AMY&PINK

AMY&PINK gibt dir alles, was du über Leben, Musik, Filme, Serien, Internet, Ernährung, Politik, Mode, Kunst, Spiele, Literatur, Technik, Reisen und Sex wissen musst. Jeden Tag aufs Neue.
AMY&PINK
AMY&PINK

Marcel Winatschek

Alle Texte von
Marcel Winatschek

Das Medienmagazin Meedia bezeichnet Marcel als „bloggenden Pimp der Generation Miley Cyrus“, er selbst sieht sich eher in der Rolle des digitalen Endgegners, an dem bereits so manches Agenturmädchen verzweifelt ist. Marcel liebt Tokio, Selena Gomez und warmen Käsekuchen.

Leserbrief schreiben

Anime Architecture

Marcel Winatschek

Anime sind so viel mehr als süße Mädchen mit großen Augen und noch größeren Brüsten. Kein anderes Medium bietet eine so reichhaltige Interpretation verschiedener Universen, Reisen und Abenteuer, in denen alles möglich zu sein scheint. Die japanische Animationskultur ist zur Spitze des menschlichen Geschichtenerzählens gereift. Nehmt zum Beispiel Akira von Katsuhiro Otomo, nehmt Neon Genesis Evangelion von Hideaki Anno, nehmt Die letzten Glühwürmchen von Isao Takahata. Und es sind nicht nur die vielfältigen Charaktere und schönen Geschichten, die uns für ein paar Stunden in den Bann ziehen, es ist auch die ausgefeilte Architektur von Gebäuden, Maschinen und Städten, die uns einen Eindruck von einer anderen Welt vermitteln.

Der deutsche Kurator Stefan Riekeles war Künstlerischer Leiter des Japan Media Arts Festival Dortmund und kuratierte 2011 die Ausstellung ‚Proto Anime Cut‘. Er war Programmdirektor des International Symposium on Electronic Art 2010 und kuratierte Ausstellungen für das Transmediale Festival für Kunst und digitale Kultur Berlin. Er hat einen Master of Arts in Kultur- und Audiokommunikationswissenschaften von der Humboldt-Universität und der Technischen Universität Berlin – und nicht zuletzt liebt er die Kunst der japanischen Animation so sehr, dass er sogar Bücher darüber schreibt.

Sein neues Buch „Anime Architecture“ zeigt die atemberaubenden Stadtbilder und Gebäudestrukturen, die von den meist verehrten Regisseuren und Illustratoren japanischer Animationsfilme geschaffen wurden. Es ist eine überwältigende Reise hinter die Kulissen futuristischer Megastädte und urbaner Zentren der nahen Zukunft. Die Schöpfer dieser Anime haben einprägsame und detailgetreue Welten gezaubert, deren Einflüsse seit Jahrzehnten in Kino, Literatur, Comics und Videospielen zu spüren sind.

Die längst überfällige Hommage bietet einen unvergleichlichen Überblick über filmische Höchstleistungen – darunter Material von Akira, Ghost in the Shell, Patlabor, Neon Genesis Evangelion und Tekkonkinkreet – anhand von Original-Hintergrundmalereien, Storyboards, Entwürfen, Inspirationsquellen und Filmausschnitten. Produziert in direkter Zusammenarbeit mit den originalen japanischen Produktionsstudios, bietet „Anime Architecture“ privilegierte Einblicke in die frühesten Konzeptionsphasen ikonischer Szenen bis hin zu ihrer Entwicklung zu fertigen Filmen. Das Buch wird noch in diesem Jahr erhältlich sein und kann direkt hier gekauft werden.

Anime Architecture Anime Architecture Anime Architecture Anime Architecture Anime Architecture Anime Architecture Anime Architecture Anime Architecture

Anime Architecture auf Amazon kaufen

Fotografie von Stefan Riekeles
Der Text erschien in der Kategorie Kunst mit den Themen Anime, Bücher, Illustrationen, Japan und Manga
Ihr habt etwas zu sagen? Schickt uns einen Leserbrief!
Non Non Biyori

Marcel Winatschek

Wer in einer Kleinstadt oder gar auf dem Land aufgewachsen ist, der kennt den Drang, den einen Drang: So schnell wie möglich weg von dort, sobald sich auch nur die irrelevanteste Gelegenheit ergibt, ab in die große Stadt, mit den hohen Häusern und den lauten Partys und den billigen Drogen. Oder so. Hauptsache: Weg, weg, weg. Alles, nur kein Landei sein. Und wenn man es dann endlich geschafft und fünf, zehn, vielleicht sogar zwanzig Jahre im Dschungel der Metropole überlebt hat, dann läuft einem plötzlich „Non Non Biyori“ über den Weg und reißt einen wieder zurück. Zurück in eine grüne, klare Welt, in der alles besser zu sein scheint, echter, näher. Eine langsame Welt, die einen bei der Hand nimmt und einem zulächelt.

Die Geschichte ist so öde wie ein ausgedehnter Blick in den Teich. Hotaru geht in die fünfte Klasse und zieht aufgrund des Berufs ihres Vaters von Tokio in das verschlafene Kaff Asahigaoka. Dort trifft sie auf eine sympathische Truppe von noch sympathischeren Mädchen, die unterschiedlicher nicht sein könnten – das war’s, mehr gibt’s nicht zu sehen. In „Non Non Biyori“ findet ihr keine bombastischen Bösewichter, keine explodierenden Tentakel, keine ominösen Zauberkräfte. Nur die schüchterne Hotaru und die zu kurz gewachsene Komari und die freche Natsumi und die winzige Renge, die so spricht, als hätte sie alle paar Sekunden einen Schlaganfall. Renge ist die Beste – das merkt ihr ziemlich schnell.

Jede einzelne Folge ist so herzzerreissend ruhig und unaufgeregt und idyllisch, im Grunde ist die Serie von Atto ein harmonischer Rückzugsort für alle, die überfordert sind, vom Leben, von der Arbeit, von der Liebe. Nichts liegt euch mehr am Herzen, als für ewig dort zu bleiben und das Jahr in dem Dorf zu verbringen, in dem Kaede von allen nur Candy Store genannt wird und Kazuho ständig einschläft und Suguru nicht viel zu sagen hat. Es ist so schön dort, dass ihr gleichzeitig schreien und heulen wollt. Wenn ihr euch damals bereits in so grandiose Serien wie „Missis Jo und ihre fröhliche Familie“ oder „Anne mit den roten Haaren“ oder „Niklaas, ein Junge aus Flandern“ verliebt habt, dann werdet ihr auch „Non Non Biyori“ zu schätzen wissen, als friedliches Paradies, in dem jeder Tag gut ist. Egal, welche Katastrophe dort draußen auch gerade herrschen mag.

Non Non Biyori auf Amazon kaufen

Illustration von Atto, Kadokawa und SdrawcabDaer
Der Text erschien in der Kategorie Filme mit den Themen Anime, Asien, Japan, Manga und Non Non Biyori
Ihr habt etwas zu sagen? Schickt uns einen Leserbrief!
Die Ladenhüterin

Marcel Winatschek

Ich habe mir vorgenommen, in nächster Zeit endlich die wichtigsten mehr oder weniger aktuellen Bücher japanischer Autoren zu lesen, weil ich quasi zu gar nichts mehr komme – warum auch immer. „Die Ermordung des Commendatore“ von Haruki Murakami zum Beispiel. Oder „Die Insel der Freundschaft“ von Durian Sukegawa. Oder „Sendbo-o-te“ von Yoko Tawada. Am Samstag habe ich mich mit einer hochschwangeren Freundin getroffen und nachdem wir uns etwas beim Thailänder um die Ecke geholt haben, pilgerte ich zum nächstgelegenen Bücherladen, um mich ein wenig in der kunterbunten Welt der geschriebenen Worte niederzulassen.

Im obersten Stockwerk des Ladens gab es einen eigens für japanische Autoren eingerichteten Tisch und dort lag dann neben anderen Favoriten auch der Roman „Die Ladenhüterin“ der Autorin Sayaka Murata, das ich schon im letzten Jahr lesen wollte – aber dieses Vorhaben hatte ich natürlich wieder irgendwie gedanklich verbummelt. So lag es da, das rote Buch mit den Kugelfischen drauf, und ich dachte mir: Ha, jetzt gehörst du endlich mir, du kleiner Roman du! Auf einer Parkbank, regelmäßig von meinem Kaffee schlürfend, verschlang ich die erste Hälfte des Werkes, kurz darauf dann gleich die zweite.

Worum geht’s? Keiko Furukura war schon als Kind eine Außenseiterin, deren alternative Gedanken ihren Eltern Angst machte. Um den beiden nicht länger Sorgen zu bereiten, fasste sie den Plan, ein ruhiger und funktionierender Teil der Gesellschaft zu werden und findet als Angestellte eines 24-Stunden-Supermarktes ihre wahre Bestimmung. Gefühle sind Keiko fremd, das Verhalten ihrer Mitmenschen irritiert sie meist. Um nirgendwo anzuecken, bleibt sie für sich. Als sie jedoch auf dem Rückweg von der Universität auf einen neu eröffneten Supermarkt stößt, einen sogenannten Konbini, beschließt sie, dort als Aushilfe anzufangen.

„Der Convenience Store ist voller Geräusche“, schreibt Sayaka da. „Begleitet vom Glockenklang beim Eintreten der Kunden, preist ein Promisternchen über Lautsprecher neue Produkte an. Dazu kommen die Stimmen der Angestellten, das Piepen beim Einlesen der Strichcodes, der dumpfe Aufprall, mit dem Waren in Körbe plumpsen, das Klacken von Absätzen und das Knistern von Brottüten. All das verbindet sich zu dem einen typischen Konbini-Klang, den ich stets im Ohr habe. Eine Plastikflasche wird aus dem Regal genommen, die darüberliegende rollt mit einem leisen Ton nach. Mein Körper reagiert beinahe automatisch auf dieses Geräusch, denn viele Kunden nehmen sich die kalten Getränke erst kurz bevor sie zur Kasse gehen.“

Und weiter: „Vor allem morgens, wenn der Tag beginnt und die Menschen an unserer fleckenlos polierten Scheibe vorbeieilen, genieße ich meine Arbeit in dem hell erleuchteten Glaskasten. Um diese Zeit erwacht die Welt, und ihre Zahnräder setzen sich in Bewegung. Eines dieser Rädchen bin ich, und ich drehe mich immerfort. Ich sehe auf die Uhr. Gleich halb zehn. Um diese Zeit lässt der morgendliche Andrang allmählich nach, und ich muss mit dem Einräumen fertig werden, um anschließend die Vorbereitungen für die Mittagszeit treffen zu können. Ich strecke mich und gehe wieder zum Regal, um weiter Onigiri einzusortieren.“

Im Konbini bringt man Keiko den richtigen Gesichtsausdruck, das richtige Lächeln, die richtige Art zu sprechen bei. Ihre Welt schrumpft endlich auf ein für sie erträgliches Maß zusammen, sie verschmilzt geradezu mit den Gepflogenheiten des Konbini. Doch dann fängt Shiraha dort an, ein zynischer junger Mann, der sich sämtlichen Regeln widersetzt. Keikos mühsam aufgebautes Lebenssystem gerät ins Wanken. Und ehe sie sich versieht, hat sie ebendiesen Mann in ihrer Badewanne sitzen. Tag und Nacht. Beeindruckend leicht, elegant und auch nüchtern entfaltet Sayaka Murata das Panorama einer Gesellschaft, deren Werte und Normen unverrückbar scheinen. „Die Ladenhüterin“ ist ein Roman, der weit über die Grenzen Japans hinaus strahlt. Und ich kann es kaum erwarten, Sayakas nächstes Buch zu lesen.

Die Ladenhüterin auf Amazon kaufen

Fotografie von Sayaka Murata
Der Text erschien in der Kategorie Kunst mit den Themen Bücher, Durian Sukegawa, Haruki Murakami, Japan und Sayaka Murata
Ihr habt etwas zu sagen? Schickt uns einen Leserbrief!
Mark Forster

Marcel Winatschek

Wenn das Deutschland ist, dann möchte ich mit dieser Nation nichts mehr zu tun haben, denke ich mir, als zum zwölften Mal hintereinander die nervige Telekom-Werbung für ein Konzert mit dem als hippen Kappenträger verkleideten Schlagersänger Mark Forster läuft. Dabei wollte ich doch nur Pamela Reifs neuestes Fitnessvideo auf YouTube schauen – aus Gründen, die genau so wenig mit Gesundheit, Sport und richtiger Ernährung zu tun haben, wie der doppelt belegte Dürümdöner, extra scharf und mit Käse obendrauf, den ich mir währenddessen so weit wie nur irgendwie menschlich möglich in den weit aufgerissenen Mund schiebe.

Nazis, Verschwörungstheoretiker und hustende Impfgegner sind noch nicht schlimm genug, um dieser Nation endgültig den Rücken zu kehren, aber Mark Forster, nein, das geht gar nicht, da schüttelt es mich ganz tief drin, da wird sogar ein gewagter Sprung aus dem offenen Küchenfenster mit jedem weiteren Takt, mit jedem weiteren Wort attraktiver. Mark Forsters Musik, wenn man das so nennen möchte, kommt künstlerisch gesehen gleich nach Hüttenkäse mit Schnittlauch. Lediglich das Altpapier zum lokalen Wertstoffhof zu fahren, sich einen Parkplatz zu suchen, auszusteigen, den Kofferraum zu öffnen, das Bündel an vergilbten Zeitungen, Magazinen und Pornoheftchen auszuladen und anschließend in den korrekten Container zu werfen, bevor man zwei, drei Sätze über’s Wetter mit dem hiesigen Stadtangestellten austauscht, ist noch langweiliger – obwohl ich für diese kecke Behauptung gerne eine wissenschaftliche Grundlage hätte, bevor ich mich da endgültig festlege.

Wenn irgendwer mich fragt, warum die deutsche Popkultur nicht im Entferntesten so erfolgreich ist wie die amerikanische, die britische, ja selbst die südkoreanische, dann spiele ich ihnen „194 Länder“ von Mark Forster vor und sie verstehen es, das Leid, die Ohnmacht, die kreative Dystopie, die dieses, naja, Machwerk ausstrahlt. Ihr Blick senkt sich, ein kurzes Nicken, ein schwerer Seufzer, bevor sie mit ihren Platten von Kendrick Lamar, Dua Lipa und BTS unter’m Arm zurück in die künstlerische Zivilisation flüchten – Hauptsache fort von hier, diesem schwarzen Loch der medialen Diversität, so schnell wie nur irgendwie möglich. Bei Mark Forster fühlt man sich, als würde einen der eigene Onkel unsittlich im Schritt berühren, während er einem leise „Du bist toll!“ ins Ohr haucht. Und man fragt sich selbst: Ist das jetzt noch Missbrauch oder schon die neue Normalität?

Seitdem ich meine ersten drei englischen Wörter gelernt habe, „Dog“, „Tree“ und „Cockcumcunt“, möchte ich Deutschland den Rücken kehren. Die Inspiration strahlt vom Westen, vom Osten, vom Norden, vom Süden herüber, aber eines ist sicher: Hier ist sie nicht. Hier gibt es nur Schwarzbrot, RTL und Mark Forster. Aber je weiter es mich fort zieht, desto stärker pocht mein Drang auf Heimat. Und mit Heimat meine ich sicherlich keine Werte, keinen Stolz und auch keine Parolen. Heimat, das ist für mich die Techno-CD der Schlümpfe, das sind die mehr schlecht als recht synchronisierten Animes auf RTL 2 und das ist bei McDonald‘s gleichzeitig sowohl vom nachfolgenden Kunden als auch vom ungeduldigen Kassierer angeschnauzt zu werden, weil man mal einen mutigen Tag hatte und wissen wollte, was das bitte für eine weiße Sauce auf dem ranzigen Aktions-Big-Mac ist.

In Deutschland ist nichts, aber auch gar nichts cool. Filme, Serien, der 08/15-Ich-ficke-deine-Mutter-Hip-Hop – selbst mongolische YouTuber sind wahrscheinlich interessanter als das, was sich innerhalb unserer Grenzen auf dieser kontinuierlich als zukunftsweisend titulierten Plattform eigenständig aus einem Pool von heute vollkommen irrelevanten Amateurkomikern heran gezüchtet hat und nun von einer ganzen Generation an Medienschaffenden zunächst gefürchtet und anschließend gefeiert wird, fast so, als würde sie am digitalen Stockholm-Syndrom leiden.

Rezo sagt einmal etwas über die amtierende Bundeskanzlerin und wird anschließend durch jede Talkshow mit mehr als fünf auf den ersten Blick noch lebenden Zuschauern geschleift, weil er ja die politisch und gesellschaftlich kritische Stimme der Jugend ist – und von der darf es schließlich nur eine geben, mehr können sich die langsam dahin rottenden ZDF-Zuschauer nämlich nicht merken. Der Typ mit den blauen Haaren, das muss reichen. War da nicht noch eine, die das Klima retten wollte? Ach, egal. Von Instagram, Twitter und TikTok möchte ich erst gar nicht anfangen, da haut schließlich jeder drauf, der mehr als drei Minuten im Internet verbracht hat – und zwar zurecht.

Deutschen Schauspielern sieht man in jeder einzelnen Sekunde an, dass sie lieber auf der Theaterbühne stehen würden, als sich hier für den dreiundzwölftigsttausendsten Tatort niederschießen zu lassen. Aber was willste machen? Die ARD zahlt halt besser als die Wald-und Wiesen-Schaubühne in Buxtehude. Über das deutsche Fernsehen an sich wird seit seiner Entstehung geschimpft, auch und gerade von den Menschen, die es machen. Ein weiteres Wort darüber zu verlieren, das wäre, als würde man das sprichwörtliche tote Pferd treten, drauf spucken und dann einen dämlich grinsenden TikToker drüber tanzen zu lassen.

Mit dieser digitalkritischen Anmerkung möchte ich im Übrigen nur beweisen, dass ich am Anfang des Jahres gelernt habe, welche neue, hippe Social-App die 12- bis 12-½-Jährigen heutzutage verwenden, um für 15 Sekunden Ruhm halbnackt in ihren mit Ikea-Möbeln zubetonierten Kinderzimmern herum zu hampeln. Anfang nächsten Jahres wird das schon wieder eine andere Applikation sein, das ist schließlich der unaufhaltsame Kreislauf der sozialen Medien.

So zu tun, als würde man sich nur am Rande mit der voran schreitenden Evolution der digitalen Revolution befassen, anstatt zuzugeben, dass man einfach nur zu alt, zu fett und zu hässlich ist, um auf diesen neuen Plattformen etwas zu reißen, und sich deshalb Nacht für Nacht mit einer Packung Schokoladeneiscreme im Arm leise in den Schlaf weint, ist übrigens genauso traurig wie öffentlich immer und immer wieder breitzutreten, dass man keinen Fernseher besitzt, Facebook gelöscht hat oder Brot ab jetzt selbst backt, weil man das ja immer schon mal machen wollte. Warum auch immer.

Menschen, die zu Hause Brot backen, das sind diejenigen, die währenddessen Mark Forsters neues Album laufen lassen, seinen pseudoweisen Worten lauschen, zuhören, mitwippen. „Mann, wann seh‘ ich dich endlich? Ich schick‘ ’n Herz in Rot zu dir!“ Wow, so romantisch, der Mark. „Manches kommt und geht und kommt nie mehr, und dadurch ist es noch mehr wert!“ Wow, so tiefsinnig, der Mark. „Ich sag‘ dem alten Leben Tschüss, Affe tot, Klappe zu, wie die Kinder in Indien, ich mach‘ ’n Schuh!“ Wow, so… ähm… okay, das ist selbst mir zu hoch.

Ich möchte den Leuten, die sich freiwillig ein komplettes Album von Mark Forster anhören, von vorne bis hinten, die auf seinen Konzerten zustimmend mit dem Kopf nicken, die sich dabei an den Freund oder die Freundin kuscheln und sich endlich durch und durch verstanden fühlen, die philosophische Vollkommenheiten wie „Wir sind für immer, forever, von jetzt an bis zum Schluss, ich geh nicht mehr weg, never ever, bin bei dir, wenn wer mich sucht!“ mitgrölen und es auch so meinen, tief in die Augen schauen, direkt in ihren Kopf, und wirklich, ganz ehrlich verstehen, welche fatalen Entscheidungen sie in ihrem Leben getroffen haben, um jetzt, hier, vor dieser Bühne zu stehen, und den einlullenden Lebensweisheiten von Mark Forster zuzuhören, anstatt wortwörtlich irgendetwas anderes zu erleben. Irgendetwas. Irgend. Etwas.

Sie hätten, im wahrsten Sinne des Wortes, alles andere auf diesem Planeten und darüber hinaus machen können, aber nein, sie haben sich bewusst dazu entschieden, Tickets übers Internet zu kaufen, mit drei, vier Freunden in ein Auto zu steigen, ins Deutsche Eck nach Koblenz zu fahren, sich zwei Stunden lang Lieder wie „Übermorgen“, „Chöre“ und „Wir sind groß“ anzuhören, und das auch noch gut zu finden, und anschließend am besten noch ein Tour-T-Shirt und ein Poster käuflich zu erwerben, damit auch ja alle übrig gebliebenen Freunde, Kollegen und Bekannten mitbekommen, dass sie bei Mark Forster waren. Und anstatt sich dafür zu schämen, sind sie auch noch stolz drauf.

Im Groben und Ganzen trägt genau diese in allen erdenklichen Faktoren durchschnittliche Einstellung der jedes Jahr für eine Woche nach Mallorca, und wenn sie tollkühn sind, auch mal nach Thailand fliegenden Bankangestellten dazu bei, dass die deutsche Popkultur nicht mehr zu retten ist. Und mir geht es dabei gar nicht um den Mainstream oder dass nur diejenigen tolle Menschen sind, die sich psychedelischen 70er-Jahre-Underground-Rap-Metal aus Finnland anhören, weil nur der einem den Sinn des Lebens klar macht.

Mark Forster ist, genau wie Helene Fischer und Andrea Berg vor ihm, der absolute Nullpunkt derjenigen, die in ihrem Leben niemals auch nur einen Millimeter über den kulturellen Tellerrand geschaut haben. Die sich ihren Musikgeschmack von Spotify, Antenne Bayern und dem Kulturressort von Omas Fernsehzeitung diktieren lassen, die das Erstbeste in ihre seichte Persönlichkeit aufgenommen haben, was ihnen an den Kopf geworfen wurde: eine harmlose Poprockschlagerscheiße, die so knapp an der kreativen Flatline vorbei schrammt, dass selbst das Besetztzeichen im Telefon aufregender ist.

Wenn du nachmittags eine Stunde lang durchgängig Radio hören kannst, von einer Nachrichtensendung bis zur nächsten, ohne vollkommen verrückt zu werden, ohne den langsam in dir aufsteigenden Drang zu verspüren, den Empfänger aus dem Auto zu reißen oder aus dem Großraumbüro, in dem du irgendwie gelandet bist, zu werfen, dann weißt du, dass dein Leben vertan ist, dass du niemals etwas Bedeutungsvolles schaffen oder erreichen wirst, dass du den gleichen Weg gehst, den schon Millionen vor dir gegangen sind, ohne auch nur einmal darüber nachzudenken, dass man vielleicht nicht immer nur geradeaus laufen muss, sondern auch mal eine der unzähligen Abzweigungen nutzen könnte. Aber das wäre viel zu riskant, wer weiß, was da auf einen wartet. Also hörst du lieber weiter Mark Forster, auf den man nur trifft, wenn man in seinem kläglichen Dasein niemals auch nur den Hauch eines Risikos eingegangen ist, und hast dich längst an diese unsittliche Berührung irgendwo tief in deiner in Mittelmäßigkeit ertrinkenden Seele gewöhnt. Oder wie Mark es philosophisch versiert ausdrückt: Da fährt ein Bus.

Deutsche Musik auf Amazon kaufen

Illustration von Benjamin Kakrow
Der Text erschien in der Kategorie Musik mit den Themen Andrea Berg, Deutschland, Helene Fischer, Mark Forster und Popkultur
Ihr habt etwas zu sagen? Schickt uns einen Leserbrief!
×
Impressum

Herausgeber

Marcel Winatschek

AMY&PINK ist euer digitales Popkulturmagazin und gibt euch alles, was ihr über Mode, Kunst, Musik, Filme, Spiele, Essen, Reisen, Liebe, Sex und das Leben im Allgemeinen wissen müsst. Jeden Tag aufs Neue.

Sendet uns eure CDs, Filme, Serien, Bücher, Magazine, Comics, Getränke, Videospiele, Schuhe, Kleidungsstücke, technischen Spielereien und weitere schöne Dinge an die folgende Adresse und vielleicht stellen wir sie auf AMY&PINK vor.

Wenn ihr auf AMY&PINK werben oder veröffentlicht werden wollt, eine rechtliche oder inhaltliche Anfrage habt oder weitere generelle Informationen benötigt, dann schickt uns eine Email!

Adresse

AMY&PINK
Bgm.-Strauß-Straße 8
86807 Buchloe
Deutschland

Kontakt

Email: kontakt@amypink.com
Telefon: +49 157 34335280

© 2020  •  Alle Rechte vorbehalten

Wir übernehmen keine Verantwortung oder Haftung für unverlangte Einsendungen.

Mit dem Erhalt von Fotografien, Texten und ähnlichen analogen wie digitalen Materialien erklärt sich der Einsender dazu bereit, dass er die vollen Rechte daran besitzt und diese kostenfrei, lizenzfrei und für unbestimmte Zeit auf AMY&PINK veröffentlicht werden dürfen.

Diese Webseite verwendet Cookies und wird finanziell sowie inhaltlich durch Werbung, Produktplatzierungen und Affiliate-Links unterstützt.

Weitere Informationen findet ihr in unserer Datenschutzerklärung.