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Philosophische Popkultur: Die Vergänglichkeit der Worte

AMY&PINK hat sich in den vergangenen Jahre immer wieder gewandelt. Vom kleinen Blog eines bayerischen Mediengestalters über die Geschichtensammlung kreativer, in ganz Deutschland verteilter Köpfe. Von der Bibel des Berliner Nachtlebens über die BILD-Zeitung für Hipster. Von einer digitalen Nachricht...
Philosophische Popkultur: Die Vergänglichkeit der Worte

Philosophische Popkultur

Die Vergänglichkeit
der Worte

Marcel Winatschek

AMY&PINK hat sich in den vergangenen Jahre immer wieder gewandelt. Vom kleinen Blog eines bayerischen Mediengestalters über die Geschichtensammlung kreativer, in ganz Deutschland verteilter Köpfe. Von der Bibel des Berliner Nachtlebens über die BILD-Zeitung für Hipster. Von einer digitalen Nachrichtenseite über einen niemals schlafenden Ticker der viralen Begebenheiten. Bis wir irgendwann vor einem schieren Monstrum der falschen Erwartungen und hoffnungslosen Aussichten standen. AMY&PINK wollte alles sein, aber kollabierte dadurch, nichts mehr richtig machen zu können. Aus diversen Gründen.

Wir hatten vergessen, worum es bei AMY&PINK wirklich ging, und wollten um jeden Preis relevant bleiben. In dieser schnelllebigen Medienwelt. Unseren Blick nach vorne gerichtet, gab es nur eine Wahl: Mithalten. Mithalten mit den Nachrichten. Mithalten mit den Trends. Mithalten mit dem Lauten und Glänzenden und Blinkenden. Wir waren AMY&PINK, Bitch, wir mussten noch krasser sein als alle anderen!

Irgendwann hauten wir nur noch blindlings irgendwelche News und Lookbooks und Gossips und YouTube-Videos und Shitstorms und Titten raus, in einer vollkommen irrelevanten Mischung. Hauptsache es passierte etwas. Ob es uns gefiel oder nicht, das war scheißegal. Auffallen um jeden Preis. Fake it till you make it. Die Zukunft konnte nur besser werden. Wurde sie aber nicht.

Wir zerbrachen an einem Kampf, den wir weder gewinnen konnten noch gewinnen wollten. AMY&PINK hatte sich zum Zerbersten mit Nonsens und Bullshit gefüllt. Was ich natürlich nicht wahrhaben wollte, während alle anderen bereits den Kopf schüttelten. Immer wilder sollte es sein, immer fetter, Auffallen um jeden Preis. Jedes Jahr ein Relaunch. Jedes Jahr das gleiche, in einen pseudoepischen Artikel gepackte Versprechen, dass jetzt wieder alles wie früher werden würde. Dass wir verstanden haben, was ihr wirklich wollt. Dass AMY&PINK endlich wieder gut sein wolle.

Doch wir, und damit ich, haben dieses Versprechen immer wieder gebrochen. Weil die Welt um uns herum immer noch lauter und glänzender und blinkender wurde und wir das Karussell, in dem wir saßen, nicht mehr anhalten konnten, bis uns unsere schlechten Metaphern um die Ohren flogen und AMY&PINK unter der Last von verbaler und illustrierter Scheiße regelrecht zerbrach.

Am Ende wollte ich nur noch, dass es vorbei ist. Ich war kurz davor, die Seite, die Archive, alle Dateien zu löschen. AMY&PINK war gescheitert. Wir wollten die Weltherrschaft. Doch was wir bekamen, das war ein Blick in die absolute Leere einer womöglich glänzenden Zukunft, die wir uns selbst verbaut hatten. Von all dem Spaß, den Erwartungen, der Hoffnung war nichts mehr übrig geblieben.

In einer letzten, von Wein getränkten Nacht stöberte ich durch die alten Texte. Die, die wir veröffentlicht hatten, als Blogs gerade groß wurden. Als das Leben noch ein Spiel war. Als die Welt noch in Ordnung schien. Die längst im digitalen Nirvana verloren gegangen und mit einem Zementblock der Sinnlosigkeit zerstampft worden waren. Ich las sie. Und sie waren gut. Diese zehn Jahre alten Texte über die Liebe, über die Träume, über die Erwartungen einer ganzen Generationen, sie waren gut. Einfach nur gut.

Diese Texte waren besser als der Großteil dessen, was wir in den vergangenen Jahren veröffentlicht hatten. All die schnelllebigen Dramen und Gerüchte und Taten irgendwelcher wandelnder und atmender Aufmerksamkeitsdefizite. All die digitalen Konstruktionen einer geldgeilen Industrie, deren kleine Rädchen längst von Burnouts und Depressionen heimgesucht worden waren. All die niemals enden wollenden Nachrichten einer Welt, die sich mit jedem Tag noch ein wenig schneller zu drehen schien. Sie waren schon in dem Augenblick obsolet, in dem wir über sie schrieben. Vergeudete Worte ohne Verstand. Ohne Nachhall. Ohne Gewicht.

Mir wurde bewusst, dass es nur eine Möglichkeit gab, AMY&PINK zu retten. Und die war, das genaue Gegenteil von dem zu machen, was wir in den vergangenen Jahren als unsere Aufgabe ansahen. Aus diesem metaphorisch immer noch unglaublich dummen Karussell, das heute vor Geschwindigkeit fast abzuheben scheint, auszusteigen, aus einer sicheren Distanz heraus darauf zu blicken und unseren eigenen Weg, mit unserer eigenen Definition von Zeit, zu gehen.

Was das nun wieder bedeutet? Ich möchte, dass die Texte, die auf AMY&PINK erscheinen, nicht nur in den nächsten zehn Minuten, sondern auch in den nächsten zehn Jahren noch relevant sind. Irgendwer in einer weit entfernten Zukunft, wenn Hoverboards wirklich schweben können und wir übers Wochenende zum Ballermann 2 auf den Mars fliegen, soll sie lesen und sich denken: Das spricht mir aus der Seele. Das inspiriert mich dazu, etwas Neues auszuprobieren. Das sollte ich denen zeigen, die ich mag und liebe. Man soll den Inhalten ihr Alter nicht anmerken. Weil es eben vollkommen irrelevant ist.

Natürlich ist kein Satz für die Ewigkeit. Aus dem Herzen geschriebene Texte sind nun einmal immer eine Momentaufnahme. Ein Porträt ihrer Zeit, in der sie verfasst worden sind. Aber ein „Wir sind zu jung für die große Liebe“ hat nun mal eine andere Halbwertszeit als ein „Miley Cyrus hat schon wieder auf den Boden gepisst.“ Obwohl das Zweite ja auch irgendwie seinen Reiz hat. Für den ein oder anderen.

Was bedeutet das jetzt für AMY&PINK? Ich möchte, dass AMY&PINK wieder eine kunterbunte Wundertüte voller Überraschungen wird, in der für jeden etwas Schönes dabei ist. Egal, ob man sich nun die vor Faszination triefende Kritik eines Animes durchlesen möchte oder die emotionalen Gedanken einer Türkeireisenden. Egal, ob es um die verliebte Vorstellung einer neuen Sängerin geht oder um die schmerzhaften Erfahrungen beim ersten Analsex. Egal, ob man sich einfach nur ein paar bezaubernde Fotos anschauen oder eine epische Geschichte in den Untiefen Berlins miterleben will.

Wichtig ist mir, dass die Artikel, die ab jetzt auf AMY&PINK erscheinen, so toll, so schön, so lesenswert sind, dass sie auch in einem, in zwei, in fünf, ja, vielleicht sogar in zehn Jahren relevant sind, ohne die Ecken und Kanten zu verlieren, für die AMY&PINK bekannt ist. Cowboy Bebop wird auch in einer Dekade noch Kult sein. Die Bücher von Haruki Murakami werden auch in einer Dekade noch wichtig sein. Texte über Herzschmerz werden auch in einer Dekade noch Menschen dazu inspirieren, ihr Leben wieder in die Hand zu nehmen – oder zumindest ein bisschen schöner im Selbstmitleid zu versinken.

Konkret heißt das, zum einen, dass die Artikel auf AMY&PINK ohne sichtbares Datum veröffentlicht werden. Weil es vollkommen egal ist, wann genau sie erschienen sind. Und dass, zum anderen, die Startseite von AMY&PINK immer wieder neu generiert wird. Die Texte werden nicht mehr chronologisch angezeigt, sondern so, dass immer wieder zufällig Artikel aus dem veröffentlichten Katalog zusammengetragen und angezeigt werden. So bekommt man immer wieder eine bunt zusammengewürfelte Themenwelt, in die man jedes Mal aufs Neue eintauchen kann. Und unter jedem Text gibt es drei weitere Vorschläge aus allen Bereichen. So dass man sich gleich in ein neues, kleines Abenteuer stürzen kann.

Um einen Neustart zu wagen, haben wir AMY&PINK komplett archiviert, den Server gelöscht und mit einem frischen Design einfach wieder von vorne angefangen. Nach und nach werden wir nun alte Artikel auswählen, überarbeiten, korrigieren, glatt ziehen und neu illustrieren, um sie anschließend wieder zu veröffentlichen. Aber natürlich werden wir auch regelmäßig neue Inhalte nachschieben und sie drunter mischen, so dass es immer wieder etwas Spannendes zu entdecken gibt. Mit jedem anbrechenden Tag soll AMY&PINK so ein wenig weiter wachsen. Langsam, stetig und mit Freude.

Wir haben auch alle Werbebanner von der Seite verbannt. Monetisiert wird AMY&PINK ab jetzt ausschließlich durch bezahlte Artikel, die wir, wer hätte das gedacht, Anzeigen nennen. Wir stellen darin hübsche Handys, schnieke Klamotten oder leckere Pferdesalami vor und erhalten dafür, im besten Fall, Geld. Dadurch können wir AMY&PINK auch in Zukunft am Laufen halten. Hoffentlich.

Die Ironie dieses Textes liegt nach natürlich in zwei Punkten. Erstens: Er ist im Grunde auch nur wieder einer dieser sich immer wiederholenden pseudoepischen Texte, die die Auferstehung AMY&PINKs preisen und hoch und heilig schwören, dass jetzt wieder alles so wie früher wird. Das hat schließlich bislang immer sehr gut funktioniert. Und zweitens: Dass er die Vergänglichkeit der Worte anprangert und selbst zu den Texten gehört, die, aus inhaltlichen Gründen, in Windeseile an Relevanz verlieren werden.

Ich möchte einfach, dass AMY&PINK wieder zu einem kleinen, kunterbunt leuchtenden Partyschiff inmitten eines unüberschaubaren digitalen Ozeans voller Unsinn wird. Auf dem jeder Spaß hat, egal, ob er sich der tiefsinnig ausformulierten Vergänglichkeit des Seins oder nur ein paar hübschen Bildern noch hübscherer Menschen hingeben möchte. Jeder ist bei uns willkommen, darf sich umsehen, und die Gedanken und Meinung mitnehmen, die er für wichtig und richtig hält. Oder auch nicht.

Wenn ihr Lust aufs Schreiben habt, dann könnt ihr eure Texte gern auch per Email einreichen. Und wenn sie gut sind, dann veröffentlichen wir sie. So einfach geht das. AMY&PINK hat sich in den vergangenen Jahre immer wieder gewandelt. Und wir freuen uns, wenn wir euch als Leser auch weiterhin ein wenig auf eurem turbulenten Lebensweg begleiten, unterhalten und auch inspirieren können. Auf unsere Art.

Der Text wurde von Marcel Winatschek geschrieben
Die Fotografie stammt von Daniel Monteiro
Der Artikel erschien in der Kategorie Leben mit den Themen Blogs, Gedanken, Journalismus, Pläne, Popkultur, Social Media, Weltherrschaft und Zukunft
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