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Der Facehunter im Gespräch: Yvan Rodic, liest du deutsche Modeblogs?

Die französische Elle fragte vor einiger Zeit: “Wie wird man in 15 Schritten hipp?” Und antwortete im gleichnamigen Artikel: “Lass’ dich vom Facehunter ablichten!” Der Street-Style-Blog zählt zu den meist besuchten der Welt, zu den Top-Adressen der „Who’s Cool Now List“ des Observers und zu den „Pow...
Der Facehunter im Gespräch: Yvan Rodic, liest du deutsche Modeblogs?

Der Facehunter im Gespräch

Yvan Rodic, liest du deutsche Modeblogs?

Meltem Toprak

Die französische Elle fragte vor einiger Zeit: “Wie wird man in 15 Schritten hipp?” Und antwortete im gleichnamigen Artikel: “Lass’ dich vom Facehunter ablichten!” Der Street-Style-Blog zählt zu den meist besuchten der Welt, zu den Top-Adressen der „Who’s Cool Now List“ des Observers und zu den „Powerbloggern“ der amerikanischen Vogue.

EMPFEHLUNG

Yvan Rodic reist unter seinem Pseudonym um die Welt und hat es sich zum Ziel gemacht, als Street-Style-Fotograf für Menschen zu fotografieren, die er als besonders empfindet. Geboren in der Schweiz, studierte er zuerst Kommunikation, arbeitete anschließend für Werbeagenturen wie Saatchi & Saatchi, gab seinen Job jedoch auf und kann heute vom Bloggen leben.

Für seine Webseite findet er das Bild vom Menschen ohne die individuelle Geschichte interessanter, denn das Bild ohne Wort sei radikaler. Über 300 Fotos zählt sein erstes Buch, und auch “A Year in the Life of Facehunter“, das Eindrücke aus seinen Lieblingsstädten einfängt, war ein voller Erfolg. Wir durften mit dem kritischen und reflektierten Sonderling des internationalen Modebusiness über den Stil der Kulturen, die Individualität der Deutschen und der Darstellung schöner Menschen sprechen.

Wie und wann hast du mit dem Fotografieren begonnen?

Ich habe schon Fotos gemacht, als ich noch ein kleines Kind war. Von blöden Dingen auf der Straße. Ich habe auch Videos gedreht und gedacht, das sei Kunst. Aber irgendwann hatte ich keine Lust mehr, weil mir das mit einer analogen Kamera zu viel Arbeit war. 2005 habe ich zu Weihnachten eine kleine Kompaktkamera bekommen. Mit der bin ich in Paris dann zu vielen Events gegangen.

Ich begann damit, Bilder von Fremden zu machen, am liebsten Portraits. Als ich die ganzen Fotos dann auf meinem Laptop hatte, dachte ich, daraus könnte ich doch etwas machen. Also teilte ich sie. Paris ist nun mal eine attraktive Stadt. Und es gab viele Menschen, die neugierig auf die Bilder waren. Aber ich hatte keine Ahnung. Das war jetzt keine Geschäftsidee oder so was.

Damals gab’s auch nur wenige Blogger und eigentlich interessierte sich keiner für sie, sie verdienten kein Geld, es gab überhaupt keine Vorteile, keine Einladungen zu irgendwelchen Shows, auch keine Zusammenarbeit mit Marken. 2006 war Bloggen noch kein Job. Man teilte einfach nur seine Sachen. Das war alles.

Wie ist der Pariser Stil?

Der Pariser Stil ist sehr, sehr einfach, würde ich sagen. Ich finde ihn nicht sehr inspirierend. Überall auf der Welt haben die Menschen eine Vorstellung vom Pariser Stil, aber ich denke, es ist ein Erbe, das dabei ist, verloren zu gehen. Es ist wie mit Italien. Die älteren Menschen sind sehr gut gekleidet. Die jüngeren aber verlieren sich im amerikanisierten Mainstream. Mädchen tragen UGGs und Abercrombie & Fitch. Es ist sehr, sehr amerikanisiert und im Allgemeinen vermisse ich einen Sinn für Verführung und Kreativität. Aber es ist eben immer noch Paris.

Menschen aus der ganzen Welt ziehen nach Paris, um dort in der Mode zu arbeiten oder der Stadt wegen. Viele Ausländer dort ziehen sich gut an. Aber ich erinnere mich daran, von schwedischen Mädchen, die dort wohnen, Fotos gemacht zu haben. Und dann kommentierte ein Mädchen, das ebenfalls aus Schweden kam, auf meinem Blog: „Oh mein Gott, die Pariser haben so einen großartigen Stil!“

Aber eigentlich war es ein schwedisches Mädchen, das dort für zwei Monate war. Wenn man sich die Bilder auf den Blogs anschaut, sieht man Bilder von der Paris Fashion Week, aber es ist nicht Paris, es ist eine World Fashion Week. Das ist ein Unterschied. Anna Dello Russo ist ein Fashionclown, es geht dabei nicht um Stil, sondern sie bekommt ihre Outfits für die Show, die sie besuchen wird.

Sie geht zur Show von Dolce & Gabbana, und Dolce & Gabbana gibt ihr ein 10.000-Euro-Kleid, damit sie zur Show geht. Und dann werden Bilder gemacht und anschließend sagen alle, sie hat einen so großartigen Stil, aber sie trägt, was ihr die Marken geben und das ist weit von Stil entfernt.

Aber die Sache ist, dass Magazine Bilder von Bloggern wie mir von der Fashion Week kaufen und unter „French Style“ veröffentlichen, aber auf den Bildern sind russische, englische, amerikanische Redakteure zu sehen. Vielleicht eine Französin.

Genau das hat das Missverständnis verstärkt. Menschen aus der ganzen Welt sehen Bilder der Fashion Week und denken, es sei eine Pariser Version der Straße, aber wenn man auf die Straße geht, ist es nicht das, was man sieht.

Nach drei Jahren in Paris ist das der Grund, warum ich das Gefühl hatte, ich müsse allgemein weiterziehen. Ich war gezwungen, eine neue Stadt auszuprobieren, und nach einigen Besuchen in London, habe ich mich dort niedergelassen, weil dort mehr passiert, es ist weniger charmant, aber es hat mehr Substanz und Kreativität.

Die meiste Zeit deines Lebens hast du bisher in der Schweiz verbracht. Du bist dort geboren und hast dort studiert. Wie definieren die Menschen in der Schweiz die Mode?

Die Schweiz ist im Allgemeinen nicht so sehr an Mode interessiert. Es ist ein Land, in dem sich die Menschen sehr für die Natur und die Berge interessieren. Das stellt einen großen Teil der Schweizer Kultur dar. Jedes Wochenende gehen die Menschen zu den Chalet-Alpen, zum Skifahren, Wandern, Klettern. Während der Woche bemühen sie sich nicht um die Mode. Als Kind war das coolste Teil, das man tragen konnte, eine Snowboardjacke. Es ist in etwa eine Schneeversion der Skateboardkultur. Das ist der Haupteinfluss.

Ein anderer Grund, warum Mode nicht so wichtig ist, ist, dass die Schweizer Kultur sehr zurückhaltend ist. Es geht darum, diskret zu sein, darum, nicht zu sehr zu zeigen, was man denkt. Mode ist ziemlich limitiert, da die Menschen nicht aus der Reihe tanzen wollen. Es ist auch von der Art, wie sie ihr Geld verdienen, abhängig, von der Bildung, dem Fakt, dass sie um die Welt reisen.

Schweizer sind ziemlich bereiste, wohlhabende, und gebildete Menschen, aber irgendwie gehen sie nicht sehr weit, was Mode betrifft. Sie interessieren sich nicht zu sehr dafür. Eher für kommerzielle, einfache Dinge. Wie Autos. Menschen mit Geld interessieren sich offensichtlich für Statusmarken, aber es ist nichts Interessantes.

Das ist so ähnlich wie in Deutschland. Du bist der Ansicht, die Deutschen seien hyperindividuell, aber nicht sehr modeorientiert.

Es gibt die Spannung zwischen Gruppenzugehörigkeit und der Tatsache, dass Leute einen Job haben wollen, ein nettes deutsches Auto, den Urlaub in Spanien oder in der Türkei. Es gibt natürlich auch eine Form von Konformismus, aber im Vergleich zu all den Kulturen, ist in Deutschland die Familie nicht so stark präsent. Der Familiensinn, wie er beispielsweise in der lateinamerikanischen Kultur ausgeprägt ist, nimmt vielen die Freiheit, das zu tun, was sie selbst möchten, da die Familie zufrieden zu stellen ist.

Die Individualität liegt am Land selbst, dem Zweiten Weltkrieg, aber ich denke, dass sich das zum Guten verändert. Wie in anderen Ländern können sie nicht sagen „Ich bin stolz, Deutsch zu sein“, sie müssen individueller sein. Ich denke, es ist individuell, aber das wird nicht notwendigerweise in Mode ausgedrückt, viel mehr im Lebensstil.

Mir haben deine Bilder aus islamischen Ländern sehr gut gefallen, in denen du warst. Kuwait und Istanbul.

Ich liebe Istanbul. Ich war im Juni dort. Es ist unglaublich.

Du hast die Extremen der Stadt Istanbul eingefangen. Ein Mädchen in einer Burka, die nicht einen Teil ihres Körpers zeigt, neben…

…dem westlichen Mädchen. Istanbul ist per se eine vielfältige Stadt. Die Stadt kann nicht eingefangen werden, ohne diese andere Option zu zeigen. Es ist bekannt als Knotenpunkt von Asien und Europa, Moderne und Tradition. Es ist so ziemlich ein untrennbarer Deal, den du annimmst.

Du reist sehr viel. Welches Land hat den besten Stil?

Ich mag den skandinavischen Stil. Es gibt große Städte wie London, New York, die internationalsten und vielfältigsten Orte in vielen Hinsichten. Menschen stehen unter dem Druck, sich zu profilieren, sich abzugrenzen und in gemischter Art, gut auszusehen. Es ist ziemlich interessant, aber es sind viel mehr Pole. Die Gesellschaft mag es eher aufrichtig. Aber es sind nicht Leute, die dorthin gehen, um gut auszusehen.

Schweden ist in der Gegenwart einer der stilsichersten Teile der Welt und in dieser Hinsicht wirklich stark. Schweden ist im frühen 21. Jahrhundert das, was Italien früher war. Du gehst auf die Straße, siehst einen gut angezogenen Mann und denkst dir: „Wow, er hat es!“ Aber heute ist es in Italien so, dass nur ältere Herren gut angezogen sind, die Jüngeren hingegen tragen amerikanisierte geschmacklose Sportswear.

Es ist, wie ich sagte, das Erbe ist ihnen verloren gegangen. In Schweden hat die Masse einen guten Sinn für Stil, nicht unbedingt extravagant, aber sie wissen, wie man es so kombiniert, so dass es cool aussieht. Cheap Monday beispielsweise. Es geht nicht darum, die Marke zu zeigen. Es ist etwas, das du gut aussehen lassen kannst, in deinem eigenen Stil. Es ist irgendwie simpel, aber mit lässigen, zerknitterten Details.

Gibt es eine Person, die du sehr häufig gesehen hast und von dessen Stil du beeindruckt bist?

Viele Menschen. Es gibt viele Menschen, von denen du sicher noch nie gehört hast. Im Internet präsent ist Eleonora Carisi. Sie ist eine Bloggerin und führt einen Laden in Turin. Ein italienisches Mädchen. Sie hat einen coolen Stil, elegant, aber sie hat nicht diesen geschmacklosen, kommerziellen Blogger-Stil. Sie machen alle das Gleiche. Eleonora hat etwas Einzigartiges und Cooles, sie hat Persönlichkeit. Sie hat ein Mal am Mund, eine wunderschöne Brünette.

Street-Style-Fotografen können mit Galeristen verglichen werden. Sie sind diejenigen, die entscheiden, wer interessant genug ist, um gezeigt zu werden. Welche Kriterien müssen erfüllt werden, um das Bild einer Person im Blog auszustellen?

Was mich klicken lässt, ist ein globaler Faktor an Attraktivität. Zu fühlen, dass die Person besonders ist und etwas Eigenes hat, und mir nicht vorkommt wie eine Copy Cat, ein Klon oder jemand, der jemand anderen imitiert. Ich beobachte Menschen permanent, überall. Oft habe ich das Gefühl, dass Menschen sehr gleich sind. Wenn ich jemanden sehe, der positiv ist, Ausstrahlung hat, frisch und einzigartig ist, schön und elegant und der Stil der Person entspricht, klicke ich auf den Button.

Passiert es dir, dass du Menschen kategorisierst?

Nein, nicht wirklich. Ich meine, du kannst nicht kategorisieren, aber ganz einfach etwas über die Person sagen oder erraten, wenn du nicht den Stil, aber den Look der Person siehst. Es ist spannend, zu raten. Aber auf meinem Computer habe ich keine Kategorien für Leute. Ich finde auch Trends sehr langweilig. Das interessiert mich nicht. Trends sind etwas Kommerzielles.

Du nimmst zehn Bilder eines gelben Outfits in eine Datei, zehn in Pink, versendest sie und sagst, es ist ein großer Trend. Aufgrund der Blogs und der Internetkultur haben Menschen Zugriff auf so viele Quellen an Information und jeder ist technisch, virtuell ein Medium. Wir sollten auf jeden zeigen, der existiert und für sich selbst gut aussieht. Es gibt kein Out-of-fashion. Die Idee “Das ist Trend oder das ist kein Trend” ist für mich ziemlich untrendy. Die Ära vor dem Internet, als Magazine noch diktieren “This is hot, this is not hot” ist vorbei. Jeder kann das anziehen, was er möchte, solange es gut an ihm oder ihr selbst aussieht.

Ein außergewöhnlicher Stil setzt eine außergewöhnliche Persönlichkeit voraus. Doch es gibt Menschen, vor allem in Deutschland, die keinen Wert auf ihre Kleidung setzen. Prof. Dr. Allert führt das kulturelle Desinteresse auf den Glauben der Protestanten zurück.

Ja, aber das ist nicht wahr. Schweden beispielsweise sind Protestanten und Anglizismus ist ein Zweig des Protestantismus. Ich habe die Theorie schon einmal gehört, aber sie funktioniert nicht. Es gibt in anderen Ländern Katholiken, die sehr konservativ sind. Aber ich denke nicht, dass Religion diese Dinge erklärt. Wie ich sagte, in Dänemark und Schweden haben sie eine ähnliche Kultur wie in Deutschland, aber sie drücken es so anders aus. Es bedeutet nicht, dass jemand extraordinär sein kann, aber keinen extraordinären Stil hat.

Du kannst ziemlich langweilig sein und ein Kostüm oder etwas Modisches tragen. Aber das wäre dann kein Stil, sondern das, was Anna Dello Russo macht. Für mich hat sie keinen Stil, sie ist ein Clown. Du kannst verrückte Sachen tragen, aber das beweist keine Persönlichkeit. Du kannst etwas ausprobieren, aber das wirst nicht du sein. Manche Menschen sind wunderbar talentiert, oder klug, oder einzigartig und können einfache Sachen tragen. Jede stilvolle Person ist eine tolle Person, aber nicht jede tolle Person hat Stil.

Passiert es manchmal, dass du jemanden sieht, ein Bild machst, aber enttäuscht bist, wenn ihr euch kennenlernt?

Nein, nicht sehr häufig. Eigentlich nicht.

Also bist du sehr bewusst und hast einen guten Sinn?

Meine Intuition basiert auf dem Fakt, dass mir die Person interessant erscheint. Es ist das Gesamtpaket.

Es gibt einen Punkt, in dem Street-Style-Blogs kritisiert werden können. Wie kann man versuchen, es zu umgehen, Menschen als Objekt zu zeigen, statt einem Subjekt? Wie kann man besondere Menschen zeigen, anstatt Models?

Ich versuche das nicht, ich teile es einfach, wie es mir gefällt. Leute können denken, was sie möchten. Wenn Menschen denken, dass ich andere dehumanisiere, können sie das. Aber am Ende suche ich ganz offensichtlich sehr einzigartige Menschen aus. Mein einziges Versprechen bei Facehunter ist es, zu sagen: „Ich werde dir Menschen zeigen, die cool und einzigartig sind und die du nicht jeden Tag um die Ecke siehst!“ und es gibt sehr viele von diesen Menschen auf dem Blog.

Viele Menschen werden auf Street-Style-Blogs wie Models präsentiert. Vor allem auf deutschen Blogs. Es ist schwierig zu sagen, dass diese einzigartig sind, wenn man runter scrollt.

Ich schaue mir deutsche Street-Style-Blogs eigentlich nicht sehr häufig an.

Sind dir auch schon Blogs aufgefallen, die Menschen als Models präsentieren statt Individuen?

Ich meine, die Versuchung ist da. Auch wenn der eigentliche Deal ist, echte Menschen zu zeigen, und genau das wird von Street Style auch erwartet. Am Ende wird der Fotograf in der Situation sein, in der er nach langer Zeit versucht, Traffic zu bekommen und Menschen zu kriegen, die gut aussehen.

Wir sind alle durch eine bestimmte Form von Harmonie getrieben. Vielleicht kann man es Fashionism nennen. Wenn du Leute postest, die hässlich sind, wird es sich niemand ansehen. Es hört sich schrecklich an, aber die Leute geben es einfach nicht zu. Sie möchten echte Menschen sehen, aber jeder möchte eben auch etwas Inspirerendes und Schönes sehen. Auch wenn sie es nicht zugeben, es ist Teil von dem, was sie genießen und von dem sie inspiriert werden. Du kannst es nicht abstreiten. Aber es hängt eben vom Blogger ab, manche gehen weit, in eine modelesque Ästhetik, andere weniger.

Du warst einmal Teil einer Kampagne von Esprit namens “Make Your Wish”, wie kam es dazu?

Ich habe die Kampagne zur Hälfte gemacht. Die andere Hälfte wurde im Studio mit Models geschossen. Dafür war ich nicht zuständig. Ich habe den Teil mit den Nichtmodels gemacht, echten Menschen auf der ganzen Welt, 16 Städte waren es.

An ein Bild aus der Kampagne erinnere ich mich. Ein Mädchen wünscht sich eine großzügigere Welt. Vor dem Plakat sah ich einen Obdachlosen in der Kälte sitzen. Es war symbolisch, sehr ironisch. Mir gefällt die Kampagne, aber von Esprit weiß man auch, dass sie unter unfairen Bedingungen produzieren. Wir tragen alle unfair produzierte Kleidung, es ist Teil der Modewelt, aber…

Aber was? Was wünschst du dir?

Denkst du nicht, dass es sehr ironisch ist?

Sogar bevor der Mensch ein Mensch war, verhielt sich die Natur niemals fair, gleich und ausbalanciert. Das Leben ist oftmals brutal, ungerecht, schwierig und schrecklich und gewaltsam und unverhältnismäßig. Von Frankfurt bis Sydney gibt es Menschen, die an einem Tag mehr verdienen als manche in ihrem ganzen Leben. Und das ist Hardcore. Und einfach Trash.

Und ich mache oft Bilder von Obdachlosen, die vor einer Louis-Vuitton-Boutique sitzen. Es ist verdammt schwierig, dessen bin ich mir bewusst, das ist genau der Grund, warum ich versuche, mein eigenes Ding zu machen. Ich komme aus keinem wohlhabenden Elternhaus, aber ich habe etwas riskiert. Ich hätte den sicheren Weg wählen können, aber ich habe riskiert, mein eigenes Ding zu machen.

Natürlich leben wir in einer komplizierten Welt, in der es starke Kontraste und Ungerechtigkeiten gibt. Ich kann die Welt nicht verändern, aber ich kann versuchen, mein eigenes Ding zu tun, so wie ich es will und vielleicht ein paar Menschen inspirieren, auch etwas selbst auf eigene Faust zu machen. Direkt oder indirekt vertrete und treibe ich eine bestimmte Idee des Lebens und der eigenen Interessen an. Das ist das Einzige, das ich ehrlich und realistisch tun kann, um anderen zu helfen und sie zu inspirieren. Ich kann nicht jeden Obdachlosen auf der Welt finanziell unterstützen.

Das erwartet keiner, das kann auch keiner.

Ich bin mir bewusst, wie die Welt erbaut ist. Aber du musst mit dem leben und am Ende tust du, was du eben tust.

Du hast ein Foto gemacht, auf dem zu lesen ist: “Kapitalismus tötet Liebe”. Glaubst du daran?

Ich habe es fotografiert, weil es zum Nachdenken anregt. Natürlich leben wir in einer sehr, marktorientierten, kommerziellen Welt, in der es kein großes Mysterium mehr gibt. Auf der anderen Seite gab es in alten Zeiten nicht häufig Beziehungen aus Liebe. Die Beziehungen waren arrangierte Ehen zwischen Familien. 16-Jährige wurden von ihren Eltern gezwungen, 40-Jährige zu heiraten.

Das war vor dem Kapitalismus und da gab es eigentlich auch keine Liebe. Menschen neigen dazu, zu glauben, dass die Dinge früher romantischer wären und mehr Liebe da gewesen wäre. Eigentlich sind wir die erste Periode des letzten Jahrzehnts, in dem es üblich ist, den zu heiraten, den wir möchten. Natürlich nicht in jeder Gesellschaft.

Ich war einmal in Kuwait und da kam eine Frau zu mir, als ich gerade beim Essen mit einem anderen Mädchen und einem Typen war. Sie kam zu mir, weil sie mich wieder erkannt hatte. Weil sie weiß, dass ihre Schwester ein Fan ist, hat sie sie angerufen und mir den Hörer gegeben, danach ist sie wieder gegangen. Und da kam plötzlich eine Frau und fragte mich, ob ich dieses Mädchen kennen würde.

„Hey do you know who this girl is? She is kind of pretty!“ „Ich möchte sie meinem Sohn vorschlagen“, sagte sie. Vor 50 oder 100 Jahren waren noch alle Ehen arrangiert. Schon vor dem Kapitalismus. Viele denken, früher sei die Liebe echt und romantisch gewesen.

Heute hingegen sei die Liebe etwas Kommerzielles, es gäbe gar keine Liebe mehr. Aber wenn auch alles kommerziell ist, haben die Leute ein bisschen mehr Macht für sich selbst zu entscheiden. Sie haben auch etwas mehr Freiheit, ihr eigenes Ding zu machen und sich zu verlieben. Es ist also nicht ganz so einfach. Dieser Spruch ist ein großes Klischee und es hört sich intellektuell naiv an. Er ist weder richtig noch falsch. Aber er regt zum Nachdenken an.

Die Fotografie stammt von Thames & Hudson
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