Das Popkultur Magazin

Stalking: Von Jägern und Gejagten

"Als ich ihn kennen lernte, schmeichelte mir die Hartnäckigkeit, mit der er mich um ein Date bat sehr. Ich fühlte mich zum ersten Mal wirklich begehrt. Er war sehr aufmerksam, frech und schien wirklich nur Augen für mich zu haben.” So beginnt Nadias Erzählung über einen Mann, der ihr das Leben zur Hölle machte, ihre Beziehung zerstörte und dafür sorgte, dass sie sich über acht Monate lang in ihrer eigenen Wohnung nicht mehr sicher fühlen konnte.
Stalking: Von Jägern und Gejagten
Stalking: Von Jägern und Gejagten

Stalking

Von Jägern
und Gejagten

Lena Freud
Lena Freud

"Als ich ihn kennen lernte, schmeichelte mir die Hartnäckigkeit, mit der er mich um ein Date bat sehr. Ich fühlte mich zum ersten Mal wirklich begehrt. Er war sehr aufmerksam, frech und schien wirklich nur Augen für mich zu haben.” So beginnt Nadias Erzählung über einen Mann, der ihr das Leben zur Hölle machte, ihre Beziehung zerstörte und dafür sorgte, dass sie sich über acht Monate lang in ihrer eigenen Wohnung nicht mehr sicher fühlen konnte.

Dabei begann alles so harmlos. Fast schon ein wenig kitschig. An einem sonnigen Tag im Mai fährt Nadia zu Daniel nach Hause. Sie wird ihm erklären, warum er viel zu viel für seine Haftpflichtversicherung bei der Konkurrenz bezahlt. Nadia ist Versicherungskauffrau. Daniel ein Kunde. Er ist groß, blond, sehr attraktiv und frisch geschieden. Und es knistert ein bisschen.

Aus einem Kaffee werden drei, die beiden unterhalten sich lange und gut, der Nachmittag geht in den Abend über. "Ich ließ mich auf einen kleinen Flirt mit ihm ein. Es tat mir gut, dass sich ein Mann wie er für mich interessierte”, erzählt mir Nadia in einem kleinen Telefoninterview. "Und ich nahm seine Einladung zum Essen für das folgende Wochenende an.” Der Nachmittag mit Daniel tut ihr gut. Doch als sie an diesem Tag nach Hause kommt und ihren Freund auf dem Sofa sitzen sieht, überfällt sie das schlechte Gewissen. Sie ruft Daniel an und sagt das Abendessen ab.

Der steht vier Tage später trotzdem nach Feierabend vor Nadias Agentur, um sie auszuführen. Sie entscheidet sich lieber nach Hause zu fahren, kann aber kaum ihre Freude über einen so gut aussehenden und hartnäckigen Verehrer verbergen, der ihr auch in den nächsten Wochen Schokolade und Einladungen zukommen lassen wird, frech um sie herum tänzelt, wenn sie abends das Büro verlässt und jede ihrer Absagen mit einem selbstbewussten Grinsen aufnimmt, wissend, dass er es morgen wieder versuchen wird.

"Ich war nach vier Wochen kurz davor weich zu werden. Dass ein Mann alles tat um ein Date mit mir zu bekommen, war berauschend. Ich fand das alles wild romantisch”. Bis Daniel, der wilde Romantiker, eines Abends an ihrer Tür klingelt und ihr zur Begrüssung die Nase bricht.

Stalking ist ein weit verbreitetes Phänomen. Man geht davon aus, dass etwa elf Prozent aller Menschen einmal in ihrem Leben gestalkt werden. In etwa einem Fünftel der Fälle kommt es zu Handgreiflichkeiten. Die Zahlen sind erschreckend, die Justiz reagierte trotzdem lange Zeit nur bedingt. Erst im Jahr 2007 wurde der Tatbestand der Nachstellung ins Strafgesetzbuch aufgenommen und wird seitdem mit einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren geahndet.

Durch die häufigen Fälle des Prominenten-Stalkings findet sich das Thema oft in den Medien wieder. Man hört regelmäßig von Opfern, die verfolgt, übermässig verehrt, bedroht, angegriffen oder gar schwer verletzt werden. Auch von den psychischen Folgen. Von der Angst, in den eigenen vier Wänden nicht mehr sicher zu sein. Weniger erfahren wir dagegen über die Täter.

Martin schreibt mir mit einer Emailadresse, die er extra für diesen Zweck angelegt hat, an eine Emailadresse, die ich extra für diesen Zweck angelegt habe. Er möchte um jeden Preis anonym bleiben. Und ich möchte es auch. Denn Martin hat richtig Scheiße gebaut. Es hatte alles ganz harmlos angefangen. Mit der netten Kollegin aus der Buchhaltung, auf die er ein Auge geworfen hatte.

"Eigentlich kann ich nicht sagen, dass ich verliebt in Katja war. Aber irgendetwas faszinierte mich an ihr. Ich fühlte mich zu ihr hingezogen, habe sie aber nicht ein einziges Mal angesprochen. Dafür klaute ich hin und wieder einzelne Gegenstände von ihrem Schreibtisch, versuchte Schriftstücke, die sie verfasst hatte in die Hände zu bekommen. Einmal nahm ich einfach so ihre Jacke mit. Ohne nachzudenken. Ich wollte ein Stück von ihr besitzen. Klar war das falsch. Ich wusste das. Aber gestoppt hat mich das nicht.”

Jahrelang bleibt es bei diesen sogenannten Kleinigkeiten. Bis Katja umzieht und in eine Zweigstelle versetzt wird. Martin will nicht so einfach aus ihrem Leben verschwinden. Er findet ihre neue Adresse heraus, fängt an ihr heimlich zu folgen, sie zu beobachten und lernt schließlich all ihre Gewohnheiten in und auswendig. "Niemand kannte sie besser als ich, dabei wusste sie nicht einmal, dass ich da bin.”

Nach einigen Monaten wird er offensiver, ruft mehrmals am Tag an, schreibt Briefe, Emails, SMS. Fragt Katjas Freunde und ihre neuen Kollegen unauffällig aus. Sie wechselt mehrmals die Telefonnummer, er findet sie immer wieder heraus. "Anfangs hatte ich diese fast zärtlichen Gefühle für sie. Doch je mehr sie sich mir entzog, desto mehr Macht wollte ich über sie. Ich wollte dass sie sich nirgendwo mehr sicher fühlen konnte. Ich hatte sie in der Hand, spielte mit ihr, jagte sie nach Lust und Laune. Ich war wie im Rausch.”

Drei Jahre lang hetzt er sein Opfer, das in dieser Zeit zweimal umzieht. Doch er spürt, wie ihm langsam die Kontrolle über sein perfektes Machtspiel entgleitet. "Meine Gewaltfantasien nahmen zu, wurden zunehmend dringlicher. Ich bekam Probleme im Job und mein Privatleben litt extrem. Ich konnte mich auf nichts anderes konzentrieren. Ich phantasierte davon, ihr wehzutun, vielleicht auch zu vergewaltigen. Irgendwann malte ich mir aus, wie es wäre, sie zu töten. Und da wusste ich plötzlich: Ich brauche Hilfe.”

Wer als Täter Hilfe sucht, hat es nicht leicht. Es gib nur wenige Anlaufstellen wie etwa "Stop Stalking” in Berlin, wo Stalkern die Möglichkeit geboten wird, sich mit speziell diesem Problem an ein kompetentes Team aus Psychotherapeuten und Sozialarbeitern zu wenden.

Auch zur Polizei zu gehen erscheint wenig attraktiv. Denn Stalking ist keine Krankheit, sondern eine Straftat. Diese erwächst aber aus psychischen Problemen, geht oft einher mit narzisstischen Persönlichkeitsstörungen. Hilfe findet man in erster Linie also beim Psychologen, wo die Ursachen erkannt werden können.

Martin befindet sich nun seit zwei Jahren in Behandlung, kennt die Ursachen für seine Taten und hat sich momentan unter Kontrolle. Ein Happy End ist das für ihn noch lange nicht. Er weiß, dass er jederzeit in seine alten Muster zurückfallen kann. So wie Daniel, der Nadia nun nach fast drei Jahren, mehreren einer Trennung und einem Umzug in eine andere Stadt in Ruhe lässt. Fürs Erste.

Der Text wurde von Lena Freud geschrieben. Das Bild stammt von Maria Shukshina und Icons8. Der Artikel erschien in der Kategorie Liebe mit den Themen Ängste, Dating, Emails, Facebook, Flirts, Frauen, Gewalt, Internet, Jungs, Mädchen, Männer, Opfer, Polizei, Stalking, Täter, Tinder und WhatsApp. Wenn er euch gefällt, könnt ihr ihn auf Facebook, Twitter, WhatsApp, Pinterest und Tumblr oder per Email teilen. Ihr habt etwas zu sagen? Schickt uns einen Leserbrief!
Weitere Artikel lesen