Lissabon - Die Stadt der verbrannten Hirne

Passend zum Wetter und meiner aufgeheizten Attitüde, beschloss ich letzte Woche den billigsten Billig-Flug bei meiner liebsten Fluggesellschaft Ryanair zu buchen, um einfach nur ein paar Tage der kalten und…
Lissabon - Die Stadt der verbrannten Hirne

Lissabon

Passend zum Wetter und meiner aufgeheizten Attitüde, beschloss ich letzte Woche den billigsten Billig-Flug bei meiner liebsten Fluggesellschaft Ryanair zu buchen, um einfach nur ein paar Tage der kalten und dreckigen Mutterstadt zu entrinnen und mich von der Sonne und der Dekadenz des Touristen-Daseins in einem anderen Land brutzeln zu lassen. 34 Euro nach Faro. Hin- und Rückflug. Fünf Tage. Check.

Drei Shirts, zwei Röcke und meine löchrigen Keds sollten mir zu einem akuten Freiheitsgefühl für die nächsten 120 Stunden ohne Schlaf verhelfen. Mark Ronson & The Business Intl. hüllten mich nebenbei in eine, ja sagen wir „ohrgasmische Reiselaune“. Und ohne Bier wird’s sowieso schnell langweilig. Also, Sonnenbrille auf, Zigarette an und los ging es!

Faro ist eine niedliche und gemütliche Hafenstadt, die sich extrem gut in einer Stunde auf der To-Do- oder To-See-Liste abstreichen lässt und das sogar als Packesel, kriechend auf allen Vieren. Doch ich will mehr als nur ein Packesel sein. Ich will Action, Menschen und Strand. Der Bus bringt mich in die Haupt- und größte Stadt Portugals – Lissabon. Jetzt kann das Leben der Visionen und Impressionen beginnen…

Ich steige aus. Es ist nachts um eins an einem Freitagabend. Der Plan lautet: Hostel finden, Klamotten in die Ecke schmeißen, Friese stylen und auf ins Viertel Bairro Alto. Hier hält sich die moderne Wegwerf-Gesellschaft Lissabons auf, die nach jeder Sause von der Stadtreinigung die Straße runtergespült wird, wenn sie den Absprung nach Hause nicht mehr schafft oder den Weg ins Krankenhaus nicht mehr findet.

Die Devise lautet: Ein Drink = Ein Euro. Kann das gut gehen? Hier schütten die Leute schon fünf Cuba Libre weg, während in Berlin noch die Limette vom Barmann im Glas zerstoßen wird. Das gleicht wohl einer noch viel absurderen Mentalität als der auf Mallorca. Ich halte mich davon fern und trinke bescheiden meinen Jägermeister.

Doch mein Körper möchte das nicht – Epic Fail. Deswegen gibt’s ab sofort im Wechsel dazu das gute, ehrliche Bier Sagres. Schließlich möchte ich mich noch daran erinnern, warum ich am nächsten Morgen zerknüllt im Mülleimer aufwache und meine Haare kahl rasiert sind. So weit kommt’s zu meinem Glück aber nicht, denn ich wurde scheinbar zu etwas Besserem auserkoren – einer spontanen Komparsenrolle in Francis Ford Coppolas neuestem Streifen „The Godfather of Lisboa“.

Ich stehe in einer versifften Imbissbude und genehmige mir einen kleinen Snack zwischen circa vierzig farbigen Einwohnern. Und fühle mich ein bisschen unangenehm beobachtet, wie ich da nun sitze mit blonden Haaren und weißer Haut. Doch im nächsten Moment soll die Aufmerksamkeit auf mich, durch einen Waffenschuss in die Luft, abgelöst werden. Oh. My. God! Ein Schuss!

Ich wende mich in die Richtung des Terrorgewitters und entdecke einen durchgeknallten Typen, der wie irre seine Waffe durch die Gegend schleudert, schreit und spuckt. Kaum kann ich mich zu Boden werfen, umzingelt die Polizei den Laden und greift sich den schusswütigen Psychopathen. In dem dreiminütigen Kopfkino sehe ich meinen Namen im Abspann laufen. Die erste Sicherheit ist gegeben, ich atme auf und die Menschen um mich herum verlassen im Affenzahn das Gebäude. Nur ich nicht.

Ich sitze stumm hinter der Theke und wage mich nicht zu bewegen. Bis mir jemand von oben zuruft: „Move! Go away! We will close now!“ Aha, vielen Dank für die Aufmerksamkeit und freundliche Anweisung, denke ich pissig und trotte wie ein nasser Hund von dannen. Ich zittere immer noch, als ich ins Taxi einsteige, der Taxifahrer mich idiotisch angrinst und ins Hostel fährt.

Der erste Kulturschock ist überwunden. So derbe hab ich noch nicht mal den 1. Mai in Berlin erlebt, aber da werden meist auch nur die Autos in die Luft gejagt und nicht die Menschen. Aufgrund der Umstände der letzten Nacht gibt’s ab sofort eine neue Strategie im Ausgeh-Verfahren. Weil in Lissabon die Bars um drei schließen und die Clubs erst dann öffnen, halte ich mich einfach solange in einer Bar auf, bis mein Wecker klingelt und mich aus dem Bier-Bett wirft. Dann renne ich schnell in den nächsten Club und bleibe dort, bis dieser schließt und so weiter und so fort. Mission possible.

Neue Runde, neues Glück. Wie geplant, geht’s gleich in die Kneipe, bevor ich überhaupt der tödlichen Ein-Euro-Versuchung zum Opfer fallen kann. Hier mach ich es mir bequem an der Bar, lausche den elektronischen Klängen des im Batik-Look gekleideten japanischen DJs und fühle mich zum ersten Mal sicher. Ich bestelle Getränke mit lustigen Namen und genieße die Ruhe.

Der Barmann wundert sich über meinen fatalen Geschmack alkoholischer Drinks und hat Sorge, dass mir der Magen ausgepumpt werden müsse, wenn ich das Namensspiel fortsetze. Ich sage: „Ich habe doch keine Ahnung.“ Auf Englisch natürlich. Er horcht auf und fragt, wie ich dazu komme hier unterwegs zu sein und dann auch noch alleine. Das ist doch schon ein bisschen lebensgefährlich. Haha, nichts im Gegensatz zu meinem gestrigen Erlebnis. Das glaubt mir keiner! Der Barmann schon. Alfonso heißt er. Er bietet mir an, später mit ihm und seinen Amigos um die Häuser zu ziehen.

Wir gehen in jeden Club. Nach dem fünften Besuch brauch ich eine Pause. Sitzen und essen und so, sage ich. Die Jungs warten brav und wollen auch kurz in einem Store vorbeischauen und ein bisschen Energie abholen. Ich habe keinen Plan und gehe mit. Vor dem Laden sitzen drei Leute und gucken mich schief an. Sie zupfen an ihren verkrusteten Röhrenhosen rum und richten die neonfarbenden Sonnenbrillen, als sie mich grüßen. Und nun ist Warten angesagt.

Mehr und mehr Menschen versammeln sich. Ich bin kurz vor’m Einnicken, wegen eines ewig langen Portugiesen-Palavers, bis der Laden endlich aufmacht. Die Menschenmassen stürmen das Geschäft, als wäre Ausverkauf bei Media Markt. Ich kratze mich vom Bordstein ab und betrete diesen völlig zertreten.

Als Erstes werfe ich einen Blick in die Vitrinen. Eine Apotheke? Es gibt kleine Tütchen, worauf Teufel, Totenköpfe und irgendein Typ, ich vermute Nikki Sixx, abgedruckt sind und komme schnell zur Besinnung. Ich stehe in einem Drug-Store. Alfonso erzählt mir hier wäre alles legal. Schon seit 2001 wird der Konsum in Portugal nicht mehr bestraft oder verfolgt. Das gilt nicht nur für weiche Drogen sondern auch für schwere Suchtmittel wie Heroin. Seitdem ist die Kriminalitätsrate extrem gesunken. Sonst hätte mir hier wahrscheinlich auch schon ein Arm gefehlt.

Nachdem sich nun jeder seines Spaßes bedient hat, geht es weiter zur After-Hour an den Strand. Hier scheint nun die Tochter Coppolas, Sofia, an ihrem neuen Film „Lost in Fascination“ gewerkelt zu haben. Der beige-rote Sand glänzt in der Sonne, die Füße werden vom kalten Wasser erfrischt und der Dancefloor bietet schattige Plätzchen vor dem munter wackelnden Musikspender.

Wir tanzen und lachen und schwitzen und sind glücklich. Irgendwann falle ich erschöpft zu Boden und schlafe ein. Als ich aufwache sind alle weg, die Menschen, die Musik, die Sonnenschirme, der Alkohol und die Drogen. Was zurückbleibt ist ein Sonnenbrand der Superlative. So sehr, dass jeder Schritt auf dem Heimweg wehtut und ich meine kross gebratenen Beine erschöpft hinter mir her schleifen muss. Und genau das habe ich nun wirklich auf dieser Reise gelernt: Use Sunblocker, feel safe!

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Fotografie von Zsolt Cserna
Der Text erschien in der Kategorie Reisen mit den Themen Europa, Lissabon, Portugal, Städte und Urlaub
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