Das Popkultur Magazin

Addis Abeba: Das Berlin von Afrika

Lauter, chaotischer, ärmer – wer Berlin mag, wird Addis Abeba lieben. Die Hauptstadt von Äthiopien ist ein kaum vorstellbares Moloch, das man nie vergessen wird und sich in direkt in deine Seele brennt. Es ist stockdunkel. Jetzt nur keine Panik bekommen. Ich kralle meine Kameratasche und drücke sie fest an meinen Körper.
Addis Abeba: Das Berlin von Afrika
Addis Abeba: Das Berlin von Afrika

Addis Abeba

Das Berlin
von Afrika

Christine Neder
Christine Neder

Lauter, chaotischer, ärmer – wer Berlin mag, wird Addis Abeba lieben. Die Hauptstadt von Äthiopien ist ein kaum vorstellbares Moloch, das man nie vergessen wird und sich in direkt in deine Seele brennt. Es ist stockdunkel. Jetzt nur keine Panik bekommen. Ich kralle meine Kameratasche und drücke sie fest an meinen Körper.

In der Dunkelheit bin ich allem hilflos ausgeliefert. „Meiden sie während der Dunkelheit abgelegene Straßen“, stand dick und fett im Reiseführer. Aber das ist ja keine Straße, sondern der Flughafen. Erst vor 15 Minuten gelandet und schon der erste Stromausfall. Das ist hier angeblich normal und passiert im Durchschnitt zweimal am Tag.

In Berlin sind es die Bahnen, in Addis der Strom. Die Deckenleuchten fangen langsam an zu flackern. Gott sei Dank, es wird wieder hell und meine Anspannung löst sich. Während Berlin jedoch noch baut, hat Addis schon ein neues Terminal, sehr modern, mit einer gläsernen Kuppel.

Äthiopien ist kein einfaches Reiseland. In jedem Reisführer ist unter der Rubrik "Nützliche Tipps" aufgelistet, dass man ständig auf der Hut sein muss und Touristen die beste Einnahmequelle für Diebe sind. Aber wird das einem nicht auch in Paris, Barcelona, Madrid und Rom gesagt? Auf jeden Fall bin ich nach dieser Reise ein Pol der Ruhe im Berliner Straßenverkehr.

Wenn sich ein Autofahrer künstlich aufregt, weil sein Vordermann nicht binnen zwei Millisekunden das Gaspedal durchdrückt, um an der Ampel loszufahren, muss ich lachen. Was für ein unnötiger Stress. Nachdem alle Deckenfluter den Flughafen wieder beleuchten, finde ich auch den Ausgang.

Hier werde ich abgeholt, von Haile, meinem deutschsprachigen Reiseführer. Haile hat während seinen Studiums, noch zu DDR-Zeiten, fünf Jahre in Leipzig gelebt. Er war einmal Pädagoge, jetzt führt er Reisende durch sein Land. Wir schwingen uns in einen Geländewagen und dann geht sie los, die Achterbahnfahrt durch Addis.

Ich sitze mit offenen Mund auf dem Beifahrersitz und möchte am liebsten alle fünf Minuten einen Angstschrei loslassen. Ich habe noch nie so ein Chaos gesehen. Die sechsspurige Straße ist zur Hälfte mit Menschen belegt, die am Rand laufen. Dazwischen streunende Hunde, Esel, Kühe, Verkäufer mit Bauchladen, Frauen mit Kerzen auf der Straßenecke, da die Straßenlaternen nach dem Stromausfall nicht mehr funktionieren.

Es gibt zwar einen Gehweg, doch der ist immer wieder mit Schutt blockiert. Das wäre hier ein Paradies, für Baustellenpartys. Hier könnte man tausend Mal besser geheime Raves, in irgendwelchen Ruinen oder Abrissgebäuden, veranstalten als in Berlin. Wir fahren die Hauptstraße von Addis entlang und jedes zweite Haus ist ein Betonklotz ohne Fenster.

Entweder heruntergekommen oder im Aufbau. Sobald man im Chaos stehen bleibt, weil irgendeine Ziege ein Nickerchen auf dem noch warmen Asphalt hält und sich ein Stau bildet, kommen sie angelaufen. Die Bettler. Das kenne ich schon aus Berlin. Da sind sie auch, überall, die Straßenfeger und Motz-Verkäufer, die ihr Obdachlosen-Magazin an den Mann oder die Frau bringen wollen. Das hier sind aber keine lieblosen Magazinverkäufer, die in einer monotonen Stimme ihren auswendig gelernten Satz runter rattern und so viel Verkaufstalent wie ein Esel haben.

Hier stehen abgemagerte Frauen mit ihren Babys auf dem Arm an der Fensterscheibe und noch drei anderen Kindern am Hosenbein und halten die Hand auf. Sie müssen gar nichts sagen. Der Blick reicht und man ist betroffen. Das ist Armut. Das ist ein Staat ohne Hartz IV, Wohngeld, Finanzzuschüsse und Krankenversicherung. In der U-Bahn würde ich einen Euro aus meiner Tasche fischen und dem Bettler in die Hand drücken.

Im schlimmsten Fall investiert er das Geld in Drogen oder Bier. Aber hier muss ich hart bleiben. „Du darfst nichts geben“, ermahnt mich Haile. „Das ist ein Teufelskreislauf. Wenn sie merken, dass es mit dem Betteln klappt, dann machen sie nie etwas anderes. Sie gehen nicht arbeiten und schicken ihre Kinder nicht in die Schule.“

Also schüttle ich mit dem Kopf, wenn die Frauen mit den Kindern auf dem Arm vor meiner Scheibe stehen, die Jugendlichen mit ihrem blinden Opa, der verkrüppelte Mann, mit seiner Krücke. Schon nach 30 Minuten habe ich eine Reizüberflutung. Zu viel Geräusche, Gerüche und Gefühle. Schließlich werden auch meine Geschmacksnerven beansprucht.

Abendessen für zwei Euro. Kein Döner vom Ekelimbiss, kein Cheeseburger von McDonald’s oder eine Currywurst mit Brot, sondern ein ganzes Tablett, ausgelegt mit äthiopischen Sauerteigbrot, auf dem sich allerlei Köstlichkeiten nebeneinander reihen. Zwei Euro für ein krass, geiles Abendessen, das ist unglaublich. Das Essen ist auch das einzige, um das man nicht feilschen muss.

Wer den Mauerpark in Berlin liebt, Schmuck und Klimbim, der wird den Merkato in Addis Abeba vergöttern. Es ist der größte Markt Afrikas, es ist noch chaotischer als der Straßenverkehr, und bei Regen sieht es hier aus wie eine Rock-am-Ring-Schlammlandschaft. Alles spielt sich auf dem Boden, Rücken und Kopf ab.

Wer hier ohne Führer alleine durchläuft, ist todesmutig. Schnell fällt man in ein Loch, verläuft sich in einer Gasse, biegt falsch ab und ist verschwunden, im wahrsten Sinne des Wortes, vom Erdboden verschluckt. Beim Einkaufen ist hartes Feilschen angesagt, hier kann man um alles feilschen, selbst um eine neue Seele. Abends spielt sich das Leben in Addis auf der Straße ab. Ob man hier richtig Party macht, weiß ich nicht. Ich denke, so viel zu feiern gibt es auch nicht.

Doch Drogen gibt es, Kokablätter, auch Kath genannt. Sogar legal. Wenn man Männer am Wegrand sitzen sieht und sich der Kiefer wie ein Wiederkäuer immer und immer bewegt, dann liegt zwischen den Backenzähnen ein Kokablatt. Das holt weg aus dem Elend, lässt die Menschen träumen und dann ganz müde werden.

Aber man kann sich auch ohne Drogen ganz high fühlen. Das liegt dann an der Höhe. Addis ist die dritthöchstgelegene Hauptstadt der Welt. Es liegt zwischen 1800 und 2450 Höhenmetern. Ich fühle mich nicht high. Ich fühle mich irgendwie bedrückt, aber gleichzeitig beflügelt.

Denn neben der Armut und dem Elend, gibt es noch etwas viel Größeres, das über der Stadt schwebt: Hoffnung. Anpacken, verändern und frei sein. Dieser Tatendrang ist hier so viel größer als in Berlin. Manchmal kommt es mir so vor, als würde man nur dort hinkommen, um abzuhängen, sich gehen zu lassen und irgendwie zwischen Bars, Clubs und Cafés herumzutreiben. Vor allem meine Generation.

In Addis, da ist ein Tatendrang, da ist alles so viel schlechter und aussichtsloser, aber die junge Generation kämpft, um etwas zu verändern. Addis ist Berlin, nur 100 Mal ärmer, dreckiger, chaotischer und authentischer – und deshalb habe ich es auch 100 Mal mehr ins Herz geschlossen. Eines kann ich euch versichern: Wer nach Addis fährt und nichts fühlt, der ist tot.

Addis Abeba: Das Berlin von Afrika

Addis Abeba: Das Berlin von Afrika

Addis Abeba: Das Berlin von Afrika

Addis Abeba: Das Berlin von Afrika

Addis Abeba: Das Berlin von Afrika

Addis Abeba: Das Berlin von Afrika

Addis Abeba: Das Berlin von Afrika

Addis Abeba: Das Berlin von Afrika

Addis Abeba: Das Berlin von Afrika

Addis Abeba: Das Berlin von Afrika

Addis Abeba: Das Berlin von Afrika

Addis Abeba: Das Berlin von Afrika

Addis Abeba: Das Berlin von Afrika

Addis Abeba: Das Berlin von Afrika

Addis Abeba: Das Berlin von Afrika

Addis Abeba: Das Berlin von Afrika

Addis Abeba: Das Berlin von Afrika

Addis Abeba: Das Berlin von Afrika

Addis Abeba: Das Berlin von Afrika

Addis Abeba: Das Berlin von Afrika

Addis Abeba: Das Berlin von Afrika

Addis Abeba: Das Berlin von Afrika

Addis Abeba: Das Berlin von Afrika

Addis Abeba: Das Berlin von Afrika

Addis Abeba: Das Berlin von Afrika

Addis Abeba: Das Berlin von Afrika

Addis Abeba: Das Berlin von Afrika

Addis Abeba: Das Berlin von Afrika

Addis Abeba: Das Berlin von Afrika

Addis Abeba: Das Berlin von Afrika

Addis Abeba: Das Berlin von Afrika

Addis Abeba: Das Berlin von Afrika

Addis Abeba: Das Berlin von Afrika

Addis Abeba: Das Berlin von Afrika

Addis Abeba: Das Berlin von Afrika

Addis Abeba: Das Berlin von Afrika

Addis Abeba: Das Berlin von Afrika

Addis Abeba: Das Berlin von Afrika

Der Text wurde von Christine Neder geschrieben. Der Artikel erschien in der Kategorie Reisen mit den Themen Afrika, Fotografie, Addis Abeba, Äthiopien und Berlin. Wenn er euch gefällt, könnt ihr ihn auf Facebook, Twitter, WhatsApp, Pinterest und Tumblr oder per Email teilen. Ihr habt etwas zu sagen? Schickt uns einen Leserbrief!
Weitere Artikel lesen