Von Bett zu Bett - Wir sind zu jung für die große Liebe

Es scheint viele stolze Begriffe für die Zeit zu geben, in der wir mehr zufällig als selbstbestimmt hineingewachsen sind. Andere beschreiben uns als die Generation der unbegrenzten Möglichkeiten. Die Generation…
Von Bett zu Bett - Wir sind zu jung für die große Liebe

Von Bett zu Bett

Es scheint viele stolze Begriffe für die Zeit zu geben, in der wir mehr zufällig als selbstbestimmt hineingewachsen sind. Andere beschreiben uns als die Generation der unbegrenzten Möglichkeiten. Die Generation der Selbstverwirklichenden. Die Generation der Individuen. Die Generation der Erfolgsorientierten. Die Generation der Egoisten. Vielleicht sind diese anderen aber auch wir selbst.

Wie oft haben uns unsere geliebten Großeltern schon am Abendtisch gepredigt, wenn sie damals die Möglichkeiten gehabt hätten, wären sie noch einmal so jung wären, könnten sie sich noch einmal von vorne beginnen, sie hätten zumindest nicht gleich den Erstbesten geheiratet, sondern sich vorher noch einmal so richtig umgeschaut.

Wäre der Krieg nicht gewesen, wären sie nicht so arm gewesen, hätten sie ohne Heirat zusammenziehen können, wären die Verhütungsmittel bei ihnen im Dorf angekommen, wären ihre Eltern nicht so religiös gewesen. Letztendlich lautet die Nachricht: “Kind, nimm dir Zeit mit der Wahl deines Partners.” Schließlich sind wir weder kurz nach dem Krieg aufgewachsen noch sind wir auf die Grundlagen des Überlebens angewiesen.

Es gehört nicht länger zu unseren gesellschaftlichen Verpflichtungen, sofort zu heiraten und im glücklichen Normalfall dank mittelalterlicher Traditionen fleißig weitere Kinder in die Welt zu werfen, sobald die Periode aus uns heraus quillt. Heute verlangen diejenigen, die wir als unsere Mütter und Väter ansehen, von uns, uns zukunftsorientiert zeigen. Engagement zu beweisen.

Doch warum gibt es dann dennoch etliche Paare in meinem Freundeskreis, die noch nicht mal einen zweiten runden Geburtstag gefeiert haben, aber bereits die fünfte Kerze auf ihrem, Pardon, eingestaubten Beziehungskuchen auspusten und eine App herunterladen, die das gern etwas deformierte Gesicht ihres zukünftigen Kindes konstruiert?

Weshalb reißen wir uns gegenseitig die Köpfe ab, wenn wir auf Partys einmal fremd flirten? Ich bin kein Freund von offenen Beziehungen, doch wo sind sie hin, die Hippies, die Rebellen, die wilden Liebeslüste der Sechziger, von mir aus die Draufgänger und Neugierigen der Neunziger? Sind wir mittlerweile so zivilisiert, dass uns die pure Leidenschaft nicht mehr so reizt wie anspruchslose Zufriedenheit?

Oft kommen auch langjährige Freunde, die wir seit dem Kindergarten – oder noch früher – her kennen, unter die Räder, wenn es darum geht, effektiv und schnell eine intensive Bindung zu einer geöffneten Art von Mensch einzugehen. Und das ganz ohne Reue. Wir empfinden den starken Drang, die große Liebe zu finden, obwohl wir eigentlich noch so jung sind und so frei sein könnten. Was bei vielen eher bedeutet: Hauptsache irgendwer, der sich ebenfalls effektiv und schnell binden möchte.

Ich rede von dem Drang nach ernsthaften, größeren, bedeutsameren Liebeleien und nicht von jugendlicher Neugierde, schnellem Anfassen oder der Lust neue Dinge auszuprobieren. Von Vorbildern kann seit jeher nicht mehr die Rede sein. Die haben sich unlängst in Antibindungsvorbilder für Leute unter dreißig verwandelt.

Es sieht ganz einfach so aus, als läge am Ausprobieren weniger Interesse als an einer intensiven Bindung zu einer Person. Wir suchen immer wieder verzweifelt nach Liebe, Aufmerksamkeit, Zuneigung, die sich nur auf uns und unsere eigene Persönlichkeit beschränkt. Mit der man offensichtlich auch immer mehr zu teilen hat, denn anscheinend ist unsere Welt so konstruiert und verwirrt, so offen geworden, so gesprengt von sämtlichen familiären Sicherheiten oder vorgesetzten Rahmen, dass wir uns freiwillig Regeln setzen und nur zu zweit den wilden Alltag überstehen können.

Wenn wir schon als die Generation der unbegrenzten Möglichkeiten gelten, dann müssen wir uns wohl eingestehen, dass wir ebenso zur Generation der Umherirrenden zählen, der Sich-den-Kopf-leer-Schießenden, der Taumelnden, der Ungefragten, der Möglichkeitsüberforderten, der Sinnentleerten – der Aufgebenden.

Wenn alles demnach so unbeständig ist, ist der Drang auch nur irgendeine Konstante in unseren kleinen Leben aufrecht zu erhalten auf einmal viel größer. Wir legen uns auf eine Bezugsperson fest, weil viele Bezugspersonen scheinbar leichter zu haben sind, aber gleichzeitig immer unzuverlässiger und immer illoyaler werden.

Wir kleben an einer Person in der Hoffnung, dass diese uns zusammenhält, wobei sich die meisten noch nicht einmal selbst zusammenhalten können – oder geschweige denn wissen, was ihr Halt überhaupt sein könnte. Es ist eben doch nicht so einfach, alleine individuell zu sein und sich mit großen Zukunftsplänen zu konfrontieren. Wir suchen eine starke Schulter oder einen sanften Kuss, weil uns die Welt da draußen mit Rückschlägen streichelt.

Die konservative Beziehungseinstellung ist demnach also eigentlich die, die unserem Wohlergehen in Kombination mit der heutigen Zeit am meisten entspricht. Wir sträuben uns nur dagegen, weil wir auf keinen Fall Preis konservativ sein wollen – um jeden Preis aber offen für alles und erfolgsorientiert wirken müssen. Langfristige Beziehungen in jungen Jahren behindern uns nur, stehlen uns die Zeit. Oder sind sie etwa die einzige Möglichkeit, wie wir trotz unserer selbstzerstörten Charaktere noch an einen Rest von Selbstbewusstsein gelangen?

Sind sie also die Glücklichen? Sie, die neuen, vom Aussterben bedrohten, starken, jungen Pärchen, die wissen, was sie wollen und nicht aus konventionellem Zwang zusammen sind – und daher gemeinsam planen und doppelt stark die Zukunft bestreiten. Oder eben die erbärmlichen, schwachen, lechzenden Großstadtjäger, die sich irgendwann alleine in einer dunklen Wohnung wiederfinden und den Traum von der großen Liebe abschreiben müssen, bevor sie es noch selbst so richtig realisieren.

Von einem fremden Bett ins nächste zu hüpfen, ist mindesten genauso anstrengend wie von Job zu Job oder von Stadt zu Stadt. Die Welt, in der wir unser Dasein fristen, ist aktiver geworden – und nicht grade gefahrenloser. Unbeständig, unruhig, fordernd. Eine Beziehung ist das alles manchmal auch, aber sie ist eines vor allem nicht: einsam.

Womöglich ist diese junge, alternative, sich selbst deformierende und sich auf keinen Fall ernst nehmende Generation am Ende nichts weiter als eine wackelige Kulisse für ein paar zusammengekauerte, einsame, leise schlagende Herzen, die trotz des Fickens, der Drogen und des bombastischen Basses in lichtlosen Kellern nur nach einer Sache verlangen: Einem weiteren einsamen, leise schlagenden Herzen zum daran festhalten.

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