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Ausgespannt! Deine Freundin ist jetzt meine Freundin

Ich lernte Katha auf einer typischen Bauernparty am Rande meiner Heimatstadt kennen. Sie war groß, sie war hübsch, ihre langen schwarzen Haare wehten im nach billigen Bier und angekotzten Ecken riechenden Wind. Natürlich hatte sie einen Freund. Seit drei Jahren. Den Ferdinand. Der irgendwo bei der Bundeswehr war. Soldat. In der Kaserne. Oder im Krieg. Auf jeden Fall nicht hier. Bei ihr. Sein Pech.
Ausgespannt! Deine Freundin ist jetzt meine Freundin
Ausgespannt! Deine Freundin ist jetzt meine Freundin

Ausgespannt!

Deine Freundin ist
jetzt meine Freundin

Marcel Winatschek
Marcel Winatschek

Ich lernte Katha auf einer typischen Bauernparty am Rande meiner Heimatstadt kennen. Sie war groß, sie war hübsch, ihre langen schwarzen Haare wehten im nach billigen Bier und angekotzten Ecken riechenden Wind. Natürlich hatte sie einen Freund. Seit drei Jahren. Den Ferdinand. Der irgendwo bei der Bundeswehr war. Soldat. In der Kaserne. Oder im Krieg. Auf jeden Fall nicht hier. Bei ihr. Sein Pech.

Mein von Geburt an zu klein geratenes Gewissen schaltete um auf Fernsehgarten, als wir unseren johlenden Freunden um drei Uhr nachts den Rücken kehrten, um in der Wohnung ihrer etwas geistig behinderten großen Schwester die Sau raus zu lassen und uns beim einfallenden Mondlicht und etwas lallend ewige Liebe zu schwören. Darauf gleich noch einen.

Am nächsten Morgen platzte die Anzeige meines Handys. "Du hast dem Ferdi die Freundin ausgespannt? Alter...” war da zu lesen. "Du Held!”, sagten die einen, "Du Arsch!” die anderen. "Viel Glück!” ihre beste Freundin. Und damit meinte sie nicht unbedingt das Wohl unserer neu entfachten Liebe, sondern eher mein Körperliches. Denn Ferdi... naja, sagen wir es mal so: Selbst Betonwände sind für ihn kein Hindernis.

Ich könnte euch jetzt erzählen, wie ich ein paar Tage später seinen Fängen und dem im Anschlag gehaltenen Maschinengewehr, das wahrscheinlich eher ein krumm geratener Stock war, aber bei panischen Erlebnissen fantasiert man sich ja gerne etwas zusammen, nur knapp entkam, in Boxershorts zur nächsten Bushaltestelle rannte und eine verrückte Blumenlady um zwei Euro anbettelte.

Und wie der Hobby-Rambo heulend bei Katha anrief, um ihr seine ewige Liebe zu gestehen, und irgendwas von Hochzeit und Kindern stammelte und danach fast Selbstmord verübte, weil sie lachend auflegte und mir anschließend Nacktfotos von sich und ihrem Lieblingsteddy schickte. Aber das ist nicht der Rede wert, hielt unsere Beziehung doch gerade einmal drei Wochen.

Die Frage, die mich seit dieser einschneidenden Geschichte beschäftigt, eigentlich nicht so sehr, weil ich mein Gewissen irgendwann gegen vermeintlichen Internetruhm tauschte und sowieso in der Hölle landen werde, ist, wie schlimm es nun wirklich ist, einem anderen Menschen die Freundin auszuspannen? Wenn es ihr doch in der anderen Beziehung sicherlich ganz, ganz schlecht geht. Oder man sie viel, viel mehr liebt, als es der andere jemals könnte? Oder man einfach scheiße geil auf sie ist?

Oder sollte man sich der gesellschaftlichen Wut über das Thema ergeben und einfach abwarten, bis die Natur, oder in diesem Fall die Unbeständigkeit jedes Einzelnen, die Sache erledigt, damit man gleich nach der Trennung zuschlagen und die sexy Schulter zum Ausheulen bieten kann? Andererseits würde man mit einer aktiven Zerstörung einer anderen Beziehung die Sache doch nur beschleunigen, oder etwa nicht?

Ich habe Katha nach unserer Blitz-Liaison nur zwei Mal wieder gesehen. Beim ersten Mal erzählte sie mir von einer spontanen Analsexparty im Jeep ihres damaligen Chefs und seiner Freundin, beim zweiten Mal verkündete sie stolz auf dem Tisch einer Kneipe, dass Ferdi und sie im darauffolgenden Frühjahr in der kleinen Kapelle im Wald heiraten würden. Ich freute mich für die beiden. Ganz ehrlich.

Der Text wurde von Marcel Winatschek geschrieben. Die Fotografie stammt von Lauren Richmond. Der Artikel erschien in der Kategorie Liebe mit den Themen Ausspannen, Beziehungen, Frauen, Fremdgehen, Jungs, Liebeskummer, Mädchen, Männer, One-Night-Stands, Paare, Scheidung, Trauer und Trennungen. Wenn er euch gefällt, könnt ihr ihn auf Facebook, Twitter, WhatsApp, Pinterest und Tumblr oder per Email teilen. Ihr habt etwas zu sagen? Schickt uns einen Leserbrief!
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