Dreckig, hungrig, feucht - Sexuelle Abgründe im Altenheim

Wenn man nun zu einem Geburtstag einer Altenpflegerin geladen ist und dort auf zehn andere Altenpfleger trifft und sich Altenpfleger mit Altenpflegern nunmal gern über das Eine unterhalten, nämlich Altenpflege,…
Dreckig, hungrig, feucht - Sexuelle Abgründe im Altenheim

Dreckig, hungrig, feucht

Sexuelle Abgründe
im Altenheim

Wenn man nun zu einem Geburtstag einer Altenpflegerin geladen ist und dort auf zehn andere Altenpfleger trifft und sich Altenpfleger mit Altenpflegern nunmal gern über das Eine unterhalten, nämlich Altenpflege, dann kann einem schon schnell langweilig werden. Nicht aber, wenn man deren drögen Gesprächsstrang, bestehend aus diversen Kürzeln, wie PP, BW, PDL und ETC, auf die richtigen drei Buchstaben lenkt: SEX. Und weil da am Anfang keiner so richtig plaudern möchte, weil der Stammtisch auch erst in Fahrt kommen muss, ist man halt selbst im Zugzwang „was man so gehört hat“. Zum Glück wurde mir vor kurzem erst der richtiger Appetizer zugetragen.

Meine 89-jährige Nachbarin musste nämlich kürzlich ins Krankenhaus. Was genau sie nun hatte, weiß keiner so genau, schließlich leiden alte Leute laut eigenen Äußerungen an so ziemlich allem. Anna, so ihr Name, lag also in ihrem Krankenbett als ein junger „knackiger“ Pfleger das Zimmer betrat, um sie zu waschen.

Als der „Jungsche“ nun aber so weit vorgedrungen war, dass nur noch der Intimbereich übrig blieb, drehte er sich höflich zur Seite und reichte Anna mit abgewandtem Gesicht den Lappen, damit diese es selbst übernehmen konnte. Welch charmante Geste! Nicht aber für die alte Dame, die sich über das anständige Verhalten des Pflegers echauffierte.

Schließlich sei sie schon alt, er würde dafür bezahlt werden und warum solle sie sich bemühen, wenn doch so ein junger Kerl neben ihrem Bett steht, der dieser Aufgabe hervorragend nachgehen kann. Als Anna mir höchstpersönlich in ihrer toughen Art stolz dieses Erlebnis präsentierte, empfand ich neben Mitleid für den jungen Pfleger auch absolute Bewunderung für ihre dekadente Ader, immerhin war ihr letzter Kommentar zur Anekdote: „Mein Mann ist vor zehn Jahren gestorben, ich leb bestimmt auch nicht mehr lang, wann kommt man also noch in eine Situation, in der ein junger Mann einem zwischen die Beine fasst?“ Großartig. Solche Geschichten hört man auch nicht jeden Tag.

In der Altenpfleger-Runde löste meine kleine Geschichte zwar nicht die große Verwunderung oder das kollektive Schmunzeln aus, weil „das ist unser täglich Brot“, dafür aber genau die Geschichten, die beweisen, dass die Devise seitens des Personals zwar lautet „Sauber, satt, trocken“, das Credo der Bewohner aber leider zu oft: „Dreckig, hungrig, feucht.“

Da man im Pflegealltag die nicht mehr so sportlichen Damen und Herren zweimal täglich waschen muss, kam es bei jeder der anwesenden Pflegerinnen schon so sehr häufig vor, dass ein männlicher Bewohner dabei eine Erektion bekam, dass die Mädels allesamt schon total abgeklärt darüber berichteten. Von Scham, unangenehmer Situation gar keine Spur – hä?

„Da ist man professionell, das ist ja schließlich unser Job. Bei einer Erektion kann man mit der Pflege nicht fortfahren und das ist das Nervige daran.“ Fragen über Fragen. „Man tut so, als hätte man noch was vergessen und kommt nach zwei Minuten wieder rein, in der Hoffnung die Situation hat sich von selbst geklärt. Oder, wenn man merkt, dass es unbewusst passiert ist, macht man erstmal woanders weiter.“

Dann von der anderen Seite des Tisches: „Aber wenn es bekannt ist, dass der Bewohner sich gern einen runter holt, überlässt man diesen dann auch einfach sich selbst und geht. Die bitten zum Teil dann auch darum, das wird von beiden Seiten offen kommuniziert.“ Scheiße ist es dann nur, „wenn die einen dann an den Arsch fassen und meinen, man könne ruhig weiter waschen.“ Ja, da muss man sich dann wirklich zusammenreißen professionell und höflich zu bleiben.

Reinplatzen, wenn sie es untereinander treiben oder es sich mal wieder energisch selbst besorgen, ist also normaler Alltag in einer Einrichtung, in der die Bewohner ihre Türen nicht selbst abschließen können. Und doch scheint das Vergessen des Gesehenen bei aller Professionalität oft nicht die einfachste Aufgabe – was die nächste Offenbarung beweisen sollte.

Die brannte sich nämlich in die ein oder andere Netzhaut ein. „Tim kam vor einiger Zeit aufgebracht zu uns und meinte, er hätte die Frau Reuter mit einer Banane im Bett erwischt und sah, wie sie zu dreiviertel bereits in ihr gesteckt hat! Da kommt es dann echt uns allen hoch. Seitdem mögen wir keine Bananen mehr anfassen, da haste automatisch Kopfkino.“ Öhm, ja scheiße.

Tim saß mit am Tisch, konnte darüber nicht mehr lachen. Seine Entdeckung blieb nämlich nicht ohne Folgen. Ein Ausbilder hatte davon erfahren und platzte mit einigen Azubis, ohne zu klopfen, ins Zimmer von Frau Reuter und zog mit einem Ruck die Bettdecke beiseite. Zu seinem Glück war Frau Reuter erneut mit sich intim. Ihre Gesichtszüge entglitten, die Erklärung des Ausbildenden: „Ich wollte meinen Azubis mal zeigen, das sowas auch zum Arbeitsalltag gehört.“ Frau Reuter wechselte daraufhin das Pflegeheim. Betroffenes Schweigen am Tisch. Neues Bier. Weiter im Text.

Als Linda neulich Blutzucker messen sollte, wobei man ja in den Finger sticht, fragte sie denn Herrn Zencke, einen 84-Jährigen, welchen Finger sie denn nehmen solle. Der antwortete sogar so süß widerlich: „Ich kann dir auch die ganze Faust geben, Baby“, dass man ihn trotz der ganzen Perversion auch irgendwo wieder lieb hat.

Leider haben andere ihre Triebe weniger im Griff und so beschwerte sich eine Bewohnerin, dass ein anderer Bewohner sie häufig in der Nacht nach dem Kontrollgang besucht und sie sexuell bedrängt. Da war sogar von Vergewaltigung die Rede. Doch wem glaubt man denn nun? Der wirren Alten? Oder dem wirren Alten, der es leugnet? „Die Situation klärte sich zum Glück von allein, kurz darauf haben wir den Beschuldigten tot in seinem Zimmer gefunden. Da haben wir uns tatsächlich mal über ‘nen Sterbefall gefreut.“

„Schlimm ist auch, wenn ein Bewohner tatsächlich sexsüchtig ist.“ – Was? In dem Alter? „Im Altersheim ist nichts unmöglich. Da bat uns die Frau des Sexsüchtigen sogar ihm etwas zu geben, weil sie das nicht mehr aushalten könne in ihrem Alter.“ Prostituierte für die Alten, mittlerweile auch „Die Berührerinnen“ genannt, gab es zu dieser Zeit noch nicht in Berlin und deshalb mussten Medikamente ran. Die haben den Bewohner dann müde und kraftlos gemacht, was in seinem dementen Zustand nicht gerade förderlich war. Dumm gelaufen.

Tim ist daraufhin zu einer Berührerin nach Hamburg gefahren, dort gab es schon welche. Er unterhielt sich mit ihr darüber, wie der Sex denn dann ablaufe und funktionierte – immerhin besorge sie es ja auch Behinderten. Da hieß es dann, dass richtiger Geschlechtsverkehr, das Rein-Raus, gar nicht stattfinde, sondern sie so lang „streichelt“, bis die entsprechende Person zum Höhepunkt kommt. Sie selbst sei aber nackt dabei, um die Alten richtig anzuheizen.

So sehr man sich das alles nicht vorstellen mag, weil es so erschreckend ist, so sehr kann man aber auch nicht aufhören zu erfahren. Und als schließlich ausgepackt wurde, dass eine Mitte-Vierzig-Kollegin mit einem pflegebedürftigen Sechzigjährigen ein Verhältnis begann, sie sogar Sex mit ihm in seinem Zimmer hatte, ihn schließlich sogar heiratete, zu sich nach Hause holte und vom Dienst suspendiert wurde und er irgendwie daraufhin sein Bein verlor, war dann zum Glück endlich Schluss – der Höhepunkt erreicht.

Ich hatte mit Bed-Time-Stories gerechnet, wie die meiner Hotelfach-Freundin, die mit Kissen beworfen wurde, als sie Gäste in flagranti erwischte, oder eine Porno-Auswahl für den Gast zusammenstellte, doch im Altersheim tun sich die schlimmsten – oder vielleicht doch die geilsten? – sexuellen Abgründe auf. Dreckig, hungrig, feucht.

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Die Illustration stammt von Ritika S
Der Text erschien in der Kategorie Sex mit den Themen Altenheime, Beziehungen, One-Night-Stands, Rentner und Senioren
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