Musikalische Verschwörung - Lana Del Rey gibt es gar nicht

Kennt ihr eigentlich noch das virale und unglaublich lustige Video “Interior Semiotics”, in dem eine Kunststudentin vor einem Publikum Nudeln aus ihrer Muschi fummelt, diese auf ihr T- Shirt schmiert,…
Musikalische Verschwörung - Lana Del Rey gibt es gar nicht

Musikalische Verschwörung

Lana Del Rey gibt
es gar nicht

Kennt ihr eigentlich noch das virale und unglaublich lustige Video “Interior Semiotics”, in dem eine Kunststudentin vor einem Publikum Nudeln aus ihrer Muschi fummelt, diese auf ihr T- Shirt schmiert, prätentiöse Scheiße rückwärts labert und das Ganze als Kunst bezeichnet?

Sie kommt daher wie eine durchgeknallte Trulla aus der Anstalt, die glaubt, sie sei die Reinkarnation von Andy Warhol und Aleister Crowley zugleich, aber wer gibt einem eigentlich das Recht zu behaupten, dass dies keine Kunst sei?

In den 80ern haben so manche Kunstexperten den Künstler Jean-Michel Basquiat aufgrund seiner Gemälde, die an Krakeleien kleiner Kinder erinnern, ebenso verspottet, heute gilt er als einer der wohl wichtigsten Künstler unserer Zeit. “Interior Semiotics” ist durch und durch Kunst, aber wenn man sich mal genauer mit der Idee, die dahinter steckt, beschäftigt, wird so manch einer merken, dass sie sehr mangelhaft ausgeführt wurde und somit ruhig als schlechte Kunst kategorisiert werden kann.

Generell unterscheiden wir ja zwischen drei Dingen: Schlechter Kunst, Kunst die keine emotionale Reaktion beim Betrachter auslöst. Guter Kunst, Kunst die eine emotionale Reaktion beim Betrachter auslöst. Und hoher Kunst, Kunst die Emotionen beim Betrachter auslöst, die dieser in der Form noch nicht gespürt hat.

“Interior Semiotics” läßt sich in den Bereich Konzeptkunst einordnen. Konzeptkunst kann eine Installation, siehe Tracy Emin, Levi Van Veluw, Damien Hirst, ein Video oder eben wie hier eine Performance sein. Bei Konzeptkunst steht nicht die Form, sondern die Idee bzw. das Konzept, im Vordergrund und kann somit als eine Antithese zu traditioneller Kunst à la Da Vinci angesehen werden.

Man kann also quasi wortwörtlich gegen die Wand scheißen und das als Kunst bezeichnen. Echt, ohne Scheiße, also mit Scheiße, aber echt ohne Witz. Oder man kann ein Gemälde auf dem nichts, rein gar nichts zu sehen ist, außer weiße Farbe, an die Wand einer Gallerie klatschen und dieses für Millionen von Euronen verkaufen. Hat es alles schon gegeben.

Die wohl interessanteste, wenn auch fiktive, konzeptionelle Performance kann man sich in der ersten Episode der britischen Serie “Black Mirror” reinziehen, in der jemand eine Frau entführt und fordert, sie nur freizulassen, wenn ein britischer Politiker vor laufender Kamera ein lebendes Schwein anal fickt, während das ganze Land vor’m Fernseher zuschaut. Später stellt sich heraus, dass der Entführer ein bekannter Künstler ist, der mit der Entführung und der Sex-Szene ein konzeptionelles Kunstwerk erschaffen hat.

Und was hat die ganze Scheiße jetzt mit Lana Del Rey zu tun? Um dies zu verstehen müssen wir erstmal auf zwei retrospektive Zeitreisen gehen. Also fest anschnallen und zurücklehnen, es geht ab in die Vergangenheit. Wir schreiben das Jahr 1960. Ein Künstler namens Andy Warhol wird von der Welt gefeiert, wie wir es bisher nur von Rockstars kennen. Jedoch merkt Andy schnell, dass er eine Persona, ein Image, eine Rolle braucht, in die er schlüpfen konnte, damit die Menschen sich an ihn länger als nur 15 Minuten erinnern können, aber vor allem, um seine Kunst und Prominenz besser zu vermarkten.

Somit verbinden wir seine Kunst heute mit dem Image des exzentrischen Typen in Ray Bans, weißer Perücke und schwarzen Klamotten, der definitiv cooler ist als du. Andy, der Meister des Makeovers? Andy, der Ursprung des Nullerjahre Hipsters?

Alles dreht sich immer nur ums Image, das weiß auch Karl Lagerfeld, der sich ganz klar ein Stück von Warhols Kuchen abgeschnitten hat. Man sieht Karl in der Öffentlichkeit nur mit Sonnenbrille, weißer Perücke und schwarzer Robe. Eine Kopie einer Kopie. Ein durch kalkuliertes Image. Ach wie indie-viduell. Dass sich Individualität nicht an Klamotten messen lässt, sollte jedem schon klar sein. Individulität fängt im Kopf an.

Mode macht einen nicht individuell. Man benutzt Mode als Ventil, um seine Individulität nach außen zu übertragen. Genau dies schaffte Andy. Es ist kein Geheimnis mehr, Andy Warhols größtes Kunstwerk ist Andy Warhol. Banksys größtes Kunstwerk hingegen ist Mr. Brainwash.

Und somit begeben wir uns auf unsere zweite Zeitreise ins Jahr 2010, in dem Banksy seinen Film “Exit Through The Gift Shop” veröffentlichte. In Banksys Film geht es hauptsächlich um den Filmemacher Thierry Guetta, dessen Passion es ist, Streetart-Künstler bei der Arbeit zu filmen. Am Ende wird Guetta von Banksy inspiriert und selbst zum Streetart-Künstler, der unter dem Pseudonym Mr. Brainwash bekannt wird. Dies jedoch ist nur die oberflächliche Version des Filmes.

Wie “American Beauty” es schon von uns fordert, folgt auch hier das “Look-Closer-Prinzip”. Dinge sind nicht oft so, wie sie scheinen. Schau’ genauer hin! “Exit Through The Gift Shop” ist Spötterei, kreiert von Banksy, es ist wohl eines seiner besten Werke bis dato. Die Kunstwelt ist Mona Lisa und Banksy malt ihr einen Schnäuzer drauf. “Anna, wie war das da bei DADA?” Banksy verarscht uns von hinten wie von vorne, benutzt Mr Brainwash als Ventil, um mit dem Finger auf die Kunstwelt zu zeigen. Banksy ist der Dr. Frankenstein des 21. Jahrhunderts, er erschafft ein Monster, verliert letztlich jedoch die Kontrolle darüber.

Oft werden Schüler schon an Kunstschulen darauf getrimmt, Kunst zu schaffen, die sich verkaufen lässt, statt Kunst als eine Form des Ausdrucks bzw. der Selbstverwirklichung zu betreiben. Genau das macht Mr. Brainwash ja gerade, seine Werke haben nur ein Ziel: Geld. Geld. Geld. Es ist Fast-Food-Kunst auf höchstem Niveau. Mr. Brainwash setzt uns Scheiße vor die Augen und wir fressen sie mit Genuß auf und wollen auch noch Nachtisch. Banksy hat ein lebendes und somit konzeptionelles Kunstwerk erschaffen, um die Kunstwelt zu kritisieren und zu verspotten.

Nun verstehen wir also, was Konzeptkunst ist, und wie man ein lebendes Kunstwerk erschaffen kann. Es wird Zeit, dass wir unser Wissen nun auf Lana Del Rey übertragen und uns somit zurück in die Zukunft begeben. Mit blauer Baggyjeans, einem verblassten grünen Shirt und zerzausten blonden Haaren performte, vor nicht allzu langer Zeit, ein Mädchen namens Lizzy Grant ihre eigenen Lieder in einem New Yorker Pub.

Jedoch schien sich niemand für sie zu interessieren, da konnte ihr reicher Vater auch noch so viel Kohle in die Vermarktung ihrer Musik stecken, gejuckt hat es niemanden. Kein Wunder, denn wenn man ein erfolgreicher Popstar sein möchte, braucht man vor allen Dingen eines: Ein Image, mit dem man sein Produkt, in diesem Fall seine Musik, gut vermarkten kann, siehe Andy Warhol und Karl Lagerfeld. Also musste ein neuer Name her, eine neue Frisur, neue Klamotten und “neue” Lippen, das Ganze kennen wir auch schon von Nicki Minaj und Lady Gaga. Keine dieser Frauen sah so aus, wie wir sie heute kennen, bevor sie zum Ruhm kamen.

Und somit ist uns Lizzy Grant heute als Lana Del Rey bekannt. Eines der wohl interessantesten Internetphänomene der letzten paar Jahre. “Think about this for a second. How can someone’s public image be that their public image is fake? Such an idea is so postmodern, so a product of Internet Culture, that it needs severe unpacking.”

Lana ist fake, Plastik, noch so ein Musikbusiness-Püppchen, das seine Seele für Ruhm an den Teufel verkauft hat. Oder doch nicht? Ist der Fall Lana Del Rey vielleicht nicht doch viel komplexer und tiefgründiger als es auf den ersten Blick scheint?

Kann es nicht sein, dass Lizzy Grant, die Tochter eines Millionäres, angepisst von der Musikindustrie war, so sehr wie Banksy angepisst von der Kunstwelt war, und somit ein konzeptionelles Kunstprojekt erschaffen hat, um mit einem Finger auf Amerika und den Westen zu zeigen, um die Musikindustrie zu kritisieren und die Fehler unserer Gesellschaft zu reflektieren? Können wir Lizzy Grant wirklich so viel Intelligenz zuschreiben? Können wir sie tatsächlich auf eine Stufe mit Banksy und Andy Warhol stellen?

Die Grenzen zwischen Schauspiel und Realität verschwimmen immer mehr und wenn Lana Del Rey tatsächlich nur eine Rolle gespielt von Lizzy Grant ist, dann ist dies wohl einer der größten Mindfucks unserer Generation.

Wir sind besessen von Konsum und Stars. Gestern war es Lady Gaga, heute ist es Lana Del Rey, morgen ist es Susi aus Buxtehude. Wie ein Andy-Warhol-Bild sind sie alle eine Reproduktion einer Reproduktion einer Reproduktion. Wenn uns jemand langweilig wird, tauschen wir ihn einfach aus und vergessen die Person. Edie Sedgwick. Alles ist vergänglich. Alles zerfällt. “Sogar die Mona Lisa verfällt.” Und wenn es nicht Lizzy Grant ist, die unsere Welt auf diese Art und Weise kritisieren möchte, wird es schon bald jemand anderes sein.

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Die Fotografie stammt von Nicole Nodland
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