Stilvolle Sklavenarbeit - Die Modebranche ist ein trauriger Ort

Ich bin nach New York gegangen, um hier mein sechsmonatiges Praktikum im Ready-to-Wear-Design Department von Alexander Wang, mein Pflichtpraktikum für die Uni, zu absolvieren. Nachdem bereits fünf Monate wie im…
Stilvolle Sklavenarbeit - Die Modebranche ist ein trauriger Ort

Stilvolle Sklavenarbeit

Die Modebranche ist
ein trauriger Ort

Ich bin nach New York gegangen, um hier mein sechsmonatiges Praktikum im Ready-to-Wear-Design Department von Alexander Wang, mein Pflichtpraktikum für die Uni, zu absolvieren. Nachdem bereits fünf Monate wie im Flug vergingen und es fast schon wieder Zeit für mich ist, zurück nach Deutschland zu gehen, möchte ich euch einiges über mein Praktikum dort erzählen.

Am Anfang meiner Reise, nachdem ich den ganzen Bewerbungsstress auf mich genommen habe, um ein gutes Praktikum zu erhalten, das ganze Geld ausgegeben habe, für Visa, Wohnung in Manhattan und so weiter, war ich voller Motivation, voller Energie und voller Leidenschaft, den Job so gut wie möglich anzupacken und zu erledigen.

Leute, die mich kennen, wie ich arbeite und wie ich denke, wissen, dass ich ein sehr ehrgeiziger Mensch bin, auch wenn ich – wie sicherlich viele auch – gerne ab und zu faul bin. Ich arbeite gerne, mir macht es auch nichts aus, lange in der Uni zu bleiben, hart zu arbeiten, mal die eine oder andere Party zu verpassen und das Wichtigste von allem aber ist: Ich habe trotzdem Spaß daran.

Bevor ich nun richtig anfange meine Eindrücke euch zu schildern, möchte ich darauf hinweisen das ich nicht ganz unverblümt und ehrlich darüber schreiben kann. Ich habe, wie jeder Praktikant in einer Firma, einen Vertrag unterschrieben, dass bestimmte Dinge nicht die Wände der Firma verlassen dürfen.

Über meine erste Arbeitswoche philosophierte ich damals: „Ich hoffe jedenfalls, dass es sich steigert, sowohl die Wärme meiner Kollegen als auch die Anforderungen an mich und meine Arbeit als Praktikant in der großen Firma.” Tja, und, hat es sich gebessert, fragt ihr euch sicherlich? Nein. Diese fünf Monate bei Alexander Wang im RTW, also Ready-to-Wear, Design Department – nur fünf anstatt sechs Monate, denn ich habe das Praktikum früher beendet und ich schäme mich nicht dafür – waren einer der für mich jedenfalls nicht allzu prickelnden Erlebnisse überhaupt.

Den Chef selbst hat man zwar immer gesehen, vorgestellt wurde man aber nie – wahrscheinlich denkt er sich einfach nichts dabei, neue Gesichter zu sehen. Und ob er wirklich so sympathisch und nett ist, wie in seinen öffentlichen PR-Auftritten, das weiß ich nicht, kann ich auch nicht sagen, da ich nie mit ihm geredet habe. Aber warum sollten auch alle berühmten Personen, gleich nette Menschen sein?

Die Atmosphäre wurde etwas aufgelockert, als auch die anderen Praktikanten sich besser miteinander verstanden, aber nach ungefähr drei Monaten verließen uns dann auch wieder diese Praktikanten, kurze Freundschaften lösten sich in Luft auf und neue mussten her – somit fehlten einem die zwischenmenschlichen Bindungen, durch die man mal nach der Arbeit einen trinken gehen kann oder einfach nur während der Mittagspause sein Essen teilt. Ich bin offen und freundlich. Ich möchte auch neue Leute kennenlernen. Aber wenn man mit der Zeit merkt, dass andere nicht so viel Wert auf Freundschaften legen, dann zwinge ich auch niemanden dazu.

Und wie es wahrscheinlich überall der Fall ist, belegt man als Praktikant das Ende der Nahrungskette. Da ist es auch nicht unüblich, dass man gerne mal in solch einem oberflächlichen Feld von oben nach unten gescannt wird oder erst gar keines Blickes gewürdigt wird. Es gibt natürlich Ausnahmen und auch Leute, die beim Vorbeigehen zurück lächeln, wenn man selbst lächelt, oder grüßt, aber ich hatte trotzdem ein sehr unangenehmes Gefühl dabei.

Es gab sogar eine Situation, in der ich von mehreren Mitarbeiterinnen – unabhängig voneinander – grundlos angeschrien, angezickt und angemault worden bin, weil ich anscheinend zur falschen Zeit am falschen Ort war. „Du hast dir aber ausgesucht, in der Modeindustrie zu arbeiten, so sind nun mal alle hier”, sagte mal jemand zu mir. Obwohl ich das falsch finde. Egal, in welcher Industrie man arbeitet, man kann trotzdem respektvoll und nett zueinander sein. Naiv? Nein, finde ich nicht, denn in einer Welt, in der es schon so viele Arschlöcher gibt, muss man selbst keins sein.

Abgesehen von diesen Menschen, gab es dann wiederum Leute, die einfach nur herzallerliebst waren. Diese waren meistens nicht im obersten Stockwerk, sondern in den unteren. Näherinnen zum Beispiel. Schnittmacher. IT-Leute. Von ihnen habe ich immer Süßigkeiten oder Kuchen bekommen, sie haben mit mir geredet, waren interessiert, woher denn alle Praktikanten kommen und man bekam auch herzliche Umarmungen, als man die Firma verlassen hat.

Nun, als Praktikant in der RTW Design Abteilung, hat man – wie viele denken – wohl viel Verantwortung, denn es ist ja die Abteilung, die die Kleidung auf den Laufsteg bringt, die, über die jeder auf der Fashion Week spricht. Nun, leider war es eher weniger Verantwortung, mehr Kopieren und Dinge abholen. Und es änderte sich nicht, jeden Tag, fünf Tage die Woche, mindestens 40 Stunden von Montag bis Samstag. Eine kurze Mittagspause und immer das Gleiche.

Ich fühlte mich unterfordert und es machte mir einfach keinen Spaß. Ich habe sogar eine Zeit gehabt, an der ich daran gezweifelt habe, ob ich überhaupt in dieser Branche arbeiten möchte. Versteht mich nicht falsch, ich liebe Mode oder besser gesagt, ich liebe es, Mode zu kreieren, weniger zu tragen. Mehr, meine Gedanken, Ideen und Inspirationen in etwas einflößen zu lassen, was greifbar und für andere Menschen genauso wunderschön zu sein scheint, wie für mich.

Doch ich musste erkennen, dass die Modebranche nicht so schön aussieht, wie sie nach außen hin erscheint. Es geht heutzutage nicht mehr um Kreativität, sondern hauptsächlich ums Geld, ums Verkaufen, egal wie, und egal wer hier den Kürzeren zieht, Hauptsache alles muss fertig sein – das wusste ich, aber dass es wirklich so abläuft, das hätte ich nicht gedacht.

Es widert mich an, wie die Industrie läuft, wie die Leute sich verhalten, wie falsch manche sind und wie tief viele anderen in den Arsch steigen müssen, weil sie denken, dass es einen weiter bringt. Und es stimmt ja auch: Wenn man sich schön einschleimt und richtig tief im Arsch des Bosses suhlt, dann erhöhen sich automatisch die Chancen, eine Sprosse auf der Karriereleiter nach oben zu steigen.

Was andere Menschen machen, das ist mir egal. Ich war schon immer eine Person, die auf ehrliche Art und Weise vorankommen möchte, ja, ich verachte Leute zutiefst, die auf dubiosen Wegen nach oben kommen – aber das muss jeder für sich selbst entscheiden. In diesem Business muss man sich als Normalsterblicher mit Menschen messen, die viel Geld besitzen, in schicken Apartments wohnen und den Chefs jeden Morgen Kaffee von Starbucks bringen und teure französische Schokolade als Präsent hinterlegen. Und das investierte Schleimen wird belohnt: Oft erhalten gerade diese Leute ein teures Geschenk zum Abschied. Raffiniert.

Weitere Ungerechtigkeiten zeigten sich auch im Laufe der Monate, in denen ich dort gearbeitet habe, Praktikanten kamen und gingen und ich blieb, leider. Letztendlich war ich die einzige Praktikantin, die dort immer noch kostenlos “arbeiten” durfte. Und dennoch habe ich immer noch diese, im wahrsten Sinne des Wortes, Drecksarbeiten bekommen, die mich weder in meiner Kreativität noch in meiner Arbeit als Designer weitergebracht haben. Ich würde eher sagen, dass ich in den fünf Monaten meinen Bachelor im Kopieren, den Master in Google Maps und einen Doktor in Reisverschlüsse und Taschen nähen gemacht habe.

Ich würde mich auf keinesfalls beschweren, wenn ich sehen würde, dass ich nicht die Einzige der Praktikanten in meiner Abteilung wäre, die solche Aufgaben bekommen würde. Ich würde mich auch nicht beschweren, wenn man mir vielleicht auch mal wichtigere Arbeiten zugetraut hätte, wie Designs zu drapieren und zu nähen, anstatt mich herauszuziehen und mir die Aufgabe gegeben hätte, irgendwelche Mittagessen zu kaufen.

Nein, ich möchte mich nicht so behandeln lassen. Ja, ich bin Praktikantin, noch Studentin, und ich besitze nicht so viel Erfahrung, aber das bedeutet nicht, dass man mich nicht bezahlen muss, dass man mich in die Stadt schickt, um ein Schinkensandwich und ‘ne Limonade zu kaufen, dass man mich mit einem abwertenden Blick von der Seite anschauen muss und mich ohne Abendessen nach Hause schickt. Nein, das ist Ausbeutung.

Und ich kenne noch andere Geschichten, von anderen großen Labels und Designern. Dagegen ist das, was ich erlebt habe, nichts. Bei anderen, nicht nur amerikanischen Designern und Labels, sondern aber auch bei europäischen, ist sexuelle Belästigung, egal welches Geschlecht, groß, Mobbing und Erpressung an der Tagesordnung, Abführmittel wurden Getränken beigemischt und Praktikanten, die drei Monate lang jeden Tag Tische putzen oder den Hund des Designers ausführen mussten, stehen immer und überall bereit.

Es gibt eine Designerin, die Haute Couture Mode entwirft und die komplette Kollektion wird von Praktikanten hergestellt. Ja, die komplette Kollektion, alles was ihr auf dem Laufsteg seht. Aber glaubt ihr, diesen Praktikanten werden die Reisekosten übernommen, damit sie ihre eigene Arbeit auf den Modeschauen begutachten können? Natürlich nicht. Sie werden nicht nur künstlerisch ausgebeutet, sie müssen auch noch dafür bezahlen, um ihr Praktikum überhaupt zu überleben. Und am Ende der Show bekommen sie nicht einmal ein Danke.

Niemand von ihnen fragt nach einem Gehalt. Weil sie Angst haben, allein deswegen, gefeuert zu werden. Menschen spielen mit der Furcht und ihrer Autorität, sie nutzen andere aus und lachen auch noch darüber, weil sowieso alle drei Monate neue “Opfer” kommen. Und ich hätte in solch einer Situation sicherlich schon früher meinen Mund aufgemacht und etwas gesagt, vor allem wenn es um sexuelle Belästigung geht.

Nun, anscheinend war ich die Einzige von allen Praktikanten, die es dort so schrecklich fanden. Die anderen hatten nicht den Mumm ihren Mund zu öffnen, andere wiederum fanden es sogar okay, dass man sie wie Scheiße behandelte. “Mach das doch einfach”, sagten sie nur immer wieder.

Ihr müsst wissen, ich habe einen sehr ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, und wenn etwas nicht richtig ist, dann stehe ich dazu, dann wehre ich mich auch dagegen so etwas zu tun, egal ob Alexander Wang vor mir steht oder der Präsident der Vereinigten Staaten. Wieso also soll ich mich einfach so behandeln lassen? Ganz einfach: Weil es eine gute Referenz ist, die man dann in der Bewerbung stehen hat.

Eine lausige Begründung, die ich schon sehr oft gehört habe – aber leider stimmt sie. Es sieht wirklich sehr gut aus, wenn man das schwarz auf weiß stehen hat, ja die erste Reaktion bei solch einem Namen ist auch immer: “Wow, das ist einfach super, sicherlich eine tolle Erfahrung!” – und ja, es war eine Erfahrung für sich.

Denn in den fünf Monaten habe ich gelernt, was ich nun wirklich will, wer ich bin und vor allem das Wichtigste: wie ich nicht sein möchte und was ich nicht haben möchte. Für das Geld, das ich monatlich für das Überleben in New York ausgeben habe, um diese Erfahrungen zu sammeln, hätte ich mir woanders ein weitaus schöneres Leben machen können.

Und ich werde weiterhin ehrlich sein und auch mal Nein sagen, so wie ich es davor gemacht habe, ich werde auch jedem meine ehrlichen Erfahrungen erzählen, wenn man mich danach fragt, in der Hoffnung, dass es auch andere gibt, die nicht einfach scheinheilig und dumm durch die Modeindustrie – oder egal auch welche Industrie – als Praktikant laufen, sondern auch selbst ihre Stimme erheben, wenn etwas nicht richtig ist.

Denn dann fühlen wir uns auch besser, denn dann stehen wir auch zu uns, denn dann tun wir das Richtige. Ich weiß, dass die Angst, solch eine Chance zu vermasseln, groß ist, aber ich kehre solch einer “Chance” lieber den Rücken, als etwas zu tun, was mir nicht gefällt. Was mich unglücklich macht und etwas was ich einfach nicht bin. Denn letztendlich möchte ich nicht wie ein toter Fisch in einem faul riechenden Fluss schwimmen. „Der Teufel trägt Prada“ ist ein Kindergarten dagegen. Mach’s gut, New York.

Bücher über Mode auf Amazon kaufen

Bei jedem vermittelten Kauf über Amazon erhalten wir einen kleinen Anteil
Die Fotografie stammt von Flaunter
Der Text erschien in der Kategorie Mode mit den Themen Alexander Wang, Arbeit, Frauen, Karriere, Mädchen, New York, Praktika, Studium und USA
Wenn dieser Artikel euch gefällt, könnt ihr ihn auf Facebook, Twitter, WhatsApp, Pinterest und Tumblr oder per Email teilen
Ihr habt etwas zu sagen? Schickt uns einen Leserbrief!
Weitere Artikel lesen
AMY&PINK

AMY&PINK ist euer digitales Popkulturmagazin und gibt euch alles, was ihr über Mode, Kunst, Musik, Filme, Spiele, Essen, Reisen, Liebe, Sex und das Leben im Allgemeinen wissen müsst. Jeden Tag aufs Neue.

Sendet uns eure CDs, Filme, Serien, Bücher, Magazine, Comics, Getränke, Videospiele, Schuhe, Kleidungsstücke, technischen Spielereien und weitere schöne Dinge und vielleicht stellen wir sie auf AMY&PINK vor.

Wenn ihr auf AMY&PINK werben oder veröffentlicht werden wollt, eine rechtliche oder inhaltliche Anfrage habt oder weitere generelle Informationen benötigt, dann schickt uns eine Email!

Kategorien
Leben  Mode  Kunst  Musik  Filme  Spiele  Essen  Reisen  Liebe  Sex

Themen
Mädchen  Frauen  Jungs  Männer  Fotografie  Beziehungen  One-Night-Stands  Internet  Japan  Berlin  Asien  Tokio  Deutschland  Gedanken  Gesundheit  Studium  Emotionen  Jugend  Pornografie  Anime  Liebeskummer  Manga  Karriere  Partys  USA  Drogen  Masturbation  Geld  Instagram  Onanie  Blogs  Feminismus  Alkohol  Facebook  YouTube  Twitter  Freundschaft  Cartoons  Kinder  Comics  Selbstbefriedigung  Depressionen  Pop  Ängste  Interviews  Penisse  Krankheiten  Tinder  Kreuzberg  Bücher  Geschichten  Fantasy  Finanzen  Gefühle  Hip Hop  Beziehung  Los Angeles  Vibratoren  Arbeit  Muschis  Sexismus  Werbung  Shibuya  Harajuku  Serien  Zukunft  Fetische  WhatsApp  Politik  Prostitution  Friedrichshain  Kyoto  Schule  New York  Hass  Vaginen  Europa  Nintendo  Wohngemeinschaften  Brüste  Gewalt  Dildos  Schwänze  Kindheit  Akihabara  Teenager  Reddit  Australien  Familie  Shimokitazawa  Handys  Zeichentrickserien  Netflix  Analsex  Psychologie  Orgasmen  Dating  PlayStation  London  Berghain  

Kanäle
Facebook  Twitter  Instagram  Tumblr  Pinterest  Feedly

© 2020  •  Alle Rechte vorbehalten

Wir übernehmen keine Verantwortung oder Haftung für unverlangte Einsendungen.

Mit dem Erhalt von Fotografien, Texten und ähnlichen analogen wie digitalen Materialien erklärt sich der Einsender dazu bereit, dass er die vollen Rechte daran besitzt und diese kostenfrei, lizenzfrei und für unbestimmte Zeit auf AMY&PINK veröffentlicht werden dürfen.

Diese Webseite wird durch Werbung, Produktplatzierungen und Affiliate-Links unterstützt.

Bei jedem vermittelten Kauf über Amazon erhalten wir einen kleinen Anteil

Weitere Informationen findet ihr in unserem Impressum und in unserer Datenschutzerklärung.