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Das erste Mal: Meine Nacht mit einer Stripperin

Es wird endlich Zeit, dass ich meine Erfahrung ausweite und endlich auch fernab der deutschen Hauptstadt couchsurfe. Dass das gleich bei einer Stripperin sein wird und ich meinen ersten privaten Lap Dance von ihr bekomme, konnte ja nun wirklich keiner ahnen… Normalerweise sitze ich gerne in der ersten Reihe. Es ist mir wahrlich ein Vergnügen bei der Fashion Week in der Front Row zu sitzen oder Karten im Theater für den ersten Ring zu haben. Jetzt gerade, in diesem Augenblick, da würde ich am li…
Das erste Mal: Meine Nacht mit einer Stripperin
Das erste Mal: Meine Nacht mit einer Stripperin
Das erste Mal
Meine Nacht mit einer Stripperin
Text: Christine Neder  Fotografie: Eric Nopanen

Es wird endlich Zeit, dass ich meine Erfahrung ausweite und endlich auch fernab der deutschen Hauptstadt couchsurfe. Dass das gleich bei einer Stripperin sein wird und ich meinen ersten privaten Lap Dance von ihr bekomme, konnte ja nun wirklich keiner ahnen…

Normalerweise sitze ich gerne in der ersten Reihe. Es ist mir wahrlich ein Vergnügen bei der Fashion Week in der Front Row zu sitzen oder Karten im Theater für den ersten Ring zu haben. Jetzt gerade, in diesem Augenblick, da würde ich am liebsten in die letzte Ecke flüchten – oder noch besser: gar nicht existieren.

Ich schmeiß’ zwei Dollar auf den Tisch, weil das so auf einem Schild steht, und rutsche tief nach unten in meinem Stuhl. Ob das so eine gute Idee war, weiß ich gar nicht, denn von weiter unten sind die Einblicke noch deutlicher. Vor mir steht Daria in einem pinken Body und ist bereit, mir den ersten privaten Lap Dance meines Lebens zu geben.

Sechs Stunden zuvor haben wir uns zum ersten Mal getroffen. Sie kam mir mit verwuschelten Haaren und zwei Einkaufstüten mit Ökogemüse entgegen, als ich schon mit dem Koffer vor der Tür stand und auf sie wartete. Wie bei jedem Couchsurfingbesuch folgte die obligatorische Hausbesichtigung.

Daria wohnt mit drei Mitbewohnern, vier Katzen, einem Hund und einer Schlange in einem kleinen Haus in Portland. Im Garten wächst selbst angebautes Gemüse, im Stall stehen zwei Hühner, die frische Eier legen, und der Joint liegt auf dem Tisch. Nichts Überraschendes. Alles so, wie ich es im Hippieland Portland, im Staat Oregon, in dem Marihuana legal ist, erwarte. Ich habe mich auf einen gemütlichen Abend mit Bio-Wein und Elvis-Mucke eingestimmt. Doch dann kam alles anders.

"Ich muss heute arbeiten, aber du kannst mitkommen.", sagt Daria, als sie sich an ihren Schminktisch setzt und anfing ihre Haare zu tupieren. "Ich bin Stripperin…", sie rollte ihre Haare zu einer Tolle und steckt zwei Haarnadeln in ihren Kopf, "… im einzigen veganen Stripclub in Portland."

Jetzt sitze ich hier in der ersten Reihe. Der vegane Burger stößt mir etwas auf. Das kommt bestimmt von diesem unangenehmen Kribbeln im Bauchraum, namens Nervosität. Ich erlebe hier gerade zu viele erste Male auf einmal. Das erste Mal veganer Burger, das erste Mal Stripclub, das erste Mal privat Lap Dance nach der ersten Lesbenleckorgie on Stage.

Ich weiß gar nicht wohin mit meinen Händen, Beinen und Blicken. Einfach gerade sitzen und nach vorne starren? Daria schwebt die Stange entlang. Sie wollte für mich tanzen und da kann man ja auch nicht "Nein!!!", schreien, nur weil man sich dabei bestimmt schrecklich unwohl und überfordert fühlt.

Wäre ich doch jetzt nur ein Mann. Ich finde es sehr, wirklich sehr befremdlich eine Stripteasshow von einem Couchsurfing-Host zu bekommen, den ich erst seit sechs Stunden kenne und mit dem ich mir anschließend ein 1,40 Meter großes Bett teile.

Die Füße stehen still, die Hände liegen in meinem Schoß, der Blick ist auf ihr Gesicht gerichtet. Ich gebe mir Mühe, nicht auf ein primäres oder sekundäres Geschlechtsteil zu schauen. Manchmal geht sie aber so schnell hoch und runter, dass ich gar nicht mit den Augen nachkomme. Die Eigenen hat sie geschlossen, ist versunken im Tanz und ihrem Körper und irgendwie muss ich zugeben, dass ich das alles nicht ganz unerotisch finde und mir ein bisschen heiß wird.

Ich finde aber eher die Tatsache erotisch, dass jemand so völlig im Einklang mit dem Körper ist, keine Scham zeigt und sich akzeptiert. Ich merke, wie meine Wangen knallrot anlaufen und pochen. Dann, als der Song ruhiger wird und sie gerade auf allen Vieren auf dem Tisch entlang krabbelt, natürlich mittlerweile splitterfasernackt, kommt sie auf mich zu.

Sie kommt näher und näher, schaut mir in die Augen, fährt mit ihrer Wange an meiner knallroten Wange entlang und nimmt mein Ohrläppchen zwischen ihre Zähne. Mein Herz steht still. Meine Gedanken rasen über die A8 meines Großhirnlappens. Und was jetzt? Ja nicht anfassen! Ich glaube, das darf man nicht. Oder dürfen das nur Männer nicht?

Wohin sollte ich auch greifen? Muss ich jetzt irgendwo ein paar Dollar reinstecken? Aber sie hat doch gar nichts mehr an? Und ich kann mich auch nicht bewegen, weil ja mein Ohrläppchen zwischen zwei Schneidezähnen steckt. Ich bin völlig überfordert. Dann nimmt sie die Zähne von meinem Ohrläppchen und leckt mit der Zunge meinen Hals entlang.

Ich höre auf zu denken, lass’ das irgendwie über mich ergehen, wünschte, ich könnte mit irgendeinem dieser notgeilen Säcke tauschen, die mich neidisch anschauen. Die hätten hier ihren Spaß. Die würden das würdigen und schätzen.

Ich weiß nicht, ob es Zufall oder Schicksal ist, aber es kommt genau im richtigen Moment. Darias Ohrring verfängt sich in meinen Haaren, binnen Sekunden ist das Knistern weg, wir lachen, eine vollbusige Kollegin kommt heran geeilt, um uns voneinander zu befreien und dann ist auch schon der Song vorbei. Mein Private Dance ist zu Ende.

Ich habe einen Ort gefunden, an dem ich gerne auf den billigen, hinteren Plätzen sitze und die Front Row lieber meide. Ich hoffe auf jeden Fall, dass Daria berufliches und Privates gut voneinander trennen kann und meine Ohrläppchen diese Nacht still und friedlich neben ihr schlafen dürfen, ohne in die Schneidezähne genommen zu werden.

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