Asynchrone Trauerbewältigung - Trennung auf dem Lidl-Parkplatz

Es begann auf einer miesen Party und endete auf einem Lidl-Parkplatz. Zwischen Anfang und Ende war klar, dass man auf eine Wand zu rast, und nichts anderes dagegen tun kann,…
Asynchrone Trauerbewältigung - Trennung auf dem Lidl-Parkplatz

Asynchrone Trauerbewältigung

Trennung auf dem
Lidl-Parkplatz

Es begann auf einer miesen Party und endete auf einem Lidl-Parkplatz. Zwischen Anfang und Ende war klar, dass man auf eine Wand zu rast, und nichts anderes dagegen tun kann, als sich hinterher zu betrinken. Das Einzige, was in meinen Augen so empfindlich und selbstzerstörerisch ist, wie der Schmerz nach der ersten großen Liebe, ist der nach der zweiten großen Liebe. Und nach jeder darauffolgenden Liebe auch.

Da versteht man zum ersten Mal die Standard-Trostsprüche der Freunde, dass „man jung ist und noch echt viele sexy Fische im Teich sind“ und „die Zeit alle Wunden heilt“ und „ein Besserer auf dich wartet“. Und schon hat sich auch das erledigt und „der Bessere“ hat einen genauso zerfetzt und ausgekotzt wie der Erste. Man findet sich als Frau plötzlich zwischen Alkopops, weil die so süß sind, und einem bunten Plastikeimer wieder, hört wahlweise Adele oder etwas anderes Trauriges, was gerade in den Charts läuft, und der Typ sitzt irgendwo an der Bar. Mit und ohne Freunde, mit viel oder wenig Spaß. Warum ist das so?

Ist Trauerbewältigung zwischen den Geschlechtern immer asynchron? Ich ertappe mich selbst dabei, wie ich Tumblr-Sprüche wie „I want to be your idea of perfect“ bejahe und auf Facebook jeden neuen Beziehungsstatus von Freunden like. Aber mit Pipi in den Augen. Ich persönlich mache keinen Hehl daraus, dass ich, seitdem ich den Ort der Trennung verlassen habe, dauerhaft von Stimmungsschwankungen verfolgt werde, und am Tag 1 wegen allem und jedem weinen musste. Vor allem, während er den Trennungsdialog mit mir führte und dabei Fanta getrunken hat. Aber ohne Pipi in den Augen.

Ich wurde auf dem Heimweg von einer dicken Frau mit Schweißflecken unter den Armen geknuddelt, weil mein ganzes Gesicht voller Rotz und Wasser war und ich Walgesänge von mir gab, als sie fragte, was los sei. Ein Typ auf einem Skateboard hielt an, um ein Foto mit seinem iPhone zu machen, wie ich heulte. Er fand das eben geil.

Zuhause habe ich Egoist dann auch die letzte Klopapierrolle meiner WG an einem Samstagabend mit DM-Schminkeresten und Popel beschmutzt, was mich noch mehr zum Weinen brachte, und eine Freundin gebeten herzukommen, damit sie mir sagt, dass alles gar nicht meine Schuld ist. Und dass meine Fahne quasi gar nicht zu riechen sei. Ich bin schließlich „eine tolle Person und werde jemand Besseres finden“ Sie wollte mir aber nicht ins Gesicht sehen und das verstand ich nur zu gut, meine Augen brannten und meine Kehle noch mehr. Aber Selbstmitleid macht Spaß. Und ab und zu ein bisschen zu stinken ist auch in Ordnung.

Zur selben Zeit beim anderen Geschlecht: Er sieht fern, aber es läuft um die Uhrzeit nichts Gutes. Und das verwirrt mich. Warum saßen wir nicht zusammen in einem schalldichten Raum und heulten uns gemeinsam und voreinander die Augen aus dem Kopf? Sämtliche Männer aus meinem Freundeskreis gehen im Trauerfall feiern und als ich fragte, wieso das so ist, kamen Antworten wie „Beim Feiern ist man immer traurig. Er ist bestimmt traurig. Und saufen geht doch eh immer.“ Das half mir nicht.

Aber mein angehender Psychologenfreund erklärte mir, dass bei Gefühlen wie Trauer oder Angst kaum Testosteron ausgeschüttet wird, bei Wut dagegen schon und deswegen ist Mann lieber wütend als traurig. Und am allerliebsten ignorant man Verdrängen – das ist auch echt männlich. Als Frau dagegen weckt man gerne den Beschützerinstinkt und heult deswegen auch mal öffentlich rum. Tue ich übrigens gerade – ich warte darauf, dass mich jemand in den Arm nimmt, der ab und zu auch zum Deo greift.

Zur selben Zeit im Prince-Charles-Club: Der bebrillte Hipsterrunner sammelt quietschvergnügt Flaschen und Gläser ein. Diese aus einem Stalkinganfall heraus entstandene Einsicht führt mich wiederum zu dem typische weiblichen Phänomen: Die Powerfrauenphase. „Ich brauche ihn nicht!“, „Ich bin Single und fabelhaft!“, „Er stinkt!“ So ungefähr sieht bei mir eine Powerfrauenphase aus: Ich bin total motiviert ihm nicht mehr hinterher zu heulen und tue Dinge, anstatt im Bett zu liegen und „My Blueberry Nights“ zu sehen.

Ich gehe zum Beispiel duschen. Und dann sogar mal raus, in den Supermarkt. Ich bin einfach total unabhängig und brauche niemanden an meiner Seite, der mich glücklich macht! Ich benutze Ausrufezeichen, um meine Gefühlslage zu unterstreichen! Aber auch nur, bis ich am Lidl-Parkplatz bin, dem Ort der Trennung. Wie eine Sirene wird aus einem leichten Quietschen ein lauter Ausstoß der Frustration und mein Kopf läuft rötlich an. Also kaufe ich Eiscreme, Kekse und Schnaps.

Damit war meine Powerfrauenphase auch schon vorbei und ich stalkte nochmals ausgiebig seinen Facebook-Status. Er will nun ein Feierabendbierchen zischen gehen. Morgens um 10. „Du Schwein, du!“ denke ich und fresse Eiscreme mit Keksen, die ich in Schnaps gedippt habe.

Was mir noch bevorsteht, ist ein betrunkener, weinerlicher Anruf, am besten mitten in der Nacht. Ein beleidigender Brief, den ich hoffentlich nicht abschicke und einige Wochen voller Stimmungsschwankungen. Dabei würde ich am liebsten über meinen Exfreund lästern, der so fies war, obwohl ich eine tolle Person bin, die etwas „Besseres verdient hat“. Nur leider bin ich ihn erst einmal los. Und damit Single. Und fabelhaft.

Wenn ich noch mal an unsere Beziehung zurückdenke, war es den Kater danach vielleicht nicht annähernd wert. Auch nicht den betrunkenen Anruf, den ich mittlerweile gemacht habe. Zwei mal. Während er, wie viele andere Typen da draußen, gerade das Leben und die Existenz von bewusstseinsverändernden Substanzen feiert. Aber vielleicht schüttet er heimlich, wenn gerade keiner hinsieht, Östrogene in seinem Zimmer aus. Mit Pipi in den Augen. Weil Männer auch traurig werden. Aber eben anders.

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Die Illustration stammt von Maria Shukshina und Icons8
Der Text erschien in der Kategorie Liebe mit den Themen Beziehungen, Jungs, Liebeskummer, Mädchen und Männer
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