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Japanische Popmusik - Lieder aus einer fremden Welt

Als ich mit Anfang 20 endlich meinen Führerschein machte und mit dem knallroten Seat Ibiza meiner Mutter durch die Straßen meiner bis nach oben hin zugeknöpften Heimatstadt düste, kreuz und quer, immer hin und her, da dröhnte aus meinen Lautsprechern kein Hip Hop, kein Techno und auch kein Wolfgang...
Japanische Popmusik: Lieder aus einer fremden Welt

Japanische Popmusik

Lieder aus einer
fremden Welt

Als ich mit Anfang 20 endlich meinen Führerschein machte und mit dem knallroten Seat Ibiza meiner Mutter durch die Straßen meiner bis nach oben hin zugeknöpften Heimatstadt düste, kreuz und quer, immer hin und her, da dröhnte aus meinen Lautsprechern kein Hip Hop, kein Techno und auch kein Wolfgang Petry. Nein. Es war die damals recht neue Single einer japanischen Popmusikerin.

Kumi Koda hieß sie. „Butterfly“ war der Song. Meine damalige Freundin, die zusammengekauert auf dem Beifahrersitz saß, schämte sich in Grund und Boden, als wir am örtlichen Eiscafé, an der Schule, am Freibad vorbei düsten. Mit „Butterfly“ in voller Lautstärke. Dass sie mich danach noch mal rangelassen hat, dürfte als eines der mysteriösesten Weltwunder der Menschheitsgeschichte gelten.

Natürlich macht es absolut keinen Sinn, dass ich japanische Musik höre. Ich bin kein Japaner und kann auch kein Japanisch. Egal, wie sehr ich es mir manchmal wünsche und viele Japanischkurse ich schon über mich ergehen lassen habe. Und glaubt mir: Es waren etliche.

Meine Lehrer sind schier an mir verzweifelt. Grüße gehen raus an Herrn Hasegawa, an Frau Takeda und an Herrn Sugimoto. An Frau Ikeda, an Frau Takahashi und an Frau Watanabe. An Herrn Fujiwara, an Herrn Noguchi und an Frau Yokoyama. An Frau Ota, an Frau Sato und an Herrn Suzuki. Und an Frau Maier-Dümpfelstetter.

Nach rund 20 Jahren und unzähligen Japanischstunden kann ich an guten Tagen bis sieben zählen, „Kokoro“ für Herz von „Kodomo“ für Kinder unterscheiden und ganz laut „Hajimemashite, watashi wa Maruseru desu!“ für „Hallo, mein Name ist Marcel!“ rufen. Das war’s. Wirklich.

Man müsste meinen, nach all den japanischen Animes, Comics, Serien, Filmen, Konzerten, Büchern, Dramen, Videospielen und gefühlt hunderttausenden Liedern müsste ich etwas mehr können. Aber nein. Selbst für meine große Liebe, der japanischen Popkultur, bin ich noch zu faul, allen Ernstes Japanisch zu lernen.

Vielleicht ist das aber auch gar nicht so verkehrt. Ich habe in meinem Leben genügend Japanstudenten getroffen, die ihr Hobby zur Berufung machen wollten, und mit jedem frisch erlernten Wort weniger Lust darauf hatten, auch noch irgendetwas Japanisches zu konsumieren.

Womöglich, weil man dann erst wirklich merkt, dass Japan eben auch nur ein stinknormales Land mit Problemen, Langeweile und einer, relativ, durchschnittlichen Unterhaltungsindustrie ist. Wie Deutschland. Oder Amerika. Oder Rumänien.

Es würden sich nicht jedes Jahr hunderte Japaner von strategisch überraschend gut platzierten Brücken, Hochhäusern und Bahnhöfen stürzen, wenn die Nation im fernen, fernen Osten so toll wäre, wie es in K-On! dargestellt wird. Und das, obwohl die Serie quasi eine rundum glaubwürdige Dokumentation über den schulischen Alltag junger Heranwachsender im Land der aufgehenden Sonne ist.

Doch davon bekomme ich, aufgrund meiner vollkommenen mentalen Blockade, auch nur noch irgendeine weitere Bedeutung eines japanisches Wortes in mein Gehirn aufzunehmen, nichts mit. Für mich klingt alles Japanische toll. Alles ist wundervoll. Alles hat etwas Magisches.

Wenn ihr bei Jacques aus irgendeinem Pariser Vorort feucht werdet, der euch in übelstem französischem Akzent nach dem Weg zum nächsten öffentlichen Klo fragt, dann hat bei mir Japanisch eben diesen Effekt. Was sagst du da, kleine Japanerin? Dein Hund hat Warzen am Sack? Kawaii!

Ich bin dieser typische, fette, dem ersten Herzinfarkt immer etwas zu nahe 08/15-Nerd, der Japan für das Mekka der evolutionären Kreativität hält und alles, wo auch nur ein japanisches Schriftzeichen drauf steht, obwohl er es nicht einmal von einem Chinesischen unterscheiden könnte, auf einer vollkommen unnatürlich hohen Ebene der Obsession zelebriert.

Schon bald werde ich mir Kuschelkissen mit kindhaft wirkenden, halbbekleideten Waifus, die in Wahrheit natürlich tausendjährige Vampirköniginnen sind, darauf kaufen. Nur noch mit Sake beträufelten Reis essen. Und meinen Namen offiziell in Marcel-san ändern.

Wenn musikalische Götter wie Hikaru Utada, Scandal oder Asian Kung-Fu Generation in die Tasten, Saiten und Mikrofone hauen und brüllen und schmettern und klimpern, dann höre ich keine ausgelutschten Texte über Liebe, Schmerz und Freiheit. Ich höre den Puls von Tokio. Die Vibration von Osaka. Die Stimme von Kyoto. Und manchmal auch den Furz von Düsseldorf.

Bei Liedern wie „First Love„, „Secret Base“ oder „Rewrite“ kann ich mir meine eigenen Geschichten im Kopf zusammen reimen. Mir meine persönlichen Abspänne vorstellen. Mir mein Leben am anderen Ende der Welt herum fantasieren.

J-Pop versprüht die gleiche Art von Magie, die man als Kind hatte, wenn man englischsprachige Songs im Radio hörte und noch nicht verstehen musste, was für ein Schwachsinn darin besungen wurde. „Can you blow my whistle baby, whistle baby?“ Äh, nein danke, lieber nicht?

Natürlich könnte ich mir die Übersetzungen eben dieser Lieder im Internet heraussuchen. Aber das wäre sehr dumm. Dann wüsste ich ja, dass meine kreativen Helden, die ich höre, seitdem auf irgendeiner Sailor-Moon-Soundtrack-CD ein japanisches Lied drauf war und meinen Geschmack für immer so, nennen wir es mal, alternativ gemacht hat, dass ich jetzt keine Freunde mehr habe, auch nur die gleiche, mit Poprock untermalte Hirnscheiße von sich geben, wie Helene Fischer, Revolverheld und die Toten Hosen. Nur eben auf Japanisch. Und dann kann ich mich ja auch gleich aufhängen.

Dennoch würde ich an dieser Stelle behaupten, dass J-Pop das beste Musikgenre ist, das die Menschheit jemals hervor gebracht hat. Jazz ist tot. Hip Hop ist murmelig. Selbst der ansonsten überall gefeierte K-Pop kann nur noch bunt und sonst nichts.

Japanische Popmusik hingegen ist melodiös, emotional und überzeugt durch eine unfassbare Kraft, die man ansonsten nur erlebt, wenn man einmal aus Versehen auf einer Animeconvention zwischen verschwitzten, mit zwei bis sieben Canon-Spiegelreflexkameras bewaffneten Weebs und einer als Rem aus Re:Zero verkleideten Sechszehnjährigen steht.

Denn wenn man nicht auf den Text achten muss, sondern nur auf die musikalische Darbietung im Ganzen, dann bemerkt man erst, welche Raffinesse, welches Können, welche klangvolle Perfektion viele japanische Künstler in ihre vollkommen authentische Arbeit stecken. Und ich kann das mit Fug und Recht behaupten, bemerken und bewerten. Schließlich habe ich 63 Jahre lang Musikgeschichte studiert. Auf der Monduniversität.

Womöglich hat J-Pop mich auch einfach kaputt gemacht. Weil die in ihren knapp vierminütigen Liedern gern acht verschiedene Musikgenres, drei Orchester und eine aus vollem Hals schreiende Sängerin vermischen, umrühren und den Epikschalter auf 11 hochdrehen. So dass man meinen könnte, das Universum explodiert gleich, während Gott stirbt und im Hintergrund der Chor der Keio Girls Senior High School weint.

J-Pop, das sind die Hymnen meiner kleinen, eigenen, verkorksten Welt. Der japanischen Musikindustrie ist es egal, ob ich die Lieder höre oder nicht. Die Stars verehre oder nicht. Die Musikvideos schaue oder nicht. Sie werden mir nicht durch Fernsehwerbung und Radioslots und Newsletter vermarktet. Ich existiere nicht für sie. Ich kann mir ihre Bedeutung selbst zusammen reimen. Weiß nichts von ihren Skandalen oder Problemen oder Gerüchten.

J-Pop, das ist eine riesige, persönliche Playlist. Nur für mich. Weil alle anderen sie scheiße finden. Deren emotionale Bandbreite für alle meine Lebenslagen etwas bereit hält. Zum Tanzen. Zum Lachen. Zum Weinen.

Egal, ob sie mich an traurige Animefolgen erinnern oder an die aufwühlende Hintergrundmusik in Videospielen oder an Liebeskummer oder an meine ersten Minuten am Flughafen Narita, als ich durch das „Welcome to Japan“-Banner in eine Welt voller kultureller, technologischer und menschlicher Wunder trat. J-Pop ist immer für mich da und stopft ein wenig das Fernwehloch, das ich in meinem kleinen, ständig genervten und gelangweilten Herzen habe.

Natürlich ist J-Pop nicht cool. Selbst Japaner finden J-Pop nicht cool. Als ich bei einem Picknick im Yoyogipark einmal erwähnt hatte, dass ich AKB48 mag, durfte ich den Rest meiner Japanreise allein verbringen.

Weil anscheinend im Staatsfernsehen ein zu jeder vollen Stunde wiederholter Bericht über mich lief, in dem sie die Bevölkerung vor mir warnten und sagten, dass man sich lieber von mir fern halten solle. Ein Gaijin, der auf AKB48 steht und das auch noch öffentlich zugibt? Wenn Sie diesen wandelnden Hentai sehen, lassen Sie alles fallen! Inklusive Ihrer Kinder und Haustiere. Und laufen Sie um Ihr nacktes Leben!

Coole Japaner mögen schwedische Indiebands, amerikanische Rapper und britische DJs. Aber auf keinen Fall einen Haufen zugekleisterter Yukis von nebenan, die schmierige Zuhältermanager zusammen in eine sogenannte Band geworfen haben und nun so lange zu poppiger Tanzmusik auf und ab und hin und her hüpfen lassen, bis irgendetwas in ihnen zerbricht.

Weil ihnen klar wird, dass nur übergewichtige Büroangestellte mittleren Alters sie feiern und gleichzeitig besteigen wollen. Und sie anschließend, nach ihrer oft vom Abrasieren der Haare und Heulen vor Fernsehkameras begleiteten Sinnkrise, durch jüngere Modelle ersetzt werden. Andererseits ist das wahrscheinlich in der gesamten Unterhaltungsindustrie so. Überall. Auf der ganzen Welt.

Und wenn man sich Interviews von japanischen Bands und Musikern anschaut, dann ist da kein Stolz zu sehen, auf das, was sie geschaffen haben. Keine Überheblichkeit. Nicht einmal ein Hauch von Selbstbewusstsein. Sondern eher das genaue Gegenteil.

Ein kollektives Entschuldigen dafür, dass man für so einen Lärm verantwortlich ist, der fälschlicherweise von Plattenfirmen auch noch als Musik tituliert und verkauft wird. Als müssten sie sich dafür schämen, dass sie ihrem Traum gefolgt sind. Anstatt die Zementfabriken ihrer Väter zu übernehmen, wie es sich für waschechte japanische Nachkömmlinge gehört. Schließlich haben sie Schande über Otosan gebracht. Schande!

Nicht einmal sie selbst scheinen J-Pop zu mögen. Aus welchem Grund auch immer. Aber vielleicht ist das auch einfach nur die japanische Zurückhaltung und Höflichkeit, die in jedem noch so vor Individualität mangelndem Reisebericht klischeehaft bewundert und gefeiert wird. Ganz scheu sind sie nämlich. Die Japaner. Alle Japaner. Da gibt es keinerlei Ausnahmen. Das weiß nun doch wirklich jedes Kind.

Womöglich bin ich aber auch einfach seltsam. Also, nicht im coolen Sinn. Oh Gott, auf keinen Fall im coolen Sinn. Sondern eher im „Sollen wir ihn gleich einweisen oder noch zwei Wochen warten?“-Sinn. Wenn ich auch nur einen Takt eines x-beliebigen Mark-Forster-Gedenkthemas im Radio höre, möchte ich auf der Stelle zum Massenmörder mutieren.

Aber setzt mich mit voller Lautstärke vor ein zehnstündiges „Die besten Anime-Titellieder von 1980 bis heute“-YouTube-Video und ich werde gleichzeitig verhungern und verdursten. Weil ich einfach nicht ausschalten kann. „A Cruel Angel’s Thesis“ ist halt einfach auch ein Banger.

Mir ist vollkommen bewusst, dass ich mit dieser Offenbarung jegliche Chance auf zukünftigen Geschlechtsverkehr für immer vertan habe. Aber ich kann einfach nicht mehr so tun, als würde ich Leute wie Billie Eilish, Lizzo oder Lil Nas X gut finden. Es geht einfach nicht. Ihre Lieder. Ihre Geschichten. Ihre Gedanken. Sie bedeuten mir einfach nichts. Rein. Gar. Nichts.

Stattdessen sitze ich hier, schließe genüsslich meine Augen und höre Perfume und Kyary Pamyu Pamyu und Babymetal. Wie sie über „Sekai“, „Dokidoki“ und „Hanabi“ singen. Und ich bin glücklich. Obwohl, oder vielleicht sogar weil, ich kein einziges Wort verstehe.

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Die Fotografie stammt von Kitty
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