Kleine Brüste, schiefe Zähne - Fehlermenschen machen uns glücklich

Wenn ich so mein Liebesleben der letzten Jahre betrachte und mich frage, wo ich denn all meine Gefühle, die ich heute oftmals schmerzlich vermisse, eigentlich hingeschleudert habe, fällt mir auf,…
Kleine Brüste, schiefe Zähne - Fehlermenschen machen uns glücklich

Kleine Brüste, schiefe Zähne

Wenn ich so mein Liebesleben der letzten Jahre betrachte und mich frage, wo ich denn all meine Gefühle, die ich heute oftmals schmerzlich vermisse, eigentlich hingeschleudert habe, fällt mir auf, dass ich sie vor allem an eine Sache verschwendet habe: Kurze Liebeleien.

Mein Beziehungsleben ist geprägt von einigen kurzen, aber heftigen, und damit sogleich auch sehr instabilen, zwischenmenschlichen Kontakten, die manchmal nicht einmal über einen dreiwöchigen Chat per WhatsApp hinausgehen. Nicht selten hat man deshalb versucht, mir die Diagnose „Borderline“ anzuhängen, und ich wünschte, es wäre echt so einfach, also einfach im Sinne von „Ich kann nichts dafür, ich hab da diese echt beschissene Krankheit, die mich immer wieder zu was führt“, aber das ist es eben leider nicht. Ich bin einfach gefühlsbeschränkt, auf meine ganz eigene Art und Weise.

Meistens weiß ich nicht mal, was und ob ich überhaupt etwas fühle. Ich finde einfach gut, was gerade da passiert und will das bis zum letzten Tropfen auskosten. Nur, dass ich so weit gar nicht komme, weil der letzte Tropfen einfach immer im Hals der ansonsten leeren Weinflasche hängen bleibt, weil ich denke „Ach, ist doch egal, die nächste Flasche wartet schon!“ und ich mir somit nicht einmal die Mühe mache, zu warten, bis der Tropfen draußen ist oder ich das metaphorische Glas nicht einmal bis zur Hälfte austrinken kann, weil mir das, was darin ist, irgendwie doch nicht richtig schmeckt, obwohl ich zu Beginn ganz gierig danach war.

Anders formuliert: Ich finde einen Menschen wahnsinnig interessant, verknalle mich vermutlich sogar ein kleines bisschen in ihn, merke nach drei Wochen, dass ich mir nicht vorstellen könnte, ihn für immer in meinem Leben zu haben und beende das Ganze, bevor es angefangen hat. Oder ich bin eben einfach zu faul, zu ungeduldig, zu gestresst, auf den Moment zu warten, in dem das anfängliche Verliebtsein zu etwas Echtem wird und widme mich einfach der nächsten Flasche. Und damit meine ich einen anderen Menschen, keinen Wein.

Das geht natürlich nicht nur mir so, sondern manchmal auch meinem Gegenüber, aber dem kann ich ja schlecht Vorwürfe für etwas machen, das ich ganz genau so tue. Es scheint aber so ein generelles Problem unserer Generation, dass wir uns einfach nicht mehr ganz normal verlieben können.

Irgendwas fehlt eben immer, seien es jetzt Zeit oder Lust, jemanden wirklich kennen, und lieben, zu lernen, oder dass wir über einfache Oberflächlichkeiten wie eine zu kleine Oberweite oder schiefe Zähne nicht mehr hinweg sehen können, weil es da draußen eben auch Menschen gibt, deren Brüste größer und deren Zähne irgendwie nicht ganz so schief sind.

Und statt uns auf das, was wir da vor uns haben, einzulassen, nutzen wir unsere spärliche Zeit mit der Suche nach etwas Schönerem, Größeren, Besseren, bis wir auch auf das keine Lust mehr haben, weil es schon wieder langweilig ist. Oder am Ende einfach doch zu groß, zu gerade, zu perfekt.

Gerade mit Letzterem hadere ich oft. Ich weiß, kein Mensch ist wirklich vollkommen perfekt, aber in meinen Augen gibt es so einige, die dem schon ziemlich nahe kommen, zumindest auf den ersten Blick. Und immer dann, wenn ich einen Menschen für perfekt befinde, nicht allgemein, sondern für mich, gehe ich besonders stark auf Rückzug, lasse das halb volle Glas stehen und schau mich nach einer Flasche um, die einen Sprung hat.

Einfach, weil ich nicht glauben kann, dass eine Sache so gut passt, wie sie in dem Moment gerade eben passt, es ist doch alles fehlerhaft, ich, du, er, sie, es, und bevor ich wirklich anfangen kann, nach diesem einen Fehler zu suchen, diesem klitzekleinen Stückchen, das beweist, das vor mir doch nur ein Mensch sitzt und keine nach meinen Maßstäben gebaute Maschine, haue ich eben lieber ab, nehme dafür aber etwas mit, das offensichtlich noch kaputter ist.

Das letzte fehlerhafte Stück Mensch, dem ich einen kurzen aber heftigen Besuch in meinem Herzen erlaubt habe, hatte diesen Fehler von Anfang an, offensichtlich. Ich wusste das und es hat mich gereizt. Ich wollte den Fehler bestätigt bekommen, so wie es am Ende eben auch kam. Es hat sich für mich gut angefühlt, obwohl es so tragisch gescheitert ist. Aber auch das wusste ich bereits und ws war mir wie so oft egal.

Ich hatte gar kein Interesse daran, hinter diesen Fehler zu blicken und den ganzen Mensch vor mir zu sehen. Einerseits, weil es mir viel zu viel Arbeit war und andererseits, weil ich es leid war, mit einer Flasche zu kämpfen, aus der der letzte Tropfen einfach nicht hinaus zu kriegen war und mich somit lieber der Flasche, deren Mindesthaltbarkeitsdatum längst schon überschritten war, beschäftigte.

Ich kann mich gut von Liebelei zu Liebelei hangeln, denn so ätzend ich sie finde, so viel geben sie mir auch. Aber immer nur für einen kurzen Moment – eben so lange, wie ich das, was da passiert für gut befinde und mir nicht vollkommen ernsthaft die Frage stellen muss, was und ob ich etwas fühle. Etwas Echtes, meine ich.

Dass ich mir die Frage eigentlich überhaupt nicht stellen muss, fällt mir immer erst zu spät auf. Ich weiß nämlich sehr wohl, wenn ich wirklich etwas fühle, wenn ich die ganze Flasche trinken will, bis auf den allerletzten Schluck und dann, verdammt, dann kehre ich auch zurück zu ihr – nur um festzustellen, dass sie die ganze Zeit nur verschlossen war und ich lediglich zu blöd, den Deckel aufzumachen, der mich vom letzten, kleinen Schluck darin getrennt hat, den ich so dringend gebraucht habe.

Das ist dann der Moment, in dem ich begreife, dass ich das andere nie gebraucht habe, all die Flaschen, die Liebeleien, weil das, was ich wollte, bereits vor mir stand und ich meine Kräfte nur falsch eingesetzt habe, weil mir das zu diesem Zeitpunkt so richtig erschien und ich ja auch Spaß an dem anderen hatte.

Es hat sich einfach nur nicht gelohnt, auf eben dieses andere zu setzen, weil das, was man eigentlich wollte, obwohl man sich dem nicht ganz bewusst war, mit etwas Kraft, Geduld und Köpfchen so einfach zu erreichen war. Und am Ende übrigens doch ganz perfekt, weil Fehler dann auch nicht mehr zählen.

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Illustration von Maria Shukshina und Icons8
Der Text erschien in der Kategorie Liebe mit den Themen Beziehung, Glück, Jungs, Mädchen und Menschen
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