Träume - Der sturmfreie Blobfisch

Ein Schwindel durchfährt mich, dessen Ursprung in einer wilden Wahrheit begründet liegt. Diese Wahrheit ist durchdringend und unerwartet. Diese Wildheit ist wie die Savanne – staubig und karg. In ihr…
Träume - Der sturmfreie Blobfisch

Träume

Der sturmfreie
Blobfisch

Ein Schwindel durchfährt mich, dessen Ursprung in einer wilden Wahrheit begründet liegt. Diese Wahrheit ist durchdringend und unerwartet. Diese Wildheit ist wie die Savanne – staubig und karg. In ihr ist kein Platz für Lebendiges, nur für eine flirrende Fata Morgana, vor der ich mich niedergelassen habe. Die Sonne erhitzt meine Kopfhaut und ich starre bewegungslos auf die Illusion eines Wasserlochs. Nichts bewegt sich.

Genauso, wie letzte Woche im Weinbergspark, als die Illusion noch neben mir lag und wir gemeinsam auf diesen Tümpel schauten, der von Seerosen bewachsen ist. Man könnte annehmen, dass ein Gewässer klar und frisch sein müsste, wenn es blühende Blumen bewohnen, dabei ist dieser Teich dickflüssig und zäh; dunkel und modrig.

Ich starre auf meine Erdbeer-Minz-Eiskugel, die immer mehr aus ihrer Form gerät. Statt in meinem Mund zu landen, macht sie es sich als rötliche Soße auf meinen Fingern gemütlich. Richard leckt derweil an seiner vierstöckigen Eiskonstruktion herum. Neben Banane, Vanille, Nougat und Birne hatte er sich noch für Schokoladensoße, Sahne und ein paar bunte M&Ms entschieden.

Obwohl der Wind in einer milden Intensität an meinen Armhärchen vorbeifegt, die Sonne kraftvoll strahlt und der Sommer längst in jeder Faser der Welt spürbar wird, fühle ich mich grauenhaft. Zwei Stunden waren wir spazieren, ohne dass aus unseren beiden Mündern nur ein einziger sinnvoller Satz herausgekommen ist.

Im Moment liegt eine Leere zwischen uns, die so schwer ist, wie ein Betonklotz. Diese Leere breitet sich immer weiter über meinen ganzen Körper aus. Alle 30 Sekunden wechselt dieser riesige Stein seine Position. Vor allem meine Brust und mein Kopf sind beliebte Ausflugsziele.

Es war ein Irrtum zu glauben, dass an einem Gesprächs-Spaziergang etwas hätte nett werden können und weil Richard meine Intention dieses gemeinsamen Schlenderns sofort durchschaute, lief er von Beginn an obsessiv zwei Meter vor mir. Ich fragte ihn ganz vorsichtig: „Rennst du vor diesem Gespräch weg, Richard?“ – aber alles was er antworten konnte war: „Nein Juliette, ich renne nicht vor diesem Gespräch davon“.

Ich spazierte also in alter Geisha-Manier gepflegt hinter ihm und hatte genügend Zeit mir sein dünnes Haar anzuschauen, das jeglicher Brauntöne entbehrte und durch den Wind erste kahle Stellen offenbarte. Mein Aggressionspotential stieg mit der Stille, die zwischen mir und meinem Vordermann wuchs. Jeder Teil seines Körpers, jede Verformung oder Ausbuchtung fiel plötzlich meiner Begutachtung zum Opfer.

Der Abstand zwischen uns beiden gab mir die Freiheit über unsere gemeinsame Zeit nachzudenken und mich zu fragen, wie aus diesen paar Wochen vier Monate werden konnten. Ich versuchte die schönen Momente zu reminiszieren und je angestrengter ich darüber nachdachte, umso weniger fielen mir ein. Übrig blieben genau drei liebevolle Augenblicke, die wenn man sie in den zeitlichen Bezug setzte, lediglich wie Sternschnuppen erschienen.

Neben der plötzlichen Bestürzung überkam mich eine tiefe Erschöpfung. Diese Erschöpfung konnte den aktuellen Erkenntnissen geschuldet sein; sie konnte in Zusammenhang mit diesem Wettlauf um den zwei Meter Abstand gebracht werden – aber vielleicht war sie auch einfach Teil dieser viermonatigen Farce. Diese Erschöpfung war so groß, dass ich Richard bat eine kleine Pause einzulegen um ein gemeinsames Eis zu essen.

Jetzt liegen wir nebeneinander im Park und sind weiterhin konzentriert mit uns selbst beschäftigt. Um nach wie vor nicht mit mir sprechen zu müssen, kaut Richard an seinem vereisten Fernsehturm herum. Ich glaube er wünschte, er würde damit niemals fertig werden. Mir selbst ist die Lust auf Eis vergangen und so lasse ich die Erdbeer-Minz-Soße einfach weiter über meine Finger laufen. Schön sieht das aus. Viel schöner, als die Seerosen im Tümpel, denke ich.

„Schmeckt dir Erdbeer-Minze nicht?“ fragt Richard nur und wenn der Betonklotz nicht gerade auf meiner Brust läge, dabei meine Lunge verbarrikadiert und mir die nötige Luft für einen echten Heulkrampf vereitelt, dann würde es mir aus den Augen laufen genauso stark, wie es seit zehn Minuten von der Waffel herunter strömt. Durchsichtig würden meine Tränen aussehen – so wie Zitronen-Sorbet.

Ich beobachte Richard, wie er genüsslich seine M&Ms zerkaut und irgendwie erinnert er mich an einen Blobfisch. Richard sieht aus wie ein Blobfisch. Diese Teilnahmslosigkeit, die sich in den herunterhängenden Augenlidern und Mundwinkeln widerspiegelt; diese merkwürdig unpassende Nase, die wie in sein Gesicht gesetzt wurde, ohne dass sich jemand was dabei gedacht hat.

Als ich vor drei Monaten mit Maria in einem dieser schwimmenden Schwan-Tretboote saß und ihr erzählte, dass ich Richards Nase nicht mag und Bedenken hätte, was bei einer Durchmischung unserer Erbmasse herauskäme, fragte Maria: „Wenn ihr Sex habt und du öffnest aus Versehen deine Augen, wünscht du dir dann er hätte eine Skimaske auf?“ Daraufhin habe ich ziemlich gewalttätig in die Pedale getreten und der Schwan ist mehrere Runden im Kreis gefahren. Es hat einige Minuten gedauert, bis wir diesen emotionalen Ausbruch wieder in den Griff bekamen.

Wenn ich darüber nachdenke, wie lange es schon so etwas wie eine Richard-Spezies geben könnte, dann würde ich auch auf eine so ungewöhnliche Zahl wie mehrere Hundertmillionen Jahre kommen. Probleme, Hindernisse und Ereignisse, die ihm in seinem Leben widerfahren, lösen keinerlei innere Stürme aus. Auch dieses in der Luft liegende Gespräch löst keinerlei innere Stürme in Richard aus. Die Ausweglosigkeit, in der wir uns schon seit Wochen befinden – keine Stürme. Richard ist sturmfrei.

Ohne, dass ich beginne zu sprechen, sage ich ihm all die Dinge, die ich schon so lange los werden will. Zum Beispiel, dass, wenn ich mit einer Nebenhöhlenentzündung im Bett liege und er aufgrund dieser Tatsache eine Woche lang jeglichen Kontakt wegen einer möglichen Ansteckungsgefahr meidet, eine nicht unkomplizierte Enttäuschung daraus entsteht.

Ich sage ihm in meinen Gedanken, dass ich dieses viermonatige Kennenlernen gerne unterbinden würde, und dass wir irgendwie nicht einmal Freunde werden können, weil schon die Grundbausteine für eine zwischenmenschliche Begegnung bei ihm fehlen würden. Ich flüsterte, dass wir aber Sex haben könnten, weil der doch gut war neben all den doofen Dingen, die nicht geklappt haben. Schließlich solle man sich doch immer auf das Gute besinnen.

„Ich bin nicht mehr glücklich“ sage ich plötzlich viel zu laut. „Willst du jetzt nicht mehr mit mir abhängen? Das kannst du nicht machen. Du stehst schon als meine Notfallperson im Pass!“ Richard würde niemals als meine Notfallperson im Pass stehen – aber das sage ich ihm nicht sondern nehme meine rosafarbene Faust in den Mund und beiße fest zu. „Willst du jetzt doch dein Eis?“ fragt Richard.

Mit der Faust in meinem Mund renne ich zu dem Tümpel und springe hinein. Es gibt einen lauten platschenden Sound und ganz Mitte bewegt sich nicht, weil es wie Richard sturmfreie Teilnahmslosigkeit liebt. Die Hunde der anarchistischen Fraktion im Schatten springen mit zu mir in den glibberigen Teich, weil sie denken, dass das alles ein lustiges Spiel ist – aber das ist es nicht.

Wer glaubt eine klassische heiße Dusche würde nach so einer Aktion helfen, der irrt. Also habe ich mich heute Morgen dafür entschieden, den Reißverschluss in der Mitte meines Körpers zu öffnen. Ich habe meinen Körper quasi von Innen nach Außen gestülpt und ihn in der chemischen Reinigung abgegeben.

Zu dem Reinigungspersonal habe ich gesagt: „Das Herz bitte extra lange bei 90 Grad Celsius waschen!“ Sie haben mich sofort auf einen Bügel gehangen – ohne Fragen zu stellen. Diese Reaktion gab mir das Gefühl, dass ich nicht die erste Person mit solch einem Wunsch gewesen war. Jetzt hänge ich zum Trocknen an der Stange bei den Schaufenstern.

Es ist längst dunkel und nur die Lichter der Wohnungen des gegenüberliegenden Häuserkomplexes lassen erahnen, dass es eine Zukunft geben wird. Eine Zukunft, in der ich grundgereinigt den nächsten Zweikampf antreten kann, um dann bei einer dramatischer Wendung wieder jubelnd in einen modrigen Teich zu springen.

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Die Fotografie stammt von Benedikt H
Der Text erschien in der Kategorie Liebe mit den Themen Berlin, Beziehungen, Emotionen, Gedanken, Geschichten, Liebeskummer, Träume und Zweifel
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