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Mein neues Handy: Wir werden von Wurstfingernazis regiert

Wieder einmal hat Gott mich um die Pole Position des Lebens betrogen. Und wieder einmal passierte das im schleichenden Prozess. So schleichend, dass ich nicht mitbekam, wie der Heiligste der Heiligen mich fett trollte. Zuerst badete er mich in buttriger Sicherheit, nur um dann wiehernd und weinend v...
Mein neues Handy: Wir werden von Wurstfingernazis regiert

Mein neues Handy

Wir werden von
Wurstfingernazis
regiert

Sara Navid

Wieder einmal hat Gott mich um die Pole Position des Lebens betrogen. Und wieder einmal passierte das im schleichenden Prozess. So schleichend, dass ich nicht mitbekam, wie der Heiligste der Heiligen mich fett trollte. Zuerst badete er mich in buttriger Sicherheit, nur um dann wiehernd und weinend vor Freude zuzusehen, wie ich einen schmierigen Riesenberg Scheiße herunterrutsche.

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Okay. Mag sein, dass das jetzt ein bisschen übertrieben dargestellt ist, aber es ändert nichts an meinem Empfinden gen der Ungerechtigkeiten, die das Leben so im Alltag mit sich bringen. Wie etwa: Ich war früher diejenige, die am Schnellsten und Intuitivsten mit elektronischen Geräten klargekommen ist.

Ich tippe mit zehn Fingern schneller als der durchschnittliche Vierzehnjährige sich einen runterwedeln kann, mein Videorekorder war immer korrekt programmiert, und bis ich dann in die Pubertät kam, als solche nervigen Sachen wie Liebe und Erwachsenwerden wichtiger wurden, kannte ich mich noch perfekt mit allen Fernseh-, Computer-, Konsolen- und Gadgetmarken aus.

Sicherlich kam das zu einem verhängnisvollen Preis: Ich war fett und hässlich und wenn man mich aus dem Keller holen wollte, musste man mir erst einen Ganzkörperschutzanzug überziehen und einen Kran mieten. Aber seht ihr, ich dachte, das hält an. Ich hielt mich für The Kid, das Gehirn, das mit dem ganzen Futurescheiß aufwächst und eines Tages wie die aufgeweckten Druffijugendlichen in „Hackers“ einfach allen anderen, vor allem den alten Erwachsenen, überlegen sein würde.

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Aber ich wurde vom Leben, wie bereits erwähnt, betrogen. Alles fing damit an, dass ich mich dazu entschied, auf eine Reise zu gehen, anstatt mir einen neuen Computer, ein iPad und ein Smartphone zuzulegen. Ein Jahr später sind kleine Zwölfjährige in der U-Bahn, die mich angucken, als käme ich aus dem Mittelalter, wenn ich mein verstaubtes Nokia aus der Tasche wuchte.

Mein Nokia, so einfach in der elektronischen Bedienung es auch sein mag, kann immerhin vielfach verwertet werden: als Verankerung für die Aida, als Ziegelstein für die Randalen am ersten Mai und notfalls auch als Betonklotz zum Versenken unliebsamer Feinde. Natürlich ließ ich mir so etwas nicht gefallen und machte, nach ewigem Hin und Her der wirtschaftlichen Überlegungen, den Schritt in die Zukunft: Ich kaufte mir ein iPhone.

Ich sag mal so: Wenn das die Zukunft ist, dann werden wir hier eindeutig von Wurstfingernazis regiert. Die Hausfrau in mir kriegt einen Herzschlag, wenn sie die Schmierflecken auf dem Riesenbildschirm sieht. Es kann alles. Wirklich alles. Es kann den Empfang verlieren, es kann abstürzen, es kann mich unglaublich wütend machen und es kann mich davon abhalten, in betrunkenem Zustand meinen Ex anzurufen.

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Dieses Telefon ist wunderschön, und ich bin mir ziemlich sicher, wenn ich mir eine Brille aufsetze und die Anleitung rauskrame, dann werde auch ich damit glücklich und zufrieden sein. Aber es ist zu intelligent für mich. Oder vielleicht bin ich einfach nur zu alt dafür. Und vielleicht, nur ganz vielleicht, nervt es mich, dass ich nicht mal mehr mit so unwichtigen Dingen wie Telefonen einfach nur zufrieden sein kann. Und sagt nichts: mit dem Pixel erging es mir genauso. Und mit dem Windowsscheiß auch.

Eine Million zwölfjährige Supernerds, die mittlerweile gesellschaftlich akzeptiert werden, können sich ja nicht irren. Und wer dankt mal den Vorreitern? Uns fetten, hässlichen Kindern, die sich sozial abschotten mussten, um einen Nerdpfad der Coolness zu ergründen? Wer dankt uns?!

Aber für mich ist die Lernkurve zu steil. Wenn ich heute in den Spiegel gucke, sehe ich nur meine Mutter, und wünsche mir nichts sehnlicher als eigene Kinder, die ich dann fragen kann, ob sie mal das Handy für mich programmieren können. Ich will ja den Anruf heute nicht verpassen.

Die Fotografie stammt von Paul Hanaoka
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