Generation One-Night-Stand - Tinder hat uns die große Liebe geklaut

Es ist einer dieser typischen Donnerstagabende, als ich mich nach der überaus anstrengenden Arbeit mit meiner an der einen Seite etwas zu braunen Tiefkühlpizza aus dem billigen Supermarkt von gegenüber…
Generation One-Night-Stand - Tinder hat uns die große Liebe geklaut

Generation One-Night-Stand

Es ist einer dieser typischen Donnerstagabende, als ich mich nach der überaus anstrengenden Arbeit mit meiner an der einen Seite etwas zu braunen Tiefkühlpizza aus dem billigen Supermarkt von gegenüber neben meine Mitbewohnerin aufs Sofa setze, das mit der Pizza ist halb so schlimm – als Student lebt man schließlich nur von Luft und Liebe.

Da Letzteres in dieser Wohnung aktuell wohl nur in Form vom Schnurren der Katze vorhanden ist, sitzt meine Mitbewohnerin seit einer Stunde vor dem Fernseher, das Kissen umschlungen wie einen potentiellen Partner, und sieht sich auf dem wohl liebsten Privatsender der Deutschen „Doctor’s Diary“ an – Gretchen Haase in ihrem erbittertem Kampf um die große Liebe.

Wobei hier jedem halbwegs intelligenten und aufmerksamen Menschen nach maximal fünf Minuten klar ist, mit wem die moderne Version einer hoffnungslosen, blonden Romantikerin am Ende zusammen sein wird, ohne an dieser Stelle nun eure absolute Lieblingsserie spoilern zu wollen, Jugendschwarm und die große Liebe ihrer Träume: Marc Meier. Genau. Der.

Das einzig Realistische an der Serie ist wohl nur, dass sich die weiblich wohlgeformte Hauptdarstellerin zu jedem erdenklichen Zeitpunkt mit Schokolade tröstet. Pünktlich zum nächsten Werbeblock meldet sich das Smartphone mit lauten Tönen zu Wort, eine kurze, maximal drei Seiten lange, SMS, ja es gibt noch Leute die SMS schreiben, einer Freundin darüber, wie grausam ihr wohl hundertstes Date mit einer Onlinebekanntschaft war. Nie wieder würde sie so etwas machen. Das ist eine glatte Lüge.

Dank unzähligen Apps wie Tinder, Lovoo und Co. geht das Stalken, Liken und Treffen heute so schnell wie noch nie. Dabei denken wir nur noch selten an die überaus schwierigen Zeiten zurück, in denen man eine Facebook-Freundschaftsanfrage an eine Person, die man nicht direkt kannte oder zu den eigenen Freunden zählte, sogar noch mehr als recht begründen musste bzw. sich erst einmal in ein bis zwei Nachrichten vorstellte, um nicht als der totale Creep verschrien zu werden.

Inzwischen reichen also ein bis fünf mehr oder weniger freizügige Bilder, ein kurzer, müder Blick und eine schicksalshafte Wischbewegung aus, um zu entscheiden, wer ein potentieller Partner, für nur eine Nacht oder womöglich etwas länger, wäre. „Willkommen im Kaufhaus – Welches unserer vielfältigen Modelle hat ihnen denn am meisten zugesagt?“

Unsere überaus verwöhnte und undankbare Generation hat wohl das ambivalenteste Verhältnis zur Liebe, das man sich vorstellen kann. Einerseits träumen wir alle, ohne Ausnahme, von diesem einen, ganz besonderen Menschen und wollen die große Liebe, diese eine, die für immer oder zumindest bis zum selbstverursachten Lungenkrebs anhält.

Andererseits konsumieren wir einander, suchen immer nach der besten Option, wenn nicht alle Punkte auf der inneren Checkliste stimmen, sodass unser Leben wie geplant weiterläuft. Kein Kurzstopp in Love-City, um den Plan neu zu schreiben, ziehen wir weiter, wischen wieder nach links, bis uns der nächste potentielle Traumpartner auf dem kleinen Display anlächelt. Wer auch nur ansatzweise schwierig erscheint, wird gelöscht. So etwas können wir gerade wirklich nicht gebrauchen.

Um die Enttäuschung nach dem nächsten gescheiterten Date zu überwinden, trifft man sich dann freitags zum Kino, ein Muss in einer solchen Situation, natürlich der neueste Film von Schweiger oder Schweighöfer, Kerle die selbst keine Rollenvorbilder sind, was die ewige und große Liebe betrifft, erzählen einem in der gefühlt hundertsten Version der selben Story, wie groß und mächtig dieses Gefühl doch sei und dass man auch jeden Mist bauen darf, denn die große Liebe verzeiht einem das schon.

In der kalten und überaus unfairen Realität, auch bekannt als die echte Welt, gilt selbst heutzutage eben nicht das gütige Motto „Das Zimmermädchen und der Millionär“, sondern eine frostige Wahrheit namens „Der Adel heiratet immer in den gleichen Kreisen“, auch wenn wir allesamt seit William und Waity Katie vom märchenhaften Happy End träumen dürfen.

So laufen wir weiter durch die Gegend, auf der Suche nach etwas, dass man nicht wie ein paar billige Schuhe im Schlussverkauf finden kann, nicht auf Knopfdruck mit dem Prince Charming vom grell leuchtenden Werbeplakat auf der anderen Seite der Straße bestellen kann. Nicht, dass wir kein Happy End wollten, wir haben nur teilweise verlernt, wie man eines bekommt.

So verlangen wir vollstes und zweifelsfreies Vertrauen, lassen uns aber gleichzeitig unser eigenes in den Anderen nehmen, von Statusanzeigen – wer, wann, wo zuletzt online war, unsere Nachricht gelesen, aber (noch) nicht beantwortet hat. Wir wollen den Kontrollverlust, das Ungewisse, vermeiden, bei einem Gefühl, das jedoch genau diese Dinge mit sich bringt.

Und wenn wir mal ehrlich sind, ist es doch das, was wir wollen, jemanden treffen und das Gefühl zu haben, nicht mehr Herr oder Herrin unserer selbst zu sein, den ganzen Tag grinsend wie ein Honigkuchenpferd durch die Stadt laufen, von pfeifenden Vögeln und herunter fallenden Rosen umgeben, alles rosa und süß und frei und hoffnungsvoll. Wie schön!

Vielleicht ist es also mal wieder an der Zeit, die an Dramatik übersteigerte Komödie im Kino oder Zuhause in der DVD-Packung, das Smartphone und die App voll mit hübschen Männern und Frauen, und allem, was womöglich dazwischen liegt, in der vorgewärmten Hosentasche zu lassen, bis man es dann braucht, um sich die Nummer vom netten Kerl aus der Getränkeabteilung des Supermarktes oder der Bar, den man vorher natürlich nicht googlen konnte, zu speichern.

Denn seien wir doch alle an dieser Stelle mal ehrlich: Es ist doch auch viel schöner, auf die Frage „Und wo habt ihr euch kennen gelernt..?“ mit einer wahren Geschichte zu antworten. Und nicht mit einer, die man sich erträumt hat. Dann muss man auch nicht mehr die Donnerstagabende mit seiner soapguckenden Mitbewohnerin und der schnurrenden Katze verbringen.

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Illustration von Cherry und Icons8
Der Text erschien in der Kategorie Liebe mit den Themen Dating, Jungs, Mädchen, One-Night-Stands und Tinder
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