Die Schwestern im Gespräch - Haim, wie gefällt euch Berlin?

Drei Schwestern aus Los Angeles, die Rock ‘n’ Roll spielen. Auf den ersten Blick ist das nicht wirklich etwas Besonderes. Warum glauben also alle, dass die Geschwister Haim so großartig…
Die Schwestern im Gespräch - Haim, wie gefällt euch Berlin?

Die Schwestern im Gespräch

Haim, wie gefällt
euch Berlin?

Drei Schwestern aus Los Angeles, die Rock ‘n’ Roll spielen. Auf den ersten Blick ist das nicht wirklich etwas Besonderes. Warum glauben also alle, dass die Geschwister Haim so großartig sind, so fabelhaft, dass sie als beliebteste Girlgroup des Augenblicks gelten? Mich eingeschlossen? Als ich im Fahrstuhl des Berliner Amano Hotels stehe, um die Künstlerinnen auf der Dachterrasse zu treffen, nervt mich diese Frage. Und zwar richtig.

Haim hatte ich vor einigen Jahren auf Vimeo entdeckt. Sie spielten ihren Song “Slow”. Eine akustische Show war es, mit Bongos und einem kleinen Keyboard. Plötzlich: Ein bescheuerter, aber dennoch aberwitziger Peniswitz. Mich beeindruckten also nicht nur die perfekt ausbalancierten Klänge, sondern auch die gleichgültige und doch natürliche Attitüde, die meiner Meinung nach wirkliche Größe definiert.

Seitdem geht es mit Haim steil bergauf. Kein angesehenes Festival ist vor ihnen sicher. Egal ob Glastonbury, SXSW, Bonnaroo oder Lollapalooza. Doch die Mädchen haben einen langen Weg hinter sich, seit dem Tag, als ihr israelischer Vater Mordechai sie für die Musik begeisterte. Und das geschah bereits im sehr jungen Alter. Daraufhin folgten eine Liveshow nach der anderen, über Jahre hinweg. Ich sprach mit Haim über ihre Auszeichnung für den besten Twitter-Account, wie sie Emopoesie schrieben, Songs über Haare, und warum es wichtig ist, dass man sich selbst nicht allzu wichtig nimmt.

Este, in Berlin hat dir jemand Unterwäsche auf die Bühne geworfen. Wie fühlt sich das an?

Este: Naja, also ich meinte es schon ernst, als ich sagte, dass ich unbedingt frische Wäsche brauche. Es war also echt nett, dass dort ein zusätzliches Stück herum lag. Frisch und sauber. Das Mädchen, das es geworfen hatte, war schon auf mehreren unserer Konzerte. Sie wusste also, dass ich sie bitter nötig hatte. Heute zählt sie zu unseren Freunden, das ist das Tolle daran, wenn man viel herum reist. Man trifft viele verschiedene Menschen und freundet sich mit ihnen an. Sie wohnt irgendwo in der Nähe von München und ist extra für die Show nach Berlin gereist. Eigentlich kommt sie aus Kalifornien.

Wie hat sich eure letzte Show in Berlin von der ersten unterschieden? Ihr wart ja schon mal hier.

Este: Letztes Mal haben wir nicht wirklich etwas von der Stadt gesehen. Dieses Mal war es anders. Wir hatten genügend Zeit, um morgens ein wenig herumzulaufen und haben versucht, einen tieferen Einblick zu bekommen. Wir lieben es zu essen, also haben wir gefuttert und ein paar Cafés besucht. Es gibt viele tolle Läden in Kreuzberg, besonders um das Lido herum, in dem wir auftraten.

Ich habe mir vorhin noch mal euer Video zu “The Wire” angesehen und fand es großartig, dass Jorma Taccone von The Lonely Island einen Gastauftritt hatte. Mögt ihr die Jungs so sehr wie ich?

Haim: Ja, wir lieben sie!

Was ist euer Lieblingssong von ihnen?

Alana: Ich steh’ auf “I’m on a Boat”. Und “Jizz in my Pants” ist auch großartig.

Danielle: Ich liebe “Shy Ronny”.

Este: Und ich mag “Boom Box”.

Würdet ihr gerne enger mit ihnen zusammenarbeiten?

Alana: Ich würde mir wünschen, dass wir irgendwann einmal ihre Vorband sind. Sie haben ja noch nie live gespielt und wir sagten zu Jorma, dass sie auf jeden Fall damit anfangen sollten, live zu spielen. Sie wären die Headliner jedes Festivals. Warum sie das nicht machen? Weil sie zu beschäftigt sind. Wir lieben Jorma. Wirklich. Wir lieben ihn.

Was war die Idee hinter seinem Auftritt im Video?

Alana: Viele Künstler nehmen sich heutzutage in Musikvideos viel zu ernst. Ich bin ein großer Fan von Musikvideos, aber ich hasse es, mich nach einem Dreh selbst zu sehen. Ich kann einfach nicht ernst bleiben, ich bin einfach kein ernster Mensch. Jeder, der mich kennenlernt, kann nicht aufhören, mich anzugrinsen, ich kann einfach nicht ernst bleiben. Viele verlangen von uns, dass wir einen auf Arzi-Farzi machen, aber es ist einfach wichtig für uns, dass wir humorvolle Videos machen. Ein ernstes Video, das geht gar nicht! “The Wire” ist ein unbeschwertes Lied. Also überlegten wir uns, was wohl urkomisch wäre. Und die erste Person, an die wir dachten, war Jorma. Wie wir mit ihm Schluss machten.

Este: Naja, wer würde bitte jemals mit Jorma Schluss machen…?

Alana: Auf jeden Fall, jeder würde sagen: Warum heiratet ihr nicht einfach? Er ist der süßeste Typ, den man sich vorstellen kann, und wir sind jetzt auch mit seinem Bruder befreundet. Er spielt in einer tollen Band namens Electric Guest. So haben wir auch Jorma getroffen, weil wir bei derselben Plattenfirma wie sein Bruder sind.

Ist das Video an euer echtes Leben angelehnt? Wie ihr gleichzeitig mit euren Freunden Schluss gemacht habt?

Danielle: Ganz so lebensnah war es jetzt nicht, eher ein Mischmasch.

Alana: Wir sind keine schlechten Menschen und wir wollen niemals die Gefühle von jemand anderem verletzen. Es geht einfach darum, was jedes Mädchen irgendwann in ihrem Leben einmal durchmacht. Es ist vollkommen egal, wer du bist.

Alana, du twitterst ‘ne Menge. Liebst du es, direkt mit euren Fans zu kommunizieren?

Alana: Auf jeden Fall! Ich denke, dass Twitter der perfekte Weg ist, um mit ihnen in Kontakt zu bleiben. Ich nutze meinen Account, um Fotos von kleinen Hündchen, die ich süß finde, zu teilen. Und Bilder von Fingernägeln, die ich selbst bemale. Einfach nur witziges Zeug, das man nicht allzu ernst nehmen sollte. Eigentlich bin ich ein bisschen dämlich. Ich habe sogar einen Preis für meine Hündchenfotos gewonnen. Einen NME Award für “Best Twitter”. Ich habe sogar Muse und M.I.A. geschlagen. Mann, war ich stolz! Immer, wenn ich etwas auf Twitter teile, denke ich, dass es witzig und wahllos ist. Und ich bin froh darüber, dass es Menschen gibt, die das wertschätzen.

Ihr scheint euch mit dem Internet auszukennen. Was haltet ihr von der ganzen NSA-Diskussion und Onlineüberwachung im Allgemeinen? Interessiert euch das Thema?

Este: Dass die von der NSA die Möglichkeit haben, alles mitzulesen? Ich finde schon, dass es ein Eingriff in die Privatsphäre ist, aber eigentlich ist uns das ziemlich egal.

Okay… Keine Ahnung, warum mich das jetzt an das erste Video erinnert, das ich von euch sah, weiß ich auch nicht so genau. Irgendwas mit Witzen über einen irischen Penis…

Este: Jungs finden das nicht unbedingt witzig. Weil sie denken könnten, dass man selbst einen Penis hat. Ich glaube, es geht gar nicht so sehr um die Anmachsprüche an sich, sondern eher um die Art und Weise, wie sie vorgetragen werden. Ein Typ, mit dem ich mich öfter traf, brachte den miesesten Anmachspruch aller Zeiten. Aber er hat es auf eine wirklich witzige Art und Weise gemacht. Wie er es sagte. Und sein Charme.

Danielle: War das der mit dem Eisbär?

Este: Ja, genau! „Ich muss das Eis brechen und dir ein Getränk kaufen.“ Ein Nerd. Aber ich mochte ihn. Heute ist es mein Lieblingsspruch…

Nicht schlecht. Eine Frage über Musik: Ihr habt einen Song von Sheryl Crow gecovert. Würdet ihr gerne weitere Künstler, die euch inspirieren, covern? Und wenn ja, wer ist der nächste?

Alana: Wir lieben es, Songs zu covern. Dieses Lied ist so ein großartiges Kunstwerk. Ein wahrer Popsong! Wir haben ihn auf unserer Tour rauf und runter gehört, weil wir uns in einer Sheryl-Crow-Phase wieder fanden, kurz bevor wir losfuhren. Der Song fordert dich gerade zu dazu auf, die Wiederholungstaste zu drücken. Wir haben in einer Band mit unseren Eltern gespielt und alles, was wir gespielt haben, waren Cover. 15 Jahre lang. Das liegt uns also im Blut. Es macht Spaß, die Lieder von anderen nachzuspielen. Wir haben so viele Idole und Sheryl Crow ist eines von ihnen. Eine starke Frau, die unglaublich großartige Songs schreibt.

Wer inspiriert euch im Moment?

Este: Kendrick Lamar.

Danielle: Ich mag dieses eine Mädchen. Twigs. Sie ist wirklich gut.

Este: Grimes ist großartig.


Alana: Und wir hatten das Glück, mit ihr gemeinsam auf drei Festivals in Skandinavien zu spielen. Wir schrieben ab und zu über Twitter miteinander. Sie twitterte uns an und wir flippten vollkommen aus, weil wir sie so toll finden. Grimes ist der tollste Mensch überhaupt und wir durften mit ihr abhängen. Sie hat eine starke Stimme und produziert nur wahnsinnig gutes Zeug. Ich blicke zu ihr auf und finde, dass sie bewundernswert ist.

Ich liebe sie, vor ein paar Jahren hat sie im Berghain gespielt.

Este: Da wollten wir auch hin! Wie war’s?

Großartig! Sie hatte zehn nackte Backgroundtänzer dabei und die Energie war wahnsinnig…

Este: Sie ist so cool!

Wie war Skandinavien? Hattet ihr Spaß dort? Und welches Festival gefällt euch am besten: OYA, FLOW oder Way Out West?

Haim: Auf jeden Fall Way Out West! Es ist wunderschön dort!

Alana: Ich liebe das Way Out West, weil es ein vegetarisches Festival ist. Wenn man auf Tour ist, will man sich eigentlich nur gesund ernähren. Normalerweise geht man auf Festivals und alles, was es dort gibt, ist Fleisch. Und Burger. Und Pommes. Der Körper bettelt geradezu nach Gemüse. Auf dem Way Out West haben wir leckere, frische Salate und eine vegane Lasagne gegessen. Jeder dort ist unglaublich nett. Das Publikum war der Wahnsinn! Wir waren nur noch am Staunen, weil wir vorher noch nie in Skandinavien waren. Also gingen wir davon aus, dass vielleicht eine Handvoll Leute zu unserem Konzert kommen würde. Aber jeder war so gut drauf und aufgeregt und hat getanzt. Es ist ein unglaublich gutes Festival und wir hoffen wirklich, dass sie uns im nächsten Jahr wieder einladen werden.

Ernährt ihr euch alle vegetarisch?

Alana: Ne, ich mag’s einfach nur gesund. Wenn ich zu Hause bin, ernähre ich mich wirklich gesund, deswegen ist es auf Tour so hart für mich, wenn der einzige Laden, der noch geöffnet hat, McDonald’s heißt. Deinem Magen geht’s danach einfach nur scheiße – und das die ganze Nacht lang. Ekelhaft.

Welches amerikanische Festival könnt ihr mir empfehlen?

Este: Wahrscheinlich das Lollapalooza. Es ist großartig, wir haben erst letztens dort gespielt. Und natürlich das Coachella, das gleich neben unserer Heimatstadt stattfindet.

Danielle: Ja, man kann dort zwar campen, aber das ist uns egal. Es ist in der Wüste, dort ist es wunderschön! Und den Leuten geht es viel um die Partys, die dort parallel zum Festival stattfinden. Das Line-up ist normalerweise richtig gut.

Alana: Wir stammen auf Kalifornien. Wenn also das Coachella in Los Angeles ansteht, dann ist es dort für uns wie ein Urlaub mit guten Freunden. Alle unsere Freunde kommen dort hin. Es ist wie Spring Break für Erwachsene. Als würde L.A. in die Wüste ziehen.

Danielle: Das Lollapalooza ist das genaue Gegenteil. Es liegt direkt in Chicago. Es ist wirklich toll, mitten in der Stadt zu sein. Und sie haben jedes Jahr das beste Line-up! Jeder Künstler möchte ein Teil davon sein, weil es einfach so ein unglaublich gutes Festival ist. Alle Bühnen sind wunderschön und es ist perfekt durchorganisiert. Wer dorthin geht, hat dort sicherlich die schönsten Tage seines Lebens. Und es gibt ein brandneues Festival, das Made in America heißt. Da solltest du auch mal hingehen!

Danke, das klingt großartig! Ich habe Freunde, die mich immer davon überzeugen wollen, zum SXSW zu gehen…

Este: Naja, das ist ja gar kein richtiges Festival. Jeder Laden hat dort seine eigene Bühne. Es ist irgendwie ätzend dort. Große Bühnen gibt es nicht. Eigentlich geht jeder nur in die Stadt und betrinkt sich dort. Aber wir lieben Austin, es gibt dort immer tolle Barbecues. Es ist eine tolle Stadt!

Ich habe mich im Vorfeld ein wenig über euch informiert und etwas über die Valli Girls gefunden… Was ist mit den anderen Mitgliedern passiert?

Este: Keine Ahnung! Mit der Schlagzeugerin bin ich zur Uni gegangen, also sind wir uns ständig irgendwo begegnet.

Danielle: Wir haben das ungefähr ein Jahr lang gemacht und uns dann ganz auf Haim konzentriert. Aber es hat Spaß gemacht. Die Mädchen waren lustig! Aber wir wollten uns auf unsere eigene Musik konzentrieren. Wir haben angefangen, gemeinsam Songs zu schreiben und „it felt right“. Um uns mal selbst zu zitieren.

Ihr habt euch also schön früh dafür entschieden, euer eigenes Ding durchzuziehen.

Danielle: Ja! Wir haben über die Jahre hinweg in mehreren Bands gespielt. Aber richtig hat es sich erst angefühlt, als wir anfingen, unsere eigenen Songs zu schreiben. Und zwar gemeinsam. Es war eher ein Experiment. Am Anfang habe ich nur Emopoesie geschrieben. Und wir werkelten zusammen an einem Song, das hat vielleicht gerade einmal eine Stunde gedauert. Es war ein Song, kein wirklich guter, aber es war ein Song. Und es war so ein großer Spaß, also haben wir weiter gemacht. Und all unsere Freunde unterstützten uns dabei! Wir haben tolle Freunde.

Wie lange spielst du denn schon Schlagzeug? Bei eurem Auftritt war es wirklich beeindruckend.

Danielle: Dankeschön! Unser Vater ist ja Schlagzeuger. Er hat uns schon früh vor’s Schlagzeug gesetzt und nacheinander die Grundlagen beigebracht. Das Fundament jedes Instruments ist das Trommeln. Manche denken, dass es das Piano ist, aber ich denke, es ist Trommeln. Das war das Fundament für unsere Musik.

Ihr macht eurem Schlagzeuger also das Leben schwer?

Danielle: Er ist ein witziger Typ und es macht Spaß, mit ihm zusammen zu spielen. Aber ja, wahrscheinlich machen wir ihm das Leben schwer. Vielleicht ist es einschüchternd, dass wir alle so frustrierte Schlagzeuger sind. Wenn wir könnten, wäre unsere Band nur ein Chor aus Schlagzeugen. Vielleicht sollten wir eine Marschkapelle gründen. Wir lieben es zu trommeln.

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Die Fotografie stammt von Polydor Records
Der Text erschien in der Kategorie Musik mit den Themen Glastonbury, Grimes, Haim, Interviews, Kalifornien, Kendrick Lamar, Lollapalooza, Los Angeles, Mädchen, Pop, Rock, SXSW, Twigs und USA
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