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Das Popkultur Magazin

Down Under: Bei Liebeskummer hilft nur Australier vögeln

Trennungen sind meistens ziemlich beschissen, keine Frage. Totales Gefühlschaos, ein unangenehmes Serotonintief, Tränen, Drama, Wut, Einsamkeit – um nur ein paar der äußerst leidigen Emotionen zu nennen, die dich mit voller Wucht überwältigen und fertig machen können. So richtig scheiße fühlst du...
Down Under: Bei Liebeskummer hilft nur Australier vögeln

Down Under

Bei Liebeskummer hilft
nur Australier vögeln

Daniela Lindner

Trennungen sind meistens ziemlich beschissen, keine Frage. Totales Gefühlschaos, ein unangenehmes Serotonintief, Tränen, Drama, Wut, Einsamkeit – um nur ein paar der äußerst leidigen Emotionen zu nennen, die dich mit voller Wucht überwältigen und fertig machen können.

So richtig scheiße fühlst du dich vor allem dann, wenn du überraschend aus deiner rosa Traumwelt herausgerissen wurdest, weil du absolut nicht damit gerechnet hast, dass der andere geht. Und weil du nicht willst, dass der andere geht. Ja, weil du nicht wahrhaben willst, dass der andere gegangen ist.

Die erste Zeit ist hart und es gibt Leute, die sich masochistisch in Erinnerungen stürzen, indem sie sich die gemeinsame Playlist rauf und runter anhören, dabei kiloweise Taschentücher voll heulen und sich tagelang in Selbstmitleid baden. Kann man machen, muss man aber nicht. Für mich zumindest hat sich eine andere Strategie bewährt: Den Koffer packen und irgendwo anders hinfahren.

Aber bitte nicht in ein romantisches Pärchen-Hotel, wo du frisch Verliebten den ganzen lieben langen Tag beim Rummachen zusehen kannst. Nein, fahr oder flieg an einen Ort, an dem was los ist! Am besten irgendwohin, wo es warm ist – ein bisschen Vitamin D für die eingeschlafene Serotoninproduktion. Barcelona, zum Beispiel, kann ich wirklich sehr empfehlen.

Na gut, zugegeben, damit hat sich der Trennungsschmerz nicht erledigt und ja, die erste Zeit wirst du trotz Entfernung viel an den anderen denken, aber hey, es wird weniger werden und du wirst erstaunt sein, wie viel seltener du dich in zermürbenden Gedankenschleifen verlierst.

Falls du nicht zu der Sorte Mensch gehören solltest, die sich schüchtern in eine dunkle Ecke verzieht, wirst du schnell neue Leute kennenlernen. Check in einem Hostel ein und geh mit den Australiern ein Bier trinken. Meiner Erfahrung nach gibt es in jedem Hostel ein paar Australier, die gerade eine Weltreise machen, viel zu erzählen haben und einen wunderbar mit ihrer freundlichen und offenen Art anstecken.

Du willst über die Trennung reden? Mach ruhig. Du wirst die Leute höchstwahrscheinlich nicht mehr wieder sehen, also kann es dir echt egal sein, was sie von dir halten. Somit ersparst du auch deinen guten Freunden zuhause das ewige Rumgeheule, welches sie sich am Anfang bestimmt noch gern antun, nach einer Zeit dann aber auch genug davon haben und irgendwann nicht mehr wissen werden, was sie noch sagen sollen außer: „Alles wird wieder gut“ und „Vergiss ihn oder sie“ und „Du findest jemand anderen, der viel besser zu dir passt.“

Bei meiner letzten Trennung ging es mir so richtig scheiße. Mann fürs Leben, der wärs gewesen und ba bla bla und immer wieder die gleichen schmerzhaften Gedanken. Nach ein paar wirklich selbstdestruktiven Tagen erinnerte ich mich durch einen alten Tagebucheintrag an den letzten Liebeskummer und die Zeit danach in Rimini.

An das Hostel am Strand, in dem mich anfangs alle gut gelaunten Menschen fast an den Rand der Verzweiflung getrieben hätten und ich, mit gebrochenem Herzen, auf der Terrasse um 11 Uhr morgens einen starken Longdrink in mich rein kippte und mich ziemlich einsam und deplatziert fühlte. Bis Ryan aus Seattle freundlich fragte, ob er sich zu mir gesellen dürfte.

Und Ryan aus Seattle sah wirklich unverschämt gut aus. Und Ryan aus Seattle bestellte sich auch einen Longdrink, sah weiterhin unverschämt gut aus und vögelte mich noch am selben Tag dermaßen intensiv durch, als hätte er es sich zu seiner persönlichen Aufgabe gemacht, mich meinen Herzschmerz vergessen zu lassen.

Ryan aus Seattle musste am nächsten Tag wieder abreisen, aber das Gefühl der Leichtigkeit blieb mir und das darauf folgende Nacktbaden nachts im Meer mit Kanadiern und Schweden gehört zu meinen absoluten Highlights meiner Urlaubserfahrungen.

Nachdem ich also diesen Tagebucheintrag gelesen und so gar keine Lust mehr auf Herzschmerz hatte, buchte ich sofort einen Flug nach Barcelona. War gerade günstig und ich wollte da sowieso schon immer mal hin.

Diesmal war es nicht Ryan aus Seattle, sondern Josh aus Australien, mit dem ich abends am Strand saß, mit Blick aufs Meer und einem Bier in der Hand. Kurze Zeit später hielt in der Nähe ein alter VW-Bus, eine Gruppe Franzosen aus Paris stiegen aus, alle völlig bekifft und gut drauf. Sie setzten sich zu uns dazu, teilten Wein und Gras mit uns, holten ihre Instrumente aus dem Bus und starteten ein privates Konzert.

Der Trennungsschmerz war plötzlich gar nicht mehr so schlimm, mein Blick auf die Beziehung ein ganz anderer. Eigentlich ganz gut, diese Trennung, sonst wäre ich nicht an diesem Strand gewesen. Ich hätte diese unglaublich netten Franzosen nicht kennengelernt, hätte niemals die Motivation gefunden, endlich mal Spanisch zu lernen. Und ich hätte auch den unendlich geilen Sex mit Josh nicht zu meinen Erfahrungen zählen können.

Plötzlich fielen mir ziemlich viele Dinge ein, die mich an meinem Ex lange gestört hatten. Plötzlich fielen mir auch ziemlich viele Dinge ein, die ich in meinem Leben noch machen wollte und auf die er nie Bock gehabt hatte. Zum Beispiel spontan nach Barcelona zu fliegen oder Spanisch zu lernen und ein paar Monate durch Südamerika zu reisen.

Plötzlich ging das Leben weiter und plötzlich war ich wieder ein Ich und kein falsches Wir mehr. Ich nahm mir fest vor, dieses Gefühl nie zu vergessen. Ich nahm mir fest vor, alles ganz genau aufzuschreiben, um mich auch nach der nächsten Trennung daran erinnern zu können, dass alles ganz schnell wieder gut werden kann.

Wieder zuhause. Mein Ex hatte angerufen, wegen seiner Sachen. „Kannst du gerne holen“, meinte ich gut gelaunt am Telefon. Braungebrannt und völlig entspannt saß ich ihm nun gegenüber und war in Gedanken bei Ryan, dem Nacktbaden im Meer, dem Sex am Strand, bei Josh, den Franzosen und bei Südamerika.

Die Fotografie stammt von Jordy Chapman
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Vergeudetes Gelaber: Niemand hört sich deinen Podcast an!

Du bist immer am Zahn der Zeit und gleichzeitig auf der Suche nach ein bisschen Ruhm für die bekannten 15 Minuten? Dann hast du bestimmt schon mit dem Gedanken gespielt, dir einen eigenen Podcast zuzulegen. Vielleicht hast du sogar schon damit angefangen, in deinem Kinderzimmer mit Hilfe deines über...
Vergeudetes Gelaber: Niemand hört sich deinen Podcast an!

Vergeudetes Gelaber

Niemand hört sich
deinen Podcast an!

Lukas Neumann

Du bist immer am Zahn der Zeit und gleichzeitig auf der Suche nach ein bisschen Ruhm für die bekannten 15 Minuten? Dann hast du bestimmt schon mit dem Gedanken gespielt, dir einen eigenen Podcast zuzulegen. Vielleicht hast du sogar schon damit angefangen, in deinem Kinderzimmer mit Hilfe deines überteuerten iPhones die ersten Folgen aufzunehmen und suchst nun verzweifelt nach einem Weg, deinen drei Bekannten, die sich aus Mitleid dein Geschwafel anhören würden, deine beschissenen Aufnahmen auf Plattformen wie Spotify oder Deezer zugänglich zu machen.

Oder du bist sogar schon einen Schritt weiter und lädst deine geistigen Ergüsse bei SoundCloud hoch, in der Hoffnung, dass wenigstens deine Mutter dazu erbarmt, dir einmal wöchentlich dabei zuzuhören, wie du Dinge erzählst, die einfach niemanden interessieren. Ja, noch nicht mal deine Mutter, die sich sonst immer beschwert, dass sie so wenig und selten von dir hört.

Podcasts werden derzeit gehyped als wären sie das neue Instagram, doch die Wahrheit, die du vermutlich nicht hören willst, ist: Niemand hört sich deinen Podcast an. Nicht deine vermeintlichen Freunde aus der Schule oder dem Internet, nicht deine Mutter, und erst Recht nicht irgendwelche wildfremden Leute, die dich überhaupt nicht kennen.

Du kannst es also direkt sein lassen und dir ein richtiges Hobby suchen. Oder einen Job, denn wenn du dir erhoffst, mit deinem Podcast wie nebenbei auch noch reich zu werden, muss ich dir leider direkt sagen, dass das wohl ein Wunschtraum bleiben wird. Egal, wie viel Mühe du dir bei der Themenfindung und der Umsetzung gibst.

Am Ende wirst du mehr Geld in teures Equipment oder sogar die Anmietung eines Tonstudios investieren, als dir dein Podcast jemals einbringen wird. Ja, auch dann, wenn du auf den Trendzug mit aufspringst und nur noch Podcasts produzierst, die sich thematisch um Analsex oder das Aufspritzen deines G-Punks drehen, denn inzwischen will nicht mal das irgendjemand noch hören. Erst recht nicht von einem unwissenden und pickeligen Teenager wie dir, dem im echten Leben garantiert noch nie gefickt hat und für den der G-Punkt ein genauso großes Mysterium ist wie, sagen wir, das Universum oder die Relativitätstheorie.

Um die tausend neue Podcasts tauchen gefühlt jede Woche auf, die am Ende des Tages einfach niemanden interessieren. Nicht nur die Hörbuch-Plattform Audible setzt auf „Original Podcasts“, die man nur dann anhören kann, wenn man ein Abo abgeschlossen hat, das fast zehn Euro pro Monat kostet.

Inzwischen wurde mit Podcasterinnen.org sogar eine eigene Plattform speziell für weibliche und nicht-binäre Podcaster geschaffen. Das mag auf den ersten Blick ja ganz nett aussehen, wirft aber die Frage auf, wer sich die ganze Scheiße eigentlich überhaupt anhören soll. Zumal sich locker die Hälfte der dort gelisteten Podcasts, wie sollte es anders sein, um Sex drehen. Mir bleibt an dieser Stelle nichts anderes übrig, als einmal herzhaft zu gähnen.

Natürlich gibt es auch gute Podcasts, die es sich zu hören lohnt. Zu nennen wären da in jedem Fall der True-Crime-Podcast Serial und natürlich Fest und Flauschig, der Podcast mit Olli Schulz und Jan Böhmermann, den es exklusiv auf Spotify auf die Ohren gibt. Auch „Faking Hitler“, an dem Ex-VIVA-Moderator und Podcast-Vorreiter Nilz Bokelberg beteiligt ist, ist durchaus zu empfehlen. Danach hört es aber auch schon auf.

Trotzdem wollen mir diverse Streaming-Anbieter jede Woche neue sinnlose Podcasts verkaufen, die ich mir doch bitte anhören soll. Darunter jede Menge Podcasts von Influencerinnen, die meinen, sie müssten mir ihre Gedanken zu Schminke, vermeintlichen gesellschaftlichen Missständen, Politik und „Mindfulness“ jetzt auch noch auf diesem Wege aufdrücken. So, als würden sie mich mit ihrer falschen Art auf Instagram und YouTube, die nur dazu dient, neue Follower anzulocken, mit denen sich dann Geld verdienen lässt, nicht schon genug belästigen.

Ich hoffe, dass der Podcast-Trend so schnell wie er gekommen ist auch wieder in der Versenkung verschwindet. Ich hoffe es nicht nur, ich glaube sogar fest daran. Immerhin ist das mit anderen Onlinephänomenen ja genauso passiert. Oder erinnert sich noch jemand an die YouTube-Videos von der damaligen Vorzeige-YouTuberin Daaruum, die sich inzwischen nur noch unter ihrem echten Namen Nilam Farooq zeigt? Deren Videos hat irgendwann auch niemand mehr geschaut.

Du spielst trotzdem noch mit dem Gedanken, dir einen Podcast zulegen und Familie und Freunde mit deinen verbalen Ergüssen zu belästigen? Dann such dir am besten sofort professionelle Hilfe, echte Freunde, die sich gerne mit dir unterhalten und einen richtigen Job, der dir dabei hilft, dein Clearasil zu bezahlen.

Ich kann dir nämlich versprechen, dass du mit Podcast weder reich noch berühmt werden willst und dich vermutlich noch nicht einmal für eine Teilnahme bei „Ich bin ein Star, holt mich hier raus!“ qualifizieren wirst. Schließlich weiß bis heute niemand, wer Leila Lowfire eigentlich ist und was sie überhaupt im Dschungelcamp zu suchen hatte.

Also verzichte auf einen eigenen Podcast und investiere deine Zeit lieber in sinnvolle Projekte. Zum Beispiel, indem du dir vornimmst, aktiv an der Verbesserung der Welt mitzuarbeiten oder auch, indem du die Zeit, die du in einen Podcast investiert hättest, einfach dazu nutzt, deiner liebsten Pornoseite im Internet einen Besuch abzustatten und dir mal wieder so richtig schön einen von der Palme zu wedeln.

Die Fotografie stammt von Kate Oseen
Der Text erschien in der Kategorie Musik mit den Themen
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Mädchen in San Diego: Mit Alexandra Sweiss am Strand

Strände im Herbst haben immer etwas leicht Melancholisches. Haben sich hier kurz vorher noch tausende Menschen, ob alt oder jung, ob groß oder klein, ob weiß oder schwarz, vergnügt, herrscht nun die totale Stille. Nur ein paar Jogger genießen die Ruhe, und einige Hunde, die gemeinsam mit ihren Herrc...
Mädchen in San Diego: Mit Alexandra Sweiss am Strand

Mädchen in San Diego

Mit Alexandra
Sweiss am Strand

Daniela Dietz

Strände im Herbst haben immer etwas leicht Melancholisches. Haben sich hier kurz vorher noch tausende Menschen, ob alt oder jung, ob groß oder klein, ob weiß oder schwarz, vergnügt, herrscht nun die totale Stille. Nur ein paar Jogger genießen die Ruhe, und einige Hunde, die gemeinsam mit ihren Herrchen herum tollen. Strände im Herbst haben immer etwas leicht Melancholisches.

Außer natürlich ihr seid mit Alexandra Sweiss, die mit ihrer puren Anwesenheit jeden Strand in eine kleine Oase verwandelt, unterwegs. Am liebsten wird Alexandra ja einfach nur A.J. genannt. Von ihren Freunden. Und von allen anderen, die dem Model aus Kalifornien nahe kommen möchten. Sie liebt es, herum zu reisen, die Welt und ihre verschiedenen Kulturen kennen zu lernen.

„Wir fuhren zum Black’s Beach in San Diego, weil wir dort legal nackt sein dürfen“, erzählt uns die Fotografin Lauren Marie über das Set „Pale Breeze,“ das sie exklusiv für Sticks & Stones geschossen hat. „Ich habe die Fotos oben ohne gemacht, was ziemlich befreiend wirkte. Wir wollten den nahenden Winter einfangen. Es wird spürbar kälter, aber das konnte uns nicht aufhalten!“

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Die Fotografie stammt von Lauren Marie
Als Model ist Alexandra Sweiss zu sehen
Der Text erschien in der Kategorie Kunst mit den Themen
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Grillfleisch, Sperma, Einmannzelt: Ficken auf dem Festival

Es fängt immer alles vor der Bühne beim Konzert an, bei romantischer Feuerzeug-in-die-Höhe-halten-Stimmung, wenn du dich einsam fühlst und die Hüfte der Nebenfrau eine Kuhle der Geborgenheit zu sein scheint, in die du deine Hände legen und in der du Halt finden kannst. Ein bisschen schunkeln, bev...
Grillfleisch, Sperma, Einmannzelt: Ficken auf dem Festival

Grillfleisch, Sperma, Einmannzelt

Ficken auf
dem Festival

Christine Neder

Es fängt immer alles vor der Bühne beim Konzert an, bei romantischer Feuerzeug-in-die-Höhe-halten-Stimmung, wenn du dich einsam fühlst und die Hüfte der Nebenfrau eine Kuhle der Geborgenheit zu sein scheint, in die du deine Hände legen und in der du Halt finden kannst.

Ein bisschen schunkeln, bevor Nägel mit Köpfen gemacht werden. Dein Schwanz klopft von hinten an ihre Pobacken. Sie dreht sich um, steckt dir die Zunge in den Hals, spielt Propeller und die Sache ist geritzt. Zwei Menschen wollen Liebe. Jetzt. Sofort.

Auf dem Weg zum Zelt müsst ihr euch noch zurück halten. Anstaltshalber. Ficken in der Öffentlichkeit ist ja auch irgendwie verboten. Sollte aber eigentlich auf einem Festival so halb legal wie Kiffen sein. Um nicht unnötig miteinander reden zu müssen, kann manchmal ziemlich unsexy sein, wenn ein komischer Dialekt oder Geruch aus dem Mund kommt, und außerdem ist ja genau das Unbekannte so sexy, knutscht du einfach weiter, schiebst zum ersten Mal die Hand unter das Shirt und fühlst einen weichen, vom Pommesfett und Alkohol aufgeschwemmten und Schweiß leicht klebrigen, wohligen Körper.

Vor lauter Herumlecken kannst du dich gar nicht konzentrieren. Zu mir oder zu dir? An der leidigen Frage kommst du nicht vorbei. Schnell und in wenigen Worten klärt ihr, wer den Luxus eines Einmannzeltes hat oder welcher temporäre Mitbewohner am besten mit der Tatsache zurecht kommt, dass gleich hemmungslos auf seinem Daunenschlafsack abgespritzt wird. Echte Adrenalin-Junkies nehmen natürlich das fremde Zelt.

Lippe an Lippe gepresst lauft ihr über die Stolperlandschaft Zeltwiese, reißt euphorisch ein paar Heringe mit den Füßen aus dem Boden und bekommt schon die ersten Beschwerden. „Hey, geht’s noch, ihr Assis?“ Scheiß’ drauf! Denn endlich habt ihr die Liebeshöhle erreicht. Die Lippen müssen sich trennen, kein Grund Körperkontakt zu verlieren. Weiterfummeln.

Während du nervös im Stockfinstern den Reißverschluss zum Zelteingang sucht, tastet sich so manche Hand entlang des Hosenbundes, öffnet die Gürtelschnalle und fühlt schon einmal das Ausmaß des Gemächts. Noch kann sie wegrennen, falls nur ein kleines Wienerwürsten angeklopft hat. Sex im Zelt ist wie Dinner in the Dark.

Du weißt zwar grob, was serviert wird, aber was du wirklich bekommst, bleibt eine Überraschung, und weißt du erst, wenn du es probierst oder in den Mund steckt. Aber das macht auch den Nervenkitzel aus. Das Ungewissen, das Unbekannte und die Finsternis.

Nach so viel neuer Musik, die du den ganzen Tag über entdeckt hast, gehört zum krönenden Abschluss die Entdeckung und Eroberung eines frischen Körpers, das Ertasten einer fremden Brust, das Lecken eines unbekannten Oberschenkels, das Umklammern eines neuen Penis. Die Dunkelheit macht hemmungslos.

Scheiß’ auf die Cellulite, scheiß’ auf die Akne, scheiß’ auf die Welt da draußen. Sieht doch keiner. Es gibt nur zwei triebgesteuerte Körper, berauscht von Geilheit und Musik. Allzu viele akrobatische Stellungen sind aber nicht drin. Zu eng, zu klein, zu betrunken. Auch nicht schlimm, bei dem ganzen Überangebot an Kamasutra-Stellungen sehnst du dich eh back to the roots.

Einfach schnell verschmelzen, den steinharten Penis in die klitschnasse Muschi stecken und loslegen. Brüste kneten und Nippel ziehen nicht vergessen. Die Klassiker dürfen beim Sex im Zelt genauso wenig fehlen, wie die Toten Hosen auf Rock im Park. Die nassen Körper bewegen sich rhythmisch zum Bass, der in der Ferne wummert. Die Küsse werden salziger, die Luft dünner, das Gehirn matschiger und die Körper klebriger.

Es bildet sich ein kleiner See aka Feuchtgebiet im Lendenbereich, die Stoßbewegungen werden undefinierter und alles scheint außer Kontrolle zu geraten. Ficken auf Glatteis bei 36 Grad und 80 Prozent Luftfeuchtigkeit. Du schwimmst mit den Östrogenen und Androgenen in deinen Körperflüssigkeiten und produzierst beim Karnickelbumsen peinliche Quietsch-Platsch-Schleim-Geräusche.

Drauf geschissen, das raschelnde Nebengeräusch des Schlafsacks ist noch lauter und der Reißverschluss, der sich in deinen Oberschenkel bohrt, noch unangenehmer als die Genitalrutschpartie. Das hat ja schon wieder was.

Unbekannter Körper, unkontrollierbare Bewegungen, wie Masturbieren mit eingeschlafener Hand. Immer an die Geilheit denken und an die Tatsache, dass ihr es gerade zwischen 80.000 anderen Menschen treibt. 80.000 Menschen. Jeden Moment könnte einer reinschauen und euch beim intimsten Akt zugucken. Neben Kacken natürlich. Nur durch eine hauchdünne Membran seid ihr vom Voyeurismus der Außenwelt geschützt.

Der Gedanke erregt dich, leitet den Höhepunkt ein. Und jetzt? Schreien oder nicht schreien, das ist hier die Frage. Gentleman spielen, schweigen und genießen oder geiler Hecht sein und den Nachbarn zeigen, was du so drauf hast?

Ach, jetzt ist es auch schon egal! „Ich bin gleich… Oh Gott… Uuooaahhhhhhhhhhhhh…“ Der Schrei beim Orgasmus hört sich durch die Ohropax, die du natürlich drin gelassen hast, wie in einer Unterwasser-Traumwelt an. Und so fühlst du dich auch. Klitschnass und nicht wirklich am Leben.

Ihr sackt zufrieden und befriedigt zusammen. Wenn ihr nicht festklebt, streichelt ihr euch gegenseitig noch ein bisschen. Es geht hier nicht um Liebe, Kinder kriegen und Heiraten. Genau wie im Club wirst du auch auf einem Festival nicht deinen Traumpartner fürs Leben finden. Beim Ficken auf dem Festival geht es um animalische Triebe und das Gefühl von grenzenloser Freiheit. Selbstverwirklichung.

Den Namen hast du nach ein paar Tagen eh wieder vergessen. Vorausgesetzt du hast ihn zwischen dem Geschrei der anderen Leute und der lauten Musik überhaupt verstanden. Und wie genau das ganze Gebumse jetzt abgelaufen ist, wird dir auch nicht im Gedächtnis bleiben.

Doch was du niemals vergessen wirst, was sich wie ein Brandzeichen in die Nasenschleimhäute brennt – der Geruch. Der Geruch von Sex im Zelt. Der Duft von Alkohol und Grillfleisch aus dem Mund, gepaart mit Körpersekreten wie Schweiß und stinkende Füße, der vollendet wird mit einer Nuance Latex und Sperma. Aue de Sexival. Noch einmal tief ein- und ausatmen und dann, wie bei jedem guten Konzert, eine Zugabe abliefern.

Die Fotografie stammt von Daniele Colucci
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Befreiung im Kopf: Wenn es dir schlecht geht, brauchst du einen Neuanfang

Manchmal brauchen wir einen Neuanfang. Sehr oft ist dieser bewusste Akt, verbunden mit symbolischen Änderungen im Leben, nicht nur freiwillig, sondern erwünscht. Wir hören sie ja immer sagen: Wenn du nicht zufrieden bist, dann ändere etwas an der Situation. Und weil sehr oft sehr viele Dinge unwe...
Befreiung im Kopf: Wenn es dir schlecht geht, brauchst du einen Neuanfang

Befreiung im Kopf

Wenn es dir schlecht
geht, brauchst du
einen Neuanfang

Sara Navid

Manchmal brauchen wir einen Neuanfang. Sehr oft ist dieser bewusste Akt, verbunden mit symbolischen Änderungen im Leben, nicht nur freiwillig, sondern erwünscht. Wir hören sie ja immer sagen: Wenn du nicht zufrieden bist, dann ändere etwas an der Situation.

Und weil sehr oft sehr viele Dinge unweigerlich miteinander zusammenhängen, gehen wir eben radikal mit dieser Situationsänderung um. Wieso grundlegend renovieren, wenn wir auch ausziehen können? Der Thrill des Neuen kann uns durchaus erst einmal von der Trägheit und der Last des Alten ablenken.

Vielleicht finden wir in der neuen Wohnung die vielen Ecken der Ruhe und der Leichtigkgeit, die wir in der alten, mit dem Schmutz der Vergangenheit belegten Bude unter dem ganzen Dreck nicht mehr fanden.

So einen Neuanfang wünschen wir uns, wenn wir merken, dass wir die Zeit nicht zur letzten persönlichen Revolution zurück drehen können. Damals, als ich den Job schmiss und mein neues Leben in Mut und Fröhlichkeit begann. Damals, als ich von meiner Reise zurückkam und Berlin für mich neu entdecken konnte, unbelastet und frei von jeglicher Verpflichtung.

Und dann? Nach nicht ganz einem Jahr kam wieder ein Neuanfang auf mich zugedonnert. Nur dass ich ihn mir dieses Mal nicht ausgesucht habe. Ich habe nicht einmal darüber nachgedacht. Ich war glücklich und ich war zufrieden, so lange, bis der Winter kam und mit voller Gewalt mein Traumschloss in Eis hüllte und es in seiner natürlichen Gewalt zerspringen ließ.

Es lief ungefähr so ab: Wenn wir in aller Eile ein Traumschloss errichten, dann vergessen wir hier und da die Feinarbeit. Sobald die wesentlichen Pfeiler stehen, das Dach hält und die Möbel drin stehen, können wir bereits einziehen. Die kleinen Details – wie etwa das Wasser im Keller und die Ratten auf dem Dachboden – um die können wir uns ja im Laufe der Zeit kümmern. Bestimmt machen das auch viele so. Ich hingegen schmiss nur noch große Partys und heizte ziemlich stark auf.

Der Kostenvoranschlag für die Reperaturen zeigte dann jedoch: Asbest, Loch in der Decke, Schimmel in den Wänden, morscher Unterbau, und wetterbedingt gefährdet. Wahrscheinlich ist es günstiger, ein neues, kleines Haus zu kaufen mit dem Wert, den du noch deinen Besitz nennst, als hier überhaupt noch irgendetwas anzufassen. Tritt es ein, mach es kaputt, lass es uns demolieren. Stemple es ab als Teil deiner Vergangenheit und suche dir eine bescheidene Bleibe, die aber wenigstens stabil ist.

Das wollte ich so alles nicht. Meine Sachen sind bereits im Koffer. Zumindest die drei Habseligkeiten, die dieses Renovierungsintermezzo überlebt haben. Ich denke an die schönste Zeit meines Lebens zurück. Zu neunzig Prozent unbeschwert, mit Geld auf dem Konto und einem starken Netz an Zuversicht neben mir.

Die Welt in Schönheit getaucht, weil ich es so wollte. Sonnenschein auf meinem Gesicht, obwohl die Sonne schon längst untergegangen war. Dieser erzwungene Neuanfang bricht über mich herein, obwohl der Nachgeschmack des letzten Males mir noch im Mund hängt.

Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich mich nicht auf die Zukunft freue, sondern mich in den verbitterten Erinnerungen der Vergangenheit suhlen möchte. Ich weiß, dass Selbstmitleid nicht die Antwort ist. Ich weiß, dass ich verantwortlich für meine Fehler bin. Ich weiß, dass ich das alles hätte vermeiden können. Bei meinem nächsten Haus werde ich nicht das günstigste, sondern das qualitativ hochwertigste Angebot nehmen. Das verspreche ich mir selbst.

Die dunklen Zeiten der Suche zurück zur Leichtigkeit sind angebrochen. Zurück in die Zukunft, zu einem Ich, dass sich mit den Tatsachen und den Konsequenzen aller Dinge, die passiert sind, arrangieren kann. Zu einem Ich, dass Kraft aus den Erfahrungen schöpft und den Mut wieder aufgenommen hat. Ich wünschte nur, dass das alles ohne Bewusstsein und ohne kognitive Anwesenheit passieren könnte. Denn bis dahin wird es richtig hart.

Die Illustration stammt von Thierry Fousse und Icons8
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Ficken für Fortgeschrittene: Sex ist nur schmutzig, wenn er richtig gemacht wird

Vor langer, langer Zeit gab es mal ein Online-Portal, das sich StudiVZ nannte. Das war so etwas wie Facebook, aber für Leute, die noch zur Uni gingen. Oder zumindest so taten. Eigentlich war es dazu gedacht, sich mit Mitstudierenden und Freunden besser und schneller vernetzen zu können, aber wenn wi...
Ficken für Fortgeschrittene: Sex ist nur schmutzig, wenn er richtig gemacht wird

Ficken für Fortgeschrittene

Sex ist nur schmutzig,
wenn er richtig
gemacht wird

Lena Freud

Vor langer, langer Zeit gab es mal ein Online-Portal, das sich StudiVZ nannte. Das war so etwas wie Facebook, aber für Leute, die noch zur Uni gingen. Oder zumindest so taten. Eigentlich war es dazu gedacht, sich mit Mitstudierenden und Freunden besser und schneller vernetzen zu können, aber wenn wir ehrlich sind, waren wir da doch alle nur angemeldet, um irgendwelchen sinnlosen Gruppen beizutreten, die nur dazu dienten, unsere Profile und damit auch uns selbst ein wenig cooler aussehen zu lassen.

Die hießen beispielsweise „Wenn man Tiere nicht essen darf, warum sind sie dann aus Fleisch?“, „Es gibt bessere Partys als das Rügenwalder Mühlenfest!“, „Ich fand Hitler schon scheiße, als er noch in ganz kleinen Clubs spielte!“ oder aber „Guter Sex ist, wenn selbst die Nachbarn danach eine rauchen!“.

Ursprünglich waren diese Gruppen wohl mal dazu gedacht, um mit Gleichgesinnten über bestimmte Themen diskutieren zu können. Dafür wurden sie allerdings so gut wie nie genutzt. Es ging um nicht mehr und nicht weniger, um den eigenen Charakter anhand der Gruppentitel irgendwie zu umreißen und so allen Kommilitoninnen und Kommilitonen zu zeigen, was für ein cooler Typ oder eine heiße Braut man war. Nur Streber traten irgendwelchen Gruppen bei, in denen tatsächlich über Hausarbeiten und anstehende Klausuren geredet wurde.

Wie ihr euch sicher alle vorstellen könnt, gehörte ich nicht dazu. Meine Gruppen drehten sich alle um Feiern, Ficken und Fäkalhumor. Vermutlich wundert es euch deshalb auch nicht, wenn ich euch verrate, dass meine Lieblingsgruppe eine war, die den vielsagenden Titel „Dreck ist nur schmutzig, wenn er richtig gemacht wird!“ war. Aber um die soll es hier heute gar nicht gehen. Sondern um die StudiVZ-Gruppe, der dieser Name nachempfunden war: „Sex ist nur schmutzig, wenn er richtig gemacht wird!“

Seit #MeToo zuerst durch die sozialen Netzwerke und dann durch die Medien gejagt wurde, haben Männer auf der ganzen Welt ein großes Problem, das zumindest in ihren Augen schwerer zu wiegen scheint, als dass Frauen auf der ganzen Welt tagein, tagaus mit sexueller Belästigung zu kämpfen haben, die – Überraschung – in den allermeisten Fällen von Männern ausgeübt wird.

Mann hat Angst, dass bald schon ein „harmloser Flirt“ zur Anzeige gebracht wird und beschwert sich, dass die Frauen von heute immer prüder werden, was „Sex“ betrifft, aber zeitgleich ihren Körper mit weiten Ausschnitten, kurzen Röcken und engen Hosen so zur Schau stellen, dass Mann das ja nur als Einladung zum sofortigen Geschlechtsverkehr verstehen könne.

In sozialen Netzwerken – in erster Linie Twitter und Instagram – tun Frauen zwar gerne so, als wären sie sehr aufgeschlossen und versaut, aber wenn Mann ihnen dann ein Penisfoto schickt oder sie fragt, ob sie Bock haben zu ficken, stellen sie einen direkt als sexistisches Schwein an den Pranger.

Wer soll denn da den Überblick behalten, was man noch darf und was nicht? Wie soll man überhaupt noch Frauen kennenlernen? Und das Wichtigste: Wie findet man zwischen den ganzen Feministinnen noch eine, die im Bett zwar genauso dirty ist wie man selbst, aber eben auch keine Schlampe?

Nun, genau das möchte ich heute gerne erklären. Und zwar anhand der bereits oben erwähnten StudiVz-Gruppe „Sex ist nur schmutzig, wenn er richtig gemacht wird!“. Es ist nämlich so, dass Frauen keineswegs prüder geworden sind. Sexismus zu benennen und sich dagegen zu wehren, bedeutet nicht, dass wir keine Lust haben, zu ficken und gefickt zu werden.

Genauso, wie Titten zu zeigen oder Röcke zu tragen, die mehr freigeben als sie verdecken, nicht bedeutet, dass man keine Feministin ist, die Wert darauf legt, mit ein wenig Anstand und Respekt behandelt zu werden. Die meisten Frauen stehen genauso sehr auf Sex wie es Männer tun.

Aber – und damit kommen wir zum Punkt – Sex ist eben nur schmutzig, wenn er richtig gemacht wird. Und dazu gehört in erster Linie, dass er einvernehmlich ist und allen Beteiligten gleichermaßen Spaß macht. Ich sage bewusst „allen Beteiligten“, weil Sex sich nicht auf zwei Personen beschränken muss.

Wir Frauen reden so gerne über Sex, weil wir ihn eben mögen. Und wir reden über Sexismus, weil er uns stört. Beides sind vollkommen unterschiedliche Dinge, die in unserer Gesellschaft aber leider doch Hand in Hand gehen. Das liegt vor allem daran, dass sie meisten Kerle Sex und Sexismus nicht voneinander unterscheiden können. Aber ich will euch jetzt wirklich nicht erklären, was sexistisch ist und was nicht, sondern lieber darüber schreiben, wie Mann den dreckigen Sex bekommt, der er sich wünscht.

Zu allererst wäre da der Punkt, dass Typen einfach häufig viel zu plump vorgehen. Ganz ehrlich: Wer von euch hat schon mal eine Frau herumgekriegt, indem er ihr auf der Straße hinterhergerufen hat, dass er gerne mal seinen Schwanz in sie schieben würde? Niemand. Aus dem einfachen Grund, dass es so respektlos ist, dass Frauen sich nicht mal dann darauf einlassen würden, wenn ihr Ryan Gosling persönlich wärt.

Geilen Sex bekommt ihr, indem ihr auf die Bedürfnisse von Frauen eingeht und sie nicht etwa von oben herab behandelt oder ihnen vorschreibt, was sie zu tun haben. Wenn ihr gemeinsam über Vorlieben und Abneigungen sprecht. Vielleicht nicht unbedingt beim ersten Date, aber eben dann, wenn so langsam klar wird, dass ihr miteinander im Bett landet werdet.

Es hilft auf alle Fälle, als Mann erst einmal zuzuhören, bevor man solche Ansprüche stellt wie „Du musst auf alle Fälle deepthroaten können, und wenn du dich nicht in den Arsch ficken lässt, dann wird das eh nichts mit uns beiden!“. Die meisten Frauen machen das von ganz alleine. Vorausgesetzt, sie haben Bock auf euch.

Wir sind nämlich genauso dirty, wie wir im Internet gerne tun. Nur bestimmen wir gerne selbst darüber, wer seinen Schwanz jetzt in uns schieben darf und wer nicht. Und da haben sexistische Schweine nun mal schlechtere Karten als die Typen, die uns nicht direkt ihren Penis ins Gesicht klatschen wollen oder uns sagen, dass wir viel zu prüde sind, nur weil wir ein wenig Respekt verlangen, bevor ihr uns ficken dürft. Und danach übrigens auch.

Wer nett ist, steigert seine Chancen auf Sex um 100 Prozent. Und wer erwartet, dass wir all die Sachen tun, die man so in Pornos zu sehen bekommt, der sollte erst einmal einen Realitätscheck machen, ob er selbst überhaupt das leisten kann, was die Typen in den Pornos leisten – und uns dann die Zeit geben, uns erst einmal so wohl zu fühlen, dass wir von uns aus verlangen, dass ihr uns euren Schwanz bis zum Anschlag in den Arsch schiebt.

Wer dreckigen Sex will, der muss es eben richtig machen. Und das geht am Einfachsten, wenn man sich als Typ erst mal selbst zurückhält und sich stattdessen um unsere Bedürfnisse kümmert. Allen voran Respekt im täglichen Umgang miteinander. Übrigens: Wer Sex für das Geilste hält, hat noch nie richtig gegrillt.

Die Fotografie stammt von Dainis Graveris
Der Text erschien in der Kategorie Sex mit den Themen
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Sie kommt von Herzen: Hassliebe ist das ehrlichste Gefühl

Wenn man von Liebe spricht, schwingt der Hass immer ein bisschen mit. Es ist ja so: Ohne Hass könnte die Liebe gar nicht existieren. Ich meine, woher sollst du denn wissen, was Liebe ist, wenn du noch nie richtig gehasst hast? Und woher weißt du, wie sich Hass anfühlt, wenn du noch nie richtig gelie...
Sie kommt von Herzen: Hassliebe ist das ehrlichste Gefühl

Sie kommt von Herzen

Hassliebe ist das
ehrlichste Gefühl

Jana Seelig

Wenn man von Liebe spricht, schwingt der Hass immer ein bisschen mit. Es ist ja so: Ohne Hass könnte die Liebe gar nicht existieren. Ich meine, woher sollst du denn wissen, was Liebe ist, wenn du noch nie richtig gehasst hast? Und woher weißt du, wie sich Hass anfühlt, wenn du noch nie richtig geliebt hast?

Ehrlich jetzt, Liebe und Hass, die gehen Hand in Hand und Curse hat in den Zweitausendern sogar mal einen Song dazu gemacht, “Kann man sich gleichzeitig lieben und hassen?” fragte er da. Ich kann ihm heute sagen, dass das geht. Vielleicht ist das diese Hassliebe, von der man immer hört. Die immer herhalten muss, wenn man es nicht mehr erklären kann.

Es ist irgendwie krass, wenn Liebe und Hass sich so nah sind: Das ist einfach das stärkste Gefühl, also für mich zumindest. Dieser Moment, wenn Hass das Gefühl von Liebe nicht ersetzt oder mindert, sondern sogar noch verstärkt. Wenn du nicht liebst und hasst, dann spürst du Gleichgültigkeit und das ist wirklich das schlimmste Gefühl. Weil es nicht einmal so ein richtiges Gefühl ist irgendwie, also für mich zumindest.

Ich hab schon viel geliebt, naja, nicht so richtig, nicht so wie man Menschen liebt oder lieben sollte. Eher so, wie man Pommes liebt. Oder Schokolade. Aber ich habe schon geliebt, denke ich. Das Ding ist nur: irgendwann war ich immer satt. Also nicht jetzt von den Pommes und der Schokolade. Satt von der Liebe. Sie war mir irgendwann egal, also, sie ist irgendwann irgendwie unspektakulär geworden, wie das halt so ist, wenn du jeden Tag nur Pommes isst oder Schokolade.

Das ist schon alles geil, aber irgendwann hast du halt auch einfach genug und dann willst du eben andere Sachen. Ich meine damit jetzt noch nicht mal unbedingt ein Steak vom Kobe-Rind, sondern eher die kulinarischen Kleinigkeiten: Dass die Pommes mal zu salzig sind und die Schokolade mal zu bitter. Oder andersherum. Mit dieser Hassliebe ist es hingegen so, dass sie mich voll vereinnahmt. Ich esse und esse und ich werde einfach nicht satt. Und das, obwohl mir schon ganz schlecht davon ist. Obwohl es mir eigentlich auch schon gar nicht mehr schmeckt.

Mit Liebe und Hass ist es ja so: Sie müssen sich nicht immer auf Menschen beziehen. Über die Jahre, die wir nun schon zusammen sind, haben Berlin und ich zum Beispiel so ein Ritual entwickelt: Immer, wenn ich die Stadt verlassen muss, weil sie es mir mal wieder schwer gemacht hat, einfach nur glücklich mit ihr sein zu können, schenkt sie mir so einen Moment, der mir zeigt, dass es falsch wäre, ihr für immer den Rücken zu kehren.

Das klingt jetzt etwas umständlich. Einfach gesagt: Ich glaube, die Stadt will trotz aller Niederlagen und Rückschritte, dass ich wiederkomme. Wieder nach Hause. Ich glaube, das ist diese Hassliebe, von der man immer hört. Man will sie auf keinen Fall loslassen, weil man glaubt, der Hass garantiere einem die Liebe. Zwei zum Preis von einem. Purer Zeitgeist. Und trotzdem würde man lieber nur einen ganzen Sack von dem einen kaufen. In dem Fall natürlich einen Sack voll Liebe.

Wo die Liebe hinfällt, kann man ja nie sagen. Sie passiert einfach so für sich, ohne dass man es will und steuern kann. Hass hingegen, der ist schon sehr konkret. Zumindest erlebe ich das so. Fest. Hart. Konkret. So empfinde ich Hass. Okay, das ist vielleicht ein sehr starkes Wort, also Hass an sich, genau wie Liebe auch, aber Hass macht es mir nicht schwer, Worte für ihn zu finden.

Ich hasse ja relativ viel. Nazis zum Beispiel. Oder Haie. Wirklich, ich hasse Haie. Und ich weiß nicht einmal genau wieso. Und trotzdem üben sie auf mich eine solche Faszination aus, dass ich geradezu besessen von ihnen bin. Wenn irgendwo ein Haifilm läuft, muss ich ihn sehen. Wenn irgendwo ein Buch über Haie erscheint, muss ich es lesen.

Jedes Poster, jedes Shirt, auf dem ein Hai zu sehen ist: Ich muss es haben. Verdammt, ich habe sogar einen scheiß Hai tätowiert. weil ich diese Tiere hasse – und ich liebe das Tattoo. Genau wie ich Haie auch irgendwie liebe. So versucht man vielleicht immer instinktiv die Liebe gegen den Hass gewinnen zu lassen.

Vielleicht erfährt man Hassliebe sehr oft. Man weiß es nur eben nicht, bis man mal länger drüber nachdenkt. Bis es einen Anlass dazu gibt. Diesen Moment, wenn Hass das Gefühl von Liebe nicht mindert, sondern sogar noch verstärkt, habe ich erst einmal bei einem Menschen erlebt, und das war irgendwie krass, also dass Liebe und Hass sich so nah waren.

Ich habe den Typen, den ich so hassliebe, vom ersten Moment an gehasst. Da bin ich mir heute zumindest ganz sicher. Seine Arroganz. Die Art, wie er spricht und sich bewegt. Ja, sogar seinen verdammten Bart, der nicht so richtig zu seinem vor Überheblichkeit nur so strotzendem Grinsen passt – doch irgendwie war da etwas an ihm, das mich sofort in seinen Bann zog.

Vielleicht die Arroganz. Oder die Art, wie er sprach und sich bewegte. Ja, vielleicht sogar sein verdammter Bart, der nicht so richtig zu seinem vor Überheblichkeit nur so strotzendem Grinsen passte. Ich habe den Typen, den ich so hassliebe, vom ersten Moment an geliebt. Da bin ich mir heute ganz sicher.

Wir waren nicht lange zusammen, ein halbes Jahr vielleicht, und ich glaube, er hat mich auch ziemlich gehasst. Meine viel zu große Nase. Meine Aufsässigkeit. Und dass ich ihm immer ins Wort gefallen bin – doch irgendwie war da was an mir, das ihn sofort in meinen Bann gezogen hat. Vielleicht die viel zu große Nase. Oder meine Aufsässigkeit. Ja, vielleicht sogar die Tatsache, dass ich ihm immer ins Wort gefallen bin. Er hat mich vom ersten Moment an geliebt.

Wir waren nicht lange zusammen, ein halbes Jahr vielleicht, und während dieses halben Jahres, waren wir ziemlich oft getrennt. Weil wir uns gehasst haben. Unzählige Streitgespräche haben wir geführt, uns immer wieder geschworen, nie wieder ein Wort miteinander zu sprechen – doch das Ding ist eben, zum Küssen braucht man keine Worte.

Und so viel Hass in unseren Worten steckte, so viel Liebe steckte auch in unseren Küssen. Und wenn wir dann da lagen und rauchten, die Wangen rot vom Sex und den Ohrfeigen, die wir uns gaben, weil wir uns hassten, während wir uns liebten, schlugen unsere Herzen mindestens genauso wild, wie es unsere Fäuste die meiste Zeit über wollten. Immer dann waren wir zusammen.

Wir waren nicht lange zusammen, ein halbes Jahr vielleicht, doch diese Hassliebe, die ist immer noch da, auch wenn wir längst nicht mehr zusammen sind. Irgendwann haben wir Schluss gemacht, weil sie uns so vereinnahmt hat und sind zurück gegangen zu der viel zu süßen Schokolade und den ungesalzenen Pommes, denn die haben uns auf Dauer niemals unglücklich gemacht – weil wir immer wussten, was wir an ihnen haben. Und außerdem gibt es auch noch das Steak vom Kobe-Rind.

Die Fotografie stammt von Igor Miske
Der Text erschien in der Kategorie Liebe mit den Themen
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Kawaii Monster Café: Supersüßes Tokio

Natürlich hat Tokio auch seine normalen Seiten. Seine ordinären Seiten. Sogar seine langweiligen Seiten. Männer in dunklen Anzügen. Wahre Wände aus hohen Wolkenkratzern. Laute und überfüllte U-Bahnen. Aber dann tretet ihr durch eine Tür und plötzlich seid befindet ihr euch im zuckersüßen Tokio, wo a...
Kawaii Monster Café: Supersüßes Tokio

Kawaii Monster Café

Supersüßes
Tokio

Daniela Dietz

Natürlich hat Tokio auch seine normalen Seiten. Seine ordinären Seiten. Sogar seine langweiligen Seiten. Männer in dunklen Anzügen. Wahre Wände aus hohen Wolkenkratzern. Laute und überfüllte U-Bahnen. Aber dann tretet ihr durch eine Tür und plötzlich seid befindet ihr euch im zuckersüßen Tokio, wo alles kawaii und fluffig und kunterbunt ist.

Willkommen im Kawaii Monster Café, dem Ort in der japanischen Hauptstadt, an dem ihr den Spaß eures Lebens haben könnt. Das mitten in Harajuku gelegene Etablissement vereint alles, was süß ist, an einem Ort. Einhörner, auf denen ihr reiten könnt, rosa Torten, auf denen ihr herum tollen könnt, babymäßige Milchfläschchen, die kopfüber von der Decke hängen.

Im Grunde besteht das Kawaii Monster Café aus dem „Sweets Go Round“-Kuchen und vier Bereichen, die „Mushroom Disco“, „Milk Stand“, „Bar Experiment“ und „Mel-Tea Room genannt wurden. Sebastian Masuda hat das Restaurant entworfen. Die bunten Speisen sowie die putzigen „Monster Girls“ werden euren Besuch unvergesslich machen. Mitten in Harajuku. Mitten in Tokio.

Kawaii Monster Café: Supersüßes Tokio Kawaii Monster Café: Supersüßes Tokio Kawaii Monster Café: Supersüßes Tokio Kawaii Monster Café: Supersüßes Tokio
Die Fotografie stammt von Marlen Stahlhuth
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Cat Heaven Island: Willkommen auf der Katzeninsel

Ihr habt bereits zwölf Katzen zu Hause, fürchtet aber, dass ihr noch mehr braucht? Allerdings steigt euch euer Vermieter bereits aufs Dach und würde euch sowie Mimi, Mira, Lili, Mia, Nelly, Sari, Luna, Nicky, Molly, Coco, Mucki und Kira am liebsten noch heute noch hochkantig rauswerden? Wir haben da...
Cat Heaven Island: Willkommen auf der Katzeninsel

Cat Heaven Island

Willkommen auf
der Katzeninsel

Marcel Winatschek

Ihr habt bereits zwölf Katzen zu Hause, fürchtet aber, dass ihr noch mehr braucht? Allerdings steigt euch euer Vermieter bereits aufs Dach und würde euch sowie Mimi, Mira, Lili, Mia, Nelly, Sari, Luna, Nicky, Molly, Coco, Mucki und Kira am liebsten noch heute noch hochkantig rauswerden? Wir haben da die perfekte Lösung für euch…

Auf der japanischen Insel Tashirojima, die im Volksmund gerne “Cat Heaven Island” genannt wird, leben mehr Katzen als Menschen. Sie schauen den Fischern beim Angeln zu, streunen durch die längst verlassene Schule und paaren sich ganz oben, auf dem höchsten Hügel, im blassen Licht des Vollmondes. Könnte es einen schöneren Ort für euch geben? Wohl kaum.

Landon Donoho und seine Kollegen haben ein paar Bewohner der Insel bei ihrem täglichen Treiben begleitet und hat aus dem kleinen Video dank Kickstarter nun eine richtige Dokumentation gemacht, um die Geschichte einer Insel zu erzählen, die vom Tsunami gezeichnet, vom Weggang der Jungen gebeutelt und dank der Klänge ihrer haarigen Bewohner auf vier Pfoten in der ganzen Welt bekannt ist.

Cat Heaven Island: Willkommen auf der Katzeninsel
Die Fotografie stammt von Christopher Michael Wong
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Kritik, Kultur und Kommentare: Die deutsche Neidgesellschaft

Wilhelm Busch, einer der wichtigsten deutschen Dichter und Denker, behauptet: „Der Neid ist die aufrichtigste Form der Anerkennung.“ Der Philosoph Arthur Schopenhauer hingegen wird in seiner Beobachtung schon differenzierter und entzieht dem Gefühl einen kulturellen Zusammenhang. „In Deutschland ist...
Kritik, Kultur und Kommentare: Die deutsche Neidgesellschaft

Kritik, Kultur und Kommentare

Die deutsche
Neidgesellschaft

Meltem Toprak

Wilhelm Busch, einer der wichtigsten deutschen Dichter und Denker, behauptet: „Der Neid ist die aufrichtigste Form der Anerkennung.“ Der Philosoph Arthur Schopenhauer hingegen wird in seiner Beobachtung schon differenzierter und entzieht dem Gefühl einen kulturellen Zusammenhang. „In Deutschland ist die höchste Form der Anerkennung der Neid.“ Wenn sich diese Aussage nicht heute noch bestätigt. Seien wir ehrlich: die deutsche Gesellschaft ist die Neidgesellschaft schlechthin.

Anerkennung mag die beste Form der Kritik sein, welche der eigenen Arbeit entgegengebracht werden kann, aber ob es diese noch mit der Paarung von Neid ist, sei erst einmal dahingestellt. Für den, der beneidet wird, kann diese Art der Reaktion seiner Mitmenschen der Sieg sein. Doch gibt es immer zwei Seiten, die durchleuchtet werden müssen. Und das kann leider auch verheerend unglücklich enden.

Das ach so harmlose und erstrebenswerte Gefühl war eines der Ursachen der Verschwörungstheorien, welche die Propaganda des Nationalsozialismus nur bestärkten. Die Wirtschaftskrise von 1923, die viele Deutsche in den finanziellen Ruin stürzen ließ, sei eine Machenschaft und Manipulation der Juden. Wie entstehen derartige menschenverachtende Vorwürfe, um es milde auszudrücken? Ganz genau: Durch Neid. Untere Schichten hegten dieses Gefühl gegenüber den gutpositionierten Juden.

Niemand gibt sich mit dem zufrieden, was er hat. Es ist nicht nur so, dass häufig diejenigen, die es geschafft haben, Missgunst und Neid entgegengebracht bekommen, nein, die Arbeit wird ignoriert. Noch schlimmer. Sie wird verachtet und schlecht geredet. Kritik ist gut, sehr gut sogar, wenn nicht die beste erfolgversprechende Reaktion auf unser Tun. Denn nur so können wir an uns wirken und besser werden. Doch die Kritik aus unserem Umfeld ist oftmals keineswegs konstruktiv.

Es ist spürbar, dass sie das Ziel verfolgt, zu entblößen und zu erniedrigen, aus Selbstgefallen. Mit negativen Äußerungen wird versucht, Menschen an sich selbst zweifeln zu lassen, nur weil sie genau das sich selbst antun. Bewusst und aus Absicht. Weil diese Sorte von Menschen alles will, aber rein gar nichts dafür tut. Das hat dann auch nichts mehr mit dem sogenannten „positiven Neid“ zu tun, wie es manche Philosophen nennen, und der sich durch das Ungerechtigkeitsgefühl rechtfertigen lässt.

Dazu macht es die Demokratie des Internets nun auch noch jedem einzelnen möglich, sich zu äußern. Oft sind dann Kommentare voller Hass zu lesen. Während man im echten Leben noch besser damit umgehen kann, da man die Gewissheit hat, wer was sagt, sind es im Internet anonyme Menschen, die ohne ihre Identität zu verraten, die eigene Unzufriedenheit tarnend alles schlecht reden und sich über Personen äußern, die sie nicht kennen. Dagegen kann man leider nichts machen. Denn die Netiquette besteht weder in Blogs noch im echten Leben.

Doch es bringt nichts, von der Geschichte zu erzählen, wenn wir davon nichts lernen können. Das Problem muss da behoben werden, wo es entsteht. Im Menschen, denn man kann Neid nicht damit abtun, und es gutreden, indem man sagt „deine Anerkennung ist mein Sieg“. Wie kann man dieses Hauptcharakteristikum des Menschen überwinden, wovon uns die griechische Mythologie so oft erzählt?

Der Anti-Amerikanismus sollte sich bemildern, und gleichzeitig muss sich die deutsche Gesellschaft von ihr manches erklären lassen. Denn die Amerikaner bewundern jeden, der es schafft vom Tellerwäscher zum Millionär, den American Dream zu leben. Diese Menschen werden bejubelt, man nimmt sie sich als Vorbild und sagt aufblickend: “Hey, das möchte ich auch schaffen”. Es wird sicher oft in die Höhe gelobt. In Deutschland hingegen wird jedoch alles schlecht- und kleingeredet. Ein Schriftsteller erklärte mir mal dazu, wenn man die Wahl zwischen groß- und kleinreden hat, dann entscheidet man sich natürlich für das erste.

Da ich zwischen zwei Kulturen aufgewachsen bin, habe ich das Glück zwei Gesellschaften genauestens miteinander vergleichen zu können. In der Türkei trägt jedes Baby Monate, manchmal jahrelang die Nazar-Perle, die vor bösen Blicken schützen soll. Aus Tradition und natürlich auch aus Angst vor neidischen Menschen. Die gibt es nämlich auch in der Türkei, schließlich ist es nun einmal ein Grundcharakteristikum des Menschen. Doch unternimmt man unbewusst andere Maßnahmen, um es nicht auszuleben.

Doch dort sagt man jedem Kind, egal ob besonders oder nicht, “Mashallah, bist du schön” oder “Gott, beschütze dich”. Es ist nett gemeint, sicher auch ein Ausdruck der Gewohnheit, wenn auch nicht immer unbedingt das ehrlichste. Doch seit wann sollte man Kinder schon intensiv kritisieren. Menschen aus anderen Kulturen schaffen es dieses „Gefühlsgebilde“ nicht erst entstehen zu lassen.

Wie so häufig hat der wohl weiseste Mensch, den Österreich zu bieten hat, die Lösung parat. Nicht Ressentiment, sondern Bewunderung ist das Schlagwort. Sigmund Freud sagt Neid kann mit dem Gefühl der Bewunderung überwunden werden. Aufrichtig und tief kann eine Freundschaft nur werden, wenn man den Menschen, die man liebt vom Herzen alles gönnt. Die Formel ist die Umwandlung in ein Gefühl der Bewunderung.

Und für Goethe ist das universellste Glück die Lösung für alles. „Gegen große Vorzüge eines andern gibt es kein Rettungsmittel als die Liebe.“ Aber damit man nicht nur weniger neidisch sein muss, sondern auch weniger unzufrieden mit sich selbst, und letzteres sind wir ja alle mal, müssen wir uns selbst erinnern und erinnert werden. Wer wir sind und vor allem, was wir damit alles geschafft haben, statt sich ständig vorzuführen, was andere alles haben und können, was man selbst nicht hat, und nicht kann.

Man sollte sich der eigenen Fähigkeiten bewusst werden und nicht der Unfähigkeiten. Die Konzentration und Fokussierung auf das eigene Leben, die eigenen Leidenschaften muss man selbst endlich durchführen und erleben, nur so kann man sich selbst verwirklichen. Und ganz einfach: Durch Lob von Familie und Freunden, aber auch durch Fremde. Wenn man etwas Positives über jemanden denkt, dann kann man das auch ruhig mal sagen. Denn schließlich macht uns das alle glücklich und unserem Tag zu einem schöneren. Immer. Ohne Ausnahme.

Die Illustration stammt von Icons8
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Akira: Cyberpunk vom Feinsten

Willkommen im düsteren, dreckigen, lediglich von den kunterbunten Neonlichtern der Hochhäuser erhellten Neo-Tokio, erbaut auf der übrig gebliebenen Asche einer japanischen Hauptstadt, die durch eine Explosion unbekannter Herkunft, die wiederum den Dritten Weltkrieg auslöste, zerstört wurde. Das L...
Akira: Cyberpunk vom Feinsten

Akira

Cyberpunk
vom Feinsten

Marcel Winatschek

Willkommen im düsteren, dreckigen, lediglich von den kunterbunten Neonlichtern der Hochhäuser erhellten Neo-Tokio, erbaut auf der übrig gebliebenen Asche einer japanischen Hauptstadt, die durch eine Explosion unbekannter Herkunft, die wiederum den Dritten Weltkrieg auslöste, zerstört wurde.

Das Leben zweier gewitzter Jugendfreunde, Tetsuo und Kaneda, ändert sich für immer, als in Tetsuo paranormale Fähigkeiten zu erwachen beginnen, die ihn wiederum zur Zielscheibe einer schattenhaften Agentur machen, die vor nichts zurückschrecken wird, um eine weitere Katastrophe wie diejenige, die Tokio dem Erdboden gleichgemacht hat, zu verhindern. Der Kern der Motivation der Agentur ist eine rohe, alles verzehrende Angst vor einer unvorstellbaren, monströsen Macht, die nur als Akira bekannt ist.

1982 veröffentlichte Kodansha das erste Kapitel von Akira, einer dystopischen Saga, die in Neo-Tokio spielt, einer Stadt, die sich von einem thermonuklearen Angriff erholt, wo die Straßen an Motorradbanden abgetreten wurden und die Reichen und Mächtigen gefährliche Experimente mit zerstörerischen, übernatürlichen Kräften durchführen, die sie nicht kontrollieren können. 1988 wurde der Manga in den damals teuersten Trickfilm aller Zeiten adaptiert, der Akiras Einfluss aus der Manga-Welt heraus und auf die globale Bühne brachte.

Akira ist nicht nur ein Film, er ist die Genesis eines Genres. Katsuhiro Otomos bahnbrechender Cyberpunk-Klassiker verwischte die Grenzen der japanischen Animation und zwang die Welt, in die Zukunft zu blicken. Akiras Ankunft erschütterte das traditionelle Denken und schuf Raum für Filme wie Matrix, die in die brutaler Realität geträumt wurden.

Ohne Kaneda und Tetsuo, ohne übernatürliche Rebellen und psionische Mörder, ohne dieses abgrundtief geile Motorrad, wäre unsere Welt ein weitaus weniger aufregender Ort, um zu existieren. Aber der Manga wurde zum Film, und der Film wurde zum Phänomen, und die Welt nahm Notiz davon. Jetzt ist Akira überall. Wenn ihr sie auf den Straßen nicht sehen könnt, wenn ihr sie nicht fühlen könnt, wie sie in eurem Gehirn herumkriecht, dann müsst ihr noch eingeweiht werden, in die dunkle, hoffnungslose Welt von Akira. Willkommen in Neo-Tokio.

Akira: Cyberpunk vom Feinsten Akira: Cyberpunk vom Feinsten Akira: Cyberpunk vom Feinsten Akira: Cyberpunk vom Feinsten Akira: Cyberpunk vom Feinsten Akira: Cyberpunk vom Feinsten Akira: Cyberpunk vom Feinsten Akira: Cyberpunk vom Feinsten Akira: Cyberpunk vom Feinsten Akira: Cyberpunk vom Feinsten Akira: Cyberpunk vom Feinsten Akira: Cyberpunk vom Feinsten Akira: Cyberpunk vom Feinsten Akira: Cyberpunk vom Feinsten Akira: Cyberpunk vom Feinsten Akira: Cyberpunk vom Feinsten Akira: Cyberpunk vom Feinsten Akira: Cyberpunk vom Feinsten Akira: Cyberpunk vom Feinsten Akira: Cyberpunk vom Feinsten Akira: Cyberpunk vom Feinsten Akira: Cyberpunk vom Feinsten Akira: Cyberpunk vom Feinsten Akira: Cyberpunk vom Feinsten Akira: Cyberpunk vom Feinsten Akira: Cyberpunk vom Feinsten
Die Illustration stammt von Katsuhiro Otomo, Kodansha, Mash•Room und Leonine
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Intimer Körperschmuck: Ich habe mir die Klitoris piercen lassen

Drei Tage nach meinem 18. Geburtstag ließ ich mir ein Piercing durch den Kitzler stechen. Genau genommen geht es gar nicht direkt durch den Kitzler, sondern durch die Vorhaut, die diesen umschließt. Das wissen allerdings die wenigsten Menschen. Also dass in den meisten Fällen nur die Vorhaut gepierc...
Intimer Körperschmuck: Ich habe mir die Klitoris piercen lassen

Intimer Körperschmuck

Ich habe mir die Klitoris
piercen lassen

Nadine Kroll

Drei Tage nach meinem 18. Geburtstag ließ ich mir ein Piercing durch den Kitzler stechen. Genau genommen geht es gar nicht direkt durch den Kitzler, sondern durch die Vorhaut, die diesen umschließt. Das wissen allerdings die wenigsten Menschen. Also dass in den meisten Fällen nur die Vorhaut gepierct wird. Und eben nicht die Klitoris an sich.

Generell sorgt mein Piercing immer wieder für Verwirrung, wenn mir jemand an die Muschi fasst oder ich mit gespreizten Beinen von einem anderen Menschen liege. Meistens wird der Akt an sich dann erst mal unterbrochen. Und ich muss ein paar Fragen zu meinem Intimschmuck beantworten.

Nachdem mein Partner oder meine Partnerin einen intensiven Blick darauf geworfen hat, um herauszufinden, wo genau das Piercing eigentlich sitzt. Schon da zeigt sich schnell, wie wenige Leute eigentlich Ahnung von der weiblichen Anatomie haben. Das Piercing markiert wirklich genau meinen Kitzler. Also die Stelle, die am empfindsamsten ist. Diese Stelle sollte man also reizen, wenn man mich schnellst möglichst zum Orgasmus bringen will.

Zu den gängigsten Fragen gehört wohl das „Tut das weh?“. Nein, es tut nicht weh. Es fühlt sich sogar ziemlich geil an. Klar, das Stechen war nicht die angenehmste Sache auf der Welt. Aber es hat sich gelohnt. Zwar muss man mit Piercing beim Sex etwas vorsichtiger sein, wildes Rumrubbeln ist also nicht, macht aber glaube ich auch die wenigsten Frauen an. Dafür reicht allerdings bereits ein sehr leichter Druck mit Zunge oder Fingern darauf, um mich richtig geil zu machen.

Im Alltag spürt man das Piercing übrigens nicht. Ich weiß nicht, woher das Gerücht kommt, Menschen mit Intimpiercing seien dauergeil, aber dem ist definitiv nicht so. Ich zumindest war bereits ständig geil, bevor ein Stab in meinem Kitzler steckte. Und nein, ich kann mich auch nicht zum Orgasmus bringen, indem ich einfach die Beine übereinanderschlage.

Schön wäre es schon. Ganz klar. Aber so leicht ist es eben nicht. Das ist so in etwa, wie zu fragen, ob ein Typ kommen kann, alleine dadurch, dass sein harter Schwanz ein wenig am Stoff seiner Jeans reibt. Und das Gegenteil, also Desensibilisierung an der Stelle, wo das Piercing sitzt, ist übrigens auch nicht der Fall.

Ich habe es mir doch nicht hauptsächlich aus sexuellen Gründen stechen lassen. Wobei das zugegebenermaßen zumindest ein kleiner Anreiz war. Sondern aus optischen. Ich finde Intimpiercings generell wahnsinnig sexy. Sowohl an Männern als auch an Frauen. Und ich möchte nicht ausschließen, dass es in Zukunft vielleicht sogar noch mehr werden.

Aber zurück zum eigentlichen Thema. Nämlich dazu, was mein Klitorisvorhautpiercing mich über Sex gelehrt hat. Neben der Sache, dass eigentlich kaum einer meiner Geschlechtspartner so richtig Ahnung von der weiblichen Anatomie und wie man sie am besten bedient zu haben scheint, habe ich nämlich seit ich gepierct bin auch die absurdesten Sachen darüber gehört, was mit einer Vagina passieren kann, wenn man dort „Dinge hin macht, die da eigentlich nicht hin gehören“.

Da ist von irgendwelchen anschließenden Missbildungen an der Vagina die Rede, von absoluter Gefühllosigkeit, weil beim Piercen angeblich wichtige Nerven durchtrennt werden und von eitrigen Geschwüren, die zwangsläufig entstehen, wenn so ein Klitorisvorhautpiercing mit beispielsweise fremdem Speichel oder Sperma in Berührung kommen.

Es soll Leute geben, die, nachdem sie sich ein Piercing in die Vagina rammen lassen haben, „nie wieder schmerzfrei Sex haben konnten.“ Nie wieder! Und denen es während einer natürlichen Geburt einfach rausgerissen ist, weil das zu gebärende Kind von innen dagegen gedrückt hat. Insbesondere im Internet gilt das Piercing als eines der gefährlichsten, von dem man bloß die Finger lassen sollte.

All das ist natürlich Schwachsinn und hat mit der Realität in etwa so viel zu tun, wie die böse Hexe, die Kinder holt, wenn sie nicht brav sind oder der Weihnachtsmann, der liebe Kinder reichlich beschenkt. Eigentlich amüsieren mich solche Geschichten ja immer, weil sie so wunderbar absurd sind, wenn, nun ja, wenn da nicht das Ding wäre, dass diese Storys zeigen, wie wenig Ahnung Menschen im Allgemeinen von ihrem Körper haben. Und zwar nicht nur von der Anatomie an sich, sondern auch von allen anderen Dingen, die der menschliche Körper Tag für Tag so verrichtet, ohne sich großartig anstrengen zu müssen.

Klar ist so ein frischgestochenes Piercing eine Wunde. Das darf man auf keinen Fall vergessen. Und dann sollte man da auch wirklich erst mal ein bis zwei Wochen kein Sperma und keinen Speichel dran lassen, aber insgesamt zählen Piercings, die von Schleimhaut umgeben sind, und dazu zählen neben Piercings im Mundbereich eben auch die, die man sich untenrum so stechen lassen kann, zu den risikoärmsten und denen, die am schnellsten verheilen und am seltensten zu Problemen führen.

Mit am unangenehmsten und gefährlichsten ist übrigens ein Piercing durch den Ohrknorpel, das sich insbesondere bei Frauen auch heute noch größter Beliebtheit erfreut. Und das, obwohl es im Normalfall zu den speichel- und spermafreien Zonen gehört. Je nach Fetisch, versteht sich.

Bei einem normalen Penis-in-Vagina-Fick spürt man es übrigens im seltensten Fall. Maximal dann, wenn man den Typen richtig hart reitet. Sonst wird das Piercing, zumindest bei mir, nicht mal annähernd berührt. Es sei denn, ich helfe mit der Hand ein wenig nach. Die Frauen, deren Kitzler beim Sex ständig ohne zutun von außen mit dem Körper des Partners in Kontakt ist, möchte ich an dieser Stelle gerne beglückwünschen. Eine so positionierte Klitoris hätte ich auch gerne.

Insgesamt stimmen mich diese ganzen Vorurteile ein wenig traurig. Nicht, weil Menschen Piercings, und vor allen Dingen denen im Intimbereich, so kritisch gegenüberstehen, sondern weil sie damit offenbaren, dass sie keinerlei anatomische Kenntnisse haben. Dabei macht Sex doch erst so richtig Spaß, wenn man auch weiß, wo man anfassen muss oder gerne angefasst wird. Und ich glaube, die Menschen, die solche Geschichten herausholen, wenn es ums Thema Piercings geht, wissen gar nicht, was sie mit ihren Körpern alles anstellen können, um sich selbst und anderen Lust zu bereiten.

Eine witzige Anekdote zu dem Intimpiercing hab ich übrigens auch noch. Ich hatte nämlich mal einen Typen im Bett, der das Piercing sah, aufsprang, sein Handy zückte und danach googelte. Ich glaube, Ich muss nicht dazu sagen, dass zwischen ihm und mir danach nichts mehr lief.

Die Fotografie stammt von Sharon McCutcheon
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Internet, Y U No Connect? Ich fordere das freie Netz für alle

Die letzte Woche war ich unterwegs. Ganz weit weg und mit ganz viel Stress. Mal hier, mal dort. Mit den verschiedensten Flugzeugen, in den verschiedensten Hotels, Städten, Einkaufszentren, Bars, Parks, Hinterhöfen. Was hatten die alle gemeinsam, außer dass auch noch viele andere Menschen auf die Ide...
Internet, Y U No Connect? Ich fordere das freie Netz für alle

Internet, Y U No Connect?

Ich fordere das
freie Netz für alle

Marcel Winatschek

Die letzte Woche war ich unterwegs. Ganz weit weg und mit ganz viel Stress. Mal hier, mal dort. Mit den verschiedensten Flugzeugen, in den verschiedensten Hotels, Städten, Einkaufszentren, Bars, Parks, Hinterhöfen. Was hatten die alle gemeinsam, außer dass auch noch viele andere Menschen auf die Idee kamen, genau zur gleichen Zeit dort zu verweilen und schwitzten, rauchten, stanken? Genau: Internet konntest du da vergessen. Aber mal total. Und das brachte mich regelmäßig an den Rand des Wahnsinns.

Natürlich könnte ich jetzt sagen, dass ich die ständige Netzverbindung zum Arbeiten brauchte. Ihr wisst schon. So etwas wie Geld verdienen. Und Fotografen anschreiben. Und Bloggerinnen dumm anmachen. Und so. Aber eigentlich wollte ich mich nur auf Facebook einchecken, idiotische Tweets von noch idiotischeren Menschen lesen, Tierpornos gucken. Eben nichts verpassen. Und schnell reagieren können. Aber das ging nicht. Weil irgendwer da oben entschieden hat, dass konstant verfügbares Internet immer noch kein Grundrecht ist.

15 Euro für einen Tag langsames W-Lan im Hotel. Wirklich? Und das dann auch noch nur für die Inhaber einer Kreditkarte. Eine halbe Stunde kostenloses Netz im Flugzeug dank der Promoaktion von Ford. Wirklich? Und alle an Bord freuen sich ‘nen Bären. Ein augenscheinlich freies Wi-Fi von Nike, das nur dazu da ist, euch automatisch zu einer Jogging-iPhone-App weiterzuleiten. Und sonst nirgendwo hin. Wirklich?!

Also rannte ich ständig mit meinem iPhone in der Hand durch die Gegend, hielt es hoch in die Luft und war auf der ewigen Suche. „Free Public Wifi“ ist oft ein Garant für Vernetzung. Aber auch nicht immer. „McDonald‘s“ ist super. Aber limitiert. „Starbucks“ ist so etwas wie Gott. Oder noch besser. Aufrufen, Knopf drücken, Internet haben. Für immer. Naja, jedenfalls solange, bis der Akku oder der White Chocolate Mocha schlapp macht. „Marcel, guck‘ mal: Megan Fox nur mit Wackelpudding bekleidet auf einem fliegenden Einhorn, das aussieht wie Keira Knightley in schöner!“ „Jaja, Fresse jetzt, ich muss noch fünf scheinbar offene W-Lans abchecken…“

Ich möchte ja gar nicht unbedingt, dass es umsonst ist. Wirklich. Zwar glaube ich, dass dem kostenlosen Internet die Zukunft gehört, aber jetzt, heute, da würde ich sogar noch dafür zahlen. Aber nicht zu viel. Wir leben nach dem Millennium. Ich möchte meine Zeit nicht damit verplempern, dem Netz hinterherzurennen. Egal ob im Flugzeug, im Hotel, alles, was irgendwie nicht so ganz Deutschland ist. Sagen wir 15 Euro für eine Woche komplettes Internet, wo ich halt gerade so bin. Also überall. Und wir sind im Geschäft, ja? Okay: 20 Euro. Das wäre es mir wert. Wirklich.

Klingt zu utopisch? Mag sein. Aber ich müsste keine Angst mehr davor haben, den verlockenden Roaming-Button nach rechts zu schieben und so meine Kinder und Kindeskinder in eine Jahrhunderte lange Schuldenfalle zu treiben. Ich müsste im Flugzeug nicht die hundertste Wiederholung von „The Big Bang Theory“ gucken und so tun, als würde ich „Penny, Penny, Penny“ immer noch lustig finden, sondern könnte meine Zeit sinnvoll nutzen. Und denkt doch bitte mal einer an die human penetrierten Affen…!

Was ich damit sagen will: Hallo, wer immer gerade die Macht über diese schnöde, kleine Welt besitzt und lieber anonym bleiben möchte, ich verstehe das voll und ganz, ehrlich jetzt: Mach doch endlich das Internet überall hin. Für alle. Für immer. Für mich. Irgendwann auch für umsonst. Bitte ganz bald für umsonst. Das wäre wirklich sehr lieb von dir. Herzlichst, dein Marcel. Du Arschloch.

Die Illustration stammt von Natasha Remarchuk und Icons8
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Musik für Idioten: Im Radio läuft nur Scheiße

Radio hören ist ja bekanntermaßen eine der größten Foltermethoden, die unsere Gesellschaft derzeit kennt. Es ist wie ein gemein-gesellschaftlich akzeptiertes Quälinstrument, das besonders in Wartezimmern und auf Autofahrten mit kaputter Anlage zum Konsens gehört. Die furchtbaren Werbejingles, die...
Musik für Idioten: Im Radio läuft nur Scheiße

Musik für Idioten

Im Radio läuft
nur Scheiße

Sara Navid

Radio hören ist ja bekanntermaßen eine der größten Foltermethoden, die unsere Gesellschaft derzeit kennt. Es ist wie ein gemein-gesellschaftlich akzeptiertes Quälinstrument, das besonders in Wartezimmern und auf Autofahrten mit kaputter Anlage zum Konsens gehört.

Die furchtbaren Werbejingles, die sinnlosen Moderatorenansagen und natürlich die zwölf Minuten geschmacklose “Das gefällt doch jedem”-Musik der 80er, 90er und dem “Besten” von heute, das sich auf vier neue Tracks im Jahr beschränkt und einen in den Wahnsinn treiben kann.

VIVA gibt’s schon lange nicht mehr, MTV spielt nur schlecht synchronisierte Reality-Soaps und YouTube favorisiert nur den Dreck irgendwelcher Kellerrapper. Dass unsere musikalische Kultur verwahrlost und unsere Kinder mit Geschmackskrebs aufwachsen werden, ist leider eine Dystopie, die sich in Realität verwandelt.

Wir können versuchen, die Augen davor zu verschließen. Aber die Wahrheit wird uns einholen, sobald Spotify partout nicht laden will und wir ohne Schutz vor dem gehirnwaschenden Lärm im Fitnessstudio stehen und uns selbst den Freitod wünschen.

Diese Entwicklung an der Oberfläche ist durchaus verwunderlich, immerhin ist der Untergrund gesegnet von großartiger musikalischer Vielfalt. Von Rap Fusion über Neoclassical bis zum Future Bass haben sich in den letzten Jahren einige wunderbare Stränge neuer Genremixe entwickelt – Internet sei Dank.

Und die Avantgardisten und Trendsetter, die den Mainstream nicht umgehen, aber auch nicht direkt anvisieren, ziehen sich den Pop auf eine seelenstreichelnde Ebene, mit der auch meine Oma was anfangen könnte. Könnte, wenn es sie erreichen würde.

Und so bleibt es wieder den einsamen Einzelkämpfern überlassen, die gute Musik auch an Orte zu tragen, wo sie noch frisch und unbekannt ist. Ihr Würmer wusstet letztes Jahr noch nicht einmal, wie man Future Bass buchstabiert – und plötzlich hört ihr es überall, nur leider auf die schlechteste Art und Weise, die man sich vorstellen kann.

Keine Angst, ich werde nicht Flume dissen – ich disse nur die Leute, die an dieser Stelle aufhören weiter zu graben. Nur Vorwürfe kann man den armen, musikalisch hungernden Völkern nicht machen. Die großen Medienmonopole lassen ja keine gezielte Beschallung zu, vermutlich, weil sie intelligente Revolutionen fürchten, die zu mehr Nischen und zu weniger Umsatz führen.

Ihr und ich, wir wissen, dass es fantastische Musik gab in den letzten Jahren. Verdammt fette Tracks, wie ein guter SoundCloud-Mix nach dem anderen beweisen. Wir können uns jetzt gemeinsam High Five geben und uns gegenseitig die Pimmel dafür streicheln, dass wir geil sind und über den DJ-Ötzi-Shit im Radio stehen.

Viel wichtiger ist jedoch: Werdet zu Botschaftern. Bewegt euch nicht nur in den lamen Hipsterkreisen, die “so over it” sind, wenn James Blake furzt, sondern nutzt eure Überkonnektivität für humanitäre Missionen und schickt die eleganten Beats euren kleinen Brüdern und Schwestern, bevor sie zu Katy-Perry-Zombies werden und Future Bass nur als Krachmutant-Element in verstümmelten Popsongs kennen.

Rettet die Kinder! Macht den Untergrund zum Mainstream und befreit euch von dieser gespielten Coolness und der Antipathie gegenüber den ignoranten Losern, die keine gute Musik kennen. Verliert eure Hipsterness. Vergesst eure elitäre Scheiss-Attitüde. Spread the fucking word!

Geht um den Block und schreit den Leuten ins Gesicht, dass sie verarscht werden! Nicht nur für gesündere Autofahrten, sondern für kulturelle Vielfalt, für mehr Neuentdeckungen, für mehr geheime Talente, die sich in den Vorörtern Deutschlands verstecken. Macht mal ein #MeToo draus, ihr Pisser, und lasst gute Musik endlich regieren!

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Whisky, Joints und Ravioli: Mein neues Leben in Berlin

Es ist Freitagabend in Berlin und ich sitze mit meinen beiden Mitbewohnern an dem Klapptisch in unserer Küche. Berna und ich haben ein Glas Weißweinschorle vor uns stehen, Maxi, unser Mitbewohner, trinkt Whisky mit Ginger Ale zu seinem allabendlichen Joint. Daran, dass er so viel kifft, habe ich mic...
Whisky, Joints und Ravioli: Mein neues Leben in Berlin

Whisky, Joints und Ravioli

Mein neues
Leben in Berlin

Sophie Fischer

Es ist Freitagabend in Berlin und ich sitze mit meinen beiden Mitbewohnern an dem Klapptisch in unserer Küche. Berna und ich haben ein Glas Weißweinschorle vor uns stehen, Maxi, unser Mitbewohner, trinkt Whisky mit Ginger Ale zu seinem allabendlichen Joint. Daran, dass er so viel kifft, habe ich mich auch nach vier Wochen in dieser WG noch nicht so ganz gewöhnen können, aber man hatte mich bereits vor meinem Umzug in die Hauptstadt darauf hingewiesen, dass illegale Rauschmittel in Berlin schon irgendwie zum guten Ton gehörten. So weit, selbst mal Haschisch zu probieren, bin ich allerdings noch lange nicht.

Wir sprechen gerade die Abendplanung durch, denn heute wollen wir gerne mal etwas zu dritt unternehmen. Auch, um uns besser kennenzulernen. Der Alltag funktioniert zwar schon ganz gut zwischen zwischen uns dreien, nicht zuletzt, weil Berna und Maxi nun schon seit etwas über zwei Jahren gemeinsam hier im Wedding wohnen, aber richtig zusammen aus waren wir noch nie, seit ich bei ihnen eingezogen bin.

„Ich hab Lust auf Essen gehen“, werfe ich in die Runde. „Also, ich meine jetzt nicht Currywurst oder Döner oder irgendetwas Anderes, das so typisch für Berlin ist, sondern ich meine so richtig Essen gehen, in irgendeinem schicken Restaurant. Und mit schick meine ich nicht superteuer, sondern eben … Naja, ihr wisst schon, eben keine Imbissbude, sondern irgendetwas, wo man nett sitzen und quatschen kann, aber eben auch leckeres Essen und vielleicht ein, zwei Gläschen guten Wein bekommt.“

Mein Blick wandert herunter zu meinem fast leeren Glas und ich überlege, ob ich mir noch einmal etwas nachschenken soll, aber entscheide mich dagegen. Irgendwie habe ich bereits jetzt im Gefühl, dass ich heute noch mehr als genug Gelegenheiten bekommen werde, Alkohol zu mir zu nehmen.

Berna ist sofort Feuer und Flamme. „Ich weiß, wo wir hingehen können“, plappert sie euphorisch drauf los. „Es gibt da diesen Laden in Kreuzberg, Gorgonzola Club heißt der, da will ich schon ewig mal hin, hab’s aber bisher nie geschafft!“ Maxi verdreht die Augen und drückt die Reste seines „Blunts“, wie er es nennt, in einem zum Aschenbecher umfunktionierten Blumentopf aus. „Bei sowas bin ich raus!“, sagt er. „Ich dachte, wir gehen einen saufen!“ „Ach Maxi“, antworten Berna und ich wie aus einem Mund und ziehen das „I“ in seinem Namen dabei extra lang.

„Wir können danach doch immer noch was trinken gehen“, sage ich. „Und außerdem schuldest du mir sowieso noch ein Abendessen“, hängt Berna an, „du weißt schon, dafür, dass ich vor deiner Mutter so getan habe, als würde dein Gras mir gehören!“ „Das hat kauft sie dir übrigens bis heute nichts ab“, meint Maxi mürrisch. „Aber okay, ich bin dabei, unter der Voraussetzung, dass wir uns anschließend noch abschießen gehen!“ „Machen wir“, verspricht ihm Berna, und ich zeige meine Zustimmung mit einem Nicken.

Knapp eineinhalb Stunden später finden wir uns im Gorgonzola Club wieder, der an diesem Freitagabend so voll ist, dass wir Glück haben, überhaupt noch einen Tisch zu ergattern. Der Laden ist ganz hübsch eingerichtet, irgendwie italienisch-rustikal. Nur die rot-weiß-karierten Tischdecken aus Papier wirken in diesem Ambiente fehl am Platz. Berna lässt Maxi und mich wissen, dass eine Kommilitonin ihr die Ravioli hier empfohlen hat, also bestellen wir drei verschiedene Portionen Ravioli, einen großen Teller Antipasti und natürlich Wein, zwei Gläser weiß, und ein Glas rot.

Während wir auf das Essen warten, was nicht nur gefühlt, sondern tatsächlich eine halbe Ewigkeit dauert, weil unsere Bestellung mit der eines anderen Tisches durcheinandergebracht wurde, unterhalten wir uns über das Leben und das Lieben in der Großstadt. Ich hatte vor meinem Umzug nach Berlin über zwei Jahre lang einen festen Freund, von dem ich mich allerdings getrennt habe, nachdem klar war, dass ich nach Berlin und er für ein Praktikum nach New York gehen würde. Eine Fernbeziehung kam für uns beide nicht in Frage, und ich gestehe meinen beiden Mitbewohnern, dass ich irgendwie ganz froh bin, die Hauptstadt als Single erkunden zu können, was Maxi unwillkürlich schmunzeln lässt.

„Werde bloß nicht so wie er“, sagt Berna und macht mit dem Kopf eine Bewegung in Richtung Maxi, während sie sich eine Olive in den Mund steckt. „Jedes zweite Wochenende bringt er ein anderes TinderDate mit nach Hause, und ich darf dann deren Haare aus dem Duschsieb fischen!“ „Das sind ausschließlich deine Haare“, kontert Maxi zurück und Berna wirft ihre lange blonde Mähne über die Schulter, fast so, als sei sie Beyoncé persönlich.

Die Salbeiravioli im Gorgonzola Club sind wirklich fantastisch, so dass der Fehler mit der verwechselten Bestellung zumindest von meiner Seite aus sofort wieder verziehen ist. Beim Essen erfahre ich ein bisschen mehr über das Liebesleben meiner beiden Mitbewohner, zum Beispiel, dass Berna bisexuell ist und in den letzten Jahren ausschließlich mit Frauen zusammen war, und dass Maxi keine Lust hat, sich zu binden. Ihre Frage danach, ob ich jemals einen richtigen One-Night-Stand hatte, muss ich verneinen. Berna meint, das würde schon noch kommen, und dass sowas in Berlin Gang und Gäbe ist.

Nach dem Essen zieht Maxi uns weiter in die Fahimi Bar, seine Stammbar in Kreuzberg, wie er sagt. Dort bestellt er für uns alle eine Runde „Dillinger Escape Plan“, einen Drink, von dem er schwört, dass wir ihn auf jeden Fall probieren müssen. Was wir serviert bekommen, riecht ein wenig wie das Wasser, in dem saure Gurken eingelegt sind, schmeckt aber erstaunlich gut. Ein Blick auf die Karte verrät mir, warum der Cocktail so nach Gurkenwasser riecht. Neben Gin, Holunderblütenlikör und Zitronensaft enthält dieser nämlich auch noch Gurke, Dill und etwas Meersalz.

Leider ist die Bar an diesem Abend ziemlich voll und laut, was vielleicht auch ihrer Lage direkt am berühmt-berüchtigten Kottbusser Tor geschuldet ist. Ich merke, dass ich langsam ganz schön müde werde, im Gegensatz zu Maxi und Berna, die jetzt erst richtig aufdrehen und bereits Pläne schmieden, wo es als nächstes hingehen soll. Wir bestellen noch eine zweite Runde, bevor wir gemeinsam aufbrechen, doch trotz ihres Bettels und Flehens, noch mit ihnen in den Kater Blau zu gehen und die Nacht zum Tag zu machen, kann ich widerstehen und mich von den beiden losreißen.

Wir verabschieden uns mit Umarmungen von einander, und während sie sich in ein Taxi Richtung Club schwingen, steige ich in die nächste U-Bahn, die zu unserer Wohnung fährt. Ich bin noch nicht bereit für so eine richtige Partynacht in Berlin. Aber was nicht ist, kann ja noch werden, und gerade freue ich mich einfach nur, einen tollen, wenn auch ruhigen Abend mit meinen fantastischen Mitbewohnern in dieser aufregenden Stadt gehabt zu haben.

Die Fotografie stammt von Yeo Khee
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Kleine Brüste, schiefe Zähne: Fehlermenschen machen uns glücklich

Wenn ich so mein Liebesleben der letzten Jahre betrachte und mich frage, wo ich denn all meine Gefühle, die ich heute oftmals schmerzlich vermisse, eigentlich hingeschleudert habe, fällt mir auf, dass ich sie vor allem an eine Sache verschwendet habe: Kurze Liebeleien. Mein Beziehungsleben ist ge...
Kleine Brüste, schiefe Zähne: Fehlermenschen machen uns glücklich

Kleine Brüste, schiefe Zähne

Fehlermenschen machen
uns glücklich

Jana Seelig

Wenn ich so mein Liebesleben der letzten Jahre betrachte und mich frage, wo ich denn all meine Gefühle, die ich heute oftmals schmerzlich vermisse, eigentlich hingeschleudert habe, fällt mir auf, dass ich sie vor allem an eine Sache verschwendet habe: Kurze Liebeleien.

Mein Beziehungsleben ist geprägt von einigen kurzen, aber heftigen, und damit sogleich auch sehr instabilen, zwischenmenschlichen Kontakten, die manchmal nicht einmal über einen dreiwöchigen Chat per WhatsApp hinausgehen.

Nicht selten hat man deshalb versucht, mir die Diagnose „Borderline“ anzuhängen, und ich wünschte, es wäre echt so einfach, also einfach im Sinne von „Ich kann nichts dafür, ich hab da diese echt beschissene Krankheit, die mich immer wieder zu was führt“, aber das ist es eben leider nicht. Ich bin einfach gefühlsbeschränkt, auf meine ganz eigene Art und Weise.

Meistens weiß ich nicht mal, was und ob ich überhaupt etwas fühle. Ich finde einfach gut, was gerade da passiert und will das bis zum letzten Tropfen auskosten. Nur, dass ich so weit gar nicht komme, weil der letzte Tropfen einfach immer im Hals der ansonsten leeren Weinflasche hängen bleibt, weil ich denke „Ach, ist doch egal, die nächste Flasche wartet schon!“ und ich mir somit nicht einmal die Mühe mache, zu warten, bis der Tropfen draußen ist oder ich das metaphorische Glas nicht einmal bis zur Hälfte austrinken kann, weil mir das, was darin ist, irgendwie doch nicht richtig schmeckt, obwohl ich zu Beginn ganz gierig danach war.

Anders formuliert: Ich finde einen Menschen wahnsinnig interessant, verknalle mich vermutlich sogar ein kleines bisschen in ihn, merke nach drei Wochen, dass ich mir nicht vorstellen könnte, ihn für immer in meinem Leben zu haben und beende das Ganze, bevor es angefangen hat. Oder ich bin eben einfach zu faul, zu ungeduldig, zu gestresst, auf den Moment zu warten, in dem das anfängliche Verliebtsein zu etwas Echtem wird und widme mich einfach der nächsten Flasche. Und damit meine ich einen anderen Menschen, keinen Wein.

Das geht natürlich nicht nur mir so, sondern manchmal auch meinem Gegenüber, aber dem kann ich ja schlecht Vorwürfe für etwas machen, das ich ganz genau so tue. Es scheint aber so ein generelles Problem unserer Generation, dass wir uns einfach nicht mehr ganz normal verlieben können.

Irgendwas fehlt eben immer, seien es jetzt Zeit oder Lust, jemanden wirklich kennen, und lieben, zu lernen, oder dass wir über einfache Oberflächlichkeiten wie eine zu kleine Oberweite oder schiefe Zähne nicht mehr hinweg sehen können, weil es da draußen eben auch Menschen gibt, deren Brüste größer und deren Zähne irgendwie nicht ganz so schief sind.

Und statt uns auf das, was wir da vor uns haben, einzulassen, nutzen wir unsere spärliche Zeit mit der Suche nach etwas Schönerem, Größeren, Besseren, bis wir auch auf das keine Lust mehr haben, weil es schon wieder langweilig ist. Oder am Ende einfach doch zu groß, zu gerade, zu perfekt.

Gerade mit Letzterem hadere ich oft. Ich weiß, kein Mensch ist wirklich vollkommen perfekt, aber in meinen Augen gibt es so einige, die dem schon ziemlich nahe kommen, zumindest auf den ersten Blick. Und immer dann, wenn ich einen Menschen für perfekt befinde, nicht allgemein, sondern für mich, gehe ich besonders stark auf Rückzug, lasse das halb volle Glas stehen und schau mich nach einer Flasche um, die einen Sprung hat.

Einfach, weil ich nicht glauben kann, dass eine Sache so gut passt, wie sie in dem Moment gerade eben passt, es ist doch alles fehlerhaft, ich, du, er, sie, es, und bevor ich wirklich anfangen kann, nach diesem einen Fehler zu suchen, diesem klitzekleinen Stückchen, das beweist, das vor mir doch nur ein Mensch sitzt und keine nach meinen Maßstäben gebaute Maschine, haue ich eben lieber ab, nehme dafür aber etwas mit, das offensichtlich noch kaputter ist.

Das letzte fehlerhafte Stück Mensch, dem ich einen kurzen aber heftigen Besuch in meinem Herzen erlaubt habe, hatte diesen Fehler von Anfang an, offensichtlich. Ich wusste das und es hat mich gereizt. Ich wollte den Fehler bestätigt bekommen, so wie es am Ende eben auch kam. Es hat sich für mich gut angefühlt, obwohl es so tragisch gescheitert ist. Aber auch das wusste ich bereits und ws war mir wie so oft egal.

Ich hatte gar kein Interesse daran, hinter diesen Fehler zu blicken und den ganzen Mensch vor mir zu sehen. Einerseits, weil es mir viel zu viel Arbeit war und andererseits, weil ich es leid war, mit einer Flasche zu kämpfen, aus der der letzte Tropfen einfach nicht hinaus zu kriegen war und mich somit lieber der Flasche, deren Mindesthaltbarkeitsdatum längst schon überschritten war, beschäftigte.

Ich kann mich gut von Liebelei zu Liebelei hangeln, denn so ätzend ich sie finde, so viel geben sie mir auch. Aber immer nur für einen kurzen Moment – eben so lange, wie ich das, was da passiert für gut befinde und mir nicht vollkommen ernsthaft die Frage stellen muss, was und ob ich etwas fühle. Etwas Echtes, meine ich.

Dass ich mir die Frage eigentlich überhaupt nicht stellen muss, fällt mir immer erst zu spät auf. Ich weiß nämlich sehr wohl, wenn ich wirklich etwas fühle, wenn ich die ganze Flasche trinken will, bis auf den allerletzten Schluck und dann, verdammt, dann kehre ich auch zurück zu ihr – nur um festzustellen, dass sie die ganze Zeit nur verschlossen war und ich lediglich zu blöd, den Deckel aufzumachen, der mich vom letzten, kleinen Schluck darin getrennt hat, den ich so dringend gebraucht habe.

Das ist dann der Moment, in dem ich begreife, dass ich das andere nie gebraucht habe, all die Flaschen, die Liebeleien, weil das, was ich wollte, bereits vor mir stand und ich meine Kräfte nur falsch eingesetzt habe, weil mir das zu diesem Zeitpunkt so richtig erschien und ich ja auch Spaß an dem anderen hatte.

Es hat sich einfach nur nicht gelohnt, auf eben dieses andere zu setzen, weil das, was man eigentlich wollte, obwohl man sich dem nicht ganz bewusst war, mit etwas Kraft, Geduld und Köpfchen so einfach zu erreichen war. Und am Ende übrigens doch ganz perfekt, weil Fehler dann auch nicht mehr zählen.

Die Fotografie stammt von Toa Heftiba
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Mädchen in Australien: Sonniges Sydney

Das Internet ist schon etwas Tolles. Kreative Menschen auf der ganzen Welt können sich im digitalen Universum austoben und Leute, die am liebsten zu Hause herum hängen und einen durchziehen, mit allerlei Reisefotos inspirieren. Damit schlägt das Leben an sich gleich zwei Fliegen mit einer Klappe: Di...
Mädchen in Australien: Sonniges Sydney

Mädchen in Australien

Sonniges
Sydney

Daniela Dietz

Das Internet ist schon etwas Tolles. Kreative Menschen auf der ganzen Welt können sich im digitalen Universum austoben und Leute, die am liebsten zu Hause herum hängen und einen durchziehen, mit allerlei Reisefotos inspirieren. Damit schlägt das Leben an sich gleich zwei Fliegen mit einer Klappe: Die Reiseverrückten haben Spaß und ich kann meine Zeit im Bett verplempern und sehe trotzdem andere Länder.

Wahrscheinlich ist Katie Kuiper aus Sydney das genaue Gegenteil von mir, auch wenn wir uns irgendwie ein bisschen ähnlich sehen. Sie liebt Fitness, ich liebe Pizza. Sie liebt gesunde Ernährung, ich liebe Pizza. Sie liebt Reisen, ich liebe… naja… Pizza. Vielleicht liebt sie ja auch Pizza, ich weiß es nicht, allerdings macht sie einen generell aktiveren Eindruck auf mich. Das macht aber nichts, dafür ist sie ja schließlich Model.

Der Fotograf Tom Batrouney hat Katie Kuiper nun einfach mal so in einem australischen Garten fotografiert, während sie ab und zu Klamotten von PT.NEMO trug. Wahrscheinlich ist die blonde Schönheit kurz darauf wieder in die weite Welt hinaus gezogen. Nach Barcelona, Paris und Berlin oder wo sie sonst eben gerne herum reist. Aber egal, wohin sie fliegt: Sie macht jeden Ort, an den sie kommt, zu einem schöneren…

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Die Fotografie stammt von Tom Batrouney
Als Model ist Katie Kuiper zu sehen
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Rache muss weh tun: Wenn du mir mein Herz brichst, breche ich dir dein Arschloch

„Wenn dir jemand das Herz bricht, dann brich ihm die Beine“, lautet ein zynisch illustrer Spruch, den man frisch Verlassenen gerne mit auf den Weg gibt. Als seelische Stütze, mit einem gut gemeinten Augenzwinkern hinterher. Schwachsinn, sage ich. Wenn jemand dein Herz fickt, dann ficke ihn. Aber so...
Rache muss weh tun: Wenn du mir mein Herz brichst, breche ich dir dein Arschloch

Rache muss weh tun

Wenn du mir mein Herz
brichst, breche ich dir
dein Arschloch

Nadine Kroll

„Wenn dir jemand das Herz bricht, dann brich ihm die Beine“, lautet ein zynisch illustrer Spruch, den man frisch Verlassenen gerne mit auf den Weg gibt. Als seelische Stütze, mit einem gut gemeinten Augenzwinkern hinterher. Schwachsinn, sage ich. Wenn jemand dein Herz fickt, dann ficke ihn. Aber so richtig. In den Arsch.

Ungefähr drei Monate ist es jetzt her, dass mein Freund mit mir Schluss gemacht hat, weil er ein nettes, braves und nicht so anstrengendes Mädchen kennengelernt hat. Natürlich war ich stinksauer und wünschte ihr die Pest an den Hals. Jeden Morgen, jeden Abend, jede Nacht. Bis ich merkte, dass der Fehler gar nicht bei ihr liegt, sondern bei ihm.

Die Sache mit den netten, braven und nicht so anstrengenden Mädchen ist nämlich die: Sie sind auch im Bett oftmals sehr nett und brav. Da werden nicht einfach mal so Fäuste in die Muschi gesteckt und ins Gesicht spritzen geht auch nicht klar. Mein Ex hatte sich jedoch dafür entschieden, statt der versauten Rotzgöre, die ihr Sexleben mit Vorliebe dem Internet erzählt, eines der lieben Mädchen seine neue Freundin zu nennen.

So kam es, dass er zwar echt verliebt, jedoch auch sexuell frustriert wurde und begann, mich mit den perversesten Nachrichten, die ich je in meinem Leben erhalten hatte, zu bombardieren. Und ich habe schon viele perverse Nachrichten in meinem Leben bekommen, schließlich mache ich ja auch keinen Hehl daraus, dass ich auf so etwas stehe.

Ich hatte mit dem Typen, von dem ich Dinge wusste, die die Grenzen des guten Geschmacks und sozialen Verständnisses leicht sprengten, bereits alles gemacht – von mehr oder weniger leckeren Golden Showers bis hin zur fast schon klinisch anmutenden Prostatamassage fehlte nichts, außer einer klitzekleinen Sache: dem gepflegten Fick mit einem Strap-On.

Eigentlich ficke ich damit nur Mädchen. Ich genieße es sehr, meinen großen, harten Gummischwanz in ihre feuchten Mösen zu schieben und sie beim Kommen zu beobachten, während ich sie zärtlich ficke und mit der Zunge ihre Nippel lecke. Mir geht dabei so richtig einer ab und ganz oft wünsche ich mir, einen richtigen Schwanz zu haben. Ich glaube nämlich, dass es ziemlich geil sein muss, wenn man am Schwanz spürt, wie feucht das Mädchen, das da unter einem liegt, eigentlich ist und wie sich die Muskeln in ihrer Muschi zusammen ziehen, wenn sie einen Orgasmus hat.

Männer damit in den Arsch zu ficken gibt mir eigentlich nichts. Zumindest gab es mir nichts, bis ich es ausprobierte. Ich dachte immer, ich sei nicht der Typ, der andere gerne erniedrigt. Bis… naja, bis ich meinen Gummischwanz in das bis dato jungfräuliche Arschloch meines Exfreundes steckte. Oder in mein Arschloch von Exfreund. Im Prinzip kann man es nennen, wie man will.

Mein Ex hatte meinen fast schon episch anmutenden Strap-On schon häufiger bewundert und ich glaube, insgeheim ist er auch heute noch neidisch darauf, dass ich selbst entscheiden kann, wie groß mein Schwanz ist. Und dass ich natürlich immer einen hoch kriege, was bei ihm leider nicht immer der Fall war.

Manchmal trug ich den ledernen Harnisch auch für ihn und ließ ihn an meinem großen, schwarzen Schwanz saugen, doch gefickt habe ich ihn damit nie. Wie gesagt, Erniedrigung ist eigentlich nichts für mich – und es gibt ja wohl kaum etwas Erniedrigenderes für einen Mann, als sich nackt vor ein Mädchen zu knien und sich von einem Gummischwanz, der größer und härter ist als der eigene, penetrieren zu lassen.

Es war ein Freitagmorgen und ich saß gerade mit meiner Mitbewohnerin im Wohnzimmer, um mir mit ihr alte „Buffy“-Folgen anzusehen, als mich seine WhatsApp-Nachricht erreichte: „Wir sollten es noch mal treiben, Baby. So richtig dreckig. Anspucken. Anpissen. Fisten. Und ich will, dass du mich mit dem Strap-On fickst.“

Meine erste Reaktion darauf war ein lautes Lachen, hatte er doch am Tag zuvor zu mir gesagt, dass er mich nicht mehr ficken will, weil er jetzt dieses Mädchen hat. Mein zweiter Gedanke war: Ich tu’s. Natürlich hätte ich seinen Schwanz gerne in mir gehabt, alleine um zu beweisen, dass ich viel geiler bin als „dieses Mädchen“, das den Begriff Deepthroat vermutlich nur aus dem Urban Dictionary kennt, wenn überhaupt.

Dass er jetzt jedoch angekrochen kam und wollte, dass ich meinen Schwanz in ihn stecke, machte die Sache noch viel spannender. Meine Mitbewohnerin saß derweil da und wusste nicht so genau, ob sie mich jetzt anfeuern oder aufhalten sollte – immerhin hatte mir der Typ aufs Übelste das Herz gebrochen und bei jedem Fick, den ich nach der Trennung eingegangen bin, immer ein Stück mehr davon behalten.

Letzten Endes entschied sie sich doch dazu, mich gehen zu lassen, half mir dabei, mir den Strap-On umzuschnallen – ich hatte nämlich vor, ganz stilecht mit Trenchcoat, Spitzenunterwäsche und besagtem Sexspielzeug bei meinem Exfreund aufzutauchen – und gab mir zur Verabschiedung High Five.

Als ich die Wohnung meines Ex, zu der ich noch immer einen Schlüssel besitze, betrat, lag dieser bereits mit heruntergelassener Hose auf der Couch, zog sie jedoch schnell wieder hoch, als er mich in meinem Aufzug sah. Er hatte Schiss, das konnte ich bis hierher spüren. In dem Moment wollte ich eigentlich schon wieder umkehren. Wenn ich eines noch weniger leiden kann als Lügner, dann sind das wohl Loser, die große Reden schwingen, bis sie mit der Situation, von der so angeblich so unglaublich krass träumen, konfrontiert werden.

Ich entschied mich jedoch dazu, zu bleiben und abzuwarten, bis er seinen Joint fertig geraucht hatte. Ich wollte dann doch nicht unverrichteter Dinge nach Hause kehren, nur um meiner Mitbewohnerin zu erzählen, dass mein Exfreund immer noch ein Arschloch ist, dessen Arschloch ich leider nie mit meinem Schwanz penetrieren durfte.

Also wartete ich, bis er fertig geraucht hatte, zwang ihn dann, sich vor mir zu entblößen und versohlte ihm den Arsch dafür, dass er mich so lange hatte warten lassen. Dann rammte ich ihm meinen großen, schwarzen Schwanz in sein kleines, enges Arschloch, wie er es zuvor immer so gern bei mir getan hatte und fickte ihn, bis er mich wimmernd darum bat, ihn endlich kommen zu lassen. Den Gefallen tat ich ihm allerdings nicht. Ich tauschte lediglich meinen Gummischwanz gegen einen Buttplug, den ich nicht mehr brauchte, ließ ihn den Strap-On noch schnell sauber lecken und verschwand grußlos in die Nacht.

Es war als letzter Fick geplant und ich finde, es ist nicht meine Aufgabe, einem Typen, der meistens schon nach fünf Minuten abgespritzt hat, weil das alles viel zu geil für ihn war, einen letzten Orgasmus zu verschaffen, während ich in der gesamten Beziehung nach jedem Fick eigentlich nur frustriert da lag und überlegte, wen ich wohl die Nacht darauf mit ins Bett nehme, nur um mal wieder so richtig geil zu kommen.

Soll sich doch die Neue damit rumschlagen. Statt eines Orgasmus habe ich eben meine Genugtuung bekommen. Und eine Geschichte, die noch bei so einigen Saufrunden mit Freunden für Erheiterung und große Augen sorgen wird. Noch bevor ich zu Hause ankam, hatte ich eine weitere Nachricht von ihm auf dem Handy: „Das war echt geil, auch wenn ich mir jetzt selbst einen runterholen musste. Doch bitte erzähl keinem etwas davon.“

Tja, liebe Jungs, und auch liebe Mädchen, was soll ich dazu sagen? Fangt endlich an, zu euren sexuellen Vorlieben zu stehen. Man unterhält sich sowieso darüber, ob im Netz oder privat. Und nichts ist so geil wie ein Mensch, der seine Perversion nach außen tragen kann, ohne dabei rot zu werden und das Stottern zu beginnen.

Die Fotografie stammt von Dainis Graveris
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Zerstör mich!Liebe muss die Hölle sein

Meine beste Freundin, die womöglich nur eine gute Bekannte ist, schaut mich immer wieder verstört an, wenn ich ihr erzähle, dass ich schlichtweg mit keinem Mann zusammen sein kann, der mich nicht an meine mentalen Grenzen und darüber hinaus treibt. Such dir doch einfach mal einen ganz normalen Type...
Zerstör mich!Liebe muss die Hölle sein

Zerstör mich!

Liebe muss
die Hölle sein

Mia Jung

Meine beste Freundin, die womöglich nur eine gute Bekannte ist, schaut mich immer wieder verstört an, wenn ich ihr erzähle, dass ich schlichtweg mit keinem Mann zusammen sein kann, der mich nicht an meine mentalen Grenzen und darüber hinaus treibt. „Such dir doch einfach mal einen ganz normalen Typen!“ rät sie mir dann. Doch egal, wie sehr ich mir das auch wünschen würde, ich kann es nicht.

Ich war 14, als ich meinen ersten richtigen Freund traf. Er war 17 und psychisch gestört. Das wusste ich anfangs aber nicht. Mir war nur wichtig, dass er schlank, ja, fast schon schmächtig war, lange, dunkle Haare hatte und mich verstand. Er spielte in einer Band, schrieb Kurzgeschichten über die Liebe, die er aber niemals veröffentlichte, und küsste so zart und doch stark, dass ich allein bei dem Gedanken daran heute noch feucht werde.

Zu Beginn unserer Beziehung taten wir ganz normale Paardinge. Eis essen gehen. Im Kino knutschen. Wein trinken und dabei Musik hören. Am Ende unserer Beziehung zog ihn meine Mutter heulend und kreischend an seinen langen Haaren aus meinem Zimmer, während sein aufgeschnittener Arm unseren Flurteppich voll blutete und er aus voller Kehle „My Heart Will Go On“ brüllte. Zwischen Anfang und Ende lagen dreieinhalb Jahre. Das war zugleich die schönste als auch die schlimmste Zeit in meinem Leben.

Wenn andere Frauen erzählen, dass sie von ihrem Freund psychisch missbraucht wurden, dann möchte ich nur laut lachen und sie zurück in ihr ödes, mittelmäßiges Leben schicken, das sie für so krass und schlimm und deprimierend halten. Die emotionale Hölle ist nämlich nicht traurig und auch nicht hart, sie ist wunderschön. Fast schon magisch. Besonders zu zweit. Wer etwas anderes denkt, der ist nie bis ans Ende gegangen.

Als ich merkte, dass unsere Beziehung irgendwie anders war als die meiner Klassenkameraden, war ich gerade dabei, der Katze meiner Nachbarin den Schwanz mit einem Küchenmesser abzuschneiden. Die Wetten, die mein Freund und ich uns ausdachten, waren anfangs noch harmlos und ziemlich lustig, wurden aber immer abstruser, ekliger und auch gefährlicher. Meine Freunde, die ich seit dem Kindergarten kannte, hatten irgendwann Angst vor mir.

Aus der Clique von ungefähr zehn Leuten waren nach und nach nur noch wir beide übrig, weil wir uns von den anderen abkapselten. Die begriffen uns nicht, die waren zu normal. Wir verstanden die Welt, aber die Welt verstand uns nicht. Wir redeten jede Nacht stundenlang über Dinge, die sich andere nicht auszusprechen trauten. Tod, Schmerzen, die Sterne. Wir waren eins, alle anderen waren einsam. Solche Verlierer.

Ich begann, alle anderen Menschen zu hassen, weil sie so normal waren. Von dem netten Mädchen, das ich vor dieser Beziehung war, war danach nicht mehr viel übrig. Mein Freund lehrte mich, dass das Leben eine einzige Farce ist, die man nur dadurch austricksen konnte, indem man immer etwas Unerwartetes tat. Und das taten wir. Und es war großartig. Gott wusste nicht, mit wem er sich da anlegte.

Wir waren auf jeder Ebene ebenbürtig. Er versuchte nicht, mich zu manipulieren, sondern ich verband sein krankes Gehirn mit meinem. Und so wurden aus zwei ver- und zerstörten Seelen eine. Wir dachten irgendwann wie eine Person. Für uns war das ganz normal. Und wenn Liebe jemals einen wahre Definition haben sollte, dann diese. Natürlich klingt das nach jugendlicher Emoscheiße, aber es war, als wären wir die einzigen Wesen in einem viel zu großen Universum, die wirklich zusammen gehörten.

Er tat alles, was ich sagte. Und ich tat alles, was er sagte. Er trat seinem Chef auf einem Betriebsausflug zwischen die Beine, weil ich es sagte. Und ich ließ mich von einem übergewichtigen Türken mittleren Alters auf der McDonald’s-Toilette bumsen, weil er es sagte. Es war keineswegs, als hätte ich meinen Kopf abgeschaltet, sondern als würden wir jede noch so kleine Entscheidung gemeinsam treffen.

Natürlich war selbst diese wunderschöne Hölle nicht für die Ewigkeit bestimmt. Irgendwann driftete er in eine von MDMA geflutete Welt ab, in der ich keinen Halt fand. Er war von Tag zu Tag fröhlicher und glücklicher, während meine Gedanken immer düsterer wurden. Unsere perfekte Harmonie schien uns zu entgleiten. Ich tat alles, was er sagte, aber er irgendwann nicht mehr, was ich sagte. Und das machte mich wütend.

Ich saß nachts allein in meinem Zimmer und malte mir aus, welche schlimmen Dinge ich ihm und seiner Familie antun würde, sollte er mich verlassen. Er hatte mich in diese dunkle Parallelwelt gebracht und nun dort allein zurück gelassen. Ich wollte nicht, dass er glücklich ist. Ich wollte, dass er mit mir gemeinsam zerstört ist.

Um ihn eifersüchtig zu machen, begann ich etwas mit einem blonden Schönling aus meiner Klasse. Doch das interessierte ihn gar nicht. Dafür gefiel mein Ersatzfreund meiner Mutter so gut, dass sie vor Glück fast weinte. „Gott sei Dank“, sagte sie damals. „Ich dachte schon, du würdest für immer mit diesem Idioten zusammen sein.“ Ich lächelte nur. Was wusste sie schon.

Das ging ein paar Monate so und ich begann fast zu glauben, dass ich wieder ein normaler Mensch werden könnte, mit normalen Kinoabenden und normalen Partys und normalen Abendessen bei den Eltern des jeweils anderen. Bis eines Abends mein Freund vor der Tür stand. Es regnete. Seine langen, dunklen Haare waren ganz nass. Ich wollte mich am liebsten sofort in ihnen vergraben.

Ich weiß nicht, ob er betrunken oder high oder einfach nur verstört war, aber er sagte, er hätte ein Mädchen kennengelernt, eines mit Locken und einem süßen Lächeln und sie wäre in einer 80s-Tanzgruppe und Klassensprecherin. Sie wäre ganz großartig, aber irgendwie würde sie ihm emotional nicht so viel bedeuten wie ich. Er würde mich vermissen. Ob ich ihm nochmal eine Chance geben würde.

Man könnte jetzt denken, dass ich aus Spaß „Wetten, du traust dich nicht, dir die Pulsadern aufzuschneiden!“ sagte, aber ich meinte es vollkommen ernst. Wenn er wirklich mit mir zusammen sein will, dann macht er es auch, dachte ich mir. Natürlich wollte ich nicht, dass er starb. Ich wollte nur, dass er tat, was ich ihm sagte. Dass er mir seine Treue bewies. Seine unendliche Loyalität.

Der Schnitt war nicht lebensgefährlich, aber er blutete wie ein Schwein. Meine Mutter rastete aus, der Krankenwagen und die Polizei kamen, Nachbarn hatten sie gerufen. Ich schlief noch einige Nächte auf dem länglichen Fleck, bis er plötzlich weg war. Meinen Freund sah ich danach nur noch einige Male, aber wir sprachen nicht mehr viel miteinander. Ich galt als Psycho, er begann Verschwörungstheorien zu entwickeln. Satelliten würden ihn beobachten. Sein Handy warf er in einen nahegelegenen See.

Ich habe versucht, danach wieder eine normale Beziehung mit einem normalen Menschen zu führen. Aber es klappt nicht. Wenn deine erste Beziehung dir so viele innerliche Türen geöffnet hat, von denen du vorher nicht einmal wusstest, dass sie existieren, dann kannst du nicht mehr so tun, als würdest du sie nicht kennen. Du wirst inkompatibel für Leute, die noch nie gewisse Schalter in ihrem Gehirn umgelegt haben.

Mein nächster Freund war Steuerfachangestellter oder irgend so ein Scheiß. Seine Eltern waren Anwälte. Ich hätte ihnen vor lauter Gewohnheit an die Wand kotzen können. Der Typ versagte schon bei der ersten Wette, die ich ihm auferlegte, dabei war sie noch harmlos. Er sollte ein fremdes Mädchen auf einer Party küssen, auf der wir waren, ohne vorher mit ihr zu sprechen. Natürlich traute er sich das nicht. Aus lauter Enttäuschung machte ich noch auf der Stelle mit ihm Schluss und habe dem Türsteher einen geblasen.

Seitdem befinde ich mich in einem Limbo der Langeweile. Ich fühle mich, als hätte ich alle meine Emotionen bereits gelebt, als wäre ich ausgefühlt, als wäre der Rest meines Lebens lediglich ein Warten auf den Tod. Ich würde alles geben, um nur noch eine Nacht wie die zu erleben, in der die Welt noch in Ordnung war. In der ich mich zu Hause fühlte, in der Gewissheit, dass wir eins waren und alle anderen nicht.

Meine beste Freundin, die womöglich nur eine gute Bekannte ist, schaut mich immer wieder verstört an, wenn ich ihr erzähle, dass ich schlichtweg mit keinem Mann zusammen sein kann, der mich nicht an meine mentalen Grenzen und darüber hinaus treibt. „Such dir doch einfach mal einen ganz normalen Typen!“ rät sie mir dann. Doch egal, wie sehr ich mir das auch wünschen würde, ich kann es nicht.

Die Fotografie stammt von Hoang Loc
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Prostitution und Liebe: Schatz, ich muss zum Sex!

Hast du einen Partner? Diese Frage hat mir vor einigen Tagen eine Leserin gestellt. Neugierig wollte sie wissen, wie ich, wenn ich die Frage mit Ja beantworten würde, damit umgehe. Persönlich kommen für mich zwei Dinge zusammen. In meinem richtigen Job bin ich sehr viel unterwegs, außerdem habe...
Prostitution und Liebe: Schatz, ich muss zum Sex!

Prostitution und Liebe

Schatz, ich
muss zum Sex!

Maria Weinbauer

„Hast du einen Partner?“ Diese Frage hat mir vor einigen Tagen eine Leserin gestellt. Neugierig wollte sie wissen, wie ich, wenn ich die Frage mit „Ja“ beantworten würde, damit umgehe. Persönlich kommen für mich zwei Dinge zusammen. In meinem richtigen Job bin ich sehr viel unterwegs, außerdem habe ich mich für eine Karriere in einem größeren Unternehmen entschieden.

Dies ist auch heute noch für Frauen ein Beziehungskiller, denn irgendwann möchten Männer ein Kind und dazu eine Frau, die dieses Kind großzieht. Dieses klassische Rollenmodell weicht zwar langsam auf, aber dennoch sind Kind und Karriere schwierig unter einen Hut zu bringen. Vielleicht ist es aber auch nur eine gute Ausrede für mich, damit ich meinem aktuellen Lebensstil treu bleiben kann.

Mein Hobby, bei dem ich regelmäßig mit unterschiedlichen Männern schlafe, ist keine Freizeitaktivität die Männern besonders gut gefällt. Mir sind persönlich einige Escorts bekannt, die glückliche und stabile Beziehung führen. Es gibt Ladies, die haben sogar Kinder. Für mich ein No-Go, denn wie soll ich es meinem Kind irgendwann erklären? Wie soll ich einem Kind erklären, dass Mama mit unterschiedlichen Männern schläft und trotzdem auch noch Papa lieb hat. Vielleicht ist dies auch nur eine Ausrede für mich, aber eine sehr bequeme.

Partner habe, und hatte, ich immer wieder. Die meisten wussten von meiner Tätigkeit in den Betten der Hotels dieser Welt, einige hat es sogar regelrecht angemacht. Diese Männer hätten ebenso gut Bucher sein können, denn die Beziehungen mit ihnen hatte fast etwas von einem Dauerarrangement, bei dem ich mir ab und an noch einmal einen anderen Mann ins Bett holen konnte. Diese Beziehungen gingen nie lange gut. Vor allem, weil diese Männer in einer gewissen Form für mich gestört gewesen sind. Welcher Mann findet es wirklich erregend, wenn seine Frau gerade frisch vom Date kommt?

Schwieriger sind die Beziehungen gewesen, bei denen der Mann und ich versuchten, eine ernsthafte und dauerhafte Gemeinschaft aufzubauen. Meistens habe ich in dieser Zeit meine Verabredungen stark eingeschränkt, trotzdem habe ich es nie ganz gelassen, denn ich mag es und es gehört zu mir. Meine längste Beziehung mit einem Mann dauerte drei Jahre. Drei Jahre, in denen ich den Mann, den ich geliebt habe, und wohl noch liebe, sehr gequält habe. Zuerst dachte ich, dass er sehr gut damit klar kommt, aber irgendwann wurde mir klar, wie sehr er leidet.

Mir sind einige Erlebnisse in keiner guten Erinnerung, sie lösen bei mir regelrechte seelische Schmerzen aus. Jan, nennen wir ihn einmal so, wusste von einem Date mit einem Kunden in einem Hotel in Bremen. Er wusste, wie lange ich diesen Mann treffe und das ich vorhatte noch am selben Abend in meine damalige Wohnung nach Hamburg zurückzukehren.

Jan hatte zu diesem Zeitpunkt seinen Lebensmittelpunkt in München und wartete sehnsüchtig darauf, dass ich mich bei ihm melde. Mein Date hatte länger gedauert und ich musste mich beeilen, damit ich den letzten IC nach Hamburg bekommen würde. Zu dieser Zeit lag mein Führerschein gerade bei der Polizei, da ich es mit der Geschwindigkeit etwas übertrieben hatte.

Im IC sitzend explodierte mein Handy. Jan hatte über vierzig Nachrichten geschickt. Es dauerte fast die ganze Fahrt, ihn wieder zu beruhigen. In seinem Kopf hatten sich in den vier Stunden des Dates wahre Horrorstorys aufgebaut. Er saß da in seiner Wohnung in München und starb vor Angst um mich. Seine Gefühle schwankten an diesem Abend zwischen Ekel und dem Wunsch, mich fest in den Arm zu nehmen. Er musste mir vertrauen und ich versuchte ihn aufzubauen, aber diese Angst um mich hat ihn nie losgelassen, es hat ihn aufgefressen und fast, wir haben beide die Reißleine gezogen, in den Wahnsinn getrieben.

Einmal hatte ich die Idee, mit Jan über ein Wochenende nach Frankfurt zu fahren. Wir quartieren uns in der Villa Kennedy ein und hatten ein tolles Wochenende vor uns. Die Bombe platze am Samstagmorgen beim Frühstück. Wir hatten uns gerade einen schönen Platz gesucht, da grinste mich vom Nachbartisch ein Mann an, in Begleitung einer sehr netten und attraktiven Dame. Der Mann, einer meiner Stammkunden, hatte sich was Nettes zum Spielen übers Wochenende eingeladen, so nannte er sie ein paar Minuten später, als er sich zu mir ans Buffet gestellt hatte.

Breit grinsend fragte er mich, wer denn mein Begleiter sei und ob ich und er nicht Lust auf einen flotten Vierer hätten. Jan bekam die letzten Fetzen des Gesprächs leider mit und unser Wochenende platzte wie eine Seifenblase. Nicht weil er es unmöglich fand, dass mich ein Bucher anspricht, sondern weil ich es sofort verneint hatte. In seinem Kopf hatte die Sexfantasiemaschine alle Räder angeworfen und er wurde richtig böse, weil er meinte, um eine einmalige sexuelle Erfahrung betrogen worden zu sein. Meine Argumente, dass ich meinen festen Partner nicht mit einem Bucher teilen wolle, konnte und wollte er nicht verstehen.

Zusätzlich wollte er plötzlich wissen, was ich denn alles schon mit diesem Herrn gemacht hätte. Ein Tabuthema, denn ich will über diese Dinge nicht zu Hause sprechen. Sie würden einen Partner dauerhaft nur verletzen. Oder würdet ihr eurem festen Partner erzählen was ihr mit anderen Männer im Bett erlebt? Klar, bei mir wäre das ein bisschen so, wie wenn Frau nach Hause kommt und vom Bürojob erzählt, aber den habe ich auch noch und diesen Alltag teile ich gerne mit meinem Partner. Partnerschaft und Escort sind zwei Dinge die nicht gut miteinander harmonieren, außer euer Partner ist ein totales Arschloch.

Die Fotografie stammt von Dainis Graveris
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Sailor Moon: Die Abenteuer eines magischen Mädchens

Bunny Tsukino ist ein fröhliches 14-jähriges Schulmädchen, das sich oft in ungewollten Schwierigkeiten befindet. Eines Tages rettet sie eine sprechende Katze namens Luna vor ein paar gemeinen Kindern, und ihr Leben verändert sich schlagartig für immer. Luna schenkt Bunny eine magische Brosche, die s...
Sailor Moon: Die Abenteuer eines magischen Mädchens

Sailor Moon

Die Abenteuer eines
magischen Mädchens

Annika Lorenz

Bunny Tsukino ist ein fröhliches 14-jähriges Schulmädchen, das sich oft in ungewollten Schwierigkeiten befindet. Eines Tages rettet sie eine sprechende Katze namens Luna vor ein paar gemeinen Kindern, und ihr Leben verändert sich schlagartig für immer. Luna schenkt Bunny eine magische Brosche, die sie in Sailor Moon, Verteidigerin von Liebe und Gerechtigkeit, verwandelt!

Nun muss sie gemeinsam mit ihrer tierischen Gefährtin zusammenarbeiten, um die anderen Sailor-Kriegerinnen und die dazugehörige Mondprinzessin zu finden, deren legendärer Silberkristall die einzige Hoffnung der Erde gegen die dunklen Mächte der bösen Königin Berylle ist. Und damit wären auch kurz die Anfänge von Sailor Moon erklärt, die zweifellos zu den beliebtesten Anime-Serien aller Zeiten zählt.

Doch es geht noch weiter. Denn nachdem Bunny und Luna mit der ziemlich nerdigen Sailor Merkur und der burschikosen Sailor Mars neue Freunde gefunden haben, setzen sie ihre Suche nach dem legendären Silberkristall fort, während zwei neue mächtige Verbündete in den Kampf ziehen. Sailor Jupiter ist die grosse und zähe Hüterin des Donners, und Sailor Venus gilt sowohl als die Hüterin der Liebe als auch gleichzeitig als das wohl erfahrenste Mitglied.

Sailor Moon selbst erhält mit der Zeit beeindruckende neue Kräfte und lernt immer mehr über den mysteriösen Tuxedo Mask, der komischerweise immer genau im richtigen Moment zu erscheinen scheint. Könnten ihre fernen Vergangenheiten miteinander verflochten sein, und hat das etwas mit der Mondprinzessin zu tun, die sie suchen? Alles läuft auf den finalen Kampf mit Königin Beryl hinaus, der den Sailor-Kriegerinnen wirklich alles abverlangen wird, um siegreich zu sein.

Sailor Moon ist der Inbegriff des weltweit geliebten Phänomens der magischen Mädchen und erzählt die kunterbunten Abenteuer der tollpatschigen 14-jährigen Schülerin und ihrer Freundinnen, die vom Schicksal auserwählt wurden, um die Mächte des Bösen zu besiegen. Die Legenden von Sailor Moon werden bereits seit über 20 Jahren in diversen Anime, Manga und Romanen erzählt und von zahlreichen Fans auf der ganzen Welt geschätzt.

Basierend auf Naoko Takeuchis erfolgreicher Grafikromanreihe erzählt Sailor Moon das fantastische Märchen von einer gutherzigen Heulsuse, die dazu bestimmt ist, die Welt vor dunklen Mächten zu schützen. Werden die Sailor-Kriegerinnen in der Lage sein, den legendären Silberkristall rechtzeitig zu finden, bevor die Welt in ewige Dunkelheit fällt? Na hoffentlich!

Sailor Moon ist auch heute noch sehenswert. Die liebenswerten Charaktere trösten über die längst überholten Monster-of-the-Week-Folgen hinweg. Wer sich gemeinsam mit ein paar taffen Mädels in ein ästhetisch beeindruckendes Tokio begeben und dort das ein oder andere magische Abenteuer erleben möchte, der ist bei Sailor Moon genau richtig. Und wer sich nicht bereits in den ersten Minuten in Bunny Tsukino und ihre besten Freundinnen verknallt, dem ist sowieso nicht mehr zu helfen.

Sailor Moon: Die Abenteuer eines magischen Mädchens Sailor Moon: Die Abenteuer eines magischen Mädchens Sailor Moon: Die Abenteuer eines magischen Mädchens Sailor Moon: Die Abenteuer eines magischen Mädchens Sailor Moon: Die Abenteuer eines magischen Mädchens Sailor Moon: Die Abenteuer eines magischen Mädchens Sailor Moon: Die Abenteuer eines magischen Mädchens Sailor Moon: Die Abenteuer eines magischen Mädchens Sailor Moon: Die Abenteuer eines magischen Mädchens Sailor Moon: Die Abenteuer eines magischen Mädchens Sailor Moon: Die Abenteuer eines magischen Mädchens Sailor Moon: Die Abenteuer eines magischen Mädchens Sailor Moon: Die Abenteuer eines magischen Mädchens Sailor Moon: Die Abenteuer eines magischen Mädchens Sailor Moon: Die Abenteuer eines magischen Mädchens Sailor Moon: Die Abenteuer eines magischen Mädchens Sailor Moon: Die Abenteuer eines magischen Mädchens Sailor Moon: Die Abenteuer eines magischen Mädchens Sailor Moon: Die Abenteuer eines magischen Mädchens Sailor Moon: Die Abenteuer eines magischen Mädchens Sailor Moon: Die Abenteuer eines magischen Mädchens Sailor Moon: Die Abenteuer eines magischen Mädchens Sailor Moon: Die Abenteuer eines magischen Mädchens Sailor Moon: Die Abenteuer eines magischen Mädchens Sailor Moon: Die Abenteuer eines magischen Mädchens Sailor Moon: Die Abenteuer eines magischen Mädchens Sailor Moon: Die Abenteuer eines magischen Mädchens Sailor Moon: Die Abenteuer eines magischen Mädchens Sailor Moon: Die Abenteuer eines magischen Mädchens Sailor Moon: Die Abenteuer eines magischen Mädchens Sailor Moon: Die Abenteuer eines magischen Mädchens Sailor Moon: Die Abenteuer eines magischen Mädchens
Die Illustration stammt von Naoko Takeuchi, Kodansha und Kazé
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Prostitution im Studium: Ich bin jung und brauche das Geld

Vergiss alles, was du kanntest, denn jetzt bin ich da, um dir ein neues sinnliches Paradies zu erschließen. Das klingt gut. So kann ich meine Zukunft beginnen – ein erotisches Pathos, eine neue Handynummer und eine glatt rasierte Muschi. Jetzt muss mich nur noch jemand anrufen und schlappe hundert...
Prostitution im Studium: Ich bin jung und brauche das Geld

Prostitution im Studium

Ich bin jung und
brauche das Geld

Sarah Gerlach

Vergiss alles, was du kanntest, denn jetzt bin ich da, um dir ein neues sinnliches Paradies zu erschließen.“ Das klingt gut. So kann ich meine Zukunft beginnen – ein erotisches Pathos, eine neue Handynummer und eine glatt rasierte Muschi. Jetzt muss mich nur noch jemand anrufen und schlappe hundert Euro übrig haben. Ich starre auf den Bildschirm und sehe sie vor mir. In drei kurzen Sätzen zusammengefasst und mit vier Nacktbildern verziert: Meine glorreiche Zukunft als Prostituierte.

Das war so nicht geplant. Ich habe Abitur gemacht, meine Praktika bei mehr oder weniger namhaften Zeitungen absolviert. Immer mit erstklassigen Bewertungen und dem Versprechen, angerufen zu werden, sobald es eine freie Stelle für mich gibt. Ich habe hart an mir gearbeitet und eloquent geschrieben. Angerufen hat aber keiner. Zurückgerufen auch nicht.

Jetzt sitze ich also an meinem stotternden Toshiba-Computer und stelle Erotikannoncen ins Netz. Die Bilder habe ich mit meiner Webcam gemacht, die Dessous von meiner Freundin ausgeliehen. Der Text ist inspiriert von einer erfahrenen Nutte, die sich im Internet Wildkatze nennt.

Es ist nicht so, als hätte ich nicht auch einen anderen Job machen können. Kassiererin vielleicht. Oder Eisverkäuferin. Mit Putzen hätte ich meine Probleme, aber wenn das Geld stimmt? Ich dachte darüber nach, recherchierte, wurde fündig. Reinigungsfachkraft für 6,50 Euro die Stunde. Da brauchte ich nicht lange rechnen. Klodeckel bezahlen mir die Monatsmiete nicht. Was blieb dann noch? Die Antwort war einfach: Sex.

Darin bin ich eigentlich nicht besonders gut. Das darf man nicht falsch verstehen. Es ist nicht so, dass ich nicht gerne mit Männern schlafe. Für gewöhnlich empfinde ich aber etwas dabei. Nicht immer Liebe, klar. Aber wenigstens Angst vor einer kalten Nacht. Oder ich bin hemmungslos betrunken. Da wirkt die Nacht meist noch viel kälter als sonst, muss ich zugeben. Da kann es schon mal sein, dass aus der anfänglichen Seelenverwandtschaft nicht viel mehr entsteht als der kurze Rausch vom selben Schnaps.

Aber so? Ganz ohne Abhängigkeitsbekundungen, ohne verzweifeltes Mundaneinanderpressen, ohne stundenlanges Warten auf den Rückruf? Ich weiß nicht. Na gut, warten muss ich jetzt ja auch. Auf den ersten Anruf. Da geht es nur nicht um Liebe, sondern um die nächste Miete. Liegt das wirklich so weit auseinander?

Ich bin aufgeregt. Mein Herz pumpt einen Haufen Adrenalin in meinen Körper. Das passt nun überhaupt nicht. Was soll ich sagen, wenn das Telefon klingelt? Muss ich meine Stimme verstellen? Hat Pamela Anderson eigentlich erst den Rock ausgezogen oder das Hemd? Das sind so Fragen. Ich weiß ja nicht einmal, wie man ein Kondom richtig überzieht.

So etwas lernt man in der Schule nicht. Da schaut man bunte Katzenfilme, diskutiert über Spermien und Eierstöcke. Aber Kondomüberziehen? In meinen Beziehungen habe ich immer darauf verzichtet. Stört die partnerschaftliche Bindung, finde ich. Ein Stück Kautschuk in einem drin, wie soll denn da Romantik aufkommen?

An AIDS sterben will ich aber nicht. Mit zwanzig ist man zwar nicht unbedingt erwachsen, aber an die Zukunft denkt man schon, zumindest ab und zu. Außerdem muss Sex für Geld nicht unbedingt romantisch sein. Dennoch, wie soll er denn sein? Mir gehen sämtliche Horrorszenarien durch den Kopf. Ich habe weder Lederröcke noch Peitschen zu Hause.

Von Kliniksex erst kurz zuvor gehört. Ich schaue manchmal Pornos. Aber nur die, in denen sich die Pärchen küssen. Küssen kann ich noch am besten. Aber das fällt bei Sex für Geld ja flach. Blasen bekomme ich vielleicht noch hin, wenn der Mann mir da ein bisschen hilft. Das will jeder schließlich anders haben. Doch was mache ich, wenn der Kerl über mich drüber rutscht? Muss ich dreckige Wörter sagen und laut schreien, wenn ich so tue, als würde ich kommen?

Meine Partner haben sich nie bei mir beschwert. Aber die haben auch kein Geld bezahlt. Ich bin verunsichert und nervös. Ich kann nicht fassen, so viel Sex gehabt zu haben, ohne je etwas darüber zu wissen. Die Illusion einer unwiderstehlichen Erotikbombe, die ich von mir hatte, zerbricht in viele kleine Teile. Das Fazit: Ich bin noch richtig unschuldig.

Das Jobcenter hilft einem da auch nicht gerade weiter. Es sollte eine Weiterbildung geben. Trockenübungen vielleicht. Selbsthilfegruppen für Anfänger. Da kann man fragen, was man so macht, wenn vor der Haustür ein monströses sechzigjähriges Tier auf einen wartet und dann in der Wohnung masturbiert. Ganz haarig, eingehüllt in Schweiß und Feierabendbier, frisch von der Baustelle. Da flüchte ich eigentlich schon, wenn sich der nur neben mich in die Straßenbahn setzt.

Ich sitze da und warte. Was soll ich nur tun, wenn das Telefon klingelt? Ich starre auf meine nackten Brüste auf dem Bildschirm, dann auf mein Handy. Immer im Wechsel. Das ist viel schlimmer als die Abiprüfung. Als das Telefon klingelt, nehme ich nicht ab. Ich kann einfach nicht. Ich lösche die Kontaktanzeige, den Traum vom schnellen Geld, den ersten Millionen auf dem eigenen Konto.

Was, wenn die ganze Sache auffliegt? Wenn Mama nicht mehr reden will, wenn mir Papa nichts mehr zu sagen hat? Ich seufze. Mein Mut reicht nicht weit genug. Ich fürchte mich vor Repression, vor zerbrechenden Bindungen, vom gesellschaftlichen Selbstmord. Das kleine Mädchen, das sich in der Abizeitung über Intimbehaarung ausgelassen hat, widersteht nicht dem sozialen Druck. Immer eine große Klappe gehabt, nie sind den schönen Worten Taten gefolgt. Das war schon immer so.

Es ist nicht leicht, Prostituierte zu sein. Jede Frau, die sowas macht, besitzt meine volle Bewunderung. Ganz im Ernst. Was würde dieses haarige Bauarbeitertier denn machen, wenn es keine Frau gibt, die bereit ist, für Geld mit ihm zu schlafen? Prostituierte wenden eine Menge Schaden von uns ab. Vielleicht sind sie sogar die wahren Retter unserer Gesellschaft.

Dennoch. Mein sinnliches Paradies, von dem ich schrieb, gibt es in Zukunft wohl nur noch mit der Illusion von Liebe. Oder betrunken an der Bar. Meistens dann umsonst. Wenn mir aber mal jemand einen Fünfzigeuroschein in die Tasche schieben will, habe ich trotzdem nichts dagegen. Ich öffne das Schreibprogramm und tippe in langsamen Abständen Wörter in das weiße Feld: Bewerbung als Kassiererin. Nicht besonders lukrativ. Aber für den Einzelhandel hatte ich schon immer ein Herz.

Die Fotografie stammt von Garin Chadwick
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Ficken, Feiern, Fetische: Der Kit Kat Club hat mich pervers gemacht

Berlin got you!, sagt der tätowierte Partyfotograf aus dem Kit Kat Club zu mir. Berlin got you!, wiederholt er und betont noch einmal, wie sehr ich mich verändert hatte. Meinen Arsch wollte er trotzdem fotografieren. Ich verdrehe meine Augen und halte mein Hinterteil in seine Kamera. Ein biss...
Ficken, Feiern, Fetische: Der Kit Kat Club hat mich pervers gemacht

Ficken, Feiern, Fetische

Der Kit Kat Club hat
mich pervers gemacht

Sarah-Julia Sabukoschek

Berlin got you!“, sagt der tätowierte Partyfotograf aus dem Kit Kat Club zu mir. „Berlin got you!“, wiederholt er und betont noch einmal, wie sehr ich mich verändert hatte. Meinen Arsch wollte er trotzdem fotografieren. Ich verdrehe meine Augen und halte mein Hinterteil in seine Kamera.

Ein bisschen nach Porno fühlt sich das Ganze schon an, aber was soll’s. Sollen doch später alle sehen, wie geil ich im verruchten Kit Kat Club aussehe. Und schließlich lebe ich jetzt in Berlin, da kann man sich schon mal etwas mehr erlauben als anderswo. Am Ende behaupte ich einfach, es sei Kunst, und die Sache hat sich.

Die Leute aus meinem Heimatkaff zerreißen sich das Maul sowieso. Nach etwa fünf Schnappschüssen wendet sich der Fotograf wieder von mir ab und begibt sich auf die Suche nach weiteren Ärschen in Netzstrumpfhosen und mit Glitzertitten, die er verewigen kann.

Berlin got him!“, sagt meine Freundin grinsend zu mir, als neben uns ein Typ seinen Schniedel rausholt und ihn zu rubbeln beginnt. Dafür, dass wir soeben ungefragter Weise zu einer fleischgewordenen Wichsvorlage geworden waren, fühlte es sich gar nicht mal so seltsam und gar nicht mal so neu an. Danke fürs Trauma, du Wichser!

Mit Wichser meine ich das Patriachat. Und den Typen mit seinem runzligen Schniedel meine ich damit auch. „Berlin got me!“ Was soll das überhaupt heißen? Außer dass meine Outfits immer weniger Haut bedeckten, gab es doch keinen Unterschied. Oder doch? Hat mich Berlin wirklich gegottet?

Ich finde, im Kit Kat Club kann man die Leute in etwa drei Kategorien einteilen. Einmal gibt es die Newcomerinnen und Newcomer, zu denen auch ich anfangs gehörte. Dann gibt es die BDSM-Hippies, wie ich sie nenne, und dann noch die Endgegner: Die Perversen.

Wie es der Technogott, oder der Sexgott, so wollte, gehörte auch ich zu jenen, die den klassischen Kit-Kat-Club-Werdegang hinlegten. Ich mutierte von der Newcomerin zum BDSM-Hippie. Und vom BDSM-Hippie zur Perversen. Aber dazu komme ich später noch. Jedoch möchte ich so am Rande anmerken, dass das bei mir deutlich schneller ging als bei anderen. Von nun an kann mir also niemand mehr vorwerfen, ich wäre keine anständige Karrierefrau.

Die Kategorie „Newcomerin“ erklärt sich, glaube ich, von selbst. Man erkennt sie daran, dass sie noch richtige Kleidungsstücke tragen. Kleidungsstücke, die sie bedecken und so. Bei den Newcomern hoffe ich immer, dass denen ihr Stock im Arsch wenigstens eine anständige Prostatamassage beschert.

Als Frau brachte mir der Stock im Arsch ja eher weniger, also ließ ich ihn und das wahrhaftige Scheißgefühl, welches damit einherging, bald hinter mir. Mit dem Stock fielen auch die Klamotten und ich zelebriete tanzend “Free the nipple” auf eine ganz neue Art. “Free the nipple, bounce the tittle”, hatte ich das getauft, und ja, ich finde das sehr witzig. Kein Grund, mir beim Reden nicht weiterhin in die Augen zu schauen.

BDSM-Hippies heißen die Leute der zweiten Kategorie, weil sie für mich einfach Hippies sind. Sie lieben die Freiheit. Statt Blumen im Haar tragen sie halt Klammern an den Nippeln und Halsbänder. Auch wenn es bei so manchen Folterspielchen, die ich dort zu Augen bekam, nicht danach aussah, sind die meisten von ihnen tatsächlich friedlich gesinnt.

Dass die BDSM-Hippies ebenfalls eindeutig nicht der gesellschaftlichen Norm entsprechen, muss ich, glaube ich, auch nicht weiter ausführen. Ich meine, im String oder völlig nackt zu mittelmäßigem Techno die Titten oder den Schniedel, oder beides, im Takt wackeln zu lassen, ist doch nicht mal ein ansatzweise normales Hobby. „Es lebe die Abnormalität!“, heißt es hier.

Und jeder Fetisch wird beklatscht. Ich muss zugeben, so ein Fußfetisch, zum Beispiel, das ist schon wirklich etwas Tolles. Also wer noch nie seine Zehen gelutscht bekommen hat, der sollte das schleunigst nachholen. Einen Footblowie sozusagen. Aber jetzt bin ich etwas abgeschweift.

Seit „Free the nipple, bounce the tittle“ gehörte ich jedenfalls auch offiziell zu den BDSM-Hippies und ich war stolz drauf. Meine Mutter fand’s eklig. “Mama, das ist befreiend!” sage ich ihr dann immer, aber was soll’s. Nicht jeder kann meine alternativ-hedonistisch gesellschaftskritische Weltansicht und meinen Way of Living verstehen.

Die nennen mich dann liebevoll einen Freak oder pervers. Und ich sage absichtlich liebevoll, weil sich „pervers“ mittlerweile irgendwie wie ein Kompliment anfühlt. Und diese Erkenntnis, liebe Leute, katapultierte mich ins Reich der Perversen. Ich glaube, Berlin got me!

Die Fotografie stammt von Artem Labunsky
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Gehorche mir!Ich bin eine junge Domina

Femdom ist die Abkürzung für Female Cominance und bezeichnet eine Spielart im BDSM, bei der die Frau die dominante Rolle übernimmt und ihren Partner oder ihre Partnerin sexuell unterwirft. Ich scheine so eine gewisse Ausstrahlung zu haben, denn ich werde immer wieder von anderen Menschen, insbeson...
Gehorche mir!Ich bin eine junge Domina

Gehorche mir!

Ich bin eine
junge Domina

Nadine Kroll

Femdom ist die Abkürzung für „Female Cominance“ und bezeichnet eine Spielart im BDSM, bei der die Frau die dominante Rolle übernimmt und ihren Partner oder ihre Partnerin sexuell unterwirft. Ich scheine so eine gewisse Ausstrahlung zu haben, denn ich werde immer wieder von anderen Menschen, insbesondere Männern, gefragt, ob ich sie nicht dominieren und zu meinen kleinen, perversen Sklaven machen wolle.

Über die Jahre hab ich nun schon so einige Erfahrungen in diesem doch recht ungewöhnlichen Bereich gesammelt. Ich habe Männer angepisst, in den Arsch gefickt, auf ihren Wunsch hin verprügelt, in Frauenkleidung herumlaufen und fremde Schwänze lutschen lassen und einem sogar einen Peniskäfig angelegt, um ihn dauerhaft keusch zu halten. Dieses ganze Ding der weiblichen Dominanz kickt mich. Es ist ein bisschen, als könne ich dort den ganzen Hass, der sich in mir über die Tage verteilt so ansammelt, herauslassen. Und zwar so, dass es mein Gegenüber auch noch erregt.

Für mich geht es dabei definitiv um die Umkehrung der patriarchalen Strukturen, mit denen man im Alltag ständig konfrontiert wird. Ich hasse Männer nicht, im Gegenteil, ich liebe sie, aber sie verdienen in meinen Augen keinesfalls so viel Macht, wie sie von Geburt aus haben. Ich steh drauf, ihnen das zu nehmen, indem ich sie zu meinen Füßen knien lasse, ihnen das Wort verbiete und sie mich als Frau in meiner vollen Weiblichkeit anbeten lasse. Es erregt mich, sexuell wie geistig.

Laut Statistiken trifft das nur auf knapp elf Prozent aller Damen, die im BDSM aktiv sind, zu. Ganz schön wenig eigentlich. Vielleicht kommen deshalb so viele Kerle zu mir, um sich mal so richtig runter machen zu lassen. Es gibt scheinbar einfach nicht genug Frauen, die bereit sind, ihren Partner zu dominieren. Die Gründe dafür will ich gar nicht hinterfragen. Ich glaube nicht daran, dass Kinks aus gesellschaftlichen Situationen heraus entstehen, sondern dass sie schon immer da sind, aber erst im Laufe des Lebens entdeckt werden.

Für Alice Schwarzer gibt es Frauen, die darauf stehen, Männer zu erniedrigen überhaupt nicht. Gisela Breitling, PorNo-Aktivistin, trieb das Ganze mit folgendem Zitat sogar auf die Spitze: „Dass weibliche Gewaltphantasie gegenüber Männern erotisch bzw. sexuell intendiert sein soll, ist eine psychologische Unmöglichkeit“ und weiter „dass Frauen auf diese Weise sexuell erregt werden können, dürfte zudem kaum realistisch sein.“

Im Prinzip sagt das nichts anderes aus, als dass Männer generell drauf abfahren, Frauen zu erniedrigen, weil sie es durch die patriarchale Struktur so gelernt haben und Frauen nur Erniedrigung genießen, weil Dominanz gegenüber Männern wider ihre Natur ist. Schwachsinn. Und vor allem eine Art von Feminismus, dem ich nicht angehören will, weil es allem, was ich über die Jahre hinweg über weibliche Sexualität gelernt habe, widerspricht.

Doch genug von der Theorie. Ich weiß, ihr wollt Geschichten hören. Sex, bei dem die Frau die Führung übernimmt, zählt jedenfalls schon mal nicht zu Femdom. Nur, weil ich als Frau ab und an beim Sex oben sitze, macht mich das noch lange nicht dominant, auch wenn das gerne so empfunden wird. Die Dominanz einer Femdom zeigt sich vor allem in Kontrolle. Und zwar kompletter Kontrolle über das Verhalten des Partners während des Geschlechtsakts.

Die meisten gehen, glaube ich, davon aus, dass ich es einfach gerne mag, Männern so richtig hart eine reinzuballern. Darum geht es aber tatsächlich nicht. Meine Rolle als Femdom lebt von Macht. Macht über die Sexualität meines Mannes. Ich schlage eigentlich nur zu, wenn ich meinen Partner bestrafen will. Und auch nur dann, wenn er es mir ausdrücklich erlaubt hat. Denn nicht jeder unterwürfige Kerl steht auch auf Schmerz. Mir sind die, die es tun, allerdings am liebsten.

Ich fahre eigentlich hauptsächlich darauf ab, Männer mit Worten mies zu behandeln, indem ich ihnen erzähle, dass sie armselige Schlappschwänze sind, die keinen hochbekommen und sich deshalb so gerne in den Arsch ficken lassen. Ich verbiete ihnen unfassbar gerne, zu kommen, weil es mich anmacht, wie sie um einen Orgasmus betteln. Einen Orgasmus, den sie bei mir im seltensten Fall bekommen, während sie mich so lange befriedigen müssen, bis ich nicht mehr kann.

Mit ihrer Zunge, mit ihren Fingern und manchmal auch mit ihrem Schwanz, den ich gerne so lange reite, bis die Typen, die da unter mir liegen, kurz vor’m Kommen sind, nur um dann aufzuhören und sie unbefriedigt nach Hause zu schicken, wo sie selbstverständlich nicht wichsen dürfen, bis ich es ausdrücklich erlaube. Und das tue ich selten. Genau das ist aber auch das, was diesen Männern so gefällt, auch wenn das für die Leute, denen es beim Sex hauptsächlich im Orgasmen geht, erst mal ziemlich komisch klingt. Es ist die Erniedrigung, die so kickt, und nicht der Sex an sich.

Die Spielarten, die ich bereits ausprobiert habe, sind tatsächlich so vielfältig, dass ich keinen Platz habe, sie alle aufzuführen. Aber ich hab durchaus schon dem ein oder anderen Kerl Lust bereitet, indem ich nichts anderes tat, als ihn anzuspucken. Ich habe etliche Männer, und auch die ein oder andere Frau, dazu bekommen, vor Geilheit und Schmerz laut zu schreien, indem ich ihnen in die Eier trat oder den Absatz meiner High Heels in ihr Arschloch schob. Einer spritze sogar alleine davon ab, dass ich ihm mit einem Lederpaddle den Arsch verdrosch. Da er es ohne meine Erlaubnis tat, wurde er natürlich dafür bestraft, indem er sein eigenes Sperma vom Boden auflecken musste.

Eine Femdom, wie ich es bin, lehrt und erzieht. Sie macht aus ihrem Bottom, wie der unterwürfige Part auch genannt wird, ihr kleines, dreckiges Spielzeug, das alle eigenen Wünsche ablegt und nur noch dient. Sie tut das aber nicht nur für sich, sondern auch für ihren Partner, denn selbst wenn im sexuellen Rahmen hier ein Ungleichgewicht herrscht, so ist das doch von beiden Seiten aus erwünscht und wird gezielt angestrebt.

Sex kickt mich generell nur dann, wenn es meinen Partner auch geil macht, ganz egal, ob es sich jetzt um schnöden Blümchensex handelt oder um eine Spielart, die von außen betrachtet aussieht wie Rache für all die Verbrechen, die Männer im Laufe der Geschichte uns Frauen zugefügt haben, ausgeführt an einem einzigen, armen Kerl, der nicht in der Lage ist, sich gegen eine radikale Feministin zu wehren.

Die Fotografie stammt von Dainis Graveris
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Die Modebloggerin: Im Bett mit Masha Sedgwick

Ich war ja schon ein Fan von Masha Sedgwick, da war sie noch ein totaler Emo. Wie ich übrigens. Emofrisur, Emo-Make-up, Emogedanken. Wir waren damals alle ein wenig emotionell. Es gehört zu unserer Geschichte. Am Bahnhof abhängen und das Leben dunkel an sich vorbei ziehen lassen. Sich darüber Gedank...
Die Modebloggerin: Im Bett mit Masha Sedgwick

Die Modebloggerin

Im Bett mit
Masha Sedgwick

Daniela Dietz

Ich war ja schon ein Fan von Masha Sedgwick, da war sie noch ein totaler Emo. Wie ich übrigens. Emofrisur, Emo-Make-up, Emogedanken. Wir waren damals alle ein wenig emotionell. Es gehört zu unserer Geschichte. Am Bahnhof abhängen und das Leben dunkel an sich vorbei ziehen lassen. Sich darüber Gedanken machen. Ganz sanft. Ganz tief. Ganz gefühlvoll.

über diese lichtlose Zeit des Lebens scheint die kreative Künstlerin längst hinweg zu sein. Heute gehört Masha zu den beliebtesten und populärsten Modebloggerinnen des Landes. Sie schreibt über Klamotten, Kaffee und Frisuren, nimmt sich aber auch die Zeit, ihren Meinungen und Gedanken in epischen Texten freien Lauf zu lassen. Wie man das eben so macht. Als erfolgreiche Modebloggerin.

„Als ich meinen Eltern erzählte, dass ich mich ganz aufs Bloggen konzentrieren möchte, sah ich so viele Fragen in ihren Gesichtern,“ erzählt uns Masha. „Aber statt an jahrhundertelangen Traditionen festzuhalten, sollten wir uns darauf konzentrieren, was wir wirklich können und wollen. Womöglich können wir in Zukunft nur noch durch Leidenschaft und Hingabe Geld verdienen.“ Amen.

Die Modebloggerin: Im Bett mit Masha Sedgwick Die Modebloggerin: Im Bett mit Masha Sedgwick Die Modebloggerin: Im Bett mit Masha Sedgwick Die Modebloggerin: Im Bett mit Masha Sedgwick Die Modebloggerin: Im Bett mit Masha Sedgwick Die Modebloggerin: Im Bett mit Masha Sedgwick Die Modebloggerin: Im Bett mit Masha Sedgwick Die Modebloggerin: Im Bett mit Masha Sedgwick Die Modebloggerin: Im Bett mit Masha Sedgwick Die Modebloggerin: Im Bett mit Masha Sedgwick
Die Fotografie stammt von Maximilian Motel
Als Model ist Masha Sedgwick zu sehen
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Liebe Mama, lieber Papa: Geständnisse einer Prostituierten

Meine Eltern sind sehr stolz auf mein abgeschlossenes Jurastudium, meinen Job als Juristin und auf meinen Bruder und seine zwei Kinder im norddeutschen Reihenhaus. Weniger stolz sind sie darüber, dass ich noch keine zwei Kinder und kein Reihenhaus habe, dafür würde ich einen festen Partner benötigen...
Liebe Mama, lieber Papa: Geständnisse einer Prostituierten

Liebe Mama, lieber Papa

Geständnisse einer Prostituierten

Maria Weinbauer

Meine Eltern sind sehr stolz auf mein abgeschlossenes Jurastudium, meinen Job als Juristin und auf meinen Bruder und seine zwei Kinder im norddeutschen Reihenhaus. Weniger stolz sind sie darüber, dass ich noch keine zwei Kinder und kein Reihenhaus habe, dafür würde ich einen festen Partner benötigen, aber den gibt es eben nicht so schnell für eine erfolgreiche und unabhängige Frau.

Überhaupt nicht stolz sind meine Eltern über mein Hobby als Escort, oder um es mit ihren Worten zu sagen „Unser Kind ist eine Hure, was haben wir falsch gemacht?“ Manche jungen Frauen lassen sich nackt für den Playboy fotografieren und erzählen es ihren Eltern erst dann, wenn das Männermagazin am Kiosk liegt, weil sie sich eigentlich dafür schämen diese Bilder gemacht zu haben.

Es soll Väter geben, die ihre erwachsenen Töchter im Playboy das erste Mal nackt gesehen haben. Die meisten von ihnen sollen stolz wie Oskar sein, aber viele geben es auch nicht zu, denn sich einfach nackt ausziehen, und damit von jedem der sich so ein Heft kaufen kann, begaffen lassen zu können, ist ein moralisches Problem.

Die Feststellung, dass ein Kind als Prostituierte arbeitet, ist ein noch viel größeres moralisches Problem. Wie haben meine Eltern erfahren, was ich mache, und hat es sie interessiert, warum ich es mache. Wie sie es erfahren haben, ist meiner Faulheit zu verdanken. Zudem auch noch meiner Abneigung bestimmte Dinge zu verbergen.

Hat es meine Eltern interessiert warum ich für Geld mit Männern schlafe? Eher weniger, denn die Tatsache alleine ist schon schlimm genug und wenn, dann machen Frauen es aus Geldnot oder weil sie als Kind von ihrem Vater sexuell missbraucht wurden. Beides kann ich für mich verneinen und für viele Kolleginnen sind dies wohl auch nicht die Gründe, warum sie als Escort arbeiten.

Meine Mutter fand es heraus, weil ich sie gebeten hatte, sich etwas Geld aus meiner „Spardose“ in der Küche zu nehmen. In dieser Spardose befanden sich von einem letzten Date einige etwas größere Scheine und daneben lag mein kleines Kassenbuch.

Wie Mütter nun einmal sind, nämlich mit einer gewissen Neugier versehen, schaute sie in das Buch. Dann herrschte erst einmal längeres Schweigen, was mir nicht sofort auffiel. Meine Mutter zog los und meinte, sie komme gleich mit den Erledigungen wieder.

Nach zwei Stunden fiel mir auf, dass meine Mutter für ein paar Erledigungen im Supermarkt etwas lange brauchte. An ihr Handy ging sie nicht, da ich auch zu einem Termin musste, machte ich mich auf den Weg und fand meine Mutter in einem kleinen Café bei mir um die Ecke. Sie schaute auf die Straße und sah verheult aus. Ich setze mich zu ihr an den Tisch und fragte was los sei.

Wieder kamen ihr Tränen und dann fragte sie mich ganz direkt, ob ich für Geld mit Männern schlafen würde. Ob ihre Tochter eine Nutte sei, ob sie das verdient hätte und warum ich das machen würde. Meine Mutter hatte schlicht und einfach aus den wenigen Kassenbuchnotizen die richtigen Schlüsse gezogen.

Namen von Männern, versehen mit einem Datum und einer Uhrzeit und einem Geldbetrag sprechen eine eindeutige Sprache, auch wenn es nur wenige Einträge sind. Zuerst einmal zahlte ich die zwei Schnäpse und den Kaffee meiner Mutter, dann sagte ich meinen Termin ab und ging mit ihr nach Hause. Wohin sie zuerst nicht wollte, da sie dachte, ich würde auch dort meinem Nuttengeschäft nachgehen.

Der Tag wurde lang und ich musste viele Tränen meiner Mutter wegwischen bis sie einigermaßen verstand, was ich da tat und warum. Sie verstand es, aber sie würde es nie akzeptieren, darüber bin ich mir sofort im Klaren gewesen. Sie dachte, ich hätte Geldsorgen und sie würden mir helfen können, aber ich musste alle Gründe, die ihr einfielen, verneinen.

Spaß ist für meine Mutter kein Grund gewesen. Sie habe auch nicht immer ein erfülltes Sexleben gehabt und mein Vater sei auch nicht gerade eine Sexkanone. Dinge die ich nicht hören wollte. Aber deshalb sei sie nicht mit einem anderen Mann ins Bett gegangen und schon gar nicht für Geld.

Nachdem meine Mutter und ich uns zwei Tage lang ausgesprochen hatten, und somit unser gemeinsames Wochenende in Frankfurt ein sehr monothematisches Wochenende war, musste sie wieder zurück zu meinem Vater ins Reihenhaus nach Norddeutschland. Sie müsse es ihm sagen hatte sie mir gesagt und sie tat es auch.

Was genau bei meinen Eltern im Reihenhaus passiert ist, als er es erfahren hatte, habe ich nie herausgefunden. Mein Vater sprach erst einmal zwei Monate nicht mit mir, dann rief er an und meldete einen Besuch an. Ein Nein würde er nicht akzeptieren, ich solle alle Termine absagen, vor allem wenn ich an diesem Tag einen Nuttentermin habe.

Ich bin eine selbstständige Frau und dennoch hatte ich die Hosen ziemlich voll, als er vor der Tür stand. Ein Strauß Blumen in der Hand und eine Flasche Sekt im Arm. „So etwas bekommst du von deinen Freiern wohl eher nicht!“ Mit diesen Worten begrüßte er mich.

Es wurde ein langer Tag. Ein Tag, an dem ich ihm erklärte, warum ich keine Nutte bin, sondern wenn dann eine Hure. Warum Escort und Straßenstrich meilenweit voneinander entfernt sind und ich keinen Zuhälter habe, der mich regelmäßig schlägt und mich um mein Geld betrügt.

Es wäre gelogen, wenn mein Vater akzeptieren würde, was ich mache, aber er nimmt es hin und er spricht mit mir. Er will nichts über das Thema hören und verlangt auch von mir nicht darüber zu sprechen. Meine Mutter ist da anders. Manchmal will sie wissen wie ein Date gewesen ist, wenn sie weiß, dass ich einen Escorttermin habe. Sie findet es teilweise aufregend, vor allem, nachdem sie verstanden hat, was und warum ich es mache.

Meinen Vater habe ich einmal gefragt, ob es einen Unterschied machen würde, wenn ich mit vielen Männern schlafen würde, dafür dann aber kein Geld nehmen würde. Es gab natürlich einen Unterschied. Würde ich mit vielen Männern schlafen, ohne finanziellen Hintergrund, dann sei ich eben eine Schlampe. So bin ich die Hure für ihn.

Huren haben übrigens keine Chance auf ein intaktes Familienleben und aus diesem Grund hat sich mein Vater davon verabschiedet jemals Opa, von einem Kind von mir, zu werden. Meine Eltern wissen, was ich mache. Meine Mutter kann damit, auch wegen ihrer Neugier, leben und umgehen. Mein Vater ist enttäuscht und spielt der Familie und mir etwas vor. Die Wahrheit ist schmerzhaft, aber meine Eltern auf Dauer zu belügen, würde wohl noch mehr schmerzen.

Die Fotografie stammt von Caroline Hernandez
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Naaked: Muschis sind Kunst

Wer auf offen gelegte Geschlechtsteile aller Formen, Farben und Größen steht, der darf sich in Berlin zu jeder Tageszeit wie zu Hause fühlen. Ob bei Tag, ob bei Nacht, irgendwo gibt es junge Menschen, die ihre behaarten oder fein säuberlich rasierten Löcher, Hügel und Erhebungen jedem präsentieren,...
Naaked: Muschis sind Kunst

Naaked

Muschis sind
Kunst

Daniela Dietz

Wer auf offen gelegte Geschlechtsteile aller Formen, Farben und Größen steht, der darf sich in Berlin zu jeder Tageszeit wie zu Hause fühlen. Ob bei Tag, ob bei Nacht, irgendwo gibt es junge Menschen, die ihre behaarten oder fein säuberlich rasierten Löcher, Hügel und Erhebungen jedem präsentieren, der Lust darauf hat, sich an ihnen zu ergötzen. So wie ich.

Der Berliner Fotograf Peter Kaaden scheint ebenfalls ein großer Befürworter weiblicher Körperöffnungen zu sein, so feierte er doch im Studiolo Berlin mit bekannten Namen aus der umliegenden Medien-, Musik– und Kulturwelt und jeder Menge kühler Getränke seine neueste Ausstellung mit dem bedeutsamen Titel „Naaked“. Zu sehen sind große Detailaufnahmen mädchenhafter Eigenheiten, die Peter mit der Kamera seines Zahnarztes geschossen hat.

„Ich wollte das Gerät an Dingen ausprobieren, die ich mag, wie zum Beispiel nackte Körper„, erzählt uns Peter. „Plötzlich konnte ich Details erkennen, die ich vorher nicht gesehen hatte. Ich war den Körpern näher als je zuvor!“ Wolltet ihr nicht schon immer einmal eine überdimensionierte Muschi oder ein paar feste Brüste in eurem Wohnzimmer hängen haben? Dann schaut im Studiolo Berlin am Moritzplatz in Kreuzberg vorbei und erwerbt eines der freizügigen Kunstwerke!

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Die Fotografie stammt von Samuel Smelty
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Kita, Koks und Kater Blau: Meine Wohnungssuche in Berlin

Während ich unter der Dusche stehe, mir leblos die Haare wasche, beschwerlich die Zähne putze und überhaupt erst richtig wach werde, klingelt es sirenenartig im Zehn-Sekunden-Takt an der Wohnungstür. Ich hasse diese Momente und reagiere auf eben solche meist mit der Gleichgültigkeit des monoton flie...
Kita, Koks und Kater Blau: Meine Wohnungssuche in Berlin

Kita, Koks und Kater Blau

Meine Wohnungssuche
in Berlin

Katrin Olszewski

Während ich unter der Dusche stehe, mir leblos die Haare wasche, beschwerlich die Zähne putze und überhaupt erst richtig wach werde, klingelt es sirenenartig im Zehn-Sekunden-Takt an der Wohnungstür. Ich hasse diese Momente und reagiere auf eben solche meist mit der Gleichgültigkeit des monoton fließenden Wasserstrahls vor meinen Augen.

Der Postbote soll mit seiner Weihnachtsladung an Paketen doch bitte zu unserem Hartz-IV-Nachbarn gehen, der eh nichts anderes zu tun halt, als sich einen wunderbar original laminierten Arno-Dübel-Gedenktisch zu basteln, philosophiere ich noch, als es heftig zu klopfen und lärmen anfängt. Sondereinsatzkommando? Nein, viel schlimmer noch, es ist mein alter Kollege Tobias.

Das Temperament lässt sich quasi an seinen Lippen ablesen, als ich in der Tür stehe und ihn phlegmatisch hereinwinke. Die Wohnungsbesichtigung war wohl wieder ein Schuss in den Ofen. Tobias sucht seit etwa einem Jahr seine Traumwohnung in Berlin und findet, in seinem Fall, natürlich keine. „Welcome to the Circus“ könnte es auch heißen, wenn man die Absage eines Makler-Hipsters in die Tasche steckt.

Bei der Ausschreibung der Inserate fängt es ja bekanntlich schon an. Wir bieten: Wohnung zur Zwischenmiete, zum Tausch, für mindestens hundert Monatsmieten Provision, Mietzuschlag wegen Neubezug, selbstständige Mängelbeseitigung, mit Schimmel und ohne Klo. Wow, da wohne ich doch lieber gleich auf der Straße.

Die Chance, in Berlin reibungslos eine Wohnung zu finden, ist in etwa so groß, wie Karl Lagerfeld im Hawaiihemd oder Jürgen von der Lippe im Anzug zu begegnen. Kein Wunder auch, bei der momentan rapide steigenden Bevölkerungszahl, die sich proportional zu den Kothäufchen an den Straßenecken verhält. Aber warum ist das so?

Ich selbst bin Berlinerin und quasi ein Urgestein in den einst friedlichen Gefilden meiner Geburtsstätte. Doch im Laufe meiner pubertären Achterbahnfahrten musste ich feststellen, dass auch die Welt sich immer weiter dreht und die Menschheit mit ihr. Es ist die Zeit des Lebens, die uns dazu zwingt neue Orte zu erkunden, uns zu suchen und zu finden. Und sei es auf dem Penny-Parkplatz in Plauen.

Aber Berlin ist Metropole. Berlin ist Mutterstadt. Berlin ist so wunderbar. Kita, Koks und Kater Blau, denken viele und packen ihre Bündel Scheine ein, um sich auf den Weg in die große Stadt zu machen. Reiche Söhne investieren dank Papi in Aktien und kaufen Wohnungen oder ganze Bezirke.

Jaja, es ist traurig und eine alte Leier, ich weiß. Aber mit dem explodierenden Überangebot an Eigentumswohnungen und der rigorosen Anfechtung der letzten drei besetzten Häuser in Berlin, sinkt die Hoffnung auf das einst so starke Gemeinschaftsgefühl und hinterlässt just den hässlichen Status Quo einer egoistischen und kapitalistischen Gesellschaft.

So ist es nun auch mit der Wohnungssuche. Die Werbespots von Zalando machen es vor, die Bewerber in Kreuzberg machen es nach. Allein vor meinem Haus fand neulich eine Besichtigung mit 64 Leuten statt. Ich habe nachgezählt, weil ich es selbst nicht glauben wollte und der Meinung war, es wäre jemand aus dem Fenster gesprungen und ich hätte unverzüglich den Notarzt zu rufen. Doch als der Makler seine 64 hysterischen BWLer an die Hand nahm und ins Haus führte, war mir alles klar.

Nun hängt Tobias ebenfalls im Fadenschein des Netzes fest und hofft, endlich von der schwarzen Witwe erkannt zu werden, die stets ihre flinken Beine in Bewegung hält, um alles an sich zu reißen, was einen guten Geschmack und ein bisschen Provision in petto hat.

Mittlerweile hat er sich mit dem Gedanken abgefunden, das in Berlin kein Luxusloft, sondern eine solide und warme Behausung auch viel wert ist, und man frei nach Arno Dübel mit den Worten „Man soll sich doch so wenig Arbeit machen wie es geht.“ gut leben kann. Ansonsten zieht man einfach nach Plauen.

Die Fotografie stammt von Jonas Denil
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Wahrheit oder Pflicht? Flaschendrehen ist das beste Spiel der Welt

Flaschendrehen, oder Wahrheit oder Pflicht, wie man es auch nennt - war so mit elf, zwölf Jahren mein absolutes Lieblingsspiel. Damals ging es natürlich noch ganz harmlos zu. Bei Wahrheit musste man solche Fragen beantworten wie Hast du schon mal jemanden geküsst? oder Hast du schon mal die Unt...
Wahrheit oder Pflicht? Flaschendrehen ist das beste Spiel der Welt

Wahrheit oder Pflicht?

Flaschendrehen ist das
beste Spiel der Welt

Nadine Kroll

Flaschendrehen, oder Wahrheit oder Pflicht, wie man es auch nennt – war so mit elf, zwölf Jahren mein absolutes Lieblingsspiel. Damals ging es natürlich noch ganz harmlos zu. Bei „Wahrheit“ musste man solche Fragen beantworten wie „Hast du schon mal jemanden geküsst?“ oder „Hast du schon mal die Unterschrift deiner Eltern gefälscht?“. Bei „Pflicht“ war so das Härteste, was ging, dass man sich mit Klamotten unter die Dusche stellen oder einen Scherzanruf beim verhasstesten Lehrer der Schule machen musste.

Irgendwann wurde das Spiel allerdings langweilig, und so geriet es für mehrere Jahre in Vergessenheit. Bis in etwa zu dem Alter, wo man anfing, regelmäßig zu saufen und sich die geleerten Bier– und Schnapsflaschen einfach dazu anboten, das gute alte Flaschendrehen wieder hervorzuholen.

Die Fragen waren natürlich nicht mehr so kindlich-unschuldig wie damals, als wir das Spiel zum ersten Mal entdeckt hatten und auch die Aufgaben, die man erledigen musste, wenn man „Pflicht“ wählte, waren alles andere als jugendfrei.

So musste man zum Beispiel seine schmutzigsten Sexfantasien mit den anderen Spielern teilen, für sechzig Sekunden den Sitznachbarn und die Sitznachbarin küssen, mit Zunge, zwei Flaschen Bier am Stück hintereinander weg exen oder seinen Arsch aus dem Fenster halten, sodass vorbeilaufende Passanten einen guten Blick auf alles hatten.

Die Extremversion davon war Strip-Flaschendrehen, dessen Regeln ich hier glaube ich gar nicht näher erläutern muss. Spätestens, wenn einer der Teilnehmer nur noch in BH und Höschen oder Boxershorts auf dem Boden saß, war allerdings auch hier Schluss. Irgendwann verlor allerdings auch das für uns seinen Reiz.

Es ist tatsächlich noch gar nicht allzu lange her, dass wir den Reiz, den dieses Spiel in unserer Jugend auf uns ausübte, zum wiederholten Male wiederentdeckten. Es war eine relativ harmlose WG-Party mit zehn oder elf verschiedenen Leuten. Wir haben geredet, getanzt und gesoffen, und eben so das gemacht, was auf solchen Partys üblich ist.

Bis, ja, bis jemand die kluge Idee hatte, dass man doch mal wieder Flaschendrehen spielen könnte. Etwa siebzig Prozent der anwesenden Personen verdrehte genervt die Augen, der Rest war sofort Feuer und Flamme. Nach den ersten paar noch relativ harmlosen Runden, gesellten sich jedoch auch die Leute dazu, die dem Spiel zuvor eher ablehnend entgegengestanden hatten.

Ich denke, ich muss nicht dazu sagen, dass das Spiel nach etlichen Flaschen Bier, Schnaps und Wein total eskalierte. Bereits nach einer halben Stunde waren die ersten Spieler splitterfasernackt und vergnügten sich miteinander in den verschiedenen Räumen der Wohnung, in der wir feierten, weil die Flasche und die Wahl auf Pflicht das so entschieden hatte.

Das hat uns alle so gekickt, dass wir irgendwann die Option „Wahrheit“ ganz rausfielen lassen und die Flasche letzten Endes nur noch entschied, wer mit wem als nächstes rummachen, fummeln oder ficken würde. Ich glaube, ich hatte bereits erwähnt, dass mein Freundeskreis, was das betrifft, sehr offen ist und dass es auch kein Problem darstellte, dass mindestens die Hälfte der anwesenden Personen in festen Beziehungen und teilweise sogar mit dem eigenen Partner da war.

Ich hatte an diesem Abend besonders großes Glück. Als ich wieder einmal an der Reihe war, die leere Beck’sFlasche zu drehen, zeigte sie auf eine Freundin von mir, die ich schon lange ziemlich geil fand, mit der sich allerdings bisher noch nie mehr als ein paar harmlose Knutschereien im Club ergeben hatten.

Wir gewannen eine Runde 7 Minuten im Himmel, das Spiel, bei dem man für exakt sieben Minuten in einen dunklen Schrank, oder in unserem Fall das Badezimmer, eingesperrt wird und dort tun und machen darf, was man schon immer mit der anderen Person machen wollte. Ich denke, ich muss nicht dazu sagen, dass wir unsere sieben Minuten dazu nutzen, unsere Körper zu erkunden.

Wir küssten und leckten uns, steckten unsere Finger in die feuchte Muschi der jeweils anderen, drückten uns gegenseitig an die kalten Fliesen an der Wand und gaben uns nicht mal Mühe, leise zu sein, obwohl wir genau wussten, dass sie anderen uns hören konnten.

Es ist erstaunlich, wie viele Orgasmen man in einer so kurzen Zeit haben und einem anderen Menschen bescheren kann. Und auch, wie wenig Hemmungen man plötzlich hat, wenn sich die Umstände nur ein klein wenig verändern. Immerhin hätten wir bereits zu früheren Zeitpunkten die Möglichkeit gehabt, es wild miteinander zu treiben. Haben wir aus irgendwelchen Gründen aber nicht.

Ein paar Runden später landete ich dann mit meinem Exfreund im Bett. Das war allerdings eher weniger geil. Auch wenn wir immer noch gute Freunde sind, es gibt definitiv Gründe, warum wir nicht mehr miteinander ins Bett gehen. Dieser Abend hat es ganz deutlich gezeigt, denn obwohl wir uns beide Mühe gaben, dem anderen wenigstens ein bisschen Lust zu bereiten, immerhin ging es bei dem Spiel ja auch irgendwie um genau das, lief so gut wie nichts.

Ich glaube, wir haben nach zwei gescheiterten Anläufen, den anderen zu erregen, fünf von den sieben Minuten nur darauf gewartet, dass uns jemand aus unserer misslichen Lage befreien würde. Aber auch das gehört eben dazu und macht ja auch einen gewissen Reiz aus, wenn man Flaschendrehen spielt.

Alles in allem endete ein zu Beginn eher typischer und harmloser Abend in einer riesengroßen Orgie. Für meine Freunde und mich definitiv ein Grund, jetzt mit Mitte 20 wieder häufiger zur Flasche zu greifen und Wahrheit oder Pflicht zu spielen.

Ich kann das jeder Clique, die genervt ist von den immer gleichen WG-Partys, die sich nach nur wenigen Stunden auflösen, damit die eine Hälfte in irgendwelche Clubs weiterziehen und die andere Hälfte nach Hause gehen kann, wirklich nur empfehlen.

Man muss ja nicht gleich mit so extremen Regeln spielen, wie wir das gerne tun. Für den Anfang tut’s auch eine ganz normale Runde Wahrheit oder Pflicht. Man lernt seine Freunde auf jeden Fall noch mal auf eine ganz andere, sehr intime Weise kennen. Und damit meine ich jetzt nicht auf sexueller Ebene. Und so gern ich auch erwachsen bin: Manchmal ist es einfach geil, sich wieder wie ein Teenager zu benehmen. Und wenn es nur bei einer Runde Flaschendrehen so ist und man am nächsten Tag aufsteht und ins Büro geht, als wäre nichts passiert.

Die Illustration stammt von Icons8
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Cowboy Bebop: Kopfgeldjäger im Weltall

Das Tolle daran, wenn man krank ist, ist die Tatsache, dass man alte Serien am Stück gucken kann, ohne ein schlechtes Gewissen dabei haben zu müssen. Du bist nicht produktiv, sondern pfeifst dir ein Grippostad C nach dem anderen rein, steckst den Pizzaboten mit deinen Viren an, drückst auf Play, es...
Cowboy Bebop: Kopfgeldjäger im Weltall

Cowboy Bebop

Kopfgeldjäger
im Weltall

Marcel Winatschek

Das Tolle daran, wenn man krank ist, ist die Tatsache, dass man alte Serien am Stück gucken kann, ohne ein schlechtes Gewissen dabei haben zu müssen. Du bist nicht produktiv, sondern pfeifst dir ein Grippostad C nach dem anderen rein, steckst den Pizzaboten mit deinen Viren an, drückst auf Play, es geht los, alles ist gut. Du legst dich hin und tauchst ein in eine ferne Welt.

Auf meinem Trip zwischen Husten, Kopfschmerzen und Müdigkeitsanfällen begleitet mich gerade ein alter Freund. Cowboy Bebop. Natürlich auf Japanisch mit deutschen Untertiteln, damit ich auch etwas dabei lerne. Jedenfalls so viel wie möglich. Es erinnert mich an damals, als Anime noch auf MTV und VIVA liefen. Als wir noch MTV und VIVA geguckt haben. Als diese Sender noch eine Rolle in der Jugendkultur spielten.

Wir schreiben das Jahr 2071. Die Zukunft ist jetzt. Aus ihrem irdischen Garten Eden vertrieben, wählte die Menschheit den Rand des Universums als endgültige Grenze. Mit dem abschnittsweisen Zusammenbruch der früheren Nationen betrat ein gemischtes Durcheinander von Rassen und Völkern die Bühnen dieser Welten.

Sie breiteten sich zu den Sternen aus und nahmen die von der Menschheitsgeschichte über Jahrtausende gesponnenen Konzepte von Freiheit, Gewalt, Illegalität und Liebe mit, wo neue Regeln und eine neue Generation von Gesetzlosen entstanden. Die Menschen nannten sie Cowboys.

Die Geschichte muss ich niemandem mehr erzählen. Lernt Spike und Jet kennen, einen Herumtreiber und einen Cyborg-Cop im Ruhestand, die sich gemeinsam zu einer Kopfgeldjagd zusammen geschlossen haben. In dem umgebauten Schiff The Bebop durchsuchen Spike und Jet die Galaxie nach Kriminellen, auf die, warum auch immer, ein Kopfgeld ausgesetzt ist.

Dabei treffen sie auf viele interessante Charaktere, darunter den ungewöhnlich intelligenten Hund Ein, die verkorkste Hackerin Ed und die sowohl sinnliche als auch nervtötende Faye Valentine, eine vollkommene Femme fatale mit Reizen und Fehlern. Der Mond ist durch einen Unfall zerbrochen und hat weite Teile der Erde unbewohnbar gemacht, alles ist kalt, dreckig, depressiv.

Jetzt, mit viel weniger Skrupeln als der Rest ihrer in alle Winde verteilten Spezies, findet sich die bunt zusammengewürfelte Bande oft ohne Geld und folglich ohne Essen auf ihren Tellern wieder – einen Status, den sie tunlichst und schnellstens wieder ändern wollen. Also geht es auf ins nächste Abenteuer. Und wenn sie in das Kreuzfeuer eines Mafia-Großkampfes geraten, überdenken sie vielleicht alle die Entscheidungen, die sie bisher in ihrem Leben getroffen haben.

Einen Hoffnungsschimmer gibt es nur selten. Und wenn, dann verblasst er irgendwo hinter den durch den Raum schwebenden Metalltrümmern, den Geschichten vom Krieg, der unerfüllten Liebe, der Habgier der anderen. Die Wirkung der diversen Medikamente trägt nicht unbedingt dazu bei, dass man die Erlebnisse der episodenhaften Abenteuer so kühl erlebt, wie sie womöglich eigentlich gedacht sind.

Cowboy Bebop ist ein fast schon vergessener Schatz. Ein Relikt, das durch die wahnsinnig gute Musik von Yoko Kanno, deren gesammelte Werke ich für immer und ewig hören könnte, und einer direkt ins Herz gehenden Truppe an unterschiedlichsten Charakteren zur Legende wird. Ich möchte mit Ed eine Partie Schach spielen, ich möchte mit Ein auf einer grünen Wiese herum tollen, ich möchte Faye unter den Tisch trinken.

Immer wenn “The Real Folk Blues” von den Seatbelts einsetzt und ich durch Apothekenutensilien schon fast in andere Sphären versetzt bin, dann bin ich glücklich und mir läuft eine Träne über die Wange. Weil ich dabei war, als Spike und Vicious die Kirche in Schutt und Asche legten, als Roco auf der Venus starb, als das Innenleben des Bebop-Kühlschranks Jagd auf Jet und seine Freunde machte.

Dass Cowboy Bebop, erstmals im Jahr 1998 ausgestrahlt, ein absoluter Fanliebling ist, versteht sich von selbst. Der Anime ist ein Meisterwerk des Geschichtenerzählens, der Ideen, des Designs, der von Yoko Kanno komponierten Musik und der Produktion auf allen erdenklichen Ebenen.

Cowboy Bebop ist einzigartig. Er taucht regelmäßig in den Top-Ten-Listen der Anime-Juwelen auf und steht manchmal sogar an der Spitze eben dieser – und zwar vollkommen zurecht. Es ist leicht zu verstehen, warum: Er hat alles und noch viel mehr. Wenn ihr euch in diesem Jahr auch nur einen einzigen Anime sehen wollt, dann ist Cowboy Bebop zweifellos derjenige, in den ihr noch heute eintauchen solltet.

Das Tolle daran, wenn man krank ist, ist die Tatsache, dass man alte Serien am Stück gucken kann, ohne ein schlechtes Gewissen dabei haben zu müssen. Du bist nicht produktiv, sondern pfeifst dir ein Grippostad C nach dem anderen rein, steckst den Pizzaboten mit deinen Viren an, drückst auf Play, es geht los, alles ist gut. Du legst dich hin und tauchst ein in eine ferne Welt.

Cowboy Bebop: Kopfgeldjäger im Weltall
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Die Ladenhüterin: Das perfekte Buch für seltsame Menschen

Ich habe mir vorgenommen, in nächster Zeit endlich die wichtigsten mehr oder weniger aktuellen Bücher japanischer Autoren zu lesen, weil ich quasi zu gar nichts mehr komme - warum auch immer. Die Ermordung des Commendatore von Haruki Murakami zum Beispiel. Oder Die Insel der Freundschaft von Durian...
Die Ladenhüterin: Das perfekte Buch für seltsame Menschen

Die Ladenhüterin

Das perfekte Buch für seltsame Menschen

Marcel Winatschek

Ich habe mir vorgenommen, in nächster Zeit endlich die wichtigsten mehr oder weniger aktuellen Bücher japanischer Autoren zu lesen, weil ich quasi zu gar nichts mehr komme – warum auch immer. Die Ermordung des Commendatore von Haruki Murakami zum Beispiel. Oder Die Insel der Freundschaft von Durian Sukegawa. Oder Sendbo-o-te von Yoko Tawada.

Am Samstag habe ich mich mit einer hochschwangeren Freundin getroffen und nachdem wir uns etwas beim Thailänder um die Ecke geholt haben, pilgerte ich zum nächstgelegenen Bücherladen, um mich ein wenig in der kunterbunten Welt der geschriebenen Worte niederzulassen.

Im obersten Stockwerk des Ladens gab es einen eigens für japanische Autoren eingerichteten Tisch und dort lag dann neben anderen Favoriten auch der Roman Die Ladenhüterin der Autorin Sayaka Murata, das ich schon im letzten Jahr lesen wollte – aber dieses Vorhaben hatte ich natürlich wieder irgendwie gedanklich verbummelt.

So lag es da, das rote Buch mit den Kugelfischen drauf, und ich dachte mir: Ha, jetzt gehörst du endlich mir, du kleiner Roman du! Auf einer Parkbank, regelmäßig von meinem Kaffee schlürfend, verschlang ich die erste Hälfte des Werkes, kurz darauf dann gleich die zweite.

Worum geht’s? Keiko Furukura war schon als Kind eine Außenseiterin, deren alternative Gedanken ihren Eltern Angst machte. Um den beiden nicht länger Sorgen zu bereiten, fasste sie den Plan, ein ruhiger und funktionierender Teil der Gesellschaft zu werden und findet als Angestellte eines 24-Stunden-Supermarktes ihre wahre Bestimmung.

Gefühle sind Keiko fremd, das Verhalten ihrer Mitmenschen irritiert sie meist. Um nirgendwo anzuecken, bleibt sie für sich. Als sie jedoch auf dem Rückweg von der Universität auf einen neu eröffneten Supermarkt stößt, einen sogenannten Konbini, beschließt sie, dort als Aushilfe anzufangen.

„Der Convenience Store ist voller Geräusche“, schreibt Sayaka da. „Begleitet vom Glockenklang beim Eintreten der Kunden, preist ein Promisternchen über Lautsprecher neue Produkte an. Dazu kommen die Stimmen der Angestellten, das Piepen beim Einlesen der Strichcodes, der dumpfe Aufprall, mit dem Waren in Körbe plumpsen, das Klacken von Absätzen und das Knistern von Brottüten.“

„All das verbindet sich zu dem einen typischen Konbini-Klang, den ich stets im Ohr habe. Eine Plastikflasche wird aus dem Regal genommen, die darüberliegende rollt mit einem leisen Ton nach. Mein Körper reagiert beinahe automatisch auf dieses Geräusch, denn viele Kunden nehmen sich die kalten Getränke erst kurz bevor sie zur Kasse gehen.“

Und weiter: „Vor allem morgens, wenn der Tag beginnt und die Menschen an unserer fleckenlos polierten Scheibe vorbeieilen, genieße ich meine Arbeit in dem hell erleuchteten Glaskasten. Um diese Zeit erwacht die Welt, und ihre Zahnräder setzen sich in Bewegung.“

„Eines dieser Rädchen bin ich, und ich drehe mich immerfort. Ich sehe auf die Uhr. Gleich halb zehn. Um diese Zeit lässt der morgendliche Andrang allmählich nach, und ich muss mit dem Einräumen fertig werden, um anschließend die Vorbereitungen für die Mittagszeit treffen zu können. Ich strecke mich und gehe wieder zum Regal, um weiter Onigiri einzusortieren.“

Im Konbini bringt man Keiko den richtigen Gesichtsausdruck, das richtige Lächeln, die richtige Art zu sprechen bei. Ihre Welt schrumpft endlich auf ein für sie erträgliches Maß zusammen, sie verschmilzt geradezu mit den Gepflogenheiten des Konbini. Doch dann fängt Shiraha dort an, ein zynischer junger Mann, der sich sämtlichen Regeln widersetzt.

Keikos mühsam aufgebautes Lebenssystem gerät ins Wanken. Und ehe sie sich versieht, hat sie ebendiesen Mann in ihrer Badewanne sitzen. Tag und Nacht. Beeindruckend leicht, elegant und auch nüchtern entfaltet Sayaka Murata das Panorama einer Gesellschaft, deren Werte und Normen unverrückbar scheinen. Die Ladenhüterin ist ein Roman, der weit über die Grenzen Japans hinaus strahlt. Und ich kann es kaum erwarten, Sayakas nächstes Buch zu lesen.

Die Fotografie stammt von Aufbau Verlag
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Drogen, Groupies, Egoschweine: Ficke niemals einen Rapper!

Schon klar. Du bist seit Teenagerzeiten großer Rap-Fan, hast früher so hart zu Eminem masturbiert, wie die Girls heute zu Drake, und möchtest nichts sehnlicher als endlich die Frau an der Seite eines Mannes zu sein, der stark, erfolgreich und irgendwie gefährlich ist. Bevor du aber zum nächsten K...
Drogen, Groupies, Egoschweine: Ficke niemals einen Rapper!

Drogen, Groupies, Egoschweine

Ficke niemals
einen Rapper!

Suzie Grime

Schon klar. Du bist seit Teenagerzeiten großer Rap-Fan, hast früher so hart zu Eminem masturbiert, wie die Girls heute zu Drake, und möchtest nichts sehnlicher als endlich die Frau an der Seite eines Mannes zu sein, der stark, erfolgreich und irgendwie gefährlich ist.

Bevor du aber zum nächsten Konzert gehst, die Security-Guards penetrierst und denkst, dein Groupie-Verhalten würde dir die große Liebe einbringen, lass mich dich warnen: In Wirklichkeit ist es nämlich ziemlich beschissen, einen Rapper zu daten. Sollte es dir dennoch wie eine gute Idee vorkommen, hier ein kleiner Guide.

Der Hipster-Rapper: Er ist der feuchte Traum einer jeden 13-Jährigen: Gut gekleidet, ziemlich witzig und mit einer Stimme gesegnet, die nicht nur „Whisky„, sondern vor allem „Sex“ schreit, auch wenn viele seiner Fans noch nicht mal wissen, wie das überhaupt geht. In den letzten Jahren hat er die meiste Zeit im Studio, auf Tour oder Preisverleihungen verbracht und nicht nur die deutsche Rap-Landschaft mit seinen Hits dominiert, sondern gleichermaßen den Mainstream.

Er ist die Art von Typ, der um seine Optik und seinen Erfolg weiß und es deswegen sehr genießt zu flirten. Auch wenn er sehr charmant ist, ist es praktisch unmöglich mit ihm auf ein normales Date zu gehen, es sei denn man hat Lust alle fünf Meter auf ein hyperventilierendes Teeniegirl zu treffen, für das man dann auch noch den Fotografen spielen darf.

Da es aber wahrscheinlich nicht dein Lebensziel ist, einen ganzen Bildband voller heulender Mädchen zu fotografieren, denen Rotze aus der Nase läuft, während dein Stecher gelangweilt den Arm um sie legt, werdet ihr euch nur noch bei ihm zu Hause treffen. Die gemeinsamen Abende werden also überwiegend daraus bestehen rumzuhängen, Pizza zu bestellen und zu kiffen.

Keine Frage: Wenn du jemanden gefunden hast, der immer einen lächerlich großen Vorrat deiner Lieblingsdroge in der Wohnung hat, dir ab und zu limitierte Sneaker schenkt und spaßeshalber nackt die Tür öffnet, dann bist du erst mal ziemlich happy. Da er und seine Band aber Meinungsführer einer ganzen Generation sind, wirst du leider mehr Zeit damit verbringen durchgeknallte Stalkerinnen auf Facebook und Instagram blockieren zu müssen, als du unterm Strich effektiv gevögelt wirst.

Abgesehen davon wäre es sowieso ziemlich naiv davon auszugehen, dass du die Einzige bist, ab einem gewissen Bekanntheitsgrad heißt es für einen Rapper nämlich nicht nur „Cash rules everything around me“ sondern auch „Groupies rule everything around me“. Die Schwierigkeit liegt aber nicht darin, dass ihm ständig und überall Muschi angeboten wird. Viel eher ist es das, was diese Dauer-Beweihräucherung mit seinem Hirn macht. Kritisierst du ihn, wird er sich aufspielen wie eine verdammte Diva.

Wenn dir die gelegentlichen Stimmungsschwankungen aber nichts ausmachen, dich die Sidechick-Politik nicht stört und du damit klarkommst, dass er manchmal Tage braucht um auf eine SMS zu antworten, dann seid ihr vermutlich das perfekte Paar. Allerdings wirst du wohl oder übel der Tatsache ins Auge blicken müssen, dass du trotz all deiner verständnisvollen Geduld immer die Nummer Zwei bleiben wirst. Den ersten Platz teilt er sich nämlich mit seiner Mainbitch namens Musik.

Der Gangster-Rapper: Assi-Slang, Bomberjacke, BMW: Der Gangster-Rapper tut nicht nur so als wäre er aus dem Ghetto, er ist es tatsächlich. Seine abgebrochene Mechanikerausbildung und der fehlende Hauptschulabschluss haben ihn allerdings nicht daran gehindert, seine Träume zu verwirklichen. Heute kann er deswegen genau die Art von Frau, die ihn damals immer eiskalt abserviert hat, mit in die Restaurants nehmen, die er sich früher nie leisten konnte.

Auch wenn man es nie vermuten würde, dieser Stereotyp ist trotz seines polizeilichen Führungszeugnisses ein Gentleman der alten Schule: Er ist nett, höflich und zuvorkommend, nennt dich „Baby“ und weiß genau, wo sich dein Platz als Frau befindet: Auf dem Rücken oder in der Küche. Seid ihr aber zusammen auf Tour, so wird er dich in teure Hotels einladen, dich bitten die Reizwäsche anzuziehen, die er dir kürzlich geschenkt hat, während er Champagner und Koks aufs Zimmer bestellt.

In diesen Nächten fühlt es sich so an, als seid ihr Bonnie und Clyde. Wenn du aber im Morgengrauen zu dir kommst, werden dir nicht nur die Haare auf seinem Rücken auffallen, sondern mit ihnen die Tatsache, dass das Leben eben doch kein Hollywood– Streifen ist und ihr euch lediglich in einem seiner klischeebehafteten, beschissenen Musikvideos befindet. Du als austauschbare, nuttige Nebendarstellerin inklusive.

Natürlich ist es von Vorteil mit einem Typen zusammen zu sein, dessen Oberarme fast größer sind als sein Ego. Solltest du dich jemals mit einer kriminellen Gang anlegen, werden er und seine Entourage das Problem schon für dich regeln. Wenn du aber eine von den Frauen bist, die noch einen Teil ihrer Selbstachtung und Würde besitzen, dann solltest du diese gleich zusammen mit deinen Gefühlen weg sperren, bevor er ein weiteres Mal „Baby, ich mag dich wirklich“ daher säuselt und es wieder nicht so meint.

Das Einzige, was diese Art von Mann nämlich wirklich mag, ist es die Kontrolle zu haben. Sein Mädchen bist du eben nur, solange der Haushalt in Ordnung ist, du nicht alleine feiern gehst und immer artig Schwanz lutschst. Da Chabos bekanntlich wissen, wer der Babo ist, wird es dir nicht schwer fallen, hier deine Rolle ausfindig zu machen.

Lass dich nicht blenden von seinen Muskeln, den gemeinsamen Drogenexzessen und Geschenken. Letzten Endes ist und bleibt er ein Hartzer im Kostüm eines Musikers, der zwar eine Menge Kohle, dafür aber einen viel zu niedrigen IQ hat. Du kriegst zwar den Jungen aus dem Plattenbau, niemals aber den Plattenbau aus dem Jungen.

Der Drogen-Rapper: Typen dieser Spezies haben sich früher nicht den Lernstoff, sondern anderes Zeug auf dem Pausenhof reingezogen. Was irgendwann mit einem Joint auf der Schultoilette begann, endete in einem Lebenslauf voller exzessiver Perioden in denen Alkohol, verschreibungspflichtige Medikamente und illegale Substanzen die Hauptrolle spielen. Heute lebt der DrogenRapper genau von diesen Erfahrungen: Seine witzigen Texte skizzieren eine rebellische Jugend, die bis heute nicht angehalten zu haben scheint.

Er ist die Art von Typ, der sich damals schon immer zu cool für alles vorkam, weswegen er bis heute nichts auf die Meinung anderer gibt. Seinen kindlichen Humor hat er sich bis heute bewahrt, was euer Date in der heruntergekommenen Kneipe, in der er eine Legende ist, überhaupt erst erträglich machen wird. Keine Sorge, beim ersten Treffen wird er wohl kaum auf Keta sein.

Wenn er dich aber später am Abend fragt, ob du noch mit zu ihm kommen willst, sag lieber nein, er ist nämlich trotz Fahrverbots mit seiner Schrottkarre da und hat vermutlich noch was anderes intus, als die Drinks, auf die er dich gerade nicht eingeladen hat. Wie soll er sich das ohne Top-10-Hit auch leisten können.

Wenn du dich momentan in einer Phase befindest, in der du dich gegen den Stock im Arsch deiner Eltern auflehnen möchtest, dann ist er genau der richtige Macker für dich. Sie werden ihn nämlich hassen. Durch ihn wirst du endlich den Mut haben die Drogen auszuprobieren, vor denen du vorher immer Schiss hattest.

Die Welt da draußen wird sich grenzenlos für dich anfühlen und seine Rostlaube dir wie ein Ticket in die Freiheit vorkommen. Solltet ihr aber die richtige Abzweigung verpassen und in Fledermausland abstürzen, wirst du früher oder später selbst anfangen im Supermarkt deinen Billigwein mit Pfand zu bezahlen. Betrachte diesen Punkt als den Anfang vom Ende.

Nach ein paar Nächten in seinem von leeren Bierflaschen umzingelten Bett wird dir nämlich auffallen, dass er ohne Schlaftabletten nicht pennen und wegen des Speeds ohne Viagra nicht bumsen kann, was so ziemlich der Inbegriff eines Losers ist.

Eure zukünftige Beziehung kannst du dir deswegen als Endlosschleife von Streitereien um den letzten Trip und nächsten Fick vorstellen, was nicht nur müh- sondern auch armselig ist. Es gibt noch andere Wege deine Jugend zu verschwenden. Verbringe sie nicht mit einem Rapper, der sich wegen der Zersetzung seiner Denkfähigkeit durch krassen Mischkonsum eh nicht an dich erinnern wird, wenn er Mitte Vierzig wegen einer Leberzirrhose draufgeht.

Der Emo-Rapper: Der Emo-Rapper ist ein Phänomen ohne seinesgleichen. Da er ein sehr bodenständiger Typ ist, hat er vor seiner Rap-Karriere sicherheitshalber was Anständiges gelernt: Mediendesign. Obwohl er privat ziemlich locker drauf ist, sind seine Songs das, was man eine akustische Depression nennen würde: Gesellschaftskritisch, selbstreflektiert, nahezu poetisch.

Rechnet man das alles zusammen, kommt man schnell darauf, dass er ein Mensch zu sein scheint, der sich für die schönen, gefühlvollen und auch ernsthaften Dinge des Lebens interessiert. Das wiederum macht ihn genau zu dem sensiblen Mann, den du dir schon dein ganzes Leben lang gewünscht hast.

Gemeinsam könntet ihr euch Nächte lang über intellektuelle Themen unterhalten, Wein trinken und im Morgengrauen eng umschlungen auf dem Teppichboden einschlafen. Zwar würdest du seinen Weltschmerz und die Wunden seiner Vergangenheit nicht heilen können, vielleicht würde er aber eines Tages einen verdammten Hit über eure Liebes-Story schreiben, einen Preis dafür gewinnen und dich damit zur stolzesten Rapper-Gattin der Welt machen.

Hey, komm mal raus aus deiner Scheinwelt. Auch wenn er ein EmoRapper ist, ist er noch immer ein Mann. Und Männer haben ja bekanntlich keine Gefühle, vor allem nicht wenn sie Rapper sind. Logisch! Auch wenn ich dich nicht enttäuschen möchte: Das Image deines Angebeteten hat leider nicht wirklich viel mit ihm zutun.

Klar, er ist auch in Wirklichkeit ein ziemlich melancholischer Typ, der viel Zeit damit verbringt seinen Kopf zu zermartern, allerdings wird er keinen Bock darauf haben, dich daran teilhaben zu lassen. Gefühle zu zeigen bedeutet in der Männerwelt eben Schwäche, und Schwäche bedeutet in der Frauenwelt dass wir nicht gevögelt werden wollen.

Da aber auch EmosRapper mehr als gerne einen wegstecken, solltest du nicht unbedingt versuchen an den Kern seines Inneren heranzukommen. Da drin ist er nämlich noch immer ein trotziger zehnjähriger Junge, der sich gegen deinen versuchten Tiefgang wehren wird. Betrachte eure gemeinsame Zeit lieber als oberflächliches Kumpeltum mit witzigen Gesprächen und sexy Vorzügen. Ihm dabei zuzusehen, wie er sich nächtlich in den Schlaf weint, wäre sowieso nur eine gewisse Zeit lang unterhaltsam.

Die Fotografie stammt von Dom Hill
Der Text erschien in der Kategorie Musik mit den Themen
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Gleichberechtigung im Bett: Als Feministin lasse ich mich gerne in den Arsch ficken

Machen wir es kurz: Ich liebe Arschficks. Für mich gehören sie zum Sex wie die Mayo zu den Pommes oder eine andere sinnentleerte Metapher, die man an diesen Stellen gerne benutzt, um seine Aussage irgendwie zu rechtfertigen. Nun will ich aber überhaupt nichts rechtfertigen. Ich liebe Arschficks einf...
Gleichberechtigung im Bett: Als Feministin lasse ich mich gerne in den Arsch ficken

Gleichberechtigung im Bett

Als Feministin lasse
ich mich gerne in den
Arsch ficken

Nadine Kroll

Machen wir es kurz: Ich liebe Arschficks. Für mich gehören sie zum Sex wie die Mayo zu den Pommes oder eine andere sinnentleerte Metapher, die man an diesen Stellen gerne benutzt, um seine Aussage irgendwie zu rechtfertigen. Nun will ich aber überhaupt nichts rechtfertigen. Ich liebe Arschficks einfach. Punkt.

Mich von einen paar Fingern oder einem Schwanz durch mein Hintertürchen penetrieren zu lassen, macht mich geil. So wie es euch eben geil macht, wenn sich zwei geile Ischen die Muschis lecken oder am Schlüpfer der Mutter des besten Freundes zu riechen. Nun ist es aber so, dass man das nicht einfach so sagen kann, ohne als billiges Flittchen abgestempelt zu werden. Klar, Kerle finden es ganz geil, wenn sie mit einer Frau machen können, was sie wollen.

Gerade Arschficks gelten als Königsdisziplin der Dominanz des Mannes. Nur, dass ich es eben geil finde, mich in eben jenen ficken zu lassen und damit eigentlich die Dominante bin. Ich mache nämlich durchaus gerne meinen Mund auf. Nicht nur, um einen Schwanz darin aufzunehmen, sondern vor allem auch, um meine eigenen sexuellen Wünsche zu äußern. Und dazu gehört neben Oral- eben auch Analsex.

Als das Thema kürzlich bei einem gemütlichen Sonntag Nachmittag mit Freundinnen auf den mit Bier und Schnittchen garnierten Küchentisch kam, reagierten die auf meine Aussage, dass ich Arschficks durchaus genieße und dabei sogar zu einem Orgasmus fähig bin, mit blankem Entsetzen.

Während es für einige überhaupt nicht in Frage kommt, weil sie es irgendwie eklig finden, haben es ein paar andere schon mal ausprobiert. Meistens, um ihren arschfixierten Freunden einen Gefallen zu tun, die dann wiederum ohne jegliche Vorbereitung und teilweise nur mit Spucke als Gleitmittel versuchten, ihre dicken Lümmel in den Arschlöchern meiner Freundinnen zu versenken.

Das tat denen dann natürlich so weh, dass das Experiment Analsex ganz schnell wieder auf Eis gelegt wurde. Egal, wie sehr die Herren der Schöpfung bettelten, es doch noch einmal mit Gleitgel und wenigstens ein bis zwei Finger zu versuchen. Eine Freundin schlug vor, zur Abwechslung mal ihrem Freund einen Finger in den Arsch zu schieben.

Der lehnte das allerdings ab, mit der Begründung, dass das ja schließlich schwul sei und mit Sicherheit auch nicht angenehm. Kein Wunder also, dass die Mädels keine Lust haben, sich dieser Praktik noch einmal mit den richtigen Mitteln anzunähern und unter „das kann überhaupt nicht geil“ sein komplett abstempeln.

Irgendwann driftete das Gespräch in Richtung Feminismus ab. Mit dem Ergebnis, dass meine Freundinnen Analsex für antifeministisch befanden. Schließlich würde man dem Mann alle Macht über sich erteilen, sich erniedrigen und benutzen lassen.

Eine Freundin warf in den Raum, dass Frauen sich ja sowieso nur in den Arsch ficken ließen, um ihren Freunden einen Gefallen zu tun. Das sei wie Blowjobs, die ja auch nur dazu dienten, dem Mann Lust zu bereiten, immer in der Hoffnung, dass er sich danach mit Cunnilingus revanchieren würde.

„Machen dir Blowjobs etwa keinen Spaß?“, fragte ich mit hochgezogener Augenbraue besagte Freundin. „Nee, ich mach das nur, weil er das will“, antwortete sie. „In dem Punkt unterscheiden wir uns wohl“, konterte ich. „Mir machen Blowjobs nämlich sehr wohl Spaß. Ich finde es geil, einem Typen einen zu blasen. Weil ich es liebe, die Macht über seine Geilheit zu haben.“

„Du weißt schon, dass der Typ Macht über dich hat, wenn du ihm einen bläst und nicht andersrum?“, antwortet sie. „Das ist doch total antifeministisch“, wirft eine andere ein. „Ich mach das einfach gar nicht mehr.“ Währenddessen werde ich langsam wütend. Ich habe mittlerweile nämlich das Gefühl, dass man mir absprechen will, Feministin zu sein, nur weil ich gerne Schwänze lutsche und mich in den Arsch ficken lasse.

Feminismus ist nach wie vor ein Streitthema. Egal wo man hinblickt, über Feminismus wird debattiert. Er wird gehasst und in den Himmel gehoben. Viel mehr noch: Er wird zu einem persönlichen Thema gemacht, das vom Feminismus an sich abweicht und sich immer mehr auf bestimmte Personen bezieht.

Während die einen zu den Über-Feministinnen gemacht werden, deren Feminismus als einzig Richtiger gilt, obwohl er sich teilweise nur auf wohlhabende, weiße Frauen, die mit beiden Beinen im Leben stehen, konzentriert, wird anderen ihr Feminismus abgesprochen. Zum Beispiel aufgrund ihrer Sexualität. Oder weil sie nach wie vor gerne Kleider tragen, auch wenn der Feminismus uns gelehrt hat, dass es total okay ist, Hosen zu tragen.

Manche Feministinnen gelten als Feminazis, weil ihre Ansichten radikal erscheinen, doch wer sind wir, zu beurteilen, was richtig oder falsch ist? Fakt ist doch, dass ein moderner Feminismus darauf abzielt, dass man sich so verwirklichen kann, wie man möchte.

Und dazu gehört neben Lohngleichheit und weiteren wichtigen politischen Themen für mich eben auch, dass man im Bett als Frau auf Analsex stehen kann, ohne als Frau ohne eigenen Willen, die alles nur tut, um ihrem Kerl zu gefallen, abgestempelt wird.

Es ist nämlich so: Wenn irgendein Typ über mich sagt, ich sei ein billiges Flittchen, weil ich mich gerne in den Arsch ficken lasse, ist mir das herzlich egal. Er wird dann nämlich einfach niemals in den Genuss kommen, mich durch mein Hintertürchen zu penetrieren.

Wenn mir aber andere Frauen absprechen, Feministin zu sein, nur weil ich gewisse sexuelle Praktiken mag, die mir auf den ersten Blick nichts zu bringen scheinen, greift mich das in meiner Weiblichkeit und Rolle als Feministin an.

Ich darf meiner Meinung nach nämlich sehr wohl gerne Schwänze lutschen und mich trotzdem Feministin nennen. Dass Frauen eine erfüllte Sexualität abseits jeder Klischees erleben dürfen ist mir nämlich genauso wichtig, wie dass sie jedem Job nachgehen dürfen, den sie wollen. Ganz egal, ob das nun Hausfrau oder Astronautin ist.

Die Diskussion mit meinen Freundinnen brach ich nach ein paar weiteren Sätzen ab und wechselte das Thema von Arschficks auf auf Nagellack. Wenn ich etwas antifeministisch finde, dann nämlich, anderen Frauen vorzuschreiben, was sie zu tun und zu lassen haben und ihnen ihre Meinung abzusprechen, nur weil ein Mann mit im Spiel ist. Arschficks sind gut für den Feminismus, wenn sie von beiden Seiten gewollt sind. Und wer sagt, dass ich mich nur von Männern in den Arsch ficken lasse und nicht von Frauen mit Umschnallschwanz? Eben.

Die Fotografie stammt von Dainis Graveris
Der Text erschien in der Kategorie Sex mit den Themen
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Ende der Liebe: Gestern war noch alles gut

„Where does the good go?“, haben Tegan und Sara einmal in einem Song gefragt. Und, um ehrlich zu sein, denke ich über diese Frage momentan verdammt oft nach. Es ist ja so: Wenn das Gute gegangen ist, dann hat man meistens keine Ahnung, wo es eigentlich hin ist. Und es bringt auch nichts, darüber nac...
Ende der Liebe: Gestern war noch alles gut

Ende der Liebe

Gestern war
noch alles gut

Jana Seelig

„Where does the good go?“, haben Tegan und Sara einmal in einem Song gefragt. Und, um ehrlich zu sein, denke ich über diese Frage momentan verdammt oft nach. Es ist ja so: Wenn das Gute gegangen ist, dann hat man meistens keine Ahnung, wo es eigentlich hin ist. Und es bringt auch nichts, darüber nachzudenken, weil es nun mal einfach weg ist.

Ich meine, unwiderruflich weg, weil seit dem Guten so viel Schlechtes passiert ist, dass man sich an das Gute kaum noch erinnern kann. Das Gute ist gegangen, das Schlechte ist geblieben – und du kannst nichts dagegen tun. Deswegen bringt es auch nichts, darüber nachzudenken, wohin das Gute eigentlich gegangen ist, weil es nun mal einfach weg ist.

Natürlich denke ich trotzdem darüber nach, wohin das Gute eigentlich verschwunden ist. Wohin die gute Zeit gegangen ist, in denen man gemeinsam im Bett lag und sich sagte, dass man alles schaffen kann, alles schaffen wird und in denen jede Nachricht bei WhatsApp mit einem Kussemoji beendet wurde, obwohl man aus dem Alter längst schon raus ist.

Wohin die Momente verschwunden sind, in denen man dem anderen nur dabei zu sah, wie er rauchte und verliebt grinsen musste, wenn man sich bei dem Gedanken erwischte, dass dieser Mensch, der da gerade raucht, der wunderschönste Mensch der Welt ist und dass alles gerade so perfekt ist – selbst die Asche, die ihm von der Zigarette fällt und auf dem Teppichboden landet.

Was aus den Tagen wurde, in denen man nicht ohne den anderen existieren konnte, weil man nur dann wirklich glücklich war, wenn man mit ihm zusammen war. An denen man zusammen aufstand und zusammen einschlief und sich in der ganzen Zeit, die man nicht zusammen sein konnte, weil jeder noch ein eigenes Leben zu pflegen hatte, SMS schrieb, die auf Kuss-Emojis endeten, obwohl man aus dem Alter längst schon raus ist. Und natürlich über die Frage, warum die Witze, über die man gemeinsam so gelacht hat, nicht mehr so lustig sind, wenn man allein ist.

Es bleibt allerdings so: Wenn das Gute gegangen ist, dann hat man nun mal keine Ahnung, wo es eigentlich hin ist. Und es bringt auch nichts, darüber nachzudenken, weil es nun mal einfach weg ist – und jedes Nachdenken und Grübeln verursacht dann nur Schmerz, weil es nun mal unwiderruflich weg und weil seit dem Guten so viel Schlechtes passiert ist, dass es einfach nur weh tut, sich an das Gute zu erinnern und man früher oder später sowieso wieder auf dem Boden der Tatsachen landet, wo halt das Schlechte überwiegt.

Irgendwann ist das Gute einfach weg. Und ich kann mich noch genau an den Tag erinnern, als es bei mir das letzte Mal einfach fort ging und mir stattdessen das Schlechte schickte. An diesem Tag änderte sich alles. Wenn das Gute geht und nur das Schlechte bleibt, schreibt man sich plötzlich Nachrichten, die am Ende allenfalls das Bomben-Emoji, anstelle des altbewährten Kusssmileys, verdient hätten.

Man fängt an zu hassen, wie der andere raucht, weil er dabei so überheblich aussieht, und die Asche, die von der Zigarette fällt und auf dem Fußboden landet, macht einen nur noch aggressiv. Man will den anderen nicht mehr sehen und wünscht sich, er hätte niemals existiert, denn solange er da ist, wird man einfach nicht mehr glücklich.

Der erste Gedanke beim Aufwachen und der letzte vor dem Einschlafen gilt ihm, doch statt guten sind es plötzlich nur noch schlechte. Man hört auf, sein eigenes Leben zu pflegen und beginnt, sich mit den Dingen auseinander zu setzen, die bei dem anderen nicht richtig liefen und mit der Zeit entdeckt man immer mehr Dinge, die eher schlecht waren als gut und die Witze, über die man sonst immer gemeinsam gelacht hat, haben ihren lustigen Klang verloren und sind stattdessen nur noch Anekdoten einer Zeit, in der alles noch irgendwie anders war, doch anders heißt halt nicht besser.

Das Schlechte hat das Gute mit der Zeit einfach ersetzt und weil das Schlechte viel zu viel ist und statt dem Guten überwiegt, wird das Gute irgendwann halt auch einfach zum Schlechten, weil man nicht glauben kann, dass alles mal so gut war, wo jetzt doch alles nur noch schlecht ist, und dann denkt man, dass es schon immer schlecht gewesen sein muss, dass es nie gut gewesen sein kann, ich meine, wenn es wirklich mal so gut war, wie man das immer geglaubt hat, dann könnte es ja gar nicht ganz so schlecht sein, wie es nun gerade eben ist.

Wenn das Gute gegangen ist und nur das Schlechte geblieben, dann bleibt dir manchmal nichts anderes übrig, als die Suche nach dem Guten aufzugeben und das Schlechte einfach anzunehmen – vor allem dann, wenn sich irgendwie beide in der Suche nach dem Guten verrannt haben und das Schlechte dadurch noch mehr wurde. Zwei mal Minus ergibt nicht automatisch immer Plus, auch wenn unsere Lehrer uns das früher glauben lassen wollten.

Ich habe keine Ahnung, was da bei mir genau passiert ist, an dem Tag, an dem das Gute ging und mir das Schlechte schickte. Ich weiß nur, dass sich an dem Tag alles änderte und alles Gute plötzlich schlecht war und dann mal wieder gut, nur um danach noch schlechter zu werden und irgendwann hatte ich das Gefühl, mich einfach nur noch zu verrennen.

Und so beschloss ich, die Suche nach dem Guten aufzugeben und das Schlechte einfach anzunehmen, und als ich aufgegeben habe, also wirklich einfach aufgeben habe, das Gute ganz bewusst zu suchen, fand ich es wieder, in mir selbst – und dass ich es ausgerechnet in mir selbst gefunden habe, als ich aufgehört habe, in ihm danach zu suchen, hat mich zwar nicht schlauer gemacht, aber irgendwie zufriedener und so konnte ich das Schlechte endlich loslassen, ohne es ganz bewusst tun zu müssen.

Wenn ich dem Menschen, mit dem bei mir das Gute gegangen ist, noch eine Sache sagen könnte, dann dass ich das Gute hinter all dem Schlechten, das da war, doch wiedergefunden habe, auch wenn es nur durch Zufall war – denn die Dinge sind nicht einfach weg, so wie er das zu mir gesagt hat, sie gehen manchmal nur kurz verloren oder haben sich einfach gut versteckt.

„Where does the good go?“, haben Tegan & Sara mal in einem Song gefragt und ich glaube, ich habe die Antwort darauf gefunden. Ob man das Gute für immer gehen lässt oder nicht, liegt nämlich immer bei einem selbst – und solange es in einem selbst ist, bleibt es da auch, ohne dass man überhaupt darüber nachdenken muss.

Die Fotografie stammt von Travis Grossen
Der Text erschien in der Kategorie Liebe mit den Themen
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Sex im Seniorenheim: Junge Liebe zwischen alten Menschen

Jasmin war ein durchgestylter, prinzipientreuer und überall rasierter Punk, dem die Gesellschaft, und alles was darin verwickelt war, direkt am Arsch vorbei ging. Sie hörte leidenschaftlich gerne Slipknot, In Extremo und Knorkator, hätte die Welt, in der wir leben, am liebsten in den unheiligen Flam...
Sex im Seniorenheim: Junge Liebe zwischen alten Menschen

Sex im Seniorenheim

Junge Liebe zwischen
alten Menschen

Marcel Winatschek

Jasmin war ein durchgestylter, prinzipientreuer und überall rasierter Punk, dem die Gesellschaft, und alles was darin verwickelt war, direkt am Arsch vorbei ging. Sie hörte leidenschaftlich gerne Slipknot, In Extremo und Knorkator, hätte die Welt, in der wir leben, am liebsten in den unheiligen Flammen der Herrschaftslosigkeit aufgehen sehen und stammte aus einer wildgewordenen Zigeunerfamilie, was sie nicht müde wurde jedem und allem auf die Nase zu binden, und zwar genau mit diesem Begriff.

Zum ersten Mal traf ich im nahegelegenen Seniorenheim auf sie, in dem ich irgendwo zwischen Schulabschluss und Weltherrschaft einem unterbezahlten und langweiligen Job an der Rezeption entgegen sehen durfte, während sie Sozialstunden ableistete und eure Großeltern mit Brettspielen, Grießbrei und Matheaufgaben nötigte. Sie war 16. Ich nicht.

Während Jasmin mich auf der Brücke vor dem ständig nach Weinbrand, Zigaretten und Tod riechenden Schuppen noch vollkommen ignorierte, machten wir einige Stunden später im Fahrstuhl herum, schmissen uns in der Kapelle im obersten Stock gegenseitig mit unseren Klamotten ab und zündeten anschließend im Gemeinschaftsraum einen Joint an, während unsere älteren Mitmenschen ein Mittagsschläfchen hielten. Außer Herr Brechtl – die Perversion auf zwei Rädern.

Der alte Mann im Rollstuhl starrte uns mit gierigen Augen an, als wir gerade wieder im Begriff waren uns schick für die Außenwelt zu machen und den Rest des Joints im Garten zu versenken, rief irgendwas von Penissen und Handtüchern und schleifte uns daraufhin in sein Zimmer, wo er uns bei einem Gläschen Tee erzählte warum er sich ein Zimmer mit Blick auf den Sportplatz der anliegenden Schule gewünscht hatte. Wegen der leichtbekleideten, jungen Mädchen.

Er präsentierte uns alte, verstaubte Alben mit Fotos seiner vielseitigen FKK-Urlaube irgendwo am Meer und betitelte uns mit Geschlechtsteilen und Begriffen aus einer längst vergangenen Zeit, ohne es böse zu meinen. Wir lachten, wir freuten, wir sangen und flohen so schnell wir konnten aus seinem freizügigen Reich, als er kurz eingenickt war.

Nachdem wir uns auf der Toilette dem Sinn des Lebens näher brachten, ich angesteckt von ihrem Enthusiasmus am liebsten auf der Stelle meine Religion ablegen und zur Anarchie übertreten wollte und wir uns gegenseitig mit den Händen zwischen den Beinen und den Lippen auf der Brust schworen, niemals diesem System aus Kapitalismus, Sozialismus und Fundamentalismus beizuwohnen, änderte sich mein Bewusstsein gegenüber Gott für immer.

Es ist ja nicht so, dass ich leicht von Dingen zu überzeugen wäre, doch nach dieser Offenbarung, dem Anfang meines neuen Lebens und dem geschürten Hass gegen meine eigene Spezies, feierten wir den Beginn unserer neuen Weltordnung erst einmal gebührend, in dem wir uns bei Lidl ein paar eingeschweißte Hot Dogs klauten.

Meine Überzeugung zu Jasmin und ihrer Meinung hätte keine Grenzen mehr gekannt, wäre womöglich unsterblich geworden und hätte diese unsere Nation ins Verderben des satanischen, ewigen Feuers gestürzt, wenn ich sie nicht zwei Wochen später auf einer Schulparty mit der blonden Sabrina – Grinsekatze, weiße Socken und eine unterschiedlich große Oberweite – betrogen hätte und wir der Anarchie, dem tiefen Wunsch nach Chaos und dem Hass auf alle Ismen zum Trotz am nächsten Tag zusammen Eisessen gegangen wären.

Jasmin soll deswegen so abgrundtief sauer gewesen sein, dass sie der Legende nach den Kopf ihres besten Freundes aus Wut über mich so stark gegen das Waschbecken in seinem Bad geschlagen hat, dass dieses in alle Einzelteile zerbrach. Und obwohl ich seitdem nichts mehr von ihr hörte, bin ich mir sicher, dass sie ganz tief unter der Erde an einem glühenden Racheplan schmiedet, der alle Beteiligte direkt zu ihr in die Hölle katapultieren wird, damit wir uns gemeinsam für alle Ewigkeit der größten Folter von allen hingeben müssen: den FKK-Anekdoten von Herrn Brechtl zu lauschen.

Die Fotografie stammt von Emiliano Vittoriosi
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Hauptstadt der Exzesse: Berlin ist zum Ficken, Fummeln und Feiern da

Es ist einer dieser typischen Freitagabende in Berlin. Also einer von denen, an denen du zu Hause herum hängst und auf die Anrufe von Leuten wartest, die sich nur zum Feiern bei dir melden. Weil du nun mal die Person bist, die alle Türsteher und Dealer dieser Stadt beim Namen kennt und bei manchen s...
Hauptstadt der Exzesse: Berlin ist zum Ficken, Fummeln und Feiern da

Hauptstadt der Exzesse

Berlin ist zum Ficken,
Fummeln und Feiern da

Nadine Kroll

Es ist einer dieser typischen Freitagabende in Berlin. Also einer von denen, an denen du zu Hause herum hängst und auf die Anrufe von Leuten wartest, die sich nur zum Feiern bei dir melden. Weil du nun mal die Person bist, die alle Türsteher und Dealer dieser Stadt beim Namen kennt und bei manchen sogar weißt, wie ihre Kinder heißen und wo sie an ihren freien Tagen frühstücken gehen.

Du hast den Plan, wo heute die beste Party steigt und wo’s das beste Koks zu kaufen gibt. Weil du die Woche damit verbracht hast, nach all diesen Dingen zu suchen, während deine sogenannten Freunde ihren sogenannten Jobs nachgingen. Und deshalb bist du wichtig. Du hängst also zu Hause herum, wartest auf die Anrufe von Leuten, die sich nur zum Feiern bei dir melden und legst dir im Kopf drei Outfits zurecht.

Ein Outfit für’s Prince Charles, eines für den Fall, dass du drei Tage nicht nach Hause kommst, und eines, das gerade so okay ist, um noch schnell nebenan Gras zu kaufen. Im Prinzip sehen sie alle gleich aus. Dein Lieblingsshirt ist dreckig, natürlich, weil du von Montag bis Freitag schon so mit dem Wochenende beschäftigt warst, dass deine Wäsche, dein Geschirr und mit der Zeit auch deine Würde einfach liegen geblieben sind. So geht das, seit du in Berlin wohnst, und manchmal fragst du dich, ob das schon alles war, ob das jetzt echt dein Leben ist oder ob du nur die Fantasie lebst, du weißt schon, ob du nun eine von denen bist, vor der man dich als Kind immer gewarnt hat.

Ich spiele das Spiel jetzt seit fünf Jahren. Fünf Jahre Berlin, fünf Jahre die immer gleichen Wochenenden, nur dass der Freundeskreis ständig wechselt und hier ein Club schließt und dort wieder neu auf macht. Ich bin eines von den coolen Kids, glaube ich, eine von denen, die man um ihren Stammplatz auf der Gästeliste beneidet und darum, dass sie einen Fick drauf gibt, wie sie nach dem Feiern aussieht, und der auch egal ist, dass in ihrem Bett mittlerweile mehr Kerben sind als es Holz gibt.

Ich bin eines von den coolen Kids und damit auch wie jeder, der in Berlin etwas von sich hält. Ich mag das, Individualismus ist eh tot, nur manchmal habe ich halt keinen Bock drauf, und dann ziehe ich alleine los, es lebe der Individualismus. Ich will raus aus dem Klischee, hinein in das nächste.

Mit dem neuen Track von Alle Farben auf den Ohren und zwei Flaschen Bier im Beutel ziehe ich los, Partytram M10, nächster Halt: Warschauer Straße. Bei den Dealern auf dem Technostrich kaufe ich Gras für ’nen Zehner, lasse mich ein bisschen antatschen, das ist da irgendwie so üblich, die Medien berichteten. Keine zwei Meter kann man gehen, ohne mit „Mäuschen“ oder „Baby“ angequatscht zu werden, und ich frage mich, ob die Dealer so überhaupt etwas los werden, ich meine, bei Leuten, die noch nie etwas gekauft haben.

Mein Weg führt mich auf die Modersohnbrücke, die natürlich voller Leute ist, aber irgendwie kann man hier gut zusammen allein sein. Ich drehe mir einen Joint, und während ich ihn rauche, schaue ich auf die Bahngleise hinunter. Die Brücke schwingt bei jedem Auto, das darüber fährt, und es fühlt sich ein bisschen an wie betrunken sein.

Den Sonnenuntergang, wegen dem alle gekommen sind, nehme ich gar nicht richtig wahr. Irgendwann setzt der Fressflash ein, ihr kennt das ja, ich brauche jetzt dringend Schokolade und ‘nen Döner, mir eigentlich egal, Hauptsache Essen, und so lande ich in der Simon-Dach-Straße und stopfe mir Pizza für 2,50 Euro in den Rachen, von irgendwo her hört man Marteria singen oder Casper oder irgendeinen anderen dieser total überbewerteten Rapper, die hier wahrscheinlich auch immer ihre Pizza kaufen, immer dann, wenn keiner guckt.

Die Luft riecht nach Wasserpfeife, das ist hier so, erst wenn man wieder weiter nach unten kommt, mehr auf den Technostrich, wird der Geruch zu Gras. Und später in der Nacht kommt dann die Kotze dazu, die Kotze der Touristen, die zum ersten Mal Mexikaner trinken und sich MDMA einwerfen, weil man’s halt so macht, und dann erzählen sie jedem, wie geil Berlin doch ist und dass sie unbedingt ins Berghain wollen, während sie letzten Endes dann doch nur im Matrix landen.

Das Matrix, das ist ein mindestens genauso sagenumworbener Ort wie das Berghain. Jeder weiß wie es dort ist, obwohl er noch nie drin war, aber die Partys, die sind immer scheiße, genau wie die im Berghain immer geil sind und sowieso, in Clubs, in die echt jeder kann, da geht man sowieso nicht rein, wenn man Berliner ist und zu den coolen Kids gehört, und irgendwie reizt mich das gerade, also schnell noch ’nen Wodka gekauft und ein Gramm Speed gezogen, was echt kacke ist, ehrlich Leute, kauft nicht auf dem Technostrich, die zocken euch nur ab da. Über die Warschauer Brücke zu gehen, ist jetzt fast unmöglich, überall sind Menschen, viel zu viele Menschen.

Jemand sagt „Das ist Berlin!“ und mir kommt ein bisschen Kotze hoch, das ist vielleicht dein Berlin, aber nicht meins, echt nicht, oder vielleicht doch? Ich drängle mich vorbei, einmal links, Treppe runter, noch mal rechts. Hier ist es also, dieses Matrix.

Die Schlange vor dem Club ist lang, das Publikum eine Mischung aus überstylten Mädchen in High Heels und Jungs, die das erstbeste T-Shirt aus dem Schrank gezogen und noch keinen Bartwuchs haben. Durch die offenen Türen dringen dumpf die Beats, ich stehe trotz Schlange keine zehn Minuten an, das ist neu. Die Türsteher hier kenne ich nicht, Taschenkontrolle, Ausweis zeigen, kritischer Blick, „Du darfst rein!“, als sei das hier etwas Besonderes.

Drinnen stehen halbnackte Mädchen in einem Käfig und fassen sich gegenseitig an. Vor ihnen eine Gruppe Jungs, die den Mädchen laut grölend schmutzige Dinge zurufen. Also, ich glaube, dass es schmutzige Dinge sind, denn sie sprechen eine Sprache, die ich nicht verstehe, doch schön klingt sie nicht.

Ich gehe zur Bar und bestelle mir zwei Drinks, bezahle aber nur einen, das ist hier so „bei den Ladys“, sagt man mir. Bevor ich den ersten hinunter stürzen kann, werden sechs verschiedene Songs angespielt, immer einmal bis zum ersten Refrain, doch nie länger als ’ne Minute. Sind wohl die Charts, denn jeder außer mir kann sie mitsingen, und tanzen, verdammt, tanzen können die hier auch, nur hat es was von einem Softerotikfilm.

Ich bin gerade beim zweiten Drink, als mich ein Typ anspricht, deutlich jünger als ich, und ich habe keine Ahnung, was er sagt, aber mir ist langweilig, also schiebe ich ihm die Zunge in den Hals und er findet das voll okay. Wir knutschen noch so fünf, sechs Minuten weiter, dann nehme ich ihn an der Hand und ziehe ihn aus dem Club. Sein Englisch ist so mittel, zumindest hab ich verstanden, dass er in einer dieser schäbigen Jugendherbergen in der Warschauer Straße wohnt.

Also gehen wir zu ihm und ficken, und der Sex ist auch so mittel und irgendwann morgens stehe ich auf und ziehe mich an, verschwinde ohne „Tschüß“ zu sagen, laufe über die völlig leere Brücke, kaufe in der S-Bahn-Station noch ein trockenes Croissant und Kaffee, während im Radio leise Schwarz zu Blau spielt und fahre zurück in meinen Kiez. Vielleicht sind meine Freitagabende typisch und auch trostlos, aber hey, ich habe mein Berlin echt lieber als eures.

Die Fotografie stammt von Roman Khripkov
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Spirited Away: Chihiros Reise ins Zauberland

Spirited Away spielt im ländlichen Japan und erzählt die Geschichte der zehnjährigen Chihiro Ogino und ihrer etwas gestressten Eltern, die auf dem Weg zu ihrem neuen Zuhause in der Vorstadt sind. Nachdem die Familie eine falsche Abzweigung genommen hat, gelangt sie zu einem, wie sie glaubt, verlasse...
Spirited Away: Chihiros Reise ins Zauberland

Spirited Away

Chihiros Reise
ins Zauberland

Annika Lorenz

Spirited Away spielt im ländlichen Japan und erzählt die Geschichte der zehnjährigen Chihiro Ogino und ihrer etwas gestressten Eltern, die auf dem Weg zu ihrem neuen Zuhause in der Vorstadt sind. Nachdem die Familie eine falsche Abzweigung genommen hat, gelangt sie zu einem, wie sie glaubt, verlassenen Vergnügungspark. Chihiros Eltern werden bald von einem Buffet mit unwiderstehlichen Speisen verführt, das sie beinahe so verzehrt, wie sie es verzehren. Schnell verwandeln sie sich in große quiekende Schweine.

Als Chihiro nach Hilfe sucht, findet sie in Haku, einem mysteriösen Jungen mit magischen Kräften, einen Freund und Verbündeten. Er macht sie mit den Geistern bekannt, die nachts den Vergnügungspark bewohnen.

Chihiro muss zur Arbeit zu Yubaba gehen, einer grimmigen alten Frau mit riesigem Kopf und kurzem Körper, die ein Thermalbad für alle möglichen fantastischen Kreaturen und Götter betreibt. Ihre Erfahrungen mit diesen Geistern, Monstern und Wesen aus alten Legenden führen zu einer Reihe von außergewöhnlichen und unterhaltsamen Abenteuern, die ihre wildesten Vorstellungen übersteigen.

Hayao Miyazakis Filme sind immer um starke Charaktere herum aufgebaut, und Spirited Away enthält einige der auffallend originellsten Kreaturen, die je gesehen wurden. Im Mittelpunkt der Erzählung steht Chihiro, die zehnjährige Heldin. Sie beginnt als ein ziemlich mürrisches, verwöhntes Kind mit einer Neigung zur Panik, wenn etwas schief geht, aber sie entwickelt über Zeit die Fähigkeit, ruhig zu bleiben, wenn andere es nicht sind. Sie gibt niemals auf, wenn sie sich einmal ihre Ziele gesetzt hat. Chihiro trifft und befreundet sich mit einer Vielzahl von Wesen in der Geisterwelt und findet sich eher früher als später in einem fantastischen Märchen voller unvergessener Wunder, Magie und Fantasien wieder.

Chihiros Reise ins Zauberland ist eine wunderschöne Geschichte über Mut und Willenskraft, die jeder einmal gesehen haben sollte. Der Film ist nicht nur eine faszinierende Reise für die ganze Familie, sondern für viele auch das Portal in die kunterbunte Welt der Anime. Und wer erst einmal damit begonnen hat, sich für die japanischen Animationsfilme und -serien zu begeistern, der wird so schnell nicht mehr damit aufhören. Denn Anime sind eine aufregende Welt für sich…

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Die Illustration stammt von Studio Ghibli und Leonine
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Neuromarketing: Die Industrie verwandelt uns in Konsumzombies

Du entscheidest vollkommen frei über deine Einkäufe und man kann dich nicht beeinflussen? Das dachte ich auch, aber so einfach ist es nicht. Das Zauberwort: Neuromarketing. Dank Bonuskarten wissen Händler ganz genau wer, wann und wie viele Produkte gekauft hat. Hieraus lassen sich klare Prognosen bi...
Neuromarketing: Die Industrie verwandelt uns in Konsumzombies

Neuromarketing

Die Industrie verwandelt
uns in Konsumzombies

Daniel Nerger

Du entscheidest vollkommen frei über deine Einkäufe und man kann dich nicht beeinflussen? Das dachte ich auch, aber so einfach ist es nicht. Das Zauberwort: Neuromarketing. Dank Bonuskarten wissen Händler ganz genau wer, wann und wie viele Produkte gekauft hat. Hieraus lassen sich klare Prognosen bilden, jedoch geben sich die Händler damit nicht zufrieden. Sie wollen auch wissen, warum wir uns genau für dieses eine Produkt entscheiden. Das Zauberwort: Neuromarketing.

Zauberei? Nein. Wissenschaft. Unter Neuromarketing versteht man den Versuch herauszufinden, wie Wahl- und Kaufentscheidungen im Gehirn ablaufen. Ganz wichtig hierbei: Wie man sie beeinflussen kann. Es wird also nach einem „Kauf Button“ gesucht. Es geht im Detail darum, wie Gerüche, Geräusche und Haptik eines Produkts unsere Kaufentscheidung beeinflussen.

Das alles nehmen wir unterbewusst wahr und entscheiden nicht mehr rational. Wir werden eben von unseren Emotionen gesteuert. Klasse. Nachzudenken kostet das Gehirn eine Unmenge an Energie. Deswegen verlaufen 95 Prozent aller Vorgänge implizit ab. Nur die wichtigsten dieser unterbewussten Prozesse werden dem Bewusstsein zugänglich gemacht und damit zur Grundlage unseres bewussten Handelns.

Der Nobelpreisträger Daniel Kahneman hat herausgefunden, dass bei Entscheidungsfragen zwei ergänzende Systeme aktiv werden. System 1 entscheidet mittels Intuition: Schnell, automatisch, mühelos, unbewusst. System 2 ist für das rationale, logische Denken zuständig. Das Gehirn als letzte große Blackbox des Menschen.

Uns muss klar sein, dass wir Kaufentscheidungen nicht mehr von unserer Existenz abhängig machen. Wir kaufen Lebensmittel, weil wir Appetit haben. Wir bauen ein Haus, weil wir uns dort glücklich sind und nicht, weil wir sonst obdachlos wären. Wir kaufen Schuhe, weil wir unsere Persönlichkeit mit unseren Füßen verbinden wollen und nicht, weil wir unsere Füße beim Gehen schützen wollen.

Genug mit der Theorie, kommen wir zur Praxis. An meine männlichen Leser: Ihr erinnert euch an die aufgedruckten Fliegen, oder die kleinen Fußballtore in den Urinalen? Natürlich erinnert ihr euch. Und ja, wir werden hier ganz bewusst beeinflusst. Am Shiphol Flughafen in Amsterdam wurden die Fliegen das erste Mal getestet. Ergebnis: 80 Prozent weniger Pisse am Boden. Die Fliege wird visuell wahrgenommen und sofort entscheiden wir uns für das Ziel, da wird nicht lange nachgedacht.

Wie werden wir noch manipuliert? Musik. Nicht umsonst gibt es Kaufhaus– und Fahrstuhlmusik. In einem Experiment sollen Personen mit verbundenen Augen zwei Handtücher miteinander vergleichen und mitteilen, wie sich die beiden Handtücher anfühlen. Die Personen bekommen Kopfhörer aufgesetzt.

Was die Tester nicht wissen: Es ist zwei Mal das exakt gleiche Handtuch, jedoch wechselt die Musik mit den Handtüchern. Beim ersten Handtuch hören sie einen entspannten Popsong, beim zweiten Handtuch ein schnelleres, rockigeres Lied. Ihr erahnt es: Das erste Handtuch wird als weicher und flauschiger eingestuft.

Es geht natürlich auch offensichtlicher. Teure Markenprodukte stehen in den Regalen auf Augenhöhe, wohingegen günstigere Produkte so platziert werden, dass wir uns entweder bücken oder strecken müssen. Große, farbige Schilder mit dem Aufdruck „Sale“, „Rabatt“ oder „Reduziert“ stechen uns sowieso direkt ins Auge.

Aber was ist mit unserem Riechsinn? Bleiben wir hier verschont? Nein. Auch hier werden wir gezielt manipuliert. Kinos platzieren im Eingangsbereich Beduftungsgeräte die uns bereits beim Betreten des Kinos klarmachen: „Ja, wie immer Popcorn.“

Es geht aber noch subtiler. Die Deutsche Bahn greift ebenfalls auf Duft und Aroma Marketing zurück. In zwei Waggons wurden Umfragen bezüglich der Zufriedenheit mit der Deutschen Bahn durchgeführt. In einem der Waggons wurde über die Klimaanlage ein spezieller Duft verbreitet. Ihr ahnt es: Die Ergebnisse fielen sehr unterschiedlich aus. Die befragten Reisenden im duftenden Waggon waren insgesamt zufriedener und auch großzügiger in ihrer Kulanz bezüglich Bahnverspätungen.

„Nicht anfassen, man schaut mit den Augen!“. Das muss im Rahmen des Neuromarketings unbedingt verhindert werden. „Anfassen!“ ist das Motto. Es geht um Haptik und Action, genauer gesagt um den „Call to action“. Wir müssen ausprobieren, wir müssen erleben. Bestes Beispiel: Der Baumarkt oder Elektrohändler. Anfassen – kaufen. Es könnte so einfach sein.

Auch die Rollen von Marken lässt sich untersuchen und auch hier sind die Ergebnisse klar. Pepsi oder Coca-Cola? Safe, keine Pepsi. Oder? Im einem Versuch mussten Probanden mit verbunden Augen beide Getränke probieren. Ich mache es kurz: Mit verbunden Augen wurde Pepsi bevorzugt, jedoch wurde Coca-Cola bevorzugt sobald die Marke sichtbar war.

Online sieht es da natürlich nicht anders aus. Ein Klassiker: Die goldene Mitte. Ein Händler verdient an Fernseher B besser als an anderen. Fernseher B wird zwischen zwei manipulierende Vergleichsgeräte. Fernseher A leistet viel weniger, ist aber kaum billiger. Fernseher C ist deutlich teurer, kann aber nur wenig mehr. So ist klar, dass die goldene Mitte verkauft wird. Online wird in Sekundenschnelle ein solches Angebotstrio erstellt.

Noch ein Klassiker: Wir werden mit einem super Preis für Produkt auf eine Webseite gelockt. Jetzt müssen wir feststellen, dass der Preis nur für eine ungewöhnliche Größe oder einen weniger beliebten Colorway gilt. Die gesuchte Variante kostet deutlich mehr, aber wir sind dann eben oft zu faul, ein neues Angebot zu suchen und kaufen das Produkt für den teureren Preis.

Von Gütesiegeln und Bewertungen lassen wir uns natürlich auch oft blenden – Studien schätzen den Anteil von gefälschten Bewertungen auf über 25 Prozent. Und ein letzter Online Klassiker: Künstlicher Verknappung. „Nur für kurze Zeit!“, „Noch 3 Zimmer verfügbar!“ oder Deals mit einer zeitlichen Beschränkung. Man fühlt sich gezwungen schnell zuzugreifen, aber wer kontrolliert ob das der Wahrheit entspricht? Wir haben einfach Angst, gute Gelegenheiten zu verpassen. „Fear of Missing Out“ und das nicht nur beim Shopping.

Zum Schluss noch ein kleines Schmankerl für meine Studenten. IKEA. Bereits am Eingang entscheiden wir uns unbewusst für einen Großeinkauf. Der überdimensionale Einkaufswagen und die fette, blaue Tasche wollen natürlich befüllt werden. Wir werden optisch getäuscht und haben das Gefühl, noch nicht ausreichend eingekauft zu haben, wenn der Wagen oder die Tasche noch so leer aussehen. Zudem werden wir gezielt durch alle Abteilungen geführt und werden dazu gezwungen das komplette Sortiment gesehen zu haben. Und ihr wisst ja jetzt, wie klein der Schritt vom Sehen zum Kaufen ist.

Kommt man letztendlich bei den Produkten an, sollen wir uns nicht mehr wohlfühlen. Wir sollen gezielt die Produkte von unserem Einkaufszettel einsammeln und keine Gelegenheit mehr haben, Einkäufe zu überdenken. Erst an der Kasse, wenn wir in der langen Schlange warten, sollen wir wieder Zeit zum nachdenken haben. Und dafür ist die Umgebung mit reichlich Sonderangeboten bestückt.

Und warum ist das Essen bei IKEA so unverschämt günstig? Das ist natürlich kein Zufall. Wenn das Essen so günstig ist, muss der Rest auch günstig gewesen sein – so denken wir das zumindest. Unterbewusst versteht sich. Neuromarketing ist wirksam. Duft, Musik, Haptik. Wir können all dem nicht widerstehen. Es fällt mir schwer Zugeben zu müssen, dass ich beeinflussbar bin. Aber ich versuche mein Bewusstsein zu schulen und kritisch zu denken. Versucht das doch auch mal!

Die Fotografie stammt von Free Stocks
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Free Bleeding: Ich blute aus der Muschi und bin stolz darauf

Schon mal was von Free Bleeding gehört? So nennt man es, wenn menstruierende Menschen während ihrer Periode das Blut einfach so laufen lassen. Ja, richtig: Ohne Tampons, Menstruationstassen oder Binden zu benutzen. Streng genommen ist beim Free Bleeding nicht mal diese neumodischen Periodenun...
Free Bleeding: Ich blute aus der Muschi und bin stolz darauf

Free Bleeding

Ich blute aus der Muschi
und bin stolz darauf

Nadine Kroll

Schon mal was von „Free Bleeding“ gehört? So nennt man es, wenn menstruierende Menschen während ihrer Periode das Blut einfach so laufen lassen. Ja, richtig: Ohne Tampons, Menstruationstassen oder Binden zu benutzen.

Streng genommen ist beim „Free Bleeding“ nicht mal diese neumodischen Periodenunterwäsche, wie sie derzeit vermehrt auf den deutschen Markt kommt, erlaubt. Freie Bluter lassen die Flüssigkeit, die während ihrer Tage aus ihrem Unterleib austritt, einfach laufen, wie es gerade kommt.

Früher hatte man ja auch nichts, mit dem man das Blut irgendwie diskret auffangen könnte, sodass die Menschen um einen herum nichts davon mitkriegen. Und, stellt euch das mal kurz vor, in vielen Ländern dieser Welt haben Frauen und Menschen, die einen Uterus besitzen, noch immer keinen Zugriff auf sogenannte Hygieneprodukte. Selbst in Deutschland sind Tampons und Binden ein Luxusgut, auf das zum Beispiel Obdachlose sehr häufig verzichten müssen, weil sie ihr hart erbetteltes Geld für Unterkünfte und Essen ausgeben müssen.

Die „Free Bleeding„-Bewegung ist also etwas zutiefst Feministisches, ein Statement sozusagen, und nicht zuletzt ein Protest dagegen, dass beispielsweise auf Tampons sogar Luxussteuer erhoben wird – und das, obwohl 50 Prozent der Bevölkerung ihr halbes Leben lang einmal im Leben bluten. Ich konnte also gar nicht anders, als mich dem anzuschließen. Und naja, ich gebe es zu: Ein bisschen neugierig, wie das Ganze denn jetzt funktionieren soll, war ich schon.

Also ließ ich beim vorvorletzten Mal, als ich meine Tage bekam, einfach mal sämtliche Hygieneprodukte weg und schaute mir an, was so passierte. Wer jetzt denkt, ich habe den ganzen Tag in einer riesengroßen Blutlache sitzen müssen und wäre morgens in einem Bett aufgewacht, das aussieht, als hätte ich Besuch von Jack the Ripper bekommen, den muss ich an dieser Stelle leider bereits enttäuschen.

Tatsächlich passierte nämlich erst mal recht wenig, was allerdings auch damit zusammenhängen könnte, dass meine Regelblutung von Natur aus eher schwach ausfällt. Das Experiment „Free Bleeding“ könnte also durchaus anders ausgehen, wenn man während seiner Tage generell einen sehr starken Blutverlust zu verzeichnen hat oder an Erkrankungen wie beispielsweise Endometriose leidet.

Bei mir war es tatsächlich so, dass das meiste Blut dann mit herausfloss, wenn ich sowieso auf der Toilette saß, um mein großes oder kleines Geschäft zu erledigen. Trotzdem habe ich mich natürlich nicht getraut, während der Testphase meine hübschen Spitzentangas in hellblau zu tragen, sondern setzte auf die guten alten „Menstruationsunterhosen“, die glaube ich jede Person mit Uterus zuhause hat. Dabei handelt es sich einfach um alte und extrem sexy Unterhosen, bei denen es nichts mehr ausmacht, wenn man sie mit Blut oder auch anderen Körperflüssigkeiten bekleckert, die sich nicht so leicht auswaschen lassen.

Jede Frau, die mehr oder weniger regelmäßig ihre Periode bekommt, hat sich schon mal voll geblutet. Das Risiko, ausgerechnet die Lieblingsunterwäsche einzusauen, muss man auch beim „Free Bleeding“ meiner Meinung nach nicht unbedingt eingehen.

Und so sehr ich auch für Body Positivity bin und dafür, dass man aufhört, Personen mit Uterus für etwas so Natürliches und vor allen Dingen für den Fortbestand der Menschheit essenzielles wie ihre Menstruation zu shamen, muss ich mich dann doch nicht mit einer weißen Hose bekleidet auf den Alexanderplatz stellen, um jedem zu zeigen, dass ich rein körperlich dazu in der Lage bin, aus meiner Vagina zu bluten.

Das Experiment fand also größtenteils in meinen eigenen vier Wänden statt, während ich frei hatte und außer mal bei Edeka neues Toastbrot und Kaffee zu kaufen keine weiteren Wege zurückzulegen oder ganz und gar mehrstündige Termine einzuhalten hatte. Was meiner Meinung nach auch echt okay ist für den Anfang, man muss beim „Free Bleeding“ jetzt auch nicht von vornherein aufs Ganze gehen, sondern darf sich ruhig die Zeit nehmen, den Körper und die Blutung überhaupt erst einmal kennenzulernen.

Die meisten von uns wissen dank so tollen Erfindungen wie Tampons nämlich überhaupt nicht so genau, wie viel Blut sie während ihrer Periode eigentlich verlieren. Ich zum Beispiel war auch echt erstaunt, wie wenig es am Ende war, weil ich vorher jahrelang das Gefühl hatte, ich würde an manchen Tagen, vor allem natürlich den ersten beiden, bluten wie eine abgestochene Sau, obwohl ich natürlich wusste, dass meine Periode im Vergleich zu der einiger Freundinnen wirklich eher schwach ausfiel.

Größere Unfälle gab es während dem ersten Mal, das ich „Free Bleeding“ ausprobierte, eigentlich keine. Lediglich einmal, als ich morgens absolut keine Lust hatte, aufzustehen, spürte ich eine kleine Menge Blut zwischen meinen Beinen entlanglaufen, was mit einem kurzen Besuch auf der Toilette und dem Wechsel der Bettwäsche allerdings auch ganz schnell wieder erledigt war.

Seitdem habe ich noch während zwei weiteren Zyklen auf Hygieneprodukte während meiner Tage verzichtet und muss sagen: Ich bin inzwischen überzeugte Anhängerin der „Free Bleeding„-Bewegung geworden und glaube, dass mich diese ganze Sache nicht nur zu einer besseren Feministin, sondern zu einem besseren Menschen generell gemacht hat.

Ich kenne nämlich nicht nur meinen eigenen Körper besser und habe der Tamponindustrie ein kleines Schnippchen geschlagen, indem ich ihnen nicht mehr mein hart verdientes, oder von Mutti und Vati zur Verfügung gestelltes, Geld in den Rachen werde, sondern produziere durch meinen Verzicht auf Slipeinlagen und Binden auch wesentlich weniger Müll.

Klar, Letzteres tut man auch, indem man sich für eine Menstruationstasse statt Wegwerfartikeln entscheidet, aber deren Anwendung hat sich mir nie komplett erschlossen. Vielleicht ist mein Körper auch einfach nicht dafür gemacht, ich weiß es nicht.

Free Bleeding jedenfalls ist das absolut Beste, was mir in den letzten Jahren und auf meiner feministischen Reise zu mir selbst passiert ist. Und wer weiß, vielleicht lasse ich irgendwann in ferner Zukunft ja doch einfach Blut durch meine weißen Hosen sickern, weil ich eine ganz neue Art von Selbstbewusstsein entwickelt und ein Reinigungsmittel gefunden habe, das selbst Blutflecken aus meiner Lieblingskleidung entfernen kann. Bis dahin allerdings werde ich einfach so weitermachen wie bisher. Das heißt: Während meiner Periode einfach ein paar Mal öfter zur Toilette gehen und sonst alles erst einmal so laufen lassen, wie es eben kommt.

Die Fotografie stammt von Monika Kozub
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Digitale Romantik: Ich fand meine große Liebe bei Tinder

Okay, ich habe echt lange mit mir gerungen, ob ich das hier wirklich schreiben soll - oder es besser für mich behalte. Denn eigentlich stehe ich nicht so auf oft willkürlich in die Öffentlichkeit getragene Coming-Outs, aber irgendwer muss ja schließlich einmal den Anfang machen. Also tue ich es: Jaw...
Digitale Romantik: Ich fand meine große Liebe bei Tinder

Digitale Romantik

Ich fand meine große
Liebe bei Tinder

Nina Ponath

Okay, ich habe echt lange mit mir gerungen, ob ich das hier wirklich schreiben soll – oder es besser für mich behalte. Denn eigentlich stehe ich nicht so auf oft willkürlich in die Öffentlichkeit getragene Coming-Outs, aber irgendwer muss ja schließlich einmal den Anfang machen. Also tue ich es: Jawohl, ich habe meinen Freund bei Tinder kennengelernt.

Mit diesen Zeilen hier möchte ich eine Lanze brechen. Für die Dunkelziffer an Tinder-Pärchen da draußen. Ich bin mir nämlich sicher, dass das gar nicht so wenige sind. Denn eigentlich gibt es nicht ein einziges iPhone in meinem Freundeskreis, auf dem beim Durchscrollen nicht zufällig die rote Flamme an der einen oder anderen Stelle aufblitzt.

Selbstverständlich nur, weil man die App „so lustig“ findet und „nur mal eben gucken“ wollte. Ja klar. Habe ich ja auch immer gesagt, aber mal ganz ehrlich, wenn wir Tinder wirklich nur mal testen wollten, warum schleppen wir uns dann doch immer mal wieder zu einem Date hin? Nur weil wir gerade Hunger haben, oder was?

Ich dachte ja zugegeben eigentlich auch immer, dass es Menschen gibt, die sich im normalen Leben kennen lernen. Und dann halt diese Freaks, die im wahren Leben keiner haben will und die deshalb das Internet und irgendwelche komischen Flirt-Apps brauchen. Diejenigen, die früher immer in Talkshows herum saßen und sich dafür schämten.

Solche Freaks sind bei Tinder wirklich en masse zu finden, klar. Von Perversen, die dir anbieten über WhatsApp Selbstbefriedigungsbilder auszutauschen, Typen, die – um besonders tiefgründig zu wirken – ein sorgfältig vorbereitetes Fragen-Quiz per Copy und Paste an ihre Matches verschicken und die ganz Verzweifelten, die gleich in der ersten Nachricht ankündigen: „Wir können ja ein bisschen hin und her schreiben. Vielleicht passt es ja.“ Nichts, was es bei Tinder nicht gäbe. Und genau deshalb ist es gar nicht so anders, als das normale Leben.

Denn um ehrlich zu sein, so viel weniger freakig sind die Männer und Frauen, die man sonst so kennenlernt, auch wieder nicht. Ich erinnere mich an das Date neulich mit dem Immobilienmakler, der mich für irgend einen russischen Gold Digger gehalten haben muss. Zeigte mir in einem knapp zweistündigen Treffen seine gesamten Wertanlagen von der Ray Ban über den Porsche bis hin zur Eigentumswohnung in Eppendorf.

Oder der Typ davor, mit dem ich im Kino war, der meinen Hund nicht in seine Wohnung lassen wollte, aus Angst, er könnte etwas kaputt machen. Sorry, aber so viel kann in einer 1-Zimmer-Wohnung, mit Billy und Klöfta als einziges Inventar nun auch wieder nicht kaputt gehen.

So viel schlimmer sind die Leute bei Tinder also auch nicht – zumal ja eigentlich eh jeder Freak aus dem echten Leben dort auch mit einem durch Instagram bearbeiteten Bild vertreten ist. Wie kommt es dann, dass ich trotzdem jedes Mal, wenn ich gefragt, werde wie mein Freund und ich uns kennengelernt haben, irgendwas von Club oder Bar rede und einfach nur nix wie weg will, bevor ich mich mit irgendwelchen Details verplappere?

Ich schätze es liegt an all den Leuten, bei denen im Profil steht: „Später können wir ja einfach sagen, wir wären uns im Supermarkt begegnet.“ Soll total lustig und originell rüberkommen, ich weiß. Wirkt aber einfach nur bekloppt. Dazu schädigt dieser dumme Spruch – der nebenbei bemerkt unter jedem dritten Profilfoto steht – das Image sämtlicher Tinder-Beziehungen, bevor sie überhaupt losgehen.

So ist es nämlich ganz eindeutig: Tinder-Beziehungen sind peinlich, wir sind eigentlich alle viel zu gut dafür und deshalb haben wir uns offiziell auch auf jeden Fall ganz, ganz anders kennengelernt. Klar, ist ja auch nicht wirklich romantisch zuzugeben, dass man einfach mal wieder dringend Sex brauchte, zu faul war vom Sofa aufzustehen und sich deshalb diese famose App heruntergeladen hat.

Und dann, völlig im Tinder-Wahn bei jedem, der auch nur ansatzweise größer als 1,75 Meter aussah, begeistert nach rechts gewischt hat. Der herkömmliche Weg hört sich da natürlich gleich viel besser an: „Wir hatten da so ’ne Weihnachtsfeier… und jeder zwei Promille.“ Oder: „Bin nach ’ner Party bei ihm wach geworden und dann wollten wir mal weiter schauen.“ Oder: „Ich habe ihm zuerst eine falsche Nummer gegeben, aber dann hat er sich so viel Mühe gegeben…“ Not. Aber so erzählt das ja auch keiner.

In Liebesangelegenheiten werden nämlich grundsätzlich nur verklärte, beschönigte Halbwahrheiten erzählt, so weit das Auge reicht. Weil Liebe, das haben wir ja von Carrie und Mr. Big gelernt, etwas ganz Unfassbares, Unglaubliches und Magisches ist. Komisch nur, dass eure letzten drei Beziehungen mit Jogginghose und Chipstüte vor dem laufenden Fernseher endeten und dabei weniger magisch als doch ziemlich reell waren.

Hat man dann mal wieder eine Beziehung, darf die auf gar keinen Fall irgendwie gewöhnlich sein. Und was gäbe es Gewöhnlicheres, als zwei Menschen, die schon am Tag des Kennenlernens optisch nach Beziehungsende aussehen, weil sie mit Jogginghose und Chipstüte bei laufendem Fernseher chatten?

Da faselt man dann halt lieber was von Partys und zu viel Alkohol, das kennt ja jeder und ist schon so ein bisschen enttabuisiert. Eigentlich völlig bescheuert. Nur weil man sich bei Tinder kennengelernt hat, ist es ja noch lange nicht weniger krass, sich mit jemandem so zu verstehen, dass man ihn auch dauerhaft um sich haben will.

Klar, es ist natürlich etwas banal, jemanden mit einer Wischbewegung über das Handy kennenzulernen. Aber ich glaube eigentlich auch nicht, dass sich irgendwer schon mal allein durch das Matchen verknallt hat. Dazu gehören dann doch eher Stimme, Aussehen, Ausstrahlung, Geruch – halt alles, was man dann beim ersten richtigen Treffen sieht und wahrnimmt. Was immer ein großer Zufall ist, wenn es harmoniert, egal ob man sich schon mal betrunken im Club oder nur auf dem Handydisplay gesehen hat. Da ist Tinder genauso wenig planbar, wie das richtige Leben.

Manchmal sind ja sogar TinderDates ziemlich ziemlich ungeplant. Das erste Date von meinem Freund und mir zum Beispiel. Klang krass nach Fuck-Date, ein Come-as-you-are-Treffen, nachts um 1, ungeschminkt (ich) und in Jogginghose (wir beide). Wenn man sich dann trotzdem noch mal treffen will, das über Monate hinweg und plötzlich nur noch zusammen rumhängt, dann ist das wohl kein Tinder mehr, sondern Verliebtheit. Und darum geht’s doch eigentlich, wenn man nach dem Kennenlernen gefragt wird, oder nicht?

Die Fotografie stammt von Claudia van Zyl
Der Text erschien in der Kategorie Liebe mit den Themen
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Forever Alone: Die entscheidende Einsamkeit

Nicht selten ist es die Einsamkeit, die uns daran zweifeln lässt, ob die Entscheidungen, die wir bislang getroffen haben, die richtigen waren. Dann sitzen, liegen wir Tage, Wochen, ja manchmal sogar Monate in einer Art Wachkoma, sind unzufrieden mit uns selbst, mit den anderen, mit allem. Und es ist...
Forever Alone: Die entscheidende Einsamkeit

Forever Alone

Die entscheidende
Einsamkeit

Marcel Winatschek

Nicht selten ist es die Einsamkeit, die uns daran zweifeln lässt, ob die Entscheidungen, die wir bislang getroffen haben, die richtigen waren. Dann sitzen, liegen wir Tage, Wochen, ja manchmal sogar Monate in einer Art Wachkoma, sind unzufrieden mit uns selbst, mit den anderen, mit allem. Und es ist vollkommen irrelevant, wie viele Freunde, Bekannte und Liebschaften um einen herum schwirren.

Wenn wir das Gefühl haben, dass etwas in diesem Leben nicht so ist, wie es nun einmal sein sollte, dann werden wir depressiv, ziehen uns zurück, wollen am liebsten im Bett versinken. Und können gar nicht mehr erahnen, wo wir um Gottes Willen die Kraft hernehmen sollen, jemals wieder aufzustehen. Wir werden hier sterben. Ohne Zweifel.

Eine von mir im betrunkenen Zustand schnell zusammengeschusterte, aber vollkommen stichfeste Theorie lautet, dass wir uns umso einsamer fühlen, umso einen phänomenaleren Freundeskreis wir in der Vergangenheit hatten. Irgendwann in der Jugend vielleicht. Ein kleines, aber unzerstörbares Universum an Menschen, die wir Tag und Nacht mit unserer privaten Scheiße vollstopfen konnten. Unangemeldet.

Mit denen wir Polizisten auf offener Straße verarschten, nur um dann mit vergammelten Ostereiern um uns werfend davon zu laufen. Und mit denen wir Mädchen verführten, Telefonzellen bepissten, Freibäder enterten, Käsewürstchen klauten, Videospiele zockten, im Rudel pennten, Pornos guckten, Schule schwänzten, Fahrräder versenkten und die Gastgeber mieser Partys verprügelten.

Hat man erst einmal erlebt, was wahre Freundschaften alles bewegen und für Gefühle auslösen können, ist alles, was danach kommt, nur noch oberflächliches Kaffeekränzchen mit Menschen, die zufällig am selben Ort zur selben Zeit leben. Man mag sich, man kennt sich, man trifft sich. Ist ja alles ganz schön. Aber dieses Band aus Treue und Liebe und Erlebnissen und Geheimnissen ist schon längst nichts weiter, als eine immer ferner werdende Erinnerung an vergangene Momente.

Wenn wir dann also Tage, Nächte, Ewigkeiten ohne analoge Konversation vor dem Computer sitzen, uns eine Flasche Wein nach der anderen zwischen die trockenen Lippen schütten und den Timelines dieser Welt mehr defensiv als offensiv folgen, dann kommen einem so manch trübe Gedanken in den Sinn. Besonders im Herbst. Die Decke erdrückt uns.

Ob es denn nun wirklich eine gute Idee war, seine Heimat zu verlassen, um in der großen, bösen Stadt nach dem Glück und dem Geld zu graben. Na klar, zu Hause würde man wahrscheinlich im Hartz IV versinken und um 13 Uhr von einer Kneipe zur nächsten ziehen, aber zumindest hätte man dann die Menschen, die einen besser kennen als alle Mütter und Beziehungen und Ärzte zusammen, nicht zurück gelassen.

Womöglich ist diese depressive Einsamkeit aber auch ein nicht unübersehbares Zeichen dafür, dass es langsam Zeit wird. Zeit, den nächsten Schritt zu wagen. Fort von einem Leben, das sich etabliert hat und dessen Überraschungen bereits ausgeschöpft sind. Wieder Mut zeigen, etwas riskieren, nicht verharren. Stillstand ist Tod, bleiben das Ende. Eigentlich wissen wir das doch.

Warum nicht wie Sara eine Weltreise starten? Nur um dann zu merken, dass das Glück wohl doch nicht am anderen Ende der Welt liegt. Aber die Suche allein es wert war, das herauszufinden. Oder wie Hannah in eine euch unbekannte Stadt ziehen und alles wieder neu entdecken. Leute, Orte, Liebeleien. Oder eben diesen einen, ganz persönlichen Traum verwirklichen, den man vor Jahren zu den Akten gelegt hat. Weil einem das scheiß Leben in die Quere gekommen ist. Den man aber dennoch nie so ganz vergessen hat.

Und letzten Endes läuft es eben auf diese eine Entscheidung hinaus. Haben wir jetzt endlich die Eier, die Gedanken in die Tat umzusetzen, mit denen wir Tag aus, Tag ein einschlafen und aufwachen und von denen wir wissen, dass sie unserem Dasein eine Berechtigung geben, oder bleiben wir auf unserem fetten Arsch sitzen, lassen die Zeit weiter an uns vorbei rieseln und müssen in ferner Zukunft mit Tränen in den Augen zugeben, dass wir die zahlreichen Chancen und Möglichkeiten nicht genutzt haben. Let’s go oder forever alone. Wir haben die Wahl.

Die Fotografie stammt von Fabrizio Verrecchia
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Ist das dein Ernst? Ich bin zu sarkastisch für diese Welt

Du findest ihn schon süß, oder? Ja. Ich denke keine einzige Sekunde über meine Antwort nach. Mal wieder spreche ich bevor ich nachdenke, eine meiner schlechten Angewohnheiten. Ich habe nicht darüber nachgedacht, wie es wirkt, dass ich genau das gesagt habe. Und dass es auch noch eine ehrliche An...
Ist das dein Ernst? Ich bin zu sarkastisch für diese Welt

Ist das dein Ernst?

Ich bin zu sarkastisch
für diese Welt

Michelle Teichmann

„Du findest ihn schon süß, oder?“ „Ja.“ Ich denke keine einzige Sekunde über meine Antwort nach. Mal wieder spreche ich bevor ich nachdenke, eine meiner schlechten Angewohnheiten. Ich habe nicht darüber nachgedacht, wie es wirkt, dass ich genau das gesagt habe. Und dass es auch noch eine ehrliche Antwort war.

Es ist kompliziert. Ich weiß nicht, ob er mich gefragt hat, weil es ihm aufgefallen ist oder ob er nur neugierig war. Mich beschäftigt die Auswirkung der Antwort erst Tage danach und ich wundere mich, ob er die Frage überhaupt ernst gemeint hat oder ob es nur ein Witz sein sollte. Ich bin komplett verwirrt und stelle mir die Frage, warum ich überhaupt die Wahrheit gesagt habe.

Was ich normalerweise besonders gut kann: ironisch und sarkastisch sein. Lügen kann ich auch ganz gut, wenn nicht sogar extrem gut. Auf der anderen Seite bin ich aber mehr als ehrlich und manchmal kommt sich das sehr in die Quere. Auf die Frage hätte ich gewöhnlicher Weise einfach mit Sarkasmus oder Ironie geantwortet, habe es in diesem Fall aber nicht.

Ich kann mir selber nicht einmal erklären warum nicht. Die Wahrheit in eine Lüge verpacken, darin bin ich doch normalerweise eine Meisterin. Jeder, der mich zum ersten Mal kennenlernt, kann mich absolut nicht deuten. Niemand weiß, ob ich das ernst meine, was ich sage oder ob ich es ironisch meine. Das ist absolut anstrengend für alle Beteiligten, sogar für mich. Ich war schon immer so. Witze, die niemand versteht, schlechte Wortspiele und immer das sagen, was ich gerade nicht meine, das bin ich.

Mein Charakter hat sich so weit herausgebildet, dass selbst meine Freunde von mir genervt sind und mich fragen, ob ich das gerade ernst meine oder ob das schon wieder Sarkasmus ist. Manchmal sage ich etwas mit so einem sarkastischen Ton, dass ich mich selber davor abschrecke. Ich entschuldige mich dafür, weil ich es nicht mehr abstellen kann. Es ist ein Teil von mir geworden und ich kann versuchen es zu ändern, aber am Ende gebe ich dann doch wieder eine komische Antwort.

„Hier ist es aber echt schön“, sage ich zu einer Freundin, als wir durch Vorgärten zu ihrem Haus gehen. Mein Tonfall klang aber alles andere als begeistert. Sie dreht sich um: „Bei dir weiß man echt nicht, ob du es gerade wirklich so meinst oder nicht.“ Mal wieder habe ich genau das getan, was ich lassen wollte. Ich sage die Wahrheit und es klingt nicht wahr, wobei die Lügen mittlerweile wahr klingen. Ich bin in einem Paralleluniversum gefangen in dem immer das Umgekehrte gemeint ist und kann es nicht mehr abstellen.

„Warum bist du so sarkastisch?“, werde ich gefragt und am liebsten würde ich einen Witz reißen, denke dann aber doch darüber nach. Ich habe selber keinen blassen Schimmer wann ich dazu geworden bin. Meine Ironie und mein Sarkasmus, verpackt in Witzen und Lügen ist wahrscheinlich einfach ein Schutzmechanismus, der sich über die Jahre entwickelt hat.

Wenn ich etwas Dummes sage, kann ich am Ende immer noch behaupten, dass es ein Witz war. Ich kann zurück rudern und es ist eine Ausflucht, die niemand außer mir selbst sieht. Ich antworte nicht auf seine Frage, denn das was ich sagen würde, das wäre definitiv zu ehrlich und ich werde wohl nicht meine Mauer fallen lassen. Nicht vor ihm. Er würde sicher denken, dass ich wahnsinnig bin.

„Ich kann euch verkuppeln, wenn du willst“, sagt er. „Ja, sicher, als ob jemand, wie er auf jemanden wie mich stehen würde.“ Aber was ich eigentlich sagen will: „Das wäre fantastisch, ich finde ihn echt toll und würde gerne mal was mit ihm trinken gehen. Danke!“ „Mach dich doch nicht selber schlechter, als du bist.“ „Ich bin ja auch echt großartig“, sage ich komplett sarkastisch. Ich schütze mich selber, weil ich nicht verletzt werden möchte.

Anstatt dessen hätte ich zu mir ehrlich sein sollen, mich selber nicht degradieren sollen und auf mich und auf das was ich will hören sollen. Stattdessen baue ich eine Mauer aus Worten, die mir nicht weiterhilft. Ich distanziere mich, obwohl ich etwas ganze anderes möchte. Ich verschwinde hinter meinen Worten und weiß nicht mehr, was ich tatsächlich möchte oder nicht. Wenn ich selber nicht mal mehr weiß, was ich möchte, wie soll das dann jemand anderes verstehen können?

Ich spiele mir selber etwas vor und bin dann erstaunt, wenn ich dann endlich einmal ehrlich zu meinem Gegenüber, und im Besonderen zu mir selber, bin. Ich wundere mich warum ich meine Mauer fallen gelassen habe und bereue es. Bemerke aber dann doch wie mutig es war, ehrlich zu sein, sich nicht zu verstecken und dem Gegenüber zu zeigen, wie man sich gerade in dieser Sekunde fühlt.

Es ist keine Schwäche, Gefühle zu zeigen, ehrlich zu sein und seine Meinung zu sagen. Ich bin nicht die Einzige, die ironische Sachen sagt, Sarkasmus als Stilmittel nutzt und absichtlich das sagt, was nicht gemeint ist. Viele tun Dinge aus Ironie. Es werden ironische Selfies aufgenommen, auf diese dumme Party gegangen um zu zeigen, wie lächerlich das doch alles ist, ironisch Musik gefeiert, die aber gar nicht so schlimm ist, die wir vielleicht sogar gut finden.

Es ist einfach nur anstrengend anderen etwas vorzuspielen, weil man Angst hat anderen sein „wahres Ich“ zu zeigen. Können wir alle nicht einfach einmal ehrlich zu uns selber sein? Die Dinge aussprechen, die wir meinen, das machen, was wir machen wollen. Wirklich. Echt. Authentisch. Es ist in Ordnung keine Antwort zu haben, zu sagen, dass es einem nicht gut geht, dämliche Antworten zu geben, weil man sich absolut nicht mit einem Thema auskennt und nicht vorzuspielen jemand zu sein, der man gar nicht ist. Keiner ist perfekt und wenn, dann wäre es auch ziemlich langweilig.

Die Illustration stammt von United Nations
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Stil der Konsumgesellschaft: Wir sehen aus wie Klone

Egal, was du dir aus deinem Schrank nimmst, es sieht scheiße aus. Vivienne Westwood zufolge haben sich die Menschen noch nie hässlicher gekleidet als heute. Wirklich stilvoll seien nur die 70-Jährigen. Warum? Weil wir alle aussehen wie Klone. Dazu geführt hat unser Konsumverhalten, aus der eine Wegw...
Stil der Konsumgesellschaft: Wir sehen aus wie Klone

Stil der Konsumgesellschaft

Wir sehen aus
wie Klone

Meltem Toprak

Egal, was du dir aus deinem Schrank nimmst, es sieht scheiße aus. Vivienne Westwood zufolge haben sich die Menschen noch nie hässlicher gekleidet als heute. Wirklich stilvoll seien nur die 70-Jährigen. Warum? Weil wir alle aussehen wie Klone. Dazu geführt hat unser Konsumverhalten, aus der eine Wegwerfkultur entstanden ist, und Konformität, also unsere Unfähigkeit, uns den bestehenden Normen in der Gesellschaft widersetzen zu können, predigt Vivienne Westwood bereits seit Jahrzehnten.

Recht hat sie ja. Ob die Kleidung von Anna Dello Russo, einer Vogue-Chefredakteurin, dem rotierenden Popstar Lady Gaga oder doch nur des weltweiten Hipsters in seiner VintageKleidung. Wenn wir ehrlich sind: Die meisten sehen aus, als hätte man eine Mülldeponie auf ihrem Körper entleert. Entgegen dem Trend des klassisch Schönen hat sich schon immer als Gegenpol das Schrille, Bunte, Außergewöhnliche und gar nicht Schöne, sondern viel mehr das Interessante beweisen wollen.

Wir können das auch mit einem Begriff zusammenfassen, auf den alle immer gern pochen: Individualität. In Industrienationen wie Deutschland, USA oder England, in der wir uns gerne als Individuum definieren und auftreten, sind wir ebenfalls sehr freie Menschen, weil wir uns selbst entfalten können und entscheiden dürfen, wer wir sein möchten. Stimmt das wirklich? Sind wir wirklich freie Menschen?

Was von Pionieren sicher noch als Ausdruck von Freiheit galt, oder auch ein Ausdruck der Globalisierung, wird seit jeher von der Masse nachgeahmt. Individualität ist doch schon seit Sturm und Drang vollkommen im Trend und seitdem auch eigentlich nichts Neues, oder? Und dann sehen wir eben aus wie Klone, was wir selbst aber gerne unter dem Deckmäntelchen eines einzigartigen Stils allesamt kollektiv verstecken. Wir stehen unter großen Druck, beweisen zu müssen, wie einzigartig wir sind und das mit unserem Äußeren.

Aber man will es uns unter 70-Jährigen auch einfach nicht leicht machen. Und das müsste selbst Vivienne Westwood zugeben, die es, anders als der britische Designer Mark Fast, nicht schafft, Plus-Size-Models wie Crystal Renn auf den Laufsteg zu schicken, Konformität kann nämlich nicht nur auf den Kleidungsstil, sondern auch auf Schönheitsideale übertragen werden.

Und da unterscheidet sich Frau Westwood, die Individualität fordert, aber es auch nicht so Recht schafft, sich von manifestierten Idealen loszulösen, wie viele ihrer Kollegen in der Modebranche. Werden wir da nicht auch auf Kosten ihrer Mode, die wahrscheinlich an einem Kleiderbügelmodel besser präsentiert werden kann als einer echten durchschnittlichen Frau, beeinflusst, sogar herausgefordert, das Unmögliche aus unserem Körper zu holen?

Zunächst müssen wir festhalten, dass wir jung sind, und gerne Neues ausprobieren, dabei rebellieren, aber noch auf der Suche nach einer Identität sind. Dazu gehört auch, dass wir uns in verschiedenen Rollen erfinden und die dazugehörige Kleidung aussuchen. Weil wir auch ganz einfach unsicher sind.

Da kann es schon mal passieren, dass wir den Stil häufiger wechseln, bis wir eben wissen, ob bewusst oder unbewusst, wer wir sind, und was wir möchten, und wie wir uns zu dieser Person auch kleiden wollen, von völlig gleichgültig bis piekfein. Den eigenen Stil, meist klassisch konservativ, eignen wir uns schließlich sowieso erst im hohen Alter an. Manche Menschen können sich ein Leben lang nicht entscheiden, wer sie sein wollen, müssen sie auch gar nicht.

Und doch können wir ihr nicht widersprechen, denn der Stil der Konsumgesellschaft macht nur den Anschein, er sei individuell und global. Das Mischen verschiedener Stile, spricht das nun für Freiheit und Weltoffenheit oder nicht eher dafür, dass die Mode mit Tiefpreisen demokratisiert wurde und nun jedem versprochen wird, dass er aussehen kann, wie er möchte?

Unsere Herrschaftsform gewährleistet Freiheit, das heißt aber nicht, dass wir für unsere Freiheit nicht tagtäglich kämpfen müssen. Denn unbewusst versucht man sie uns zu rauben. Man macht es uns auch einfach nicht leicht, den Normen der Gesellschaft zu widersprechen und die gegebene Definition von schön und hässlich zu hinterfragen.

Nicht nur, dass soziale Medien wie Facebook kostspielige Datenoptimierungen durchführen, um uns mit individuellen Konsumentenprofilen mehr und mehr zum Kaufen anregen, gar foltern, Supermodels zwinkern uns von großen Werbeplakaten zu, Musikvideos entwerfen verschiedene Lifestyles, technische Fortschritte von der Chirurgie bis Photoshop, Fastfood-Fashion von Zara bis Louis Vuitton, der modische Saisonwechsel nach sechs Monaten – all diese Komponenten diktieren uns, was wir zu tragen haben, und wie wir von Kopf bis Fuß auszusehen haben. Längst gibt es keine Idole mehr, die uns zu mehr bewegen. Und, wie ich bereits schrieb, fehlt uns auch ein klein wenig Mut.

Ausgenutzt wird die Charakterschwäche der jungen Menschen von den Medien, die doch meist doppelt so alt sind wie wir. Schuld daran haben also in erster Linie nicht wir. Wir jungen Menschen. Ob jung oder alt, wir wollen alle bloß wahrgenommen werden, wertgeschätzt, unseren Platz in der Gesellschaft und gefallen.

Anerkennung gehört nämlich zu den Zielen im Leben, die uns zu unserem Glück verhelfen. Und Werbungen erklären uns mit Produkten, wie wir dem näher kommen, mit was sonst? Wir stecken da in einem riesigen System, indem unsere menschlichen Eigenschaften und gerade unsere Schwächen ausgenutzt und wir selbst manipuliert werden, um Produkte zu kaufen, die nicht lange anhalten.

Das Resultat dieses Systems ist also nicht nur eine Masse aus eineiigen Tausendlingen mit nur einer Seele, sondern Profit im großen Stil. Davon gewinnen können nämlich nur die höhnisch lachenden klugen Köpfe des Kapitalismus. Vivienne Westwood selbst fordert als Modedesignerin, weniger zu konsumieren, besser auszuwählen und darauf zu achten, dass es länger hält.

Aber funktioniert das überhaupt noch, wenn wir nicht nur auf Funktion, sondern auch auf Design setzen? Von der Elektro- bis zur Textilindustrie fragt es sich, ob dem Konsumenten überhaupt noch Produkte angeboten werden, die auf Nachhaltigkeit setzen. Durch die Obsoleszenz zum einen, und die Internetrevolution, die uns immer stärker zur Aktualität zwingt, zum anderen, bleibt uns doch nichts anderes übrig, als zu erneuern. Ganz schön leicht gesagt von einer älteren Dame, wir Menschen von heute würden uns hässlich anziehen, was?

Aber fest steht, dass die Obsoleszenz große Konsequenzen mit sich führt. Nicht nur äußerlich, sondern auch intellektuell. Die modische Rotation, das auf menschliche Schwäche aufbauende System, die Geldmaschinerie – lange ist uns nichts anderes übrig geblieben, als stillos durch die Straßen zu laufen und uns von StreetstyleBlogs und InstagramInfluencern fotografieren zu lassen, in der Hoffnung, neben all den anderen als Individuen wahrgenommen zu werden. Das soll nun ein Ende haben.

Ich fordere einen Neoluddismus, bei dem wir nicht als Arbeiter, sondern als Konsumenten unsere gesamten sozialen Umstände hinterfragen, bevor uns eine der kostbarsten Tradition verloren geht. Die Konsumgesellschaft greift nämlich eines der wichtigsten deutschen Tugenden an: Die Fähigkeit der Kritik. Es ist Zeit für ein Umdenken. Dann können wir jungen Menschen uns auch mal überlegen, ob wir wirklich mit Kleidung unsere Individualität oder Schönheit erklären müssen.

Aber sicher tun wir aber garantiert genau das, was Ms. Westwood fordert: Weniger konsumieren, besser auswählen und einen eigenen Stil entwickeln. Denn Mode macht es sich echt verdammt schwer, sich mit Stil und Langlebigkeit gleichzusetzen. Man müsste seine Kleidung wie Vivienne selbst schneidern, aber anders als sie nicht weiter verkaufen, denn sonst entwerfen wir am Ende bloß Klone.

Die Illustration stammt von Murat Kalkavan und Icons8
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Digitale Trennungen: Hast du mich gerade auf Facebook entfreundet?

Weiß noch jemand, wie verdammt unangenehm es in Zeiten ohne Facebook & Co., also früher, gewesen ist, beste Freundschaften zu beenden? Für jene, die sich kaum an ein Leben ohne soziale Netzwerke erinnern können, hier ein kleiner Erinnerungsschub: Man rief die betreffende Person an und machte ein Tre...
Digitale Trennungen: Hast du mich gerade auf Facebook entfreundet?

Digitale Trennungen

Hast du mich gerade auf Facebook entfreundet?

Daniela Lindner

Weiß noch jemand, wie verdammt unangenehm es in Zeiten ohne Facebook & Co., also früher, gewesen ist, beste Freundschaften zu beenden? Für jene, die sich kaum an ein Leben ohne soziale Netzwerke erinnern können, hier ein kleiner Erinnerungsschub: Man rief die betreffende Person an und machte ein Treffen aus. In einem Café. Oder in der Lieblingsbar. Oder eben gerade nicht in der Lieblingsbar, um den Ort der Freude nicht negativ zu konditionieren. Erinnerung ist schließlich ein fragiles Konzept.

Man traf sich dann und beendete die Freundschaft vis-à-vis. So mit anschauen und so, ihr wisst schon. Ja, dazu gehört natürlich etwas Mut. Und ja, es ist wahrscheinlich immer unangenehm, dem Gegenüber persönlich ins Gesicht zu sagen, dass man sich nun distanzieren möchte und ab dem jetzigen Moment keinen Wert mehr auf die Gesellschaft des anderen legt.

Vor allem dann, wenn man jahrelang unzertrennlich jeden Scheiß miteinander gelebt und erlebt hat und jetzt erklären muss, warum man nun getrennte Wege gehen möchte. Gründe dafür gibt es zahlreich: Sex mit dem Partner des anderen, Sex mit mehreren Partnern des anderen und natürlich vieles mehr.

Da saß einem nun ein Mensch gegenüber, den man über Jahre geschätzt, mit dem man viel Zeit verbracht und Gedanken geteilt hat. Höchstwahrscheinlich wurde man bei einem solchen Treffen Zeuge verschiedener Emotionen, wie Trauer, Enttäuschung oder Wut. Tränen flossen, böse Begriffe fielen, man lag sich schluchzend in den Armen und wünschte sich alles Gute für die Zukunft.

Dank Facebook kann man sich das Leben dies betreffend nun ungemein erleichtern: Stichwort Button „Freund/in entfernen“. Schwups. Weg. Erledigt. Emotionen Fehlanzeige. Falls man zu der eher zart besaiteten Abteilung gehören sollte, die mit dramatischen persönlichen Nachrichten als Reaktion auf das unsanfte Ende der besten Freundschaft nicht so gut klar kommt, kein Problem: Einfach mit „Blockieren“ einstellen, dass der andere einen in den Weiten von Facebook nicht mehr finden kann und man wird auf ewig seine Ruhe haben und auch nicht zu dem vollzogenen Schritt des „Entaddens“ Stellung nehmen müssen.

Bis vor kurzem war ich wirklich der festen Überzeugung gewesen, dass mir so etwas niemals passieren würde. Ich bin nämlich reif und besonnen und meine besten Freunde sind natürlich genauso reif und besonnen wie ich, sonst wären sie nicht meine besten Freunde, versteht sich. Bis vor kurzem war ich der festen Überzeugung gewesen, dass meine Freunde niemals Facebook nutzen würde, um ihren Standpunkt deutlich zu machen und ihre Bedürfnisse durchzusetzen.

Bis vor kurzem war ich der festen Überzeugung gewesen, dass zwischenmenschliche Beziehungen auch in Zeiten der Beschleunigung und der sozialen Netzwerke einen realen, fühlbaren Wert besitzen. Bis ich letzten Sommer von der Hochzeit einer Freundin in meine Wohnung in Wien zurückgekommen war und festgestellt habe, dass sie mich noch am Tag meiner Abreise aus Facebook entfernt hatte.

Ich kannte sie schon seit zwölf Jahren. Ich hatte sie seit einer gefühlten Ewigkeit nicht gesehen, den Weg von 900 Kilometer in den Norden von Deutschland aber trotz Geldmangels gerne in Kauf genommen, um am angeblich wichtigsten Tag in ihrem Leben dabei sein zu können. Eingeladen hatte sie mich per Facebook, ins Ausland telefonieren ist schließlich teuer, auch wenn es um eine Hochzeit geht.

Da sie mir versichert hatte, dass ich auf der ausklappbaren Couch in ihrem Wohnzimmer übernachten könne, war ich doch etwas verwundert, als sie mir am Abend vor ihrer Hochzeit eröffnete, dass ich mir die 120 mal 200 Zentimeter große Liegefläche mit drei Typen teilen sollte, die ich noch nie zuvor in meinem Leben gesehen hatte.

Ich meine, ich bin ja nicht unsozial, unnötig anspruchsvoll oder ähnliches, eine Isomatte hätte mir schon auch gereicht und wenn ich von dieser Platznot vor meiner Ankunft in Kenntnis gesetzt worden wäre, hätte ich mir auch meine beschissene Isomatte mitgenommen und mich auf ein freies Stück Boden verzogen und die Klappe gehalten.

Aber dem war nicht so und somit saß ich abends in einem kleinen Dorf, ohne weitere Übernachtungsmöglichkeiten, fest und versuchte mit den drei Typen klarzukommen, von denen sich einer bestimmt tagelang nicht geduscht hatte – wovon ich ausgegangen war, weil er sich während seines Monologs über Nachhaltigkeit mehrmals seine fettigen, ungewaschenen Strähnen aus dem Gesicht gestrichen hat.

Als ich meiner Freundin am Tag der Abreise und nach einer Nacht ohne Schlaf meinen Unmut verbal deutlich machte, indem ich ihr ganz direkt ins Gesicht sagte, wie scheiße ich ihr Verhalten finden würde, meinte sie nur, dass ich mich in den letzten Jahren verändert hätte und wir bestimmt irgendwann mal wieder voneinander hören werden.

Verändert? Nein ich hatte schon vor Jahren keinen Bock darauf gehabt, mich an ungewaschene Möchtegern-Hippies zu kuscheln. Voneinander hören? Damit meinte sie wohl, dass sie mich aus Facebook und Skype entfernen wird. Ich für meinen Teil saß ein paar Stunden später auf dem Weg nach Wien verwirrt auf meinem Sitzplatz im ICE – der mich eine unverschämte Summe gekostet hatte – und dachte darüber nach, wie man die Freundschaft wieder kitten könnte.

Zuhause angekommen starrte ich dann zunächst eine Weile fassungslos in den Bildschirm meines Notebooks, auf ihr Profilbild und auf das „Freund/in hinzufügen“, bis mich eine Welle der Erleichterung überkam. Nach zwölf Jahren emotionaler Auseinandersetzungen und Streitereien nun endlich ein glattes Ende.

Sie hatte mit meinem Exfreund gevögelt und ich hatte ihr verziehen. Sie hatte einen mit mir geplanten und bezahlten Urlaub platzen lassen – um mit ihrem neuen Freund zu vögeln, und ich bin allein gefahren und habe ihr verziehen.

Damals hatten wir noch kein Facebook. Damals haben wir uns getroffen, geredet, argumentiert, gestritten und uns schließlich wieder vertragen. Damals sind wir auf ein Bier und einen Jägermeister gegangen und haben uns gern gehabt. Damals, als sie mit meinem Freund geschlafen hat, saßen wir eben etwas länger zusammen, um zu reden. Damals, wenn wir schon Facebook gehabt hätten, ich hätte sie nicht gelöscht. Ganz sicher nicht.

Ich schaue immer noch auf ihr Bild, „Freund/in hinzufügen“ und auf einmal denke ich mir, ganz oder gar nicht und spüre, wie sich in mir all die aufgestaute Wut bündelt, die seit langem in mir brodelt und raus will, verliere jegliche Reife und Besonnenheit, klicke auf „Blockieren“ und mache damit für alle Zeit unmöglich, dass sie mich finden kann. Nie wieder. Ganz sicher.

Die Illustration stammt von Flamenco und Icons8
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Tradition in Kyoto: Das eigene Papier

Seit einigen Jahren wird der Begriff Slow Living ja gern mal etwas überstrapaziert, wenn man sich einem Lebensgefühl hingeben möchte, das entgegengesetzt zum hastigen und stressigen Alltag agiert und besagt, dass man sich wieder auf das Dasein an sich konzentrieren sollte. Mit Bioprodukten kochen. L...
Tradition in Kyoto: Das eigene Papier

Tradition in Kyoto

Das eigene
Papier

Daniela Dietz

Seit einigen Jahren wird der Begriff Slow Living ja gern mal etwas überstrapaziert, wenn man sich einem Lebensgefühl hingeben möchte, das entgegengesetzt zum hastigen und stressigen Alltag agiert und besagt, dass man sich wieder auf das Dasein an sich konzentrieren sollte. Mit Bioprodukten kochen. Langsam atmen. In den Wäldern wandern gehen.

Japan ist an sich ein Land der extremen Gegensätze. Epische, technische Fortschritte auf der einen Seite kollidieren mit der behutsamen und durchaus stilleliebenden Lebensart der Japaner. Zwischen den Wolkenkratzern und Neonlichtern verbergen sich alte Tempel, kleine Parks und die ein oder anderen Geister, die nicht immer böse sein müssen.

In Kyoto hat uns Yuriko Rico Ogura gezeigt, wie wir unser eigenes Papier herstellen können. Wenn das mal nicht Slow Living in Reinkultur ist, dann weiß ich auch nicht. Mit ganz viel Geduld und Vorsicht wird hier zuerst die Pulpe, der Faserbrei, in einer Wanne voller Wasser vorbereitet und dann daraus mit einem Gitterrahmen und einem Tuch das Papier geschöpft. Sehr entspannend!

Tradition in Kyoto: Das eigene Papier Tradition in Kyoto: Das eigene Papier Tradition in Kyoto: Das eigene Papier
Die Fotografie stammt von Marlen Stahlhuth
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Sein Name war Peter: Erinnerungen an die erste kleine Liebe

Das erste Mal verliebt war ich in der dritten Klasse. Sein Name war Peter. Er hatte dunkle Locken, war Fußballer und bewarf mich im Unterricht gerne mit Papierkügelchen, die, wenn man sie auseinander rollte, erkennen ließen, dass er sie aus den Seiten seines Mathematikheftes gebastelt hatte. Das erk...
Sein Name war Peter: Erinnerungen an die erste kleine Liebe

Sein Name war Peter

Erinnerungen an die
erste kleine Liebe

Jana Seelig

Das erste Mal verliebt war ich in der dritten Klasse. Sein Name war Peter. Er hatte dunkle Locken, war Fußballer und bewarf mich im Unterricht gerne mit Papierkügelchen, die, wenn man sie auseinander rollte, erkennen ließen, dass er sie aus den Seiten seines Mathematikheftes gebastelt hatte. Das erklärte wohl auch seine schlechten Noten in diesem Fach.

Peter war ein Rebell. Und genau das mochte ich an ihm. Dass er mich auch ganz gerne hatte, hatte ich natürlich längst durchschaut. Zumindest in der Grundschule kann man noch darauf vertrauen, dass an dem Satz „Was sich liebt, das neckt sich!“ wirklich etwas dran ist.

Ich war ein ziemlich schüchternes Kind. Und abgesehen davon fand ich Jungs – zumindest, wenn meine Freundinnen und Eltern mich zu dem Thema befragten – entsprechend meines Alters auch noch ziemlich doof. Es war damals so etwas wie ein ungeschriebenes Gesetz, dass man als bis zu einem gewissen Alter Jungs blöd zu finden hatte – und umgekehrt. In der Realität waren die meisten von uns jedoch bereits im Kindergarten zum ersten Mal so ein ganz wenig verknallt.

Jedenfalls hätte ich niemals den ersten Schritt gemacht und Peter meine Liebe gestanden. Obwohl es natürlich ganz offensichtlich war, dass ich ihn mochte und er mich. Und so flogen fast ein ganzes Schuljahr lang lediglich Papierkügelchen zwischen uns hin und her, oder wir klauten uns gegenseitig das Lineal, was man halt als Kind so macht, wenn man die Aufmerksamkeit eines anderen auf sich ziehen möchte. Im Nachhinein betrachtet was das Ganze natürlich ziemlich affig, und ich glaube, sowohl Peter als auch ich können heute froh sein, dass uns diese Aktionen keinen Eintrag im Klassenbuch beschert haben.

Gegen Ende des dritten Schuljahres jedoch änderten sich ein paar Dinge. Peter wurde plötzlich ruhig, sah mich kaum noch an. Ich hatte mich schon damit abgefunden, dass meine erste Liebe kein Interesse mehr an mir hatte, als kurz vor den Sommerferien etwas Erstaunliches geschah: Nach einer Stunde Gemeinschaftskunde kam Peter zu mir und legte mir wortlos und ohne mich eines Blickes zu würdigen einen Briefumschlag auf den Tisch.

Meinen Freundinnen war das natürlich nicht entgangen, und so musste ich den Umschlag in der großen Pause vor ihren Augen öffnen und den Inhalt des Briefes laut vorlesen. Es war eine Einladung zu Peters Geburtstagsfeier, die in der letzten Woche der Sommerferien stattfand. Mein Herz klopfte bis zum Hals.

Meinen Freundinnen allerdings gefiel die Sache nicht so gut wie mir. Sie betrachteten es als eine Art Hochverrat, wenn ich zu dieser Feier gehen würde – schließlich kam die Einladung von einem Jungen, und Jungs waren zu dieser Zeit unser allergrößter Feind. Neben Hausaufgaben und unangekündigten Klassenarbeiten, versteht sich.

Das Datum fiel allerdings genau in den Zeitraum, den ich im Familienurlaub in Spanien verbringen würde, wie ich erfuhr, als ich meiner Mutter am Nachmittag Peters Einladung vorlegte. Mein Traum, mit dem aus meiner Sicht tollsten Jungen, den die Welt je gesehen hatte, anzubandeln, war damit wieder einmal geplatzt.

Ich war mir sicher, dass Peter mich nie wieder eines Blickes würdigen würde, wenn ich nicht zu seiner Feier käme – zumal ich wusste, dass er noch ein paar Mädchen aus der Parallelklasse eingeladen hatte, die ihn auch alle toll fanden und sich die Chance, einen ganzen Nachmittag mit ihm zu verbringen, sicher nicht entgehen lassen würden.

Zu Beginn des vierten Schuljahres hatte ich mit dem Thema Peter eigentlich schon abgeschlossen. Ich war sowieso noch viel zu jung für einen Freund, und außerdem hatte ich inzwischen andere Dinge im Kopf, die mich beschäftigten, wie auf welche weiterführende Schule ich wohl gehen würde und wie ich meine Eltern dazu überreden könnte, mir ein Tamagotchi zu kaufen. Außerdem hatte ich gerade mit dem Klavier spielen begonnen und opferte meine gesamte Freizeit dafür auf, Stücke zu lernen, die meiner Klavierlehrerin niemals auf den Notenständer gekommen wären.

Dann kam allerdings meine allererste Klassenfahrt. Und die änderte dann noch mal alles. Wir waren in irgendeinem Landschulheim, gar nicht weit von zuhause entfernt, und wurden von unseren Lehrern jeden Tag regelrecht zum Wandern gezwungen. Es war die Hölle, denn irgendwie hatten wir alle uns unsere erste große Klassenfahrt anders vorgestellt – eben mehr so, wie in den Spielfilmen, die wir aus dem Fernsehen kannten.

Ein Tag jedoch ist mir bis heute in wunderbarer Erinnerung geblieben. Peter und ich hatten seit Wochen kein Wort mehr miteinander gesprochen, doch an diesem einen Tag, lief er bei einer unserer Ausflüge neben mir – und nahm einfach meine Hand. Einfach so, ohne etwas zu sagen. Und ich ließ ihn. Ab diesem Moment kam mir die Wanderung, auf der wir uns befanden, nämlich gar nicht mehr so schlimm vor wie zuvor.

Wir haben zwar nie wirklich darüber gesprochen, aber seit diesem Zeitpunkt waren Peter und ich irgendwie zusammen. Ein Paar, so wie Erwachsene eben auch Paare waren, zumindest in unseren kindlichen Vorstellungen von Paarbeziehungen. Wir schrieben uns im Unterricht gegenseitig Zettel, wie gerne wir uns hatten und in den Pausen hielten wir Händchen. Über diese Art der Zuneigung ging unsere Beziehung nie hinaus – aber wir waren ja auch noch Kinder, und irgendwie war das, was wir hatten, wirklich schön.

Nach den darauffolgenden Sommerferien trennten sich jedoch unsere Wege, weil wir auf unterschiedliche Schulen in verschiedenen Städten kamen. Ein Versprechen, dass wir den Kontakt halten würden, hat es nie gegeben. Es endete so sanft und wortlos, wie es begonnen hatte. Aber irgendwie war das nicht schlimm, sondern auf seine eigene Art und Weise genau richtig. Und ich glaube, es gibt nur wenige Menschen, die von ihrer ersten Beziehung sagen können, dass sie durch und durch schön war, vom Anfang bis zum Schluss. Die von Peter und mir war es.

Vor einigen Tagen habe ich seinen Namen bei Google eingetippt. Und tatsächlich seine Telefonnummer gefunden. Ich hätte ihn gerne angerufen und gefragt, was er heute macht. Wie sein Leben und seine Lieben so verlaufen sind, seit wir uns aus den Augen verloren haben. Ich hab mich aber entschieden, es nicht zu tun, denn ich mag zwar die Erinnerung an ihn – meine allererste Liebe – aber manchmal muss man es genau dabei belassen.

Die Illustration stammt von Icons8
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Bumsen statt BAföG: Prostituiert euch!

Ich habe überlegt, diesen Text mit dem Satz Sexarbeit ist etwas ganz Tolles! zu beginnen. Und mich aus den nahe liegendsten Gründen dagegen entschieden. Sexarbeit ist eine Arbeit wie jede andere. Sie dient dem Geldverdienen, wie jeder normale Job eben auch. Und der Job, den man sich in unserem L...
Bumsen statt BAföG: Prostituiert euch!

Bumsen statt BAföG

Prostituiert
euch!

Nadine Kroll

Ich habe überlegt, diesen Text mit dem Satz „Sexarbeit ist etwas ganz Tolles!“ zu beginnen. Und mich aus den nahe liegendsten Gründen dagegen entschieden. Sexarbeit ist eine Arbeit wie jede andere. Sie dient dem Geldverdienen, wie jeder „normale“ Job eben auch. Und der Job, den man sich in unserem Land ja glücklicherweise in den meisten Fällen selbst aussuchen kann, macht im Normalfall an einem Großteil der Tage auch noch Spaß.

Pornos zu drehen ist im Prinzip ja nichts anderes als Brötchen zu verkaufen. Nur dass man bei Ersterem halt nackt ist. Und Prostitution ist nicht nur das älteste, sondern in meinen Augen auch das ehrlichste Gewerbe der Welt. Für Prostitution werden keine Tiere geschlachtet und, zumindest, wenn alles mit rechten Dingen zugeht, keine Menschen getötet. Die Erde wird nicht ihrer natürlichen Ressourcen beraubt. Und bereichern tut sich daran niemand, außer der Arbeitskraft selbst. Sofern natürlich kein Zuhälter dahintersteht.

Ein Mensch verkauft lediglich seinen Körper und nicht wie andere Menschen, man werfe an dieser Stelle einen Blick auf die Leute, die hinter der BILD-Zeitung, RTL oder den großen Banken dieser Welt stecken, seine Seele.

Mittlerweile ist ja bekannt, dass sich ein Großteil der Studentinnen und Studenten mit Gelegenheitsprostitution, oftmals einfach „Hostessjobs“ genannt, damit nicht jeder sofort weiß, was wirklich Sache ist, über Wasser hält. Auch ich stand bereits des Öfteren vor der Wahl hungern oder ficken. Weil das BAföG nicht mal ansatzweise die Materialkosten deckt, die man als Student eben so hat. Und für mich war die Entscheidung jedes Mal klar.

Ich sprach das Thema genau einmal meiner Mutter gegenüber an, als ich wieder mal in einer finanziellen Notlage war. Nicht, weil ich Geld von ihr wollte, sondern weil ich wissen wollte, wie sie wohl reagiert, wenn sie wüsste, dass ich meinen Körper verkaufe. Um die Situation zumindest vorerst in den Griff zu kriegen. Ich bekam eine Standpauke ohnegleichen.

Sie sagte mir, dass ich viel zu intelligent sei, um auf so etwas angewiesen zu sein. Dass es da draußen jede Menge andere Jobs gibt. Dass ich mir meine zukünftige Karriere als was auch immer ruinieren könne, wenn rauskäme, dass ich mal als Nutte tätig war. Dass ich sie wirklich enttäuschen würde, wenn ich diesen Plan so durchziehen würde, wie ich ihn ihr geschildert hatte. Und dass, bevor ich mich wirklich prostituieren müsse, sie einfach mehr arbeiten und finanziell für mich aufkommen würde.

Sie hat also gleich alle Klischees und Vorurteile rausgehauen, die ich persönlich schon lange nicht mehr hören kann. Zum Schweigen gebracht habe ich meine Mutter erst, als ich vorschlug, es dann stattdessen mit dem Verkauf von Drogen zu versuchen. Von der Idee war sie übrigens ähnlich angetan wie von meiner Karriere als Prostituierte. Nämlich gar nicht.

Keine Ahnung, wieso eigentlich so viele Menschen, die nicht direkt davon betroffen sind, so ein großes Problem mit Sexarbeit haben. Zumindest, wenn man sie damit konfrontiert. Zuhause, vor dem Computer, also da, wo einen niemand sehen kann, ziehen sie sich ja auch gerne die Sexfilmchen rein, für die sie die Menschen, die dafür sorgen, dass sie exakt das tun können, also Pornos gucken und dazu wichsen, im Alltag aufs Allerschärfte verurteilen.

Das Problem scheint aber immer dann am größten zu sein, wenn die eigene Tochter oder der eigene Sohn beruflich in die Sexarbeit gehen möchte. Andere dürfen das ja machen, aber nicht mein Kind. Mein Kind hat etwas Besseres verdient als das. Falsch. Dein Kind hat in erster Linie verdient, sein Leben nach seinen eigenen Bestimmungen zu leben.

Und wenn es gerne für Geld Schwänze lutschen oder sich in den Arsch ficken lassen will, dann ist es sein gutes Recht, genau das zu tun. Mit Kameras drum herum. Ohne Kameras. Mit zwanzig verschiedenen Menschen an einem Tag oder alleine mit dem Vibrator vor der Webcam. Wenn du dein Kind liebst, dann unterstützt du es. Ganz egal, ob es Busfahrer, Wirtschaftsunternehmerin oder Sexarbeiter werden will.

Natürlich gibt es noch die andere Seite. Also die, die vor allem das Prostitutionsgewerbe an sich toll findet, weil da ja arme, verzweifelte Kerle, die sonst niemanden abgeben, sich sexuell befriedigen lassen können, aber selbst das Angebot natürlich niemals in Anspruch nehmen würden, weil sie es ja gar nicht nötig haben, zu einer Nutte zu gehen. Entschuldigung, aber habt ihr vielleicht mal darüber nachgedacht, dass Menschen Prostitution nicht in Anspruch nehmen, weil sie sonst nichts zu ficken finden, sondern weil sie es toll finden?

Es gibt Menschen, die sich daran aufgeilen, andere für Sex zu bezahlen. Ob das jetzt ethisch korrekt ist oder nicht, darüber lässt sich natürlich wieder streiten, aber es gibt eben viele verschiedene Gründe, warum insbesondere Männer sich gerne von Huren verwöhnen lassen. Menschen, die Prostitution in Anspruch nehmen, sind keine Schlappschwänze, auch wenn ihr sie gerne als solche abstempelt. Im Gegenteil. Sie gehen ja dort hin, um mal wieder ordentlich zu ficken und ihren prächtigen Schniedel in eine feuchte und willige Muschi zu stecken.

Wenn du Pornokonsument bist, dann hinterfrage doch an dieser Stelle kurz, warum du solche Filme schaust. Weil es geil ist, oder? Weil es deine Fantasie anregt und befriedigt. Es ist exakt das Gleiche, was Prostituierte auch tun, nur dass im Falle von Pornos du derjenige bist, der Hand an sich legt und es im Fall der „käuflichen Lust“ eben eine Nutte ist, die das für dich übernimmt. Scheiß Doppelmoral, echt jetzt.

Ich wünsche mir für alle Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter und die Menschen, die Sexarbeit in Anspruch nehmen, egal ob das jetzt durch Pornos, Bordellbesuche oder andere sexuelle Dinge, die man so kaufen kann, sind, dass das alles nicht mehr so abwertend betrachtet wird, wo es doch schon seit Jahrhunderten ein fester und auch wichtiger Bestandteil unserer Gesellschaft ist.

Und ich wünsche mir mehr Pornos für Frauen. Sowohl homo-, als auch heterosexuelle. Unsere Vorlieben werden nämlich tatsächlich allgemein noch viel zu wenig bedient. Außerdem wünsche ich mir ein Bordell für Frauen. Sowas scheint es nämlich auch noch nicht zu geben. Ich würde ja tatsächlich eines eröffnen, aber ich bezweifle, dass meine Mutter mir das nötige Startkapital für ein solches Unternehmen leiht.

Die Fotografie stammt von Garin Chadwick
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Mädchen in New York: Zuhause mit Shannon Sullivan

Habt ihr euch schon mal gefragt, wie es wohl wäre, wenn ihr einfach eure Sacken packen, den ganzen Scheiß hier hinter euch lassen und in Amerika ein neues Leben beginnen würdet? Shannon Sullivan macht genau das. Sie arbeitet, tanzt, küsst, trinkt und lacht - und das alles in der Metropole der mehr o...
Mädchen in New York: Zuhause mit Shannon Sullivan

Mädchen in New York

Zuhause mit
Shannon Sullivan

Daniela Dietz

Habt ihr euch schon mal gefragt, wie es wohl wäre, wenn ihr einfach eure Sacken packen, den ganzen Scheiß hier hinter euch lassen und in Amerika ein neues Leben beginnen würdet? Shannon Sullivan macht genau das. Sie arbeitet, tanzt, küsst, trinkt und lacht – und das alles in der Metropole der mehr oder weniger unendlichen Träume: New York City.

Kein Wunder also, dass der Fotograf Atisha Paulson Shannon als Muse und Model für seine neue Fotoserie „Aftermath“ ausgesucht hat, die er wiederum für Sticks & Stones schoss. Mitten in Brooklyn, dort also, wo das alternative Leben von New York pulsiert, abseits der funkelnden Wolkenkratzer und wohlhabenden Oberschicht. Hier ist die Ostküste noch echt, pur und aufregend.

Wenn ihr also eh hier nichts mehr zu verlieren habt, dann tut es doch Shannon Sullivan doch einfach gleich, verabschiedet euch von euren übrig gebliebenen Freunden und geht mal wieder ein Risiko ein. New York City wartet auf euch. Trotz Donald Trump. Trotz Gefahren. Trotz Zukunftsängsten. Und, wer weiß, vielleicht trefft ihr ja auf irgendeiner der zahlreichen Partys Atisha und Shannon.

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Die Fotografie stammt von Atisha Paulson
Als Model ist Shannon Sullivan zu sehen
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Türkisches Paradies: Ein Stückchen Dekadenz in Didim

Didim ist nicht nur irgendein Urlaubsort, an dem getrunken und gefeiert wird. Denn beim Namen der Stadt beginnend, trägt es Geschichte, die leider im eigenen Land kaum Achtung geschenkt bekommt. Es sind die Deutschen und Franzosen, die das Geld und Interesse haben, um das kulturelle Erbe zu entdecke...
Türkisches Paradies: Ein Stückchen Dekadenz in Didim

Türkisches Paradies

Ein Stückchen
Dekadenz in Didim

Meltem Toprak

Didim ist nicht nur irgendein Urlaubsort, an dem getrunken und gefeiert wird. Denn beim Namen der Stadt beginnend, trägt es Geschichte, die leider im eigenen Land kaum Achtung geschenkt bekommt. Es sind die Deutschen und Franzosen, die das Geld und Interesse haben, um das kulturelle Erbe zu entdecken und erhalten. Archäologen kommen jedes Jahr hierher, um rund um den Apollontempel weiter herum zu graben. Das Orakelheiligtum ist dem „griechischen und römischen Gott des Lichts, des Frühling, der Kunst und der Weissagung“ gewidmet.

Mein erster Halt ist also Didim, eine kleine Stadt zwischen Izmir und Bodrum an der Ägäis, an der ich mich nun seit einigen Wochen aufhalte. Sie ist eine dieser Touristenstrandstädte, die massenweise von Engländern belagert werden, die auf Şemamê Halay tanzen, vielleicht ohne zu ahnen, dass das Wort eigentlich kurdisch ist.

Etwas über die türkische Kultur weiß leider kaum einer der Briten, die 25 Prozent der Einwohner Didims ausmachen. Ein anderer Teil besteht aus in Deutschland lebenden türkischen Arbeitern, meist Aleviten, für die der Besitz eines Ferienhauses möglich ist, da es zum Leben und Urlaubmachen im Vergleich zu Bodrum und Cesme noch günstig ist.

Apropos Cesme, da würde sich Kıvanç Tatlıtuğ eigentlich aufhalten, aber in der Werbung für türkische Fanta erklärt er, warum er dort nicht hingeht. Die Werbung hat funktioniert. Ich trinke Yedigün, obwohl ich nur Coke liebe. Aber keine Pepsi-Cola. Diese Dose, auf dem er verpixelt abgebildet ist, soll also die einzige Annäherung sein, wie sich später herausstellen wird.

Kopftuchträger lockt es hier aber auch gern öfter hin. Die Menschen sind so tolerant und aufgeklärt. Hier schreit keiner auf, wenn er eine dicke Frau mit Kopftuch in einem Raumschiffkostüm aus dem Wasser heraus watscheln sieht. Obwohl sie aussieht wie ein Baywatch-Hottie, an dessen Körper jede einzelne Rundung optimal zu erkennen ist.

Aber während meines Aufenthalts hat ja zum Glück auch schon der Ramadan-Monat angefangen. Das bedeutet, dass viele zurück in die Heimat fahren, um dort zu fasten und an Bayram die Festtage wieder am Meer zu zelebrieren. Während man hier also wenigstens ungestört essen und trinken kann, sieht es im Osten der Türken schon wieder ganz anders aus, wie ich später spüren werde. Denn die meisten Urlauber sind Aleviten, die ihren Glauben sehr liberal ausführen.

Die Küste muss sich, ohne gefragt zu werden, verkaufen, Kultur geht verloren, um Geld zu machen, weil es einfach nicht anders geht. Es entstehen also Subkulturen. In der Nachbarschaft wohnen Engländer, Iren, Deutsche, Amerikaner und Türken aus dem eigenen Land und Deutschland, Frankreich Österreich. Das nenne ich Multi-Kulti.

Meine Freundin Kiana ist Halbjamaikanerin und die Enkelin meiner Nachbarn. Kianas Großeltern sind sehr herzliche Menschen, haben immer ein Englisch-Türkisch-Wörterbuch auf dem Tisch auf der Veranda liegen, wenn ich sie besuchen komme, und grüßen ihre Nachbarn mit einem Merhaba oder Günaydin.

Kiana selbst lebt in Manchester, und geht bald aufs College. Ihre Großeltern aber wohnen schon seit einigen Jahren hier in Didim und genießen wahrlich das gute Wetter, welches übrigens sehr häufig ihre Antwort auf die Frage nach ihrem Wohlbefinden ist.

Rot sind sie auch, und Bier trinken sie auch ganz gern, und ein letztes Vorurteil lässt sich auch noch bestätigen: Sie haben ein Foto von der Hochzeit von Kate und Prinz William in ihrem Wohnzimmer hängen. Ich musste zweimal hinsehen, denn mit meinen anderen englischen Nachbarn, einem jungen Paar aus Liverpool, haben wir noch über das Trara gelacht, das soweit ging, dass man Straßenfeste für die Hochzeit organisiert hatte.

Obwohl ich die britische Insel noch nie betreten habe, lerne ich sie so doch irgendwie kennen, und wie sehr sich die regionalen Kulturen in Deutschland voneinander unterscheiden zeigen mir die zahlreichen Deutschtürken, die hier sind. Und darüber muss ich wirklich lachen, denn im Flugzeug Richtung Türkei las ich im ZEITmagazin noch über bestehende Vorurteile und sie alle haben sich bestätigt.

Die Münchner erzählen mir im Beachclub von Dekadenz und ich lache innerlich, „schnöselig sind sie dem ZEITmagazin zufolge, während sich die Frankfurter, so eingebildet wie sie sind, gegenüber sitzen und kein Wort reden.

Das sind eben die “Versnobten”, die an der Zeil entlang bis hin zur Fressgass stolzieren mit der Nase in der Höhe. Und die Berliner sind so kommunikativ und „ruppig“, dass sie dich einfach ansprechen, wenn sie dich beim Vorbeilaufen nur Deutsch reden hören. Und die aus Nordrhein-Westfalen sind einfach einfach.”

Nerelisin? Woher kommst du, die erste Frage, die der Türke dem Gegenüber stellt. Das fragt man sich erst auf Deutsch, und dann im Laufe des Gespräches auf Türkisch, da uns die deutsche Kultur in erster Linie schon verbindet.

Doch da die kulturellen Unterschiede regional viel unterschiedlicher als in Deutschland sind, möchte man auch immer wissen, woher der Gesprächspartner aus der Türkei kommt. Das heißt eigentlich, woher die Eltern kommen. Die Türken, die in der Türkei leben, nennen wir übrigens Türken-Türken, so wie man uns eben in Deutschland Deutsch-Türken nennt.

Denn was viele nicht wissen: Die Türkei ist ein Vielvölkerstaat, mit Menschen deren Vorfahren aus Bulgarien, Griechenland, Armenien, Iran und Aserbaidschan stammen. Außerdem gibt es Minderheiten wie Zazas, Kurden und Laz. Geht man also an das Schwarze Meer trifft man auf ein Volk mit eigener Sprache, eigenen Sitten und Gebräuchen, während die Menschen an der Ägäis, bekannt für ihren westlichen Lebensstil, vor allem in Izmir weniger traditionell sind.

Damit wir, eine Gruppe junger Deutschtürken, in der Sonne vom Morgen und dem Alkohol der Nacht nicht ganz verdummen, liest einer aus der iPhoneApp “Unnützes Wissen” vor, wir diskutieren über Politik, das Migrationsproblem, Religion und Wissenschaft, die ewigen Aleviten– und Sunniten-Konflikte, und weiteres, aber immer mit der deutschen Fähigkeit zur Kritik.

Morgens Medusa Beach Club, abends Medusa Beach Club. Und wir bezahlen für eine Cola und einem Red Bull unter dem Pseudonym Replay oder Coke ohne Kohlensäure 7,50 Euro, weil es der einzig gute Club in Didim ist. Der Bürgersteig vor diesem „Edelclub“ wird auch dem Vorurteil des schlechten türkischen Bürgersteigs gerecht. Hey, es braucht wirklich keinen deutschen Ingenieur, um zu wissen, dass ein drei Meter hoher Bürgersteig, nicht ergonomisch ist.

Vom Einkaufen und Essengehen rate ich euch hier ab, es sei denn ihr wollt eine Stunde lang von einem türkischen Verkäufer mit britischem Akzent, ohne nie auf der Insel gewesen zu sein, vollgelabert werden oder euch von schlechtem Fast Food ernähren.

Da es hier weder den deutschen Döner, noch ein Ordnungsamt gibt, und ich sehr deutsch bin, esse ich unterwegs das einzige, was vor meinen Augen zubereitet wird: Kumpir, eine große Kartoffel in Alufolie gebacken, die in der Mitte aufgeschnitten, mit Butter gemischt und mit verschiedenen Füllungen wie Oliven, Würstchen, Salat zu einem köstlichen Snack wird, was man hier vor oder nach dem Feiern gerne isst.

Auf dem Basar kaufen wir uns Gemüse und Obst, um zu Hause ein gesundes Mahl zuzubereiten. Da fragt doch ernsthaft eine Frau, die fastet, ob meine Schwester nicht Oliven für sie probieren könne, um zu sagen, welche Sorte die köstlichste ist. Ja, es passieren schon seltsame Dinge, wenn man hier einkaufen geht.

Wenn man hier eine Waschmaschine kauft und Vertragskunde des größten Konkurrenten Vodafones ist, bekommt man mit dem bloßen Senden einer SMS mit dem Inhalt „Avantage“ an die 54542 Rabatt in Höhe von 100 Euro auf ein Elektrogerät.

Und wie klein die Welt wirklich ist, merkt man daran, dass sich sowohl die Kunden im Elektroladen, als auch die in der gegenüberliegenden Bank bei einer Bevölkerungzahl von 75 Millionen als eigentliche Bekannte aus dem winzigen Dorf in Anatolien herausstellen. So was passiert eben nur in der Türkei.

Aber es geschehen auch Dinge zum Nachdenken, wenn man einkaufen geht. Als ich einen Jugendlichen mit blauen Nikes sehe, der einen Holzrad vor sich herschiebt, um Tontüpfe zu verkaufen, blicke ich ihn kurz an und im nächsten Moment sehe ich meine Mutter einen Topf begutachten und kaufen. Mein Vater ruft ihr verärgert zu, dass sie doch schon einen habe.

In dem Augenblick, in dem meine Mutter ihm das Geld gibt, sagt er noch, nein Tante, wenn der Onkel schimpft, nimm es lieber nicht. So viel Verständnis von einem jungen Verkäufer, der sich wahrscheinlich etwas Kleingeld für das Studium verdient. Er ist nicht der Einzige. Viele Menschen reisen aus Anatolien hier her, um zu arbeiten, während andere hier Urlaub machen. Und allein deshalb weiß man es zu schätzen, und merkt sich fürs Leben, dass auch das mal wieder keine Selbstverständlichkeit ist.

Die Fotografie stammt von Caglar Araz
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Sexuelle Offenheit: Mädchen, die sich küssen

Es ist mal wieder Montag. Zeit, langsam wach zu werden, das Wochenende zu verarbeiten, Erinnerungsfetzen zusammen zu puzzeln. Laut Augenzeugenberichten muss ich am Samstag wohl auf dieser Party gewesen sein. Es war eine gute Party, soviel weiß ich. Zumindest erinnere ich mich nur noch an Gutes. Näml...
Sexuelle Offenheit: Mädchen, die sich küssen

Sexuelle Offenheit

Mädchen, die
sich küssen

Lena Freud

Es ist mal wieder Montag. Zeit, langsam wach zu werden, das Wochenende zu verarbeiten, Erinnerungsfetzen zusammen zu puzzeln. Laut Augenzeugenberichten muss ich am Samstag wohl auf dieser Party gewesen sein. Es war eine gute Party, soviel weiß ich. Zumindest erinnere ich mich nur noch an Gutes. Nämlich an die Mädchen.

Oh mein Gott, überall, so kam es mir jedenfalls vor, sah man küssende Mädchen. Also keine von diesen Mädchen, die Jungs küssen. Solche, die andere Mädchen küssen. Keine Bussibussi-Mädchen, eher die Sorte, die sich gegenseitig auf der Unterlippe herum knabbern und dabei tief in die Augen sehen. Mädchenunterlippen. Alter.

Man fühlt sich so ein bisschen wie ein Statist in einem Musikvideo von Complicated Universal Cum. Oder wie im Himmel. Sie stehen da, also um mich herum, ich lechze und starre, und in mir wächst der Drang, eine von ihnen niederzuschlagen und an den Haaren in meine Höhle zu zerren. Eigentlich hält mich nichts davon ab, ich kann mich einfach nur nicht entscheiden, welche.

Irgendwann komme ich mit der niedlichen Brünetten, die ihre Zunge an diesem Abend bereits in zwei verschiedene Frauen und einen Kerl gesteckt hat, ins Gespräch. Ich frage, wie lange sie schon bisexuell ist. Sie lacht mir ins Gesicht. Nein, sie sei nicht bi, ist doch alles nur ein bisschen Spaß hier.

Mein Herz zerspringt in tausend kleine Teile. Wie bitte? Und sie ist da nicht die Einzige – dieser Dialog wird sich im Verlauf der Nacht noch öfter mit den anderen Mädchen wiederholen. Es bleibt immer der Gleiche, nur die Haarfarbe, die variiert von Zeit zu Zeit.

Ich gebe zu, die Situation ist ja jetzt nicht neu. In den letzten Jahren tauchten sie plötzlich überall auf, diese sich gegenseitig knutschenden Heterofrauen. Ich meine, was ist da los? Klaro, ich bin sicher die Letzte, die irgendwas gegen eine kleine Show in einem angesagten Club einzuwenden hätte, es erspart mir die mühsame Suche im Internet.

Aber was bringt eine Frau dazu, eine andere zu küssen, wenn sie doch eigentlich auf Männer steht? Ist es der Reiz des Verbotenen? Einfach mal die kleine verrückte Schlampe rauslassen, Grenzen übertreten, Dinge tun, die Mama und Papa aber gar nicht gutheißen würden, Fräulein?

Oder ist es wirklich nur der Spaß, den die ganze Sache verspricht? Ja, mit Sicherheit ist das auch ein Grund. Küssen an sich ist ja schon ein unterhaltsamer Zeitvertreib. Kommen dann auch noch zwei Paar Brüste dazu, wird’s natürlich doppelt lustig. Und so abgedroschen es auch klingen mag – eine Frau weiß einfach am besten, was eine andere will.

Und es sieht ja auch irgendwie gut aus. Mein Gott, es sieht so gut aus. Frauen wollen gut aussehen. Dafür kann man dann schon mal das ein oder andere Opfer bringen. Und genau das bringt uns eigentlich zum vermutlich Wichtigsten aller Gründe: Frauen, die andere Frauen in der Öffentlichkeit küssen, stehen im Mittelpunkt. Sie wollen gesehen werden.

Es ist eine todsichere Methode, die Aufmerksamkeit eines Mannes auf sich zu ziehen. Und es ist ein einfacher Weg, sexuelle Offenheit zu signalisieren. Reine Manipulation. Und irgendwie niedlich. Der ganze Aufwand für die Kerle. Auch wenn es mich fast ein wenig traurig macht, habe dann ja irgendwie am Ende doch die Arschkarte gezogen. Aber eben nur fast. Ist nämlich ziemlich schön anzusehen. Ihr Rampensäue.

Die Fotografie stammt von Smitty
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Mein neues Handy: Wir werden von Wurstfingernazis regiert

Wieder einmal hat Gott mich um die Pole Position des Lebens betrogen. Und wieder einmal passierte das im schleichenden Prozess. So schleichend, dass ich nicht mitbekam, wie der Heiligste der Heiligen mich fett trollte. Zuerst badete er mich in buttriger Sicherheit, nur um dann wiehernd und weinend v...
Mein neues Handy: Wir werden von Wurstfingernazis regiert

Mein neues Handy

Wir werden von
Wurstfingernazis
regiert

Sara Navid

Wieder einmal hat Gott mich um die Pole Position des Lebens betrogen. Und wieder einmal passierte das im schleichenden Prozess. So schleichend, dass ich nicht mitbekam, wie der Heiligste der Heiligen mich fett trollte. Zuerst badete er mich in buttriger Sicherheit, nur um dann wiehernd und weinend vor Freude zuzusehen, wie ich einen schmierigen Riesenberg Scheiße herunterrutsche.

Okay. Mag sein, dass das jetzt ein bisschen übertrieben dargestellt ist, aber es ändert nichts an meinem Empfinden gen der Ungerechtigkeiten, die das Leben so im Alltag mit sich bringen. Wie etwa: Ich war früher diejenige, die am Schnellsten und Intuitivsten mit elektronischen Geräten klargekommen ist.

Ich tippe mit zehn Fingern schneller als der durchschnittliche Vierzehnjährige sich einen runterwedeln kann, mein Videorekorder war immer korrekt programmiert, und bis ich dann in die Pubertät kam, als solche nervigen Sachen wie Liebe und Erwachsenwerden wichtiger wurden, kannte ich mich noch perfekt mit allen Fernseh-, Computer-, Konsolen- und Gadgetmarken aus.

Sicherlich kam das zu einem verhängnisvollen Preis: Ich war fett und hässlich und wenn man mich aus dem Keller holen wollte, musste man mir erst einen Ganzkörperschutzanzug überziehen und einen Kran mieten. Aber seht ihr, ich dachte, das hält an. Ich hielt mich für The Kid, das Gehirn, das mit dem ganzen Futurescheiß aufwächst und eines Tages wie die aufgeweckten Druffijugendlichen in „Hackers“ einfach allen anderen, vor allem den alten Erwachsenen, überlegen sein würde.

Aber ich wurde vom Leben, wie bereits erwähnt, betrogen. Alles fing damit an, dass ich mich dazu entschied, auf eine Reise zu gehen, anstatt mir einen neuen Computer, ein iPad und ein Smartphone zuzulegen. Ein Jahr später sind kleine Zwölfjährige in der U-Bahn, die mich angucken, als käme ich aus dem Mittelalter, wenn ich mein verstaubtes Nokia aus der Tasche wuchte.

Mein Nokia, so einfach in der elektronischen Bedienung es auch sein mag, kann immerhin vielfach verwertet werden: als Verankerung für die Aida, als Ziegelstein für die Randalen am ersten Mai und notfalls auch als Betonklotz zum Versenken unliebsamer Feinde. Natürlich ließ ich mir so etwas nicht gefallen und machte, nach ewigem Hin und Her der wirtschaftlichen Überlegungen, den Schritt in die Zukunft: Ich kaufte mir ein iPhone.

Ich sag mal so: Wenn das die Zukunft ist, dann werden wir hier eindeutig von Wurstfingernazis regiert. Die Hausfrau in mir kriegt einen Herzschlag, wenn sie die Schmierflecken auf dem Riesenbildschirm sieht. Es kann alles. Wirklich alles. Es kann den Empfang verlieren, es kann abstürzen, es kann mich unglaublich wütend machen und es kann mich davon abhalten, in betrunkenem Zustand meinen Ex anzurufen.

Dieses Telefon ist wunderschön, und ich bin mir ziemlich sicher, wenn ich mir eine Brille aufsetze und die Anleitung rauskrame, dann werde auch ich damit glücklich und zufrieden sein. Aber es ist zu intelligent für mich. Oder vielleicht bin ich einfach nur zu alt dafür. Und vielleicht, nur ganz vielleicht, nervt es mich, dass ich nicht mal mehr mit so unwichtigen Dingen wie Telefonen einfach nur zufrieden sein kann. Und sagt nichts: mit dem Pixel erging es mir genauso. Und mit dem Windowsscheiß auch.

Eine Million zwölfjährige Supernerds, die mittlerweile gesellschaftlich akzeptiert werden, können sich ja nicht irren. Und wer dankt mal den Vorreitern? Uns fetten, hässlichen Kindern, die sich sozial abschotten mussten, um einen Nerdpfad der Coolness zu ergründen? Wer dankt uns?!

Aber für mich ist die Lernkurve zu steil. Wenn ich heute in den Spiegel gucke, sehe ich nur meine Mutter, und wünsche mir nichts sehnlicher als eigene Kinder, die ich dann fragen kann, ob sie mal das Handy für mich programmieren können. Ich will ja den Anruf heute nicht verpassen.

Die Fotografie stammt von Paul Hanaoka
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Hollow Knight: Im Königreich der Käfer

Hollow Knight gibt es quasi für jede Plattform unter der Sonne. Xbox, PlayStation und sogar für Nintendo-Konsolen - da haben die Entwickler wirklich ganze Arbeit geleistet. Höchste Zeit für uns also, euch dieses außergewöhnliche Schmankerl der Indie-Videospielriege kurz vorzustellen. Schließlich zäh...
Hollow Knight: Im Königreich der Käfer

Hollow Knight

Im Königreich
der Käfer

Marcel Winatschek

Hollow Knight gibt es quasi für jede Plattform unter der Sonne. Xbox, PlayStation und sogar für Nintendo-Konsolen – da haben die Entwickler wirklich ganze Arbeit geleistet. Höchste Zeit für uns also, euch dieses außergewöhnliche Schmankerl der Indie-Videospielriege kurz vorzustellen. Schließlich zählt der aus dem Süden von Australien stammende Jump’n‘-Run-Titel durch seine dunkle, schaurige und mysteriöse Art und Weise zu den schönsten Action-Adventures der vergangenen Jahre.

Tief unter der langsam verfallenden Stadt Dirtmouth liegt ein uraltes zerstörtes Königreich. So manch einen Abenteurer zieht es dort in den Untergrund, um nach Schätzen, Ruhm oder nach Antworten auf mysteriöse Geheimnisse zu suchen. In Hollow Knight bahnt ihr euch nun einen Weg durch eine seltsame Welt voller Insekten, Helden und andere verdorbene Kreaturen, ganz im überall beliebten Metroidvania-Stil.

Die Atmosphäre ist meist ziemlich unheimlich und manchmal sogar beunruhigend, aber hin und wieder weht ein Hauch von Humor und Leichtigkeit durch die düstere Spielwelt, besonders dann, wenn man sich mit all den seltsamen und wunderbaren Gestalten unterhält, die man unterwegs trifft. Hollow Knight sieht wahnsinnig gut aus, bietet fordernde und reaktionsschnelle Action und hat eine unglaubliche, bizarre Insektenwelt, die darum bettelt, erforscht und erobert zu werden – wenn ihr es denn drauf habt.

Ich hatte auf jeden Fall meinen Spaß mit dem Spiel, auch wenn ich an manchen Passagen schier verzweifelt bin. Das lag oft zwar nicht unbedingt am zu hohen Schwierigkeitsgrad, sondern einfach aus einer fatalen Mischung aus Tollpatschigkeit und einer irgendwann bei mir eintretenden „Augen zu und durch“-Einstellung, die nur zu noch mehr Fehlern geführt hat. Wer einen etwas höheren Frustpegel besitzt und sich von solchen Stellen den Spielspaß nicht verderben lässt, der findet mit Hollow Knight ein schönes, rundes und liebevoll durchdachtes Abenteuer.

Hollow Knight: Im Königreich der Käfer Hollow Knight: Im Königreich der Käfer Hollow Knight: Im Königreich der Käfer Hollow Knight: Im Königreich der Käfer Hollow Knight: Im Königreich der Käfer Hollow Knight: Im Königreich der Käfer Hollow Knight: Im Königreich der Käfer Hollow Knight: Im Königreich der Käfer Hollow Knight: Im Königreich der Käfer Hollow Knight: Im Königreich der Käfer Hollow Knight: Im Königreich der Käfer Hollow Knight: Im Königreich der Käfer Hollow Knight: Im Königreich der Käfer Hollow Knight: Im Königreich der Käfer Hollow Knight: Im Königreich der Käfer Hollow Knight: Im Königreich der Käfer Hollow Knight: Im Königreich der Käfer Hollow Knight: Im Königreich der Käfer Hollow Knight: Im Königreich der Käfer Hollow Knight: Im Königreich der Käfer Hollow Knight: Im Königreich der Käfer Hollow Knight: Im Königreich der Käfer Hollow Knight: Im Königreich der Käfer Hollow Knight: Im Königreich der Käfer Hollow Knight: Im Königreich der Käfer Hollow Knight: Im Königreich der Käfer
Die Illustration stammt von Team Cherry
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Gris: Spielerische Schönheit

Wenn ihr mal Lust auf ein Videospiel habt, das eben nicht normale Alltagskost ist, dann solltet ihr euch das wunderschöne Gris einmal genauer ansehen. Darin geht es um das hoffnungsvolle, junge Mädchen Gris, das in seiner Welt verloren ist, befasst mit einer schmerzhaften Erfahrung. Ihre Reise du...
Gris: Spielerische Schönheit

Gris

Spielerische
Schönheit

Annika Lorenz

Wenn ihr mal Lust auf ein Videospiel habt, das eben nicht normale Alltagskost ist, dann solltet ihr euch das wunderschöne Gris einmal genauer ansehen. Darin geht es um das hoffnungsvolle, junge Mädchen Gris, das in seiner Welt verloren ist, befasst mit einer schmerzhaften Erfahrung.

Ihre Reise durch den Kummer manifestiert sich in ihrem Kleid, das ihr neue Fähigkeiten gibt, sich durch ihre verblasste Wirklichkeit zu bewegen. Im Laufe der Handlung wächst Gris emotional und lernt, ihre Welt auf neue Art zu sehen und sie durch Fähigkeiten über neue Pfade zu erforschen, die sich ihr enthüllen.

Das Spiel ist eine entspannte und bewegende Erfahrung, frei von Gefahr, Frustration und Tod. Die Spieler erforschen eine liebevoll gestaltete Welt, die durch filigrane Grafik, detaillierte Animationen und elegante Musik zum Leben erwacht.

Lichträtsel, Plattform-Sequenzen und optionale Herausforderungen zeigen sich, während mehr und mehr von Gris Welt zugänglich wird. Gris ist ein Erlebnis fast ohne Text, mit einfachen Hinweisen zur Steuerung mittels universeller Symbole. Das Spiel kann von allen genossen werden, unabhängig von ihrer Muttersprache. Und das ist doch wirklich auch mal eine nette Idee.

Gris darf ganz klar als fantastische Reise betitelt werden, die euch in eine kunstvolle Wunderwelt entführt. Das Ganze soll ein völlig harmloses Erlebnis sein, alternativ zur immer härter, schneller und bunter werdenden Konkurrenz, bei der es immer noch krasser sein muss, um auch nur noch irgendeine Emotion vom Spieler heraus zu kitzeln.

In Gris entfaltet ihr euch sanft, leise und ohne Stress. Vielleicht ist genau das das Richtige für die besinnliche Zeit. Rund zehn Euro kostet eure Eintrittskarte in die bezaubernde Welt von Gris. Wenn ihr auch nur irgendeine Affinität für diese Art von Spielen habt, dann solltet ihr euch „Gris“ zumindest einmal ansehen.

Gris: Spielerische Schönheit Gris: Spielerische Schönheit Gris: Spielerische Schönheit Gris: Spielerische Schönheit Gris: Spielerische Schönheit Gris: Spielerische Schönheit Gris: Spielerische Schönheit Gris: Spielerische Schönheit Gris: Spielerische Schönheit Gris: Spielerische Schönheit Gris: Spielerische Schönheit Gris: Spielerische Schönheit
Die Illustration stammt von Nomada
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Rassismus im Kopf: Alle Schwarzen haben große Schwänze

Ach Gott, ich kann euch sagen! Ich weiß einfach, wie die Welt sich dreht. Ich bin ein so aufgeschlossener, respektvoller Mensch! Kein Wunder, ich wohne ja nun mittlerweile auch seit fast fünf Jahren in Berlin. Hier ist heute schon trendy, was morgen erst in der Provinz ankommt. Hier ist man offen, m...
Rassismus im Kopf: Alle Schwarzen haben große Schwänze

Rassismus im Kopf

Alle Schwarzen haben
große Schwänze

Vanessa Freitag

Ach Gott, ich kann euch sagen! Ich weiß einfach, wie die Welt sich dreht. Ich bin ein so aufgeschlossener, respektvoller Mensch! Kein Wunder, ich wohne ja nun mittlerweile auch seit fast fünf Jahren in Berlin. Hier ist heute schon trendy, was morgen erst in der Provinz ankommt. Hier ist man offen, man tauscht sich aus. Hier ist Multikulti.

Die ganzen AfD-Nasen, Pegida-Heinis und Dorf-Ossis sollten mal nach Berlin kommen, vielleicht verlieren sie dann mal die Angst vor dem, was sie eigentlich gar nicht kennen, weil es bei ihnen so gut wie nicht existiert. Berlin hat mich so geformt, Leute. Rassismus gibt’s bei mir nicht; der alten Heimat namens Mecklenburg-Vorpommern, in der man gut und gerne mal noch das N-Wort für eine schwarze Person verwendet, bin ich zum Glück rechtzeitig entflohen. Also alles cool!

Gerade bin ich beim Vietnamesen essen, wie häufiger im Monat. Ich bin dort sehr gern. Mir gefällt die vietnamesische Küche. Während ich mein Bun Bo, leichter Salat mit in Zitronengras mariniertem Rindfleisch, frischen Kräutern und eingelegtem Gemüse, angerichtet auf einem Bett aus Reisnudeln, esse, beobachte ich am Bestelltresen, wie eine ostasiatisch aussehende Frau auf die Bedienung, ich vermute jetzt einfach mal sie ist Vietnamesin, zugeht, weil sie etwas von ihr haben möchte.

„Toothpick!“, sagt sie. Ich verstehe es sofort, sie hätte gern einen Zahnstocher. Die Bedienung ist allerdings noch am Rätseln, fragt mit einem charmanten „Hm?“ noch mal nach. „Toothpick!“, sagt die ostasiatische Frau erneut und deutet nun mit ihrem Finger in Richtung Zähne. Man muss kein Tabu-Genie sein, da sie den gesuchten Gegenstand ja schon genannt hat, eher Vorschul-Tabu, um jetzt aber wirklich zu wissen, was gemeint ist. Ja, jetzt hat sie es!

Sie bewegt sich in Richtung Kühlschrank und nimmt eine Flasche Bier heraus. Die Gästin schüttelt mit leichter Verzweiflung den Kopf, will aber noch nicht aufgeben, startet daher einen letzten Versuch. Ausspruch und Geste bleiben gleich, nur alles irgendwie eine Spur energischer. Es zahlt sich aus, die Bedienung reicht ihr einen Zahnstocher. Ich feiere innerlich und bin so erleichtert ob des glücklichen Ausgangs, ich hätte fast meinen mir unbekannten, mürrischen Sitznachbarn umarmt.

Das hätte aber auch schneller gehen können, oder nicht? Warum haben die beiden aneinander vorbei geredet und nicht einfach Chinesisch miteinander gesproch… Oh, Shit. Hast du das gerade wirklich gedacht? Klar, logisch, beides irgendwie Ostasiaten, vielleicht, die müssen sicher Chinesisch sprechen. Idiot!

Die vorpommersche Provinz steckt also noch in mir. Wobei, Bullshit, an der Provinz liegt’s nicht, wohl eher an meinem arschweißen Weiß-sein. Ich bin zu weiß, um nicht rassistisch zu sein. Und es geht hier nicht um den „Holzhammer-Rassismus“, den jeder vernünftige Mensch erkennt. Kein AfDRassismus, kein TrumpRassismus, kein „Öhm, aber…“-Rassismus. Es geht um diesen subtilen, alltäglichen Rassismus, der auch vor mir, der sich ja für ach so aufgeschlossen hält, nicht Halt macht.

Der Türke arbeitet natürlich im Dönerladen, der Chinese im Chinarestaurant, der Grieche ballert mich mit Ouzo zu, ein allein herumstehender, schwarzer Typ möchte mir möglicherweise Drogen verkaufen, und hat einen großen Pimmel, eine hübsche Hawaiianerin ist „exotisch“ und der dunkelhäutige Kerl da mit dem Vollbart, der gerade ins Kino kommt, hat möglicherweise eine Bombe unter seiner Jacke.

Das sind keine Dinge, die man laut herausschreit oder zähneknirschend vor sich hin denkt, sondern Gedanken, die einem meist nur für den Bruchteil einer Sekunde in den Kopf schießen, ehe, leicht verzögert, der gesunde Menschenverstand wie ein alter Diesel-Motor anspringt. Verdammt, und ich dachte meine Weste wäre weiß, so weiß wie meine Haut.

Die Fotografie stammt von Dorrell Tibbs
Der Text erschien in der Kategorie Leben mit den Themen
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Gottesfrüchte: Eine Ode an die Brust

Wenn ich einmal sterbe, dann möchte ich in einem Paradies aus Brüsten wieder erwachen, aus großen und kleinen, aus runden und flachen, aus weißen und schwarzen. Wie Hügel reichen sie aus dem Boden, wie Berge am Horizont erstrecken sie sich, wie Äste hängen sie an den Bäumen, wie Steine liegen sie da...
Gottesfrüchte: Eine Ode an die Brust

Gottesfrüchte

Eine Ode an
die Brust

Marcel Winatschek

Wenn ich einmal sterbe, dann möchte ich in einem Paradies aus Brüsten wieder erwachen, aus großen und kleinen, aus runden und flachen, aus weißen und schwarzen. Wie Hügel reichen sie aus dem Boden, wie Berge am Horizont erstrecken sie sich, wie Äste hängen sie an den Bäumen, wie Steine liegen sie da.

Sie sind Wolken. Ein Fluss aus Milch ergießt sich vor mir, brodelnd stürzt er einen Hang herab. Ich streife durch die in den Himmel wachsenden Härchen, vorbei an haushohen Warzen, manche dunkelbraun, manche hellrot. Ihre Höfe laden die vorbei ziehenden Passanten zu einer baldigen Übernachtung ein.

Selbstverständlich sind Pos wichtig. Sie dürfen weder zu eben noch zu wuchtig sein, fest und doch elastisch. Wie Pfirsiche. Wie Äpfel. Niemals wie Fallobst. Aber sie können meinen Blick nicht lange auf sich ziehen, egal wie wohlgeformt sie auch sein mögen. Die Magie, sie liegt an einem anderen Ort, dieser hier ist nur der Weg dorthin, ein zweigeteilter Kontinent, der lediglich zur Durchreise dient. „Bitte, dreh’ dich um!“, flehe ich sie an und finde mich wieder in meinem eigenen Himmel.

Mit kleinen Flügeln bestückt, flattern sie über den Boden, ich werfe mich auf sie und drücke meinen Kopf in sie hinein, bis ich keine Luft mehr bekomme, sie kichern, sie lieben mich. Ihr nennt sie Titten, Möpse oder Hupen, nichts davon wird ihnen gerecht, ich schmettere euren peinlichen Versuche, ihnen eine angemessene Bezeichnung zu verleihen, höhnisch ab, tituliere sie selbst als Gott, war in allen Belangen ein Blasphemiker, bis ich die Erlösung durch ihr schöpferisches Dasein erblickte. Nennt mich Brustmessias! Ich baue ihnen einen Schrein, eine Kirche, einen Tempel. Kommt herein! Diese Sekte ist die einzig wahre.

Wissenschaftler sind Scharlatane, wenn es um meinen Erlöser geht. Sie reduzieren seine Wunder und Zauber, bezeichnen ihn als ennuyanten Matsch aus Haut und Fett und Nerven. Vergänglich, mehr nicht. Ärzte hacken sich gegen ein wenig Sold laut lachend durch sein Bindegewebe, durch Drüsenläppchen und Achsellymphknoten.

Medizinische Notwendigkeit kann ich noch verstehen, tückische Schönheitsideale nicht. Ich möchte weinen. Hört doch endlich auf damit, schändet ihn nicht, lasst Gott in Ruhe! Sie hören mich nicht, die Menschenmetzger, ihr Glaube ist längst vergangen. Nichts und niemand kann sie mehr wahren.

Wer mich von meiner Religion abbringen möchte, der hat schlechte Karten. Mein Eldorado existiert wirklich, ich habe es mit meinen eigenen Augen gesehen, warum sollte ich ihm abtrünnig werden? Nichts spricht dafür, so viel dagegen. All die Prediger von Hintern, von Scheiden, von Füßen, ihr betet zur falschen Rettung, merkt ihr das denn nicht?

Guckt sie euch doch an, die Kates und Palinas und Emilys dieser Welt – habt ihr denn gar nichts von ihnen gelernt? Lasst mich euch missionieren, ihr törichten Atheisten, blickt empor und öffnet eure Münder, sonst werdet ihr eures kurzen Lebens nicht mehr froh!

Meine Hände wandern, meine Blicke sind starr, mein Puls rast. Die Nacht ist herein gebrochen, die Stimmen sind erloschen, die Hüllen fallen. Da, ich fühle sie. Ihre Wärme, ihre Weichheit, ihre Geschichte. Sie sind das feminine Synonym für intelligente Stärke, ihre Nachgiebigkeit kommt nicht ohne Forderung.

Keine Kraft dieses Planeten kann mich nun mehr davon abbringen, mich ihnen für alle Ewigkeit zu widmen. Nimm mein Leben, du ebenmäßiger, aus der Pubertät erwachter Gott, wie kann ich nicht an ihm hängen, darf ich doch im Gegenzug für immer an deiner Seite weilen. Wenn ich einmal sterbe, dann möchte ich in einem Paradies aus Brüsten wieder erwachen, aus großen und kleinen, aus runden und flachen, aus weißen und schwarzen.

Die Illustration stammt von Hugues Merle
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Sex mit Fremden: One-Night-Stands machen das Leben erst lebenswert

One-Night-Stands. Man liebt sie oder man lehnt sie grundsätzlich ab. Ich für meinen Teil schlafe ganz gerne mal mit Menschen, die ich nicht kenne, von denen ich aber auch weiß, dass ich sie nie wiedersehen werde. über die Jahre haben sich da bei mir so einige lustige, absurde oder auch einfach nur e...
Sex mit Fremden: One-Night-Stands machen das Leben erst lebenswert

Sex mit Fremden

One-Night-Stands
machen das Leben
erst lebenswert

Nadine Kroll

One-Night-Stands. Man liebt sie oder man lehnt sie grundsätzlich ab. Ich für meinen Teil schlafe ganz gerne mal mit Menschen, die ich nicht kenne, von denen ich aber auch weiß, dass ich sie nie wiedersehen werde. über die Jahre haben sich da bei mir so einige lustige, absurde oder auch einfach nur eklige Geschichten angesammelt. Ein paar davon möchte ich euch heute erzählen.

Da war zum Beispiel der Typ, der mitten in der Nacht in meiner Küche Chili kochte. Ich hatte ihn auf einer lauten Party nur durch Blickkontakt aufgerissen, noch auf der Tanzfläche wild mit ihm rumgemacht und dann mit nach Hause genommen. Wir hatten extrem guten Sex, er hat meinen ganzen Körper für sich eingenommen, doch dass er danach mit „Ich hab Hunger!“ in die Küche verschwand, die Regale und den WG-Kühlschrank durchwühlte, war irgendwie zu viel des Guten. Ich war aber auch zu besoffen, um etwas dagegen tun zu können.

Er muss nachts dann noch verschwunden sein, aber das Chili, das er gekocht hatte, war genauso gut wie unser Fick und hat meine komplette WG für mehrere Tage satt gekriegt. Trotzdem: In der Wohnung des One-Night-Stands das Kochen zu beginnen, steht ganz weit oben auf der Liste der No-Gos.

Dann hatte ich einen, der unbedingt wollte, dass ich ihn ankotze. Auf den Schwanz, in den Mund, egal wohin, Hauptsache Kotze. Als ich ihn fragte, ob er auch auf scatting – also sich ankacken lassen – steht, hat er das bejaht. Ich hab beides nicht gemacht. Beim Kotzen hab ich immer das Gefühl, innerhalb der nächsten drei Sekunden sterben zu müssen und auf Kommando kacken ist, glaube ich, auch nicht so mein Ding. Abgesehen davon, dass ich vermutlich diejenige gewesen wäre, die die Scheiße später hätte abwaschen müssen. Nein, danke.

Meinen vollsten Respekt hat der Typ trotzdem. So mutig muss man erst mal sein, gleich beim ersten Fick solch extremen Fetische rauszuhauen. Vielleicht hat er’s aber auch nur gemacht, weil er wusste, dass wir uns nicht wiedersehen werden. Alles in allem war der Sex mit ihm eher enttäuschend. Also nicht nur für ihn, der seine Wünsche nicht erfüllt bekam, sondern auch für mich. Eine großartige Geschichte gibt er trotzdem ab, der Kacke-Boy. So ’nen Fetisch hat man dann halt doch nicht alle Tage im Bett.

Ein anderes Mal hab ich einen Typen in einem Club aufgerissen, mit dem ich einfach aufgrund seiner Optik unbedingt ficken wollte. Er hatte ein bisschen was von einem sehr jungen Kurt Cobain. Nach ein paar Drinks und Fummeleien auf der Tanzfläche landeten wir schließlich bei ihm, wo wir auf seine wirklich scharfe Mitbewohnerin trafen. Ich landete schließlich mit ihr im Bett, den Typen sah ich nie wieder. In meiner Vorstellung hat er aber zu den Geräuschen, die sie und ich beim Sex von uns gegeben haben, gewichst.

Mit einem Typen hatte ich einen Fick in ’nem Treppenhaus bei einer WGParty. Eigentlich wollten wir Bier holen gehen, was wir auch getan haben. Nur haben wir zusätzlich noch gevögelt. Das war schon ziemlich gut, rotzbesoffen leise sein in ’nem Altbautreppenhaus ist allerdings schwer. Wir haben in ’nem Zwischenstockwerk, also nicht bei den Haustüren, Doggy Style gevögelt, einen Joint geraucht und sind dann mit dem gekauften Bier zurück auf die Party, wo wir später noch geknutscht haben.

Für die anderen war es wohl eher überraschend, dass wir am Ende der Feier nicht zusammen nach Hause sind. Wusste ja keiner, dass wir das mit dem Sex schon abgehakt hatten. Was ich an der Geschichte mag ist, dass es kein Ding war, bei dem man vorher den halben Abend so mega viel geflirtet hat. Es war halt wirklich nur Sex, auf den beide Bock hatten und der dafür erstaunlich gut war. Ein zweites Mal wollten wir es allerdings auch nicht treiben. Manchmal muss man eben aufhören, wenn es am Schönsten ist.

Mein allerschönster One-Night-Stand war mit einem Typen, den ich im Netz auf einer dieser zigtausend nervigen Datingseiten aufgegriffen hatte. Wir verstanden uns gut, zumindest wenn es um sexuelle Dinge, also lud ich ihn spontan zu mir ein. Wir trieben es die ganze Nacht miteinander, gingen am nächsten Morgen gemeinsam frühstücken, ohne dass es irgendwie awkward war und erzählten uns sehr viele private Dinge, die mit dem Thema Sex so überhaupt nichts zu tun hatten.

Es ging um unsere Familien, das Studium, Menschen, die uns das Herz gebrochen hatten, Lügen, die wir erzählt hatten, um uns in gewissen Situationen Vorteile zu erschaffen und Berufswünsche; um Vergangenheit, Gegenwart und die geplante Zukunft.

Innerhalb einer Stunde hatten wir uns wohl gegenseitig unsere komplette Lebensgeschichte erzählt. Danach waren wir für zwei Jahre zusammen, von jetzt auf gleich. So ein richtiger One-Night-Stand war es damit also nicht. Aber es war zumindest als einer geplant gewesen, und somit darf die Geschichte hier natürlich nicht fehlen. Sex ohne Erwartungen und beim ersten Date kann also trotz gegenläufiger Meinungen zu etwas richtig Gutem führen.

Aber die „drei Dates bevor man das erste Mal miteinander schläft“-Regel fand ich persönlich sowieso schon immer doof und irgendwie unnötig. Wenn man sich geil findet, findet man sich eben geil – und wenn der Sex auch noch so gut ist wie bei ihm und mir, ist ein wichtiger Grundstein für die Beziehung auch schon mal gelegt. Wenn jemand ernsthaftes Interesse an einer anderen Person hat, verliert er es auch nicht, nur weil er das Gegenüber bereits nackt gesehen hat.

Dazu kommen noch so einige One-Night-Stands mit Mädchen, die ich in diversen Clubs aufgerissen hatte und die vor mir behaupteten, sie „hätten sowas ja noch nie gemacht“ – also Sex mit einer Frau gehabt – und wären eigentlich auch in einer festen Beziehung mit einem Mann. Die waren aber durch die Bank weg weder absurd noch sonderlich witzig, sondern einfach schön.

Ob diese Girls danach noch häufiger Muschis geleckt haben, weiß ich natürlich nicht. Es ist aber auch irgendwie nicht relevant. Jeder Mensch sollte mit den Menschen ficken, mit denen er gerade ficken will. Und ob das nun nur einmal oder fünfhundert Mal ist, ist eigentlich auch egal.

Die Fotografie stammt von Dainis Graveris
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Mädchen in Los Angeles: Der kalifornische Engel

Ich weiß nicht so genau, ob diese Eigenschaft von mir ein Vorteil fürs Leben oder doch eher ein grausamer Nachteil ist, aber ich verknalle mich jeden Tag in neue Menschen, die ich irgendwo treffe, sehe oder auch nur gedanklich streife. Meistens in Mädchen, weil, sind wir doch mal ehrlich, die sind e...
Mädchen in Los Angeles: Der kalifornische Engel

Mädchen in Los Angeles

Der kalifornische
Engel

Daniela Dietz

Ich weiß nicht so genau, ob diese Eigenschaft von mir ein Vorteil fürs Leben oder doch eher ein grausamer Nachteil ist, aber ich verknalle mich jeden Tag in neue Menschen, die ich irgendwo treffe, sehe oder auch nur gedanklich streife. Meistens in Mädchen, weil, sind wir doch mal ehrlich, die sind einfach die besseren Menschen – mit weitem Abstand.

Das hier ist Dagny aus der teilweise wunderschönen, amerikanischen Westküstenstadt Los Angeles. Ich würde sie als engelhaftes Model bezeichnen, das trotz einer magischen Eleganz trotzdem auf dem Boden geblieben zu sein scheint. Auf ihrem Instagram-Kanal finden sich neben allerlei Bikinibildern auch kluge Sprüche und Backstagefotos aus ihrem Leben.

Die Fotografin Lauren Marie hat Dagny zur Protagonistin in ihrem neuen Fotoshooting gemacht und die retro-angehauchte Bildserie „Before You Arrived“ genannt. Wer mehr über die Fotografin Lauren Marie lernen will, der kann einfach mal hier vorbei schauen. Und wer mehr von Dagny, dem engelsgleichen Model, sehen möchte, der dürfte hier gut bedient sein.

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Die Fotografie stammt von Lauren Marie
Als Model ist Dagny Paige zu sehen
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Mädchen in Asien: Eine Reise durch Japan

Japan ist für viele ein Land der scheinbar unendlich Träume. Wer hier her kommt, der taucht ein in eine Abenteuer der technologischen Moderne und traditionellen Kultur. Tokio, Kyoto, Osaka, jede Stadt hat ihren ganz eigenen Reiz und wer sich außerhalb der Stadtgrenzen wagt, der bekommt das echte Jap...
Mädchen in Asien: Eine Reise durch Japan

Mädchen in Asien

Eine Reise
durch Japan

Annika Lorenz

Japan ist für viele ein Land der scheinbar unendlich Träume. Wer hier her kommt, der taucht ein in eine Abenteuer der technologischen Moderne und traditionellen Kultur. Tokio, Kyoto, Osaka, jede Stadt hat ihren ganz eigenen Reiz und wer sich außerhalb der Stadtgrenzen wagt, der bekommt das echte Japan zu spüren, das wilde Japan, das unberührte Japan. Eine naturgebundene Welt, die aus der Zeit zu fallen scheint.

Der Fotograf Peter Baumann und das Model Maria Kn sind quer durch das Land der aufgehenden Sonne gereist, um sich komplett und ausgiebig dem ostasiatischen Flair hinzugeben und Japan auch von Seiten zu erleben, die so manchem Reisenden verborgen bleiben. Denn das Land ist viel mehr als nur eine Aneinanderreihung auffälliger Klischees. Japan steckt voller kleiner und großer Wunder, wenn man sie denn nur sehen möchte.

Maria und ich sind drei Wochen lang quer durch Japan gereist“, erzählt uns Peter. „Von Tokio durch die Präfekturen von Kanagawa nach Kyoto und Hiroshima und am Ende wieder zurück nach Tokio. Wir schießen auf unseren Reisen immer auch Fashionstrecken und da wir unser Gepäck klein halten wollten, kam Maria auf die Idee, während unseres Roundtrips quasi nebenbei immer das selbe Outfit zu inszenieren. Und seien wir mal ehrlich: Es ist ja auch einfacher, nur ein Kleid in den Rucksack zu stopfen, um es immer dabei zu haben.“ Dem kann ich nur zustimmen.

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Die Fotografie stammt von Peter Baumann
Als Model ist Maria Kn zu sehen
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Von Bett zu Bett: Wir sind zu jung für die große Liebe

Es scheint viele stolze Begriffe für die Zeit zu geben, in der wir mehr zufällig als selbstbestimmt hineingewachsen sind. Andere beschreiben uns als die Generation der unbegrenzten Möglichkeiten. Die Generation der Selbstverwirklichenden. Die Generation der Individuen. Die Generation der Erfolgsorie...
Von Bett zu Bett: Wir sind zu jung für die große Liebe

Von Bett zu Bett

Wir sind zu jung für
die große Liebe

Paula Allhorn

Es scheint viele stolze Begriffe für die Zeit zu geben, in der wir mehr zufällig als selbstbestimmt hineingewachsen sind. Andere beschreiben uns als die Generation der unbegrenzten Möglichkeiten. Die Generation der Selbstverwirklichenden. Die Generation der Individuen. Die Generation der Erfolgsorientierten. Die Generation der Egoisten. Vielleicht sind diese anderen aber auch wir selbst.

Wie oft haben uns unsere geliebten Großeltern schon am Abendtisch gepredigt, wenn sie damals die Möglichkeiten gehabt hätten, wären sie noch einmal so jung wären, könnten sie sich noch einmal von vorne beginnen, sie hätten zumindest nicht gleich den Erstbesten geheiratet, sondern sich vorher noch einmal so richtig umgeschaut.

Wäre der Krieg nicht gewesen, wären sie nicht so arm gewesen, hätten sie ohne Heirat zusammenziehen können, wären die Verhütungsmittel bei ihnen im Dorf angekommen, wären ihre Eltern nicht so religiös gewesen. Letztendlich lautet die Nachricht: “Kind, nimm dir Zeit mit der Wahl deines Partners.” Schließlich sind wir weder kurz nach dem Krieg aufgewachsen noch sind wir auf die Grundlagen des Überlebens angewiesen.

Es gehört nicht länger zu unseren gesellschaftlichen Verpflichtungen, sofort zu heiraten und im glücklichen Normalfall dank mittelalterlicher Traditionen fleißig weitere Kinder in die Welt zu werfen, sobald die Periode aus uns heraus quillt. Heute verlangen diejenigen, die wir als unsere Mütter und Väter ansehen, von uns, uns zukunftsorientiert zeigen. Engagement zu beweisen.

Doch warum gibt es dann dennoch etliche Paare in meinem Freundeskreis, die noch nicht mal einen zweiten runden Geburtstag gefeiert haben, aber bereits die fünfte Kerze auf ihrem, Pardon, eingestaubten Beziehungskuchen auspusten und eine App herunterladen, die das gern etwas deformierte Gesicht ihres zukünftigen Kindes konstruiert?

Weshalb reißen wir uns gegenseitig die Köpfe ab, wenn wir auf Partys einmal fremd flirten? Ich bin kein Freund von offenen Beziehungen, doch wo sind sie hin, die Hippies, die Rebellen, die wilden Liebeslüste der Sechziger, von mir aus die Draufgänger und Neugierigen der Neunziger? Sind wir mittlerweile so zivilisiert, dass uns die pure Leidenschaft nicht mehr so reizt wie anspruchslose Zufriedenheit?

Oft kommen auch langjährige Freunde, die wir seit dem Kindergarten – oder noch früher – her kennen, unter die Räder, wenn es darum geht, effektiv und schnell eine intensive Bindung zu einer geöffneten Art von Mensch einzugehen. Und das ganz ohne Reue. Wir empfinden den starken Drang, die große Liebe zu finden, obwohl wir eigentlich noch so jung sind und so frei sein könnten. Was bei vielen eher bedeutet: Hauptsache irgendwer, der sich ebenfalls effektiv und schnell binden möchte.

Ich rede von dem Drang nach ernsthaften, größeren, bedeutsameren Liebeleien und nicht von jugendlicher Neugierde, schnellem Anfassen oder der Lust neue Dinge auszuprobieren. Von Vorbildern kann seit jeher nicht mehr die Rede sein. Die haben sich unlängst in Antibindungsvorbilder für Leute unter dreißig verwandelt.

Es sieht ganz einfach so aus, als läge am Ausprobieren weniger Interesse als an einer intensiven Bindung zu einer Person. Wir suchen immer wieder verzweifelt nach Liebe, Aufmerksamkeit, Zuneigung, die sich nur auf uns und unsere eigene Persönlichkeit beschränkt. Mit der man offensichtlich auch immer mehr zu teilen hat, denn anscheinend ist unsere Welt so konstruiert und verwirrt, so offen geworden, so gesprengt von sämtlichen familiären Sicherheiten oder vorgesetzten Rahmen, dass wir uns freiwillig Regeln setzen und nur zu zweit den wilden Alltag überstehen können.

Wenn wir schon als die Generation der unbegrenzten Möglichkeiten gelten, dann müssen wir uns wohl eingestehen, dass wir ebenso zur Generation der Umherirrenden zählen, der Sich-den-Kopf-leer-Schießenden, der Taumelnden, der Ungefragten, der Möglichkeitsüberforderten, der Sinnentleerten – der Aufgebenden.

Wenn alles demnach so unbeständig ist, ist der Drang auch nur irgendeine Konstante in unseren kleinen Leben aufrecht zu erhalten auf einmal viel größer. Wir legen uns auf eine Bezugsperson fest, weil viele Bezugspersonen scheinbar leichter zu haben sind, aber gleichzeitig immer unzuverlässiger und immer illoyaler werden.

Wir kleben an einer Person in der Hoffnung, dass diese uns zusammenhält, wobei sich die meisten noch nicht einmal selbst zusammenhalten können – oder geschweige denn wissen, was ihr Halt überhaupt sein könnte. Es ist eben doch nicht so einfach, alleine individuell zu sein und sich mit großen Zukunftsplänen zu konfrontieren. Wir suchen eine starke Schulter oder einen sanften Kuss, weil uns die Welt da draußen mit Rückschlägen streichelt.

Die konservative Beziehungseinstellung ist demnach also eigentlich die, die unserem Wohlergehen in Kombination mit der heutigen Zeit am meisten entspricht. Wir sträuben uns nur dagegen, weil wir auf keinen Fall Preis konservativ sein wollen – um jeden Preis aber offen für alles und erfolgsorientiert wirken müssen. Langfristige Beziehungen in jungen Jahren behindern uns nur, stehlen uns die Zeit. Oder sind sie etwa die einzige Möglichkeit, wie wir trotz unserer selbstzerstörten Charaktere noch an einen Rest von Selbstbewusstsein gelangen?

Sind sie also die Glücklichen? Sie, die neuen, vom Aussterben bedrohten, starken, jungen Pärchen, die wissen, was sie wollen und nicht aus konventionellem Zwang zusammen sind – und daher gemeinsam planen und doppelt stark die Zukunft bestreiten. Oder eben die erbärmlichen, schwachen, lechzenden Großstadtjäger, die sich irgendwann alleine in einer dunklen Wohnung wiederfinden und den Traum von der großen Liebe abschreiben müssen, bevor sie es noch selbst so richtig realisieren.

Von einem fremden Bett ins nächste zu hüpfen, ist mindesten genauso anstrengend wie von Job zu Job oder von Stadt zu Stadt. Die Welt, in der wir unser Dasein fristen, ist aktiver geworden – und nicht grade gefahrenloser. Unbeständig, unruhig, fordernd. Eine Beziehung ist das alles manchmal auch, aber sie ist eines vor allem nicht: einsam.

Womöglich ist diese junge, alternative, sich selbst deformierende und sich auf keinen Fall ernst nehmende Generation am Ende nichts weiter als eine wackelige Kulisse für ein paar zusammengekauerte, einsame, leise schlagende Herzen, die trotz des Fickens, der Drogen und des bombastischen Basses in lichtlosen Kellern nur nach einer Sache verlangen: Einem weiteren einsamen, leise schlagenden Herzen zum daran festhalten.

Die Fotografie stammt von Wow Tech
Der Text erschien in der Kategorie Liebe mit den Themen
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Kreativität war gestern: Berlin ist die Hauptstadt der kulturellen Bedeutungslosigkeit

Nein, das hier bezieht sich nicht auf zur Schau getragenen Hedonismus, nicht auf exzessive Partys, nicht auf freie Liebe, nicht auf eure Fahrräder oder euren Haarschnitt oder eure politische Einstellung und nein, um eure Outfits geht es auch nicht. Mich beschäftigt das System Berlin an sich, der...
Kreativität war gestern: Berlin ist die Hauptstadt der kulturellen Bedeutungslosigkeit

Kreativität war gestern

Berlin ist die Hauptstadt
der kulturellen
Bedeutungslosigkeit

Manuel Iljitsch

Nein, das hier bezieht sich nicht auf zur Schau getragenen Hedonismus, nicht auf exzessive Partys, nicht auf freie Liebe, nicht auf eure Fahrräder oder euren Haarschnitt oder eure politische Einstellung und nein, um eure Outfits geht es auch nicht.

Mich beschäftigt das System Berlin an sich, der molten boredom pot Berlin, dieser Diskurs der Dilettanten, euer kollektiver Exhibitionismus, dessen Nacktheit längst Schablone ist. 
Naja, gut. Dann geht es wohl auch um alles im ersten Absatz erwähnte, auf eine Art. 
Schamlosigkeit, aber erst einmal in Hinblick auf Kunst, oder das, was als solche durchgeht.

Berlin, es gab da einmal eine gewisse Hürde, eine ganz persönliche Hürde oder eine institutionelle oder beide kombiniert, die es zu überwinden galt, bevor man sich mit einem Werk an die Öffentlichkeit wagte. Was auch immer die Öffentlichkeit sei – in Berlin ist sie zumindest hinreichend definiert. Die weit geöffneten Augen und Münder und Gesichter.

Sicher, besagte Hürden haben so manchem großen Kopf und kleinen Rädchen zugesetzt. Haben vielen Menschen zu Unrecht Leben und Werk erschwert, mal mehr, mal weniger, sie scheitern lassen. Aber das war wichtig. Für sie. Und für euch. Und für uns. 
Von daher: schön und gut, die ganze Geschichte mit der Demokratisierung der Kunst. Schön und gut.

Heute braucht man kein teures Studio mehr, um Musik zu produzieren, keinen Verlag, um ein e-Book zu publizieren, und nur eine iPhone-Kamera, um Preise zu gewinnen. Jeder art-dirigiert an Blogs und Instagram herum, schön und gut. Ein wenig Kreativbalsam, eine kleine Sternstunde für das reizüberflutete Ego, wenn einem gefolgt wird, wenn man gefällt.

Dass die Kuchenstücke immer kleiner werden, je mehr Mädels sich mit Creepers an den Füßen an den Tisch aus Lemonaid-Kisten gesellen – das wirst du auch schon bemerkt haben, Berlin, meine liebe. Das bemerkt jeder. Deswegen hat ja auch keiner Kohle. Warum einen Kreativen bezahlen, wenn es 150 Alternativen im selben Café gibt, die es umsonst tun.

Das verdirbt nicht nur die Preise, Berlin, das führt vor allem zu einem Phänomen: dass ein Großteil dessen, was aus dir hervorkommt, scheiße ist. Einfach scheiße. Das bleibt so, auch wenn dir deine nahen und fernen Freunde ständig das Gegenteil erzählen, weil sie befürchten, du könntest ihnen im Gegenzug die Arschkriecherei verwehren.

Du bist ein ganz gut funktionierendes System, Berlin, so schnell bringt man dich nicht ins Straucheln. Du stehst stabil, während du deine müden Eier im Mund hast und an deinem eigenen, einzigen Strang ziehst. 
Begeistert reiht sich jedes Teilchen ein, Berlin, du bist eine dämlich vor sich hin strahlende rousseausche Amöbe. Schön und gut!

Und all das lässt sich ja auch leicht positiv formulieren: entweder ist es eben der Vibe der Stadt, die kreative Energie, die überschäumende Freiheit etc etc – oder das Berlin, das ich hier besinge, ist das Berlin der Anderen, das man beschmunzelt, von dem es sich abzugrenzen gilt, weil man sonst nicht mehr akzeptiert wird. Auf der einen oder anderen Seite.

Ja, so ist es, unser Berlin, und man legt eine verträumt nostalgische Nuance unter die Hornbrille und in die Mundwinkel, Problem gelöst. 
Man muss dich ja mögen, Berlin. Du bist betongewordene Networking-Utopie, du bist Mutterschoß der dörflichen Seele, die sich ihre Verlorenheit in die dünnen Haare koloriert und in dir endlich Verständnis und Einheit wiederfindet.

Du tust dem Menschen im selben Maße gut wie die freie Marktwirtschaft. Gibst ihm die produktive Illusion der unbegrenzten Entfaltungsmöglichkeiten, der freien Wahl, und weist ihm höflich seinen Platz zu. Und frisst ihn langsam auf, oh! Berlin frisst mich auf, oh Lord sie frisst mich auf, und doch will ich nichts andres als ihr Fraß zu sein, so stöhnen masochistisch die kleinen Schwäbinnen, während sie in irgendeinem Park ganz leicht in den bleichen Knien wippen, auf schlechtem MDMA, die Gardine ihrer Oma um den Kopf gewickelt, und fühlen sich Madame del Rey so nah wie nie.

Schön und gut bist du, Berlin, ich komme dich gern besuchen. Mich stört nur deine Ironielosigkeit. Wenn wieder einer deiner Söhne so einen genialen Moment hatte, zum Beispiel. Er irgendeinen hippen Slogan auf ein T-Shirt schreibt, darauf basierend einen Shop, ein Mixtape, eine Snapback- und Beutelkollektion aus dem Boden stampft, dann ist das zwar Demokratie par excellence américaine, was mir nur fehlt ist das gequälte Schmunzeln. Nimm deine Scheiße nicht so ernst, Berlin!

Denn wenn wir ehrlich sind: außerhalb deiner eingeebneten Stadtmauern hört deine Öffentlichkeit auf. Naja, Stuttgart ausgenommen. Und die Ecken Madrids und Barcelonas, wo es keine Arbeitsplätze gibt. Dort munkelt man: in dir, Berlin, geht Arbeitslosigkeit und –verweigerung, Unterbezahlung und –gewicht, Reizhusten und –überflutung als Lifestyle durch.

In den schickeren Ecken – dort, wo es vor zwanzig, dreißig, vierzig Jahren besonders dreckig war – werden Bürgerinitiativen gegründet, Cafés platziert, Spielplätze gebaut, Biomärkte eröffnet, Bäume umhäkelt und Schilder in die Fenster des ersten Stocks gehängt, die unerbittlich auf die Nachtruhe ab zweiundzwanzig Uhr hinweisen. Die Kinder müssen schließlich schlafen, damit sie im globalen Vergleich nicht wegen unterdurchschnittlicher Munterkeit schlecht abschneiden.

Gemeinsam für unseren Kiez. Gemeinsam gegen Sauerkirschbaumäste, die vom benachbarten Grundstück aus in meinen Schrebergarten ragen. Gemeinsam gegen Diskriminierung, gemeinsam für Jungmigrantenstipendien, um eine gesunde Mischung in der KiTa zu gewährleisten. Gemeinsam wohlwollend lächeln und auf Schultern klopfen.

Gemeinsam das Logo der Initiative auf Jutebeutel drucken. Gemeinsam. Gemeinsam tweeten, gemeinsam gut gekühlten Vinho Verde trinken im Park, während die Sonne scheint. Reclaim your City, reklamiere deinen fehlerhaften Wollschal, nutze Reclam-Hefte als Dekorationsobjekte. Rieche am Klo, dein Stuhl ist der schadstofffreie Zement der neuen Welt.

So, Berlin, du Zuckermaus, ich habe mich ein wenig in dir verlaufen. War nett gemeint, jedenfalls. Wie du braunäugig unter deiner Mütze hervor lugst, entzückend ist das. Betrachten wir dich einfach mal als ausgedehnte liminale Phase. Tu mir nur einen Gefallen und sei konsequent: wer Kunst für Zahnarztpraxen macht, der steht dem Zahnarztdasein vielleicht näher als der Kunst. So ist er eben, der Diskurs der Dilettanten, euer kollektiver Exhibitionismus, dessen Nacktheit längst Schablone ist.

Die Fotografie stammt von Jonas Tebbe
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Cyberpunk-Klassiker: Wie Akira die Popkultur prägte

Egal, ob ihr euch heute bekannte, animierte Meisterwerke Neon Genesis Evangelion, Dragon Ball Z oder Ghost in the Shell anseht - ohne Akira hätte es all das niemals gegeben, zumindest nicht in dieser Form. Der 1988 in Japan erschiene apokalyptische Anime von Katsuhiro Otomo, Ryohei Suzuki, Shunzo Ka...
Cyberpunk-Klassiker: Wie Akira die Popkultur prägte

Cyberpunk-Klassiker

Wie Akira die
Popkultur prägte

Marcel Winatschek

Egal, ob ihr euch heute bekannte, animierte Meisterwerke Neon Genesis Evangelion, Dragon Ball Z oder Ghost in the Shell anseht – ohne Akira hätte es all das niemals gegeben, zumindest nicht in dieser Form. Der 1988 in Japan erschiene apokalyptische Anime von Katsuhiro Otomo, Ryohei Suzuki, Shunzo Kato und Izo Hashimoto hat wahrlich alles verändert – nicht nur in der fernöstlichen Popkultur.

Akira, in dessen Handlung Shotaro Kaneda und Tetsuo Shima Mitglied in einer Motorradgang im vom Dritten Weltkrieg gebeutelten Tokio der Zukunft sind und schon bald um das Ende der Welt kämpfen, sieht auch heute noch so episch wie am Erscheinungstag aus und beweist durch ein Feuerwerk an kreativen Ideen und künstlerischem Know-how, dass Anime mehr als perverse Fantasien verklemmter Kellerkinder sind.

Die Dokumentation The Impact of Akira: The Film that Changed Everything von Super Eyepatch Wolf zeigt euch, welchen Einfluss Akira auf die Welt hatte und wo man auch heute noch den Effekt des dystopischen Animes finden kann. Wer wiederum Akira noch nie gesehen hat, sollte das schleunigst nachholen. Schließlich sprechen wir hier wahrscheinlich vom wichtigsten asiatischen Werk der Nachkriegszeit.

Cyberpunk-Klassiker: Wie Akira die Popkultur prägte
Die Illustration stammt von Katsuhiro Otomo, Toho und Kodansha
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Mädchen in Texas: Ein Nachmittag mit Taylor Green

Alle paar Jahre überlege ich mir nun bereits, ob ich mir nicht auch mal ein Tattoo zulegen möchte. Zumindest ein kleines. So für den Anfang. Als Zwölfjährige wollte ich unbedingt schwarze Sterne auf dem Oberarm haben, aber meine Eltern hatten es mir verboten. Und das war wahrscheinlich auch besser s...
Mädchen in Texas: Ein Nachmittag mit Taylor Green

Mädchen in Texas

Ein Nachmittag
mit Taylor Green

Daniela Dietz

Alle paar Jahre überlege ich mir nun bereits, ob ich mir nicht auch mal ein Tattoo zulegen möchte. Zumindest ein kleines. So für den Anfang. Als Zwölfjährige wollte ich unbedingt schwarze Sterne auf dem Oberarm haben, aber meine Eltern hatten es mir verboten. Und das war wahrscheinlich auch besser so. Heute möchte ich mir vielleicht ein kleines Herz auf die Hand oder ein ungefülltes Dreieck auf dem Unterarm.

Taylor Green aus Austin im sonnigen Texas ist da offensichtlich schon ein Stückchen weiter. Die erdverbundene Liebhaberin der Pflanzen, der Tiere und gewisser übersinnlicher Spiritualitäten hat ihre kindlichen Anfangsängste überwunden und ist heute eine wahrlich wunderschön tätowierte Göttin. Arme, Beine, Oberkörper – überall finden sich kunterbunte Kunstwerke, die so manche persönliche Geschichte visuell erzählen.

Der ebenfalls in den USA geborene und auch dort arbeitende Fotograf Dalton Campbell durfte Taylor nun für das Self Control Magazine ablichten. Und zwar dort, wo es Miss Greenery nun einmal am besten gefällt: In der freien Natur. Und vielleicht hat mich Taylor Green mit ihren körperlichen Kunstwerken ja davon überzeugt, mir selbst bald ein Tattoo stechen zu lassen. Nur wo und was, das bleibt noch mein kleines Geheimnis…

Mädchen in Texas: Ein Nachmittag mit Taylor Green Mädchen in Texas: Ein Nachmittag mit Taylor Green Mädchen in Texas: Ein Nachmittag mit Taylor Green Mädchen in Texas: Ein Nachmittag mit Taylor Green Mädchen in Texas: Ein Nachmittag mit Taylor Green Mädchen in Texas: Ein Nachmittag mit Taylor Green Mädchen in Texas: Ein Nachmittag mit Taylor Green Mädchen in Texas: Ein Nachmittag mit Taylor Green Mädchen in Texas: Ein Nachmittag mit Taylor Green Mädchen in Texas: Ein Nachmittag mit Taylor Green Mädchen in Texas: Ein Nachmittag mit Taylor Green Mädchen in Texas: Ein Nachmittag mit Taylor Green Mädchen in Texas: Ein Nachmittag mit Taylor Green Mädchen in Texas: Ein Nachmittag mit Taylor Green
Die Fotografie stammt von Dalton Campbell
Als Model ist Taylor Green zu sehen
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Sonniger Liebeskummer: Sommerzeit ist Trennungszeit

Ja, es ist wieder Sommer und bekanntermaßen müssten sowohl das weibliche als auch das männliche Geschlecht zu dieser Jahreszeit vor Glückshormonen fast platzen. Doch komischerweise sind gerade in dieser Sommer-Sonne-Biergarten-Hochsaison etliche Beziehungen in meinem Bekanntenkreis zu Bruch gegangen...
Sonniger Liebeskummer: Sommerzeit ist Trennungszeit

Sonniger Liebeskummer

Sommerzeit ist
Trennungszeit

Carolin Schütz

Ja, es ist wieder Sommer und bekanntermaßen müssten sowohl das weibliche als auch das männliche Geschlecht zu dieser Jahreszeit vor Glückshormonen fast platzen. Doch komischerweise sind gerade in dieser Sommer-Sonne-Biergarten-Hochsaison etliche Beziehungen in meinem Bekanntenkreis zu Bruch gegangen. Ob es am Fremdflirten, den verdammt kurzen Röcken, den braungebrannten sexy Bierpacks oder doch vielleicht an mir liegt, ich weiß es nicht. Allerdings habe ich hier die ultimativen Tipps und Tricks, die das Vergessen leichter machen.

Zuerst kommt die Verdrängungs-Methode: Jeder Gedanke an den zu Vergessenden wird konsequent zur Seite geschoben. Hilfreich ist dabei das Zerreißen von Bildern des zu Vergessenden. Ferner ist Ablenkung in Form von Unternehmungen, Arbeit, Sport, Partys, Alkohol, aber nicht zu viel, kann nämlich zu unkontrollierbaren emotionalen Rückfällen führen, siehe den dritten Punkt, oder das Aufsuchen des anderen Geschlechts und des damit verbundenen „Wild herum Flirtens, bis sich die Balken biegen“ sehr förderlich.

Dann haben wir da die Miesmachmethode: Der zu Vergessende wird konsequent schlecht gemacht. Gut geeignet zur Durchführung dieser Methode sind eingeweihte, spitzzüngige Freundinnen, die den zu Vergessenden noch nie besonders schätzten.

Man erkennt sie unter anderem daran, dass man von ihnen des Öfteren den Satz „Der hat dich gar nicht verdient!“ zu hören bekam. Ferner nehme man ein möglichst unvorteilhaftes aufgenommenes Lichtbild des zu Vergessenden und entdecke darauf zahlreiche Makel. Sollte es wider Erwarten keine geben, was nicht sein kann, eignen sich diverse Bildbearbeitungsprogramme hervorragend zum Verunstalten der Vorlage.

Nun folgt die Alkohol-Methode, die auch als meine persönliche Lieblingsmethode bekannt ist: Aufkommende Gedanken an den zu Vergessenden werden konsequent in Alkohol ertränkt, vorzugsweise Bier. Kann bei mangelnder Übung allerdings voll nach hinten losgehen und die Sehnsucht nur noch verstärken. Am besten eine Testrunde im Beisein guter Freunde in der Sportkneipe nebenan durchführen. Da wird man schließlich sowieso nie wieder auftauchen.

Anschließend versuchen wir es mit der Aha-Effekt-Methode: Hierbei ist es erlaubt, sich so lange hemmungslos dem durch den zu Vergessenden verursachten Herzschmerz hinzugeben, bis der Stolz, sofern noch oder überhaupt vorhanden, aufbegehrt oder man über sich selbst lachen muss.

Sollte das, wider Erwarten, ebenfalls nichts bringen, hilft nur noch die Justiz-Methode: Man bombardiere den zu Vergessenden so lange und vehement mit Anrufen, SMS, WhatsApp-Mitteilungen, Emails, FacebookNachrichten, Geschenken, Briefen und ungebetenen Besuchen, bis einem eine einstweilige Verfügung des zuständigen Amtsgerichts verbietet, sich dem zu Vergessenden auf weniger als hundert Meter zu nähern beziehungsweise Kontakt mit ihm aufzunehmen. Mit etwas Glück, gegebenenfalls auch Verstand, tritt vorher der Aha-Effekt, siehe einen Punkt vorher, ein.

Und hat auch dieser Versuch nicht zur Lösung des Problems beigetragen, kommt nun die einzig konsequente Methode, die mir noch einfällt: Man teile dem zu Vergessenden ruhig und ohne Szene oder Drama mit, dass er aus diversen Gründen den Status eines zu Vergessenden erlangt hat. Man bittet ihn höflich, aber bestimmt und keine Widerrede duldend, sich nie wieder zu melden und sich rückstandslos aus dem Leben zu entfernen. Na dann, viel Spaß beim Vergessen, Verdrängen oder Neuverlieben, hihi.

Die Fotografie stammt von Everton Vila
Der Text erschien in der Kategorie Liebe mit den Themen
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Ganz ohne Sex: Männer und Frauen können miteinander befreundet sein

Erst gestern saß ich mit einem guten Freund in meiner Küche und wir haben darüber philosophiert, ob Männer und Frauen miteinander befreundet sein können. Die Frage ist wahrscheinlich so alt wie Uschi Glas und trotzdem fällt es uns immer wieder schwer, darauf eine Antwort zu finden. Es ist die alte H...
Ganz ohne Sex: Männer und Frauen können miteinander befreundet sein

Ganz ohne Sex

Männer und Frauen
können miteinander
befreundet sein

Leni Garibov

Erst gestern saß ich mit einem guten Freund in meiner Küche und wir haben darüber philosophiert, ob Männer und Frauen miteinander befreundet sein können. Die Frage ist wahrscheinlich so alt wie Uschi Glas und trotzdem fällt es uns immer wieder schwer, darauf eine Antwort zu finden. Es ist die alte Harry-und-Sally-Leier, mit der Gegner der Mann-Frau-Freundschaften alle Pro-Argumente zunichte machen wollen – und meist fällt es mir auch schwer, dem zu widersprechen.

Tausend mal erlebt, wie Sandkastenfreunde zu Pärchen wurden, ab und zu realisiert, dass ich selbst den ein oder anderen Kumpel ganz süß fand und oft war das Knistern zwischen zwei eigentlich platonisch befreundeten Menschen einfach nicht zu übersehen. Ja, stimmt alles. Aber eben nicht immer.

Wenn Freundschaften zwischen Männlein und Weiblein so unmöglich wären, dann hätte ich mit der Hälfte meiner Jungs einfach längst keinen Kontakt mehr. Manchmal begegnet man nun mal jemandem, der weder optisch noch gefühlstechnisch ins eigene Beuteschema passt – dessen Herz aber so riesig ist wie meine Freude darüber, ihn zu meinen Freunden zählen zu dürfen.

Und jetzt? Soll ich das Ganze in Frage stellen, nur weil der Besagte einen Penis hat? Oder sollen alle meine männlichen Freunde eine künstlich-verkrampfte Distanz zu mir wahren – nur aufgrund meines X-Chromosoms?

Klar, über echte Männerfreundschaften kursieren Legenden und auch meine Mädelsrunde würde ich um nichts in der Welt hergeben wollen, aber wozu sich selbst idiotische Grenzen setzen, wenn man einfach aufs eigene Bauchgefühl vertrauen und sich mit den Menschen umgeben sollte, die einem guttun? Welchem Geschlecht diese angehören, ist für mich dabei zweitrangig.

Und trotzdem muss ich zugeben, dass das Thema kein leichtes ist und viele daran zu knabbern haben – erst recht, wenn der Partner eine beste Freundin hat oder die Traumfrau mit einem anderen Typen rumhängt. Aber das hat mit Vertrauen zu tun und nichts mit der Unmöglichkeit dieser Freundschaften. Denn dass sie möglich sind, ist sicher. Sonst könnten wir niemals locker beieinander sitzen und in der Küche über diesen Quatsch philosophieren.

Die Fotografie stammt von Toa Heftiba
Der Text erschien in der Kategorie Leben mit den Themen
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Make-Up: Ich darf mit meinem Gesicht machen, was ich will!

Mir wird relativ häufig gesagt, dass ich ohne Make-Up viel hübscher aussehe als mit. Meistens in Verbindung mit Du brauchst diesen ganzen Kram gar nicht! oder Männer stehen auf Natürlichkeit!. Zu all diesen Menschen, die solche Sätze von sich geben, habe ich genau eins zu sagen: Fickt euch! Es g...
Make-Up: Ich darf mit meinem Gesicht machen, was ich will!

Make-Up

Ich darf mit meinem
Gesicht machen,
was ich will!

Nadine Kroll

Mir wird relativ häufig gesagt, dass ich ohne Make-Up viel hübscher aussehe als mit. Meistens in Verbindung mit „Du brauchst diesen ganzen Kram gar nicht!“ oder „Männer stehen auf Natürlichkeit!“. Zu all diesen Menschen, die solche Sätze von sich geben, habe ich genau eins zu sagen: Fickt euch! Es geht euch gar nichts an, ob und wie viel Zeug ich mir ins Gesicht schmiere.

Und Dinge wie „Du siehst heute sehr blass aus, bist du krank?“, könnt ihr euch auch sparen. Ich bin nicht krank, ich bin einfach nicht geschminkt. Und dazu meistens noch ziemlich unausgeschlafen, weil ich die Nacht entweder mit lernen, mit feiern oder mit Vögeln verbracht habe. Hört doch bitte einfach auf, mein Aussehen zu kommentieren.

Ich schminke mich verdammt gerne. Und zwar nicht nur, weil ich mich mit Make-Up attraktiver finde. Mir gefällt meine Fresse auch ohne den ganzen Kram ganz gut. Aber schminken macht mir nun mal Spaß und ich liebe es, dass ich damit mein Gesicht verändern kann, wie es mir beliebt. Ich trage Make-Up grundsätzlich für mich und nicht für andere.

Wenn ich also meine Augenringe unter einer dicken Schicht Concealer verschwinden lassen will, ist das meine Sache. Ich hab kein Problem damit, anderen Leuten die dunklen Schatten unter meinen Augen zu präsentieren. An manchen Tagen kotzen sie mich einfach selbst so an, dass ich sie überschminken muss. Selbiges gilt für Pickel. Insbesondere die, die aufgrund erhöhten Drogenkonsums entstanden sind. Es ist schon okay, dass sie da sind. Ich will sie bloß nicht immer sehen.

Natürlich trägt ein großer Teil der Frauen auch heute noch hauptsächlich Make-Up, weil das zu einem „tadellosen Erscheinungsbild“ dazu gehört. Es sind aber eben nicht alle. Und wie immer sollte hier nicht die Frau an sich hinterfragt werden, sondern eher die Gesellschaft, die erwartet, dass Frauen immer adrett gekleidet sowie perfekt frisiert und geschminkt sind. Es braucht verdammt viel Kraft, sich von diesen Erwartungen zu lösen und drauf zu scheißen, was andere über dein Aussehen sagen. Wenn nicht jeder ständig die Optik einer Frau kommentieren müsste, egal ob positiv oder negativ, wäre es um ein Vielfaches einfacher.

„Ihr Frauen habt’s so gut! Ihr könnt einfach alle Makel überschminken!“ Wer hat denn behauptet, dass es für Männer nicht okay ist, sich eine dicke Schicht Make-Up in die Fresse zu klatschen, das Gesicht nach Belieben zu konturieren, um die Stirn etwas kleiner und die Nase schmaler erscheinen zu lassen, oder knallpinken Lippenstift zu tragen? Ach, die Gesellschaft war’s! Entschuldigung, aber wenn du dir als Kerl von „der Gesellschaft“ verbieten lässt, dich zu schminken, weil sich das für einen „echten Mann“ nicht gehört, hast du einfach keine Eier in der Hose.

Es spricht absolut nichts dagegen, auch als Mann die eigenen Pickel oder Augenringe mit Concealer abzudecken. Ist alles eine Frage der Prioritäten. Und wenn es du dich als Mann mit deinen sogenannten „Makeln“ in unserer Gesellschaft wohler fühlst als mit ein bisschen Schminke, weil du Angst hast, man könne dich für die Verwendung von Make-Up verurteilen, beschwer dich halt auch darüber, dass Frauen alles abdecken „dürfen“ und du nicht.

Generell sind es eigentlich immer die Männer, die motzen, wenn es um das Thema Make-Up geht. Es ist immer zu viel oder zu wenig. Der einzige Look, der durchweg akzeptiert ist, ist der, bei dem die Frau sich zwanzig Tonnen Schminke ins Gesicht schmiert, nur um möglichst ungeschminkt auszusehen. Auf YouTube gibt es hunderte Tutorials dazu, wie das mit nur 58 verschiedenen Produkten funktioniert. Prinzipiell ja eine ganz gute Idee, aber in meinen Augen völlig unnötig. Wenn ich Make-Up trage, dann will ich das auch sehen. Und der „ungeschminkt“-Look funktioniert am besten, indem man einfach das tut, was das Wort schon sagt. Nämlich sich nicht schminken.

Die Entscheidung, ob und vor allem wie man sich schminkt, sollte dennoch jedem Menschen selbst überlassen werden. Es hat überhaupt nichts mit „Falschheit“ zu tun oder „jemandem etwas vormachen“. Ein bisschen, oder auch extrem viel, Make-Up ändert nichts am Charakter eines Menschen. Oder an seinen Qualitäten im Job. Oder, oder, oder. Der Spruch „Wer mich ungeschminkt nicht mag, hat mich geschminkt nicht verdient!“, ist genauso schwachsinnig wie „Ich schminke mich nicht, weil ich nichts zu verbergen habe!“. Alleine deshalb schon, weil solche Sätze immer als Rechtfertigung vor anderen benutzt werden.

Verdammt, steht doch einfach dazu, wenn ihr euch gerne die Augen dick mit schwarzem Kajal umrandet oder kein Make-Up benutzt, weil ihr euch ohne einfach schöner findet. Oder lediglich zu faul seid, euch zu schminken. Selbst wenn ihr euch das Gesicht jeden Tag in der Farbe einer Deutschlandflagge anmalt, geht das niemanden etwas an. Es vermittelt ein komisches Signal, definitiv, aber eigentlich darf niemand eure Intension dahinter hinterfragen. Niemand außer euch selbst.

Die vielzitierte Natürlichkeit wird genauso überbewertet wie ein Lippenstift von Chanel. Man sollte immer das tun und tragen, mit dem man sich wohl fühlt. Und das bezieht sich jetzt nicht nur auf Schminke, sondern auch auf Kleidung. Und den Charakter selbst.

Jeder Mensch kann für sich selbst entscheiden, ob und wie er sich schminkt. Ob er oder sie gerne Röcke trägt oder auf Unterwäsche verzichtet. Jeder Mensch hat einen Einfluss darauf, ob er ein Arschloch ist oder nicht. Schlechte Eigenschaften lassen sich genauso ablegen wie Make-Up. Es liegt eben nur nicht an Fremden, zu bestimmen, was man zu tun oder zu lassen hat, sondern immer an einem selbst.

Liebe Mädchen. Liebe Jungs. Schmiert euch in die Fresse, was ihr euch in die Fresse schmieren wollt. Ganz egal, ob das nun fünf Schichten Concealer und Rouge oder eine Schicht Nutella ist. Zieht an, was ihr anziehen wollt. Wenn ihr ab morgen eure Unterhose wie Doug Funnie auf dem Kopf tragen wollt, dann macht das. Benehmt euch, wie es euch beliebt.

Aber hört bitte damit auf, andere Menschen für ihr Erscheinungsbild zu judgen. Es geht euch nämlich gar nichts an, warum jemand wie aussieht und was er eventuell damit ausdrücken will. Meistens hat die Optik nämlich gar nichts über eine Person zu sagen. Zumindest nicht mehr als „Ich finde das geil, also mache ich das so.“

Die Fotografie stammt von Oz Seyrek
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Mode in Tokio: Ein Abend im Banny

Wenn es um Mode in all ihren Formen, Farben und Großartigkeiten geht, dann ist die fernöstliche Metropole Tokio ein riesiges und monströses Universum voller kleiner und gigantischer Klamottenläden, gut versteckter Vintageshops und unabhängiger Galerien. Alte Geschäfte machen zu, neue sprießen wie Pi...
Mode in Tokio: Ein Abend im Banny

Mode in Tokio

Ein Abend
im Banny

Daniela Dietz

Wenn es um Mode in all ihren Formen, Farben und Großartigkeiten geht, dann ist die fernöstliche Metropole Tokio ein riesiges und monströses Universum voller kleiner und gigantischer Klamottenläden, gut versteckter Vintageshops und unabhängiger Galerien. Alte Geschäfte machen zu, neue sprießen wie Pilze aus dem Boden. In einer endlosen Wiederholung.

Es ist schwer, hier immer auf dem Laufenden zu bleiben. Doch was fast noch interessanter ist, als nur up-do-date in Sachen Mode zu sein, ist herauszufinden, wo die wirklich coolen Kids in Tokio abhängen, wenn sich die Sonne langsam zur Ruhe bettet und das geschäftige Nachtleben seinen Anfang nimmt. Also gingen wir zur Eröffnung von Banny, Tokios neuestem heißen Scheiß.

Hier gibt es Klamotten aus aller Welt. Neu und vintage. Dazu Zeitschriften, Sneaker, Taschen – und sogar Zahncreme. Klingt komisch, ist aber so. Zum Fest des Abends gab es Bier und Pizza, und noch mehr Zeug aus dem Family Mart von nebenan. Wenn ihr mal in Tokio seid, dann guckt im Banny vorbei, einfach bei der Meiji-Jingumae-Haltestelle aussteigen und los geht’s!

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Die Fotografie stammt von Marlen Stahlhuth
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Keine Angst vor AIDS: Ich habe mit einem HIV-infizierten Mann geschlafen

Ich habe kürzlich jemanden auf Tinder aufgerissen, der HIV-positiv ist. Erzählt hat er es mir bei unserem dritten Date, als wir gerade damit fertig waren, die dampfenden Ramenschüsseln vor uns auszulöffeln. Dabei war er ganz sachlich und ruhig, ein bisschen so, als würde er mir gerade erzählen, dass...
Keine Angst vor AIDS: Ich habe mit einem HIV-infizierten Mann geschlafen

Keine Angst vor AIDS

Ich habe mit einem
HIV-infizierten Mann
geschlafen

Nadine Kroll

Ich habe kürzlich jemanden auf Tinder aufgerissen, der HIV-positiv ist. Erzählt hat er es mir bei unserem dritten Date, als wir gerade damit fertig waren, die dampfenden Ramenschüsseln vor uns auszulöffeln. Dabei war er ganz sachlich und ruhig, ein bisschen so, als würde er mir gerade erzählen, dass er sich gestern im Schlussverkauf ein Paar blaue Socken gekauft hat.

Vermutlich war das auch der Grund, weshalb ich nicht wirklich geschockt war ob dieses doch sehr intimen Geständnisses. Hätte er angefangen zu heulen und mir erzählt, dass er womöglich an den Folgen der HIV-Infektion, also AIDS, sterben wird, hätte ich höchstwahrscheinlich mitgeheult. Was soll ich sagen, ich bin eben ein Sensibelchen, das extrem stark auf die Stimmungen anderer Menschen reagiert.

Ich selbst habe bereits drei oder vier HIV-Tests hinter mehr und muss sagen, dass sie alle gleichermaßen unangenehm waren, auch wenn das Ergebnis immer negativ zurückkam und ich somit trotz einiger Ausrutscher, bei denen ich ungeschützten Geschlechtsverkehr hatte, kerngesund war.

Von einer längst ausgeheilten da sofort nach der Entdeckung behandelten Chlamydien-Infektion mal abgesehen. Da auch in meinem direkten Umfeld niemand an HIV erkrankt war oder ist, zumindest weiß ich nichts davon, musste ich mich damit also noch nie näher auseinandersetzen.

Ich weiß, dass HIV-Infektionen zu AIDS führen können, das Risiko, dass dieser Fall eintritt, aufgrund der modernen Medikamente gen null geht – sofern man rechtzeitig von der Erkrankung erfährt und die Möglichkeit und Mittel hat, sich medizinisch behandeln zu lassen, versteht sich. Ich weiß auch, dass der überwiegende Teil der Menschen, die sich mit HIV infizieren, noch immer Männer sind, die ungeschützten Geschlechtsverkehr mit anderen Männern haben.

Ich weiß, dass HIV-Infektionen der Meldepflicht unterliegen, obwohl man sich anonym testen und beraten lassen kann und dass man streng genommen niemanden erzählen muss, dass man selbst HIV-positiv ist. Daneben mir ist natürlich bewusst, dass kaum eine Erkrankung so krass stigmatisiert wird, wie AIDS und die dem AIDS vorangegangene Infektion mit HI-Viren.

Und nun saß ich da, vor dem ersten offen HIV-positiven Menschen, den ich kennengelernt hatte und fragte mich, was seine Diagnose nun für mich bedeutete. Wir hatten uns bereits geküsst, aber ich wusste natürlich, dass man sich dabei nicht anstecken kann, wenn man sich nicht unbedingt gerade gegenseitig die Lippen zerkaute. Und jetzt wollte er offenbar mit mir ins Bett. Wieso sonst sollte er mir von seiner HIV-Infektion erzählen? Aus Spaß an der Freude nämlich sicher nicht.

Weil ich mir aber nicht ganz sicher war, fragte ich ihn, ob das ein indirektes Angebot für schmutzigen Sex war, oder ob ich ihm einfach ein bisschen was von meiner Borderline-Diagnose und dem Leben als irres Psychomädchen, das keine stabilen Beziehungen führen kann erzählen solle, weil unser Gespräch sich gerade in Richtung „Leute, vor denen andere Menschen richtig krasse Angst haben“ bewegte.

Im ersten Moment sah er sehr verwirrt aus, dann lachte er und sagte, dass er gerne mit mir ins Bett gegen würde, wenn ich denn keine Angst vor ihm hätte, woraufhin ich entgegnete, dass ich sehr gerne mit ihm ins Bett gehen würde, wenn er denn keine Angst vor mir hätte, womit beschlossene Sache war, dass wir miteinander ins Bett gehen würden, und zwar noch am selben Abend.

Die Möglichkeit, mich vor unserem Stelldichein noch ganz schnell um PrEP zu kümmern, fiel damit also weg. PrEP ist die Abkürzung für „Präexpositionsprophylaxe“, was auf Deutsch so viel bedeutet wie „Vorsorge vor einem Risikokontakt“, um den es sich bei meinem Date ja eindeutig handelte.

Bei dieser Art von Schutzmethode gegen eine HIV-Infektion nehmen Menschen, die sich bisher nicht mit dem Virus angesteckt haben, entweder täglich oder anlassbezogen, also vor und nach sexuellen Kontakten mit HIV-positiven Personen, ein HIVMedikament ein, um sich vor einer Ansteckung zu schützen.

Richtig angewandt schützt die Präexpositionsprophylaxe genauso gut wie Kondome und die sogenannte „Schutz durch Therapie“. Letzteres bedeutet, dass HIV-positive Personen, die regelmäßig HIVMedikamente einnehmen, trotz ihres positiven Status nicht länger ansteckend sind.

Kombiniert man Schutz durch Therapie, Kondome und PrEP, ist eine Ansteckung mit HIV also nahezu ausgeschlossen. Vorausgesetzt natürlich, man wendet die Methoden auch korrekt an und verzichtet nicht etwa auf Kondome, nur weil das Gegenüber behauptet hat, es sei gesund oder unter der Nachweisgrenze für HIV und somit nicht mehr ansteckend.

Nachdem wir die „Zu mir oder zu dir?“-Frage geklärt hatten und uns auch darüber einig waren, dass wir sämtliche sexuellen Aktivitäten, also auch Oralverkehr bei ihm und mir, nur mit Kondom ausüben würden, zahlten wir die Rechnung und machten uns auf den Weg in meine Wohnung.

Ab diesem Moment lief es eigentlich wie mit jedem anderen Sexualpartner auch. Noch im Flur begannen wir rumzumachen, zu fummeln und uns auszuziehen, bis wir schließlich in meinem Zimmer auf dem Bett landeten. Zum Glück machte meine Mitbewohnerin zusammen mit ihrem Freund gerade Heimaturlaub bei ihren Eltern, sodass es kein Problem war, dass wir praktisch schon direkt nachdem die Haustür ins Schloss gefallen war nackt waren!

Ich hatte mir Sex mit einer HIV-positiven Person immer anders vorgestellt, als es letztendlich war. Nicht, dass ich ständig über Sex mit HIV-infizierten Leuten fantasieren und dazu masturbieren würde, aber man macht sich eben schon so seine Gedanken, wenn man wie ich sexuell überaus aktiv ist.

Ich dachte von mir selbst immer, dass ich Berührungsängste hätte, spätestens, wenn es darum ginge, den Penis meines HIV-positiven Gegenübers anzufassen. War dann aber überhaupt nicht so, was aber vermutlich auf seine entspannte Art und seinen lockeren Umgang mit seiner Infektion zurückzuführen war.

Der Sex war absolut fantastisch. Genauere Details erspare ich euch an dieser Stelle lieber. Doch nur so viel: Ich hatte schon wesentlich schlechtere Lover, bei denen ich mir im Nachhinein mehr Gedanken darüber gemacht habe, dass sie mich mit irgendwas Ekligem ansteckt haben könnten, weil ich zum Beispiel festgestellt habe, dass sie sich weder nach dem Gang zur Toilette noch bevor sie ihre Finger in mir versenkt haben, die Hände gewaschen hatten.

Der HIV-positive Mann und ich daten übrigens noch immer, wenn auch nur sporadisch, weil wir uns auf eine Art Fickding geeinigt haben. Ich verzichte zwar auf PrEP, teste mich seitdem aber alle vier Wochen mit einem HIV-Selbsttest auf das Virus.

Und ja, vor meinen Freunden nenne ich ihn nicht „den HIV-Positiven“, denn die Erkrankung soll weder ihn noch unsere sexuelle Beziehung zueinander definieren. Stattdessen bezeichne ich ihn als „den besten Fick seit Jahren“. Das ist er nämlich wirklich. Auf allen erdenklichen Ebenen.

Die Fotografie stammt von Dainis Graveris
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#NotJustSad: Hallo, ich bin depressiv

Ich bin nicht einfach nur traurig, ich bin depressiv. Das ist etwas anderes als traurig zu sein. Meistens bin ich ziemlich glücklich, wenn ich traurig bin. Das klingt irgendwie absurd, aber so ist das eben, wenn man die meiste Zeit nichts fühlt. Man ist glücklich, weil man traurig ist. Man ist glück...
#NotJustSad: Hallo, ich bin depressiv

#NotJustSad

Hallo, ich bin
depressiv

Jana Seelig

Ich bin nicht einfach nur traurig, ich bin depressiv. Das ist etwas anderes als traurig zu sein. Meistens bin ich ziemlich glücklich, wenn ich traurig bin. Das klingt irgendwie absurd, aber so ist das eben, wenn man die meiste Zeit nichts fühlt. Man ist glücklich, weil man traurig ist. Man ist glücklich darüber, dass man überhaupt etwas fühlt. So ist das, wenn man depressiv ist. Also zumindest ist das bei mir so.

Ich bin allerdings nicht nur depressiv, sondern auch das Mädchen aus dem Internet. Das depressive Mädchen aus dem Internet. Das, das mit seiner Depression und ein paar wütenden Tweets dazu einen Ruck durch Deutschland und das Thema Depressionen wieder in die Öffentlichkeit gebracht hat. Das zumindest schreiben die Zeitungen über mich.

Das stimmt so allerdings nur bedingt. Ich habe ein Thema angeschnitten, das die Welt nicht erst seit dem Absturz der Germanwings-Maschine beschäftigt. Ich war nicht die Erste. Ich war nicht die Wütendste. Und ich war bei weitem nicht die Einzige.

Meine Depression war für mich nie ein Geheimnis. Aber eben auch kein Thema, das ich, wann immer es ging, in die Runde warf. Scrollt man durch meine Tweets der letzten Jahre findet man immer wieder solche, die sich um meine Antidepressiva, Arztbesuche oder Gespräche mit meiner Therapeutin drehen.

Ich führte sogar einen kleinen Blog, der sich am Rande mit dem Thema beschäftigte – aber ich tat das eben nicht so offensiv, wie an diesem einen Tag, wo ich zum ersten Mal in der Halböffentlichkeit des Netzes den Satz aussprach: “Hallo, ich bin depressiv.”

“Hallo, ich bin depressiv” ist ein Satz, mit dem ich mich nirgendwo vorstellen würde. Die Sätze, die ich im Normalfall sage, wenn ich mich jemandem vorstelle, sind eher so “Hallo, ich mag Katzen!” oder “Hallo, du hast da Dreck am Kinn.” Seit einem knappen halben Jahr muss ich allerdings auch niemandem mehr sagen, dass ich depressiv bin. Es weiß sowieso jeder.

Einerseits ist das ganz gut, denn ich bin in neuen Beziehungen nicht mehr dazu gezwungen, irgendwann die Bombe platzen zu lassen – und glaubt mir, depressiv zu sein ist wie permanent eine Bombe mit sich herumzutragen, die sich irgendwann entzündet und alles in dir und deinem Körper lahm legt. Andererseits kämpfe ich seitdem mit einem neuen Problem. Ich bin eben nicht mehr die, die Katzen mag oder andere Leute auf Dreck am Kinn hinweist, sondern die Depressive. Die Depressive mit dem Hashtag. Nicht einfach nur traurig, echt jetzt.

Wenn ich jemanden kennenlerne, sehen meine Gespräche in etwa so aus. „Hi, ich bin Jana.“ „Ach, du bist die mit dem Hashtag.“ „Nein, bin ich nicht. Ich bin die mit der Haiphobie und der schwarzen Katze.“ „Hä?“ Hallo, ich bin Jana und ich bin depressiv. Ich bin nicht einfach nur traurig. Ich habe nie einen Hashtag erfunden, sondern nur ein paar Tweets in die Welt gefeuert, die an meinen Ex-Freund gerichtet waren. Liebe Grüße an der Stelle.

Tweets, die geteilt und aufgegriffen wurden. Tweets, auf die andere Menschen auf Twitter mit ihren eigenen Geschichten reagiert haben. Tweets, aus denen schlussendlich ein Hashtag erstand, das von tausenden Leuten genutzt und groß gemacht wurde. Nicht ich habe das Thema wieder in die Öffentlichkeit gebracht, sondern alle, die unter dem Hashtag und auch abseits davon mitgetwittert haben. Der Hashtag hat viel Gutes getan. Aber eben nicht nur.

Er katapultierte mich in eine Öffentlichkeit, auf die ich nicht gefasst war. Ich wusste ja, dass die Medien hart sind, aber dass sie so hart und auch hartnäckig sind, hat mir im Vorfeld keiner gesagt. Ich hab beschlossen, mich dem zu stellen und es hat einiges an Mut erfordert, zum ersten Mal in eine Kamera zu sagen, dass ich depressiv bin. Währenddessen ging meine Liebe endgültig den Bach hinunter. Freundschaften zerbrachen. An Streit. An Neid. An Dingen, für die ich bis heute die Gründe suche.

Ich wurde mit Vorwürfen überhäuft, dass ich nicht jedem von meiner Depression erzählt habe, mit dem ich regelmäßig in Kontakt bin – aber naja, ich rede halt lieber über Lippenstifte und schlechte Popmusik, als dass ich mich an den Küchentisch setze und heule, dass mein Leben voll schlimm ist. Ist es nämlich nicht. Naja, außer wenn ich eine depressive Phase hab, und dann rede ich mit niemandem. Ich putze mir noch nicht mal die Zähne, verdammt!

Tag für Tag erreichen mich Mails, in denen ich angegriffen werde. Die harmlosen beschimpfen mich als depressive Schlampe. Die schlimmeren drohen mit Vergewaltigung, denn offensichtlich ist Mann der Meinung, dass Sex ohne Einverständnis meinerseits mich von meiner Depression heilen kann.

Von den ganz schlimmen will ich überhaupt nicht reden. Mittlerweile schützen mich verschiedene Spamfilter vor vielen diesen Mails, aber eben nicht vor allen. Manchmal rutscht dann eben doch eine durch, die besonders geschickt formuliert ist. Das treibt mich jedes Mal erneut an den Rand einer Depression.

Twitter ist für mich unbenutzbar. Was einst für mich ein Freizeitspaß war, auf dem ich mit Vorliebe über Titten schrieb, ist nun bitterer Ernst. Ich darf nicht mehr sagen, was ich sagen will, weil ich jetzt die Depressive bin. Man verbietet mir den Mund, weil es sich für eine “Identifikationsfigur”, zu der ich irgendwie gemacht wurde, nicht schickt, sich einen Schwanz in eben diesen zu schieben. Das ist nicht nur wahnsinnig anstrengend, sondern greift auch einen Teil meiner Identität an. Genauer gesagt: Es nimmt mir einen Teil der Identität einfach weg.

Pimmel. Pfefferminzschnaps. Popmusik. Das alles sind Dinge, über die ich mich nicht definieren will, doch sie sind eben ein Teil von mir. So, wie die Depressionen eben auch ein Teil von mir sind. Die zelebiere ich im Gegensatz zu Pimmeln, Pfefferminzschnaps und Popmusik allerdings nicht gern. Ich beschäftige mich lieber mit Dingen, die mich glücklich machen. Und das machen Depressionen einfach nicht.

Ja, Awareness ist gut und man muss darüber sprechen – aber Selbstschutz ist wichtiger als der Kampf gegen Dinge, die einen auf Dauer nur erdrücken. Und für meinen Selbstschutz ist es wichtig, dass ich speziell von meinem privaten Umfeld im Gesamten wahrgenommen werde und eben nicht als die, die irgendwie krank ist.

Im Großen und Ganzen bin ich schon sehr glücklich darüber, wie die Sache für mich gelaufen ist. Also vorausgesetzt, ich fühle überhaupt mal was. Ich darf etwas bewegen. Ich bin nur ein kleiner Teil davon, doch dass auf mich als Einzelperson Wert gelegt wird, ist eine vollkommen neue Erfahrung.

Und das möchte ich nutzen, um auf andere Einzelschicksale aufmerksam zu machen. Weil Depressionen eben nicht nur Einzelschicksale sind, sondern etwas, das uns alle betrifft. Jeder kämpft für sich, Tag und Tag, um sich selbst, doch nur ein Kollektiv ist stark genug, sich gegen die Stigmatisierung zu wehren.

Es gibt da allerdings so eine Sache, mit der ich nicht so glücklich bin. Nämlich einige der Tweets, die ich in meiner Rage ganz unbedacht in den Raum warf. In dieser Zeit, in der ich regelmäßig auf Reisen war und mit den verschiedensten Menschen über Depressionen sprach, habe ich nämlich einiges dazu gelernt.

Zum einen, dass man Nicht-Depressive eben nicht aus der Diskussion ausschließen darf. Arschlöcher hingegen schon. Sie können nur verstehen, wenn sie zuhören und sich austauschen dürfen – und das erreicht man nicht, wenn man sie beschimpft und ihnen ihre eigene Meinung abspricht, so wie ich das in meinen damaligen Tweets getan habe. Zum anderen ist ein Hashtag nicht das Maß der Dinge. Es ist ein Anfang – aber es darf nicht allein bei dem Hashtag bleiben.

Und deshalb stelle ich mich trotz allen Hasses, der auf mich einprasselt, ins Fernsehen und auf Bühnen, um von meinen Nicht-Gefühlen zu erzählen, schreibe Artikel und Bücher und beantworte jeden Tag zahlreiche Emails von anderen Betroffenen, wobei ich immer darauf achte, keine therapeutische Rolle einzunehmen, sondern eher die eines guten Freundes, an dessen Schulter man sich ausweint.

Ich repräsentiere eine Geschichte. Meine Geschichte, um genau zu sein. Es ist ein Einzelschicksal, das irgendwie doch kein Einzelschicksal ist, weil viele fühlen, was ich fühle. Die meiste Zeit nämlich nichts. Minusgefühle. Minus Gefühle.

Den Umgang damit muss man jedem selbst überlassen. Du willst darüber sprechen? Gut. Du willst nicht darüber sprechen? Auch gut. Die Tweets, die unter dem Hashtag #NotJustSad ausgetauscht werden, erzählen leider längst keine Geschichte mehr. Sie sind bevormundend geworden.

Ein jeder will der bessere Depressive sein. Der bessere Aktivist im Kampf gegen die Stigmatisierung. Das, was eins als Kollektiv aller Betroffener und Angehörigen von Betroffenen begann, wurde zu einer Arena für Einzelkämpfer.

Statt darüber zu reden, was man (nicht) fühlt, wird darüber diskutiert, wem so ein Hashtag überhaupt gehört und wer das Recht hat, ihn zu benutzen. Statt aufeinander zu reagieren und sich gegenseitig zu unterstützen, so wie das zu Beginn der Fall war, wird aufeinander eingedroschen.

Jeder schreibt nur noch für sich. Ich bilde keine Ausnahme. Das Kollektiv zerbricht am Einzelnen. An verschiedenen Einzelnen, um genau zu sein. Ein sehr wichtiger Hashtag ist dem Untergang geweiht. Egotrip statt Empörung.

Und jetzt? Muss die Aufklärung weiter gehen. Von einer Blase im Netz, die sich nur noch angreift, statt sich mit (Selbst)Heilung und Stigmatisierung zu beschäftigen, hinaus in die “richtige” Welt. Es geht nicht mehr bloß um Hashtags. Es geht um echte Menschen mit genauso echten Erkrankungen. Um Kämpfe, die in mehr als 140 Zeichen ausgefochten werden.

Wie? Das ist jedem selbst überlassen. Ich weiß nur eins: Dass es für mich mit bloßen Gemotze und Hass auf die Welt, Mitmenschen und die (eigene) Erkrankung irgendwie nicht funktioniert. Hashtagaktivismus in allen Ehren: Mein persönlicher Weg ist es nicht. Und dass ich das inzwischen erkannt habe, macht mich schon irgendwie sehr glücklich. Ich kann nämlich glücklich sein, obwohl ich depressiv bin. Vorausgesetzt, man spricht mir meine eigenen Gedanken nicht immer sofort ab, nur weil ich krank bin.

Die Illustration stammt von Piper
Der Text erschien in der Kategorie Leben mit den Themen
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Wie viel wiegt die Liebe? Wenn die Mücke zum Elefanten wird

Im Badezimmer sacke ich auf die neue, flauschige Badezimmermatte. Mir ist schwindlig. Mein Kopf dreht sich und mit ihm tausend Gedanken im Kreis. Das Badezimmer ist ein prima Ort, um sich den Kopf zu zerbrechen und wieder klar zu kommen. Man kann sich an die Heizung kuscheln und sofort sieht die Wel...
Wie viel wiegt die Liebe? Wenn die Mücke zum Elefanten wird

Wie viel wiegt die Liebe?

Wenn die Mücke zum
Elefanten wird

Hannah Maria Paffen

Im Badezimmer sacke ich auf die neue, flauschige Badezimmermatte. Mir ist schwindlig. Mein Kopf dreht sich und mit ihm tausend Gedanken im Kreis. Das Badezimmer ist ein prima Ort, um sich den Kopf zu zerbrechen und wieder klar zu kommen. Man kann sich an die Heizung kuscheln und sofort sieht die Welt wieder ganz anders aus. Oder man springt unter die Dusche, um sich aufzuwärmen und spült die Gedankensuppe einfach den Bach hinunter.

Klopapier ist ein guter Taschentuchersatz. Und wenn man einen Blick in den Spiegel wirft, zwingt man sich sofort aufzuhören zu weinen, weil die Augen bereits ganz zugeschwollen sind. Wenn ich mich bewege, tanzen ein paar Staubwolken um meine 19,99-Euro-Waage.

Ich stelle mich drauf. 61 Kilogramm. Ein Schokoriegel wiegt ungefähr 20 Gramm. Mit 3050 Schokoriegeln könnte man mich nachbauen. Eine Mücke wiegt zwei Milligramm und, wenn wir aus ihr einen Elefanten machen, fünf Tonnen. Aber wie viel wiegt eigentlich die Liebe?

Wenn wir abends durch die Bars streifen und sich im Dunkeln die Blicke zweier Menschen treffen, dann schlägt unser Herz plötzlich schneller, es macht sogar einen kleinen Sprung und fängt an zu glühen. Es wird ganz warm und heiß. Die Hitze steigt uns in die Ohren, sie werden ganz rot und plötzlich verhalten wir uns bescheuert anders. Die eigene Sprache verknotet sich mit den Stimmbändern.

Wenn wir verliebt sind, fühlt es sich an, wie ein Biss in die Lieblingsschokolade, die man seit gefühlten Ewigkeiten nicht mehr gegessen hat. Wir fühlen uns, als ob wir wieder fünf sind und den Hauptgewinn an der Losbude ziehen. Die ganze Welt dreht sich um uns und es gibt nur genau diesen einen Augenblick, diesen einen Moment, der so kurz ist, aber unsere Welt zum Stillstand bringt.

Der Magen wird ganz flau. Es fühlt sich an wie Aufzugfahren. Der freie Fall. Wie eine Fahrt auf dem Kettenkarussell in schwindeliger Höhe. Wie Schmetterlinge im Bauch. Ein Schmetterling wiegt zwischen 150 und 300 Milligramm. Ein Vierpersonenaufzug hat eine Tragfähigkeit von 750 Kilogramm und ein Los wiegt ungefähr fünf Gramm.

Wenn wir uns mit Menschen streiten, dann machen wir das größtenteils, weil sie uns so viel bedeuten, wir sie lieben oder sie uns tierisch auf die Nüsse gehen. Wenn die ersten Blicke getauscht wurden und die Karussellfahrt vorüber ist, kommt das Grummeln, die Wut, die Angst, die Missverständnisse, das tägliche Leben und Alltagssituationen. Wir sind nicht mehr alleine. Sondern zu zweit.

Das Leben wird kurzerhand für ein paar lausige warme Herzhüpfer umgekrempelt und wir lassen uns aufeinander ein. Streitereien sind ganz normal, da lernen wir uns erst richtig kennen. Wir beginnen damit, Bücher nach dem Anderen zu werfen, die Fotos der Exfreundin zu verbrennen oder kurzerhand die Bettdecke plus Partner auf das nächste Sofa zu verfrachten. Ein Buch wiegt je nach Lesestoff um die 350 Gramm, seine Exfreundin hoffentlich mehr als ich, ein Foto um die zehn Gramm und eine Bettdecke etwa drei Kilogramm.

Sobald die Sonne sich verdrückt hat, es dunkel wird und der kitschige Sternenhimmel auftaucht, machen die Gedanken sich wieder breit. Wir bereuen, was wir getan haben, wir bekommen Sehnsucht, liegen wach im Bett und eine Träne fließt nach der anderen, weil wir genau wissen, dass wir Scheiße gebaut haben. Wir haben Angst, drücken unser versifftes und zerknuddeltes Lieblingskuscheltier an uns und stellen uns in Gedanken vor, wir wären bei ihm. Oder bei ihr.

Wir würden uns am liebsten in die Kuhle zwischen seinem Hals und seinen Schultern drücken und an seiner Haut schnuppern. Unseren Arm um ihn legen, die andere Seite seines Körpers kraulen und vorsichtig ein Bein auf sein bestes Stück legen.

Und Männer, ihr mögt es doch auch, wenn wir uns an euch drücken. Aber da jeder gerade irgendwo verschwenderischer Weise alleine in der Weltgeschichte herumliegt, versuchen wir die Zeit mit einer schnulzigen DVD totzuschlagen oder ertränken sie in Tortillachips mit Käse. Mein Kuscheltier wiegt 350 Gramm. Ein Spritzer Parfüm 50 Milligramm. Und ein Chip vielleicht 500 Milligramm.

Wie viel wiegt die Liebe, wenn wir erfahren, dass unser Partner krank ist? Krebs diagnostiziert wird, Aids, ein Kind verloren hat, ein Freund bei einem Autounfall ums Leben kommt. Solche Schläge werfen uns aus der Umlaufbahn. Wie viel wiegt die Liebe, wenn wir den Menschen in die Augen blicken, die sich um uns sorgen und wir können nichts dagegen tun? Wenn man sich schon zurücknimmt, aus Angst die Menschen, die man liebt, mit einer schlechten Nachricht zu verletzen, wie viel wiegt Liebe dann?

Wenn wir einen Menschen jahrelang durch eine schwere Krankheit begleitet haben und das Spiel leider verloren haben, wie schwer ist Liebe dann? Sie erdrückt uns, nimmt uns Mut, Kraft, den Atem und die Seele. Eine schlanke Frau um die 25 Jahre wiegt bei einer Körpergröße von 1,75 Metern 59 bis 77 Kilogramm. Ein Mann bei 1,80 Metern bis zu 80 Kilogramm. Ein ungeborenes Baby in der 30. Schwangerschaftswoche um die 1,6 Kilogramm. Man sagt, die Seele eines Menschen wiegt 21 Gramm.

Wir stehen an einer Kreuzung. Unsere ganze Vorgeschichte hat uns hierher geführt. Unser Tun, Denken und Handeln, unsere Entscheidungen, unsere Sprache. Jedes einzelne Wort, jeder einzelne Buchstabe hat uns genau hierher gebracht. Es ist drückend, schwül, über uns hängen dicke Wolken. Und wir haben uns entschieden, nicht mehr zusammen zu sein. Wie viel wiegt die Liebe, wenn wir uns gegenseitig gehen lassen, wenn wir die Entscheidung des anderen akzeptieren müssen und wieder nur mit unserem zerknutschten Kuscheltier das Bett teilen?

Wie fühlt es sich an, wenn uns solch eine Nachricht das Herz zerreißt und man verzweifelt, weil wir nicht mehr auf einen grünen Ast kommen? Wenn wir uns eigentlich lieben, aber es nicht schaffen miteinander auszukommen. Wie scheisse fühlt es sich jedes Mal an, jemanden nicht anzurufen, keine SMS zu schreiben und nicht einfach vor der Tür des anderen zu stehen. Wie viel wiegt die Liebe, wenn wir jemanden geliebtes gehen lassen müssen? Über das Gewicht einer Wolke wird heiß diskutiert. Ein Herz wiegt 300 Gramm.

Lange genug habe ich auf die Waage gestarrt. Die 61 blinkt bedeutungslos auf und ab. Ich spreize meinen kleinen linken Zeh vom Fuß ab, um auf den viel zu kleinen Ausschalter zu drücken. Ich atme ein paar Mal tief durch, wuschle mir durch die Haare und plustere meine Hamsterbacken auf. Mein Kopf pocht. Die Staubwolken haben aufgehört zu tanzen und liegen leblos in der Ecke. Ein Staubkorn wiegt 0,0001 Gramm. Eine Mücke wiegt zwei Milligramm und, wenn wir aus ihr einen Elefanten machen, fünf Tonnen.

Die Illustration stammt von Icons8
Der Text erschien in der Kategorie Liebe mit den Themen
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Japan bei Nacht: Tokio schläft

Wie ihr wisst, ist Tokio meine absolute Lieblingsstadt auf dieser Welt. Und wahrscheinlich auch im noch unentdeckten Rest des Universums. Ich war in New York, London, Paris - nichts kommt auch annähernd an diese immer blinkende, immer leuchtende, immer glühende Metropole heran. Wer in die japanis...
Japan bei Nacht: Tokio schläft

Japan bei Nacht

Tokio
schläft

Marcel Winatschek

Wie ihr wisst, ist Tokio meine absolute Lieblingsstadt auf dieser Welt. Und wahrscheinlich auch im noch unentdeckten Rest des Universums. Ich war in New York, London, Paris – nichts kommt auch annähernd an diese immer blinkende, immer leuchtende, immer glühende Metropole heran.

Wer in die japanische Hauptstadt eintaucht, der kommt als anderer Mensch wieder heraus, wer mit offenen Augen und Ohren durch die Spielhallen,