Dating per App - Tinder darf man nicht ernst nehmen

Ich hatte mal einen Exfreund. Und wie es für Exfreunde seiner Art, Stichwort Musiker, so üblich ist, war er ein richtiger Arsch mit einem winzigen… naja… Ego und noch weniger…
Dating per App - Tinder darf man nicht ernst nehmen

Dating per App

Ich hatte mal einen Exfreund. Und wie es für Exfreunde seiner Art, Stichwort Musiker, so üblich ist, war er ein richtiger Arsch mit einem winzigen… naja… Ego und noch weniger Gewissen. Woher ich das weiß? Nun ja, zum Glück ist Berlin auch nur ein kleines Dorf, in dem jeder jeden kennt – und so bieb mir die frohe Botschaft über seine pickelige, 19-jährige Affäre beim besten Willen nicht erspart, genauso wenig wie die Details des romantischen Zusammentreffens der beiden Turteltauben: Tinder. What else.

Ich habe keine Ahnung, welche Synapsen ihren Einsatz verpasst haben und wo mein südländisches Temperament an dem Tag abgeblieben ist, aber statt Britney-reif auszuticken, habe ich nur mit den Schultern gezuckt und mir die App runter geladen. Okay, Letzteres habe ich mir nur ausgedacht. Fakt ist aber: Was er kann, kann ich schon lange.

Verändert sich die Liebe durch das Internet? Spielen echte Gefühle überhaupt noch eine Rolle? Oder werden wir zur Massenware, die nach links zu den Losern oder nach rechts in die engere Auswahl wandert? Wir sind ja hier unter uns, also kann ich es euch verraten: Trotz großer Klappe werde ich zum schüchternen Häufchen Elend, wenn es ums Flirten geht.

Ich kann mir schöne Augen schminken, dem Typen an der Bar aber keine schönen Augen machen. Ich kann meine Meinung lautstark vertreten, bekomme aber kein Wort raus, wenn ich jemanden richtig toll finde. Und ich war absolut dagegen, mich auf Tinder, Happn & Co. zu präsentieren, obwohl mein komplettes Leben fast nur im Internet stattfindet.

Aber hey, was tut man nicht alles für die Wissenschaft? Zwei, drei Klicks, Foto hochgeladen, angemeldet, fertig. Und wisst ihr was? Es war überhaupt nicht schlimm. Weil man das Ganze nicht zu ernst nehmen darf. Weil man nicht mit dem Vorhaben, seine große Liebe zu finden, aufs Herzchen klickt oder nach rechts wischt. Weil man auch da eines Besseren belehrt werden kann, wie die ein oder andere Geschichte beweist. Weil das Argument, man würde zur Billigware, schon bei dem Gedanken hinkt, weil beide zustimmen müssen und somit wissen, worauf sie sich da einlassen.

Und weil man im allerschlimmsten Fall mit der besten Freundin beim Späti um die Ecke sitzt, ihr das Handy in die Hand drückt und sie die nächsten fünf Typen aussuchen lässt, nur um zu sehen, ob es ein Match war. Strike! Yeah! Next Level! Es ist nur ein Spiel, das keinem – mit einem gesunden Menschenverstand – wehtut.

Und während wir da Tränen lachend mit dem Handy in der Hand sitzen, wie Teenies auf dem Schulhof kichern und sie laut „neeeeeee DER doch nicht!“ schreit, setzt sich ein Unbekannter zu uns, holt sein Handy raus und grinst uns an, als hätte er seine verschollen geglaubten Geschwister mitten in der Wüste wiederentdeckt: „Ooah ihr seid ja auch auf Tinder! Mal sehen, ob wir uns finden!“ – aber bevor er sich ins Partyleben verabschiedet, dürfen wir noch sein neues Profilfoto schießen und ihm viel Glück bei der Suche wünschen.

Wer weiß, vielleicht begegnet ihm die große Liebe online. Vielleicht bei der nächsten Party. Vielleicht auch beides, wie wir uns eben gerade. Sicher ist aber: meine Vorurteile habe ich abgelegt und tatsächlich nette Leute kennengelernt. Eine einzige schmierige Nachricht bekommen, die aber so lustig-dämlich war, dass ich es „Willy“ echt nicht übel nehmen konnte.

Zählen wir mal zusammen: Schlechte Erfahrungen: Null. Lachanfälle: gefühlt tausend. Nach links gewischt: den Typen mit dem eingeölten Modelbody, den mit einem romantischen Zitat über seinem Gesicht und den Exfreund, der mich irgendwann vom Bildschirm aus angrinste – für den hieß es nämlich: Game Over!

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Illustration von Cherry und Icons8
Der Text erschien in der Kategorie Liebe mit den Themen Beziehungen, Jungs, Mädchen, One-Night-Stands und Tinder
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