Widerstand und Prügel - Die linke Szene hat ein Gewaltproblem

Sagen wir es direkt mal so, wie es ist: Die linke Szene hat ein Gewaltproblem. Nein, ich rede nicht vom Anzünden von Autos oder Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, was, seien wir…
Widerstand und Prügel - Die linke Szene hat ein Gewaltproblem

Widerstand und Prügel

Sagen wir es direkt mal so, wie es ist: Die linke Szene hat ein Gewaltproblem. Nein, ich rede nicht vom Anzünden von Autos oder Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, was, seien wir mal ehrlich, einer der lächerlichsten Straftatbestände ist, die das Strafgesetzbuch zu bieten hat. Abgesehen von der Strafbarkeit für den Besitz von Marihuana vielleicht.

Nein, wovon ich spreche ist die linke Szene und ihr Problem mit Gewalt gegenüber Frauen. Und wenn ich „Frauen“ sage, dann schließt das Transfrauen, genderqueere oder intersexuelle Personen und solche, die von der Gesellschaft als weiblich gelesen werden, mit ein. Auch wenn nicht öffentlich darüber geredet wird, die hinter vorgehaltener Hand weitergegebenen Warnungen („Halte dich besser von XY fern, der hat sich mehr als nur einer Frau gegenüber übergriffig verhalten!“) kennen wir alle.

Man würde wohl nicht vermuten, dass solche Stille-Post-Spiele über gewalttätige Männer in der linken Szene Gang und Gäbe sind, schließlich gilt sie nach außen hin als besonders feministisch und setzt sich gegen lautstark gegen Diskriminierung ein und damit unter anderem auch gegen Sexismus. Die übergriffigen, das sind immer die anderen. Wenn jemand aus dem eher mittleren bis rechten Spektrum mit Gewalt auffällt, wundert das eigentlich niemanden mehr so richtig.

Wenn es sich jedoch um einen Mann aus der linken Szene handelt, dem öffentlich sexuelle, emotionale, homophobe oder rassistische Gewalt vorgeworfen wird, will das erst einmal niemand so richtig glauben. Schließlich ist ja bekannt, dass dieser Mensch ein Feminist ist und bei Demos für Frauenrechte immer in der ersten Reihe mit marschiert. Dem traut man Gewalt einfach nicht zu – außer vielleicht ein paar Steinwürfe in Richtung Polizisten. Und auch nur dann, wenn die Polizei sich als Erstes gewalttätig verhalten hat. Aus purer Notwehr, sozusagen.

Fakt ist jedoch: In der linken Szene gibt es Gewalt. Und sie richtet sich nicht etwa ausschließlich gegen „das System“, sondern in erster Linie gegen marginalisierte Menschen innerhalb der eigenen Strukturen. Die Sache ist jedoch, dass die Gewalt der Linken gegen die Menschen, für die sie vorgeben, zu kämpfen, sehr viel subtiler von statten geht als das, was wir in den Medien zu sehen kriegen, wenn über „linke Gewalt“ berichtet wird.

Es fliegen keine Molotow-Cocktails durch die eigenen Reihen, und es zündet auch niemand Autos an, die jemandem aus der eigenen Gruppierung gehören oder schlägt seine Frau auf offener Straße windelweich. Und dennoch ist sie da, die Gewalt. Die Öffentlichkeit bekommt sie nur nicht mit, weil sie verschwiegen, abgestritten und so gut es geht vertuscht wird. Und zwar von den Menschen, die vorgeben, für mehr Gerechtigkeit zu kämpfen. Es ist ihr linker Status, der die Täter davor schützt, bestraft zu werden und die Glaubwürdigkeit der Opfer untergräbt.

Die linke Szene besteht nach wie vor überwiegend aus Männern. Aus weißen, heterosexuellen Männer wohlgemerkt, die Diskriminierung so gut wie nie am eigenen Leib erfahren hat, denn die meisten von ihnen stammen aus guten Elternhäusern, in denen Geld nie eine Rolle spielte und haben sich bewusst dafür entschieden, „links“ zu sein – und nicht etwa, weil sie es sein mussten, in etwa, weil das eigene diskriminiert werden sie dazu zwang. Strukturelle Diskriminierung, wie Homosexuelle, Transsexuelle, Frauen, People of Color oder Menschen mit Behinderungen oder psychischen Erkrankungen sie erleben, kennen diese Männer nur aus Erzählungen von anderen.

Sie sind genauso privilegiert aufgewachsen wie die weißen, heterosexuellen Männer, die sich später nicht explizit linken Gruppierungen anschließen und wurden dementsprechend schon immer von patriarchalen Strukturen geschützt, die sie als vollkommen normal erachten. Vielleicht, weil sie es nicht anders kennen. Vielleicht aber auch, weil sie gewisse Privilegien, die ihnen aufgrund dessen zuteilwerden, einfach nicht ablegen wollen.

Es sind besonders diese linken „Feministen“, die immer wieder betonen, dass es bei Feminismus ja um Gleichberechtigung ginge und es deshalb auch nicht okay sei, Männer von vornherein irgendwo auszuschließen – seien es nun Konzerte, auf denen nur Frauen als Gäste zugelassen werden oder Sportarten wie Rollerderby, bei denen Männer nun einmal nicht teilnehmen dürfen. In solchen Fällen vergessen sie nur allzu gerne, dass es dabei keineswegs darum geht, Männer zu „diskriminieren“, sondern ausschließlich darum, einen sicheren Ort für Frauen zu schaffen, in dem diese vor übergriffigen Männer geschützt werden und ausnahmsweise einmal eine sorglose Zeit verbringen können, da sie nicht damit rechnen müssen, jederzeit belästigt zu werden. Sei es nun körperlich oder auch „nur“ verbal.

Es ist also kein Wunder, dass Warnungen über übergriffige Männer aus dem linken Spektrum fast ausschließlich durch das Stille-Post-Spiel von Frau zu Frau getragen werden, statt sie offen innerhalb der Gruppe zu diskutieren. Die betroffenen Frauen, die sich trauen, ihre Erlebnisse zu teilen, werden größtenteils als „zu sensibel“ abgestempelt. Man traut dem beschuldigten Mann auch einfach keine Gewalt zu. Schließlich ist ja bekannt, dass er „Feminist“ ist und sich für die Rechte von Frauen stark macht. „Er“ würde so etwas einfach nicht tun.

Viel wahrscheinlicher, als dass ein Mann, der sich als links bezeichnet, sich auf irgendeine Art und Weise gewalttätig verhält, ist doch, dass es „nur ein Missverständnis“ war. „Ein kleiner Spaß, der viel zu ernst genommen wurde.“ „Feministinnen müssen das abkönnen!“, heißt es dann gerne mal. Oder „Ich hab den Witz von meinem schwarzen Freund und der fand ihn extrem lustig, er kann also nicht so rassistisch sein!“

Linke Gewalt ist, abgesehen von besagten Steinwürfen auf Polizisten und auf rechte Läden geworfene Molotow-Cocktails, jedoch vor allem eins: subtil. Sie beginnt und endet immer mit emotionaler Einschüchterung und Manipulation. Dazwischen ist alles möglich. Von „harmlosen“ Witzen mit sexistischen und rassistischen Inhalten bis hin zu Vergewaltigungen. Ein „Nein!“ wird auch hier noch nicht als „Nein!“ gelesen, sondern maximal als „Überzeug’ mich!“

Die linkspolitische Einstellung schützt. Die meisten Männer wissen das und nutzen es aus. Sie wissen, dass den Opfern sowieso niemand Glauben schenken würde, weil die vorgeworfene Gewalttätigkeit nicht mit dem Bild, das sie anderen von sich präsentieren, konform geht. Und so fahren sie fröhlich fort damit. Eine Ächtung haben sie nicht zu befürchten – und wenn doch, haben sie tausende von Ausreden parat, die ihre Taten auf irgendeine Art und Wiese doch rechtfertigen und können sich im Zweifelsfall auf all das stützen, was sie schon für marginalisierte Personen getan haben. Ein „Ausrutscher“ kann jedem Mal passieren. „Alle Menschen machen Fehler!“

Deswegen bleibt am Ende nur das Stille-Post-Spiel statt die öffentliche Diskussion um Gewalt innerhalb der linken Bewegung untereinander. Die Warnungen, die mir über einzelne Personen zugetragen wurden, entpuppten sich bisher allesamt als berechtigt. Und die großen, einflussreichen, mächtigen der linken Szene? Schweigt. Obwohl das Tuscheln über die internen Gewaltstrukturen längst nicht mehr zu überhören sind.

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Illustration von Ann Aiken
Der Text erschien in der Kategorie Leben mit den Themen Feminismus, Frauen, Gewalt, Mädchen und Sexismus
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