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Was sind wir eigentlich? Zwischen Liebe und Gleichgültigkeit

Wenn man jemanden kennenlernt, den man mag, also mehr mag, als man Freunde mag, kommt irgendwann unweigerlich diese eine Frage auf, die man sich kaum zu stellen traut, weil sie so unglaublich viel Macht hat. Zumindest hat sie das für mich. Ich habe vor einiger Zeit jemanden kennengelernt, den ich ma...
Was sind wir eigentlich? Zwischen Liebe und Gleichgültigkeit

Was sind wir eigentlich?

Zwischen Liebe und Gleichgültigkeit

Jana Seelig

Wenn man jemanden kennenlernt, den man mag, also mehr mag, als man Freunde mag, kommt irgendwann unweigerlich diese eine Frage auf, die man sich kaum zu stellen traut, weil sie so unglaublich viel Macht hat. Zumindest hat sie das für mich. Ich habe vor einiger Zeit jemanden kennengelernt, den ich mag. Den ich mehr mag, als man Freunde mag.

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Wir treffen uns recht regelmäßig, gehen Cocktails trinken und ins Kino, verbringen die Abende gemeinsam auf der Couch, lesen uns gegenseitig Bücher vor und schlafen bei- und miteinander. Manchmal verbringen wir morgens noch eine halbe Stunde knutschend im Hausflur, bis wir bereit sind, uns voneinander zu verabschieden und manchmal geht das auch ganz schnell, High Five und Tschüss.

Wir lachen und wir streiten viel, meist über schwachsinnigen Scheiß, wie, welcher nun der beste Charakter von „Glee“ ist, ziehen den jeweils anderen mit seinen seltsamen Marotten auf und schicken uns Sprachnachrichten zu, in denen wir viel zu laut und viel zu schief die schlimmsten Popsongs der 90er-Jahre wiedergeben, die der andere dann sinnvoll ergänzen muss, wie beim „Riff-Off“ von Pitch Perfect.

Im Prinzip führen wir die perfekte Beziehung – nur, dass wir eigentlich keine Beziehung führen. Ich glaube, ich würde gern mit ihm zusammen sein, also so richtig fest zusammen sein, doch momentan ist alles so perfekt, dass ich mich nicht traue, die Frage zu stellen, die mir so dringlich auf den Lippen brennt, weil so viel Angst mit in ihr schwingt. Es ist die Angst, all das zu verlieren, was ich gerade mit ihm erlebe, weil die Frage, oder besser gesagt die Antwort darauf, mir all das plötzlich nehmen könnte.

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Meine Freunde sagen, dass es in unserem Fall überhaupt nicht nötig ist, diese Frage zu stellen. „Ihr führt eine Beziehung“, sagen sie, „da gibt es nichts zu hinterfragen.“ Sie fügen dann hinzu, dass das nicht zu übersehen wäre und dass ich mich nicht so stressen soll, weil doch alles so perfekt ist und wir beide so kitschig sind, wie es nur ein Paar sein kann. Nur, dass wir halt einfach kein Paar sind.

Wir sind irgendwas zwischen besten Freunden, die miteinander schlafen, und flüchtigen Bekannten, die sich auf der Straße nur kurz zunicken, wenn sie sich zufällig begegnen. Unser Verhältnis zueinander ist von Tag zu Tag irgendwie unterschiedlich, doch es ist immer schön, nie unangenehm. Wir können 24 Stunden am Stück miteinander kommunizieren, aber auch mal drei Tage gar nicht miteinander reden. Egal wie es ist, es ist okay, und das, das ist schon irgendwie besonders.

Auch mein bester Freund ist gerade frisch verliebt. Sechs Wochen lang trifft er sich nun schon mit diesem Mädchen, diesem einen Mädchen, von dem er sagt, dass er wirklich in sie verliebt ist. Das hält ihn allerdings nicht davon ab, sich auch mit anderen Mädchen zu treffen. Nicht so, wie er sich mit diesem einen Mädchen trifft, aber er küsst sie auch und schläft mit ihnen, nur dass die anderen im Gegensatz zu diesem einen Mädchen nicht über Nacht bleiben dürfen und er sich auch nach zwei, drei Treffen einfach nicht mehr bei ihnen meldet.

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Er macht das nicht, um irgendjemandem weh zu tun oder weil er sich nicht auf ein Mädchen festlegen will, denn er hat sich längst schon festgelegt, auf dieses eine Mädchen, dieses ganz Besondere, sondern nur, weil nicht klar ist, was sie sind. In meinen Augen sind sie eigentlich zusammen, nur dass es bisher keiner ausgesprochen hat.

Mein bester Freund ist der Meinung, dass man so etwas auch nicht aussprechen muss, weil sich alles irgendwie von selbst fügt und so wird, wie es sein soll, und trotzdem verstehe ich nicht, wieso er dann mit anderen schläft. Er ist nämlich nicht der polygame Typ, wenn es um mehr geht als einfache Ficks.

Auf die Frage, warum er genau das tut, also mit anderen schlafen, wo doch eigentlich ganz eindeutig die beiden zusammen sind oder zumindest zusammen gehören, hat er eine simple Antwort parat: „Weil ich glaube, dass sie es auch tut.“

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Nachvollziehen kann ich das nicht, aber ich verstehe, was er mir damit sagen will: Solange nichts geklärt ist, keine Beziehung definiert, spricht absolut nichts dagegen, diese anderen, kleinen Affären mitzunehmen. Insbesondere dann nicht, wenn man noch überhaupt nicht weiß, wohin es einen eigentlich führt.

Es ist nämlich so: Mein bester Freund hat auch Angst. Angst, mit dieser einen Frage das zu ruinieren, was er gerade hat, und damit meine ich nicht die vielen Affären, sondern die Beziehung zu seinem Mädchen. Was, wenn sie etwas anderes will als er? Nämlich eben nicht zusammen sein, keine Zukunft planen, sondern einfach genießen, was gerade geht? Und deshalb nimmt er es einfach so hin und sagt diese Dinge von wegen „alles fügt sich irgendwann von selbst“ und „es wird so sein, wie es sein soll“ und belügt sich eigentlich nur selbst.

Abgesehen davon, dass diese ganzen Sätze etwas furchtbar Spirituelles haben, an das ich einfach nicht glauben kann, muss man heute, glaube ich, einfach definieren. Oder sich zumindest offen sagen, was man will, sich wünscht, sich erhofft. In einer Welt, in der hinter jeder Ecke ein potentieller Flirt wartet, verliert man zu schnell die Dinge, die einem wirklich etwas bedeuten.

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Einfach, weil’s so leicht ist und ja auch irgendwo Spaß macht, dem nachzugehen, sich nicht festzulegen, die Optionen zu betrachten. Wir werden angetrieben vom Gedanken, etwas zu verpassen, wenn wir das nicht tun, und verpassen so viele Dinge, die so viel wertvoller sind als das.

Natürlich bleibt die Angst, diese Dinge oder besser gesagt Menschen, die wir als wirklich wertvoll erachten, zu verlieren, wenn wir nur diese eine Frage stellen, doch mal ehrlich: Ist die harte Realität, dass man vielleicht doch nicht das ist, was man sich wünscht zu sein, nicht besser, als einfach nicht zu wissen, was man ist?

Es nimmt einem doch so viele Grübeleien, wenn man ausspricht, was man denkt und hört, was der andere dazu zu sagen hat. Egal, wie die Antwort auch ausfällt: Es bringt einen voran. Wenn schon nicht zwei Menschen zusammen, dann wenigstens die Einzelperson, die dann ihren Fokus wieder gerade rücken und unbeschwerter leben kann, als sie es vielleicht unbewusst jetzt tut. Alles andere ist doch auf Dauer nur erdrückend. Und so bleibt einem eben doch nichts anderes übrig, als irgendwann zu fragen: „Was sind wir eigentlich?“

Die Fotografie stammt von Jonathan Leppan
Der Text erschien in der Kategorie Liebe mit den Themen Beziehungen, Emotionen, Frauen, Gedanken, Jungs, Liebeskummer, Mädchen, Männer, Paare, Trauer und Trennungen
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