Okayer als hässlich - Die ästhetische Schönheitselite

Meine Brüste sehen schon lange nicht mehr so perfekt aus wie einst. Darauf war ich damals stolz. Meine Brüste. Und natürlich der flache Bauch, um den mich meine dickeren Freundinnen…
Okayer als hässlich - Die ästhetische Schönheitselite

Okayer als hässlich

Die ästhetische
Schönheitselite

Meine Brüste sehen schon lange nicht mehr so perfekt aus wie einst. Darauf war ich damals stolz. Meine Brüste. Und natürlich der flache Bauch, um den mich meine dickeren Freundinnen beneideten. Heute bin ich diejenige, die flache Bäuche beobachtet und sich denkt: „Wie kann man nur so aussehen? So viel Flachheit! Es gehört verboten!“

Meine Oberschenkel waren immer ein bisschen stärker befleischt als die der besten Freundin, jeder hat seine Problemzonen. O-Beine, okay, aber nur leicht. Die Haare sitzen nie, noch nie hatte ich eine Frisur, mit der ich zufrieden war, und bisher sitzen alle meine Frisöre auf einer ganz bestimmten Liste des Todes. Und dann bin ich dank meiner bereichernden, multikulturellen Genen, die vom Moschusochsen stammen, auch noch so behaart wie mein Bruder. Schlimme Sache, das.

Ich bin nicht hässlich, und ich träume auch schon lange nicht mehr davon, eines Tages dank eines furchtbaren Autounfalls und Gottes Segen zur ästhetischen Schönheitselite zu gehören. Nein, diese perfekten, unfehlbaren, komplett symmetrischen Menschen mit feinen Haaren und eleganter Haut und perfekter Figur. Diese Menschen, die außerhalb meiner Liga mit anderen schönen Menschen ihres Schlages Sex mit dem Licht an haben. Ich denke nicht einmal mehr großartig über sie nach. Es gibt sie, sie haben ihre eigenen Probleme, davon ist eines vielleicht ihre Schönheit. Wie es immer so ist. Die andere Seite ist grüner, saftiger. In diesem Fall auch hübscher und geiler.

Dazu gehöre ich also nicht, und auch, wenn man ja sagen soll, dass es „keine hässlichen Menschen auf der Welt gibt“, kann ich immerhin von mir behaupten, dass ich mich entsprechend aller Vergleiche ziemlich okay finde. Okayer als hässlich, okayer als durchschnittlich. Einfach okay. Nicht perfekt, nicht in absoluter Zufriedenheit, aber okay. Damit kann ich leben. Und wenn mir jemand ein Kompliment macht, das nicht geradezu lächerlich gelogen ist, dann nehme ich es dankend an und denke nicht weiter darüber nach. Außer, ich befinde mich in der Brunftzeit und werde hormonell zum Beine breit machen genötigt. Dann kann ich für nichts garantieren.

Das war natürlich nicht immer so. Oh, der Pein und der Schmerz und die vielen Tränen, die schon vor dem Spiegel vergossen wurden, weil ich nicht so aussah, wie die großen Mädchen mit den langen blonden Haaren und den wunderschönen Beinen, die sich nicht alle drei Tage die Augenbrauen auseinander zupfen mussten oder mit den Muffin-Tops in den engen Röhrenjeans zu kämpfen hatten. Ich war neidisch, ich war traurig, ich war wütend und irgendwann, ganz plötzlich, war es mir irgendwie auch nicht mehr wichtig. Ich hatte mich nach 22 Jahren an meine Fresse gewöhnt. Aber vor allem wird man ja auch irgendwann müde davon, von Dingen zu träumen, die keinen Wert mehr haben.

Viel wichtiger wurden solch absurde Dinge wie überleben ohne Geld, Freundschaften für’s Leben, in Meetings wach bleiben und immer freundlich gucken und als Dankeschön mit Liebe überhäuft werden. Es gibt keinen Raum mehr für diese Oberflächlichkeiten, keine Zeit, keine Lust. Natürlich setze ich mir auch manchmal eine Plastikmaske ins Gesicht, weil ich abends weggehe, natürlich werde ich im Bikini vor tausend Menschen immer noch ein bisschen nervös, und ganz klar heule ich auch heute noch nach Friseurbesuchen. Aber das sind dann nur noch fünf Minuten, nicht fünf Monate, die in Selbstzweifeln ertränkt werden. Gott, diese Pubertät. Sie war eine harte Schule.

Meine Mutter hat das auch aus nächster Nähe miterlebt, dieses konventionelle Mädchenproblem des Schönheitswahns. Einmal erwischte sie mich dabei, wie ich meine Haare mit einer stumpfen Schere verstümmelte, weinte und dabei „Bother“ von Stone Sour hörte. Ich wollte auch immer das Bedürfnis haben, mir die Unterarme aufzuritzen. Ich probierte das mal aus und brach zusammen vor Schmerz und dachte mir „Fuck dis!“ und bin dann wieder, immer noch heulend, zu den Haaren übergegangen. Das Bedürfnis kam nie und ich endete also in einem Haufen Elend im Schoß meiner Mutter, die mich „einfach nicht verstand“.

Sie war einst eine bildschöne Frau aus einem orientalischen Märchen und sieht auch heute noch so aus. Und hatte leicht reden. Der Hauptanteil meiner visuellen Schäden kam eindeutig aus dem räudigen Genpool meines Vaters. Aber sie schüttelte nur lachend den Kopf und sagte „Sara, in meiner Familie wird man erst mit dem Alter schön. Mit jedem Jahr, das an dir vorbeigeht, wirst du dich schöner und schöner finden. Bis du irgendwann zufrieden bist. So ging es uns allen. Meiner Mutter, meinen Schwestern, mir und schließlich auch dir.““

Ich fasste den Entschluss ihr zu glauben, und es war ja auch irgendwie meine letzte Chance auf ein „normales Leben in absoluter Schönheit“. Ich muss nichts machen. Mit der Zeit werden sich die Basen meines DNA-Strangs schon so zusammensetzen, dass ich eines morgens gutaussehend, mit einem Engelsgesicht und der perfekt liegenden Frisur aufwachen würde.

Der Tag kam nie. Ich hatte sie von Anfang an einfach falsch verstanden. Sie meinte nur, dass in unserer Familie jeder mit diesem Scheiss zu kämpfen hat. Ich würde sogar sagen, dass das über unsere Familie hinausgeht, und wahrscheinlich sind nur die spiegellosen Eingeborenen im südamerikanischen Dschungel von dieser Last befreit. Scheiss Gesellschaft, pöh pöh.

Aber sie hatte recht: mit jedem Tag auf dieser Welt, den ich erlebe, werde ich zufriedener. Und fühle mich sicherer, und damit auch schöner. Vielleicht bin ich dadurch in zwanzig Jahren auch die Mutti, die sich immer noch so anzieht wie in ihren besten Jahren, weil ihr die Sicherheit zu Kopf gestiegen ist. Aber das nehme ich gerne in Kauf. Es ist ein gutes Gefühl. Und die Mädchen, die heute noch vor dem Spiegel heulen und mit Heavy Metal und Selbstwertproblemen ihre Eltern in den Wahnsinn treiben: Es geht vorbei. Glaubt mir.

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Die Fotografie stammt von Nikita Shirokov
Der Text erschien in der Kategorie Mode mit den Themen Beauty, Frauen, Gesundheit, Kosmetik, Mädchen, Schönheit und Schönheitswahns
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