Die neue Liebe - Visionäre Beziehungsutopien

In der Zukunft werden Beziehungen anders sein, sagen sie. In der Zukunft – das bedeutet meistens so viel wie „Gib der Sache noch zehn Jahre Internet, dann leben wir ganz…
Die neue Liebe - Visionäre Beziehungsutopien

Die neue Liebe

In der Zukunft werden Beziehungen anders sein, sagen sie. In der Zukunft – das bedeutet meistens so viel wie „Gib der Sache noch zehn Jahre Internet, dann leben wir ganz anders als heute!“ – werden wir ausschließlich über Screens arbeiten, mit Komapatienten über Gedankenaustausch kommunizieren und lebendige Tiere essen, weil Kanye West PETA aufgekauft und zu einem Delikatessenladen gemacht hat.

Romantische Beziehungen werden anders aussehen, weil sie sich an den gesellschaftlichen Werten orientieren und die sind im stetigen Wandel. Weil Individualismus noch stärker ausgeprägt sein wird, weil die digitale Gegenwart keine Steifheit mehr zulässt, weil Romantik eine ganz neue desillusionierte Form von Praxis bekommt. Das schleicht sich jetzt schon sehr oft in unsere Medienwelt ein. Berichte von Pärchen, die nicht monogam leben. Menschen, die überhaupt nicht mehr auf der Suche nach ihrem perfekten “Significant Other” sind. Patchwork-Familien, Online-Dating, Dreiecksbeziehungen, in einer liberalen Welt sind alle Vorstellungen akzeptabel und umsetzbar.

Ich plädiere selbstverständlich dafür, dass jeder das machen kann und soll, was ihn oder sie zum Glück führt. Da gibt es ja einige Ideen, die vielleicht nicht jedem ins Konzept passen, oder Experimente, die nur das bleiben: Experimente. Ich verurteile keine Form von Liebe, auch wenn ich manchmal mit zusammengekniffenen Augen versuche, sie zu entziffern. So wie jetzt, nachdem ich in den letzten Wochen über unzählige Artikel über Beziehungsformen, Monogamie und Zukunft gestolpert bin.

Dabei dreht es sich vor allem um die Menschen, die sich auf polygame Beziehungen einlassen, ihr eigenes Verständnis von Liebe und Zusammenleben haben und das Miteinander untereinander klären, ohne die Gesellschaft mitreden zu lassen. Finde ich gut. Ich check’s nur nicht. Ich kann Gefühle wie Eifersucht so gut es geht rational zur Seite schieben, aber am Ende ist verliebt sein – traditionell mein persönlicher Aufhänger für eine zweisame Beziehung – doch auch eine Art Exklusivitätsanspruch, und zwar kein gegenseitiger.

Was ich damit sagen möchte: Vielleicht finde ich das in der Theorie ziemlich cool, eine Person aktiv zu lieben, mit ihr den Hauptteil meines Lebens zu verbringen und meinen Alltag zu teilen, aber die Möglichkeit zu haben, mich mit anderen Menschen zu treffen und auszutauschen, auch sexuell. Aber praktisch will ich das nicht, weil ich nur eine Person will.

Das Gefühl mag sich irgendwann ändern, aber das ist das, was ich aus persönlichen Erfahrungen kenne. Und da ist kein Raum für rationale Arrangements. Da gibt es nur verletzt werden und kein Verständnis haben für die Entscheidungen des Gegenübers. Natürlich kann man diesen Teil seiner Emotionen unterdrücken – „für die Liebe“ – aber was ist das für eine Liebe, bei der man sich Freiheit aufdrückt, die man gar nicht will, weder für sich noch für den Geliebten?

Das ist kein Plädoyer für die Stanni-Beziehung. Liebe kennt womöglich keine Konventionen, und wo wir herkommen, aufwachsen und wie wir sozialisiert werden, kann eine große Rolle spielen, bei unserer Art zu lieben. Daher gebe ich zu: Mein Stirnrunzeln ergibt sich aus Faktoren, die mich persönlich beschäftigen. Ich würde keine polygame Beziehung wollen, weil ich sie nicht könnte, selbst wenn mir die Idee gefällt – genauso wenig wie ich eine monogame Beziehung mit jemandem möchte, dem ich nicht emotional verfallen bin.

In den ganzen visionären Beziehungsutopien kommt leider nie vor, dass die „geschlossene“ Beziehung auch noch ein funktionierendes System sein kann. Auch hier müssen beide Parteien einverstanden sein und ihre Gefühle ausdiskutieren, um einen gemeinsamen Weg durch’s Leben zu finden – ohne andere Partner.

Die Frage ist, ob diese Systeme gesellschaftsübergreifend Seite an Seite sein können, ohne dass sich ihre Anhänger gegenseitig bekriegen. Und seien wir ehrlich, wenn iPhone- vs. Android-Instagram schon so viel elitäres Machtgehabe produzieren kann, wie ist es dann bei einem global-sozialen Thema? Leider sehe ich für unsere Welt nur die negative Diskussion, die schwer in die Richtung “wenn du es nicht so wie wir machst, machst du es falsch” einschlägt. Am Ende bleibt uns dann wieder nur eine „richtige Lösung“ für das Problem, und ein auflehnender Kampf der Minderheit.

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Illustration von Maria Shukshina und Icons8
Der Text erschien in der Kategorie Liebe mit den Themen Beziehungen, Mädchen, One-Night-Stands, Polygamie und Zukunft
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