Wir haben verloren - Idealismus und Weltschmerz

Neulich stand ich im Supermarkt und sah, dass ein Stück gutes Rindfleischsteak nicht mehr als 3 Euro kostete. Ich freute mich. Von ganzem Herzen. Denn das bedeutete, dass auch ich…
Wir haben verloren - Idealismus und Weltschmerz

Wir haben verloren

Neulich stand ich im Supermarkt und sah, dass ein Stück gutes Rindfleischsteak nicht mehr als 3 Euro kostete. Ich freute mich. Von ganzem Herzen. Denn das bedeutete, dass auch ich nun in den Genuss von tierischem Fett kommen würde. Bei dem Preis konnte mich weder die ungebumste Fleischthekenverkäuferin abhalten, noch die stumm urteilenden Gesichtsausdrücke auf der Fresse einer ollen Veganer-Mutti, die ihr Balg vor sich hinschob, damit klein Lucille-Sophie bloß nichts von dieser barbarischen Kultur des Fleischkonsums mitbekam.

Mit meiner unnatürlich hochgezüchteten toten Kuh in der Hand rannte ich schleunigst nach Hause, um mir einen netten Gaumenfick zu gönnen. Wer studiert und sich schon bei 2,50 über das üppige Warenangebot an der Uni-Mensa aufregt (wobei das zugegeben auch sehr viel mit Konsistenz, Geschmack und der Schweinesülze in Aspik zu tun haben könnte), dem sind 3 Euro für ein prachtvolles Stück meliertes rotes Fleisch gerade günstig genug, um nicht auszurasten und noch eine Cola dazu zu kaufen.

Zu Hause schlug mir dann ein Gedanke entgegen, der die Euphorie in einen sagenhaften Weltschmerz umkippte und mir das Essen versaute. Wenn dieses Stück Fleisch nur so wenig Geld kostet, jeden Tag von Verschwendung in deutschen Supermärkten berichtet wird, auf der anderen Seite des Planeten Kinder sterben und unsere Tiere in Gewächshäusern und niederen Umständen künstlich großgezogen um abgeschlachtet zu werden – was bedeutet das dann für mich? Was bedeutet das für unsere Gesellschaft? Kann ich dieses billige, weil massenproduzierte und vielleicht qualitativ zweifelhafte Fleisch dann ohne ein schlechtes Gewissen genießen?

Also legte ich das Fleisch zurück in den Kühlschrank und überlegte, wie ich in dieser Situation vorgehen würde. Genau, ich würde nie wieder Fleisch essen, welches nicht unzweifelhaft zu Lebzeiten auf satten, saftigen Weiden gegrast hat und täglich von kleinen Kindern gestreichelt wurde. Ich komme nicht um den Gedanken herum, dass diese Kühe wahrscheinlich ein angenehmeres Leben haben als ich, aber so viel sei ihnen doch gegönnt, wenn sie schon daran glauben müssen. Natürlich löste das den Rest der Probleme auch nicht.

Denn eigentlich müsste man nach diesem persönlichen Schritt auch noch die Umverteilung einleiten, das gute Fleisch nach Afrika schicken und sich selbst wieder in Relation zu den Preisen setzten, die so etwas kosten soll. Nein, ein Stück Fleisch sollte mehr wert sein als 3 Euro. Fleisch sollte so teuer sein, wie es eben muss, wenn es großartige Qualität sein soll, wenn jedes Rind einen Gute-Nacht-Song vorgespielt bekommen soll. Aber nicht nur das Fleisch: Auch das Gemüse! Nein, nicht nur das Gemüse: Auch das Leder! Und nicht nur das Leder: Eigentlich alles! Nichts soll mehr billig sein! Alles soll wertvoll sein.

Handarbeit soll sich wieder lohnen, weil die Leute nicht gegen kleine kambodschanische Händchen konkurrieren müssen, die für einen Hungerlohn schuften. Alles soll sich wieder lohnen. Produkte sollen wieder so gemacht sein – und entsprechend auch eine preisliche Investition darstellen – dass man sie sich nur noch einmal kaufen muss, und nicht alle Jahre wieder. Unserem Einkommen wäre damit gedient, und das, was heute verhältnismäßig luxuriös erscheint, wäre dann eine annehmbare Normalität, bei der jeder zum Zug kommt.

Die Lösung auf gesellschaftlicher Ebene ist damit gefunden, wir können uns nun anderen Dingen widmen. Doch bis diese umgesetzt wird, braucht es durchaus eine stärkere Kraft, eine Bewegung, die individuelle Entscheidungen (“Ich kaufe kein billiges Fleisch”) auf eine kollektive überträgt (“Es lohnt sich nicht mehr, Fleisch in Massenware zu verkaufen, denn die kaufen ja nur noch glückliche Rinder”).

Und schon habe ich alle Hoffnung verloren, denn auch, wenn man in seinem kleinen Mikrokosmos einen gewissen Schritt in Richtung “bessere Welt für mich” machen kann, ändert es im seltensten Fall etwas. Im besten Fall hat man eine geringfügige Chance, sich anzuschließen oder andere leidenschaftliche Gutmenschen zu finden, die sich für das Thema begeistern lassen. Dann kriegt man auch durchdachte Bewegungen zusammen, die gesellschaftlich motiviert einen Umbruch einfordern, unabhängig ihrer Herkunft oder ihres gesellschaftlichen Standes.

Aber nun wollen wir alle Teil von etwas Größerem sein. Es erscheint uns klug zu rebellieren, es macht Sinn, einen Paradigmenwechsel sowohl in Politik als auch in Wirtschaftsbereichen zu fordern (und vielleicht findet dieser gerade statt, das will ich dem nicht vorwegnehmen). Aber was macht man in dieser Zwischenphase? Muss man sich nicht trotzdem ernähren? Nicht trotzdem zur Arbeit gehen? Geld verdienen und dann wieder ausgeben, um Sanktionen aus dem Weg zu gehen, um sich weiterhin in der Gesellschaft aktiv zu beteiligen?

Diese Widersprüche finden sich gerade überall. Natürlich könnte ich jetzt auch nur noch vom guten Fleisch leben. Ich kann selbstverständlich auch Vegetarierin werden – allerdings verurteile ich nicht den Fleischkonsum selbst, sondern nur die Produktionsweise, weshalb das keine tolle Alternative für mich ist. Aber dann verzerre ich aufgrund meiner Ideale das Verhältnis zu meiner aktuellen Realität. Ich würde mir auch nur noch Produkte aus Handarbeit fertigen lassen, um das Handwerk zu unterstützen und ein Zeichen gegenüber der Ausbeutung von Dritte-Welt-Ländern zu setzen. Aber das kann ich mir nicht leisten. Und wenn ich es versuchen würde, könnte ich auch schnell keine Miete mehr bezahlen.

Und dann lässt sich das ja auch so schön einfach auf alle anderen Dinge des Lebens übertragen. Ich will nicht sexistisch sein, aber dann müsste ich auch meine Arbeitswelt, die Akademie, die Umgangsprache, die meisten Filme, vor allem mich selbst, die Musik, die ich höre, und meine Freunde auf täglicher Basis kritisieren. Gleichzeitig möchte ich aber noch ein humorvoller, lockerer, spontaner Mensch sein, der auch mal verzeiht und sagt: Das ist okay.

Ich möchte mich nicht leeren, hedonistischen Zielen hingeben. Aber ich will auch mal gedankenlos genießen können. Das steht im größten Widerspruch zu allen Maximen, die mir gerade in die Quere kommen. Saufen, aber nicht alkoholabhängig werden. Essen, aber nicht dick sein. Reisen und mich weiterbilden, aber bloß keinen umweltbelastenden Fußabdruck hinterlassen. Geld verdienen, aber nicht auf Kosten anderer.

Alles muss in einer perfekten Balance sein, da sonst der Kompromiss der Zufriedenheit lange auf sich warten lässt. Schlimmer noch, als sich dann dem Urteil anderer hingeben zu müssen, weil man ihnen irgendwie auf den Schlips getreten ist, ist, wenn man sich selbst an den gegebenen Normen misst und sich deshalb wegen eines Stücks Fleisch die Birne heiß kocht und nicht weiß, ob das jetzt richtig oder falsch ist. Ob Gesellschaftskritik auch beim Individuum anfängt, oder ob man mal einen Schritt zurücktreten sollte, weil man sich selbst nicht aus der Gleichung herausnehmen kann.

Jeder von uns hat irgendwelche abstrahierten Vorstellungen davon, welche Probleme man wie lösen sollte, um der perfekten, gerechten Welt näher zu kommen. Leider führt das in meinen Augen oft dazu, dass man mit dem Anspruch der Unfehlbarkeit eines Charakters eine Selbstbewusstseinsstörung beschwört, bei der sich jeder fragt: War das jetzt höflich genug? Ist das politisch korrekt? Hätte ich das sagen sollen? Darf ich das machen?

Und dann haben wir eigentlich auch schon das Spiel verloren. Wir können nicht in diesem Idealismus leben, ohne einen gewissen (Welt-)Schmerz zu empfinden. Auf der anderen Seite können wir in einer perfekten Balance der Menschheit, bei einem Verzicht auf Ecken und Kanten, wohl auch keine Besonderheit in unseren Kulturen mehr hervorbringen. Nicht jeder muss alles können, und manchmal ist das Verbinden unserer Hände hinter dem Rücken aufgrund von konventioneller Maßstäbe und der Angst, diese zu brechen, nur eine Ablenkung von dem, was wir vielleicht für die Welt beitragen könnten. Auch, wenn wir dabei nicht politisch korrekt sind.

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Illustration von Vitaliy Zalishchyker
Der Text erschien in der Kategorie Leben mit den Themen Fleisch, Idealismus, Umwelt, Weltschmerz und Wirtschaft
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