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Nike Air Max: Der Schuh für Mitläufer

„Der Air Max von Nike ist der durchgefickteste Schuh, den es gibt“, kommentiert meine Freundin Magda eben jenes Kleidungsstück, das alle Füße ziert, als wir in einer überteuerten Bar in Berlin-Mitte sitzen. Und da Produkte, die von Mitläufern fast schon panisch konsumiert werden, um bitte doch irgen...
Nike Air Max: Der Schuh für Mitläufer

Nike Air Max

Der Schuh
für Mitläufer

Meltem Toprak

„Der Air Max von Nike ist der durchgefickteste Schuh, den es gibt“, kommentiert meine Freundin Magda eben jenes Kleidungsstück, das alle Füße ziert, als wir in einer überteuerten Bar in BerlinMitte sitzen. Und da Produkte, die von Mitläufern fast schon panisch konsumiert werden, um bitte doch irgendwie cool zu sein, keine lange Haltbarkeitsdauer haben, muss ich es euch leider an dieser Stelle mitteilen: Das Teil ist dem Ende geweiht.

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Denn wenn ihn schon die Protagonistin von Journelles, einem der stillosesten Modeblogs, das Deutschland zu bieten hat, in einem ihrer immer gleichen Outfit-Posts vorstellt, nur um wenige Tage später in nietenbesetzten, spitzen Schuhen aufzutauchen, dann kann ich nur noch den Kopf schütteln. Sind deutsche Modeblogger etwa gar keine selbstbewussten Trendsetter und Stilikonen? Gehören sie gar zu den kommerziellen Mitläufern?

In einem Land wie Deutschland, das den westlichen Stil von New York bis Kopenhagen rauf und runter kopiert, dabei den Jack-Wolfskin-Stil der Mütter verleugnet, wahrscheinlich schon. Stil hat man nicht, indem man Blogs und Magazine durchforstet, um das zu tragen, was die vermeintlichen Vorbilder tragen. Stil besitzt der, der Persönlichkeit hat, reflektieren kann, um zu wissen, wie er wahrgenommen wird und werden möchte.

Selbst die 14-jährige Hannah aus Köln macht sich über den Hype Gedanken. Sie habe die Schuhe nicht, weil sie „Swag“ seien. Kein Produkt hat sich in letzter Zeit einem so extremen Imagewandel unterziehen können, dass er vom Erkennungszeichen der Hip-Hop-Fans zum Status-Symbol der reichen Gören avanciert ist. Hipster können endlich wieder als Mitläufer oder Trendhuren bezeichnet werden, denn die Vintage-Klamotten aus den Second-Hand-Läden wurden erneut durch angepasste Logo-Teile wie Kenzo, Herschel und Co. ersetzt.

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Neulich stieg ich in einer deutschen Provinz bei Darmstadt, die Berlin entgegen der Vorurteile gar nicht mal so ungleich ist, in einen Schulbus ein. Ich war umzingelt von 16-jährigen pubertierenden Kindern, die allesamt diesen Schuh und sich selbst feierten. Wahrscheinlich um dabei etwaige Minderwertigkeitskomplexe zu unterdrücken. Ob in der Hauptstadt oder auf dem Dorf, von Ghetto natürlich keine Spur.

„Ich trag’ meine Air Max und ich geh’ den harten Weg“, singt Fler und trägt den zurzeit begehrtesten Sneaker der Jugend. Bushido besitzt ihn auch, und Kanye West hat ihn sowieso. Die momentanen Marken-Botschafter haben ohne Zweifel zum Trend beigetragen. Für viele Musiker ist der Schuh Modekultur statt Trend. Oft hingegen steckt dahinter auch ein dicker Werbedeal.

Während Bushido und Fler das Ghetto stilisieren und Wahrheiten auspacken möchten, gilt Kanye West hingegen zwar als intellektuell und bigott, wird aber meist für die elektronischen „Dope Beats“ gefeiert. Damit finden sich Nachahmer der unterschiedlichsten Genres zusammen.

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Doch der sportliche Sneaker, wie der von Nike, ist Hip Hop, Kultur der Lässigen, Verweilenden, Nachdenklichen, aber Unkomplizierten. Neben dem Beat und dem angeberischen Gehabe lesen sich auch Zeilen der Perspektivlosigkeit, verbauten Zukunft und Abgeschiedenheit.

Wie ihn die Masse auf der Straße und auf Blogs kombiniert, hat mit Unkompliziertem nichts zu tun. Dieser „ach-so-lässige Look“ ist bemüht und durchdacht. Anfang der 2010er trugen die ersten ihn, erheblich vom musikalischen Talent und Trendsetter Kanye West inspiriert, doch nun hat er die Massen erreicht, die sogenannten “Wannabes”. Um einen, eben jenen Schuh zu tragen, gibt es keine Voraussetzungen oder Bestimmungen.

Mode macht frei, kann im Spiel von Stereotypen erlöst werden und neue Bilder entstehen lassen. Das Gleiche geschah mit dem Overknee im selben Zeitraum. Ein Stiefel, der die Berufskleidung einer Prostituierten prägt, wurde im Winter von etlichen Frauen übernommen, sodass diese weiblicher und sexier wahrgenommen wurden.

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Der Schuh der Hip-Hop-Szene, die im Kern patriarchalisch ist, aber zurzeit auch Grenzüberschreitungen mit Kanye West, Frank Ocean oder Cro unternimmt, wirkt sich auch auf den Kleidungsstil des männlichen Geschlecht aus. Lässig, aber kantig wirkt der Junge, der gerade dabei ist, erwachsen zu werden.

Wenn nun nicht mehr nur die „Ghetto-Kinder“ diesen Schuh tragen, sondern auch die elitären Jugendlichen der Gymnasien, findet eine Verschmelzung statt. Wenn Menschen ein Interesse teilen, führt das verschiedene Gruppen zusammen. Aber dieser Schuh gibt nur den Anschein eine Gruppe zu haben.

Statt mit Erlebnissen dazuzugehören oder durch Akzeptanz der eigenen Person, ist es für jeden in der Jugend ganz selbstverständlich, sich mit Klamotten beweisen zu müssen. Die eigene Persönlichkeit ist noch nicht entwickelt, und somit ist das Einzige, was man nach außen hin tragen kann, das Äußere selbst. Und so scheint es auch all jenen nicht erwachsen werden Wollenden zu gehen.

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Länger Kind sein, mag zwar den Anschein geben, länger leben zu können, aber wer will schon ohne Persönlichkeit und Haltung mit „angesagten“ Schuhen durch die Gegend hopsen? Mit den coolen, nachdenklichen, politischen Kindern aus ärmlichen Verhältnissen haben die angespannten, haltungslosen, elitären Kids doch nicht wirklich etwas gemeinsam.

Auch eben jene, die in der Mitte hängen geblieben sind, zwischen ihrem Migrationshintergrund und dem neuen Akademiker-Kreis, und sich dabei wie Kanye West fühlen, während sie die „Ausländer“ als „Neudeutsche“ hinter sich lassen, sind auch nicht besser.

Aber so lassen Trendopfer sich vom Geschmack der Authentischen beeinflussen, adaptieren saisonal den Stil der anderen und machen ihn damit zum Produkt der Masse. Viele tragen einen Schuh, weil er “in” ist, statt aus Überzeugung. Ombre Hair, Carhartt-Mütze, Military Jacke oder steriler schwarzer Mantel mit Ledereinsatz. Das mag die übliche Kombination sein. Die Jungs tragen dazu Hochwasserröhe, Parker und Beanie-Mütze. Auf Modekommentar heißt es „Air Max seien kein Trend, sondern eine Lebenseinstellung“.

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Ganz genau, sie sind Lebenseinstellung, was auch heißen mag, dass man sie länger als einen Winter trägt und den Schuh nicht ganz plötzlich abstoßend findet, wenn sie dann doch keiner mehr nutzt. Jene Air-Max-Träger trugen zuvor auch den Timberland, die Keds-Kopie von H&M, Creepers.

„Markenidentität ist zum Sinnstifter von Heimat geworden, weil sie sowohl Identitätsangebote zur Verfügung stellt als auch die Räume, in denen die gewonnene Identität erprobt, erlebt und angeeignet werden kann“, heißt es in dem Buch Wer hat Angst vor Niketown von Friedrich von Borries.

Es ist ein warmes, vertrautes Gefühl, in einer fremden Stadt anzukommen, aber am Kleidungsstil einen ähnlichen Lebensstil ablesen zu können und sich damit 2000 Kilometer entfernt wie zu Hause zu fühlen. Aber was muss das für eine oberflächliche Heimat sein, die dich nur bestätigen soll? Schuhe wie diese erwecken den Eindruck, das Gegenüber sei up-to-date.

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Aber genau so ist es mit Trends. Sie simulieren nur globale Offenheit, Weltgewandtheit und großes Wissen. Up-to-date sein sollte nicht bedeuten, die angesagtesten Bars und Shops zu kennen, sondern zu wissen, was auf der Welt vor sich geht, die Zeitung in die Hand zu nehmen und an Debatten teilzunehmen. Das erreicht man schon gar nicht mit einem Schuh.

Und wie sieht nun dieser Lebensstil aus? Kapitalismuskritik nimmt ab, Konsum zu, ausgebeutete Kinder und schlechte Arbeitsbedingungen bleiben. Und wir? Sind wir glücklicher mit solchen bunten, poppigen Dingern an den Füßen? Wenn wir den Schuh am Abend ausziehen und in den Spiegel sehen, legen wir dann nicht auch die Facette einer heilen, glücklichen und selbstbewussten Persönlichkeit ab?

Den Swoosh von Nike gibt man sich selbst beim Tragen wie der Lehrer mit einem Häkchen bei guter Leistung: Ich trage Nikes, yeap, ich bin’s! „Heute mag ein beschissener Tag sein, aber mit diesen Schuhen bin ich einfach zu geil, um mich noch heute Abend aus dem Fenster zu werfen!“ Lohnt es sich wirklich ein Leben haben zu wollen, das nur von außen hin bunt scheint? Gefällt ein Schuh der Masse, glauben viele, er müsse gut sein.

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Wir werden sehen, wer die Treter noch anbehält, sobald der nächste neue It-Schuh kommen wird. Wer ihn aus Überzeugung trägt, wird ihn, ob in oder nicht, jedenfalls noch lange lieben. Das sind genau die Menschen, die Trends setzen. Aus Leidenschaft. Und nicht wenige Tage später plötzlich mit neuen sauberen Tretern antanzen. Am Ende stellt sich nämlich ganz schnell heraus, wer wirklich selbstbewusst ist und zum eigenen Lebensstil und Geschmack steht. Und deswegen auch von den Mitläufern respektiert wird.

Die Fotografie stammt von Alexander Rotker
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