Digitale Romantik - Ich fand meine große Liebe bei Tinder

Okay, ich habe echt lange mit mir gerungen, ob ich das hier wirklich schreiben soll – oder es besser für mich behalte. Denn eigentlich stehe ich nicht so auf oft…
Digitale Romantik - Ich fand meine große Liebe bei Tinder

Digitale Romantik

Ich fand meine große
Liebe bei Tinder

Okay, ich habe echt lange mit mir gerungen, ob ich das hier wirklich schreiben soll – oder es besser für mich behalte. Denn eigentlich stehe ich nicht so auf oft willkürlich in die Öffentlichkeit getragene Coming-Outs, aber irgendwer muss ja schließlich einmal den Anfang machen. Also tue ich es: Jawohl, ich habe meinen Freund bei Tinder kennengelernt.

Mit diesen Zeilen hier möchte ich eine Lanze brechen. Für die Dunkelziffer an Tinder-Pärchen da draußen. Ich bin mir nämlich sicher, dass das gar nicht so wenige sind. Denn eigentlich gibt es nicht ein einziges iPhone in meinem Freundeskreis, auf dem beim Durchscrollen nicht zufällig die rote Flamme an der einen oder anderen Stelle aufblitzt.

Selbstverständlich nur, weil man die App „so lustig“ findet und „nur mal eben gucken“ wollte. Ja klar. Habe ich ja auch immer gesagt, aber mal ganz ehrlich, wenn wir Tinder wirklich nur mal testen wollten, warum schleppen wir uns dann doch immer mal wieder zu einem Date hin? Nur weil wir gerade Hunger haben, oder was?

Ich dachte ja zugegeben eigentlich auch immer, dass es Menschen gibt, die sich im normalen Leben kennen lernen. Und dann halt diese Freaks, die im wahren Leben keiner haben will und die deshalb das Internet und irgendwelche komischen Flirt-Apps brauchen. Diejenigen, die früher immer in Talkshows herum saßen und sich dafür schämten.

Solche Freaks sind bei Tinder wirklich en masse zu finden, klar. Von Perversen, die dir anbieten über WhatsApp Selbstbefriedigungsbilder auszutauschen, Typen, die – um besonders tiefgründig zu wirken – ein sorgfältig vorbereitetes Fragen-Quiz per Copy und Paste an ihre Matches verschicken und die ganz Verzweifelten, die gleich in der ersten Nachricht ankündigen: „Wir können ja ein bisschen hin und her schreiben. Vielleicht passt es ja.“ Nichts, was es bei Tinder nicht gäbe. Und genau deshalb ist es gar nicht so anders, als das normale Leben.

Denn um ehrlich zu sein, so viel weniger freakig sind die Männer und Frauen, die man sonst so kennenlernt, auch wieder nicht. Ich erinnere mich an das Date neulich mit dem Immobilienmakler, der mich für irgend einen russischen Gold Digger gehalten haben muss. Zeigte mir in einem knapp zweistündigen Treffen seine gesamten Wertanlagen von der Ray Ban über den Porsche bis hin zur Eigentumswohnung in Eppendorf.

Oder der Typ davor, mit dem ich im Kino war, der meinen Hund nicht in seine Wohnung lassen wollte, aus Angst, er könnte etwas kaputt machen. Sorry, aber so viel kann in einer 1-Zimmer-Wohnung, mit Billy und Klöfta als einziges Inventar nun auch wieder nicht kaputt gehen.

So viel schlimmer sind die Leute bei Tinder also auch nicht – zumal ja eigentlich eh jeder Freak aus dem echten Leben dort auch mit einem durch Instagram bearbeiteten Bild vertreten ist. Wie kommt es dann, dass ich trotzdem jedes Mal, wenn ich gefragt, werde wie mein Freund und ich uns kennengelernt haben, irgendwas von Club oder Bar rede und einfach nur nix wie weg will, bevor ich mich mit irgendwelchen Details verplappere?

Ich schätze es liegt an all den Leuten, bei denen im Profil steht: „Später können wir ja einfach sagen, wir wären uns im Supermarkt begegnet.“ Soll total lustig und originell rüberkommen, ich weiß. Wirkt aber einfach nur bekloppt. Dazu schädigt dieser dumme Spruch – der nebenbei bemerkt unter jedem dritten Profilfoto steht – das Image sämtlicher Tinder-Beziehungen, bevor sie überhaupt losgehen.

So ist es nämlich ganz eindeutig: Tinder-Beziehungen sind peinlich, wir sind eigentlich alle viel zu gut dafür und deshalb haben wir uns offiziell auch auf jeden Fall ganz, ganz anders kennengelernt. Klar, ist ja auch nicht wirklich romantisch zuzugeben, dass man einfach mal wieder dringend Sex brauchte, zu faul war vom Sofa aufzustehen und sich deshalb diese famose App heruntergeladen hat.

Und dann, völlig im Tinder-Wahn bei jedem, der auch nur ansatzweise größer als 1,75 Meter aussah, begeistert nach rechts gewischt hat. Der herkömmliche Weg hört sich da natürlich gleich viel besser an: „Wir hatten da so ’ne Weihnachtsfeier… und jeder zwei Promille.“ Oder: „Bin nach ’ner Party bei ihm wach geworden und dann wollten wir mal weiter schauen.“ Oder: „Ich habe ihm zuerst eine falsche Nummer gegeben, aber dann hat er sich so viel Mühe gegeben…“ Not. Aber so erzählt das ja auch keiner.

In Liebesangelegenheiten werden nämlich grundsätzlich nur verklärte, beschönigte Halbwahrheiten erzählt, so weit das Auge reicht. Weil Liebe, das haben wir ja von Carrie und Mr. Big gelernt, etwas ganz Unfassbares, Unglaubliches und Magisches ist. Komisch nur, dass eure letzten drei Beziehungen mit Jogginghose und Chipstüte vor dem laufenden Fernseher endeten und dabei weniger magisch als doch ziemlich reell waren.

Hat man dann mal wieder eine Beziehung, darf die auf gar keinen Fall irgendwie gewöhnlich sein. Und was gäbe es Gewöhnlicheres, als zwei Menschen, die schon am Tag des Kennenlernens optisch nach Beziehungsende aussehen, weil sie mit Jogginghose und Chipstüte bei laufendem Fernseher chatten?

Da faselt man dann halt lieber was von Partys und zu viel Alkohol, das kennt ja jeder und ist schon so ein bisschen enttabuisiert. Eigentlich völlig bescheuert. Nur weil man sich bei Tinder kennengelernt hat, ist es ja noch lange nicht weniger krass, sich mit jemandem so zu verstehen, dass man ihn auch dauerhaft um sich haben will.

Klar, es ist natürlich etwas banal, jemanden mit einer Wischbewegung über das Handy kennenzulernen. Aber ich glaube eigentlich auch nicht, dass sich irgendwer schon mal allein durch das Matchen verknallt hat. Dazu gehören dann doch eher Stimme, Aussehen, Ausstrahlung, Geruch – halt alles, was man dann beim ersten richtigen Treffen sieht und wahrnimmt. Was immer ein großer Zufall ist, wenn es harmoniert, egal ob man sich schon mal betrunken im Club oder nur auf dem Handydisplay gesehen hat. Da ist Tinder genauso wenig planbar, wie das richtige Leben.

Manchmal sind ja sogar Tinder-Dates ziemlich ziemlich ungeplant. Das erste Date von meinem Freund und mir zum Beispiel. Klang krass nach Fuck-Date, ein Come-as-you-are-Treffen, nachts um 1, ungeschminkt (ich) und in Jogginghose (wir beide). Wenn man sich dann trotzdem noch mal treffen will, das über Monate hinweg und plötzlich nur noch zusammen rumhängt, dann ist das wohl kein Tinder mehr, sondern Verliebtheit. Und darum geht’s doch eigentlich, wenn man nach dem Kennenlernen gefragt wird, oder nicht?

Bücher über Tinder auf Amazon kaufen

Bei jedem vermittelten Kauf über Amazon erhalten wir einen kleinen Anteil
Die Illustration stammt von Icons8
Der Text erschien in der Kategorie Liebe mit den Themen Beziehung, Internet, Jungs, Mädchen und Tinder
Wenn dieser Artikel euch gefällt, könnt ihr ihn auf Facebook, Twitter, WhatsApp, Pinterest und Tumblr oder per Email teilen
Ihr habt etwas zu sagen? Schickt uns einen Leserbrief!
Weitere Artikel lesen
AMY&PINK

AMY&PINK ist euer digitales Popkulturmagazin und gibt euch alles, was ihr über Mode, Kunst, Musik, Filme, Spiele, Essen, Reisen, Liebe, Sex und das Leben im Allgemeinen wissen müsst. Jeden Tag aufs Neue.

Sendet uns eure CDs, Filme, Serien, Bücher, Magazine, Comics, Getränke, Videospiele, Schuhe, Kleidungsstücke, technischen Spielereien und weitere schöne Dinge und vielleicht stellen wir sie auf AMY&PINK vor.

Wenn ihr auf AMY&PINK werben oder veröffentlicht werden wollt, eine rechtliche oder inhaltliche Anfrage habt oder weitere generelle Informationen benötigt, dann schickt uns eine Email!

Kategorien
Leben  Mode  Kunst  Musik  Filme  Spiele  Essen  Reisen  Liebe  Sex

Themen
Mädchen  Frauen  Jungs  Männer  Fotografie  Beziehungen  One-Night-Stands  Internet  Japan  Berlin  Asien  Tokio  Deutschland  Gedanken  Gesundheit  Studium  Emotionen  Jugend  Pornografie  Anime  Liebeskummer  Manga  Karriere  Partys  USA  Drogen  Masturbation  Geld  Instagram  Onanie  Blogs  Feminismus  Alkohol  Facebook  YouTube  Twitter  Freundschaft  Cartoons  Kinder  Comics  Selbstbefriedigung  Depressionen  Pop  Ängste  Interviews  Penisse  Krankheiten  Tinder  Kreuzberg  Bücher  Geschichten  Fantasy  Finanzen  Gefühle  Hip Hop  Beziehung  Los Angeles  Vibratoren  Arbeit  Muschis  Sexismus  Werbung  Shibuya  Harajuku  Serien  Zukunft  Fetische  WhatsApp  Politik  Prostitution  Friedrichshain  Kyoto  Schule  New York  Hass  Vaginen  Europa  Nintendo  Wohngemeinschaften  Brüste  Gewalt  Dildos  Schwänze  Kindheit  Akihabara  Teenager  Reddit  Australien  Familie  Shimokitazawa  Handys  Zeichentrickserien  Netflix  Analsex  Psychologie  Orgasmen  Dating  PlayStation  London  Berghain  

Kanäle
Facebook  Twitter  Instagram  Tumblr  Pinterest  Feedly

© 2020  •  Alle Rechte vorbehalten

Wir übernehmen keine Verantwortung oder Haftung für unverlangte Einsendungen.

Mit dem Erhalt von Fotografien, Texten und ähnlichen analogen wie digitalen Materialien erklärt sich der Einsender dazu bereit, dass er die vollen Rechte daran besitzt und diese kostenfrei, lizenzfrei und für unbestimmte Zeit auf AMY&PINK veröffentlicht werden dürfen.

Diese Webseite wird durch Werbung, Produktplatzierungen und Affiliate-Links unterstützt.

Bei jedem vermittelten Kauf über Amazon erhalten wir einen kleinen Anteil

Weitere Informationen findet ihr in unserem Impressum und in unserer Datenschutzerklärung.