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Polyamorie: Je mehr Menschen du fickst, desto ehrlicher bist du zu dir selbst

Kürzlich lag ich mit einem Mann, den ich sehr mag, im Bett, und sprach mit ihm über Beziehungen, während wir uns einen Joint teilten. Ganz allgemein. Ich bin seit knapp zwei Jahren Single, er etwa ein halbes, und seit ungefähr vier Monaten schläft er nun mit mir. Er ist nicht der einzige Kerl, der m...
Polyamorie: Je mehr Menschen du fickst, desto ehrlicher bist du zu dir selbst

Polyamorie

Je mehr Menschen du
fickst, desto ehrlicher
bist du zu dir selbst

Nadine Kroll

Kürzlich lag ich mit einem Mann, den ich sehr mag, im Bett, und sprach mit ihm über Beziehungen, während wir uns einen Joint teilten. Ganz allgemein. Ich bin seit knapp zwei Jahren Single, er etwa ein halbes, und seit ungefähr vier Monaten schläft er nun mit mir. Er ist nicht der einzige Kerl, der mich fickt, doch ich bin zur Zeit sein einziges Mädchen.

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Wir liegen also in seinem Bett und sprechen über Beziehungen. Monogam müssen sie sein, so sagt er, und weil er wisse, dass ich das nicht könne, würde zwischen uns auch nie mehr laufen als der Sex. Monogamie, das sei ein Konzept, von dem man ja heute, wo alle nur in offenen Beziehungen leben, gar nicht mehr sagen dürfe, dass man es gut findet und lebt.

Monogamie, das klingt so schön romantisch – doch können wir diese Art von Romantik denn heute überhaupt noch verwirklichen? Ich muss an einen Post denken, den ich auf Facebook sah. Er kam von einer Frau, die ich fast nur aus Erzählungen kenne, mit der ich aber doch verbunden bin.

Der Wortlaut war etwa der gleiche, es zeigten vierundzwanzig Daumen hoch. Ich brauche dreizehn Sekunden, um eine Antwort zu verfassen, doch abschicken kann ich sie nicht. Ich ficke nämlich ihren Freund. Drei Straßen weiter sitzt mein bester Kumpel und ist in derselben Situation. Er fickt nämlich besagte Frau.

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Ich nehme die Hand des Mannes, der neben mir liegt, und frage: „Bist du noch nie fremdgegangen?“ Er sagt: „Ich war noch nie treu“, und da wird mir plötzlich klar, dass ich nicht das einzige Mädchen bin, das er fickt. Mein Vater hat meine Mutter betrogen, da war ich elf. Sechs Jahre später bin ich zum ersten Mal einem meiner Freunde fremd gegangen – wenn man die zahlreichen Nächte, in denen ich meine Finger in andere Mädchen gesteckt habe, außer Acht lässt.

Sieben Wochen nach meinem Seitensprung erfuhr ich, dass er nach dem schriftlichen Mathe-Abi eine andere geschwängert hatte. Ich machte Schluss, köpfte eine Flasche Sekt und freute mich, dass wenigstens ich schlau genug war, Kondome zu benutzen. Auf ihn sauer war ich nie. Wohl aber auf mich, weil ich nicht ehrlich zu ihm war.

Über Monogamie gesprochen habe ich das erste Mal mit 21. Mittlerweile wusste ich, dass ich ‘heteroflexibel’ war, auch wenn ich das Wort dafür nicht kannte. Ich knutschte wie so oft mit einem Mädchen, eine Hand an ihrer Brust. Mein Freund saß an der Bar und trank ein Bier, und als ich mich von der fremden Frau löste, um einen Schluck von ihm zu nehmen, stellte er stumm sein Glas vor mich und ging.

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Erst Tage später gestand er mir, dass er eifersüchtig war, und wir verstrickten uns in eine Diskussion. „Ein Mann kann mir nicht das geben, was eine Frau mir geben kann und andersrum“, sagte ich, doch ich liebte diesen Mann und willigte ein, ab sofort nur noch mit ihm zu schlafen. Fünf Monate später machte ich Schluss und schlief noch in derselben Nacht mit einer Frau.

Monogam, das bedeutet nicht nur exklusiv, sondern auch lebenslang. Doch gibt es das denn überhaupt noch? Im Laufe unseres Lebens wechseln wir die Jobs, die Autos und die Freunde. Wir wachsen einfach aus ihnen heraus, denn in einer Welt, in der uns alle Türen offen stehen, ist es schwer, sich gemeinsam zu entfalten.

Immer schneller stoßen wir an Grenzen, beruflich wie privat. Diese Grenzen sind immer die anderen – doch was, wenn wir es selbst sind? Wir bauen uns selbst Schranken auf und sind zu feige, sie zu öffnen. Manchmal reicht ja schon ein klitzekleines Stück. Stattdessen aber warten wir, bis die Mauern uns einengen und bringen sie dann mit Gewalt zu Fall.

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Ich sage nicht, dass wir jetzt alle polygam werden und andere Beziehungskonzepte über den Haufen werfen sollen – aber wenn wir weder lebenslang noch exklusiv sein können, dann sollten wir darüber sprechen. Ein ehrliches Gespräch kann so manches gebrochene Herz verhindern. Manchmal sogar mehrere auf einmal.

Man muss Beziehungen nicht definieren. Wenn da Liebe ist, dann ist sie da. Man gehört einfach zusammen. Man gehört zusammen, doch man gehört dem jeweils anderen. Ein „Wir“, das sind immer noch zwei Individuen mit eigenen Träumen, eigenen Wünschen und Zielen. Ein „Wir“, das muss sich entwickeln, langsam zusammen wachsen. Ein „Wir“, das lässt sich nicht erzwingen.

Ich denke, dass jede Beziehung, jeder Fick und jeder Kuss für sich genommen einfach einzigartig ist. Was ich mit einem Partner, ob flüchtig oder ausgiebig, erlebe, ist immer anders als das, was mir ein anderer zu bieten hat. Sei es nun ein größerer Schwanz, eine schickere Wohnung oder einfach nur Geborgenheit und Liebe.

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Dennoch glaube ich nicht, dass man Polyamorie lernen kann, auch wenn uns das Bücher wie “Treue ist auch keine Lösung: Ein Plädoyer für mehr Freiheit in der Liebe” oder “Drei ist keiner zu viel – Das ultimative Einsteigerbuch in eine offene Beziehung” glauben machen wollen.

Polygamie bedeutet für mich nicht sich ausschließlich sexuelle Wünsche, die man bei einem Partner nicht bekommt, bei einem anderen zu erfüllen. Polyamorie ist kein „Rumhuren, ohne den Partner zu verletzen“ und schon gar keine Ausrede für Menschen, die einfach nicht treu sein wollen.

Ich kenne keine Beziehung, die wirklich monogam ist, doch in den wenigstens davon wissen beide Partner über die sexuellen Aktivitäten des jeweils anderen Bescheid. Fast immer ist’s ein Egotrip. Der eine besucht Chatrooms, um seinen Schwanz dort von fremden Frauen bewundern zu lassen. Die Browserhistory löscht er natürlich sofort.

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Was, wenn seine Freundin im Netz ihre Titten zeigt? Na, dann ist sofort Schluss, ganz klar. Ein anderer greift Sexdates auf Tinder ab. Über’s Firmenhandy, versteht sich, die App natürlich auf dem Homescreen. Dass er auf Golden Showers steht, ist ihm vor seiner Freundin viel zu peinlich. Die Letzte mietet ein Hotel über eine zweite Kreditkarte, um sich von sechs Männern gleichzeitig bumsen zu lassen, weil der Freund einfach nicht auf Gruppensex steht. Was keiner weiß, das ist auch nie passiert.

Was ich daraus lerne? Polygamie ist nicht besser als Monogamie – nur in vielen Fällen, die ich kenne und selbst erlebt habe, einfach ehrlicher. Viel ehrlicher. Mit dem Mann, der für vier Monate wie mein Zuhause war, habe ich am nächsten Morgen Schluss gemacht. Ich mag es nicht, belogen zu werden, doch noch weniger mag ich Menschen, die sich selbst belügen – und vielleicht glaube ich genau deswegen nicht an Monogamie, sehr wohl aber an die Liebe. Wenn auch nicht an die große.

Die Fotografie stammt von Dainis Graveris
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