenen Produktionen beschäftigt. Schließlich ist es sein Ehrgeiz als Künstler, zeitlose Klassiker zu schreiben – für die Masse und die Liebhaber.

Paul Kalkbrenner erfindet sich gern neu, ohne zu vergessen, wo er herkommt. Der Film Berlin Calling hat ihn endgültig zum Kultstar gemacht, nicht nur in Deutschland, sondern überall, wo Berlin immer noch als Zentrum des kreativen Exzesses gesehen wird, wo Menschen früh morgens aus dem Berghain wanken, nur um zur Afterhour in der nächsten Spreebar aufzuschlagen.

Pauls Musik gehört zu Berlin, Leipzig und Dresden wie Currywurst und Döner, wie Bier und Koks, wie Punk und Anzug. Und es ist immer wieder erstaunlich zu beobachten, wie er sich künstlerisch kontinuierlich neu auslebt, um mit seiner Musik nicht nur Deutschland, nicht nur Österreich und nicht nur die Schweiz, sondern die ganze Welt zu erobern.

Paul Kalkbrenner: Der König von Deutschland Paul Kalkbrenner: Der König von Deutschland Paul Kalkbrenner: Der König von Deutschland Paul Kalkbrenner: Der König von Deutschland Paul Kalkbrenner: Der König von Deutschland
Die Fotografie stammt von Olaf Heine
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Depressionen: Ich bin mein größter Feind

Zuerst schleicht es sich tückisch an. Es umkreist mich, es engt mich ein, und plötzlich, Zack, presst es mit seinen hunderten von Tonnen seine dicken, schweißigen Manboobs ins Gesicht und fängt an mir den Atem wegzunehmen. In dieser widerlichen Haut zu versinken ist ein Albtraum, aus dem ich jedes M...
Depressionen: Ich bin mein größter Feind

Depressionen

Ich bin mein
größter Feind

Sara Navid

Zuerst schleicht es sich tückisch an. Es umkreist mich, es engt mich ein, und plötzlich, Zack, presst es mit seinen hunderten von Tonnen seine dicken, schweißigen Manboobs ins Gesicht und fängt an mir den Atem wegzunehmen. In dieser widerlichen Haut zu versinken ist ein Albtraum, aus dem ich jedes Mal mit Kotze im Bett und Kotze im Haar und Kotze im Mund und Kotzgeruch in der ganzen Wohnung und Kotzfäden, die ich nicht von meinem Wund wischen kann, aufwache.

In seinem Kern kann man es nicht anders beschreiben als “das Gefühl, wenn man weiß, dass etwas nicht stimmt – und zwar schon seit langer, langer Zeit.” Der dicke Mann, der mich in Sumoformation vernichten möchte. Jede seiner Fettzellen beinhaltet ein kleines Scheitern aus meinem Leben.

Er lebt durch mein Scheitern, er nährt sich davon, er wächst und wächst und wächst. Zunächst war er ein kleiner, dicklicher Junger, irgendwie auch ganz süß, denn man erlaubt sich ja Fehler. Aber jetzt, wo ich die Zeit habe, seine fauligen Nippel-Lappen von ganz nah zu betrachten, erwies sich meine gestrige Ignoranz als mein heutiges Ringen um Luft.

Dabei ist es völlig egal, worum es geht. Auf einmal kommen Dinge ans Tageslicht, die über Monate, ja über Jahre hinweg verdrängt wurden. Und weil das ja nicht schon Problem genug ist, sich jahrelang vormachen, “alles ist okay, alles wird gut, das ist jetzt total richtig, was du machst!”, mischt sich da noch was anderes Mieses dazwischen: Die Meta-Verdrängung.

Sie ist, im Prinzip, die nächste Schicht in meinem Zwiebellook des Lebens. Schicht Nummer 1: Problem. Schicht Nummer 2: Verdrängung des Problems. Schicht Nummer 3: Panik, weil Verdrängung des Problems bewusst wird. 4: Tüte Popcorn und vier Wochen Dauermasturbation auf schlechte Pornos, weil sich kein Mensch jetzt mit dieser angestauten Scheisse auseinandersetzen will, vor allem nicht ich.

Dabei wäre der Knoten ganz einfach zu lösen. Endlich mal den Briefkasten aufmachen, als aus Angst vor seinem Inhalt jeden Tag daran vorbei zu gehen. Endlich aufhören zu heulen und die Sache anpacken. Sich mit einem kräftigen Tritt in die Eier vom fett-fettigen Mann befreien und ihn mit einem saftigen Käsekuchen in seinen Käfig locken, wo er dann nur noch Salat bekommt. Aber – oh weh, oh weh – so einfach ist das ja. Meine Bewältigung der Probleme sieht nämlich so aus:

Ich lese keine Zeitung mehr und ich gucke mir keine Dokumentationen mehr an. Ich verkrieche mich stattdessen hinter betäubender Fiktion mit Happy Ending. Liebeskomödien, Horrorfilme, Dystopie-Literatur. Hauptsache, ich muss mich nicht mit dem Alltag auseinandersetzen.

Blogs langweilen mich, mein Feedreader wird jeden Tag ungelesen als gelesen markiert, ich twittere nur noch aus Gewohnheit, wie man aus Gewohnheit raucht oder im Vulkan Wedding 20-Cent-Münzen in den Automaten schmeisst.

Aufgaben werden nicht mehr gemacht, und wenn, dann nur noch sporadisch und schon gar nicht gut. Freunde werden nicht getroffen und mit Ausreden (“Ich bin beschäftigt!”) vertröstet. Es kann passieren, dass die Haare nicht gewaschen, die Beine nicht rasiert, die Unterhosen nicht gewechselt, die Teller nicht gespült und die Pflanzen nicht gegossen werden. Egal.

Außerordentlich viele chemische wie natürliche Betäubungsmittel werden genutzt, um einen erhellenden Zustand der Problemlosigkeit zu erlangen. Zwar bin ich nach einer halben Tüte und zwei Gläsern Spritz schon am Rande des Bewusstseinsabgrund, das heißt aber nicht, dass ich nicht hart tun kann und mir Cola in ein Whiskeyglas fülle und dann vor allen Anwesenden mein Scheitern so dramatisch wie möglich antoaste und dann spielerisch torkelnd den Raum verlasse, während ich dem schönsten Mann der Welt zum Abschied noch einen feuchten Kuss auf die Lippen drücke, weil ich ja nichts mehr zu verlieren habe, und schon gar nicht meine Würde, denn die habe ich ja ausdrücklich schon dann verloren, als ich aufhörte, mir meinen Damenbartansatz herauszuzupfen, und aus Verzweiflung allen Verflossenen selbstgemachte Nacktbilder vor dem Spiegel auf dem Boden mit grellem Blitzlicht geschickte habe.

Mir ist das völlig bewusst. Das alles. Dass ich mich gerade klein mache und versuche in Unsichtbarkeit aufzugehen, und dass ich, je mehr Probleme sich anhäufen umso fauler werde, was ihre Bearbeitung angeht. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben, right? Wrong! Wrong, Kinder, es ist wrong!

Denn ich werde in vier Monaten aus meiner Tittengefängnisstarre erwachen und feststellen, dass es an der frischen Luft irgendwie doch ein bisschen schöner ist. Aber in der Zwischenzeit ist mein größter Feind noch größer geworden, und sein Griff ist einer Art Leichenstarre um meinen Körper herumgewachsen. Es wird also nur noch schwerer, aus dem Tritt zu kommen und mal im Chaos meines Kopfes aufzuräumen. Wieso, frage ich mich, passiert das mit mir? Wieso scheitere ich vor allem an der Demotivation?

Wieso ist jedes kleinste Problem das Ende der Welt und meiner Leistungsfähigkeit? Ja, irgendwann raffen wir uns mit dem dicksten Kater aller Zeiten auf und fegen die Scherben von der wilden Party weg. Langsam, aber sicher. Und wenn noch eine der Saufnasen, die in der Ecke rumliegen, auf unseren geputzten Boden kotzt, dann ist das wenigstens das letze Problem, das es zu erledigen gilt.

Aber nein, nein, nein. Eine dicke Schmutzkruste muss erst anwachsen, und dann muss man komplett neuen Boden verlegen. Wieso? Ich sag euch wieso. Weil wir alle nur Idioten sind und niemals erwachsen werden. Und vielleicht ist das ja auch voll okay so. Und außerdem hätte ich auch gerne mal wieder einen neuen Boden.

Die Fotografie stammt von Anthony Tran
Der Text erschien in der Kategorie Leben mit den Themen
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Ist das dein Ernst? Ich bin zu sarkastisch für diese Welt

Du findest ihn schon süß, oder? Ja. Ich denke keine einzige Sekunde über meine Antwort nach. Mal wieder spreche ich bevor ich nachdenke, eine meiner schlechten Angewohnheiten. Ich habe nicht darüber nachgedacht, wie es wirkt, dass ich genau das gesagt habe. Und dass es auch noch eine ehrliche An...
Ist das dein Ernst? Ich bin zu sarkastisch für diese Welt

Ist das dein Ernst?

Ich bin zu sarkastisch
für diese Welt

Michelle Teichmann

„Du findest ihn schon süß, oder?“ „Ja.“ Ich denke keine einzige Sekunde über meine Antwort nach. Mal wieder spreche ich bevor ich nachdenke, eine meiner schlechten Angewohnheiten. Ich habe nicht darüber nachgedacht, wie es wirkt, dass ich genau das gesagt habe. Und dass es auch noch eine ehrliche Antwort war.

Es ist kompliziert. Ich weiß nicht, ob er mich gefragt hat, weil es ihm aufgefallen ist oder ob er nur neugierig war. Mich beschäftigt die Auswirkung der Antwort erst Tage danach und ich wundere mich, ob er die Frage überhaupt ernst gemeint hat oder ob es nur ein Witz sein sollte. Ich bin komplett verwirrt und stelle mir die Frage, warum ich überhaupt die Wahrheit gesagt habe.

Was ich normalerweise besonders gut kann: ironisch und sarkastisch sein. Lügen kann ich auch ganz gut, wenn nicht sogar extrem gut. Auf der anderen Seite bin ich aber mehr als ehrlich und manchmal kommt sich das sehr in die Quere. Auf die Frage hätte ich gewöhnlicher Weise einfach mit Sarkasmus oder Ironie geantwortet, habe es in diesem Fall aber nicht.

Ich kann mir selber nicht einmal erklären warum nicht. Die Wahrheit in eine Lüge verpacken, darin bin ich doch normalerweise eine Meisterin. Jeder, der mich zum ersten Mal kennenlernt, kann mich absolut nicht deuten. Niemand weiß, ob ich das ernst meine, was ich sage oder ob ich es ironisch meine. Das ist absolut anstrengend für alle Beteiligten, sogar für mich. Ich war schon immer so. Witze, die niemand versteht, schlechte Wortspiele und immer das sagen, was ich gerade nicht meine, das bin ich.

Mein Charakter hat sich so weit herausgebildet, dass selbst meine Freunde von mir genervt sind und mich fragen, ob ich das gerade ernst meine oder ob das schon wieder Sarkasmus ist. Manchmal sage ich etwas mit so einem sarkastischen Ton, dass ich mich selber davor abschrecke. Ich entschuldige mich dafür, weil ich es nicht mehr abstellen kann. Es ist ein Teil von mir geworden und ich kann versuchen es zu ändern, aber am Ende gebe ich dann doch wieder eine komische Antwort.

„Hier ist es aber echt schön“, sage ich zu einer Freundin, als wir durch Vorgärten zu ihrem Haus gehen. Mein Tonfall klang aber alles andere als begeistert. Sie dreht sich um: „Bei dir weiß man echt nicht, ob du es gerade wirklich so meinst oder nicht.“ Mal wieder habe ich genau das getan, was ich lassen wollte. Ich sage die Wahrheit und es klingt nicht wahr, wobei die Lügen mittlerweile wahr klingen. Ich bin in einem Paralleluniversum gefangen in dem immer das Umgekehrte gemeint ist und kann es nicht mehr abstellen.

„Warum bist du so sarkastisch?“, werde ich gefragt und am liebsten würde ich einen Witz reißen, denke dann aber doch darüber nach. Ich habe selber keinen blassen Schimmer wann ich dazu geworden bin. Meine Ironie und mein Sarkasmus, verpackt in Witzen und Lügen ist wahrscheinlich einfach ein Schutzmechanismus, der sich über die Jahre entwickelt hat.

Wenn ich etwas Dummes sage, kann ich am Ende immer noch behaupten, dass es ein Witz war. Ich kann zurück rudern und es ist eine Ausflucht, die niemand außer mir selbst sieht. Ich antworte nicht auf seine Frage, denn das was ich sagen würde, das wäre definitiv zu ehrlich und ich werde wohl nicht meine Mauer fallen lassen. Nicht vor ihm. Er würde sicher denken, dass ich wahnsinnig bin.

„Ich kann euch verkuppeln, wenn du willst“, sagt er. „Ja, sicher, als ob jemand, wie er auf jemanden wie mich stehen würde.“ Aber was ich eigentlich sagen will: „Das wäre fantastisch, ich finde ihn echt toll und würde gerne mal was mit ihm trinken gehen. Danke!“ „Mach dich doch nicht selber schlechter, als du bist.“ „Ich bin ja auch echt großartig“, sage ich komplett sarkastisch. Ich schütze mich selber, weil ich nicht verletzt werden möchte.

Anstatt dessen hätte ich zu mir ehrlich sein sollen, mich selber nicht degradieren sollen und auf mich und auf das was ich will hören sollen. Stattdessen baue ich eine Mauer aus Worten, die mir nicht weiterhilft. Ich distanziere mich, obwohl ich etwas ganze anderes möchte. Ich verschwinde hinter meinen Worten und weiß nicht mehr, was ich tatsächlich möchte oder nicht. Wenn ich selber nicht mal mehr weiß, was ich möchte, wie soll das dann jemand anderes verstehen können?

Ich spiele mir selber etwas vor und bin dann erstaunt, wenn ich dann endlich einmal ehrlich zu meinem Gegenüber, und im Besonderen zu mir selber, bin. Ich wundere mich warum ich meine Mauer fallen gelassen habe und bereue es. Bemerke aber dann doch wie mutig es war, ehrlich zu sein, sich nicht zu verstecken und dem Gegenüber zu zeigen, wie man sich gerade in dieser Sekunde fühlt.

Es ist keine Schwäche, Gefühle zu zeigen, ehrlich zu sein und seine Meinung zu sagen. Ich bin nicht die Einzige, die ironische Sachen sagt, Sarkasmus als Stilmittel nutzt und absichtlich das sagt, was nicht gemeint ist. Viele tun Dinge aus Ironie. Es werden ironische Selfies aufgenommen, auf diese dumme Party gegangen um zu zeigen, wie lächerlich das doch alles ist, ironisch Musik gefeiert, die aber gar nicht so schlimm ist, die wir vielleicht sogar gut finden.

Es ist einfach nur anstrengend anderen etwas vorzuspielen, weil man Angst hat anderen sein „wahres Ich“ zu zeigen. Können wir alle nicht einfach einmal ehrlich zu uns selber sein? Die Dinge aussprechen, die wir meinen, das machen, was wir machen wollen. Wirklich. Echt. Authentisch. Es ist in Ordnung keine Antwort zu haben, zu sagen, dass es einem nicht gut geht, dämliche Antworten zu geben, weil man sich absolut nicht mit einem Thema auskennt und nicht vorzuspielen jemand zu sein, der man gar nicht ist. Keiner ist perfekt und wenn, dann wäre es auch ziemlich langweilig.

Die Illustration stammt von United Nations
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Nike Air Max: Der Schuh für Mitläufer

„Der Air Max von Nike ist der durchgefickteste Schuh, den es gibt“, kommentiert meine Freundin Magda eben jenes Kleidungsstück, das alle Füße ziert, als wir in einer überteuerten Bar in Berlin-Mitte sitzen. Und da Produkte, die von Mitläufern fast schon panisch konsumiert werden, um bitte doch irgen...
Nike Air Max: Der Schuh für Mitläufer

Nike Air Max

Der Schuh
für Mitläufer

Meltem Toprak

„Der Air Max von Nike ist der durchgefickteste Schuh, den es gibt“, kommentiert meine Freundin Magda eben jenes Kleidungsstück, das alle Füße ziert, als wir in einer überteuerten Bar in BerlinMitte sitzen. Und da Produkte, die von Mitläufern fast schon panisch konsumiert werden, um bitte doch irgendwie cool zu sein, keine lange Haltbarkeitsdauer haben, muss ich es euch leider an dieser Stelle mitteilen: Das Teil ist dem Ende geweiht.

Denn wenn ihn schon die Protagonistin von Journelles, einem der stillosesten Modeblogs, das Deutschland zu bieten hat, in einem ihrer immer gleichen Outfit-Posts vorstellt, nur um wenige Tage später in nietenbesetzten, spitzen Schuhen aufzutauchen, dann kann ich nur noch den Kopf schütteln. Sind deutsche Modeblogger etwa gar keine selbstbewussten Trendsetter und Stilikonen? Gehören sie gar zu den kommerziellen Mitläufern?

In einem Land wie Deutschland, das den westlichen Stil von New York bis Kopenhagen rauf und runter kopiert, dabei den Jack-Wolfskin-Stil der Mütter verleugnet, wahrscheinlich schon. Stil hat man nicht, indem man Blogs und Magazine durchforstet, um das zu tragen, was die vermeintlichen Vorbilder tragen. Stil besitzt der, der Persönlichkeit hat, reflektieren kann, um zu wissen, wie er wahrgenommen wird und werden möchte.

Selbst die 14-jährige Hannah aus Köln macht sich über den Hype Gedanken. Sie habe die Schuhe nicht, weil sie „Swag“ seien. Kein Produkt hat sich in letzter Zeit einem so extremen Imagewandel unterziehen können, dass er vom Erkennungszeichen der Hip-Hop-Fans zum Status-Symbol der reichen Gören avanciert ist. Hipster können endlich wieder als Mitläufer oder Trendhuren bezeichnet werden, denn die Vintage-Klamotten aus den Second-Hand-Läden wurden erneut durch angepasste Logo-Teile wie Kenzo, Herschel und Co. ersetzt.

Neulich stieg ich in einer deutschen Provinz bei Darmstadt, die Berlin entgegen der Vorurteile gar nicht mal so ungleich ist, in einen Schulbus ein. Ich war umzingelt von 16-jährigen pubertierenden Kindern, die allesamt diesen Schuh und sich selbst feierten. Wahrscheinlich um dabei etwaige Minderwertigkeitskomplexe zu unterdrücken. Ob in der Hauptstadt oder auf dem Dorf, von Ghetto natürlich keine Spur.

„Ich trag’ meine Air Max und ich geh’ den harten Weg“, singt Fler und trägt den zurzeit begehrtesten Sneaker der Jugend. Bushido besitzt ihn auch, und Kanye West hat ihn sowieso. Die momentanen Marken-Botschafter haben ohne Zweifel zum Trend beigetragen. Für viele Musiker ist der Schuh Modekultur statt Trend. Oft hingegen steckt dahinter auch ein dicker Werbedeal.

Während Bushido und Fler das Ghetto stilisieren und Wahrheiten auspacken möchten, gilt Kanye West hingegen zwar als intellektuell und bigott, wird aber meist für die elektronischen „Dope Beats“ gefeiert. Damit finden sich Nachahmer der unterschiedlichsten Genres zusammen.

Doch der sportliche Sneaker, wie der von Nike, ist Hip Hop, Kultur der Lässigen, Verweilenden, Nachdenklichen, aber Unkomplizierten. Neben dem Beat und dem angeberischen Gehabe lesen sich auch Zeilen der Perspektivlosigkeit, verbauten Zukunft und Abgeschiedenheit.

Wie ihn die Masse auf der Straße und auf Blogs kombiniert, hat mit Unkompliziertem nichts zu tun. Dieser „ach-so-lässige Look“ ist bemüht und durchdacht. Anfang der 2010er trugen die ersten ihn, erheblich vom musikalischen Talent und Trendsetter Kanye West inspiriert, doch nun hat er die Massen erreicht, die sogenannten “Wannabes”. Um einen, eben jenen Schuh zu tragen, gibt es keine Voraussetzungen oder Bestimmungen.

Mode macht frei, kann im Spiel von Stereotypen erlöst werden und neue Bilder entstehen lassen. Das Gleiche geschah mit dem Overknee im selben Zeitraum. Ein Stiefel, der die Berufskleidung einer Prostituierten prägt, wurde im Winter von etlichen Frauen übernommen, sodass diese weiblicher und sexier wahrgenommen wurden.

Der Schuh der Hip-Hop-Szene, die im Kern patriarchalisch ist, aber zurzeit auch Grenzüberschreitungen mit Kanye West, Frank Ocean oder Cro unternimmt, wirkt sich auch auf den Kleidungsstil des männlichen Geschlecht aus. Lässig, aber kantig wirkt der Junge, der gerade dabei ist, erwachsen zu werden.

Wenn nun nicht mehr nur die „Ghetto-Kinder“ diesen Schuh tragen, sondern auch die elitären Jugendlichen der Gymnasien, findet eine Verschmelzung statt. Wenn Menschen ein Interesse teilen, führt das verschiedene Gruppen zusammen. Aber dieser Schuh gibt nur den Anschein eine Gruppe zu haben.

Statt mit Erlebnissen dazuzugehören oder durch Akzeptanz der eigenen Person, ist es für jeden in der Jugend ganz selbstverständlich, sich mit Klamotten beweisen zu müssen. Die eigene Persönlichkeit ist noch nicht entwickelt, und somit ist das Einzige, was man nach außen hin tragen kann, das Äußere selbst. Und so scheint es auch all jenen nicht erwachsen werden Wollenden zu gehen.

Länger Kind sein, mag zwar den Anschein geben, länger leben zu können, aber wer will schon ohne Persönlichkeit und Haltung mit „angesagten“ Schuhen durch die Gegend hopsen? Mit den coolen, nachdenklichen, politischen Kindern aus ärmlichen Verhältnissen haben die angespannten, haltungslosen, elitären Kids doch nicht wirklich etwas gemeinsam.

Auch eben jene, die in der Mitte hängen geblieben sind, zwischen ihrem Migrationshintergrund und dem neuen Akademiker-Kreis, und sich dabei wie Kanye West fühlen, während sie die „Ausländer“ als „Neudeutsche“ hinter sich lassen, sind auch nicht besser.

Aber so lassen Trendopfer sich vom Geschmack der Authentischen beeinflussen, adaptieren saisonal den Stil der anderen und machen ihn damit zum Produkt der Masse. Viele tragen einen Schuh, weil er “in” ist, statt aus Überzeugung. Ombre Hair, Carhartt-Mütze, Military Jacke oder steriler schwarzer Mantel mit Ledereinsatz. Das mag die übliche Kombination sein. Die Jungs tragen dazu Hochwasserröhe, Parker und Beanie-Mütze. Auf Modekommentar heißt es „Air Max seien kein Trend, sondern eine Lebenseinstellung“.

Ganz genau, sie sind Lebenseinstellung, was auch heißen mag, dass man sie länger als einen Winter trägt und den Schuh nicht ganz plötzlich abstoßend findet, wenn sie dann doch keiner mehr nutzt. Jene Air-Max-Träger trugen zuvor auch den Timberland, die Keds-Kopie von H&M, Creepers.

„Markenidentität ist zum Sinnstifter von Heimat geworden, weil sie sowohl Identitätsangebote zur Verfügung stellt als auch die Räume, in denen die gewonnene Identität erprobt, erlebt und angeeignet werden kann“, heißt es in dem Buch Wer hat Angst vor Niketown von Friedrich von Borries.

Es ist ein warmes, vertrautes Gefühl, in einer fremden Stadt anzukommen, aber am Kleidungsstil einen ähnlichen Lebensstil ablesen zu können und sich damit 2000 Kilometer entfernt wie zu Hause zu fühlen. Aber was muss das für eine oberflächliche Heimat sein, die dich nur bestätigen soll? Schuhe wie diese erwecken den Eindruck, das Gegenüber sei up-to-date.

Aber genau so ist es mit Trends. Sie simulieren nur globale Offenheit, Weltgewandtheit und großes Wissen. Up-to-date sein sollte nicht bedeuten, die angesagtesten Bars und Shops zu kennen, sondern zu wissen, was auf der Welt vor sich geht, die Zeitung in die Hand zu nehmen und an Debatten teilzunehmen. Das erreicht man schon gar nicht mit einem Schuh.

Und wie sieht nun dieser Lebensstil aus? Kapitalismuskritik nimmt ab, Konsum zu, ausgebeutete Kinder und schlechte Arbeitsbedingungen bleiben. Und wir? Sind wir glücklicher mit solchen bunten, poppigen Dingern an den Füßen? Wenn wir den Schuh am Abend ausziehen und in den Spiegel sehen, legen wir dann nicht auch die Facette einer heilen, glücklichen und selbstbewussten Persönlichkeit ab?

Den Swoosh von Nike gibt man sich selbst beim Tragen wie der Lehrer mit einem Häkchen bei guter Leistung: Ich trage Nikes, yeap, ich bin’s! „Heute mag ein beschissener Tag sein, aber mit diesen Schuhen bin ich einfach zu geil, um mich noch heute Abend aus dem Fenster zu werfen!“ Lohnt es sich wirklich ein Leben haben zu wollen, das nur von außen hin bunt scheint? Gefällt ein Schuh der Masse, glauben viele, er müsse gut sein.

Wir werden sehen, wer die Treter noch anbehält, sobald der nächste neue It-Schuh kommen wird. Wer ihn aus Überzeugung trägt, wird ihn, ob in oder nicht, jedenfalls noch lange lieben. Das sind genau die Menschen, die Trends setzen. Aus Leidenschaft. Und nicht wenige Tage später plötzlich mit neuen sauberen Tretern antanzen. Am Ende stellt sich nämlich ganz schnell heraus, wer wirklich selbstbewusst ist und zum eigenen Lebensstil und Geschmack steht. Und deswegen auch von den Mitläufern respektiert wird.

Die Fotografie stammt von Alexander Rotker
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Dating per App: Tinder darf man nicht ernst nehmen

Ich hatte mal einen Exfreund. Und wie es für Exfreunde seiner Art, Stichwort Musiker, so üblich ist, war er ein richtiger Arsch mit einem winzigen... naja... Ego und noch weniger Gewissen. Woher ich das weiß? Nun ja, zum Glück ist Berlin auch nur ein kleines Dorf, in dem jeder jeden kennt – und so b...
Dating per App: Tinder darf man nicht ernst nehmen

Dating per App

Tinder darf man
nicht ernst nehmen

Leni Garibov

Ich hatte mal einen Exfreund. Und wie es für Exfreunde seiner Art, Stichwort Musiker, so üblich ist, war er ein richtiger Arsch mit einem winzigen… naja… Ego und noch weniger Gewissen. Woher ich das weiß? Nun ja, zum Glück ist Berlin auch nur ein kleines Dorf, in dem jeder jeden kennt – und so bieb mir die frohe Botschaft über seine pickelige, 19-jährige Affäre beim besten Willen nicht erspart, genauso wenig wie die Details des romantischen Zusammentreffens der beiden Turteltauben: Tinder. What else.

Ich habe keine Ahnung, welche Synapsen ihren Einsatz verpasst haben und wo mein südländisches Temperament an dem Tag abgeblieben ist, aber statt Britney-reif auszuticken, habe ich nur mit den Schultern gezuckt und mir die App runter geladen. Okay, Letzteres habe ich mir nur ausgedacht. Fakt ist aber: Was er kann, kann ich schon lange.

Verändert die Liebe sich durch das Internet? Spielen echte Gefühle überhaupt noch eine Rolle? Oder werden wir zur Massenware, die nach links zu den Losern oder nach rechts in die engere Auswahl wandert? Wir sind ja hier unter uns, also kann ich es euch verraten: Trotz großer Klappe werde ich zum schüchternen Häufchen Elend, wenn es ums Flirten geht.

Ich kann mir schöne Augen schminken, dem Typen an der Bar aber keine schönen Augen machen. Ich kann meine Meinung lautstark vertreten, bekomme aber kein Wort raus, wenn ich jemanden richtig toll finde. Und ich war absolut dagegen, mich auf Tinder, Happn & Co. zu präsentieren, obwohl mein komplettes Leben fast nur im Internet stattfindet.

Aber hey, was tut man nicht alles für die Wissenschaft? Zwei, drei Klicks, Foto hochgeladen, angemeldet, fertig. Und wisst ihr was? Es war überhaupt nicht schlimm. Weil man das Ganze nicht zu ernst nehmen darf. Weil man nicht mit dem Vorhaben, seine große Liebe zu finden, aufs Herzchen klickt oder nach rechts wischt. Weil man auch da eines Besseren belehrt werden kann, wie die ein oder andere Geschichte beweist. Weil das Argument, man würde zur Billigware, schon bei dem Gedanken hinkt, weil beide zustimmen müssen und somit wissen, worauf sie sich da einlassen.

Und weil man im allerschlimmsten Fall mit der besten Freundin beim Späti um die Ecke sitzt, ihr das Handy in die Hand drückt und sie die nächsten fünf Typen aussuchen lässt, nur um zu sehen, ob es ein Match war. Strike! Yeah! Next Level! Es ist nur ein Spiel, das keinem – mit einem gesunden Menschenverstand – wehtut.

Und während wir da Tränen lachend mit dem Handy in der Hand sitzen, wie Teenies auf dem Schulhof kichern und sie laut „Neeeeeee, der doch nicht!“ schreit, setzt sich ein Unbekannter zu uns, holt sein Handy raus und grinst uns an, als hätte er seine verschollen geglaubten Geschwister mitten in der Wüste wiederentdeckt. „Ooah, ihr seid ja auch auf Tinder! Mal sehen, ob wir uns finden!“ Aber bevor er sich ins Partyleben verabschiedet, dürfen wir noch sein neues Profilfoto schießen und ihm viel Glück bei der Suche wünschen.

Wer weiß, vielleicht begegnet ihm die große Liebe online. Vielleicht bei der nächsten Party. Vielleicht auch beides, wie wir uns eben gerade. Sicher ist aber: meine Vorurteile habe ich abgelegt und tatsächlich nette Leute kennengelernt. Eine einzige schmierige Nachricht bekommen, die aber so lustig-dämlich war, dass ich es „Willy“ echt nicht übel nehmen konnte.

Zählen wir mal zusammen: Schlechte Erfahrungen: Null. Lachanfälle: gefühlt tausend. Nach links gewischt: den Typen mit dem eingeölten Modelbody, den mit einem romantischen Zitat über seinem Gesicht und den Exfreund, der mich irgendwann vom Bildschirm aus angrinste – für den hieß es nämlich: Game Over!

Die Illustration stammt von Cherry und Icons8
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Miri Matsufuji: Japanische Jugend

Manchmal frage ich mich, wie mein Leben wohl verlaufen wäre, wenn ich nicht in Deutschland, sondern in Japan aufgewachsen wäre. Nach Jahrzehnten des einseitigen Konsums diverser Anime, Manga und Videospielen ist dies eine nicht allzu abwegige Frage. Wäre ich Japan immer noch so feiern, wenn ich eben...
Miri Matsufuji: Japanische Jugend

Miri Matsufuji

Japanische
Jugend

Marcel Winatschek

Manchmal frage ich mich, wie mein Leben wohl verlaufen wäre, wenn ich nicht in Deutschland, sondern in Japan aufgewachsen wäre. Nach Jahrzehnten des einseitigen Konsums diverser Anime, Manga und Videospielen ist dies eine nicht allzu abwegige Frage. Wäre ich Japan immer noch so feiern, wenn ich eben nicht hier, sondern am anderen Ende der Welt geboren wäre? Würde ich dann statt japanischer Popkultur womöglich sogar die deutsche feiern? Mir heimlich Helene Fischer anhören, weil ihre Musik so toll ist?

Miri Matsufuji ist eine aufstrebende Fotografin aus Tokio, die ich sogar selbst einmal getroffen habe. Zufällig. Im dritten Stock des Tower Records in Shibuya. Sie war dort mit einem amerikanischen Freund unterwegs, um ihr neuestes, selbst zusammen gebasteltes Bildheftchen an einem extra für japanische Fotografen eingerichteten Stand auszulegen. Coole japanische Mädchen lassen sich nämlich gern mit westlich aussehenden Menschen in der Öffentlichkeit blicken.

Miri lebt die Realität, die ich mir immer vorgestellt habe. Ob sie nun so toll ist, wie in meiner Fantasie, ist mehr als fraglich. Aber auf ihren Fotos sieht die japanische Jugend zumindest nach Spaß aus. Egal ob in Tokio, Kyoto oder Osaka – wo Miri auch hinkommt, sie weiß, die Umwelt und die Leute darin kunterbunt und realistisch in Szene zu setzen. Ihre Arbeiten scheinen die Wirklichkeit abzubilden, ohne ihre Ernsthaftigkeit beizubehalten. Und genau das mag ich an ihren Bildern.

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Die Fotografie stammt von Miri Matsufuji
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Sexting für Anfänger: Die geheime Kunst der digitalen Nacktfotos

Alte Leute haben einen besonders kreativen Begriff dafür erfunden, wenn ihr euren Kommilitonen Nacktfotos von euch schickt: Sexting. Und weil sie nicht gerade begeistert davon sind, dass wir uns gegenseitig unsere primären und sekundären Geschlechtsteile zeigen, gibt es immer wieder Aufklärungs- und...
Sexting für Anfänger: Die geheime Kunst der digitalen Nacktfotos

Sexting für Anfänger

Die geheime Kunst der digitalen Nacktfotos

Daniela Dietz

Alte Leute haben einen besonders kreativen Begriff dafür erfunden, wenn ihr euren Kommilitonen Nacktfotos von euch schickt: Sexting. Und weil sie nicht gerade begeistert davon sind, dass wir uns gegenseitig unsere primären und sekundären Geschlechtsteile zeigen, gibt es immer wieder Aufklärungs- und Medienkampagnen, die uns davor warnen und abhalten sollen, die eigenen entblößten Körper quer durchs Internet zu schicken.

Da uns allen klar ist, welchen Nutzen solche Initiativen haben, nämlich gar keinen, und dass sich Professoren, die sich immer wieder laut und öffentlich empören, wahrscheinlich selbst erst mal einen runterholen, wenn sie Nudes ihrer eigenen Studentinnen im Internet entdecken, gibt es an dieser Stelle wertvolle Tipps für digitale Nacktfotos – damit ihr am Ende nicht allzu doof da steht, wenn die halbe Uni sie in die Finger bekommt.

Alle paar Wochen schüttet das Internet mehr schlecht als recht ansehnliche Nacktaufnahmen von irgendwelchen meist drittklassigen Promis vor uns aus, die aussehen, als hätte sie gerade ein Paparazzo durchs Badfenster beim Kacken erschreckt. Mieses Licht, noch miesere Pose, mieseste Auflösung.

Wer will denn so in die Geschichte eingehen? Wenn ihr euch schon die Mühe macht, euren unbedeckten Körper zur Schau zu stellen, dann müsst ihr das in einer Art und Weise zelebrieren, die alle anderen umhaut und euch und eure Auffassungen vom Leben niemals wieder in Frage stellt.

Hütet euch also davor, schnell irgendwelche dahin gerotzten Bilder eurer Brüste mitsamt BH-Abdrücken oder der mit Stoppeln, Fusseln und weißem Schmodder bedeckten Muschi zu machen. Schminkt euch, stylet euch, wascht euch und eure Haare. Und rasiert euch, falls ihr nicht gerade zu den Mädchen gehört, die den wärmenden Busch zelebrieren und keine Lust darauf haben, da unten wie eine Grundschülerin auszusehen.

Gebt euch einfach ein wenig Mühe, schließlich wollt ihr nicht denselben dilettantischen Fehler machen wie schon so viele andere Leichtgläubige vor euch und am schlimmsten noch zu hastig zwischen zwei wichtigen Terminen auf die unmenschlichste Art und Weise zu Selfies zwingen lassen, die euch im Nachhinein nur noch leid tun können. Denn Reue ist ein schreckliches Gefühl.

Nichts ist peinlicher, als ein Nacktfoto von euch, auf dem ihr ausseht wie ein 80er-Jahre-Pornostar. Werft euch nicht die Schminke und den Lippenstift ins Gesicht, posiert nicht, als würde euch gleich ein Pferd aus einer anderen Dimension von hinten rammeln und leckt euch auch nicht lasziv über den sabbernden Mund. Das will doch niemand sehen!

Je natürlicher ist ausseht umso sexuell attraktiver fühlt ihr euch und seid ihr auch für andere. Stellt oder legt euch ganz normal hin, guckt sexy, aber nicht übertrieben, und seht von bescheuerten Gesten wie dem Duckface, Posen aus Kinofilmen oder dem in die Kamera gestreckten Peace-Zeichen ab.

Wer selbst auf Nackedeibildern selbstbewusst und auf eine natürliche Art und Weise sexy rüberkommt, der gewinnt sowohl den Respekt des Betrachters als auch seinen eigenen. Sich ausziehen und davon Bilder machen, das kann wirklich jeder. Die Magie eures entblößten Körpers rüberbringen, das schaffen allerdings nur sehr wenige.

Selbst Mädchen mit dem schönsten Körper, den krassesten Augen und dem heißesten Lächeln sind bereits über eine Sache gestolpert: Ihr ätzendes Zimmer. Denn auf den Fotos, die ihr so in die Welt pustet, seid nicht nur ihr selbst zu sehen, sondern auch euer schonungslos dargestelltes offenes Leben.

Dreckige Unterwäscheberge am Boden, versiffte Fantaflaschen auf dem vollgemüllten Schreibtisch, uralte rosa Teddybären auf dem Schrank, peinliche Kinderfotos aus der Vorschule an der Wand und am besten auch noch euren vibrierenden besten Freund auf dem Bett – mit dem Sexting verratet ihr manchmal mehr als ihr überhaupt wollt.

Versichert euch also entweder, dass ihr eine Stelle in eurem Zimmer findet, die nicht aussieht, als ob gerade der Dritte Weltkrieg ausgebrochen wäre, oder flüchtet gleich in einen anderen Raum – am besten das Bad. Und wenn ihr euch dafür entscheidet, euch durch einen Spiegel zu fotografieren, dann putzt ihn vorher! Schlieren und Flecke wurden schon so mancher Schwester zum Verhängnis.

Wer, warum auch immer, immer noch mit seinem aufklappbaren und fast schon auseinander fallenden Razr von Motorola herum rennt, der weiß, wie beschissen so manche eingebaute Handykamera sein kann. Und alles, was ihr damit fotografiert, sieht auch beschissen aus. Was für euch wiederum bedeutet: Euer Körper sieht beschissen aus.

Entweder ihr setzt beim Sexting auf die neueste Technik, also das brandaktuelle iPhone, ein sehr gutes AndroidHandy oder am besten gleich eine teure Spiegelreflexkamera, oder auf das genaue Gegenteil: Analog, also zum Beispiel das gute alte Polaroidformat, das euch gleich noch kreativer aussehen lässt. Sexting? Nein: Das ist fuckin‘ Kunst!

Pixelige Bilder eurer Fotze mögen zwar so manches Detail verstecken, aber im Grunde bedeutet das lediglich eins: Am Ende wissen alle, dass ihr Nacktfotos verschickt habt, das Problem ist nur: Ihr seht auf ihnen aus wie im Jahr 2003. Und das wollt ihr euch und der Welt da draußen nun wirklich nicht antun.

Wer zum ersten Mal in seinem Leben ein Nudeselfie macht, der dürfte ein wenig mit den Möglichkeiten der Entblößung überfordert sein. Wie viel zeige ich? Was zeige ich? Wie nah zeige ich es? Muss mein Gesicht mit drauf sein? Steht irgendwer da draußen auf meine seltsam geformten Füße?

Gleich vorweg: Fotos eures Körper, auf dem ihr das Gesicht aufgrund einer scheinbaren Anonymität abgeschnitten habt, scheinen zwar am Anfang am Logischsten zu sein, aber die wirkliche Erotik entfaltet sich erst, wenn man auch eure Augen sehen kann. Die sind nämlich der Schlüssel zur digitalen wie, wenn wir mal ganz ehrlich sind, auch analogen Sexualität.

Aber ihr müsst euch nicht gleich breitbeinig eine mutierte Zucchini durch eure gedehnten Schamlippen in den Uterus prügeln, um auch nur irgendeinen Hauch von Aufmerksamkeit zu erregen. Fangt klein an, zeigt erst mal nur einen Nippel – und wenn ihr euch danach noch wohl fühlt, womöglich mehr. Lasst euch auf keinen Fall hetzen, weder von euch selbst noch von eurem notgeilen Gegenüber.

Jawohl, die Verlockung ist nicht gerade klein, dass ihr eure ewigen Fettröllchen, die Schwangerschaftsstreifen oder die jetzt schon auftretende Cellulite nach der Aufnahme mit Photoshop wegpinselt, aber das Problem an der Sache ist, dass keiner von euch das wirklich drauf hat. Am Ende verbiegt sich nämlich der Hintergrund – und das ist peinlich.

Arbeitet von vornherein so, dass alle Problemzonen, die ihr womöglich verstecken wollt, nicht unbedingt sichtbar sind. Und sucht euch eine vorteilhafte Pose auf, bei der nicht eure ganze Wampe über dem Stuhl klebt oder beide Hängebrüste, warum auch immer ihr die jetzt schon habt, nach links und rechts schaukeln.

Wenn ihr wollt, könnt ihr entweder einen Instagram-Filter verwenden, um die Kontraste und Farbstufen so hinzudrehen, dass ihr besser ausseht, oder ihr setzt gleich auf Schwarz und Weiß. Wenn euer kleiner Bruder dann eure Bilder im Netz entdeckt, könnt ihr wenigstens zu eurer Verteidigung sagen, dass ihr die Aufnahmen für ein Kunstprojekt erstellt habt. Oder so.

Macht am besten so viele Fotos von euch wie nur irgendwie möglich, mit verschiedenen Gesichtsausdrücken, Posen, Winkeln. Einmal mit und einmal ohne Selbstauslöser, einmal von nah, einmal von fern. Danach könnt ihr in Ruhe aussuchen, welche Bilder ihr freigeben wollt und welche in die Umlaufbahn geschossen werden.

Seid sehr sorgfältig dabei und achtet bei den ausgewählten Fotos auf jedes nur erdenkliche Detail. Denn ihr müsst bedenken: Jede dieser kleinen Zeitbomben kann theoretisch genau das Bild sein, das euch am Ende in den gerade entblößt in die Kamera gehaltenen Arsch beißt – und ihr müsst hundertprozentig dazu stehen können.

Löscht am besten alle Originalaufnahmen, die ihr nicht benötigt, für immer von eurer Kamera, eurem Handy und eurem Computer. Und eurem USB-Stick, eurem CD-Rohling und euer Diskette. Und aus der Cloud. Nicht dass am Ende noch der gesamte Ordner Meine Pussy auf dem nächsten Universitätscomputer auftaucht.

Seid ihr in dem Bereich bereits etwas fortgeschritten, dürft ihr auch gerne kreativer werden. Irgendwann hat man nämlich keine Lust mehr darauf, blöd vor seinem Spiegel zu stehen und ein stumpfes Vollbildfoto von seiner Statur nach dem anderen zu machen. Selfies können schließlich so viel aufregender sein als nur das.

Egal, ob ihr den nahegelegenen Wald fahrt, um dort nur in Socken auf einem Baum zu sitzen, eine noch nie da gewesene FKK-Reise durch Südostasien veranstaltet oder euch in euer Lieblingsnerdkostüm presst, nur um an den richtigen Stellen freie Sicht aufs Wesentliche zu erlauben: Sexting kann Spaß machen!

Und ihr müsst euch auch nicht alleine mit der Kamera vergnügen – holt eure allerbesten Freunde dazu, euren gerade mal wieder aktuellen Liebhaber oder euer gerade frisch herausgeplopptes Katzenbaby, solange ihr nichts Verbotenes mit dem kleinen Bündel anstellt – das kommt dann eher weniger gut bei der breiten Masse da draußen an.

An wen auch immer ihr die Teile letzten Endes verschickt, ihr könnt euch sicher sein: Früher oder später tauchen sie im Internet auf! Entweder, weil euer Exfreund sauer auf euch ist und in einem notgeilen Moment Rachepornos auf YouPorn hoch lädt, weil durch die ständige Synchronisierung mit euren Geräten jeder kleine Mist automatisch ins Netz gesaugt wird – oder weil ihr einfach das falsche Bild auf Facebook veröffentlicht.

Deswegen sind drei Dinge besonders wichtig. Erstens: Ihr dürft kein Problem damit haben, dass euch andere Menschen nackt sehen – egal ob eure Kollegen, eure Freunde oder eure Familie. Zweitens: Ihr müsst euch sicher sein, dass ihr nur Fotos verschickt, hinter denen ihr zu 100 Prozent steht. Und drittens: Seid mental darauf vorbereitet.

Es ist nicht das Ende der Welt, wenn wildfremde Menschen eure Titten sehen. Schließlich haben fünfzig Prozent der Weltbevölkerung und nicht gerade wenige fette Typen ebenfalls Brüste, und zwar meistens hässlichere, und Muschis sind eigentlich auch nichts Besonderes. Lasst euch auch nicht mobben! Die meisten, die euch verarschen, haben selbst am meisten Probleme mit sich selbst. Am besten ignoriert ihr sie knallhart und lebt mit einer neuen Erfahrung im Gepäck ein sexuelles erfüllteres Dasein weiter.

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Die Welt verbessern: Tausche Perfektion gegen Obsession

Nenn’ mir eine Sache, die du in der Welt verändern möchtest. Eine einzige Sache. Im Zuge der Gutmensch-Diskussion ist es vielleicht nur diese Aufgabe, der man sich stellen sollte. Es gibt genügend Punkte, an denen man arbeiten kann. Angefangen bei charakterlichen Lücken bishin zum Weltfrieden – für...
Die Welt verbessern: Tausche Perfektion gegen Obsession

Die Welt verbessern

Tausche Perfektion
gegen Obsession

Sara Navid

Nenn’ mir eine Sache, die du in der Welt verändern möchtest. Eine einzige Sache. Im Zuge der Gutmensch-Diskussion ist es vielleicht nur diese Aufgabe, der man sich stellen sollte. Es gibt genügend Punkte, an denen man arbeiten kann. Angefangen bei charakterlichen Lücken bishin zum Weltfrieden – für welche Dinge setzen wir uns ein, und was zeichnet uns aus?

Nicht jeder kann alles. Das merkt man vor allem dann, wenn Menschen des öffentlichen Leben enttäuschen. Sie mögen auf ihrem Feld unschlagbar oder herausragend sein, dennoch haben sie Fehler und gelangen ständig ins Fadenkreuz der Medien. Kritik, konstruktiv oder polemisch, wird immer dann abgefeuert, wenn jemand mit viel Verantwortung oder mit etwas zu sagen, seine Schwächen nach außen zeigt – auch dann, wenn es den Personen selbst nicht mal klar war, dass es sich um Schwächen handelt.

Rassismus und Sexismus im Alltag sind die gängigen Themen, mit denen man in Deutschland heutzutage konfrontiert wird. Mal ganz abgesehen vom Abschreiben bei wissenschaftlichen Arbeiten oder bei kostenlosen Urlaubs-Trips von Freunden. Politiker, also diejenigen, die wirklich ganz vorne im Rampenlicht stehen, haben es nicht leicht.

Aber auch der kleine, normalsterbliche Otto muss sich gefügig machen. In meinen Gedanken geht es darum, dass man hier mehr oder weniger dazu erzogen wird, es jedem Recht machen zu wollen. Dass sich niemand mehr richtig traut, mal den Mittelfinger zu zeigen, wenn man sich zu Unrecht behandelt fühlt oder einfach keinen Bock hat, perfekt zu wirken. Ja, Amen, Entschuldigung ist Konsens – was für ein Schwachsinn. Aber gilt das auch, wenn man seine menschlichen Schwächen so offen zur Schau stellt, selbst wenn sie nichts darüber aussagen, was man tatsächlich kann?

Nur um eines klar zu stellen: Ich möchte nicht als Devil’s Advocate mal wieder mehr zur Rebellion an Stellen auffordern, wo sie nicht hingehört. Es ist wichtig, gerade solche Themen wie Rassismus mit größter Vehemenz zu diskutieren und bloß nicht zu ignorieren. Jegliche Kritik ist angebracht. Allerdings fehlt mir eine gewisse Konsequenz im Aktivismus.

Wenn wir schon nicht alles richtig machen können, und jeder sollte sich über die eigenen Fehler im Klaren sein, dann bitte wenigstens eine, und nicht krampfhaft versuchen, das Sonnenscheindkind mit der reinen Weste zu sein. Ich habe nichts gegen Ecken und Kanten, gegen eine anti-konforme Einstellung. Ich stimme mit vielen Lebensentwürfen nicht überein, aber ich weiß es zu schätzen, wenn man mit Ehrgeiz und mit einem Ziel, die Welt zum besseren verändern zu wollen, seine Sache vertritt.

Vielleicht ist Kritik angebracht, wenn Mitglieder der renommierten Parteien plötzlich rassistische Aussagen in Schutz nehmen oder rechtfertigen wollen – fuck that, hard. Aber andererseits mögen sie vielleicht – nur vielleicht – für eine andere Sache einstehen, die für sie viel größer und wichtiger ist. Dabei geht es nicht um ein globales “größer und wichtiger”, jedes konfliktreiche Thema ist es wert, austariert zu werden.

Es geht um ein individuelles größer und wichtiger. Man kann sich nicht in zehn Teile splitten und hoffen, dass eins davon es schon irgendwie richtig macht. Dann lieber den Mittelfinger dort zeigen, wo man nicht mehr optimieren kann und will – aber nur, wenn man sich dafür auf das konzentriert, wo man eine Leidenschaft spürt. Perfektion im Tausch gegen eine einzige Sache, die dir wichtig ist. Eine einzige Sache, die die Welt – zum Besseren, hoffentlich – verändern wird.

Die Fotografie stammt von Elena Mozhvilo
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Alaina Castillo: Eine junge Frau mit Ambitionen

Durch ihren impressionistischen und gefühlsbetonten Zugang zu zeitgenössischem R&B und Pop drückt Alaina Castillo das breite Spektrum der komplizierten Emotionen aus, die das moderne Leben in seiner jetzigen Form ausmachen und spiegelt die einzigartige Perspektive ihrer Generation wider. Oder anders...
Alaina Castillo: Eine junge Frau mit Ambitionen

Alaina Castillo

Eine junge Frau
mit Ambitionen

Annika Lorenz

Durch ihren impressionistischen und gefühlsbetonten Zugang zu zeitgenössischem R&B und Pop drückt Alaina Castillo das breite Spektrum der komplizierten Emotionen aus, die das moderne Leben in seiner jetzigen Form ausmachen und spiegelt die einzigartige Perspektive ihrer Generation wider. Oder anders ausgedrückt: Sie ist jung, schön und will jetzt endlich ein Superstar werden. Denn sie hat es sich verdient.

Die in Houston aufgewachsene und in Los Angeles lebende Künstlerin entdeckte ihre eigenen musikalischen Ambitionen erst, nachdem sie dem Chor ihrer örtlichen Kirche beigetreten war: „Mir wurde klar, dass es mir wirklich Spaß machte, zu üben und auf die Bühne zu gehen, und dass das Endergebnis etwas Erstaunliches und Schönes ist.

Alainas religiöse Erziehung bedeutete zunächst, dass ihre popkulturelle Ernährung sehr begrenzt war. Nachdem ihre Eltern sie mit einer Diät aus Kirchenmusik und klassischem Pop, von den Beach Boys über Elvis Presley bis hin zu Whitney Houston, wurde sie zu einer Frau mit Ambitionen, nachdem sie Usher im Radio gehört hatte. Er hat ihr den Weg gezeigt, den sie nun konsequent gehen möchte, bis sie ein Superstar ist. Denn sie hat es sich verdient.

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Die Fotografie stammt von Chris Shelley
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Vergeudetes Gelaber: Niemand hört sich deinen Podcast an!

Du bist immer am Zahn der Zeit und gleichzeitig auf der Suche nach ein bisschen Ruhm für die bekannten 15 Minuten? Dann hast du bestimmt schon mit dem Gedanken gespielt, dir einen eigenen Podcast zuzulegen. Vielleicht hast du sogar schon damit angefangen, in deinem Kinderzimmer mit Hilfe deines über...
Vergeudetes Gelaber: Niemand hört sich deinen Podcast an!

Vergeudetes Gelaber

Niemand hört sich
deinen Podcast an!

Lukas Neumann

Du bist immer am Zahn der Zeit und gleichzeitig auf der Suche nach ein bisschen Ruhm für die bekannten 15 Minuten? Dann hast du bestimmt schon mit dem Gedanken gespielt, dir einen eigenen Podcast zuzulegen. Vielleicht hast du sogar schon damit angefangen, in deinem Kinderzimmer mit Hilfe deines überteuerten iPhones die ersten Folgen aufzunehmen und suchst nun verzweifelt nach einem Weg, deinen drei Bekannten, die sich aus Mitleid dein Geschwafel anhören würden, deine beschissenen Aufnahmen auf Plattformen wie Spotify oder Deezer zugänglich zu machen.

Oder du bist sogar schon einen Schritt weiter und lädst deine geistigen Ergüsse bei SoundCloud hoch, in der Hoffnung, dass wenigstens deine Mutter dazu erbarmt, dir einmal wöchentlich dabei zuzuhören, wie du Dinge erzählst, die einfach niemanden interessieren. Ja, noch nicht mal deine Mutter, die sich sonst immer beschwert, dass sie so wenig und selten von dir hört.

Podcasts werden derzeit gehyped als wären sie das neue Instagram, doch die Wahrheit, die du vermutlich nicht hören willst, ist: Niemand hört sich deinen Podcast an. Nicht deine vermeintlichen Freunde aus der Schule oder dem Internet, nicht deine Mutter, und erst Recht nicht irgendwelche wildfremden Leute, die dich überhaupt nicht kennen.

Du kannst es also direkt sein lassen und dir ein richtiges Hobby suchen. Oder einen Job, denn wenn du dir erhoffst, mit deinem Podcast wie nebenbei auch noch reich zu werden, muss ich dir leider direkt sagen, dass das wohl ein Wunschtraum bleiben wird. Egal, wie viel Mühe du dir bei der Themenfindung und der Umsetzung gibst.

Am Ende wirst du mehr Geld in teures Equipment oder sogar die Anmietung eines Tonstudios investieren, als dir dein Podcast jemals einbringen wird. Ja, auch dann, wenn du auf den Trendzug mit aufspringst und nur noch Podcasts produzierst, die sich thematisch um Analsex oder das Aufspritzen deines G-Punks drehen, denn inzwischen will nicht mal das irgendjemand noch hören. Erst recht nicht von einem unwissenden und pickeligen Teenager wie dir, dem im echten Leben garantiert noch nie gefickt hat und für den der G-Punkt ein genauso großes Mysterium ist wie, sagen wir, das Universum oder die Relativitätstheorie.

Um die tausend neue Podcasts tauchen gefühlt jede Woche auf, die am Ende des Tages einfach niemanden interessieren. Nicht nur die Hörbuch-Plattform Audible setzt auf „Original Podcasts“, die man nur dann anhören kann, wenn man ein Abo abgeschlossen hat, das fast zehn Euro pro Monat kostet.

Inzwischen wurde mit Podcasterinnen.org sogar eine eigene Plattform speziell für weibliche und nicht-binäre Podcaster geschaffen. Das mag auf den ersten Blick ja ganz nett aussehen, wirft aber die Frage auf, wer sich die ganze Scheiße eigentlich überhaupt anhören soll. Zumal sich locker die Hälfte der dort gelisteten Podcasts, wie sollte es anders sein, um Sex drehen. Mir bleibt an dieser Stelle nichts anderes übrig, als einmal herzhaft zu gähnen.

Natürlich gibt es auch gute Podcasts, die es sich zu hören lohnt. Zu nennen wären da in jedem Fall der True-Crime-Podcast Serial und natürlich Fest und Flauschig, der Podcast mit Olli Schulz und Jan Böhmermann, den es exklusiv auf Spotify auf die Ohren gibt. Auch „Faking Hitler“, an dem Ex-VIVA-Moderator und Podcast-Vorreiter Nilz Bokelberg beteiligt ist, ist durchaus zu empfehlen. Danach hört es aber auch schon auf.

Trotzdem wollen mir diverse Streaming-Anbieter jede Woche neue sinnlose Podcasts verkaufen, die ich mir doch bitte anhören soll. Darunter jede Menge Podcasts von Influencerinnen, die meinen, sie müssten mir ihre Gedanken zu Schminke, vermeintlichen gesellschaftlichen Missständen, Politik und „Mindfulness“ jetzt auch noch auf diesem Wege aufdrücken. So, als würden sie mich mit ihrer falschen Art auf Instagram und YouTube, die nur dazu dient, neue Follower anzulocken, mit denen sich dann Geld verdienen lässt, nicht schon genug belästigen.

Ich hoffe, dass der Podcast-Trend so schnell wie er gekommen ist auch wieder in der Versenkung verschwindet. Ich hoffe es nicht nur, ich glaube sogar fest daran. Immerhin ist das mit anderen Onlinephänomenen ja genauso passiert. Oder erinnert sich noch jemand an die YouTube-Videos von der damaligen Vorzeige-YouTuberin Daaruum, die sich inzwischen nur noch unter ihrem echten Namen Nilam Farooq zeigt? Deren Videos hat irgendwann auch niemand mehr geschaut.

Du spielst trotzdem noch mit dem Gedanken, dir einen Podcast zulegen und Familie und Freunde mit deinen verbalen Ergüssen zu belästigen? Dann such dir am besten sofort professionelle Hilfe, echte Freunde, die sich gerne mit dir unterhalten und einen richtigen Job, der dir dabei hilft, dein Clearasil zu bezahlen.

Ich kann dir nämlich versprechen, dass du mit Podcast weder reich noch berühmt werden willst und dich vermutlich noch nicht einmal für eine Teilnahme bei „Ich bin ein Star, holt mich hier raus!“ qualifizieren wirst. Schließlich weiß bis heute niemand, wer Leila Lowfire eigentlich ist und was sie überhaupt im Dschungelcamp zu suchen hatte.

Also verzichte auf einen eigenen Podcast und investiere deine Zeit lieber in sinnvolle Projekte. Zum Beispiel, indem du dir vornimmst, aktiv an der Verbesserung der Welt mitzuarbeiten oder auch, indem du die Zeit, die du in einen Podcast investiert hättest, einfach dazu nutzt, deiner liebsten Pornoseite im Internet einen Besuch abzustatten und dir mal wieder so richtig schön einen von der Palme zu wedeln.

Die Fotografie stammt von Kate Oseen
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Türkisches Paradies: Ein Stückchen Dekadenz in Didim

Didim ist nicht nur irgendein Urlaubsort, an dem getrunken und gefeiert wird. Denn beim Namen der Stadt beginnend, trägt es Geschichte, die leider im eigenen Land kaum Achtung geschenkt bekommt. Es sind die Deutschen und Franzosen, die das Geld und Interesse haben, um das kulturelle Erbe zu entdecke...
Türkisches Paradies: Ein Stückchen Dekadenz in Didim

Türkisches Paradies

Ein Stückchen
Dekadenz in Didim

Meltem Toprak

Didim ist nicht nur irgendein Urlaubsort, an dem getrunken und gefeiert wird. Denn beim Namen der Stadt beginnend, trägt es Geschichte, die leider im eigenen Land kaum Achtung geschenkt bekommt. Es sind die Deutschen und Franzosen, die das Geld und Interesse haben, um das kulturelle Erbe zu entdecken und erhalten. Archäologen kommen jedes Jahr hierher, um rund um den Apollontempel weiter herum zu graben. Das Orakelheiligtum ist dem „griechischen und römischen Gott des Lichts, des Frühling, der Kunst und der Weissagung“ gewidmet.

Mein erster Halt ist also Didim, eine kleine Stadt zwischen Izmir und Bodrum an der Ägäis, an der ich mich nun seit einigen Wochen aufhalte. Sie ist eine dieser Touristenstrandstädte, die massenweise von Engländern belagert werden, die auf Şemamê Halay tanzen, vielleicht ohne zu ahnen, dass das Wort eigentlich kurdisch ist.

Etwas über die türkische Kultur weiß leider kaum einer der Briten, die 25 Prozent der Einwohner Didims ausmachen. Ein anderer Teil besteht aus in Deutschland lebenden türkischen Arbeitern, meist Aleviten, für die der Besitz eines Ferienhauses möglich ist, da es zum Leben und Urlaubmachen im Vergleich zu Bodrum und Cesme noch günstig ist.

Apropos Cesme, da würde sich Kıvanç Tatlıtuğ eigentlich aufhalten, aber in der Werbung für türkische Fanta erklärt er, warum er dort nicht hingeht. Die Werbung hat funktioniert. Ich trinke Yedigün, obwohl ich nur Coke liebe. Aber keine Pepsi-Cola. Diese Dose, auf dem er verpixelt abgebildet ist, soll also die einzige Annäherung sein, wie sich später herausstellen wird.

Kopftuchträger lockt es hier aber auch gern öfter hin. Die Menschen sind so tolerant und aufgeklärt. Hier schreit keiner auf, wenn er eine dicke Frau mit Kopftuch in einem Raumschiffkostüm aus dem Wasser heraus watscheln sieht. Obwohl sie aussieht wie ein Baywatch-Hottie, an dessen Körper jede einzelne Rundung optimal zu erkennen ist.

Aber während meines Aufenthalts hat ja zum Glück auch schon der Ramadan-Monat angefangen. Das bedeutet, dass viele zurück in die Heimat fahren, um dort zu fasten und an Bayram die Festtage wieder am Meer zu zelebrieren. Während man hier also wenigstens ungestört essen und trinken kann, sieht es im Osten der Türken schon wieder ganz anders aus, wie ich später spüren werde. Denn die meisten Urlauber sind Aleviten, die ihren Glauben sehr liberal ausführen.

Die Küste muss sich, ohne gefragt zu werden, verkaufen, Kultur geht verloren, um Geld zu machen, weil es einfach nicht anders geht. Es entstehen also Subkulturen. In der Nachbarschaft wohnen Engländer, Iren, Deutsche, Amerikaner und Türken aus dem eigenen Land und Deutschland, Frankreich Österreich. Das nenne ich Multi-Kulti.

Meine Freundin Kiana ist Halbjamaikanerin und die Enkelin meiner Nachbarn. Kianas Großeltern sind sehr herzliche Menschen, haben immer ein Englisch-Türkisch-Wörterbuch auf dem Tisch auf der Veranda liegen, wenn ich sie besuchen komme, und grüßen ihre Nachbarn mit einem Merhaba oder Günaydin.

Kiana selbst lebt in Manchester, und geht bald aufs College. Ihre Großeltern aber wohnen schon seit einigen Jahren hier in Didim und genießen wahrlich das gute Wetter, welches übrigens sehr häufig ihre Antwort auf die Frage nach ihrem Wohlbefinden ist.

Rot sind sie auch, und Bier trinken sie auch ganz gern, und ein letztes Vorurteil lässt sich auch noch bestätigen: Sie haben ein Foto von der Hochzeit von Kate und Prinz William in ihrem Wohnzimmer hängen. Ich musste zweimal hinsehen, denn mit meinen anderen englischen Nachbarn, einem jungen Paar aus Liverpool, haben wir noch über das Trara gelacht, das soweit ging, dass man Straßenfeste für die Hochzeit organisiert hatte.

Obwohl ich die britische Insel noch nie betreten habe, lerne ich sie so doch irgendwie kennen, und wie sehr sich die regionalen Kulturen in Deutschland voneinander unterscheiden zeigen mir die zahlreichen Deutschtürken, die hier sind. Und darüber muss ich wirklich lachen, denn im Flugzeug Richtung Türkei las ich im ZEITmagazin noch über bestehende Vorurteile und sie alle haben sich bestätigt.

Die Münchner erzählen mir im Beachclub von Dekadenz und ich lache innerlich, „schnöselig sind sie dem ZEITmagazin zufolge, während sich die Frankfurter, so eingebildet wie sie sind, gegenüber sitzen und kein Wort reden.

Das sind eben die “Versnobten”, die an der Zeil entlang bis hin zur Fressgass stolzieren mit der Nase in der Höhe. Und die Berliner sind so kommunikativ und „ruppig“, dass sie dich einfach ansprechen, wenn sie dich beim Vorbeilaufen nur Deutsch reden hören. Und die aus Nordrhein-Westfalen sind einfach einfach.”

Nerelisin? Woher kommst du, die erste Frage, die der Türke dem Gegenüber stellt. Das fragt man sich erst auf Deutsch, und dann im Laufe des Gespräches auf Türkisch, da uns die deutsche Kultur in erster Linie schon verbindet.

Doch da die kulturellen Unterschiede regional viel unterschiedlicher als in Deutschland sind, möchte man auch immer wissen, woher der Gesprächspartner aus der Türkei kommt. Das heißt eigentlich, woher die Eltern kommen. Die Türken, die in der Türkei leben, nennen wir übrigens Türken-Türken, so wie man uns eben in Deutschland Deutsch-Türken nennt.

Denn was viele nicht wissen: Die Türkei ist ein Vielvölkerstaat, mit Menschen deren Vorfahren aus Bulgarien, Griechenland, Armenien, Iran und Aserbaidschan stammen. Außerdem gibt es Minderheiten wie Zazas, Kurden und Laz. Geht man also an das Schwarze Meer trifft man auf ein Volk mit eigener Sprache, eigenen Sitten und Gebräuchen, während die Menschen an der Ägäis, bekannt für ihren westlichen Lebensstil, vor allem in Izmir weniger traditionell sind.

Damit wir, eine Gruppe junger Deutschtürken, in der Sonne vom Morgen und dem Alkohol der Nacht nicht ganz verdummen, liest einer aus der iPhoneApp “Unnützes Wissen” vor, wir diskutieren über Politik, das Migrationsproblem, Religion und Wissenschaft, die ewigen Aleviten– und Sunniten-Konflikte, und weiteres, aber immer mit der deutschen Fähigkeit zur Kritik.

Morgens Medusa Beach Club, abends Medusa Beach Club. Und wir bezahlen für eine Cola und einem Red Bull unter dem Pseudonym Replay oder Coke ohne Kohlensäure 7,50 Euro, weil es der einzig gute Club in Didim ist. Der Bürgersteig vor diesem „Edelclub“ wird auch dem Vorurteil des schlechten türkischen Bürgersteigs gerecht. Hey, es braucht wirklich keinen deutschen Ingenieur, um zu wissen, dass ein drei Meter hoher Bürgersteig, nicht ergonomisch ist.

Vom Einkaufen und Essengehen rate ich euch hier ab, es sei denn ihr wollt eine Stunde lang von einem türkischen Verkäufer mit britischem Akzent, ohne nie auf der Insel gewesen zu sein, vollgelabert werden oder euch von schlechtem Fast Food ernähren.

Da es hier weder den deutschen Döner, noch ein Ordnungsamt gibt, und ich sehr deutsch bin, esse ich unterwegs das einzige, was vor meinen Augen zubereitet wird: Kumpir, eine große Kartoffel in Alufolie gebacken, die in der Mitte aufgeschnitten, mit Butter gemischt und mit verschiedenen Füllungen wie Oliven, Würstchen, Salat zu einem köstlichen Snack wird, was man hier vor oder nach dem Feiern gerne isst.

Auf dem Basar kaufen wir uns Gemüse und Obst, um zu Hause ein gesundes Mahl zuzubereiten. Da fragt doch ernsthaft eine Frau, die fastet, ob meine Schwester nicht Oliven für sie probieren könne, um zu sagen, welche Sorte die köstlichste ist. Ja, es passieren schon seltsame Dinge, wenn man hier einkaufen geht.

Wenn man hier eine Waschmaschine kauft und Vertragskunde des größten Konkurrenten Vodafones ist, bekommt man mit dem bloßen Senden einer SMS mit dem Inhalt „Avantage“ an die 54542 Rabatt in Höhe von 100 Euro auf ein Elektrogerät.

Und wie klein die Welt wirklich ist, merkt man daran, dass sich sowohl die Kunden im Elektroladen, als auch die in der gegenüberliegenden Bank bei einer Bevölkerungzahl von 75 Millionen als eigentliche Bekannte aus dem winzigen Dorf in Anatolien herausstellen. So was passiert eben nur in der Türkei.

Aber es geschehen auch Dinge zum Nachdenken, wenn man einkaufen geht. Als ich einen Jugendlichen mit blauen Nikes sehe, der einen Holzrad vor sich herschiebt, um Tontüpfe zu verkaufen, blicke ich ihn kurz an und im nächsten Moment sehe ich meine Mutter einen Topf begutachten und kaufen. Mein Vater ruft ihr verärgert zu, dass sie doch schon einen habe.

In dem Augenblick, in dem meine Mutter ihm das Geld gibt, sagt er noch, nein Tante, wenn der Onkel schimpft, nimm es lieber nicht. So viel Verständnis von einem jungen Verkäufer, der sich wahrscheinlich etwas Kleingeld für das Studium verdient. Er ist nicht der Einzige. Viele Menschen reisen aus Anatolien hier her, um zu arbeiten, während andere hier Urlaub machen. Und allein deshalb weiß man es zu schätzen, und merkt sich fürs Leben, dass auch das mal wieder keine Selbstverständlichkeit ist.

Die Fotografie stammt von Caglar Araz
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Scene Unseen: Tanzen in Tokio

Wenn ihr einmal durch die engen, überfüllten Straßen von Tokio wandelt, dann merkt ihr schnell, dass Japan ein Land ist, das andere kulturelle Schwingungen neugierig aufsaugt und diese ganz individuell an seine Bewohner weitergibt. Besonders junge Menschen sind mehr als heiß darauf, sich einem alter...
Scene Unseen: Tanzen in Tokio

Scene Unseen

Tanzen in
Tokio

Marcel Winatschek

Wenn ihr einmal durch die engen, überfüllten Straßen von Tokio wandelt, dann merkt ihr schnell, dass Japan ein Land ist, das andere kulturelle Schwingungen neugierig aufsaugt und diese ganz individuell an seine Bewohner weitergibt. Besonders junge Menschen sind mehr als heiß darauf, sich einem alternativen Lebensstil zu verschreiben. Hobbys werden zu Leidenschaften.

Seit den frühen Neunzigern feiert die Dancehall-Szene im Land der aufgehenden Sonne einen immer weiter wachsenden Siegeszug, mehr und mehr Jungs und Mädchen feiern den fröhlichen Mix aus Reggae und Hip-Hop, gepaart mit lauten Beats und schneller Musik. Stars wie Batty Bombom und Mighty Crown bringen eine ganze Generation zum Schwitzen.

In der Serie “Scene Unseen” und mit dem Hashtag #ListenForYourself bestückt, haben die Kreativköpfe Edward Lovelace und James Hall von D.A.R.Y.L. die pulsierende Dancehall-Szene in Tokio und drumherum für Bose besucht und geben Einblicke in spezielle Musikszenen, an Orten, an denen man diese Formen, Farben und Freuden womöglich gar nicht erwartet hätte.

Scene Unseen: Tanzen in Tokio
Mit freundlicher Unterstützung von Bose
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Super Tamade: Osakas verrücktester Supermarkt

So ganz geheuer ist uns die Super Tamade-Kette in Osaka ja nicht gerade. In diversen Reiseführern im Netz wird davon berichtet, dass die japanische Mafia die Kaufmärkte zur Geldwäsche nutzt. Und nicht nur das, anscheinend solle auch die Qualität unter den übergünstigen Preisen leiden. Von rohem Fisc...
Super Tamade: Osakas verrücktester Supermarkt

Super Tamade

Osakas verrücktester Supermarkt

Daniela Dietz

So ganz geheuer ist uns die Super Tamade-Kette in Osaka ja nicht gerade. In diversen Reiseführern im Netz wird davon berichtet, dass die japanische Mafia die Kaufmärkte zur Geldwäsche nutzt. Und nicht nur das, anscheinend solle auch die Qualität unter den übergünstigen Preisen leiden. Von rohem Fisch und Fleisch möge man doch lieber die Finger lassen.

Und dennoch ist es ein Erlebnis, wenn ihr zum ersten Mal durch die hell erleuchteten Eingangstüren in die grelle Neonhölle tretet. Bunte Bildchen, die Sterne, Karotten und Raumschiffe darstellen sollen, gelbe Preisschilder mit den neuesten Angeboten, jede Menge Fertigessen, so unterschiedlich und vielfältig, dass entscheidungsschwache Menschen hier eine wahre Sinnkrise ereilen könnte.

Die 1992 in Japan gegründete Supermarktkette ist beliebt bei groß und klein und auf jeden Fall einen Besuch wert, wenn ihr einmal in Osaka vorbei schauen solltet. Bei Super Tamade gibt es Ramen. Und Erdnussbutter. Und Getränke. Und jede Menge Essen aus Fleisch und Fisch. Und das alles überaus günstig. Nein, nicht nur günstig, sondern billig. Vielleicht hat das aber auch seine Gründe…

Super Tamade: Osakas verrücktester Supermarkt Super Tamade: Osakas verrücktester Supermarkt Super Tamade: Osakas verrücktester Supermarkt Super Tamade: Osakas verrücktester Supermarkt Super Tamade: Osakas verrücktester Supermarkt Super Tamade: Osakas verrücktester Supermarkt Super Tamade: Osakas verrücktester Supermarkt Super Tamade: Osakas verrücktester Supermarkt Super Tamade: Osakas verrücktester Supermarkt Super Tamade: Osakas verrücktester Supermarkt Super Tamade: Osakas verrücktester Supermarkt Super Tamade: Osakas verrücktester Supermarkt Super Tamade: Osakas verrücktester Supermarkt
Die Fotografie stammt von Marlen Stahlhuth
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Megalomaniac: Ich bin der Durchschnitt

Ich stehe auf einer Bühne. Meine Augen sind weit offen, doch ich fühle mich geblendet von der mich umgebenden Schwärze. Kein einziger Schimmer dringt durch die blinde Dunkelheit in meinen Kopf, und doch zweifle ich meine Sinne nicht an, denn hinter dem schweren Vorhang aus Samt, den ich mir nur denk...
Megalomaniac: Ich bin der Durchschnitt

Megalomaniac

Ich bin der
Durchschnitt

Sara Navid

Ich stehe auf einer Bühne. Meine Augen sind weit offen, doch ich fühle mich geblendet von der mich umgebenden Schwärze. Kein einziger Schimmer dringt durch die blinde Dunkelheit in meinen Kopf, und doch zweifle ich meine Sinne nicht an, denn hinter dem schweren Vorhang aus Samt, den ich mir nur denken kann, höre ich das Tosen des Publikums. Sie rufen und schreien, sie stampfen mit ihren Füßen wild auf dem Holzboden des riesigen Saales.

Wir befinden uns im Audimax der Welt – Fernsehkameras aller Nationen, die besten Fotografen, alle wichtigen Menschen und auch die unwichtigen, Männer, Frauen, Kinder – junge, kranke, alte, starke Menschen – Politiker, Ökonomen, Philosophen, Künstler, Kulturschaffende, Wissenschaftler, der Papst – alle sind gekommen. Alle warten darauf, dass der Vorhang fällt, für die größte Inszenierung aller Zeiten… für mein Leben.

Leider ist das Leben kein dramatisches Schauspiel, das von Superhelden und Geheimagenten bespickt ist, und so ist alles, was fällt, meistens ich selbst, und zwar auf den Boden, der Nase nach. Und oft breche ich mir dabei auch noch einen Zahn ab. Dabei ist dieser Traum vom Rampenlicht, so unrealistisch er sein mag, und ich meine nicht nur, weil ich kein so besonderer Mensch bin, sondern weil ich auch keine besonders rampenlichtige Persönlichkeit habe, etwas, dass mich schon seit Anbeginn meiner wirren Gedankenchronik begleitet.

Und egal, in welcher Form, es läuft immer darauf hinaus, dass die Menschen zu mir aufblicken. Ob ich als verschrobene, unentdeckte Sängerin einer avant-gardistischen Rockband meine kleinen Songs trällere, oder ob ich als höchstkriminelle, neumodische, aber gutmeinende, weibliche Robin Hood die Welt auf den Kopf stelle, Kriege beende und für das Recht auf Gerechtigkeit kämpfe. Jeder kennt meinen Namen. Und ich bin irgendwer. Ich bin irgendwer, der wichtig ist.

Auch, wenn diese sehr selbst-zentrierte Form der Tagträumerei maßlos und überheblich wirkt, glaube ich kaum, damit auf weitem Flur alleine zu stehen. Ich kenne viele Menschen, die würden nicht zugeben, dass sie nach Anerkennung, nach Macht streben. Aber ey, lügt euch nicht an. Wir streben nach Aufmerksamkeit, und wir sterben, in der Hoffnung, auch nach unserem Tod mit Aufmerksamkeit übergossen zu werden.

Größenwahn? Vielleicht. Aber es muss auch nicht der Thron der Welt sein, den ich gedanklich besteige. Es würde schon reichen, wenn ein einziger Mensch – ein existierender, klar denkender Mensch – eines Tages in Ehrfurcht vor meinem Werk, vor meinem Leben steht und sagt: Krass. Das hätte niemand anderes so machen können. Das hat niemand vor ihr so gemacht. Das ist einzigartig. Diese Sara Navid war eine Vorreiterin auf ihrem Feld.

Diese Ehrfurcht – kein Neid, wohlgemerkt, sondern nur positiver Respekt und ein daraus resultierender “Aufblick”-Mechanismus – ist auch das, was mir jeden Tag begegnet. Vor allem in der Uni. Da liest man pro Woche zwei bis siebenhundert Seiten von geistigen Orgasmen, die in einem perfekten Tiramisu der Geschmacksexplosionen verarbeitet wurden.

Da sind Naturwissenschaftler, Geisteswissenschaftler, Sozial- und Kulturwissenschaftler, Philosophen, Theoretiker im weitesten Sinne die mit ihren Standpunkten, ihren Systemkritiken und ihren “neuen” Gedankenverknüpfungen die Tore zu neuen Welten öffneten. Die unsere Welt heute weitaus mehr prägen als es jeder Barack Obama es könnte. Wir lesen heute noch Aufsätze von großartigen Menschen, die vor hundert Jahren verfasst wurden. Und mit jedem fertig gelesenen Text, der auf den Stapel “erledigt” gelegt wird, vergrößert sich auch der Abstand zwischen mir und allen großen Persönlichkeiten, die tatsächlich einen Wert für unsere Gesellschaft beigetragen haben.

Hier bin also ich. Inmitten von sieben Milliarden Menschen. Ich lese Weber und Marx und Cassirer und Habermas und denke mir, wer bin ich eigentlich? Ich werde niemals so etwas schreiben können. Und selbst wenn ich es schreiben könnte: meine Intelligenz reicht nicht aus, um das zu erreichen, was die Ikonen des Erfolgs und der Weltgeschichte vor mir erreicht haben. Selbst, wenn ich das Maß an mich selber nicht so hoch stecken würde, bliebe das Ergebnis identisch. Jedes Mal, wenn ich meine Lieblingswochenzeitung aufschlage, lese ich mindestens einen Text, dessen Inhalt weitaus alles übersteigt, was ich jemals auch nur im Ansatz für überhaupt möglich hielt.

Und nicht mal so weit muss man gehen. Es reicht schon, an dem Gedanken einer Hausarbeit zu versagen, weil man genau weiß, dass da nicht genug Wissen ist, um zu triumphieren. Es reicht schon, andere Blogs zu lesen, es reicht, die Gedankengänge jüngerer Kollegen oder Kommilitonen zu verfolgen, um festzustellen, shit, da komme ich nicht ran, in keinster Weise.

Und dann stellt man sich unweigerlich die Frage: Wozu mache ich das überhaupt? Wer möchte ich sein? Ein Teil der intellektuellen Elite? Jemand, der vor seiner Zeit lebt, und unter einem normativen Erfolgsdruck leidet? Oder jemand, der sich dem Kompromiss der Gegenwart anschließt, und sagt, naja, dann ist es eben so, wie es ist – und mehr als versuchen kann ich es auch nicht.

Das zwickt ganz schön. Das Gefühl, zum Durchschnitt zu gehören, und in keiner Leistung vortreffliche Arbeit zu machen, keinen Bestandteil des Charakters zu besitzen, der einen hervorhebt. Viel schlimmer: Man bewirkt nichts. Man ist ein Teil der wabernden Masse mit eigenem kleinen Mikrokosmos. Dann dauert es nur ein paar Generationen, bis man vergessen wird. Bis jemand anderes diesen Platz einnimmt.

An vielen Tagen stört mich das alles nicht. Mein kleiner Mikrokosmos reicht mir vollkommen, um Zufriedenheit an den Tag zu legen. Doch gibt es diese Momente, wo das Gefühl, die Sterne seien unerreichbar, mir die Luft zum Atmen abschneidet. Wo ich alles stehen und liegen lassen möchte und glaube, dass diese Gesellschaft mich aussaugt, und dass ich nie eine Chance hatte, und und und… Der Knick im Ego kann gerne auch zu einer Runde Mitleidsdusche führen.

Und dann macht man weiter. Mit den gleichen Träumen. Dass man eines Tages vor einem schwarzen, schweren Vorhang aus Samt steht. Dass die Menschen einem applaudieren, weil man es geschafft hat, die Probleme unserer Welt zu bändigen. Oder weil man ein Lied singt, welches, wenn auch nur wenige, Menschen glücklich macht. Oder weil man einen Text schreibt, der so durchdacht und klug ist, dass die Menge ihre Anerkennung beipflichten möchte. Und vielleicht braucht es ja manchmal einen unrealistischen Traum, um eine realistische Einschätzung seiner selbst zu erzielen.

Die Illustration stammt von Icons8
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Panty Party: Krieg der Höschen

Es gibt ja mehrere Kategorien von Videospielen. Da hätten wir die fetten AAA-Titel wie Assassin's Creed, Call of Cuty oder Grand Theft Auto, die Millionen von Dollar Entwicklungskosten verschlingen und die auch gefälligst wieder reinholen sollten. Dann hätten wir die putzigen Indie-Titel wie Don'...
Panty Party: Krieg der Höschen

Panty Party

Krieg der
Höschen

Marcel Winatschek

Es gibt ja mehrere Kategorien von Videospielen. Da hätten wir die fetten AAA-Titel wie Assassin’s Creed, Call of Cuty oder Grand Theft Auto, die Millionen von Dollar Entwicklungskosten verschlingen und die auch gefälligst wieder reinholen sollten.

Dann hätten wir die putzigen Indie-Titel wie Don’t Starve, Celeste oder Super Meat Boy, die uns trotz kleinerer Budgets in ihre kunterbunten Wunderwelten ziehen. Und dann gibt es da noch die Games, die jenseits von Gut und Böse sind, die entweder nur für Hardcore-Fans oder gleich für die Tonne sind, deren Existenz von irgendwem da draußen längst aufgehalten werden sollte.

Panty Party könnte man fast schon in die dritte und damit aussätzige Kategorie packen, aber dafür ist das Spiel einfach zu genial. Schließlich geht es in dem Anime-Titel darum, mit süßer Mädchenunterwäsche in alter Tekken-Manier zu kämpfen.

Ja, ihr habt richtig gehört, hier prügeln sich nicht irgendwelche krassen Kämpfer, die ihren Vater rächen wollen, sondern Höschen, Tangas und Slips. In Panty Party, das auf Steam und in Japan sogar auf der Nintendo Switch erhältlich ist, geht darum, den wahren Liebhaber der Mädchenunterwäsche zu finden und dadurch die Menschheit vor dem Bösen zu bewahren. Oder so.

In dem Spiel selbst haut ihr in einer etwas ernüchternden 3D-Welt mit Schlüppern andere Schlüpper und werdet dabei von süßen Anime-Mädchen angefeuert. Die Musik ist elektronisch und trabend, die Farben kunterbunt und die Geschichte so über allem, dass ihr manchmal an unserer eigenen Spezies zweifelt.

Bis zu vier Spieler können in Panty Party gegenseitig aufeinander einprügeln und je länger ihr zockt, desto mehr werdet ihr allein bei dem Gedanken an rosa Mädchenunterwäsche mit roten Schleifchen emotional. Vielleicht ist Panty Party das beste Videospiel, da jemals von irgendwem programmiert wurde – vielleicht aber auch nicht. Fans von heißen Höschen greifen zu – alle anderen spielen Probe.

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Die Illustration stammt von Animu Games
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Renforshort: Die kreative Kanadierin

Wenn ihr Lauren Isenberg, besser bekannt unter ihrem Künstlernamen Renforshort, fragt, welche Art von Musik sie macht, könnte euch ihre Antwort überraschen. Geschmacklich seltsam, wird sie dann nämlich sagen. Und doch wäre kein akademischer Meister der Linguistik besser geeignet, um die persönlich...
Renforshort: Die kreative Kanadierin

Renforshort

Die kreative
Kanadierin

Annika Lorenz

Wenn ihr Lauren Isenberg, besser bekannt unter ihrem Künstlernamen Renforshort, fragt, welche Art von Musik sie macht, könnte euch ihre Antwort überraschen. „Geschmacklich seltsam“, wird sie dann nämlich sagen. Und doch wäre kein akademischer Meister der Linguistik besser geeignet, um die persönliche Marke des rätselhaften aufsteigenden Popstars zu charakterisieren, die zutiefst nachdenklich und doch unbestreitbar verwandt mit dem Alt-Pop links von der Mitte ist.

Die aus Toronto stammende, im geradezu makellos zutreffenden Sinne des Wortes wunderbare Sängerin und Musikerin war zum Popstar bestimmt, lange bevor sie ihren ersten Plattenvertrag in der Tasche hatte. Inspiriert von der Arbeit musikalischer Ikonen wie Bob Dylan, über den Renforshort sich weise wie folgt erinnert.

„Als ich aufwuchs, sagte mein Vater immer, er sei der beste Songschreiber der Welt“, und die im Jahr 2011 verstorbene Souldiva Amy Winehouse sowie von atmosphärischen und emotionalen Filmen wie Coraline und Call Me By Your Name, war ihre kreative Kindheit vollgepackt mit Klavier- und Gesangsunterricht, Musiktheater, Filmen und dem Schreiben von Geschichten – Aktivitäten, die von der künstlerisch veranlagten Familie der jungen Künstlerin vollends gefördert wurden.

Obwohl Renforshort sich schon immer für Gesang interessierte, war es während einer glücklichen Open-Mic-Nacht im Jahr 2016, als die 14-jährige Kanadierin erkannte, dass sie wirklich dazu bestimmt war, Musik zu machen. Anfang 2019, nur wenige Jahre nach ihrer Offenbarung am Mikrofon, veröffentlichte Renforshort ihre Debütsingle „Waves“, eine atmosphärische, wehmütige Ode an die aufkeimende Romantik.

Aber es dauerte nur ein paar Monate, bis sie in die oberen Ränge des digitalen Ruhmes katapultiert wurde, als ihre zweite Single, das verdrehte Liebeslied Mind Games, dank ihres unerwartet kantigen Tons, ihres sofort eingängigen Hooks und ihres unheimlichen, von Tim Burton inspirierten Musikvideos viral ging. Und nun warten wir eigentlich nur noch darauf, dass Lauren Isenberg ein Superstar wird. Genug Talent dafür hat sie auf jeden Fall.

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Nude in Nature: Mädchen im Grünen

In Stefan Imielskis Buch Nude in Nature lässt es sich ohne Umschweife abtauchen. Er zeigt, wie perfekt die Körper nackter Models und die variantenreiche Natur zusammen passen. 23 der hübschesten Mädchen der Welt hat er in seinem bildgewaltigen Werk vereint, keine Hüllen, keine Masken, keine Störunge...
Nude in Nature: Mädchen im Grünen

Nude in Nature

Mädchen im
Grünen

Daniela Dietz

In Stefan Imielskis Buch Nude in Nature lässt es sich ohne Umschweife abtauchen. Er zeigt, wie perfekt die Körper nackter Models und die variantenreiche Natur zusammen passen. 23 der hübschesten Mädchen der Welt hat er in seinem bildgewaltigen Werk vereint, keine Hüllen, keine Masken, keine Störungen, keine Abschweifungen. Nur seine Kamera und Menschen, die zwischen Bäumen, Gräsern und Büschen zu verschwimmen scheinen. Und dann ist da noch das Meer, da große weite Meer, in dem so mancher hüllenloser Mädchenkörper für immer zu versinken droht.

Die Liste seiner humanen Objekte ist lang und schön. Raica Oliveira aus Brasilien, Anastasia Bondarenko aus der Ukraine, Sabrina Rathje, Sissel Grubbe, Jasmin Soe, Katrine Riggelsen und Moe Brandi aus Dänemark, Alicija Ruchala, Paulina Cybulska, Janeta Samp und Sylwia Dorenda aus Polen, Domenika Krcmarikova aus der Slowakei, Olga de Mar aus Lettland, Senta Schnabl aus Deutschland, Maryon Bertrand und Sarah Kali aus Frankreich, Leeny Ivanisvili aus Estland, Alys Hale aus Großbritannien, Lada Kravchenko, Tina Lozovskaya und Olga Shukurenko aus Russland, Julia Välimäki aus Finnland und Marike Wessels aus Südafrika.

Wer kann solch geballter Schönheit schon widerstehen? Eben. Wer sich selbst ein Bild davon machen möchte, wie gut unbekleidete Mädchen und die Macht der Natur miteinander harmonieren, der kann Stefan Imielskis Buch Nude in Nature, das 453 Seiten stark, gänzlich auf Zypern, Mallorca, Ibiza und im bezaubernden Kapstadt entstanden ist und sich zweifelsfrei auf jedem Wohnzimmer- und Nachttisch der Bundesrepublik gut macht, natürlich käuflich erwerben. Zum Beispiel auf Amazon. Und das solltet ihr auch machen.

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Die Fotografie stammt von Stefan Imielski
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Kleine Brüste, schiefe Zähne: Fehlermenschen machen uns glücklich

Wenn ich so mein Liebesleben der letzten Jahre betrachte und mich frage, wo ich denn all meine Gefühle, die ich heute oftmals schmerzlich vermisse, eigentlich hingeschleudert habe, fällt mir auf, dass ich sie vor allem an eine Sache verschwendet habe: Kurze Liebeleien. Mein Beziehungsleben ist ge...
Kleine Brüste, schiefe Zähne: Fehlermenschen machen uns glücklich

Kleine Brüste, schiefe Zähne

Fehlermenschen machen
uns glücklich

Jana Seelig

Wenn ich so mein Liebesleben der letzten Jahre betrachte und mich frage, wo ich denn all meine Gefühle, die ich heute oftmals schmerzlich vermisse, eigentlich hingeschleudert habe, fällt mir auf, dass ich sie vor allem an eine Sache verschwendet habe: Kurze Liebeleien.

Mein Beziehungsleben ist geprägt von einigen kurzen, aber heftigen, und damit sogleich auch sehr instabilen, zwischenmenschlichen Kontakten, die manchmal nicht einmal über einen dreiwöchigen Chat per WhatsApp hinausgehen.

Nicht selten hat man deshalb versucht, mir die Diagnose „Borderline“ anzuhängen, und ich wünschte, es wäre echt so einfach, also einfach im Sinne von „Ich kann nichts dafür, ich hab da diese echt beschissene Krankheit, die mich immer wieder zu was führt“, aber das ist es eben leider nicht. Ich bin einfach gefühlsbeschränkt, auf meine ganz eigene Art und Weise.

Meistens weiß ich nicht mal, was und ob ich überhaupt etwas fühle. Ich finde einfach gut, was gerade da passiert und will das bis zum letzten Tropfen auskosten. Nur, dass ich so weit gar nicht komme, weil der letzte Tropfen einfach immer im Hals der ansonsten leeren Weinflasche hängen bleibt, weil ich denke „Ach, ist doch egal, die nächste Flasche wartet schon!“ und ich mir somit nicht einmal die Mühe mache, zu warten, bis der Tropfen draußen ist oder ich das metaphorische Glas nicht einmal bis zur Hälfte austrinken kann, weil mir das, was darin ist, irgendwie doch nicht richtig schmeckt, obwohl ich zu Beginn ganz gierig danach war.

Anders formuliert: Ich finde einen Menschen wahnsinnig interessant, verknalle mich vermutlich sogar ein kleines bisschen in ihn, merke nach drei Wochen, dass ich mir nicht vorstellen könnte, ihn für immer in meinem Leben zu haben und beende das Ganze, bevor es angefangen hat. Oder ich bin eben einfach zu faul, zu ungeduldig, zu gestresst, auf den Moment zu warten, in dem das anfängliche Verliebtsein zu etwas Echtem wird und widme mich einfach der nächsten Flasche. Und damit meine ich einen anderen Menschen, keinen Wein.

Das geht natürlich nicht nur mir so, sondern manchmal auch meinem Gegenüber, aber dem kann ich ja schlecht Vorwürfe für etwas machen, das ich ganz genau so tue. Es scheint aber so ein generelles Problem unserer Generation, dass wir uns einfach nicht mehr ganz normal verlieben können.

Irgendwas fehlt eben immer, seien es jetzt Zeit oder Lust, jemanden wirklich kennen, und lieben, zu lernen, oder dass wir über einfache Oberflächlichkeiten wie eine zu kleine Oberweite oder schiefe Zähne nicht mehr hinweg sehen können, weil es da draußen eben auch Menschen gibt, deren Brüste größer und deren Zähne irgendwie nicht ganz so schief sind.

Und statt uns auf das, was wir da vor uns haben, einzulassen, nutzen wir unsere spärliche Zeit mit der Suche nach etwas Schönerem, Größeren, Besseren, bis wir auch auf das keine Lust mehr haben, weil es schon wieder langweilig ist. Oder am Ende einfach doch zu groß, zu gerade, zu perfekt.

Gerade mit Letzterem hadere ich oft. Ich weiß, kein Mensch ist wirklich vollkommen perfekt, aber in meinen Augen gibt es so einige, die dem schon ziemlich nahe kommen, zumindest auf den ersten Blick. Und immer dann, wenn ich einen Menschen für perfekt befinde, nicht allgemein, sondern für mich, gehe ich besonders stark auf Rückzug, lasse das halb volle Glas stehen und schau mich nach einer Flasche um, die einen Sprung hat.

Einfach, weil ich nicht glauben kann, dass eine Sache so gut passt, wie sie in dem Moment gerade eben passt, es ist doch alles fehlerhaft, ich, du, er, sie, es, und bevor ich wirklich anfangen kann, nach diesem einen Fehler zu suchen, diesem klitzekleinen Stückchen, das beweist, das vor mir doch nur ein Mensch sitzt und keine nach meinen Maßstäben gebaute Maschine, haue ich eben lieber ab, nehme dafür aber etwas mit, das offensichtlich noch kaputter ist.

Das letzte fehlerhafte Stück Mensch, dem ich einen kurzen aber heftigen Besuch in meinem Herzen erlaubt habe, hatte diesen Fehler von Anfang an, offensichtlich. Ich wusste das und es hat mich gereizt. Ich wollte den Fehler bestätigt bekommen, so wie es am Ende eben auch kam. Es hat sich für mich gut angefühlt, obwohl es so tragisch gescheitert ist. Aber auch das wusste ich bereits und ws war mir wie so oft egal.

Ich hatte gar kein Interesse daran, hinter diesen Fehler zu blicken und den ganzen Mensch vor mir zu sehen. Einerseits, weil es mir viel zu viel Arbeit war und andererseits, weil ich es leid war, mit einer Flasche zu kämpfen, aus der der letzte Tropfen einfach nicht hinaus zu kriegen war und mich somit lieber der Flasche, deren Mindesthaltbarkeitsdatum längst schon überschritten war, beschäftigte.

Ich kann mich gut von Liebelei zu Liebelei hangeln, denn so ätzend ich sie finde, so viel geben sie mir auch. Aber immer nur für einen kurzen Moment – eben so lange, wie ich das, was da passiert für gut befinde und mir nicht vollkommen ernsthaft die Frage stellen muss, was und ob ich etwas fühle. Etwas Echtes, meine ich.

Dass ich mir die Frage eigentlich überhaupt nicht stellen muss, fällt mir immer erst zu spät auf. Ich weiß nämlich sehr wohl, wenn ich wirklich etwas fühle, wenn ich die ganze Flasche trinken will, bis auf den allerletzten Schluck und dann, verdammt, dann kehre ich auch zurück zu ihr – nur um festzustellen, dass sie die ganze Zeit nur verschlossen war und ich lediglich zu blöd, den Deckel aufzumachen, der mich vom letzten, kleinen Schluck darin getrennt hat, den ich so dringend gebraucht habe.

Das ist dann der Moment, in dem ich begreife, dass ich das andere nie gebraucht habe, all die Flaschen, die Liebeleien, weil das, was ich wollte, bereits vor mir stand und ich meine Kräfte nur falsch eingesetzt habe, weil mir das zu diesem Zeitpunkt so richtig erschien und ich ja auch Spaß an dem anderen hatte.

Es hat sich einfach nur nicht gelohnt, auf eben dieses andere zu setzen, weil das, was man eigentlich wollte, obwohl man sich dem nicht ganz bewusst war, mit etwas Kraft, Geduld und Köpfchen so einfach zu erreichen war. Und am Ende übrigens doch ganz perfekt, weil Fehler dann auch nicht mehr zählen.

Die Fotografie stammt von Toa Heftiba
Der Text erschien in der Kategorie Liebe mit den Themen
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Die Sängerin im Gespräch: Iggy Azalea, magst du deine kleinen Brüste?

Der selbsternannte Million-Dollar-Misfit Iggy Azalea ist, nachdem sie die Bühne “Bad Bitches” rufend verlässt, das netteste Mädchen der Welt. In Berlin hat die Rapperin aus Australien schon oft bewiesen, wie gut sie den Sprechgesang beherrscht. In ihrem Cheerleader-Outfit wurde die Menge einmal mehr...
Die Sängerin im Gespräch: Iggy Azalea, magst du deine kleinen Brüste?

Die Sängerin im Gespräch

Iggy Azalea, magst du
deine kleinen Brüste?

Meltem Toprak

Der selbsternannte Million-Dollar-Misfit Iggy Azalea ist, nachdem sie die Bühne “Bad Bitches” rufend verlässt, das netteste Mädchen der Welt. In Berlin hat die Rapperin aus Australien schon oft bewiesen, wie gut sie den Sprechgesang beherrscht. In ihrem Cheerleader-Outfit wurde die Menge einmal mehr von einer starken, Pferdeschwanz schleudernden und Booty-shakenden Entertainerin mitgerissen.

2011 veröffentlichte sie ihr Mixtape Ignorant Art und wurde mit den Hits My World, Murda Business, und Pussy bekannt. Letzter Song erinnert an den Aufsehen erregenden Hit “My Neck, My Back” von Khia, der in unseren Kindertagen noch zensiert auf MTV lief.

Und noch heute müssen innerhalb der Gender-Debatte Rapperinnen in einer männerdominierten Welt ihre sexuelle Freiheit rechtfertigen. Iggy Azalea hat Spaß daran, ihren Hintern dem Publikum entgegen zu strecken, aber der Spaß bleibt nur solange beste