Zerstör mich! - Liebe muss die Hölle sein

Meine beste Freundin, die womöglich nur eine gute Bekannte ist, schaut mich immer wieder verstört an, wenn ich ihr erzähle, dass ich schlichtweg mit keinem Mann zusammen sein kann, der…
Zerstör mich! - Liebe muss die Hölle sein

Zerstör mich!

Meine beste Freundin, die womöglich nur eine gute Bekannte ist, schaut mich immer wieder verstört an, wenn ich ihr erzähle, dass ich schlichtweg mit keinem Mann zusammen sein kann, der mich nicht an meine mentalen Grenzen und darüber hinaus treibt. „Such dir doch einfach mal einen ganz normalen Typen!“ rät sie mir dann. Doch egal, wie sehr ich mir das auch wünschen würde, ich kann es nicht.

Ich war 14, als ich meinen ersten richtigen Freund traf. Er war 17 und psychisch gestört. Das wusste ich anfangs aber nicht. Mir war nur wichtig, dass er schlank, ja, fast schon schmächtig war, lange, dunkle Haare hatte und mich verstand. Er spielte in einer Band, schrieb Kurzgeschichten über die Liebe, die er aber niemals veröffentlichte, und küsste so zart und doch stark, dass ich allein bei dem Gedanken daran heute noch feucht werde.

Zu Beginn unserer Beziehung taten wir ganz normale Paardinge. Eis essen gehen. Im Kino knutschen. Wein trinken und dabei Musik hören. Am Ende unserer Beziehung zog ihn meine Mutter heulend und kreischend an seinen langen Haaren aus meinem Zimmer, während sein aufgeschnittener Arm unseren Flurteppich voll blutete und er aus voller Kehle „My Heart Will Go On“ brüllte. Zwischen Anfang und Ende lagen dreieinhalb Jahre. Das war zugleich die schönste als auch die schlimmste Zeit in meinem Leben.

Wenn andere Frauen erzählen, dass sie von ihrem Freund psychisch missbraucht wurden, dann möchte ich nur laut lachen und sie zurück in ihr ödes, mittelmäßiges Leben schicken, das sie für so krass und schlimm und deprimierend halten. Die emotionale Hölle ist nämlich nicht traurig und auch nicht hart, sie ist wunderschön, fast schon magisch, besonders zu zweit. Wer etwas anderes denkt, der ist nie bis ans Ende gegangen.

Als ich merkte, dass unsere Beziehung irgendwie anders war als die meiner Klassenkameraden, war ich gerade dabei, der Katze meiner Nachbarin den Schwanz mit einem Küchenmesser abzuschneiden. Die Wetten, die mein Freund und ich uns ausdachten, waren anfangs noch harmlos und ziemlich lustig, wurden aber immer abstruser, ekliger und auch gefährlicher. Meine Freunde, die ich seit dem Kindergarten kannte, hatten irgendwann Angst vor mir.

Aus der Clique von ungefähr zehn Leuten waren nach und nach nur noch wir beide übrig, weil wir uns von den anderen abkapselten. Die begriffen uns nicht, die waren zu normal. Wir verstanden die Welt, aber die Welt verstand uns nicht. Wir redeten jede Nacht stundenlang über Dinge, die sich andere nicht auszusprechen trauten. Tod, Schmerzen, die Sterne. Wir waren eins, alle anderen waren einsam. Solche Verlierer.

Ich begann, alle anderen Menschen zu hassen, weil sie so normal waren. Von dem netten Mädchen, das ich vor dieser Beziehung war, war danach nicht mehr viel übrig. Mein Freund lehrte mich, dass das Leben eine einzige Farce ist, die man nur dadurch austricksen konnte, indem man immer etwas Unerwartetes tat. Und das taten wir. Und es war großartig. Gott wusste nicht, mit wem er sich da anlegte.

Wir waren auf jeder Ebene ebenbürtig. Er versuchte nicht, mich zu manipulieren, sondern ich verband sein krankes Gehirn mit meinem. Und so wurden aus zwei ver- und zerstörten Seelen eine. Wir dachten irgendwann wie eine Person. Für uns war das ganz normal. Und wenn Liebe jemals einen wahre Definition haben sollte, dann diese. Natürlich klingt das nach jugendlicher Emoscheiße, aber es war, als wären wir die einzigen Wesen in einem viel zu großen Universum, die wirklich zusammen gehörten.

Er tat alles, was ich sagte. Und ich tat alles, was er sagte. Er trat seinem Chef auf einem Betriebsausflug zwischen die Beine, weil ich es sagte. Und ich ließ mich von einem übergewichtigen Türken mittleren Alters auf der McDonald’s-Toilette bumsen, weil er es sagte. Es war keineswegs, als hätte ich meinen Kopf abgeschaltet, sondern als würden wir jede noch so kleine Entscheidung gemeinsam treffen.

Natürlich war selbst diese wunderschöne Hölle nicht für die Ewigkeit bestimmt. Irgendwann driftete er in eine von MDMA geflutete Welt ab, in der ich keinen Halt fand. Er war von Tag zu Tag fröhlicher und glücklicher, während meine Gedanken immer düsterer wurden. Unsere perfekte Harmonie schien uns zu entgleiten. Ich tat alles, was er sagte, aber er irgendwann nicht mehr, was ich sagte. Und das machte mich wütend.

Ich saß nachts allein in meinem Zimmer und malte mir aus, welche schlimmen Dinge ich ihm und seiner Familie antun würde, sollte er mich verlassen. Er hatte mich in diese dunkle Parallelwelt gebracht und nun dort allein zurück gelassen. Ich wollte nicht, dass er glücklich ist. Ich wollte, dass er mit mir gemeinsam zerstört ist.

Um ihn eifersüchtig zu machen, begann ich etwas mit einem blonden Schönling aus meiner Klasse. Doch das interessierte ihn gar nicht. Dafür gefiel mein Ersatzfreund meiner Mutter so gut, dass sie vor Glück fast weinte. „Gott sei Dank“, sagte sie damals. „Ich dachte schon, du würdest für immer mit diesem Idioten zusammen sein.“ Ich lächelte nur. Was wusste sie schon.

Das ging ein paar Monate so und ich begann fast zu glauben, dass ich wieder ein normaler Mensch werden könnte, mit normalen Kinoabenden und normalen Partys und normalen Abendessen bei den Eltern des jeweils anderen. Bis eines Abends mein Freund vor der Tür stand. Es regnete. Seine langen, dunklen Haare waren ganz nass. Ich wollte mich am liebsten sofort in ihnen vergraben.

Ich weiß nicht, ob er betrunken oder high oder einfach nur verstört war, aber er sagte, er hätte ein Mädchen kennengelernt, eines mit Locken und einem süßen Lächeln und sie wäre in einer 80s-Tanzgruppe und Klassensprecherin. Sie wäre ganz großartig, aber irgendwie würde sie ihm emotional nicht so viel bedeuten wie ich. Er würde mich vermissen. Ob ich ihm nochmal eine Chance geben würde.

Man könnte jetzt denken, dass ich aus Spaß „Wetten, du traust dich nicht, dir die Pulsadern aufzuschneiden!“ sagte, aber ich meinte es vollkommen ernst. Wenn er wirklich mit mir zusammen sein will, dann macht er es auch, dachte ich mir. Natürlich wollte ich nicht, dass er starb. Ich wollte nur, dass er tat, was ich ihm sagte. Dass er mir seine Treue bewies. Seine unendliche Loyalität.

Der Schnitt war nicht lebensgefährlich, aber er blutete wie ein Schwein. Meine Mutter rastete aus, der Krankenwagen und die Polizei kamen, Nachbarn hatten sie gerufen. Ich schlief noch einige Nächte auf dem länglichen Fleck, bis er plötzlich weg war. Meinen Freund sah ich danach nur noch einige Male, aber wir sprachen nicht mehr viel miteinander. Ich galt als Psycho, er begann Verschwörungstheorien zu entwickeln. Satelliten würden ihn beobachten. Sein Handy warf er in einen nahegelegenen See.

Ich habe versucht, danach wieder eine normale Beziehung mit einem normalen Menschen zu führen. Aber es klappt nicht. Wenn deine erste Beziehung dir so viele innerliche Türen geöffnet hat, von denen du vorher nicht einmal wusstest, dass sie existieren, dann kannst du nicht mehr so tun, als würdest du sie nicht kennen. Du wirst inkompatibel für Leute, die noch nie gewisse Schalter in ihrem Gehirn umgelegt haben.

Mein nächster Freund war Steuerfachangestellter oder irgend so ein Scheiß. Seine Eltern waren Anwälte. Ich hätte ihnen vor lauter Gewohnheit an die Wand kotzen können. Der Typ versagte schon bei der ersten Wette, die ich ihm auferlegte, dabei war sie noch harmlos. Er sollte ein fremdes Mädchen auf einer Party küssen, auf der wir waren, ohne vorher mit ihr zu sprechen. Natürlich traute er sich das nicht. Aus lauter Enttäuschung machte ich noch auf der Stelle mit ihm Schluss und habe dem Türsteher einen geblasen.

Seitdem befinde ich mich in einem Limbo der Langeweile. Ich fühle mich, als hätte ich alle meine Emotionen bereits gelebt, als wäre ich ausgefühlt, als wäre der Rest meines Lebens lediglich ein Warten auf den Tod. Ich würde alles geben, um nur noch eine Nacht wie die zu erleben, in der die Welt noch in Ordnung war. In der ich mich zu Hause fühlte, in der Gewissheit, dass wir eins waren und alle anderen nicht.

Meine beste Freundin, die womöglich nur eine gute Bekannte ist, schaut mich immer wieder verstört an, wenn ich ihr erzähle, dass ich schlichtweg mit keinem Mann zusammen sein kann, der mich nicht an meine mentalen Grenzen und darüber hinaus treibt. „Such dir doch einfach mal einen ganz normalen Typen!“ rät sie mir dann. Doch egal, wie sehr ich mir das auch wünschen würde, ich kann es nicht.

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