Der Feind im eigenen Bett - Mein Freund hat mich vergewaltigt

Ich hänge vor dem Handy, weil ich wieder einmal nichts mit mir anzufangen weiß. Ich öffne Twitter und klicke mich wahllos durch die Tweets. Bei einem Link bleibe ich hängen.…
Der Feind im eigenen Bett - Mein Freund hat mich vergewaltigt

Der Feind im eigenen Bett

Mein Freund hat mich vergewaltigt

Ich hänge vor dem Handy, weil ich wieder einmal nichts mit mir anzufangen weiß. Ich öffne Twitter und klicke mich wahllos durch die Tweets. Bei einem Link bleibe ich hängen. Ein Mädchen schreibt über ihre Vergewaltigung. Ihr Text löst in mir eine starke Reaktion aus. So stark, dass ich zum Kühlschrank gehe, den Wodka aus dem Eisfach hole und einen großen Schluck direkt aus der Flasche nehme.

Ich würde nicht sagen, dass ich vergewaltigt worden bin, obwohl ich jedes Mädchen, das dieselbe Erfahrung wie ich gemacht hat und dann so einen Satz von sich gibt, gerne schütteln würde, ihr erzählen würde, dass Sex ohne eindeutiges Einverständnis immer eine Vergewaltigung ist.

Mein Exfreund schlief ohne mein Einverständnis mit mir. Ich habe mich nicht gewehrt, nur geweint, und ich bin mir bis heute nicht einmal ganz sicher, ob er das überhaupt gemerkt hat. Er war auf Kokain, ich gefangen in der Depression und die Gefühle, die man hat, wenn man auf Koks ist oder in einer Depression steckt, sind nicht greifbar, wenn man sie nicht erlebt hat.

Sven und ich kennen uns über Twitter. Schon bevor wir zusammen kamen, hatte er Teil an meinem Sexleben. Dem Sexleben, das ich auch im Internet beschreibe. Nicht, um Aufmerksamkeit zu erregen oder neue Sexualpartner an Land zu ziehen – obwohl das natürlich auch schon passiert ist -, sondern weil es einfach Teil von mir ist.

Ich mag BDSM. Harten Sex. Fesseln, die sich um meinen Körper schlingen und Schläge, auch ins Gesicht. Sven wusste das von Twitter. Und natürlich, weil ich ihm davon erzählt habe – mit der Bitte, etwas vorsichtig mit mir zu sein, da ich insbesondere in depressiven Phasen dazu neige, zu weit zu gehen. Oder sagen wir lieber: Es mit mir zu weit gehen zu lassen. Schmerzen zu ertragen, von denen ich weiß, dass ich sie nicht aushalte. Befehle auszuführen, die mir eigentlich zuwider sind. Dinge mit mir machen zu lassen, die ich eigentlich strikt ablehne.

Ich gehe mit meinem Sexleben mindestens genauso offen um wie mit meiner Erkrankung. Ich finde es generell sehr wichtig, über sexuelle Vorlieben und persönliche Grenzen zu sprechen. Noch wichtiger ist das allerdings, wenn man an einer Krankheit leidet, die einen manchmal dazu verleitet, Dinge zu tun, die man normalerweise nicht tun würde.

Natürlich sprach ich auch mit Sven über meine Limits und dass sie je nach Tagesverfassung mal schwanken können. Darüber, dass es okay ist, wenn er hart zu mir ist und dass es auch okay ist, wenn ich in ein Tief, den sogenannten „Sub Drop“ abrutsche, wenn er danach nur bei mir ist und mich wieder hoch holt.

Es mag schon sein, dass BDSM gerade für Leute wie mich, die schnell in dieses Tief rutschen und allein nicht mehr herauskommen, nicht unbedingt das Beste ist. Wenn ich jedoch jemanden um mich habe, der die Grenzen zwischen Spiel und Ernst versteht, schützt es mich vor der Erkrankung. Vielleicht, weil ich in solchen Momenten die Wahl habe, ob ich mich in ein Tief begebe oder nicht. Was ich mit mir machen lasse oder nicht, hängt viel von meinem Partner ab. Bei einer Depression habe ich diese Wahl so nicht. Sie ist von niemandem abhängig, nicht einmal von mir selbst.

Sven hat meine Grenzen überschritten. Er zwang mich, stundenlang vor ihm zu masturbieren, auch wenn er wusste, dass ich dank der Tabletten keinen Orgasmus haben kann und dass ich dabei nichts fühle, außer Schmerz. Physischen und psychischen, denn die Phasen, in denen ich nicht fähig bin zu kommen, belasten mich emotional. So richtig bewusst wurde mir das, was er mit mir gemacht hat, erst nach mehreren Gesprächen mit meiner besten Freundin Lotte.

Manchmal schlug er auf mich ein, wenn ich schon längst am Boden lag, weinte und wimmerte, dass er endlich aufhören soll. Meine Depression ist meine Schwachstelle – und er nutzte sie aus. Mit Worten wie „Du magst es doch, wenn ich so hart zu dir bin“, „Ich weiß, dass dir das eigentlich gefällt“ oder „Ich fick‘ dich irgendwann im Schlaf, wenn du dich gar nicht wehren kannst.“ Wenn ich ihm sagte, dass mir seine Worte Angst machten, dann schob er alles auf „das Spiel.“ Das Spiel, das irgendwann keines mehr war.

Die Schuld daran gebe ich bis heute mir. Sätze wie „Du Psychoschlampe machst, dass ich so bin“ und „Du krankes Stück löst das mit deinem Terror bei mir aus“, haben sich tief in mein Gehirn gebrannt. Ich bin schuld, dass er mich vergewaltigt hat. Dass er über meinen Körper verfügt hat, wie es ihm beliebte, weil meine Krankheit nicht nur meine, sondern auch seine Psyche angegriffen hat. Es war seine Art, mich und damit auch meine Depression, die Auswirkungen auf uns beide hatte, zu kontrollieren, auch wenn sie nicht mehr kontrollierbar war.

Obwohl ich immer von ihm weg wollte, habe ich es allein nicht geschafft. Die Grenzen zwischen Spiel und Ernst sind mit meiner Krankheit zu einer großen, wabernden Masse verschwommen. Und erst jetzt, wo ich von ihm weg bin und diesen Blogpost von einem fremden Mädchen lese, wird mir bewusst, was er mir, meinem Körper und auch meinem Kopf eigentlich angetan hat. Er hat meine Depression benutzt, um das zu kriegen, was er wollte, hat sie für seine Zwecke gegen mich benutzt.

Außer mit Lotte habe ich bisher mit niemandem über die Sache mit Sven gesprochen, zumindest niemals so direkt. Aus Angst, er könne all die Drohungen, die er mir gegenüber ausgesprochen hat, wenn ich jemandem davon erzähle wahr machen. So wie er die Drohung, mich im Schlaf zu ficken, wahr gemacht hat.

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Die Fotografie stammt von Mxsh
Der Text erschien in der Kategorie Liebe mit den Themen Ängste, Beziehungen, Frauen, Gewalt, Hass, Jungs, Mädchen, Männer und Vergewaltigung
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