Rettet die Clubs! - Die Stadt stirbt leise

Wirtschaftlicher Erfolg deutscher Städte einerseits und subkulturelle Attraktivität andererseits stehen im krassen Konflikt. Das ist ein bisschen wie glatter Businessmann gegen hippe Szenefrau, wie Anzug gegen Röhrenjeans, wie Objektivität gegen…
Rettet die Clubs! - Die Stadt stirbt leise

Rettet die Clubs!

Die Stadt
stirbt leise

Wirtschaftlicher Erfolg deutscher Städte einerseits und subkulturelle Attraktivität andererseits stehen im krassen Konflikt. Das ist ein bisschen wie glatter Businessmann gegen hippe Szenefrau, wie Anzug gegen Röhrenjeans, wie Objektivität gegen Subjektivität. Wie Momos „Graue Herren“ gegen Stuttgarts „White Rabbits.“ Und das eben nicht nur im in aller Munde befindlichen Berlin.

Im Gegenteil. Aufgrund seiner Eckdaten dient Stuttgart diesmal als nahezu perfektes Beispiel. Kessellage, Stuttgart-Mitte hat 381 Hektar Fläche, allein die potentielle Kulturfläche Flughafen Tegel umfasst 466, Quadratmeterpreise als Folge wirtschaftlichen Erfolgs, mit ungefähr 2.100 Euro pro Quadratmeter ist Stuttgart die zweitteuerste Stadt Deutschlands, und Mentalität, der Schwabe gilt allgemein hin als Paradebeispiel konservativ-deutscher Tugenden. Auf die Spitze treibt es die städtische Vergnügungsstättenkonzeption: gespielt, Spielhallen, gefeiert, Clubs, und gefickt, Bordelle, werden darf nur in Stuttgart-Mitte, oder in einer Handvoll wenig attraktiver Randgebiete, die nicht als teilelitäre halbhohen Wohngebiete erschlossen sind.

Die Stuttgarter Clubs sterben reihenweise und mit ihnen Bühnen für Kunst, Kultur und Ausgleich: Die Röhre schloss nach 27 Jahren wegen Bauarbeiten – und mit ihr eine der attraktivsten Nachwuchslocations des deutschen Südwestens. Hier spielten die jungen Beatsteaks, hier spielte der junge Jan Delay und hier spielten noch viele Junge mehr.

Das KimTimJim als pfiffiges, temporäres Clubkonzept mit hochgelobter Soundhardware schloss nach nur einem Jahr wegen mangelnder Fluchtwege – wie soll dies in einem ehemaligen Asia-Restaurant als temporäres Clubkonzept ohne halsbrecherische Investitionen auch gewährleistet sein?

Die Zapata-Betreiber ergaben sich, nach eigener Aussage, nach 19 Jahren Clubtreiben einem Konflikt mit der Stadt Stuttgart zwecks Sperrzeitenregelung – nebenbei erwähnt lag der Club damals nicht mal mehr in Stuttgart-Mitte, sondern in einem städtischen Mischgebiet nahe des Pragsattels – es ging lediglich um die Ausweitung der Öffnungszeiten auf Abende vor Feiertagen, ohne dabei immer und immer wieder aufs neue lästige Sondergenehmigungsanträge beim Amt für öffentliche Ordnung stellen zu müssen.

Die „aufopfernde Bereitschaft“, Achtung, Ironie, der Behörde, Fritz Kuhn, Stuttgarts Oberbürgermeister, hat sich, so munkelt man, demgegenüber anscheinend tatsächlich für einen Erhalt eingesetzt, führte letztendlich dazu, dass das Zapata kurz nach einem auf 700 Zuschauer begrenzten Bon-Jovi-hautnah-Konzert die Segel strich. Doch damit nicht genug im Ländle.

Dann schließt nach abermaligem Zwangsumzug mit dem Rocker33 einer der fünft deutschlandweit erfolgreichsten, dreckigen Elektro-Schuppen für immer seine Pforten im Filmhaus – die Landesbank reist ein und baut schicken Büroraum in exponiertester Innenstadt-Lage. Auch das 33 hat mit dem Verlust des Filmhauses seit Gründung bereits seine dritte Heimat verloren, obwohl es zwischenzeitlich nach dem Einstieg der Kellerclub-Betreiber und mit dem Umzug in eben dieses Filmhaus gerettet schien.

Ursprünglich als Zwitterlocation irgendwo zwischen Boutique-, Ausstellungs- und Lebensraum für junge Kreative und wunderbar szenigem Elektro-Tanzlokal, mit immer während überschwemmter Toilette, gegründet, gingen die Größen der Szene bald ein und aus: von Carl Cox über die Kalkbrenners, Lexy & K-Pauls und Monika Kruses unserer Zeit hin zu Newcomern wie Delacroix, Hemmann oder Blomqvist gaben sich, und geben sich noch für kurze Zeit, Künstler die Klinke in die Hand.

Über die fantastisch-freakigen Sneaker-, Afterhour- und Rapveranstaltungen soll hier kein weiteres Wort verloren werden. Den bis zum heutigen Tag allgegenwärtigen finanziellen, bürokratischen und raumbedingten Herausforderungen trotzte das 33 widerspenstig, bis am 31. Januar, vorerst, endgültig die letzte Sause steigen wird. Wie lange sich die authentischen Wagenhallen als Kreativpol- und Konzertfläche noch halten können, vermag wohl auch nur eine Wahrsagerin zu deuten – die mit großer Gewissheit mit einer Negativprognose richtiger liegen wird als mit einer positiven.

Übrig bleibt überspitzt die Theodor-Heus-Meile, Mitte von Stuttgart-Mitte, mit ihren pädagogisch wertvollen Stangen-Charts-Clubs und Cocktailbars, in denen junges, meist Vorort-, Publikum am Wochenende ganzjährig in zu engen H&M-Kleidchen Spring-Break feiert, während Tuning-Liebhaber aller Einkommensklassen von Golf-2-GTI über AMG hin zu, geliehenen, italienischen Supersportwagen durch Vollgas-Kreisfahrten um die weibliche Gunst beizen.

Bis der Abend sich zu guter Letzt entweder in einer Polizeikontrolle oder mit einem Döner, neuerdings alternativ Burger in der Hand am Rotebühl-Platz, direkt vor der Haustüre der CDU, dem Ende neigt. Das Gesamtobjekt „Theo“ ist abstruser Weise mit etwas Fantasie auch moderne Kunst, auf die Einzelläden und –leute könnte ich persönlich jedoch gerne verzichten.

Warum, fragt ihr euch? Im direkten Vergleich dazu soll beispielhaft die Geschichte des oben erwähnten Zapata herhalten, wie sie die Stuttgarter Zeitung vor nicht allzu langer Zeit kurz und prägnant zusammenfasste. Bereits 1994 hatte der chilenische Künstler Marcelo Lagos seinen Schwarz-Weiß-Film „Stuttgart – mi amor“, nebenbei, es ist auch Maxs „Erste Liebe“, gedreht.

Als Kulisse diente ein zum Abriss freigegebenes Fabrikgebäude im Südmilchareal. Nach den Dreharbeiten feierte das Filmteam dort so heftig, bis daraus ein gastronomischen Phänomen mit dem Namen Zapata wurde. Postkarten dienten dort als Währung – ein Trick, weil zunächst die Konzession fehlte. Mit den Einnahmen wurden Künstler unterstützt. Zu den Gästen zählten Alfred Biolek, Ben Becker und Joschka Fischer.

„Das Zapata war ein Ort von knisternder Erotik“, erinnerte sich der Grüne Rezzo Schlauch. Heute nach ebenso abermaligem Umzug, mit grünem Bürgermeister, ist es tot. Das Clubsterben geht folglich weit über die Berliner Bar 25 und das noch existierende Kater Blau hinaus.

Fraglich ist, jedenfalls am gewählten Beispiel Stuttgart, ob ins Leben gerufene Gegenbewegungen wie die, weit über die Grenzen Stuttgarts hinaus aktiven, White Rabbits, sich dem Szeneschicksal annehmende Filmemacher wie Pavlovic, „Wo tanzen wir Morgen“, oder die jüngst gegründete Clubgemeinschaft der Entwicklung Einhalt gebieten können. Wie dem auch sein, grundsätzlich schön ist, dass es noch junge Menschen gibt, die sich ihren Leidenschaften verbunden – und sich diesen in gewisser Weise sogar verantwortlich – fühlen.

Denn primär schuld am Sterben der Clubs sind weder in Stuttgart noch anderswo die Verwaltungen allein. Deren Grundlagenaufgabe ist, neben Unterzielen der (sub)kulturellen Entwicklung, natürlich das finanzielle Gleichgewicht ihrer Bilanzen, und damit oft die Entscheidung Pro-Wirtschaft und Kontra-Kreativkultur.

Wichtig sind hierbei jedoch Engagement, Kampf und Aufschrei von Interessengruppen, die das Ungleichgewicht zugunsten der Kreativ-Waagschale versuchen auszugleichen – und keine Ausgeh-Touristen, denen scheißegal ist, in welchen vier Wänden, bei welcher Musik, sie ihre fünf Wodka-Bull saufen können. Wir fassen uns hier wohl am besten alle gehörig an die eigene Nase.

Trotzdem: Freisprechen darf man städtische Behörden nicht. Oft wird eines vergessen: Zwar gibt es zweifelsfrei finanziell profitablere Planungsmodelle als szenige, traditionsreiche und verrückte Clubs, Bühnen und Bars, jedoch verlieren Städte mit dem Wegfall eben dieser ihr wichtigstes Merkmal: Ihren Charakter.

Ganz nebenbei gibt es hierbei eine schöne Parallele zu unser aller Leben: Studium und Beruf fressen heutzutage einen Großteil unserer Energie. Für privates Engagement, sei es kulturell als Gast oder Künstler, bleibt da wenig Zeit und Muße. Privat stumpfen wir ab, Ausnahmen bestätigen hier wie immer die Regel, und ändern unsere Prioritäten. Ergebnis ist in der heutigen Jugendgeneration ein krasses Ungleichgewicht zwischen Profession und Leidenschaft. Die Generation Y verliert genau wie ihre Städte: Charakter. Früher war eben wirklich manches besser.

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Die Fotografie stammt von Dominik Mecko
Der Text erschien in der Kategorie Musik mit den Themen Clubs, Partys und Stuttgart
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