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Das Popkultur Magazin

Whisky, Joints und Ravioli: Mein neues Leben in Berlin

Es ist Freitagabend in Berlin und ich sitze mit meinen beiden Mitbewohnern an dem Klapptisch in unserer Küche. Berna und ich haben ein Glas Weißweinschorle vor uns stehen, Maxi, unser Mitbewohner, trinkt Whisky mit Ginger Ale zu seinem allabendlichen Joint. Daran, dass er so viel kifft, habe ich mic...
Whisky, Joints und Ravioli: Mein neues Leben in Berlin

Whisky, Joints und Ravioli

Mein neues
Leben in Berlin

Sophie Fischer

Es ist Freitagabend in Berlin und ich sitze mit meinen beiden Mitbewohnern an dem Klapptisch in unserer Küche. Berna und ich haben ein Glas Weißweinschorle vor uns stehen, Maxi, unser Mitbewohner, trinkt Whisky mit Ginger Ale zu seinem allabendlichen Joint. Daran, dass er so viel kifft, habe ich mich auch nach vier Wochen in dieser WG noch nicht so ganz gewöhnen können, aber man hatte mich bereits vor meinem Umzug in die Hauptstadt darauf hingewiesen, dass illegale Rauschmittel in Berlin schon irgendwie zum guten Ton gehörten. So weit, selbst mal Haschisch zu probieren, bin ich allerdings noch lange nicht.

Wir sprechen gerade die Abendplanung durch, denn heute wollen wir gerne mal etwas zu dritt unternehmen. Auch, um uns besser kennenzulernen. Der Alltag funktioniert zwar schon ganz gut zwischen zwischen uns dreien, nicht zuletzt, weil Berna und Maxi nun schon seit etwas über zwei Jahren gemeinsam hier im Wedding wohnen, aber richtig zusammen aus waren wir noch nie, seit ich bei ihnen eingezogen bin.

„Ich hab Lust auf Essen gehen“, werfe ich in die Runde. „Also, ich meine jetzt nicht Currywurst oder Döner oder irgendetwas Anderes, das so typisch für Berlin ist, sondern ich meine so richtig Essen gehen, in irgendeinem schicken Restaurant. Und mit schick meine ich nicht superteuer, sondern eben … Naja, ihr wisst schon, eben keine Imbissbude, sondern irgendetwas, wo man nett sitzen und quatschen kann, aber eben auch leckeres Essen und vielleicht ein, zwei Gläschen guten Wein bekommt.“

Mein Blick wandert herunter zu meinem fast leeren Glas und ich überlege, ob ich mir noch einmal etwas nachschenken soll, aber entscheide mich dagegen. Irgendwie habe ich bereits jetzt im Gefühl, dass ich heute noch mehr als genug Gelegenheiten bekommen werde, Alkohol zu mir zu nehmen.

Berna ist sofort Feuer und Flamme. „Ich weiß, wo wir hingehen können“, plappert sie euphorisch drauf los. „Es gibt da diesen Laden in Kreuzberg, Gorgonzola Club heißt der, da will ich schon ewig mal hin, hab’s aber bisher nie geschafft!“ Maxi verdreht die Augen und drückt die Reste seines „Blunts“, wie er es nennt, in einem zum Aschenbecher umfunktionierten Blumentopf aus. „Bei sowas bin ich raus!“, sagt er. „Ich dachte, wir gehen einen saufen!“ „Ach Maxi“, antworten Berna und ich wie aus einem Mund und ziehen das „I“ in seinem Namen dabei extra lang.

„Wir können danach doch immer noch was trinken gehen“, sage ich. „Und außerdem schuldest du mir sowieso noch ein Abendessen“, hängt Berna an, „du weißt schon, dafür, dass ich vor deiner Mutter so getan habe, als würde dein Gras mir gehören!“ „Das hat kauft sie dir übrigens bis heute nichts ab“, meint Maxi mürrisch. „Aber okay, ich bin dabei, unter der Voraussetzung, dass wir uns anschließend noch abschießen gehen!“ „Machen wir“, verspricht ihm Berna, und ich zeige meine Zustimmung mit einem Nicken.

Knapp eineinhalb Stunden später finden wir uns im Gorgonzola Club wieder, der an diesem Freitagabend so voll ist, dass wir Glück haben, überhaupt noch einen Tisch zu ergattern. Der Laden ist ganz hübsch eingerichtet, irgendwie italienisch-rustikal. Nur die rot-weiß-karierten Tischdecken aus Papier wirken in diesem Ambiente fehl am Platz. Berna lässt Maxi und mich wissen, dass eine Kommilitonin ihr die Ravioli hier empfohlen hat, also bestellen wir drei verschiedene Portionen Ravioli, einen großen Teller Antipasti und natürlich Wein, zwei Gläser weiß, und ein Glas rot.

Während wir auf das Essen warten, was nicht nur gefühlt, sondern tatsächlich eine halbe Ewigkeit dauert, weil unsere Bestellung mit der eines anderen Tisches durcheinandergebracht wurde, unterhalten wir uns über das Leben und das Lieben in der Großstadt. Ich hatte vor meinem Umzug nach Berlin über zwei Jahre lang einen festen Freund, von dem ich mich allerdings getrennt habe, nachdem klar war, dass ich nach Berlin und er für ein Praktikum nach New York gehen würde. Eine Fernbeziehung kam für uns beide nicht in Frage, und ich gestehe meinen beiden Mitbewohnern, dass ich irgendwie ganz froh bin, die Hauptstadt als Single erkunden zu können, was Maxi unwillkürlich schmunzeln lässt.

„Werde bloß nicht so wie er“, sagt Berna und macht mit dem Kopf eine Bewegung in Richtung Maxi, während sie sich eine Olive in den Mund steckt. „Jedes zweite Wochenende bringt er ein anderes TinderDate mit nach Hause, und ich darf dann deren Haare aus dem Duschsieb fischen!“ „Das sind ausschließlich deine Haare“, kontert Maxi zurück und Berna wirft ihre lange blonde Mähne über die Schulter, fast so, als sei sie Beyoncé persönlich.

Die Salbeiravioli im Gorgonzola Club sind wirklich fantastisch, so dass der Fehler mit der verwechselten Bestellung zumindest von meiner Seite aus sofort wieder verziehen ist. Beim Essen erfahre ich ein bisschen mehr über das Liebesleben meiner beiden Mitbewohner, zum Beispiel, dass Berna bisexuell ist und in den letzten Jahren ausschließlich mit Frauen zusammen war, und dass Maxi keine Lust hat, sich zu binden. Ihre Frage danach, ob ich jemals einen richtigen One-Night-Stand hatte, muss ich verneinen. Berna meint, das würde schon noch kommen, und dass sowas in Berlin Gang und Gäbe ist.

Nach dem Essen zieht Maxi uns weiter in die Fahimi Bar, seine Stammbar in Kreuzberg, wie er sagt. Dort bestellt er für uns alle eine Runde „Dillinger Escape Plan“, einen Drink, von dem er schwört, dass wir ihn auf jeden Fall probieren müssen. Was wir serviert bekommen, riecht ein wenig wie das Wasser, in dem saure Gurken eingelegt sind, schmeckt aber erstaunlich gut. Ein Blick auf die Karte verrät mir, warum der Cocktail so nach Gurkenwasser riecht. Neben Gin, Holunderblütenlikör und Zitronensaft enthält dieser nämlich auch noch Gurke, Dill und etwas Meersalz.

Leider ist die Bar an diesem Abend ziemlich voll und laut, was vielleicht auch ihrer Lage direkt am berühmt-berüchtigten Kottbusser Tor geschuldet ist. Ich merke, dass ich langsam ganz schön müde werde, im Gegensatz zu Maxi und Berna, die jetzt erst richtig aufdrehen und bereits Pläne schmieden, wo es als nächstes hingehen soll. Wir bestellen noch eine zweite Runde, bevor wir gemeinsam aufbrechen, doch trotz ihres Bettels und Flehens, noch mit ihnen in den Kater Blau zu gehen und die Nacht zum Tag zu machen, kann ich widerstehen und mich von den beiden losreißen.

Wir verabschieden uns mit Umarmungen von einander, und während sie sich in ein Taxi Richtung Club schwingen, steige ich in die nächste U-Bahn, die zu unserer Wohnung fährt. Ich bin noch nicht bereit für so eine richtige Partynacht in Berlin. Aber was nicht ist, kann ja noch werden, und gerade freue ich mich einfach nur, einen tollen, wenn auch ruhigen Abend mit meinen fantastischen Mitbewohnern in dieser aufregenden Stadt gehabt zu haben.

Die Fotografie stammt von Yeo Khee
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Spaß zu zweit: Ich liebe meine Mitbewohnerin

Ohne das Konzept Wohngemeinschaft wäre ich vermutlich schon lange tot. Jeder meiner vergangenen Mitbewohner rettete mir mindestens einmal das Leben. Egal ob ich den Gasherd anließ, mich in einer lauschigen Dezembernacht bei minus zwölf Grad Celsius in einem durchsichtigen Nachthemd aussperrte oder b...
Spaß zu zweit: Ich liebe meine Mitbewohnerin

Spaß zu zweit

Ich liebe meine
Mitbewohnerin

Lena Freud

Ohne das Konzept Wohngemeinschaft wäre ich vermutlich schon lange tot. Jeder meiner vergangenen Mitbewohner rettete mir mindestens einmal das Leben. Egal ob ich den Gasherd anließ, mich in einer lauschigen Dezembernacht bei minus zwölf Grad Celsius in einem durchsichtigen Nachthemd aussperrte oder beim Schlafwandeln eine Packung Erdnüsse aß, auf die ich nun mal mit Atemnot und einem raschen Anschwellen meines gesamten Kopfes reagiere. In letzter Sekunde kam immer der Mensch aus dem Zimmer nebenan, um mir zu Hilfe zu eilen.

Aber auch abgesehen von der Überlebenshilfe bringt das Zusammenwohnen viele Vorteile. Es ist billig, macht Spaß und es ist immer jemand da, dessen Kühlschrankfach gefüllt ist. Wobei das ja fast schon wieder unter Lebensrettung fällt. Außerdem finde ich es spannend, unterschiedliche Menschen und deren Lebensweisen kennenzulernen.

Ich liebe meine Mitbewohnerin abgöttisch. Wir haben den gleichen Modegeschmack, können ganze Abende damit zubringen über fette Mädchen in Röhrenjeans zu lästern und machen seit meinem Einzug vor einigen Monaten durchgehend die unterschiedlichsten Diäten, zwischen denen wir uns mit Schokolade und Kartoffelbrei vollstopfen, als gäbe es kein Morgen mehr.

Wenn ich abends nicht allein sein kann, macht sie eine Flasche Wein für uns auf, sie zwingt mich auszugehen, wenn ich Liebeskummer habe, und versichert mir am nächsten Morgen, dass der Typ, der mir eine falsche Telefonnummer gab, eine totale Hackfresse hatte. Eigentlich ist das alles ganz schön. Außer manchmal. Wenn ich sie töten möchte.

Weil sie nämlich genau die gleichen Klischeemacken hat, wie jeder andere Mitbewohner, mit dem ich bis jetzt das Vergnügen hatte. Alle haben sie eine Vorliebe für nächtliche Ruhestörung, eine Abneigung gegen das Spülen von Töpfen und Pfannen und obendrein leiden sie an chronischer Unfähigkeit, meine Lebensmittel von ihren eigenen zu unterscheiden.

Seitdem ich in WGs wohne, fühle ich mich bestens gerüstet für eine Zukunft als Mutter. Die wichtigsten Regeln für das Zusammenleben mit Mitbewohnern sind die gleichen, die auch für das Zusammenleben mit Kindern gelten. Erstens: Für Süßigkeiten, Alkohol und Drogen gibt es kein sicheres Versteck. Sie finden alles. Am besten schaffst du das Zeug gar nicht erst ins Haus. Zweitens: Sei um Gottes Willen ruhig beim Sex, wenn du nicht willst, dass sie irgendwann im Türrahmen stehen und schockiert zusehen. Drittens: Wenn sie am nächsten Morgen immer noch nicht da sind, besteht Grund zu Sorge. Immer.

Die auffälligste Gemeinsamkeit von Kindern und meiner Mitbewohnerin: Hinter dem süßen Kulleraugengesicht steckt ein unfassbares Zerstörungspotential. Ob sie nun gewaltsam den halbem Wasserhahn à la “Ich habe nur ganz normal zugedreht, ehrlich!” aus dem Waschbecken reißt, Telefonanschlüsse zerstört oder meinen ganzen Satz teurer Rotweingläser nach und nach beim Abspülen zerbricht.

Sie macht es nie absichtlich, aber dafür sehr konsequent. Aber das sind Dinge, über die man mit ein bisschen Übung hinwegsehen kann. Das regelmäßige „Wir haben übrigens deinen Wodka getrunken…“ ist dagegen nur schwer verzeihlich. Genauso wie die Tatsache, dass ich jeden zweiten Morgen kalt duschen muss, weil sie gerne mal drei Stunden lang das ganze warme Wasser verbraucht.

Wenn sie abends aus der Arbeit kommt, hat sie schlechte Laune. Wenn sie morgens aus dem Bett steigt auch. Und dazwischen sowieso. Ausserdem hat sie diese besondere Gabe, meinem Männerbesuch den Kopf zu verdrehen. Ich hasse es, wenn das passiert. Ständig muss ich die Pornofantasien meiner Freunde abkühlen, in denen wir mädchenhaft kichernd den ganzen Tag nackt durch die Wohnung tollen, und werde um das Privileg beneidet, sie morgens nach dem Duschen sehen zu dürfen.

In all diesen Momenten möchte ich mich an den Computer setzen und ein Wohnungsgesuch aufgeben. Nie wieder WG. Einfach mal Ruhe haben, nicht mehr das Stöhnen aus dem Nebenzimmer mit Hardcore-Musik übertönen müssen. In Hello-Kitty-Unterwäsche durch die Wohnung moshen, Slayer in einer angemessenen Lautstärke hören und nebenbei die Sexy Sport Clips im Nachtprogramm gucken. Endlich nackt und ungeschminkt auf dem Küchenboden sitzen und Nudelsuppe direkt aus dem Topf trinken, ohne dabei erwischt zu werden. Sturmfrei für immer. So stelle ich mir das wahre, das richtige Leben vor.

Naja, zumindest bis sie dann wirklich mal für ein paar Tage zu ihren Eltern fährt. Denn bereits nach 24 Stunden stelle ich fest, dass Misosuppe zum Frühstück allein irgendwie nur halb so gut schmeckt, dass es blöd ist, den sexy Nachbarn unten im Garten allein anzuschmachten und ich allein Angst im Dunkeln habe. Und in diesen Augenblicken wird mir bewusst, dass ich tatsächlich die Einzige bin, die das Privileg hat, zuzusehen, wie sie morgens, nach drei Stunden im Bad, nackt und nass aus der Dusche steigt. Fuck, so kann ich ihr einfach nicht böse sein.

Die Fotografie stammt von Womanizer WOW Tech
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Auf dem Balkon: Wenn die Welt uns zu Füßen liegt

Ich schnappe mir das Zigarettenpäckchen, das einer meiner Freunde auf der WG-Party vergessen hat, und schleiche mich damit raus auf dem Balkon. Ich nehme mir eine Zigarette heraus, stecke sie mir in den Mund und zünde sie mit einem Streichholz an. Draußen ist es kalt und dunkel und die Flamme des kl...
Auf dem Balkon: Wenn die Welt uns zu Füßen liegt

Auf dem Balkon

Wenn die Welt uns
zu Füßen liegt

Hannah Maria Paffen

Ich schnappe mir das Zigarettenpäckchen, das einer meiner Freunde auf der WG-Party vergessen hat, und schleiche mich damit raus auf dem Balkon. Ich nehme mir eine Zigarette heraus, stecke sie mir in den Mund und zünde sie mit einem Streichholz an. Draußen ist es kalt und dunkel und die Flamme des kleinen Streichholzes verzaubert mich ein wenig. Einfach so. Streichhölzer mag ich lieber als Feuerzeuge.

Ich ziehe an der Zigarette und blicke in die Ferne. Von unserem kleinen Balkon aus hat man einen wunderschönen Ausblick auf die Stadt. Tausende Lichter funkeln in der Ferne und zwischendrin entdecke ich einen hell erleuchteten Tannenbaum.

Die ganze Welt liegt mir zu Füßen. Mein Leben liegt vor mir. So fühlt es sich also noch mal an. Es ist kalt, dunkel, schmeckt nach roten Gauloises und riecht nach Streichhölzern. Es ist vom Schnee bedeckt und funkelt im Licht der Nachbarswohnungen. Es liegt in meiner Hand, wie es verläuft, ob es überhaupt läuft und ich könnte es jetzt beenden, wenn ich wollte, indem ich mich zu weit über das Balkongelände beugen würde.

Ich ganz allein habe es in der Hand, ob ich etwas Großartiges daraus mache oder nicht, mit offenen Augen durchs Leben laufe oder nicht. Und ich habe Angst, dass ich irgendwann merke, dass ich die falschen Entscheidungen getroffen habe.

Können wir überhaupt falsche Entscheidungen treffen? Wird nicht immer alles Friede, Freude, Eierkuchen? Happy End sozusagen? Kennt nicht jeder diese Momente, die einen fast erdrücken und einen dazu zwingen, unvernünftige Dinge zu tun, weil man Angst darum hat, dass es irgendwann zu spät ist?

Dass es so viele immer in die große weite Ferne zieht, verstehe ich nicht. Es ist doch vollkommen egal, ob ich in New York, Tokio oder hier auf meinem kleinen Balkon sitze. Ähnelt sich das nicht alles und kommt es nicht darauf an mit wem man solche Momente verbringt und wo die Leute leben, die man ins Herz geschlossen hat? Um die Weihnachtstage wird es ruhig in den großen Städten unserer Erde und jeden zieht es einfach nur nach Hause.

Die Zigarette schmeckt beschissen und ist rausgeworfenes Geld, da ich ja noch nicht mal auf Lunge rauchen kann. Aber die sieben Minuten draußen auf dem Balkon gefallen mir gut. Ich sollte mir etwas anderes ausdenken und beschließen, dass Schokolade nur noch auf dem Balkon gegessen werden darf. Denn es ist schön hier draußen in meinem Leben, mit dem beleuchteten Tannenbaum und der ganzen Weihnachtsdeko in den Fenstern. Weihnachten kann also kommen und die besinnliche Zeit ist längst da.

Die Fotografie stammt von Philipp Bachhuber
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Türkisches Paradies: Ein Stückchen Dekadenz in Didim

Didim ist nicht nur irgendein Urlaubsort, an dem getrunken und gefeiert wird. Denn beim Namen der Stadt beginnend, trägt es Geschichte, die leider im eigenen Land kaum Achtung geschenkt bekommt. Es sind die Deutschen und Franzosen, die das Geld und Interesse haben, um das kulturelle Erbe zu entdecke...
Türkisches Paradies: Ein Stückchen Dekadenz in Didim

Türkisches Paradies

Ein Stückchen
Dekadenz in Didim

Meltem Toprak

Didim ist nicht nur irgendein Urlaubsort, an dem getrunken und gefeiert wird. Denn beim Namen der Stadt beginnend, trägt es Geschichte, die leider im eigenen Land kaum Achtung geschenkt bekommt. Es sind die Deutschen und Franzosen, die das Geld und Interesse haben, um das kulturelle Erbe zu entdecken und erhalten. Archäologen kommen jedes Jahr hierher, um rund um den Apollontempel weiter herum zu graben. Das Orakelheiligtum ist dem „griechischen und römischen Gott des Lichts, des Frühling, der Kunst und der Weissagung“ gewidmet.

Mein erster Halt ist also Didim, eine kleine Stadt zwischen Izmir und Bodrum an der Ägäis, an der ich mich nun seit einigen Wochen aufhalte. Sie ist eine dieser Touristenstrandstädte, die massenweise von Engländern belagert werden, die auf Şemamê Halay tanzen, vielleicht ohne zu ahnen, dass das Wort eigentlich kurdisch ist.

Etwas über die türkische Kultur weiß leider kaum einer der Briten, die 25 Prozent der Einwohner Didims ausmachen. Ein anderer Teil besteht aus in Deutschland lebenden türkischen Arbeitern, meist Aleviten, für die der Besitz eines Ferienhauses möglich ist, da es zum Leben und Urlaubmachen im Vergleich zu Bodrum und Cesme noch günstig ist.

Apropos Cesme, da würde sich Kıvanç Tatlıtuğ eigentlich aufhalten, aber in der Werbung für türkische Fanta erklärt er, warum er dort nicht hingeht. Die Werbung hat funktioniert. Ich trinke Yedigün, obwohl ich nur Coke liebe. Aber keine Pepsi-Cola. Diese Dose, auf dem er verpixelt abgebildet ist, soll also die einzige Annäherung sein, wie sich später herausstellen wird.

Kopftuchträger lockt es hier aber auch gern öfter hin. Die Menschen sind so tolerant und aufgeklärt. Hier schreit keiner auf, wenn er eine dicke Frau mit Kopftuch in einem Raumschiffkostüm aus dem Wasser heraus watscheln sieht. Obwohl sie aussieht wie ein Baywatch-Hottie, an dessen Körper jede einzelne Rundung optimal zu erkennen ist.

Aber während meines Aufenthalts hat ja zum Glück auch schon der Ramadan-Monat angefangen. Das bedeutet, dass viele zurück in die Heimat fahren, um dort zu fasten und an Bayram die Festtage wieder am Meer zu zelebrieren. Während man hier also wenigstens ungestört essen und trinken kann, sieht es im Osten der Türken schon wieder ganz anders aus, wie ich später spüren werde. Denn die meisten Urlauber sind Aleviten, die ihren Glauben sehr liberal ausführen.

Die Küste muss sich, ohne gefragt zu werden, verkaufen, Kultur geht verloren, um Geld zu machen, weil es einfach nicht anders geht. Es entstehen also Subkulturen. In der Nachbarschaft wohnen Engländer, Iren, Deutsche, Amerikaner und Türken aus dem eigenen Land und Deutschland, Frankreich Österreich. Das nenne ich Multi-Kulti.

Meine Freundin Kiana ist Halbjamaikanerin und die Enkelin meiner Nachbarn. Kianas Großeltern sind sehr herzliche Menschen, haben immer ein Englisch-Türkisch-Wörterbuch auf dem Tisch auf der Veranda liegen, wenn ich sie besuchen komme, und grüßen ihre Nachbarn mit einem Merhaba oder Günaydin.

Kiana selbst lebt in Manchester, und geht bald aufs College. Ihre Großeltern aber wohnen schon seit einigen Jahren hier in Didim und genießen wahrlich das gute Wetter, welches übrigens sehr häufig ihre Antwort auf die Frage nach ihrem Wohlbefinden ist.

Rot sind sie auch, und Bier trinken sie auch ganz gern, und ein letztes Vorurteil lässt sich auch noch bestätigen: Sie haben ein Foto von der Hochzeit von Kate und Prinz William in ihrem Wohnzimmer hängen. Ich musste zweimal hinsehen, denn mit meinen anderen englischen Nachbarn, einem jungen Paar aus Liverpool, haben wir noch über das Trara gelacht, das soweit ging, dass man Straßenfeste für die Hochzeit organisiert hatte.

Obwohl ich die britische Insel noch nie betreten habe, lerne ich sie so doch irgendwie kennen, und wie sehr sich die regionalen Kulturen in Deutschland voneinander unterscheiden zeigen mir die zahlreichen Deutschtürken, die hier sind. Und darüber muss ich wirklich lachen, denn im Flugzeug Richtung Türkei las ich im ZEITmagazin noch über bestehende Vorurteile und sie alle haben sich bestätigt.

Die Münchner erzählen mir im Beachclub von Dekadenz und ich lache innerlich, „schnöselig sind sie dem ZEITmagazin zufolge, während sich die Frankfurter, so eingebildet wie sie sind, gegenüber sitzen und kein Wort reden.

Das sind eben die “Versnobten”, die an der Zeil entlang bis hin zur Fressgass stolzieren mit der Nase in der Höhe. Und die Berliner sind so kommunikativ und „ruppig“, dass sie dich einfach ansprechen, wenn sie dich beim Vorbeilaufen nur Deutsch reden hören. Und die aus Nordrhein-Westfalen sind einfach einfach.”

Nerelisin? Woher kommst du, die erste Frage, die der Türke dem Gegenüber stellt. Das fragt man sich erst auf Deutsch, und dann im Laufe des Gespräches auf Türkisch, da uns die deutsche Kultur in erster Linie schon verbindet.

Doch da die kulturellen Unterschiede regional viel unterschiedlicher als in Deutschland sind, möchte man auch immer wissen, woher der Gesprächspartner aus der Türkei kommt. Das heißt eigentlich, woher die Eltern kommen. Die Türken, die in der Türkei leben, nennen wir übrigens Türken-Türken, so wie man uns eben in Deutschland Deutsch-Türken nennt.

Denn was viele nicht wissen: Die Türkei ist ein Vielvölkerstaat, mit Menschen deren Vorfahren aus Bulgarien, Griechenland, Armenien, Iran und Aserbaidschan stammen. Außerdem gibt es Minderheiten wie Zazas, Kurden und Laz. Geht man also an das Schwarze Meer trifft man auf ein Volk mit eigener Sprache, eigenen Sitten und Gebräuchen, während die Menschen an der Ägäis, bekannt für ihren westlichen Lebensstil, vor allem in Izmir weniger traditionell sind.

Damit wir, eine Gruppe junger Deutschtürken, in der Sonne vom Morgen und dem Alkohol der Nacht nicht ganz verdummen, liest einer aus der iPhoneApp “Unnützes Wissen” vor, wir diskutieren über Politik, das Migrationsproblem, Religion und Wissenschaft, die ewigen Aleviten– und Sunniten-Konflikte, und weiteres, aber immer mit der deutschen Fähigkeit zur Kritik.

Morgens Medusa Beach Club, abends Medusa Beach Club. Und wir bezahlen für eine Cola und einem Red Bull unter dem Pseudonym Replay oder Coke ohne Kohlensäure 7,50 Euro, weil es der einzig gute Club in Didim ist. Der Bürgersteig vor diesem „Edelclub“ wird auch dem Vorurteil des schlechten türkischen Bürgersteigs gerecht. Hey, es braucht wirklich keinen deutschen Ingenieur, um zu wissen, dass ein drei Meter hoher Bürgersteig, nicht ergonomisch ist.

Vom Einkaufen und Essengehen rate ich euch hier ab, es sei denn ihr wollt eine Stunde lang von einem türkischen Verkäufer mit britischem Akzent, ohne nie auf der Insel gewesen zu sein, vollgelabert werden oder euch von schlechtem Fast Food ernähren.

Da es hier weder den deutschen Döner, noch ein Ordnungsamt gibt, und ich sehr deutsch bin, esse ich unterwegs das einzige, was vor meinen Augen zubereitet wird: Kumpir, eine große Kartoffel in Alufolie gebacken, die in der Mitte aufgeschnitten, mit Butter gemischt und mit verschiedenen Füllungen wie Oliven, Würstchen, Salat zu einem köstlichen Snack wird, was man hier vor oder nach dem Feiern gerne isst.

Auf dem Basar kaufen wir uns Gemüse und Obst, um zu Hause ein gesundes Mahl zuzubereiten. Da fragt doch ernsthaft eine Frau, die fastet, ob meine Schwester nicht Oliven für sie probieren könne, um zu sagen, welche Sorte die köstlichste ist. Ja, es passieren schon seltsame Dinge, wenn man hier einkaufen geht.

Wenn man hier eine Waschmaschine kauft und Vertragskunde des größten Konkurrenten Vodafones ist, bekommt man mit dem bloßen Senden einer SMS mit dem Inhalt „Avantage“ an die 54542 Rabatt in Höhe von 100 Euro auf ein Elektrogerät.

Und wie klein die Welt wirklich ist, merkt man daran, dass sich sowohl die Kunden im Elektroladen, als auch die in der gegenüberliegenden Bank bei einer Bevölkerungzahl von 75 Millionen als eigentliche Bekannte aus dem winzigen Dorf in Anatolien herausstellen. So was passiert eben nur in der Türkei.

Aber es geschehen auch Dinge zum Nachdenken, wenn man einkaufen geht. Als ich einen Jugendlichen mit blauen Nikes sehe, der einen Holzrad vor sich herschiebt, um Tontüpfe zu verkaufen, blicke ich ihn kurz an und im nächsten Moment sehe ich meine Mutter einen Topf begutachten und kaufen. Mein Vater ruft ihr verärgert zu, dass sie doch schon einen habe.

In dem Augenblick, in dem meine Mutter ihm das Geld gibt, sagt er noch, nein Tante, wenn der Onkel schimpft, nimm es lieber nicht. So viel Verständnis von einem jungen Verkäufer, der sich wahrscheinlich etwas Kleingeld für das Studium verdient. Er ist nicht der Einzige. Viele Menschen reisen aus Anatolien hier her, um zu arbeiten, während andere hier Urlaub machen. Und allein deshalb weiß man es zu schätzen, und merkt sich fürs Leben, dass auch das mal wieder keine Selbstverständlichkeit ist.

Die Fotografie stammt von Caglar Araz
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Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki: Haruki Murakami und die Einsamkeit

Wenn Tsukuru Tazaki an seine Jugend in Nagoya zurück denkt, fühlt er sich hin- und hergerissen zwischen tiefer Dankbarkeit und dunkler Traurigkeit. Heute führt der 36-Jährige ein trostloses Dasein in Tokio, er baut Bahnhöfe, er ist einsam. Lange war Tsukuru Tazaki dem Tod nahe, aus eigenem Antrieb....
Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki: Haruki Murakami und die Einsamkeit

Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki

Haruki Murakami und
die Einsamkeit

Marcel Winatschek

Wenn Tsukuru Tazaki an seine Jugend in Nagoya zurück denkt, fühlt er sich hin- und hergerissen zwischen tiefer Dankbarkeit und dunkler Traurigkeit. Heute führt der 36-Jährige ein trostloses Dasein in Tokio, er baut Bahnhöfe, er ist einsam. Lange war Tsukuru Tazaki dem Tod nahe, aus eigenem Antrieb. Nur die wachsende Sehnsucht nach seiner neuen Bekanntschaft Sara lässt ihn weiterleben, die Gespräche, das Hoffen auf baldigen Geschlechtsverkehr, seine tragische Vergangenheit immer im Nacken.

Wer Haruki Murakamis ruhigen und detaillierten Worten lauscht, der muss das während des Genusses einer Tasse grünen Tees, bei Tageslicht, oder bei einem Glas teuren Whiskys, in der Nacht, machen. Anders geht es nicht. So war das bereits bei seinen früheren Werken „Naokos Lächeln„, bei „Hard-Boiled Wonderland und das Ende der Welt„, bei „1Q84„.

Tsukuru hegte keinen Groll gegen seine vier besten Freunde, die ihn vor 16 Jahren grundlos verstoßen hatten. Er nahm sein Schicksal wortlos hin, ertränkte seine Sorgen, versuchte sich an der Liebe, aber scheiterte ohne großes Aufsehen. Wie es ihnen heute wohl geht? Der sanften Shiro, der lebhaften Kuro. Dem starken Ao und dem klugen Aka. An sein letztes Telefonat mit ihnen kann er sich noch genau erinnern. Er wurde darum gebeten, sich nicht mehr bei ihnen zu melden. Niemals wieder.

Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki ist die Erzählung eines Mannes, der alte Wunden aufreißen muss, um die letzte Chance auf ein glückliches Leben nicht zu verspielen. Sie ist durchwoben mit bunten Ereignissen, die nicht aus dieser Welt zu sein scheinen und doch so real sind wie nur irgendwie möglich. Sake, Schönheit und sechs Finger – die Angst vor der Wahrheit niemals allzu weit entfernt. Eine Reise, die nur jemand antreten kann, der nichts mehr zu verlieren hat. Oder eben alles.

Tsukurus Gedanken sind immer ein wenig melancholisch, sie kreisen um andere. „Die grundlose Traurigkeit, die eine ländliche Idylle im Herzen eines Menschen weckt.“ Er muss mit einer Entscheidung voran schreiten, die andere vor langer Zeit für ihn gefällt haben.

„Menschen, denen man die Freiheit nimmt, hassen immer jemanden dafür.“ Kann er sie etwa doch verstehen? „Die Herzen der Menschen waren wie Nachtvögel. Sie warteten still auf etwas, und wenn die Zeit dafür gekommen war, flogen sie geradewegs darauf zu.“ Tsukuru sucht nach Antworten. Aber was dort draußen auf ihn wartet, wird ihm nicht gefallen.

Haruki Murakami ist bekannt für seine makellosen Beschreibungen. Sehr japanisch stellt er den Leser vor vollendete Tatsachen und wischt diese in einem seiner gefürchteten Zeitsprünge mit einer Handbewegung hinweg. Plötzlich ist nichts mehr wie zuvor, obwohl sich weder die teilnehmenden Personen noch die sommerlichen Szenerien verändert haben. Wäre Michael Bay ein Autor, Haruki Murakami wäre sein Gegenpart. Keine Explosionen, kein Lärm, keine Sinneslücken. Aber mit jeder Menge Können.

Alles passt wie ein Puzzle ineinander, jede Erwähnung hat eine Bewandtnis. Wenn Herr Tazaki nichts zu tun hat, löst er einen Fahrschein. Er kauft sich einen Becher, gefüllt mit heißem Kaffee, und setzt sich auf den Bahnsteig in Shinjuku. Fasziniert beobachtet er die Menschen, wie sie hektisch aus- und einsteigen, wie sie erleichtert in ihre Sitze fallen, wie sie hinfort fahren und in der Dunkelheit verschwinden. Selbst einzusteigen, davor fürchtet er sich. Doch womöglich ist die Zeit nun reif.

Wer die bisherigen Geschichten des ostasiatischen Erfolgsautors kennt, der wird in Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki keine Überraschungen erleben, zumindest keine bösen. Haruki Murakami bleibt sich treu und kreierte das perfekte Buch für den ausklingenden Sommer. Und in dem ein oder anderen Kapitel fühlen wir uns plötzlich ertappt, an uns selbst erinnert, versunken in der Vergangenheit. Also Tee aufsetzen, Whisky eingießen und endlich auf dem Sofa zur Ruhe kommen.

Die Fotografie stammt von DuMont
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Blut und Scheiße: Ich habe mir den Arsch aufgerissen

Ich habe mir den Arsch aufgerissen. Und das meine ich wortwörtlich. Wie das schon klingt. Erstmal nach Schmerzen. Ja. Nach ziemlichen Schmerzen, zuerst stechenden, und dann pulsierenden. Doch lässt man sich diesen Satz auf der Zunge zergehen, kommt man nicht drum herum, über die Ursache zu spekulier...
Blut und Scheiße: Ich habe mir den Arsch aufgerissen

Blut und Scheiße

Ich habe mir den
Arsch aufgerissen

Nadine Kroll

Ich habe mir den Arsch aufgerissen. Und das meine ich wortwörtlich. Wie das schon klingt. Erstmal nach Schmerzen. Ja. Nach ziemlichen Schmerzen, zuerst stechenden, und dann pulsierenden. Doch lässt man sich diesen Satz auf der Zunge zergehen, kommt man nicht drum herum, über die Ursache zu spekulieren. Arsch aufgerissen. Analfissur. „Die wird doch nicht etwa…“ Na? Ja, genau. Der Gedanke an, zu harten, Analsex liegt nahe.

Wie verrucht. Schmutzig, wild. „Total Nadine“, mag der ein oder andere jetzt vermutlich denken. „Ich habe eine Analfissur„, klingt nach „Ich bin ein ganz schlimmes, dreckiges Ding. Du darfst es mir richtig hart anal geben, bis ich reiße und Schmerzen habe.“ Der pornobelastete Traum jeden Mannes. Aber bei mir, da hat das ausnahmsweise einmal nichts mit meinem animalischen, wilden Sexleben zu tun… Sollte ich leider sagen?

Drehen wir die Zeit ein paar Tage zurück. Im Nachhinein betrachtet begann alles mit einem fiesen Bakterium. Nein, keines welches sich durch mein Arschloch eingeschlichen hatte, sondern genau auf der anderen Seite meines Körpers. Eine Erkältung hatte mich erwischt. Eine richtig fette, eklige Erkältung, mit Schleim in der Nase, Schleim im Hals, Schleim einfach überall.

Röchelnd lag ich tagelang im Bett, die Wärmflasche an den Füßen, den Tee in der einen, die Halsschmerztabletten in der anderen Hand. Nun gut, endlich mal Zeit, die Serie anzufangen, für die ich zwar nie vor Interesse brannte, die aber aufgrund des im Internet zahlreich vertretenen Gefolges verspricht, gar nicht mal so schlecht zu sein. So verbrachte ich Stunden damit Tee zu schlürfen und Menschen bei ihrem Überlebenskampf in einer apokalyptischen Welt zuzusehen.

Wie jedes Mal, wenn ich diese Art von Unterhaltung verfolge, fragte ich mich die meiste Zeit: Wie um Himmelswillen bekommen es diese Frauen immer hin, perfekt rasiert zu sein? Wie können diese Leute knutschen, obwohl sie schon monatelang keine Zahnbürste mehr gesehen haben? Stinken die nicht alle unfassbar? Und wann und wo gehen die eigentlich kacken?

Apropos Kacken: Durch meine recht einseitige Ernährung, bedingt durch unterlassene Kochanstrengungen sowie das lange Liegen, reduzierte sich meine Darmtätigkeit scheinbar drastisch. Nach einer Woche Betthüten und meiner ersten, warmen, vollwertigen Mahlzeit, kam dann endlich der Tag der Wahrheit. Mein Bauch spannte und fühlte sich voll an. Der erste Kaffee das erste Bier und die erste Kippe seit Tagen taten dann den Rest: Ich verspürte das dringende Gefühl mal kräftig einen abzuseilen.

Mit einer dieser elenden Frauenzeitschriften, die ich so hasse, bewaffnet, trat ich gemütlich meinen Weg aufs Klo an, welches mir in diesen Situationen immer wie Himmel auf Erden erscheint. Ich machte es mir bequem und wartete. Nach sieben Tagen Darmsammelaktion freute ich mich auf ein Gefühl der Erleichterung, einer Befriedigung die seinesgleichen sucht. Denn seien wir mal ehrlich: Kacken gehen ist sowas von geil! Oder, um es mit einer StudiVZ-Gruppe zu sagen: Wer Sex für das Geilste hält, war noch nie so richtig kacken.

Da saß ich nun, blätterte in meiner Zeitschrift, hasste die Sex– und Diättipps ab und wartete… und wartete… und wartete… bis ich irgendwann misstrauisch wurde. Mein Darm fühlte sich randvoll an, ich hatte das Gefühl, er würde sich gleich in seiner vollen Länge seinen Weg nach draußen bahnen. „Okay“, dachte ich mir. „In irgendeinem dämlichen Buch stand mal, man solle nicht pressen, das führe zu Hämorrhoiden.“

Aber hey, das muss jetzt echt mal sein. Also presste ich wie eine Frau, die gerade vaginal ein Kind zur Welt bringt. Es bewegte sich sogar etwas, doch sobald ich aufhörte zu drücken, flutschte der braune Schokobär, der es sich in meinem Darm bequem gemacht hatte, wieder zurück in meinen Körper. „Na gut“, dachte ich. „Du willst es also auf die harte Tour.“ Also atmete ich noch mal tief durch, nahm meine ganze Kraft zusammen, bündelte sie im unteren Teil meines Körpers und drückte.

Der beschissene Artikel, den ich gerade gelesen hatte, war längst vergessen. Meine Hände umklammerten dennoch die Zeitung, einfach, weil ich was zum Festhalten brauchte. Wie gern hätte ich in dieser Situation die beiden Griffe rechts und links neben der Toilette gehabt, von denen ein Kumpel mir in unserer Jugend mal erzählt hatte. „Da kann man sich beim Pressen richtig schön dran festhalten!“ Und langsam, ganz langsam schob sich die Kacke ihren Weg nach draußen.

Plötzlich spürte ich einen Schmerz, genau dort, wo sich das lang ersehnte Stück nicht verwertbaren Essens heraus wandte. Aber was einmal angefangen war, musste zu Ende geführt werden, also drückte ich nun noch verzweifelter. Tränen stiegen mir in die Augen, doch dann war es vorbei. Endlich! Oh du schöne, schöne Erleichterung! Beim automatischen Klopapier-Check nach dem Abwischen dann der Schock: Zwischen den obligatorischen braunen Streifen ein roter Streifen frisches Blut. Ich hatte mir doch tatsächlich im wahrsten Sinne des Wortes beim Scheißen den Arsch aufgerissen!

„Okay, jetzt bloß keine Panik, vergiss es einfach“, dachte ich mir so. Aber schon beim Hose hochziehen merkte ich, auch das tut weh. Ein bisschen humpelnd verließ ich das Badezimmer, nun nicht mehr Himmel auf Erden für mich, sondern mehr so Tal der Schmerzen. Zurück in meinem Zimmer setzte ich mich vorsichtig auf einen Stuhl und vor sofort wieder hoch, als mich ein jäher Schmerz in der Gegend meines Arsches durchzuckte. Ich fragte mich nun doch, ob das schlimm war, was ich tun sollte und ob ich mal das Internet, das auf alles eine Antwort weiß, befragen sollte.

„Bloß nicht googlen“, sagte mir eine leise, kluge Stimme, die irgendwo ganz tief in meinem Kopf wohnt. Aber was dann? Wenn ich das Internet nicht befragen kann, bin ich mit meinem Latein am Ende. Zum Arzt gehen? Mit einer Verletzung, die man sich durchs Scheißen zugezogen hat? Und zu welchem überhaupt? Dem Hausarzt, der Frauenärztin? Wie die auf sowas wohl reagieren? „Oh, eine Analfissur. Sind Sie beim Analsex nicht vorsichtig genug gewesen? Sie sollten stets ein geeignetes Gleitmittel dazu verwenden.“

Ja, ja, weiß ich doch alles. Aber zuzugeben, dass der Riss in meinem Arschloch beim Kacken entstanden ist und nicht bei einem schönen, genussvollen Fick in den Arsch, war selbst mir zu peinlich. Also entschied ich mich dazu, abzuwarten, ob das Ding nicht doch von alleine wieder abheilen würde. Hat übrigens auch super funktioniert. Arschficks genieße ich nach wie vor. Nur beim Kacken, da bin ich wirklich etwas vorsichtiger geworden.

Die Fotografie stammt von Huha
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Mädchen in Mailand: Zuhause mit Diana Kingston

Mir ist letztens aufgefallen, dass ich viel zu selten in Italien unterwegs bin, obwohl das Land erstens gar nicht so weit weg ist, wie man vielleicht denken mag, dort zweitens häufig schönes Wetter herrscht, wenn nicht gerade sintflutartige überschwemmungen vorherrschen, und ich drittens nur tolle U...
Mädchen in Mailand: Zuhause mit Diana Kingston

Mädchen in Mailand

Zuhause mit
Diana Kingston

Daniela Dietz

Mir ist letztens aufgefallen, dass ich viel zu selten in Italien unterwegs bin, obwohl das Land erstens gar nicht so weit weg ist, wie man vielleicht denken mag, dort zweitens häufig schönes Wetter herrscht, wenn nicht gerade sintflutartige überschwemmungen vorherrschen, und ich drittens nur tolle Urlaube erlebt habe, wenn ich denn mal einen Fuß nach Italien setze. Ich erinnere mich an wahnsinnig großartige Trips nach Venedig mit meinen Eltern, Rom mit zwei guten Freundinnen und Sizilien mit einem Typen, von dem ich hätte schwören können, dass wir irgendwann mal eine Großfamilie unter’m Olivenbaum gründen.

Der Künstler und Fotograf Adolfo Valente lebt im gar bezaubernden Mailand – und allein deswegen bin ich bereits ein wenig neidisch auf ihn. Noch neidischer bin ich nur geworden, als er uns seine neuen Fotos zeigte, die er fürs Apple Pie Magazine gemacht hat. In der Hauptrolle: Die umwerfende Diana Kingston, die nicht nur als Model arbeitet und bereits eines dieser sagenumwobenen Playmates war, sondern auch noch auf Comics steht. Hübsche, nerdige Mädels, die sich für unsere Augen die Klamotten vom Leib reißen? Was gibt es denn bitte Besseres? Eben, ich weiß es auch nicht.

Die Kulisse ist eine zum Sterben schöne, moderne Wohnung mitten in Mailand, das bekanntlich die Hauptstadt der Lombardei ist. Einst eine Gründung keltischer Siedler, erlebte die Stadt im Römischen Reich einen raschen Aufschwung. Mailand unterstand in seiner Geschichte dem Einfluss deutscher, französischer und österreichischer Kaiser und wuchs nach der Einigung Italiens zur größten Industriestadt des Landes. Wer bei so viel Geschichte nicht schwach wird, der wird es hoffentlich zumindest beim Anblick von Diana Kingston – und ihrem Comicbuch.

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Die Fotografie stammt von Adolfo Valente
Als Model ist Diana Kingston zu sehen
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Verstummt, verblasst, vergessen: Die Legenden deiner Jugend

Egal, wie weit weg es uns auch verschlagen hat, in die überfüllten Straßen New Yorks, an die heißen Küsten Australiens oder unter die hohen Decken der Berliner Altbauwohnungen: Am Ende des Jahres kehren wir nach Hause zurück. In unsere Stadt. In eine Welt, in der die Zeit still zu stehen scheint. Un...
Verstummt, verblasst, vergessen: Die Legenden deiner Jugend

Verstummt, verblasst, vergessen

Die Legenden
deiner Jugend

Marcel Winatschek

Egal, wie weit weg es uns auch verschlagen hat, in die überfüllten Straßen New Yorks, an die heißen Küsten Australiens oder unter die hohen Decken der Berliner Altbauwohnungen: Am Ende des Jahres kehren wir nach Hause zurück. In unsere Stadt. In eine Welt, in der die Zeit still zu stehen scheint. Und wir fühlen uns überlegen. Weil niemand dort den Mut hatte, auch nur annähernd das zu wagen, was wir erreicht haben.

Die Straßen der kleinen Gemeinde sind noch immer dieselben, die wir als Kinder mit dem BMX abgefahren sind. Abgelaufen sind. Wir kennen sie in- und auswendig. Jeden Winkel, jede Abkürzung. Wir träumen noch heute von der Zeit, in der diese Gassen die Adern unseres kindlichen Daseins waren. Und jeder Meter, nein, jeder Zentimeter, ist mit Erinnerungen behaftet, die in den richtigen Momenten über uns herein brechen.

Als ich die Hauptstraße an einem sonnigen Sommermorgen entlang spaziere und keine Menschenseele antreffe, da gehen meine Gedanken auf Wanderschaft. Sie schweben empor, über die Stadt, sie kreieren einen Plan. Der Häuser. Der Wege. Der Felder. Und überall ploppen Marken mit Andenken auf, die mich bei geistiger Berührung in sich hinein ziehen und mir noch einmal abspielen, was mich als Menschen ausmacht.

Wie wir mit 12 in diesen Wohnwagen eingebrochen sind, um dort mit vom Jahrmarkt geklautem Helium unsere Stimmen in die von Micky Maus zu verwandeln. Wie wir mit 13 heulend den Notarzt gerufen haben, weil Maria beim Schlittenfahren gegen den Zaun vom Freibad geknallt ist und ihr das Blut das Gesicht hinunter floss. Wie wir mit 16 auf der Rutsche des nahegelegenen Spielplatzes saßen und Chrissy ihr weißes Top hochzog, um oben ohne und mit den Mittelfingern herum fuchtelnd den Nachbarn zu beleidigen, der uns am Vortag mit einer Schaufel verprügeln wollte.

Als ich wieder zu mir komme, stehe ich auf einer kleinen Brücke etwas außerhalb der Stadt. Nahe der verlassen wirkenden Schrebergärten. Die Sonne scheint mir ins Gesicht, der Schweiß läuft mir in die Augen, unter mir bahnt sich ein kleiner Bach den Weg ins nächste Dorf. Ich starre in das klare Wasser und mir wird schlagartig eine unumgängliche Wahrheit klar, die mir das Herz schwer werden lässt und mir die Tränen in die Augen treibt.

Wir herrschten über diesen Ort, brachten ihn zum Wanken, zum Beben. Wir waren es, die nachts durch seine Tore zogen, wir küssten und aßen und schlugen und weinten und kamen und schrieen und lachten und tranken. Laut. Energisch. Mutig. Auf dass wir uns verewigen. Auf dass unsere Taten noch in 100 Jahren für Raunen sorgten. Auf dass wir nicht sterben konnten, auch wenn wir schon längst vergangen waren.

Unsere Graffiti sind verblasst. Unsere Legenden verstummt. Unsere Markierungen gelöscht. Die Generation, die heute in diesen Straßen ihr Unwesen treibt, hat keine Ahnung mehr davon, was sich hier vor Jahren abgespielt hat. Was wir riskierten. Wen wir anfassten. Wie viele Feinde wir uns schufen und wie viele Freunde uns begleiteten. Es ist ihnen egal. Unsere Namen sind ihnen egal. Unsere Orte. Unser Kummer. Unsere Lieder.

Und dann sehen wir ein, dass wir keinen einzigen Grund haben, uns überlegen zu fühlen. Weil wir nichts erreicht haben. Weil nichts von Dauer ist. Weder an diesem Ort noch woanders. Und dass es vollkommen egal ist, wie weit weg es uns verschlägt und was wir erleben. Mit wem wir es erleben. Wie oft und wie intensiv wir es erleben. Denn irgendwann drehen wir uns um. Und nichts von alledem ist mehr da.

Unsere Andenken geistern nur noch als vage Schatten durch die Stadt. Sie haben keine Wirkung, kein Verlangen. Doch sie dienen als Beweis dafür, dass wir ersetzt worden sind. Von jungen Menschen, die uns als irrelevant betrachten und ihre eigenen Legenden an den Orten schreiben, die uns als Kulisse für unsere Erinnerungen dienten. Und das weder zum ersten noch zum letzten Mal.

Aber auch diese Generation wird irgendwann einmal an zurückkehren. Und sie wird auf dieser Brücke stehen und sie wird weinen und sie wird sich der Tatsache bewusst werden, dass keine ihrer noch so krassen und leidenschaftlichen und dramatischen Handlungen in Ewigkeit mündet. Dass ihre Jugend die Kopie einer Kopie einer Kopie ist. Und dass alles zerfällt, sobald sie sich einmal umdreht.

Alles, was uns als Trost bleibt, ist der ewige Traum, etwas zu tun, was noch nie jemand vor uns getan hat. Also verschlägt es uns in die überfüllten Straßen New Yorks, an die heißen Küsten Australiens oder unter die hohen Decken der Berliner Altbauwohnungen. Wir denken nicht an ein kopiertes Leben, wir glauben an ein einzigartiges. Das macht uns stark. Es ist die einzige Möglichkeit, nicht den Verstand zu verlieren.

Wir machen weiter. Wir füllen die leeren Legenden unserer Erinnerungen mit neuen Abenteuern und Bildern und Gerüchen und Geschmäckern und Geräuschen. Und womöglich können wir im nächsten Jahr wieder hierher zurück kehren. In unsere Stadt. In eine Welt, in der die Zeit still zu stehen scheint. Und wir fühlen uns überlegen. Weil niemand dort den Mut hatte, auch nur annähernd das zu wagen, was wir erreicht haben.

Die Fotografie stammt von Jacob Bentzinger
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Kindergeld statt Hartz IV: Wenn ich keine Arbeit finde, lasse ich mich schwängern

„Vielleicht sollte ich einfach schwanger werden“, sage ich. Kurze Pause. „Hm ja“, antwortet sie. „Alt genug wärst du, und du bist immerhin in einer festen Beziehung.“ Es ist das erste Mal, dass ich den Gedanken ausspreche, der mir in den letzten Wochen immer wieder durch den Kopf gewandert ist. Schw...
Kindergeld statt Hartz IV: Wenn ich keine Arbeit finde, lasse ich mich schwängern

Kindergeld statt Hartz IV

Wenn ich keine Arbeit
finde, lasse ich mich
schwängern

Vanessa Freitag

„Vielleicht sollte ich einfach schwanger werden“, sage ich. Kurze Pause. „Hm ja“, antwortet sie. „Alt genug wärst du, und du bist immerhin in einer festen Beziehung.“ Es ist das erste Mal, dass ich den Gedanken ausspreche, der mir in den letzten Wochen immer wieder durch den Kopf gewandert ist. Schwanger werden.

Nicht, weil ich ein Kind will. Nicht jetzt jedenfalls. Auch nicht, weil ich meinen Freund so sehr liebe, dass ich eine Familie mit ihm gründen will. Nicht jetzt jedenfalls. Und auch nicht, weil ich ihn an mich binden will oder so gerne „Vater, Mutter, Kind“ spiele. Nein. Aber weil es leichter ist. Leichter als einen Job zu finden.

Generation Praktikum. Die durchschnittliche Akademikerin ist nach ihrem Studium neun Monate arbeitslos. Also alles noch im Rahmen. Im ersten Semester gab es sogar an der Uni eine Infoveranstaltung, in der man uns mitteilte, dass wir nach dem Studium nur schlecht bezahlte Jobs bekommen werden, auf die wir auch noch lange warten müssen. Das hat man davon, wenn man Kulturwissenschaften studiert.

Besser werden die Chancen auf dem Arbeitsmarkt auch nicht durch das Hauptfach Kreatives Schreiben. Alles also vorher klar gewesen, alles vorher schon gehört. Das Ganze kommt nicht plötzlich für mich, ich wusste, was mich erwartet. Eine Kommilitonin hat nach ihrem Abschluss drei Jahre lang bei Starbucks gearbeitet und „Moccafrapucchinoicedlatte“ auf Pappbecher geschrieben, statt Texte zu schreiben.

Jeden Tag standen ihr kleine Mädchen gegenüber und blickten sie mit mitleidigen Augen an. „Auch ihr werdet mal arbeitslos sein, wartet’s nur ab, ihr kleinen Möchtegern-Modeblogger! Eure Euphorie wird verschwinden, sobald ihr in der wahren Welt da draußen überleben müsst“, wollte sie ihnen entgegen schreien.

Jeden Tag standen ihr erfolgreiche Geschäftsleute gegenüber und blickten sie gar nicht an, sondern nur auf ihre Uhr. „Ihr werdet vielleicht nie arbeitslos sein, aber irgendwann was von mir wollen, wenn ich erfolgreich bin, eines Tages, wartet’s nur ab“, wollte sie ihnen entgegen rufen und in ihren Espresso Macchiato spucken.

Eine andere Kommilitonin putzte, nachdem sie ihr Studium mit 1,0 abgeschlossen hat, mehrere Jahre die Wohnungen von fremden Leuten, die wahrscheinlich mit einem Realschulabschluss und einer Ausbildung mit 19 schon an ihre unbefristete Vollzeitstelle kamen. Sie staubsaugte ihren Fußboden, wischte ihre Scheiße aus dem Klo, fingerte ihre Essensreste aus dem Abfluss, machte ihr Bett, räumte benutzte Kondome weg, wischte Staub, goss die Pflanzen und wusch ihre dreckige Wäsche.

Und immer wieder sage ich mir: „Ich wusste, worauf ich mich einlasse. Geisteswissenschaftliches Studium. Es dauert halt, aber dann kommt der Job schon. Die nächste Bewerbung musst du nur ein bisschen besser schreiben!“ Und alle sagen: „Ja ja, das dauert, du wusstest das doch!“

Doch keiner sagte einem vorher, wie kacke das ganze wirklich ist. Nicht zu wissen, wo man in den nächsten Monaten leben wird. Flexibilität ftw. Das Jobcenter fragen zu müssen, ob man am Wochenende weg darf. Alle Kämpfe, die man in der Pubertät mit den Eltern führte, scheinen sinnlos gewesen zu sein. Jetzt ist jemand Neues da, der einem sagt: „Hamburg über’s Wochenende? Ne ne, das geht nicht!“

Wie scheiße es ist, Bewerbungen zu schreiben, für Jobs, die man nicht will, in Städten, die man nicht mag, weil man von Tag zu Tag verzweifelter wird. Weil man die Deadline im Nacken sitzen hat. Wer den Anschluss verpasst, findet gar keinen Job mehr. Für ein Jahr raus, für immer raus. Also fängt man an, sich für Ehrenämter zu bewerben. „Hallo, darf ich bitte umsonst für sie arbeiten?“

„Vielleicht sollte ich einfach schwanger werden“, sage ich. Kurze Pause. „Das ist aber ein bisschen armselig“, antwortet sie. Es ist das zweite Mal, dass ich den Gedanken ausspreche, der mir in den letzten Monaten immer wieder durch den Kopf gewandert ist. Schwanger werden, weil ich keinen Job finde. Ja, armselig ist das, wie so vieles im Leben. Aber leichter, wie so vieles Armselige.

Endlich kein Herumgedruckse mehr auf die Frage „Und was machst du jetzt so? Dein Studium ist doch schon ’ne Weile fertig…“ Nein. Ab jetzt immer eine Antwort parat. Und immer was zu tun. Eine dicke Kugel als Bauch – und keiner fragt mehr nach. Alle gucken nur. Und ich kann Pläne machen, Bio-Essen kochen, eine Wickelkommode kaufen, die beste auf dem Markt. Endlich mal wieder gut sein.

Kinder kriegen ist angesehener als Hartz IV kriegen. Kinder kriegen erfüllt, sagt man. Hartz IV kriegen nicht. Und später dann kann ich sagen: „Ach du, ich konnte ja nicht arbeiten, ich wollte ja, aber dann kamst du!“ Und ich kann mein Kind ein bisschen hassen und mir ein bisschen sagen, dass es meine Karriere versaut hat und ich sonst schon etwas gefunden hätte.

Dass ich sonst schon erfolgreich gewesen wäre. Aber dass ich dann nun mal gefickt habe und schwanger und anschließend Mutter wurde und dann eben keine Bewerbungen mehr schrieb, sondern nach dem perfekten Kinderwagen googelte. Und ganz leise kann ich auch mich ein bisschen hassen.

Ich wusste, was mich erwartet. Der Arbeitsmarkt ist hart. Der Arbeitsmarkt im kreativen Bereich ist härter. Noch härter ist aber der Arbeitsmarkt im kreativen Bereich für eine Mutter mit Kind. Dann also einfach wieder ficken. Wieder ein Kind kriegen, statt Bewerbungen zu schreiben. Wieder armselig, aber leichter?

Lieber Arbeitsmarkt, liebe Welt da draußen, liebe Mädchen bei Starbucks, liebe Geschäftsleute, ich möchte kein Kind, nicht jetzt jedenfalls. Ich möchte nicht schwanger werden. Ich möchte vielleicht ficken, aber nur mit Kondom. Safer Sex ftw. Aber ich möchte einen Job und ich möchte vielleicht sogar für meine Arbeit bezahlt werden.

Ich möchte vor allem noch wissen, um was es mir einmal ging, bevor ich Bewerbungen nach Buxtehude schickte, nur um auf die gewünschte Anzahl für’s Jobcenter zu kommen. Ich möchte eine Arbeit für die ich studiert habe, die mir Spaß macht. Und dann irgendwann möchte ich vielleicht auch schwanger werden. Danke.

Die Illustration stammt von Murat Kalkavan und Icons8
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Die Ladenhüterin: Das perfekte Buch für seltsame Menschen

Ich habe mir vorgenommen, in nächster Zeit endlich die wichtigsten mehr oder weniger aktuellen Bücher japanischer Autoren zu lesen, weil ich quasi zu gar nichts mehr komme - warum auch immer. Die Ermordung des Commendatore von Haruki Murakami zum Beispiel. Oder Die Insel der Freundschaft von Durian...
Die Ladenhüterin: Das perfekte Buch für seltsame Menschen

Die Ladenhüterin

Das perfekte Buch für seltsame Menschen

Marcel Winatschek

Ich habe mir vorgenommen, in nächster Zeit endlich die wichtigsten mehr oder weniger aktuellen Bücher japanischer Autoren zu lesen, weil ich quasi zu gar nichts mehr komme – warum auch immer. Die Ermordung des Commendatore von Haruki Murakami zum Beispiel. Oder Die Insel der Freundschaft von Durian Sukegawa. Oder Sendbo-o-te von Yoko Tawada.

Am Samstag habe ich mich mit einer hochschwangeren Freundin getroffen und nachdem wir uns etwas beim Thailänder um die Ecke geholt haben, pilgerte ich zum nächstgelegenen Bücherladen, um mich ein wenig in der kunterbunten Welt der geschriebenen Worte niederzulassen.

Im obersten Stockwerk des Ladens gab es einen eigens für japanische Autoren eingerichteten Tisch und dort lag dann neben anderen Favoriten auch der Roman Die Ladenhüterin der Autorin Sayaka Murata, das ich schon im letzten Jahr lesen wollte – aber dieses Vorhaben hatte ich natürlich wieder irgendwie gedanklich verbummelt.

So lag es da, das rote Buch mit den Kugelfischen drauf, und ich dachte mir: Ha, jetzt gehörst du endlich mir, du kleiner Roman du! Auf einer Parkbank, regelmäßig von meinem Kaffee schlürfend, verschlang ich die erste Hälfte des Werkes, kurz darauf dann gleich die zweite.

Worum geht’s? Keiko Furukura war schon als Kind eine Außenseiterin, deren alternative Gedanken ihren Eltern Angst machte. Um den beiden nicht länger Sorgen zu bereiten, fasste sie den Plan, ein ruhiger und funktionierender Teil der Gesellschaft zu werden und findet als Angestellte eines 24-Stunden-Supermarktes ihre wahre Bestimmung.

Gefühle sind Keiko fremd, das Verhalten ihrer Mitmenschen irritiert sie meist. Um nirgendwo anzuecken, bleibt sie für sich. Als sie jedoch auf dem Rückweg von der Universität auf einen neu eröffneten Supermarkt stößt, einen sogenannten Konbini, beschließt sie, dort als Aushilfe anzufangen.

„Der Convenience Store ist voller Geräusche“, schreibt Sayaka da. „Begleitet vom Glockenklang beim Eintreten der Kunden, preist ein Promisternchen über Lautsprecher neue Produkte an. Dazu kommen die Stimmen der Angestellten, das Piepen beim Einlesen der Strichcodes, der dumpfe Aufprall, mit dem Waren in Körbe plumpsen, das Klacken von Absätzen und das Knistern von Brottüten.“

„All das verbindet sich zu dem einen typischen Konbini-Klang, den ich stets im Ohr habe. Eine Plastikflasche wird aus dem Regal genommen, die darüberliegende rollt mit einem leisen Ton nach. Mein Körper reagiert beinahe automatisch auf dieses Geräusch, denn viele Kunden nehmen sich die kalten Getränke erst kurz bevor sie zur Kasse gehen.“

Und weiter: „Vor allem morgens, wenn der Tag beginnt und die Menschen an unserer fleckenlos polierten Scheibe vorbeieilen, genieße ich meine Arbeit in dem hell erleuchteten Glaskasten. Um diese Zeit erwacht die Welt, und ihre Zahnräder setzen sich in Bewegung.“

„Eines dieser Rädchen bin ich, und ich drehe mich immerfort. Ich sehe auf die Uhr. Gleich halb zehn. Um diese Zeit lässt der morgendliche Andrang allmählich nach, und ich muss mit dem Einräumen fertig werden, um anschließend die Vorbereitungen für die Mittagszeit treffen zu können. Ich strecke mich und gehe wieder zum Regal, um weiter Onigiri einzusortieren.“

Im Konbini bringt man Keiko den richtigen Gesichtsausdruck, das richtige Lächeln, die richtige Art zu sprechen bei. Ihre Welt schrumpft endlich auf ein für sie erträgliches Maß zusammen, sie verschmilzt geradezu mit den Gepflogenheiten des Konbini. Doch dann fängt Shiraha dort an, ein zynischer junger Mann, der sich sämtlichen Regeln widersetzt.

Keikos mühsam aufgebautes Lebenssystem gerät ins Wanken. Und ehe sie sich versieht, hat sie ebendiesen Mann in ihrer Badewanne sitzen. Tag und Nacht. Beeindruckend leicht, elegant und auch nüchtern entfaltet Sayaka Murata das Panorama einer Gesellschaft, deren Werte und Normen unverrückbar scheinen. Die Ladenhüterin ist ein Roman, der weit über die Grenzen Japans hinaus strahlt. Und ich kann es kaum erwarten, Sayakas nächstes Buch zu lesen.

Die Fotografie stammt von Aufbau Verlag
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Mädchen in Hollywood: Ein Nachmittag mit Andrea Villarroel Lua

Wer sich einmal unbeschadet über die beliebten Touristenfallen von Los Angeles hinweg gesetzt hat, ohne den Drang zu verlieren, die Stadt besser kennenzulernen, der trifft schnell auf junge und kreative Menschen, die sich in der Metropole an der amerikanischen Westküste angesiedelt haben, um die Wel...
Mädchen in Hollywood: Ein Nachmittag mit Andrea Villarroel Lua

Mädchen in Hollywood

Ein Nachmittag mit
Andrea Villarroel Lua

Daniela Dietz

Wer sich einmal unbeschadet über die beliebten Touristenfallen von Los Angeles hinweg gesetzt hat, ohne den Drang zu verlieren, die Stadt besser kennenzulernen, der trifft schnell auf junge und kreative Menschen, die sich in der Metropole an der amerikanischen Westküste angesiedelt haben, um die Welt auf ihre Arten und Weisen zu verändern.

Andrea Villarroel Lua ist so ein Mensch. Sie ist nicht nur Modejournalistin bei diversen Magazinen, sondern lebt ihre Vintageträume auch als Stylistin aus. Außerdem liebt sie die analoge Fotografie sowie das international bekannte Filmparadies Hollywood. Kein Wunder also, dass der australische Fotograf David Collier Andrea genau dort in Klamotten von Vintage Knickers verewigt hat.

„Nach einer zweiwöchigen Rundreise traf ich Andy an meinem letzten Abend in Los Angeles auf Instagram,“ erzählt uns David. „Wir haben uns getroffen und ein kleines Shooting im wunderschönen Los Angeles veranstaltet. Zuerst am Hollywood-Boulevard und anschließend noch in meinem Airbnb-Apartment, nachdem es dunkel geworden war.“ Tolle Stadt, tolles Mädchen, alles toll.

Mädchen in Hollywood: Ein Nachmittag mit Andrea Villarroel Lua Mädchen in Hollywood: Ein Nachmittag mit Andrea Villarroel Lua Mädchen in Hollywood: Ein Nachmittag mit Andrea Villarroel Lua Mädchen in Hollywood: Ein Nachmittag mit Andrea Villarroel Lua Mädchen in Hollywood: Ein Nachmittag mit Andrea Villarroel Lua Mädchen in Hollywood: Ein Nachmittag mit Andrea Villarroel Lua Mädchen in Hollywood: Ein Nachmittag mit Andrea Villarroel Lua Mädchen in Hollywood: Ein Nachmittag mit Andrea Villarroel Lua Mädchen in Hollywood: Ein Nachmittag mit Andrea Villarroel Lua Mädchen in Hollywood: Ein Nachmittag mit Andrea Villarroel Lua Mädchen in Hollywood: Ein Nachmittag mit Andrea Villarroel Lua Mädchen in Hollywood: Ein Nachmittag mit Andrea Villarroel Lua
Die Fotografie stammt von David Collier
Als Model ist Andrea Villarroel Lua zu sehen
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Bumsen statt BAföG: Prostituiert euch!

Ich habe überlegt, diesen Text mit dem Satz Sexarbeit ist etwas ganz Tolles! zu beginnen. Und mich aus den nahe liegendsten Gründen dagegen entschieden. Sexarbeit ist eine Arbeit wie jede andere. Sie dient dem Geldverdienen, wie jeder normale Job eben auch. Und der Job, den man sich in unserem L...
Bumsen statt BAföG: Prostituiert euch!

Bumsen statt BAföG

Prostituiert
euch!

Nadine Kroll

Ich habe überlegt, diesen Text mit dem Satz „Sexarbeit ist etwas ganz Tolles!“ zu beginnen. Und mich aus den nahe liegendsten Gründen dagegen entschieden. Sexarbeit ist eine Arbeit wie jede andere. Sie dient dem Geldverdienen, wie jeder „normale“ Job eben auch. Und der Job, den man sich in unserem Land ja glücklicherweise in den meisten Fällen selbst aussuchen kann, macht im Normalfall an einem Großteil der Tage auch noch Spaß.

Pornos zu drehen ist im Prinzip ja nichts anderes als Brötchen zu verkaufen. Nur dass man bei Ersterem halt nackt ist. Und Prostitution ist nicht nur das älteste, sondern in meinen Augen auch das ehrlichste Gewerbe der Welt. Für Prostitution werden keine Tiere geschlachtet und, zumindest, wenn alles mit rechten Dingen zugeht, keine Menschen getötet. Die Erde wird nicht ihrer natürlichen Ressourcen beraubt. Und bereichern tut sich daran niemand, außer der Arbeitskraft selbst. Sofern natürlich kein Zuhälter dahintersteht.

Ein Mensch verkauft lediglich seinen Körper und nicht wie andere Menschen, man werfe an dieser Stelle einen Blick auf die Leute, die hinter der BILD-Zeitung, RTL oder den großen Banken dieser Welt stecken, seine Seele.

Mittlerweile ist ja bekannt, dass sich ein Großteil der Studentinnen und Studenten mit Gelegenheitsprostitution, oftmals einfach „Hostessjobs“ genannt, damit nicht jeder sofort weiß, was wirklich Sache ist, über Wasser hält. Auch ich stand bereits des Öfteren vor der Wahl hungern oder ficken. Weil das BAföG nicht mal ansatzweise die Materialkosten deckt, die man als Student eben so hat. Und für mich war die Entscheidung jedes Mal klar.

Ich sprach das Thema genau einmal meiner Mutter gegenüber an, als ich wieder mal in einer finanziellen Notlage war. Nicht, weil ich Geld von ihr wollte, sondern weil ich wissen wollte, wie sie wohl reagiert, wenn sie wüsste, dass ich meinen Körper verkaufe. Um die Situation zumindest vorerst in den Griff zu kriegen. Ich bekam eine Standpauke ohnegleichen.

Sie sagte mir, dass ich viel zu intelligent sei, um auf so etwas angewiesen zu sein. Dass es da draußen jede Menge andere Jobs gibt. Dass ich mir meine zukünftige Karriere als was auch immer ruinieren könne, wenn rauskäme, dass ich mal als Nutte tätig war. Dass ich sie wirklich enttäuschen würde, wenn ich diesen Plan so durchziehen würde, wie ich ihn ihr geschildert hatte. Und dass, bevor ich mich wirklich prostituieren müsse, sie einfach mehr arbeiten und finanziell für mich aufkommen würde.

Sie hat also gleich alle Klischees und Vorurteile rausgehauen, die ich persönlich schon lange nicht mehr hören kann. Zum Schweigen gebracht habe ich meine Mutter erst, als ich vorschlug, es dann stattdessen mit dem Verkauf von Drogen zu versuchen. Von der Idee war sie übrigens ähnlich angetan wie von meiner Karriere als Prostituierte. Nämlich gar nicht.

Keine Ahnung, wieso eigentlich so viele Menschen, die nicht direkt davon betroffen sind, so ein großes Problem mit Sexarbeit haben. Zumindest, wenn man sie damit konfrontiert. Zuhause, vor dem Computer, also da, wo einen niemand sehen kann, ziehen sie sich ja auch gerne die Sexfilmchen rein, für die sie die Menschen, die dafür sorgen, dass sie exakt das tun können, also Pornos gucken und dazu wichsen, im Alltag aufs Allerschärfte verurteilen.

Das Problem scheint aber immer dann am größten zu sein, wenn die eigene Tochter oder der eigene Sohn beruflich in die Sexarbeit gehen möchte. Andere dürfen das ja machen, aber nicht mein Kind. Mein Kind hat etwas Besseres verdient als das. Falsch. Dein Kind hat in erster Linie verdient, sein Leben nach seinen eigenen Bestimmungen zu leben.

Und wenn es gerne für Geld Schwänze lutschen oder sich in den Arsch ficken lassen will, dann ist es sein gutes Recht, genau das zu tun. Mit Kameras drum herum. Ohne Kameras. Mit zwanzig verschiedenen Menschen an einem Tag oder alleine mit dem Vibrator vor der Webcam. Wenn du dein Kind liebst, dann unterstützt du es. Ganz egal, ob es Busfahrer, Wirtschaftsunternehmerin oder Sexarbeiter werden will.

Natürlich gibt es noch die andere Seite. Also die, die vor allem das Prostitutionsgewerbe an sich toll findet, weil da ja arme, verzweifelte Kerle, die sonst niemanden abgeben, sich sexuell befriedigen lassen können, aber selbst das Angebot natürlich niemals in Anspruch nehmen würden, weil sie es ja gar nicht nötig haben, zu einer Nutte zu gehen. Entschuldigung, aber habt ihr vielleicht mal darüber nachgedacht, dass Menschen Prostitution nicht in Anspruch nehmen, weil sie sonst nichts zu ficken finden, sondern weil sie es toll finden?

Es gibt Menschen, die sich daran aufgeilen, andere für Sex zu bezahlen. Ob das jetzt ethisch korrekt ist oder nicht, darüber lässt sich natürlich wieder streiten, aber es gibt eben viele verschiedene Gründe, warum insbesondere Männer sich gerne von Huren verwöhnen lassen. Menschen, die Prostitution in Anspruch nehmen, sind keine Schlappschwänze, auch wenn ihr sie gerne als solche abstempelt. Im Gegenteil. Sie gehen ja dort hin, um mal wieder ordentlich zu ficken und ihren prächtigen Schniedel in eine feuchte und willige Muschi zu stecken.

Wenn du Pornokonsument bist, dann hinterfrage doch an dieser Stelle kurz, warum du solche Filme schaust. Weil es geil ist, oder? Weil es deine Fantasie anregt und befriedigt. Es ist exakt das Gleiche, was Prostituierte auch tun, nur dass im Falle von Pornos du derjenige bist, der Hand an sich legt und es im Fall der „käuflichen Lust“ eben eine Nutte ist, die das für dich übernimmt. Scheiß Doppelmoral, echt jetzt.

Ich wünsche mir für alle Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter und die Menschen, die Sexarbeit in Anspruch nehmen, egal ob das jetzt durch Pornos, Bordellbesuche oder andere sexuelle Dinge, die man so kaufen kann, sind, dass das alles nicht mehr so abwertend betrachtet wird, wo es doch schon seit Jahrhunderten ein fester und auch wichtiger Bestandteil unserer Gesellschaft ist.

Und ich wünsche mir mehr Pornos für Frauen. Sowohl homo-, als auch heterosexuelle. Unsere Vorlieben werden nämlich tatsächlich allgemein noch viel zu wenig bedient. Außerdem wünsche ich mir ein Bordell für Frauen. Sowas scheint es nämlich auch noch nicht zu geben. Ich würde ja tatsächlich eines eröffnen, aber ich bezweifle, dass meine Mutter mir das nötige Startkapital für ein solches Unternehmen leiht.

Die Fotografie stammt von Garin Chadwick
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Zwangsneurosen: Mein Freund hat Probleme

Die Zwangsneurose meines Freundes hat unsere Beziehung schon das ein oder andere Mal einer echten Belastungsprobe unterzogen. Nein, mein Freund ist nicht der Typ Mensch, der die Krise bekommt, wenn sein Sandwich nicht in zwei perfekte Dreiecke geschnitten wurde oder wenn ein rotes Gummibärchen zwisc...
Zwangsneurosen: Mein Freund hat Probleme

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hat Probleme

Lina Martin

Die Zwangsneurose meines Freundes hat unsere Beziehung schon das ein oder andere Mal einer echten Belastungsprobe unterzogen. Nein, mein Freund ist nicht der Typ Mensch, der die Krise bekommt, wenn sein Sandwich nicht in zwei perfekte Dreiecke geschnitten wurde oder wenn ein rotes Gummibärchen zwischen lauter grünen liegt.

Das sind nämlich Dinge, an denen sich fast jeder von uns optisch stößt, und wenn ihr mir nicht glaubt, gebt doch bei Google einfach mal „OCD Nightmare“ ein. Herzlichen Glückwunsch, ihr seid durchschnittliche Menschen mit einem durchschnittlichen Sinn für Ästhetik, die maximal ein wenig unangenehm berührt sind, wenn ihr solche Dinge seht.

Mein Freund allerdings hat eine ernstzunehmende Erkrankung, bei der er gewisse Dinge nach einem ganz bestimmten Prinzip machen muss, damit seine Welt nicht aus dem Gleichgewicht gerät. Für einen gesunden Menschen mag das nicht logisch erscheinen, für meinen Freund aber gibt es nur eine korrekte Art, Dinge zu tun. Und in seinem Kopf ist jeder, der nicht so handelt wie er, die Person, die etwas ganz grundlegend falsch macht.

Wenn du also jemanden kennst oder selbst zu den Leuten gehörst, die sich vermeintlich häufig die Hände waschen müssen oder in Bussen und Bahnen die Stangen zum Festhalten nicht anfassen, ist das vergleichsweise harmlos. Es ist einfach normal, die Keime von wildfremden Personen nicht an sich haben zu wollen und die Flossen unter fließendes Wasser zu halten, nachdem man etwas angefasst hat, das man eklig fand. Oder bevor man etwas anfassen wird, das man sich eventuell in den Mund schieben will. Und damit meine ich Essen, keine Penisse.

Wobei es ja auch Menschen geben soll, die sich nicht einmal die Hände waschen, wenn sie gerade auf dem Klo waren. Das ist, abgesehen davon, dass es tatsächlich unhygienisch und widerwärtig ist, schon mehr als fragwürdig. Da muss in der Erziehung auch so einiges schief gelaufen sein. Eine ernstgemeinte psychische Erkrankung ist es aber nicht. Schließlich zwingt einen keine innere Stimme, nach dem Kacken aufs Händewaschen zu verzichten.

Es gibt aber eben Leute, die von so einer Art innerer Stimme gezwungen werden, bestimmte Dinge zu tun oder zu lassen. Zum Beispiel, alles was man tut exakt acht Mal zu machen. Wenn man draußen unterwegs ist niemals schattige Stellen zu berühren, weder mit den Füßen, noch mit irgendeinem anderen Körperteil. Oder aber jede Bewegung, die man mit der rechten Hälfte des Körpers gemacht hat, auch noch einmal genauso mit der linken Körperhälfte zu wiederholen.

Mein Freund ist eine dieser Personen, die so eine innere Stimme hat, die ihn zu Dingen zwingt, die anderen unlogisch und vollkommen zurecht abnormal erscheinen. Also, er hört jetzt nicht einen kleinen Mann in seinem Ohr, der ihm sagt, dass er sich genau acht Mal für exakt acht Sekunden die Hände waschen muss, nachdem er pinkeln war. Aber sinnbildlich ist es in etwa so.

Es sind Gedanken, gegen die er sich nicht wehren kann, egal wie viel Willenskraft er aufbringt, und die er dann auch befolgen muss. Sonst passieren schlimme Dinge. Tun sie natürlich nicht wirklich, die Welt geht nicht unter, nur weil mein Freund sich jetzt nicht die vorgegebene Zeit die Hände waschen konnte, aber für ihn tut sie das. Und das äußerst sich dann in ziemlich schlimmen Panikattacken.

Aber mal weg von dem ganzen theoretischen Kram. Ich wollte euch ja erzählen, wie es ist, mit jemandem zusammen zu sein, der eine Zwangsneurose hat. Also wie unser Alltag aussieht und was er vor allem für mich bedeutet, als die Person, die nur zwar indirekt von dieser Störung betroffen ist, aber trotzdem irgendwie damit leben und fertig werden muss. Ja, mein Freund hat einen ziemlich großen Leidensdruck, der garantiert größer als meiner ist. Dennoch ist sein OCD auch für mich eine Last, die ich mittragen muss. Weil ich ihn wirklich ziemlich doll liebe.

Mein Freund muss alle Dinge, die er tut, so oft machen, dass die Zahl der ausgeführten Aktionen sich am Ende durch drei teilen lässt. Wenn eine Treppe zum Beispiel 12 Stufen hat, ist das okay. Wenn sie allerdings 13 Stufen hat, muss er die Treppe dreimal hoch und wieder runter laufen, damit er auf 39 Stufen kommt, was sich wiederum durch drei teilen lässt. Tut er das nicht, bekommt er akute Panikzustände, die sich unter anderem in Schweiß- oder Tränenausbrüchen äußern können.

Er kann auch nur Dinge essen, wenn sie sich durch drei teilen lassen. Eine Pizza zum Beispiel muss er in 12 Stücke geschnitten serviert bekommen. Wenn sie im Restaurant nur geviertelt an den Tisch gebracht wird, kann das bereits Angstzustände bei ihm auslösen. Auch wenn es ganz einfach ist, eine geviertelte Pizza noch schnell in zwölf Stücke zu schneiden und so für ihn essbar zu machen.

Zuhause in unserer Wohnung, wir leben seit rund zwei Jahren zusammen, hat alles seinen festen Platz. Aber nicht so wie bei psychisch gesunden Menschen, wo zwar alles seinen groben Platz hat, aber die Teller im Regal mal zwei Zentimeter rechts oder links stehen, sondern ich meine einen richtig festen Platz, der von meinem Freund vorher genau ausgemessen wurde.

Tassen zum Beispiel müssen exakt drei Zentimeter vom Regalrand entfernt platziert werden. Wenn wir Gäste haben und die ihre Schuhe im Flur nicht an der genau dafür vorhergesehenen Stelle ausziehen und abstellen, oder, noch schlimmer, sich auf den Sessel setzen, der nicht für Gäste, sondern für meinen Freund bestimmt ist, kann das zu unkontrollierbaren Wutausbrüchen bei ihm führen.

Ich weiß, dass ihr jetzt alle an Sheldon Cooper denkt, aber ich kann euch versichern: Das ist noch mal etwas ganz Anderes. Mein Freund wird nicht wütend, weil sich jemand auf seinen Platz setzt und er nicht mehr den perfekten Blick auf den Fernseher hat, sondern weil eine solche Kleinigkeit bereits seine ganze Welt im Inneren durcheinanderbringt. Die Wut ist bei ihm ein Schutzmechanismus und nicht einfach nur ein Arschloch-Move, wie das etwa bei Sheldon Cooper der Fall ist.

Generell bestimmt eigentlich immer mein Freund, was, wie, wo und weshalb gemacht wird. Alle anderen Menschen, die mit ihm zu tun haben, müssen sich ihm und seiner Zwangsneurose anpassen. Weil es, zumindest momentan, nicht anders geht und jede Veränderung zu einem kleinen Nervenzusammenbruch bei ihm führt, der ihn erst einmal tagelang aus der Bahn wirft.

Abgesehen davon, dass er auf andere komisch wirkt und seine Verhaltensweisen wirklich anstrengend sind, erlebt er sich nicht als gestört. Zumindest nicht solange alles nach seinen Regeln läuft. Seinen Leidensdruck kann er umgehen, solange er jeden Tag dasselbe machen kann. Kritisch wird es erst, wenn er zum Beispiel aufgrund einer Baustelle einen anderen Weg zur Arbeit nehmen muss oder er anderweitig in seiner Routine und seinen alltäglichen Abläufen gestört wird.

Ihr könnt euch denken, wie oft das gut geht. Aber Zwangsgestörte wären ja auch nicht zwangsgestört, wenn sich in ihnen nicht immer neue Zwänge aufbauen würden, mit denen sie beispielsweise Wutaus- und Nervenzusammenbrüche umgehen können, wenn jemand die Tasse im Regal einen Zentimeter zu weit nach hinten geschoben hat. Zum Beispiel fangen sie dann an, immer wenn das vorkommt, dreimal auf ihren linken Daumen zu beißen. Oder ähnliches.

Jedenfalls habt ihr, die ihr von euch behauptet, dass ihr ja „so OCD seid“, weil ihr eure Bücher gerne alphabetisch und eure Stifte gerne farblich sortiert, tatsächlich einfach ganz normal. Aber darüber, dass ihr mit solchen Aussagen Krankheiten verharmlost, solltet ihr euch wirklich mal Gedanken machen.

Die Fotografie stammt von Vino Li
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Tenga Air Tech: Selbstbefriedigung aus der Zukunft

Spaß mit sich selbst zu haben, kann ein wichtiger Teil eures Lebens sein - solange ihr es richtig machen. Und wenn es nicht mehr ausreicht, nur die Hand und ein Taschentuch zu benutzen, um diese Arbeit zu erledigen, gibt es viele coole Möglichkeiten, die Dinge ein bisschen anzuheizen. So wie die neu...
Tenga Air Tech: Selbstbefriedigung aus der Zukunft

Tenga Air Tech

Selbstbefriedigung
aus der Zukunft

Marcel Winatschek

Spaß mit sich selbst zu haben, kann ein wichtiger Teil eures Lebens sein – solange ihr es richtig machen. Und wenn es nicht mehr ausreicht, nur die Hand und ein Taschentuch zu benutzen, um diese Arbeit zu erledigen, gibt es viele coole Möglichkeiten, die Dinge ein bisschen anzuheizen. So wie die neuen Lustspielzeuge von Tenga aus Japan, die es in verschiedenen Formen und Farben gibt.

Ich hatte die Gelegenheit, zwei Neuauflagen der Produkte von Tenga auszuprobieren, den Air-Tech-Vakuumbecher, das neueste wiederverwendbare Gerät mit einer spiralförmigen „Air-Flow-Struktur“, und einige Versionen der Egg-Serie, eine Art dehnbare Gummimanschette mit verschiedenen Innenstrukturen. Beide wurden geschaffen, um euer Dasein auf diesem Planeten ein wenig angenehmer zu gestalten.

Der Air-Tech-Vakuumbecher zum Beispiel ist wie Sex mit einem sehr geilen Roboter. Mit seiner so genannten „Air-Flow Structure“ lässt das Gerät Luft im Inneren umher strömen, für eine einfache Anwendung und ein starkes Ansaugen, indem das Luftloch oben während des Gebrauchs abgedeckt wird. Danach werdet ihr mit niemandem mehr schlafen wollen, der nicht so technologisch modern gebaut ist. Es fühlt sich an wie eine unchristliche Kombination aus Sex und einem Blowjob – gleichzeitig.

Die Egg-Serie hingegen ist eher ein kleines, einfaches Gerät für Menschen, die eine unkomplizierte Zeit mit sich selbst haben wollen. Wählt einfach zwischen den bunten Editionen namens Spider, Twister oder Silky, knackt sie auf, füllt sie mit Gleitmittel – und schon kann es losgehen. Geschlechtsverkehr mit einem Ei? Ja, warum nicht: Masturbation war noch nie einfacher!

Wenn ihr also noch keinen besonderen Menschen gefunden haben, mit dem ihr die nächsten Tage, Wochen oder Monate verbringen wollt, oder wenn ihr auf euren aufgeschlossenen Partner zählen könnt, dann zündet euch ein paar Kerzen in eurem Schlafzimmer an, startet eure Kuschelrock-Playlist auf Spotify und macht euch bereit für eine unvergessliche Nacht mit euren neuen Tenga-Geräten!

Tenga Air Tech: Selbstbefriedigung aus der Zukunft
Mit freundlicher Unterstützung von Tenga
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Halt's Maul, Berlin!Ich bin dann mal im Off-Modus

Es ist kurz vor drei Uhr. Ich sitze in meiner Wohnung in Kreuzberg, angelehnt an die kalte Zimmerwand. Jegliche Störgeräusche, künstliche Einflüsse und auch die Musik finden keine Aufmerksamkeit. Sie sind im Off-Modus. Ich bin im Off-Modus. Endlich. Mein Fenster vorsichtig angekippt – frische Luft m...
Halt's Maul, Berlin!Ich bin dann mal im Off-Modus

Halt's Maul, Berlin!

Ich bin dann mal
im Off-Modus

Wenke Walter

Es ist kurz vor drei Uhr. Ich sitze in meiner Wohnung in Kreuzberg, angelehnt an die kalte Zimmerwand. Jegliche Störgeräusche, künstliche Einflüsse und auch die Musik finden keine Aufmerksamkeit. Sie sind im Off-Modus. Ich bin im Off-Modus. Endlich. Mein Fenster vorsichtig angekippt – frische Luft muss immer rein. Ich will echten Sauersttoff atmen. Keinen Smog, keinen Rauch. Keine Sinnesillusionen mehr. Mit der Reinheit der Luft klärt sich auch mein Gedankennebel peu à peu. So langsam verstehe ich mal wieder. Solche Breaks braucht es ab und zu.

Natürlich ist es nachts. Nachts kann ich klarer denken. Die unruhigen Geister der Großstadt schlafen zum Glück. Endlich habe ich den nötigen Raum, um meine Gedanken auf den Spielplatz der Möglichkeiten zu entführen. Jetzt und hier können sie sich austoben. Ungeniert weit und lange im Unbekannten weilen. Wann, wenn nicht jetzt und hier? Keine Uhr, die tickt. Kein Wecker, der klingeln muss. Die kleine Freiheit. Die, die man sich täglich nehmen sollte aber nur viel zu selten nehmen will. Aus Angst vor dem Nichts, aber manchmal ist das genau das Richtige.

Berlin, du hast mich hart gemacht. Ich wollte dich so laut hören, wie ich nur konnte. Das habe ich. Angeschrien hast du mich. Du hast mir die verschiedensten Sekrete der Glückseligkeit aus allen möglichen Löchern gepustet. Mich im Anlitz des Vorzeige-Sonntags-Sonnenuntergangs tröpfchenweise weinen lassen. In großen Momenten warst du mein Pinky und ich dein Brain. Ich suhlte mich in deiner Coolness und übergoss mich unaufhörlich mit deinem individualistischen Charme des puren Purismus. But now, shut the fuck up. Please.

Berlin, ich will Stille. Bitte halt jetzt einfach deinen Mund und lass mich hier mit meiner Ruhe in Ruhe. Mach den Schmutz, die Autos und die widerliche Ignoranz jedes Einzelnen aus. Fahr auf Kur, leg dir ein Haustier zu oder kaufe dir einfach nur eine Pflanze. Mach Urlaub von dir selbst.

Jetzt mal ehrlich: Wie lange kann sich eine Hauptstadt eigentlich selbst ertragen, ohne kulturell zu implodieren? Menschen rasten grundlos aus, weil die Fassade bröckelt. Schöne, talentierte Individualisten transformieren zu geistlosen Seelenhyänen. Wäre es nicht tragisch? Der Aufstand der Hipster gegen das Hipstertum. Ach kommt, das wird nie passieren. Das ist Gedankenromantik.

Schürt diese Stadt also eine Art Selbsthass? Nein. Sie zwingt dich nur zur maßlosen Selbstreflexion. Eigentlich ist sie nichts anderes, als die ursprüngliche Idee der Seifenblase. Von weitem wirkt sie groß, stark, so voller Träume. Eine verschwommene Mischung aus der bunten Neugier nach unzählig vielen Dingen und der kindlichen Sehnsucht nach einem eigenen Platz in der Welt. Wer zu nah an die Blase kommt, läuft Gefahr sie zu zerstören.

Wenn sie dann wirklich mal durch Eigenverschulden zerplatzt, wird man ruhig und geht für eine Weile sicherheitshalber in den plötzlichen Off-Modus. Es ist noch nicht einmal vier Uhr. Die Wand, an der ich lehne, ist inzwischen auf Körpertemperatur gepimpt. Ich atme schon so lange diese Stille, dass ich sie nähre. Nur ein alter, zufriedener Buddha ist jetzt gechillter als ich. Berlin, ich liebe dich am meisten, wenn du ab und zu mal deinen Mund hältst und zuhörst.

Die Fotografie stammt von Stefan Widua
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Small Dick Problems: Der Club der kleinen Schwänze

Fast drei Monate lang hatte ich einen Freund mit einem kleinen Penis. Steffen, ein 28-jähriger Werbekaufmann, und ich haben uns auf der Abschiedsfeier eines Kumpels kennengelernt, der gemeinsam mit seiner Verlobten für ein Jahr auf Weltreise durch Südamerika, Asien und Australien ging. Beim alkoh...
Small Dick Problems: Der Club der kleinen Schwänze

Small Dick Problems

Der Club der
kleinen Schwänze

Daniela Dietz

Fast drei Monate lang hatte ich einen Freund mit einem kleinen Penis. Steffen, ein 28-jähriger Werbekaufmann, und ich haben uns auf der Abschiedsfeier eines Kumpels kennengelernt, der gemeinsam mit seiner Verlobten für ein Jahr auf Weltreise durch Südamerika, Asien und Australien ging.

Beim alkoholbedingten Fummeln auf dem Beifahrersitz seines Autos dachte ich noch, dass er dank Bier, Schnaps und viel zu viel Wodka einfach keinen Ständer mehr bekam, als ich mit meiner Hand in seiner geöffneten Hose herum tastete und nur eine weiche Fleischmasse und Haare fühlte. Ein paar Abende später wusste ich es dann allerdings besser: Er hatte schlichtweg einen kleinen Schwanz. Einen sehr kleinen.

„Kleine Schwänze sind für Arschficks da“, sagte einmal meine gute Bekannte Miri zu mir. Also machten Steffen und ich von dieser Lebensweisheit in der doppeldeutig kurzen Beziehung massiv Gebrauch. Aber nachdem meine rosarote Brille langsam verblich und ich noch so sehr auf Steffen herumrutschen konnte, ohne wirklich Spaß daran zu haben, beendete ich die Beziehung.

Das lag allerdings nicht nur an Steffens Minipenis, sondern auch an der Tatsache, dass ich schnell merkte, dass ihm seine genetisch bedingt winzige Männlichkeit das komplette Selbstbewusstsein, das er auf der Party noch dank Alkohol und guter Laune hatte, nahm. Am Ende war Steffen einfach nur noch eine weinerliche Klette mit einem kleinem Schwanz. Und mit dieser Mischung konnte ich beim besten Willen nichts anfangen.

Im Onlineforum „Small Dick Problems“ auf Reddit plaudern Jungs mit kaum sichtbarem Gemächt über genau solche Probleme. Wie überleben in einer Welt, in der Typen mit riesigen, pochenden Fleischpeitschen in von Testosteron getriebenen Herden auf die Jagd nach femininem Fickvieh gehen? Wie dem süßen Mädchen seiner Träume klar machen, dass man schon drin ist, egal, wie oft sie nun fragt? Welche Tipps in Sachen Schambehaarung und Zurechtzupfen gibt es, um das Stäbchen zumindest visuell zum Stab zu machen? Und helfen teure Penispumpen, schwere Gewichte und dubiose Tabletten aus dem Internet wirklich dabei, dass aus dem Zweig endlich ein Stamm wird?

„Wir haben uns das Leben mit einem kleinen Schwanz nicht ausgesucht, sondern umgekehrt“ ist der offizielle Slogan dieses Forums, in dem sich schlecht ausgestattete Typen gegenseitig Mut machen. „Ich kann einfach nicht mehr hören, dass es nicht auf die Größe ankommt“, schreibt darin ein User. „Meine Freundin macht sich in SMS mit anderen Typen über meinen kleinen Schwanz lustig“, ein anderer. Und: „Ich habe einem Mädchen ein von ihr gewünschtes Penisfoto geschickt und seitdem nichts mehr von ihr gehört. Was soll ich nur machen?“

Aber es gibt auch gute Nachrichten. Von Männern, die trotz oder gerade wegen eines extrem kurzen Glieds die große Liebe gefunden haben. Von Mädchen, die aus einem Fetisch für kleine Penisse eine wahre Leidenschaft gemacht haben und dem anderen Geschlecht damit den ein oder anderen sexuellen Gefallen tun. Und von Paaren, die gerade ihr erstes Kind bekommen haben. Denn egal ob kurz oder lang, ob dünn oder dick, ob krumm oder gerade: Irgendwo da draußen gibt es ein Mädchen, das die passende Muschi für genau dieses Gerät hat. Man muss sie nur finden…

Small Dick Problems
Die Fotografie stammt von Charles Deluvio
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Klogeschichten: Gespräche übers Kacken zeigen dir, wer deine wahren Freunde sind

Es gibt einen ganz bestimmten, fast schon magischen, Moment in jeder Bekanntschaft - egal, ob es sich um eine aufkeimende Freundschaft oder eine frische Beziehung handelt - in der sich entscheidet, ob es sich um eine aufrechte, enge Bindung oder doch eher um ein für immer und ewig oberflächliches Mi...
Klogeschichten: Gespräche übers Kacken zeigen dir, wer deine wahren Freunde sind

Klogeschichten

Gespräche übers Kacken
zeigen dir, wer deine
wahren Freunde sind

Nadine Kroll

Es gibt einen ganz bestimmten, fast schon magischen, Moment in jeder Bekanntschaft – egal, ob es sich um eine aufkeimende Freundschaft oder eine frische Beziehung handelt – in der sich entscheidet, ob es sich um eine aufrechte, enge Bindung oder doch eher um ein für immer und ewig oberflächliches Miteinander handelt.

Das ist nicht etwa der Moment, wenn man seine ganze tragische Familiengeschichte auspackt oder dem Gegenüber anbietet, im Krankheitsfall eine Niere zu spenden, sondern ein ganz niederes, menschliches Bedürfnis, das ein jeder von uns hat, über das aber aus Höflichkeit, Scham oder anderen für mich nicht nachvollziehbaren Gründen gerne geschwiegen wird. Der Moment, in dem sich entscheidet, ob eine zwischenmenschliche Beziehung echt oder oberflächlich ist, ist der, in dem man das erste Mal miteinander übers Kacken spricht.

Der tägliche Stuhlgang ist in unserer Gesellschaft ein Tabuthema, über das niemand gerne spricht – dabei ist es eigentlich ein Bedürfnis wie jedes andere, und über unser Lieblingsessen oder die Sehnsucht nach einem heißen Bad schweigen wir ja auch nicht. Warum also sind die meisten von uns so verklemmt, dass sie nicht sagen können, wenn sie mal wieder richtig schön einen abseilen wollen.

Die Ekelgrenze kann’s nicht sein, denn alles, was der menschliche Körper so an Abfallprodukten produziert, ist ganz prinzipiell erst mal nicht eklig. Man muss sich den Achselschweiß seiner Mitmenschen ja nicht direkt ins Gesicht reiben lassen oder den eigenen Urin als Mahlzeit zu sich nehmen. Kann man aber, wenn man möchte.

Für mich ist Kacken ein Gesprächsthema wie jedes andere auch. Und ich hab auch echt kein Bock drauf, mit Leuten befreundet sein, zu denen ich sagen muss „Ich geh mir mal die Nase pudern“, wenn ich eigentlich meine, dass ich scheißen muss. Zumal „Nase pudern“ für mich bedeutet, dass ich mir eine ordentliche Ladung Kokain in die Birne ballere.

Schon lange bevor Darm mit Charme das Thema Stuhlgang gesellschaftsfähig gemacht hat, gehörte es zu den Dingen, die ich mit meinen Freundinnen und Freunden gerne besprach. Ist doch auch interessant, sich mal über die Häufigkeit des Kackens oder die verschiedenen Konsistenzen von Scheiße zu unterhalten.

Im Internet kursiert sogar eine Liste, auf der Dinge wie „Sprühwurst“, „Glückswurst“, „Aufregungsschiss“ und „Bierschiss“ genauestens definiert werden. Super Sache, vor allem, weil man daran merkt, dass man nicht der einzige Mensch der Welt ist, der manchmal so krasse Stinkbomben ins Klo legt, dass man einen ganzen Kontinent damit ausrotten könnte.

Ich muss gestehen, dass ich nicht immer so locker war, wenn’s ums Thema Kacken geht. Früher war das schon so, dass ich das Thema Stuhlgang so behandelt habe, wie auch meine Periode: Als wäre es bei Frauen gar nicht vorhanden. Demnach bin ich auch immer nach Hause gefahren, wenn mein Darm sich zu Wort gemeldet hat, statt meinen Haufen in die Schultoilette zu setzen. Auch bei Freunden scheißen war nicht drin. Generell konnte ich nirgendwo kacken, außer zuhause. Und darüber reden war halt auch nicht drin.

Geändert hat sich das alles schlagartig, als ich das erste Mal auf einem Festival war. Ich hatte mir im Vorfeld gar keine Sorgen um meinen Stuhlgang gemacht, schließlich kannte ich meinen Darm gut genug, um zu wissen, dass er gut und gerne eine Woche ohne die Erleichterung eines Schisses auskommt, wenn die heimische Toilette nicht in der Nähe ist.

Auf Festivals herrschen andere Gesetze als im normalen Leben. Da werden beispielsweise fiktive Götter aus Bierdosen angebetet, Menschen, die sich im normalen Leben nie begegnen würden, reiben ihre geschwitzten Körper aneinander, und es wird lauthals verkündet, dass der braune Schokobär drückt und man jetzt mal einen abseilen geht.

Besonders der erste Schiss auf einem Festival wird für gewöhnlich groß gefeiert. Vor allem dann, wenn er auf einem Dixiklo erfolgte und nicht auf einer dieser Toiletten, für die man Geld bezahlen muss, damit man in einem halbwegs sauberen Umfeld und mit etwas mehr Ruhe sein Geschäft erledigen kann.

Für mich war das zunächst sehr irritierend. Wie gesagt, ich kannte das nicht, dass man so offen über seine Darmtätigkeit spricht. Vor allem nicht als Mädchen. Gleich am zweiten Tag allerdings konfrontierte Sophia unsere Reisegruppe mit ihrem bereits jetzt nicht enden wollenden Bierschiss. Ich bewunderte sie, wie so oft, stieg aber noch nicht mit in das Thema ein.

Die anderen jedoch holten direkt ihre krassesten Scheißgeschichten hervor. Da war zum Beispiel der Typ, der eine Hand gekackt hatte. „Einen großen Haufen und fünf kleine Würstchen, echt jetzt!“ „Hast du ein Foto davon gemacht?“ Und ein anderer, der angab, extra schwarze Schokolade mitgenommen zu haben, damit seine Scheiße trotz des ganzen Bieres eine „normale“ Konsistenz behielt.

Ab da gab es eigentlich kein Halten mehr. Gefühlt der ganze Zeltplatz beteiligte sich an der Diskussion über eindeutig sichtbare, unverdaute Maiskörner im Kot, das Brennen, das man am Arschloch verspürte, wenn man ein zu scharfes Chili hatte und wenn sie gerade nicht darüber sprachen, blähten sie ihre Darmwinde in alle Richtungen des Geländes. Ich war zu keinem Zeitpunkt angeekelt, doch so richtig mitmachen wollte ich hier noch nicht.

Erst, als mein Darm sich am dritten Tag und nach viel zu viel Bier zu Wort meldete, zog ich Sophia zur Seite und erzählte ihr, dass ich jetzt auch endlich mal müsse. Eigentlich wollte ich von ihr nur wissen, ob sie zum Kacken auf die Dixiklos oder die bezahlbaren Toiletten ging, doch bevor sie aufhalten konnte, schrie sie unseren Begleitern zu: „Ey, Nadine geht endlich auch mal kacken!“ Ich bekam eine große Runde Applaus, eine Rolle Klopapier in die Hand gedrückt und die Anweisung, einfach das Dixiklo zu benutzen, da sich das Bezahlen für die „besseren“ Toiletten sowieso nicht lohnen würde.

Von da an war das Eis gebrochen. Nachdem ich einen mittelfesten Haufen in das kleine blaue und extrem stinkende Häuschen gesetzt hatte, ging ich zurück zu den anderen und erzählte ihnen davon. Von da an gehörte ich dazu. Meine Freundschaft zu der Truppe, mit der ich auf dem Festival war, war echt.

Seit diesem Tag hab ich auch kein Problem mehr damit, vor anderen Leuten über meinen Stuhlgang zu sprechen. Wer auf mein „Ich geh kacken!“ mit Abscheu oder Ekel reagiert, ist es nicht wert, mein Freund zu sein. Ich will einfach keine Beziehungen zu Menschen haben, die sich ihrer eigenen Körperfunktionen so sehr schämen, dass sie nicht offen sagen können, was Sache ist.

Die Fotografie stammt von Mitchell Orr
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Die McFit-Hölle: Sport ist Mord

Letztes Jahr wurde mir auf meiner Rucksackreise durch Südostasien vor allem nahe gebracht, wieso Asiaten eigentlich immer so eine schmächtige Statur haben. Weil ihr Essen meistens Durchfall verursacht. Es schmeckt fantastisch und sieht eigentlich recht gesund aus, aber ein kausaler Zusammenhang zwis...
Die McFit-Hölle: Sport ist Mord

Die McFit-Hölle

Sport ist
Mord

Sara Navid

Letztes Jahr wurde mir auf meiner Rucksackreise durch Südostasien vor allem nahe gebracht, wieso Asiaten eigentlich immer so eine schmächtige Statur haben. Weil ihr Essen meistens Durchfall verursacht. Es schmeckt fantastisch und sieht eigentlich recht gesund aus, aber ein kausaler Zusammenhang zwischen der Nahrungsmittelaufnahme und den regen Magen-Darm-Aktivitäten muss bestehen. Anders können sich meine Oberschenkel nicht den Gewichtsverlust von zehn Kilogramm innerhalb von sechs Monaten erklären.

Vielleicht neige ich hier zu übereilten Schlussfolgerungen. Vielleicht lag es auch an meinen Muschi-Organen, die nur mit luftdicht abgepackten Lebensmitteln und sterilem Porzellan klarkommen. Arme Backpackerjahre sind keine Herrenjahre. Die Ost-Asiaten haben sicherlich eine durchschnittliche Darmflora und können genauso gut und stabil kacken gehen, wie alle anderen gesunden Menschen.

Obwohl ich sicherlich als Folge der Ernährungsumstellung mit Verätzungen an sensiblen Stellen rechnen muss, hatte meine kleine Reise in die Activia-Hämisphäre einen großen Vorteil zu verbuchen. Ich war rank und schlank und konnte im Bikini, wenn schon nicht mit einem ganzheitlichen Frauenbild, dann wenigstens mit einem schlanken Bauch triumphieren. Dann sollte man aber auch betonen, dass das an Thailands Stränden nicht besonders schwer ist. Dort konkurriert man hauptsächlich mit fettbäuchigen Sextouristen aus Westeuropa.

Die kleine Reise hat ein Ende genommen und meine Auto-Schlankheit leider auch. Bedauerlicherweise hat die psychologische Umstellung nicht ganz mitgezogen. Ich war zwar zurück beim festen Stuhlgang, allerdings nicht bei den proportionalen Essgewohnheiten. Und so kam es, dass ich innerhalb weniger Monate ungefähr zehn Kilo zunahm und heute aussehe, als hätte sich eine Fettschwarte mit Eigenleben um meinen zarten Elefantenkuhkörper gelegt.

Den Prozess konnte ich jeden Morgen am Spiegel beobachten, jedoch war ich machtlos. Tiefkühlpizza, drei Mal am Tag Chilli Cheese Fries bei Burgermeister und ein Sommer voller Eis-am-Stiel. Auch in der Grätsche berühren sich meine Beine noch, und meine Kimme schwitzt, wenn ich mich beim Aufstehen strecken möchte. Jetzt ziehe ich die Zügel der Disziplinlosigkeit. Spätestens, wenn man dem Zug hinterherrennt und dabei Blut kotzt und schwitzt, als käme man gerade frisch aus einem Brandkatastrophengebiet, muss man zur Tat schreiten, die Hand erheben und laut rufen: Stop! Hungertime!

Ich werfe alle meine Prinzipien der “effizienten Faulheit”, das bedeutet “zu faul sein, um sich etwas zu essen zu machen, deshalb einfach weiterhungern” als Diätregelung, über Bord, denn der Appetit hat ein Monster erschaffen, welches mein Bewusstsein hypnotisiert und dafür sorgt, dass ich den ganzen Tag nichts anderes mache, außer Fettklumpen in meinen Rachen zu schieben und Flüssigschmalz zu gurgeln.

Ganz ehrlich: Wenn das so weiter ginge, ich wäre schon bald die Hauptrolle für das Remake von “Feed”. Und deshalb bin ich jetzt eines dieser Opfer, Sklavin der Schönheitsideal-Gesellschaft, die zwei bis drei Mal die Woche in die McFit-Filiale ihres Vertrauens reinrollen, um etwas für ihr Geschlechtsverkehr-Rating zu tun.

McFit, der 24-Stunden Discounter für Menschen, die “Sport” machen wollen, ist ja ein Biotrop für Kulturen, denen man sonst nicht nahe kommt. Pumper, die sich gegenseitig per Grunzlaute anfeuern, Schwule, die stundenlang den Stepper für einen begehrenswerten Knackarsch belegen, Michaela und Sabine, die sich seit der Scheidung den Yoga-Kurs nicht mehr leisten können und natürlich ich, wie immer die Einzige, die ins Fitnessstudio geht, um tatsächlich abzunehmen. Mein Schwabbel und mein Wabbel fallen auf, aber ich bin da jetzt hart und lasse niemanden über mich urteilen, ohne nicht mindestens genauso angeekelt zurück zu spucken.

Das Gerät meiner Wahl ist der Crosstrainer. Das Wort alleine bringt mich schon zum schwefeligen angstfurzen. Nach jeder halbstündigen Session sehne ich mich nach Nachkriegsreha und einer Streicheleinheit. Ich verstehe das nicht, wie Menschen tatsächlich Spaß an Sport haben. Wisst ihr, was Spaß für mich ist? Essen. Und rumliegen.

Ich will keinen Sport machen, niemand will Sport machen, man muss Sport machen, so lange man noch keinen Mann so hart gegen die Wand gebumst hat, dass Kinder aus dem eigenen Arsch fallen. Die Option der Fortpflanzung möchte ich mir irgendwie erhalten – und das geht nur, wenn man unter den Speckfalten meine primären Geschlechtsteile auch noch findet.

Ich habe auch andere Formen der Kalorienabnahme in Erwägung gezogen. Eine Salat-Diät, die mich wütend macht. Speed, weil ich ja nicht genug Suchtprobleme zu bewältigen habe. Teamsport, damit mir auch alle schön beim Sterben zusehen können. Fett absaugen, die Kohle sitzt ja locker unter den Achseln. Aber der soziale Druck im Fitnessstudio und die Selbstgeißelung vor dem Spiegel sollten das nötigste Commitment herauspressen, um Ergebnisse zu erzielen.

Aber das Schlimmste an so einer drastischen Maßnahme ist wahrscheinlich nicht einmal der Sport, sondern der ausbleibende Effekt. Ich habe nämlich nicht das Gefühl, dass sich mein Körper im Zustand des Bewegens oder des Nicht-Essens von seinen Fettreserven ernährt. Eigentlich habe ich die meiste Zeit nur noch mehr Lust als sonst, in einen Laib Käse zu beißen und mich unter eine Cola-Dusche zu stellen.

Wie machen das die Leute, die sich bedingungslos selbst lieben und das als Motivationsgrundlage für gesunde Ernährung und Sport (!) nehmen? Wieso reicht es nicht, drei Mal am Tag einfach irgendetwas zu essen und täglich die fünf Stockwerke in die eigene Wohnung hoch und wieder runter zu laufen? Ich komme zu dem Schluss, dass das Leben ein Arschloch ist und die Dringlichkeit von Sport in meinem Leben die Strafe für all meine Sünden ist. Und ihr so?

Die Fotografie stammt von Şule Makaroğlu
Der Text erschien in der Kategorie Essen mit den Themen
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Alle unter einem Dach: Die perfekte Wohngemeinschaft

Eine Wohnung in Berlin zu finden, das ist ungefähr so einfach, wie in einem dieser Touriclubs einen guten Drink zu bekommen. Vom Letzteren lasse ich eh die Finger und greife lieber zum stillen Wasser, die Sache mit dem Dach über dem Kopf lässt sich aber nicht so einfach klären. Mit etwas Geschick kl...
Alle unter einem Dach: Die perfekte Wohngemeinschaft

Alle unter einem Dach

Die perfekte
Wohngemeinschaft

Leni Garibov

Eine Wohnung in Berlin zu finden, das ist ungefähr so einfach, wie in einem dieser Touriclubs einen guten Drink zu bekommen. Vom Letzteren lasse ich eh die Finger und greife lieber zum stillen Wasser, die Sache mit dem Dach über dem Kopf lässt sich aber nicht so einfach klären. Mit etwas Geschick klappt das aber früher oder später – aber wem erzähle ich das, ihr seid bestimmt Experten darin, euch beim Vermieter im frisch gebügelten Konfirmationsanzug einzuschleimen, Bürgschaften zu fälschen und eure Verdienstnachweise zu frisieren.

Was angesichts der tränen- und alkoholgetränkten Erzählungen etlicher Partybekanntschaften, WG-Traumata scheinen als Smalltalk-Thema der Shit zu sein, eher weniger zu funktionieren scheint, ist die Sache mit dem Zusammenwohnen. Sandkastenfreundschaften sind daran zerbrochen, kleine Kriege wurden zu großen Dramen und das alles nur, weil die Pragmatik des Zusammenwohnens den ein oder anderen an der Realität voller Geschirrberge und leerer Kühlschränke zerbrechen ließ. Doch es ist nicht unmöglich, die perfekte Wohngemeinschaft zu führen.

Der Dramaturgie halber wollte ich den Punkt Vertrauen eigentlich ganz am Ende aufführen und euch etwas Philosophisches mit auf den Weg geben, aber so verzweifelt, wie manch ein Wohnungs- und Mitbewohnersuchender ist, wird die Vertrauensfrage gern außer Acht gelassen – was oft sehr unschön und im großen Rumgeheule endet.

Schließlich wundert es niemanden, dass man auch mit einem vorbestraften Ex-Junkie Vorlieb nehmen würde, solange er die Kaution bezahlen kann. Schaltet euer Köpfchen ein, konsultiert das eigene Bauchgefühl und verlasst euch notfalls auf die Menschenkenntnis eurer Freunde, die ihr als Casting-Jury anheuern und sie mitentscheiden lassen könnt, wer ins WG-Recall kommt.

Machen wir doch gleich mit den unangenehmen Themen weiter, dann haben wir es hinter uns gebracht. Geld ist etwas, worüber man gerade unter Freunden nur ungern redet – aber sobald der Vermieter eine kleine Entschädigung dafür haben möchte, dass er euch ein Dach über den Köpfchen garantiert, wird es Zeit für Moneytalk.

Setzt euch am besten noch vor dem Einzug zusammen, rechnet alle monatlichen Ausgaben durch und teilt sie so auf, dass bei der Berechnung keiner das Gefühl hat, dem anderen dafür eine runterhauen zu müssen. Die so ermittelte Summe überweist einer dem anderen am besten per Dauerauftrag und schon könnt ihr euch wichtigeren Themen des Lebens widmen. Easy, oder?

Die Küche ist das Zentrum einer Wohngemeinschaft, und zwar nicht, weil sie manchmal knallpinke Wände hat, sondern weil hier Essen gehortet wird. Anfangs kann man sich zwar noch allein mit Tiefkühlpizza ernähren, aber irgendwann will man dann vielleicht doch erwachsen werden und sich etwas gesünder ernähren. Manche kaufen sich dann einen Dampfgarer und nennen ihn Ulf. Aber ich schweife ab.

Worauf ich hinauswollte: Wenn ihr gern zusammen kocht, richtet euch am besten eine WG-Kasse ein und kauft davon für alle ein. Ansonsten gilt: wenn du den verdammten Joghurt nicht gekauft hast, dann iss ihn nicht. Wenn du ihn denn doch unbedingt verfuttern musstest, kauf einen neuen und versuche, diesen nicht auch noch aufzuessen. Ausnahmen: Schokolade. Wenn du eine Ritter Sport Dunkle Nuss siehst, iss sie! Ohne Rücksicht auf Verluste.

Dass jeder sein Zimmer jeder so einrichten darf, wie er möchte, ist ja quasi im Grundgesetz verankert. Schwieriger wird es, wenn mehrere komplett verschiedene Welten aufeinanderprallen. Während so mancher, meist weibliche, Modefreak alle Ecken einer Wohnung als Schuhlager annektiert, sucht der andere womöglich verzweifelt nach einem geeigneten Platz für seinen noch nicht vorhandenen Riesensessel. Bei einem muss alles möglichst farblich passen, dem anderen ist wichtig, dass etwas seinen Zweck erfüllt.

Oft bringt man gefühlt hundert Möbelstücke aus seiner alten Wohnung mit, während der andere sich mit einem kleinen Schrank in seinem Zimmer zufrieden gibt. Wenn es bei euch aber weniger entspannt läuft und jeder unbedingt sein Lieblingsposter im Flur aufhängen möchte, hilft nur noch Verhandeln. Oder Würfeln. Ausgeklügelte Tauschgeschäfte schaffen Abhilfe: „Wenn du dieses hässliche Bild auf der Stelle verbrennst, lasse ich die Lavalampe nur noch sonntags an!“ So wurden schon Menschenleben gerettet.

Uuuuuh, ein ganz heikles Thema ist das Putzen. Spätestens dann, wenn einer zufrieden ist, solange er sich durch den Müllberg zur Tür graben kann und der andere einen Hygiene-Fimmel mitbringt. Oft wirft man sich dann gegenseitig Beleidigungen an den Kopf. Über unsere Mütter. Und andere fiese Sachen.

Dann hilt nur eins: Sich beruhigen, Tee gemacht und beschließen, die Aufgaben zu verteilen: Der eine wäscht dann womöglich ab und bringt den Müll raus, der andere schnappt sich regelmäßig den Staubsauger und putzt das Klo. Ihr könnt aber natürlich Putzpläne schreiben, euch Aufräumhilfe holen oder das alles anders klären – aber klärt es! Und zwar möglichst, bevor ihr wegen Geruchsbelästigung aus der Wohnung geworfen werdet.

So gern man seinen Mitbewohner auch mag, manchmal muss es einfach ein ruhiger Abend sein, an dem man Mädchenfilme guckt und sich die Nägel lackieren kann. Auf der anderen Seite ist der Mitbewohner bestimmt auch ganz froh, sich nicht von morgens bis abends das eigene Gelaber über die neuen Sneaker anhören zu müssen – zumindest solange es nicht um richtig tolle geht.

Und da wir jetzt alle erwachsen und mitten im Leben sind, wäre es gar nicht mal so übel, ein gewisses Takt- und Feingefühl dafür zu entwickeln, wann man einander das Herz ausschütteln kann und wann man den anderen lieber in Ruhe lassen sollte. Gilt übrigens auch für mitgebrachte Freunde, Spontanpartys in der Klausurphase und Sexytime, gepaart mit dünnen Wänden. Der andere wird es euch mit ewiger Liebe und Freundschaft danken und damit wären wir schon beim letzten Punkt angekommen.

Eigentlich überflüssig zu erwähnen, aber der Vollständigkeit halber muss es ja doch sein: fangt niemals, nie, nie und unter keinen Umständen etwas mit euren WG-Mitbewohnern an! Egal, wie heiß euch die neu eingezogene Schnitte an einem lahmen Sonntagabend erscheinen mag und wie sexy ihr eigentlich Bärte bei Männern findet: das alles könnt ihr euch auch bei Menschen holen, die nicht in euren Mietvertrag stehen.

Eigentlich ist es Wahnsinn, dass darin noch keine beidseitige Friendzone-Klausel verpflichtend eingeführt wurde, aber nachdem ich Horrorgeschichten von mitternächtlichen Liebeserklärungen zwischen Küche und Klo gehört habe – und von darauffolgenden überstürzten Auszügen – kann ich euch nur raten, von WG-Amore die Finger zu lassen. Ihr wisst ja: Wohnungen sind heutzutage wirklich schwer zu kriegen…

Die Fotografie stammt von Jason Briscoe
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Celeste: Der Berg ruft

Ich finde ja, dass Pixel immer noch die schönste Art sind, um Videospiele zu machen. Natürlich könnte das daran liegen, dass ich mit dem Super Nintendo aufgewachsen bin, aber selbst heute, nachdem ich 3D-Epen wie The Witcher, Skyrim oder Final Fantasy durchgespielt und genossen habe, macht mein Herz...
Celeste: Der Berg ruft

Celeste

Der Berg
ruft

Marcel Winatschek

Ich finde ja, dass Pixel immer noch die schönste Art sind, um Videospiele zu machen. Natürlich könnte das daran liegen, dass ich mit dem Super Nintendo aufgewachsen bin, aber selbst heute, nachdem ich 3D-Epen wie The Witcher, Skyrim oder Final Fantasy durchgespielt und genossen habe, macht mein Herz doch noch immer einen höheren Sprung, wenn ich ein hübsches, liebevoll gestaltetes Pixelabenteuer entdecke.

Celeste ist genau solch eine Perle. Die Geschichte um die mutige Madeline, die sich auf eine waghalsige Wanderung auf einen von Fallen, Feinden und Fürchterlichkeiten gespickten Berg begibt und dort auf süße Omis, dubiose Hotelbesitzer und seltsame Adrenalinjunkies trifft, ist sowohl auf Konsolen als auch auf dem PC zu erleben und wahrlich ein Fest für alle eingefleischten Pixelart-Fans wie mich.

Spielerisch erwartet euch bei Celeste eine Mischung aus Super Meat Boy und alten Super-NintendoJump’n’Runs, die voller Geheimnisse und überraschungen steckt. Die Level sind abwechslungsreich, die Charaktere sind sympathisch und der Anspruch steigt mit jeder geschafften Hürde. Celeste ist nichts für ungeduldige oder ungeschickte Spieler – aber alle anderen werden ihren Spaß mit dem polierten Indie-Schatz haben.

Celeste: Der Berg ruft Celeste: Der Berg ruft Celeste: Der Berg ruft Celeste: Der Berg ruft Celeste: Der Berg ruft Celeste: Der Berg ruft Celeste: Der Berg ruft Celeste: Der Berg ruft Celeste: Der Berg ruft Celeste: Der Berg ruft Celeste: Der Berg ruft Celeste: Der Berg ruft Celeste: Der Berg ruft Celeste: Der Berg ruft Celeste: Der Berg ruft Celeste: Der Berg ruft
Die Illustration stammt von Matt Thorson
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Kurze Haare, kleine Brüste: Ich liebe Tomboys

Als ich mit zwölf Jahren meine allererste, sogenannte, Freundin in unserem selbstgebauten Geheimversteck irgendwo unter Pappkartons, Rattengift und Industriepaletten den nackten, haarigen Arsch kraulte, wusste ich, was mich mein restliches Leben lang erwarten würde. Denn sie war keines dieser normal...
Kurze Haare, kleine Brüste: Ich liebe Tomboys

Kurze Haare, kleine Brüste

Ich liebe
Tomboys

Marcel Winatschek

Als ich mit zwölf Jahren meine allererste, sogenannte, Freundin in unserem selbstgebauten Geheimversteck irgendwo unter Pappkartons, Rattengift und Industriepaletten den nackten, haarigen Arsch kraulte, wusste ich, was mich mein restliches Leben lang erwarten würde. Denn sie war keines dieser normalen Mädchen, die irgendwann anfingen, sich wie wild Make-up aufs Gesicht zu knallen, zur Pediküre zu gehen und sich die Beine zu rasieren, sondern mein bester Kumpel. Seit etlichen Jahren schon.

Wir sprangen als Power Rangers über Erdsäcke, schlugen uns im Wald gegenseitig windelweich und schauten spät abends zusammen mit ihren kleinen Brüdern die ersten Pornos auf TM3, nur um ihr eigen Fleisch und Blut dann auszulachen und johlend die Treppe hinunter zu stoßen. Ich bewunderte Maria mit jeder Faser meines Körpers. Sie war mein erster Tomboy.

Drei Jahre später hatten wir dann das erste Mal Sex. Sie kam gerade vom Kellnern im Lokal ihrer Mutter hoch in ihr Zimmer, wir redeten die ganze Nacht. Über wahnsinnige Träume und die Zukunft und Xavier Naidoo. Ich streifte ihr mit einer Handbewegung den hellgelben Slip vom Körper und wühlte mich durch ihren behaarten Unterleib.

Ein guter Freund schlummerte grinsend daneben, der Vollmond schien ins Zimmer – wie romantisch das doch war. Dass sie mir ein Jahr später beichtete, sie sei ja eigentlich lesbisch und hätte sich schon im Kindergarten am liebsten von Liesl und Beate beim Mittagsschlaf umarmen lassen, hielt mich nicht davon ab, diese Liebe zu weiblichen Kumpeltypen fortzusetzen.

Tatsächlich stand ich noch nie auf nervige Tussis. Mit ihren Stöckelschuhen und Handtäschchen und glitzernden Lippen. Obwohl ich mit einigen von ihnen zusammen war. Zum Testen. Was ich wollte, waren Mädels mit Verstand. Und Direktheit. Und Sinn für’s Grobe. Ich mochte diejenigen, die statt Tangas Boxershorts trugen. Die sich auf Skateboards blutige Knie einheimsten, anstatt im Solarium zu verbrennen.

Die sich durchsetzen konnten und frech waren und eine eigene Meinung hatten und verdammt noch mal eher das Leben fickten, als sich davon penetrieren zu lassen. Die man als gute Freunde kennen lernte und die plötzlich mit prallen Titten und fertiger Muschi schmunzelnd vor einem standen, aber sich dennoch nicht verändert hatten. Und dann ausprobierten, was neu war. Wie mit Maria. Oder Anastasia. Oder Wenke.

Eine gute Freundin meinte einmal zu mir, dass ich auf diese Art von Mädchen stehe, weil ich ohne Vater aufgewachsen bin. Und dadurch versuche, mit allen Mitteln verlorene Autorität zurück zu holen. Mag sein, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass ich nichts mit Mädchen anfangen kann, die zu allem Ja und Amen sagen. Die unbedingt dem geltenden Schönheitsideal entsprechen müssen. Und die kichern und klimpern und niemals furzen oder grunzen oder schlagen. Wie öde. Dann kann ich auch mit einer Puppe zusammen sein.

Die schönsten und womöglich auch lehrreichsten Zeiten meines Lebens habe ich deswegen auch immer mit weiblichen Wesen erlebt, die eben mehr Kumpel als Freundin waren. Mit denen ich nachts um die Wette trinken und koksen und kotzen und grölen konnte, nur um sie anschließend auf dem Balkon durchnehmen zu dürfen, während Muse auf voller Lautstärke lief – weil es gerade Sommer war und die Stadt unter der Hitze zu zerschmelzen drohte. Die kleine, feste Brüste mit diesen wahnsinnig tollen, puffigen Nippeln hatten, weil Gott bis zur letzten Sekunde unentschieden war, welches Geschlecht er ihnen um seines Willen erteilen sollte. Und ich war ihm unendlich dankbar dafür.

Und die während des Sex erst einmal lautstark nebenan kacken gingen, nur um ein paar Minuten später grinsend zurück zu kehren, ihre abstrusen und verrückten Abenteuer auf dem Klo zu schildern und dann mit fettigem Salami-Sandwich und einer frisch geöffneten Flasche Bier im Mund weiter zu vögeln. Um anschließend selbst Fotos mit der miesen Digitalkamera vom Discounter von sich zu machen und am nächsten Tag an einen weiteren unserer Kumpel zu schicken. Das ist wahre Liebe, fernab von allen beschissenen Disney-Filmen und Bravo-Foto-Love-Storys und Bilderbuch-Ratgebern. Was für ein Dreck.

Also lebe ich mein Leben ganz normal weiter, schlafe ab und zu mit langweiligem Menschen, deren Geschichten schon tausend Mal erzählt worden sind, und hoffe insgeheim, dass ich mich irgendwann einmal richtig in einen vorlauten, durchgeknallten, anstandslosen, rülpsenden, furzenden, biertrinkenden, dreckig lachenden, ungeschminkten, kleinbrüstigen, selbstbewussten Kumpeltyp mit Sommersprossen und hübscher Scheide und verschmitzten Lächeln und abstrusen Erlebnissen verknalle, und umgekehrt, der keine Angst vor’m Leben hat und über jeden noch so hohlen Blondenwitz genau so widerlich lacht wie ich.

Der eine Vergangenheit zum Eintauchen hat. Mit Höhen und Tiefen und zum Niederknien tolle Lieblingsfilme und Lieder und sowieso. Der mehr Zeit mit anderen Jungs auf dem Fußballplatz als im Barbie-Traumhaus verbracht hat. Und der nun mal eine Sie ist, bei der man im ersten Augenblick weiß: Alter, mit der ist das ganze restliche Leben eine große Mischung aus Sex und Beer Pong und Großmäuler verprügeln und auf Reisen gehen und Autos anzünden und den Sonnenuntergang anhimmeln und Slipknot hören und Geld rauswerfen und Party machen und nackt im See planschen und sich gegenseitig Flaschen reinschieben und sich mit diesem ganz bestimmten Grinsen zulächeln, das man eben nur kennt, wenn man gerade seinen besten Freund fickt. Das ist das Beste. Am ganzen Leben. Versprochen.

Die Fotografie stammt von Daniel Apodaca
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Verhütet!Sex ohne Kondom geht gar nicht

Es gibt kaum eine Frage von Männern, die mich so sehr aufregt wie: Wie, du nimmst die Pille nicht? Okay, erst mal 'ne relativ normale Frage, doch wenn man genauer draufschaut, steckt da immer auch ein bisschen Und wie willst du dann sichergehen, dass ich dich nicht schwängere? dahinter. Für j...
Verhütet!Sex ohne Kondom geht gar nicht

Verhütet!

Sex ohne Kondom
geht gar nicht

Nadine Kroll

Es gibt kaum eine Frage von Männern, die mich so sehr aufregt wie: „Wie, du nimmst die Pille nicht?“ Okay, erst mal ’ne relativ normale Frage, doch wenn man genauer draufschaut, steckt da immer auch ein bisschen „Und wie willst du dann sichergehen, dass ich dich nicht schwängere?“ dahinter.

Für jemanden wie mich, die häufig wechselnde Geschlechtspartner hat, ist ein Kondom ganz klar ein Muss. Und zwar nicht nur, weil ich mich schützen will, sondern weil ich es auch als wichtig empfinde, den anderen zu schätzen. Dennoch gerade ich selbst mit One-Night-Stands häufig in Diskussionen über das passende Verhütungsmittel.

Dass ich mich weigere, ein Medikament zu schlucken, das vielleicht vor ungewollten Schwangerschaften, aber eben nicht vor Chlamydien, Gonorrhoe, Hepatitis oder HIV schützt, macht mich offenbar zu einer „verantwortungslosen, jungen Frau„.

Und das ist ein Vorwurf, den ich so nicht auf mir sitzen lassen kann und will. Denn ich persönlich halte mich mit meiner sehr bewussten Wahl für Kondome als Verhütungsmittel für verantwortungsvoller als die ganzen Menschen, die aus welchen Gründen auch immer lieber darauf verzichten, sich vor ansteckenden Krankheiten, die im schlimmsten Fall zum Tod führen können, zu schützen.

Die Argumente, die man hört, wenn man auf einen Gummi besteht, sind auch immer wieder schön. Da gibt es die einen, bei dem das Kondom grundsätzlich platzt, weil die Standardgrößen aus dem Supermarkt angeblich zu klein sind, obwohl sie easy über eine riesige Salatgurke passen.

Protipp für die Menschen da draußen, die einen Penis besitzen und vorhaben ihn zu benutzen: Messt euren Schwanz doch einfach mal aus. Und zwar richtig, denn ich kann euch sagen, dass von einhundert Männern vielleicht zwei tatsächlich die berühmt-berüchtigten zwanzig Zentimetern in der Hose haben, und selbst da passen normale Gummis drauf, und führt dann die Kondome, die euch am besten passen und gefallen einfach mit.

Im Internet und selbst in der Drogerie gibt es mittlerweile Probierpackungen in allen Größen, Formen und Farben zu kaufen und die Latexallergie, die angeblich so viele von euch haben, kann mit der richtigen Sorte auch umgangen werden.

Klar steh ich drauf, wenn ein Typ mir eine große Ladung Sperma in die Muschi spritzt und generell ist Sex natürlich schöner ohne Gummi, aber Sex mit Kondom ist wiederum viel schöner als ein Kind und Sex mit ’nem ausgewachsenen Tripper ist nicht so richtig möglich. Zumindest in meiner Vorstellung. Ich hab weder ein Kind, noch hatte ich jemals einen Tripper. Weil ich weiß, mich vor beidem gut zu schützen.

Verhütung scheint generell irgendwie noch immer Frauensache zu sein. „Wenn die Alte nicht schwanger werden will, muss sie sich darum kümmern“, ist ein Satz, den ich persönlich schon viel zu oft gehört habe. Kaum ein Kerl kann alle Verhütungsmittel aufzählen, die existieren.

Für die meisten Männer scheint es genau zwei zu geben: Pille und Kondome. Frauen hingegen können dir meist sogar genauestens sagen, wo der Unterschied zwischen Kupfer- und Hormonspirale besteht, wie man ein Diaphragma korrekt einsetzt und für was die Abkürzung NFP eigentlich steht.

Bis auf Gummis sind bisher ja auch nur Verhütungsmittel auf dem Markt, die von Frauen angewandt werden müssen. Trotzdem kann man auch als Typ wenigstens ein bisschen informiert sein. Wer seinen Schwanz irgendwo reinstecken will, trägt eine genauso große Verantwortung wie die Person, die sich nehmen lässt.

Insbesondere in festen Beziehungen sollte sich der Kerl ein paar Gedanken zu dem Thema machen. Es ist auch da nicht selbstverständlich, dass Kondome einfach weggelassen werden, weil die Frau schon irgendeine andere Verhütungsmethode findet, mit der sie cool ist. Fast alles, was es auf dem Markt so gibt, greift auf die eine oder andere Weise in den Körper einer Frau ein.

Entweder wird der normale Zyklus verhindert, beispielsweise durch die Pille, das Hormonstäbchen oder die Dreimonatsspritze, oder aber die Frau muss sich einer mehr oder weniger aufwändigen Prozedur unterziehen, um sicherzustellen, nicht schwanger zu werden. Diaphragma, Kupferspirale, NFP.

Gemessen an diesem Aufwand, erscheint für mich das Kondom auch in festen, monogamen Beziehungen das Verhütungsmittel, das am wenigsten Achtsamkeit erfordert. Wer sich an dem kurzen Moment, den es braucht, um das Kondom zu öffnen und überzurollen stört, sollte auch keinen Sex haben.

Man darf auch einfach nicht vergessen, dass es sich bei dem Großteil der Verhütungsmittel um verschreibungspflichtige Medikamente handelt. Und das alles hat schon seinen Grund, immerhin greift insbesondere die Pille den weiblichen Körper sehr stark an. Nebenwirkungen können zum Beispiel Krebs sein, eine starke Gewichtszunahme bis hin zu Depressionen.

Trotzdem werden Menschen, die Antidepressiva zu sich nehmen, von außen häufig verurteilt, diejenigen, die die Antibabypille schlucken jedoch für ihre Verantwortlichkeit gefeiert. Die Pille zu schlucken, scheint für einige Frauen so selbstverständlich zu sein, als würden sie ein Stück Schokolade essen.

Dem gegenüber steht beziehungsweise stand zumindest eine lange Zeit die Diskussion über die Pille danach, von der man ja befürchtet hat, Frauen würden sie wie Smarties schlucken, wenn man sie von der Rezeptpflicht befreien würde. Aufklärung gleich null. Dafür aber riesige Panikmache vor einem Medikament, das zwar definitiv kein Verhütungsmittel ist und auch nicht als solches gebraucht werden sollte, aber von seinen Auswirkungen auch den weiblichen Körper auch nicht schlimmer als Dreimonatsspritze oder Pille.

Wenn du als Typ also kein Arschloch sein willst, weder in deiner festen Beziehung, noch bei deinen One-Night-Stands und Affären oder einfach ganz generell Frauen gegenüber, benutzt du beim Sex Kondome oder fängst zumindest einmal an, zu hinterfragen, warum eine Frau nicht wie selbstverständlich auf andere Verhütungsmethoden zurück greifst.

Und wenn du ein schwuler Typ bist, der kein Arschloch sein will, benutzt du am besten auch immer Gummis, bevor du jemandem deinen dreckigen Dödel in den Arsch schiebst. Auch wenn du niemanden schwängern kannst, so besteht doch immer noch die Gefahr, sich eine sehr unangenehme Geschlechtskrankheit einzufangen, aufgrund der man erst mal wochenlang auf Sex verzichten muss.

Die ist bei Homosexuellen rein statistisch gesehen tatsächlich häufiger als bei heterosexuellen Paaren, die keine Kondome benutzen. Einen Gummi überzuziehen, ist jetzt echt kein so großes Problem. Zumindest kein so großes, wie ein stinkender, vor sich hin faulender Schwanz, juckende Eier und ein eitriges, brennendes Arschloch.

Die Fotografie stammt von Dainis Graveris
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Mädchenliebe: Anna schmeckte nach Himbeeren

Wenn wir mit einigen Mädchen zusammen auf dem Pausenhof, im Klassenzimmer oder bei jemandem zu Hause herum saßen und ich Anna von der Seite betrachtete, dann fiel mir immer nur ein Wort ein: Schönheit. Ihre blonden Haare. Die güldene Haut. Die blauen Augen. Die kleinen Sommersprossen. Ihr sportliche...
Mädchenliebe: Anna schmeckte nach Himbeeren

Mädchenliebe

Anna schmeckte
nach Himbeeren

Mia Jung

Wenn wir mit einigen Mädchen zusammen auf dem Pausenhof, im Klassenzimmer oder bei jemandem zu Hause herum saßen und ich Anna von der Seite betrachtete, dann fiel mir immer nur ein Wort ein: Schönheit. Ihre blonden Haare. Die güldene Haut. Die blauen Augen. Die kleinen Sommersprossen. Ihr sportlicher Körper. Die langen Beine. Die für ihr junges Alter bereits viel zu großen Brüste. Dass ihre Unterlippe dicker als ihre Oberlippe war. Die perfekt angeordneten, strahlend weißen Zähne, wenn sie lachte.

Ich war nicht eifersüchtig auf sie. Dafür kannte ich ihre Schattenseiten zu gut. Und ich war auch nicht verliebt in sie. Dafür wollte ich zu sehr meinen ersten Penis berühren. Anna war meine beste Freundin. Wir kannten uns bereits seit dem Kindergarten. Ihr Vater war Arzt und ihre Mutter Lehrerin. Oder umgekehrt. Sie besaßen ein großes Haus in einer hübschen, mit hohen Bäumen bewachsenen Gegend.

Dass sie nicht zu den ärmsten Menschen in der Stadt gehörte, merkte ich, als ich zum ersten Mal bei ihr zu Besuch war und uns ihre Haushälterin Kekse mit warmer Milch anbot. Ihr Name war Helga. Sie war Polin und sehr nett. Annas Kinderzimmer war weiträumig und hell. Am großen Fenster thronte ein weißer Schreibtisch, auf dem ein paar bunte Bilder herum lagen. In der Ecke standen ein Barbie-Traumhaus und das dazugehörige Wohnmobil.

Anna war als Kind sehr freundlich, überaus zuvorkommend und fast schon nervend süß. Zu jedem. Alten Frauen und langsamen Tieren half sie über die Straße. Sie sprach mit Katzenbabys. Und jedes ihrer Kleidungsstücke musste entweder weiß, rosa oder mit mindestens einem funkelnden Herz bestickt sein. Ihre strohblonden Haare waren zu kleinen, niedlichen Zöpfen geflochten. Sie sagte zu jedem Menschen, der ihr begegnete, Hallo und Tschüs.

Ihr Benehmen änderte sich schlagartig, als sie in der sechsten Klasse in die Pubertät kam. Über Nacht wurde sie zu einem ruhelosen, herrschsüchtigen und unhöflichen Balg, das nicht mehr gab, sondern forderte. Ihr linker Busen wuchs innerhalb von ein paar Monaten enorm, während der rechte ganz frech auf sich warten ließ. Das machte Anna so wütend, dass sie sich die langen Haare mit einer stumpfen Bastelschere absäbelte und ab da an als Rebellin galt.

Da mir noch nichts Neues wuchs, konnte ich ihr Verhalten nur schwer nachvollziehen. Meine beste Freundin schien gestorben zu sein. Was da in meinem Zimmer herum lachte und dabei gern künstlich grunzte, war eine Art mutierte Auferstehung, deren einzige Absicht es war, Chaos zu stiften. Oder zumindest ihre Eltern zu enttäuschen. Anna machte mir irgendwie Angst, faszinierte mich aber auch.

Sie lehnte sich aus dem Fenster und spuckte unschuldigen Passanten auf den Kopf. Ihren Vater nannte sie nur noch Adolf. Und ihren Barbies hatte sie den Kopf abgerissen und mit denen von Plastikpferden ersetzt. Mit den Puppen könne man super masturbieren, meinte sie dann. Ich kicherte, hatte aber keine Ahnung, ob sie das ernst meinte. Sie schob sich doch keine Barbie-Puppen mit Pferdeköpfen da unten rein, oder? Und wenn doch, welche Seite zuerst?

Eine Freundin erzählte mir, dass Anna sich auf der Geburtstagsparty einer gemeinsamen Bekannten, auf die ich wegen meiner Eltern nicht gehen durfte, von Zehntklässlern an der linken Brust herum drücken ließ. Seitdem galt sie bei den Mädchen in unserer Klasse als Schlampe und bei den Jungs als potentielle Startrampe ins echte Leben. Anna genoss die Aufmerksamkeit. Sowohl die positive als auch die negative. Sie avancierte zur Königin der sechsten Klasse und hatte Spaß daran, andere herumzukommandieren. Und auch zu quälen. Wenn ihr besonders langweilig war.

Ich kam nie unter Annas Räder. Vielleicht respektierte sie mich zu sehr dafür. Oder wir kannten uns einfach schon zu lange. Womöglich hatte sie auch Angst davor, dass ich ausplaudern würde, wie zerbrechlich und labil sie innerlich wirklich ist, wenn sie es sich mit mir verscherzen würde. Anna achtete darauf, bei mir einen ebenbürtigen Ton anzuschlagen. Während sie die anderen wie Untergebene behandelte.

Ein Jahr später war auch Annas rechter Busen ausgewachsen. Sie hatte bereits ihr erstes Mal gehabt. Mit einem 21-Jährigen, den sie über ihren Cousin beim örtlichen Sportclub kennengelernt hatte. Als ich in der siebten Klasse meinen 13. Geburtstag mit einer Regenbogentorte, alkoholfreiem Sekt und meiner neuen Christina-Aguilera-CD in Dauerschleife feierte, setzte auch bei mir langsam die Pubertät ein. Annas Blick auf mich veränderte sich. Sie schien mich zu mustern, wurde neugierig, was sich bei mir tat.

Anna und ich saßen zusammen in der hintersten Reihe. Ganz links. Direkt in der Schulbank neben dem Fenster. Sie auf der rechten, ich auf der linken Seite. Während unser Lehrer Herr Wachinger einige Primzahlen an die Tafel kritzelte und dabei, ironischerweise, eher schläfrig wirkte, beobachtete ich auf der Wiese neben unserem Pausenhof eine schwarze Katze, die sich rücklings an einen scheinbar ahnungslosen Vogel heranschlich. Bis ich plötzlich eine Hand auf meinem rechten Knie spürte.

Ich betrachtete weiterhin das natürliche, unter gemeinen Umständen tödlich endende Spiel zwischen dem seinen tiefsten Instinkten folgenden Raubtier und dem mutmaßlichen Opfer, das noch fröhlich vor sich hin hopste. Die mit einem hellrosa Nagellack verzierten und mir nur allzu bekannten, schlanken Finger fuhren allmählich nach oben und öffneten zunächst, überraschend geschickt, den Knopf und anschließend, vollkommen lautlos, den Reißverschluss meiner Jeans.

Als Anna ihre Hand unter meine dunkelblaue, mit einer für Kinder eventuell etwas zu lasziv zwinkernden Minnie Maus bedruckten Unterhose schob und selbst durch etwas mehr Entschlossenheit nicht weiter nach unten zu kommen schien, überlegte ich zunächst einen Augenblick, ob ich das jetzt gut fand oder eher nicht so, und spreizte anschließend meine Beine ein wenig. Aus Neugier. Und Höflichkeit.

Anna tastete sich Zentimeter für Zentimeter an meinen kaum vorhandenen, aber schon jetzt ziemlich dunklen Schamhaaren vorbei in Richtung Eingang. Sie begann damit, am sich nun regelrecht nach der forschen Berührung der weichen Kuppen sehnenden Ziel angekommen, ihren Zeigefinger behutsam von unten nach oben zu streichen. Immer und immer wieder. Jedes Mal drängte sie sich dabei ein kleines Stückchen tiefer in meinen Schlitz.

Der Vogel war längst unbeschadet fortgeflogen und die Katze bereits im kaum erkennbaren Dickicht der diesen Teil des Schulgebäudes einrahmenden Hecke verschwunden. Aber ich blickte weiterhin wie gebannt auf die nun eigentlich vollkommen uninteressante Stelle im Gras, während ich klatschnass war und angespannt jede noch so kleine Bewegung zwischen meinen Beinen registrierte. Diese hatte ich unbewusst noch ein wenig weiter auseinander gedrückt. Um auch ja nicht dem, was da noch kommen möge, im Weg zu sein.

Anna kreiste nun einige Male mit ihrem stetig zittriger werdenden Mittelfinger um meine Öffnung. Sie verschloss diese mit seiner Spitze und versuchte kurz darauf, in mich einzudringen, entschied sich dann allerdings, im letzten Augenblick, doch dagegen. Vielleicht, weil sie genau wusste, dass ich immer noch Jungfrau war. Und sie mir dieses Erlebnis nicht rauben wollte. Oder weil sie einfach keine Lust hatte, danach mit einer blutverschmierten Hand durchs ganze Klassenzimmer laufen zu müssen.

Als die Schulglocke pünktlich und vehement zum Beginn der nächsten Stunde läutete und meine Gedanken damit in alle Richtungen zerstreute, glitt Anna mit einer flinken Bewegung aus meiner Hose, stand auf und ging aus dem Raum. Ich zog den Reißverschluss wieder zu, drückte den Knopf in die dazugehörige Schlaufe und bedeckte alles ganz ordentlich mit dem unteren Teil meines T-Shirts. Mein klammer Schlüpfer drückte im Schritt. Anna und ich sprachen kein einziges Wort über das Geschehene. Nicht, weil es uns peinlich war, sondern weil es womöglich nichts darüber zu sagen gab.

Das Ganze wiederholte sich in den nächsten Wochen ein paar Mal. In unterschiedlicher Art, Herangehensweise und Intensität. Ohne dass es jemandem auffiel. Bis ich irgendwann schon fast darauf wartete, dass es wieder geschah. Doch Anna schien dem Gefummle letzten Endes überdrüssig zu werden. Zumindest hörte sie eines Tages damit auf und fing auch nicht mehr damit an. Ich fand das irgendwie schade, sprach sie aber nicht darauf an. Das wäre mir dann doch irgendwie zu peinlich gewesen.

Unsere Schule hatte einen Anbau spendiert bekommen, den im nächsten Jahr neue Stufen nutzen sollten, der bis dahin aber überwiegend leer stand und nur ab und zu für ausgelagerte Klassen und Gruppen gebraucht wurde. Donnerstag Nachmittag hatten wir dort Religionsunterricht mit Frau Damköhler. Sie philosophierte gerade über die Beziehung zwischen dem Christentum und dem Islam, als Anna mir einen Zettel zuschob. „Komm in fünf Minuten aufs Klo!“ Die i-Tüpfelchen waren kleine Herzen. Anna hob ihre Hand, fragte, ob sie pinkeln gehen dürfe, und verschwand aus der Tür. Ich wartete aufgeregt.

Die Toiletten waren genauso steril und verlassen wie der Rest des Neubaus. Noch buhlten hier keine zwielichtigen Kritzeleien um die Aufmerksamkeit der Notdurft verrichtenden Besucher. In der hintersten Kabine wartete Anna schon ungeduldig auf mich. Sie zog mich hinein, schloss die Tür hinter mir und drückte mich sanft, aber bestimmt an die Wand. „Ich will mal was ausprobieren“, sagte sie kurz und knapp, ohne mir dabei in die Augen zu schauen, und ging vor mir in die Hocke, meinen Unterleib im Visier.

Anna öffnete ohne große Anstrengung meine Hose, fast so, als hätte sie Übung darin, fremde Beinkleider zu entfernen, und zog sowohl sie, als auch meinen Slip, mit einem Rutsch bis zu den weißen NikeSneakern nach unten. Um sich provisorisch abzustützen und nicht umzukippen, hatte sie beide Hände unterhalb meines Pos gelegt, sowohl auf der linken als auch auf der rechten Seite, und hob ihn dadurch ein wenig an. Anna musterte meinen immer feuchter werdenden Schoß mit einem fast schon kritisch wirkenden Blick.

Mit ihrem durch etwas zu viel Lipgloss glänzenden und bis zu mir hinauf nach Himbeeren riechenden Mund fuhr Anna bedächtig über den schamhaften Flaum hinab, so dass ich ihren Atem auf meiner Haut spüren konnte, nur um anschließend ihre kleine, feste Zunge entschlossen in meinen Spalt zu drücken. Ich war mucksmäuschenstill, spreizte aber meine Oberschenkel ein wenig. Aus Neugier. Und Höflichkeit.

Es waren gerade zwei, drei Minuten vergangen, in denen Anna mit ihrer spitzen, rauen Zunge abwechselnd meinen Kitzler massierte und in mich eindrang, als ich unkontrolliert anfing zu zucken, womöglich etwas zu laut ausatmete und ihr Gemurmel zwischen meinen Beinen hörte. Ich hatte gar nicht gemerkt, dass ich Annas Kopf mit beiden Händen so fest gegen mein Becken drückte, dass ich dort anschließend tagelang blaue Flecken hatte. Hätte ich ein wenig länger gebraucht, wäre sie vermutlich erstickt.

Anna erhob sich ruckartig aus ihrer fast schon devot wirkenden Position, gab mir einen halbherzigen Kuss auf den Mund und ging anschließend, ohne die Situation auch nur eines weiteren Kommentars zu würdigen, schnurstracks auf den Gang. Verdutzt, außer Atem und mit herunter gelassener Hose lehnte ich an der Klowand. Anna schmeckte nach Himbeeren und Muschi. Ich tupfte mich mit etwas Toilettenpapier trocken, zog mich wieder an und begab mich ebenfalls zurück in den Unterricht von Frau Damköhler, um mehr über die komplizierten Verhältnisse diverser Glaubensrichtungen aus aller Welt zu erfahren.

Das war das letzte Mal, dass Anna und ich uns auf diese ganz besondere Art näher kamen. Zumindest war sie für mich besonders. Auch darüber haben wir nie ein Wort verloren. Eine Woche danach hatte sie ihren ersten richtigen Freund. Und ich berührte ein halbes Jahr später meinen ersten Penis. Er hieß Nick, war eine Stufe über uns und kam so doll in meiner Hand, dass ich Angst hatte, davon schwanger zu werden.

Nach der Schule verloren Anna und ich uns aus den Augen. Sie studierte in einer anderen Stadt, lernte neue Leute kennen. Wie das eben so ist, bei Menschen, mit denen man offenbar nur aus Gewohnheit befreundet ist – oder weil sie zufällig in der Nähe wohnen. Heutzutage treffen wir uns alle paar Jahre, um gemeinsam einen Kaffee trinken zu gehen, wenn wir unerwartet in der selben Gegend sind. Dann lästern wir über alte Bekannte oder regen uns darüber auf, dass die Welt generell immer ein wenig dümmer wird.

Anna ist jetzt mit dem Manager eines französischen Automobilkonzerns verheiratet und erwartet gerade ihr erstes Kind. Einen Jungen, den sie Max nennen möchte. Oder Jan. Oder Fin. Hauptsache etwas Kurzes. Sie ist immer noch schön. Mit ihren blonden Haaren. Der güldenen Haut. Den blauen Augen. Den kleinen Sommersprossen. Ihrem sportlichen Körper. Den langen Beinen. Den großen Brüsten. Ihrer dicken, sinnlichen Unterlippe. Und den perfekt angeordneten, strahlend weißen Zähnen, wenn sie lacht.

Eifersüchtig bin ich auch künftig nicht auf Anna. Ihre Dämonen wird sie nämlich niemals alle los werden. Da bin ich mir sicher. Manchmal frage ich mich allerdings, ob sie auch heute noch so gern an die zwei, drei Minuten auf dem Mädchenklo zurück denkt, wie ich das manchmal tue, wenn ich mich allein und einsam fühle. Aber darauf ansprechen werde ich Anna nicht. Das wäre mir dann doch irgendwie zu peinlich.

Die Fotografie stammt von Roman Khripkov
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Mädchen in Australien: Sonniges Sydney

Das Internet ist schon etwas Tolles. Kreative Menschen auf der ganzen Welt können sich im digitalen Universum austoben und Leute, die am liebsten zu Hause herum hängen und einen durchziehen, mit allerlei Reisefotos inspirieren. Damit schlägt das Leben an sich gleich zwei Fliegen mit einer Klappe: Di...
Mädchen in Australien: Sonniges Sydney

Mädchen in Australien

Sonniges
Sydney

Daniela Dietz

Das Internet ist schon etwas Tolles. Kreative Menschen auf der ganzen Welt können sich im digitalen Universum austoben und Leute, die am liebsten zu Hause herum hängen und einen durchziehen, mit allerlei Reisefotos inspirieren. Damit schlägt das Leben an sich gleich zwei Fliegen mit einer Klappe: Die Reiseverrückten haben Spaß und ich kann meine Zeit im Bett verplempern und sehe trotzdem andere Länder.

Wahrscheinlich ist Katie Kuiper aus Sydney das genaue Gegenteil von mir, auch wenn wir uns irgendwie ein bisschen ähnlich sehen. Sie liebt Fitness, ich liebe Pizza. Sie liebt gesunde Ernährung, ich liebe Pizza. Sie liebt Reisen, ich liebe… naja… Pizza. Vielleicht liebt sie ja auch Pizza, ich weiß es nicht, allerdings macht sie einen generell aktiveren Eindruck auf mich. Das macht aber nichts, dafür ist sie ja schließlich Model.

Der Fotograf Tom Batrouney hat Katie Kuiper nun einfach mal so in einem australischen Garten fotografiert, während sie ab und zu Klamotten von PT.NEMO trug. Wahrscheinlich ist die blonde Schönheit kurz darauf wieder in die weite Welt hinaus gezogen. Nach Barcelona, Paris und Berlin oder wo sie sonst eben gerne herum reist. Aber egal, wohin sie fliegt: Sie macht jeden Ort, an den sie kommt, zu einem schöneren…

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Die Fotografie stammt von Tom Batrouney
Als Model ist Katie Kuiper zu sehen
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Wut, Hass, Ernst: Der deutsche Feminismus nervt

Wenn ihr eure Körper mal auf eine dieser selbsthuldigenden Blogger-Events schleift, dann werdet ihr schnell feststellen, dass ihr im Grunde nur die Auswahl zwischen vier verschiedenen Themen habt. Mode, Politik, Technik – und Feminismus. Während ich bei Modetagungen nur blöd mit einem Gläschen Ch...
Wut, Hass, Ernst: Der deutsche Feminismus nervt

Wut, Hass, Ernst

Der deutsche
Feminismus nervt

Marcel Winatschek

Wenn ihr eure Körper mal auf eine dieser selbsthuldigenden Blogger-Events schleift, dann werdet ihr schnell feststellen, dass ihr im Grunde nur die Auswahl zwischen vier verschiedenen Themen habt. Mode, Politik, Technik – und Feminismus.

Während ich bei Modetagungen nur blöd mit einem Gläschen Champagner in der Ecke stehe, weil ich nun mal keine Ahnung von der neuen Versace-Kollektion habe, bei der Politik immer lieber ein bisschen links verweile und der Technik mit meinem fast jährlichen Kauf des neuen iPhones Buße tue, werde ich bei Panels, die sich um Frauenrechte drehen, immer so wütend und gelangweilt gleichzeitig, dass ich am liebsten den Stuhl anzünden und laut losschreien würde.

Ich bin in einer Generation aufgewachsen, in der selbstbewusste, starke und inspirierende Frauen die Selbstverständlichkeit waren. Im Kindergarten, in der Schule, im Arbeitsalltag, unter Freunden – ich konnte nicht einmal nachvollziehen, warum irgendwer irgendwo ernsthaft laut von sich geben konnte, dass Frauen weniger Rechte oder Chancen oder Möglichkeiten haben sollten als Männer, ohne dafür laut ausgelacht zu werden.

Typen, die in Talkshows predigten, dass sie nur Jungfrauen ficken würden, dass der Herd der geeignete Platz für Fotzen ist, dass ein paar Schläge am Tag normal seien, um die Alte wieder zur Vernunft zu bringen. Solche Aussagen nahm ich nicht einmal ernst, dachte sie wären von einem geldgeilen RTL-Team geschrieben worden, um das Publikum gegen sie aufzubringen, so weit hergeholt war dieser Scheiß für mich.

Das alles gehört für mich in die gleiche Kategorie wie Rassismus, Klassismus oder, ja, Kannibalismus: Begriffe aus einer alten, fast schon mystischen Zeit, in der reiche Typen Sklaven hielten und missbrauchten, Prinzen keine Hofmägde heiraten durften, Seefahrer von Buschmenschen verspeist wurden. So abwegig und fernab jeder modernen Realität, dass ich nichts davon ernst nehmen kann. Warum auch?

Mein tiefherziger Respekt gilt allen starken Frauen, die sich jemals gegen die Diskriminierung von Geschlechtern eingesetzt haben. Im großen wie im kleinen Stil. Die sich selbst, ihre Familie, ihre Freunde aufgegeben haben, die gekämpft haben, die ihr Leben gegeben haben, um zu beweisen, dass Menschen nicht weniger wertvoll sind, nur weil sie keinen Penis zwischen den Beinen baumeln haben.

Warum überkommt mich dann trotzdem diese unruhige Mischung aus Wut, Humorlosigkeit und Langeweile, wenn ich eine feministische Publikation lese oder einer feministischen Rede zuhöre, obwohl ich doch ihre Forderungen, ihre Botschaften, ihre Ziele im Großen und Ganzen vollends unterstütze? Weil die feministische Bewegung nur aus wütenden, humorlosen und langweiligen Menschen besteht.

Sie wollen den Salzstreuer in Salzstreuerin umbenennen und meinen das ernst. Sie fordern eine bundesweite Frauenquote, die doch im Endeffekt nur wieder die längst angestaubte Geschlechterteilung unterstützt, und meinen das ernst. Sie gehen auf Slutwalks und meinen das ernst. Sie verleumden die menschliche Sexualität und meinen das ernst. Sie folgen Alice Schwarzer. Und meinen das ernst.

„Beim bloßen Aussprechen des Wortes Feminismus explodiert in nicht wenigen Köpfen eine gigantische Bombe“, meint Vorzeigebloggerin Nike van Dinther. „Zusammengesetzt aus stereotypen Sichtweisen, Bildern von Achselhaar oder Mademoiselle Peaches, wie sich auf der Musical-Bühne einen Plastikpenis umschnallt, von unattraktiven Politikerinnen, von der grausamen Alice Schwarzer und richtig fiesen Männerhasserinnen.“

„Wer sich jetzt fragt, wieso man sich denn zwangsläufig einer Gruppe zugehörig fühlen muss, dem lege ich eine Antwort auf meine Frage bezüglich dieser Thematik in einem Bloggerforum ans Herz: Weil es das zwischenmenschliche Agieren erleichtert, wenn man Dinge, Menschen, Einstellung etc. unter einem Begriff zusammen fassen kann und man Gleichgesinnte schneller findet.“ Und da hat sie Recht.

Im Grunde sollte jeder moderne, intelligente und aufgeklärte Mensch ein Feminist sein. Er sollte sich für die Rechte aller Menschen einsetzen, gegen Ungerechtigkeit, für Aufklärung, gegen Diskriminierung. Aber wenn die Bewegung, die eben diese Ziele mit aller Kraft verfolgt, so uninspirierend, so weltfremd und so unsympathisch auftritt, dann ist Antipathie und ein damit verbundener Abstand vorprogrammiert.

Der Feminismus in Deutschland und auf der Welt würde es um einiges einfacher haben und auch viel mehr männliche Unterstützer haben, wenn er nicht nur moderne Forderungen hätte, sondern diese eben auch modern präsentieren würde. Weg von der dieser unglaublichen Ernsthaftigkeit, weg von diesen Klischees, die er immer noch verkörpert, weg von dieser Verbissenheit, dieser Wortwahl, diesen Idolen.

Wir alle, egal ob Frauen oder Männer, wünschen uns einen jüngeren, frischeren und umgangsfreundlicheren Feminismus, der dem heutigen Zeitgeist entspricht, den wir freiwillig verteidigen, den wir gerne und selbstverständlich leben. Der diese brennende Herzenslust in jedem Einzelnen von uns aktiviert, damit wir alle gemeinsam daran arbeiten können, dass Gleichberechtigung von ganz allein Einzug in unsere Gesellschaft findet. Ohne Quoten. Ohne Wortvergewaltigungen. Und ohne, dass ich am liebsten den Stuhl anzünden und laut losschreien würde.

Die Illustration stammt von Murat Kalkavan und Icons8
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Keine Konzentration: Das Internet lenkt mich ab

In einer Welt des unbestreitbaren Informationsoverflows können nur die wenigsten von sich selbst behaupten, sie hätten den Überblick im Griff. Wir, die als Internetkinder aufgewachsen sind, die die Schule der Vernetzung mitgestaltet und -erlebt haben, wir sind einerseits die größten Opfer einer noch...
Keine Konzentration: Das Internet lenkt mich ab

Keine Konzentration

Das Internet
lenkt mich ab

Sara Navid

In einer Welt des unbestreitbaren Informationsoverflows können nur die wenigsten von sich selbst behaupten, sie hätten den Überblick im Griff. Wir, die als Internetkinder aufgewachsen sind, die die Schule der Vernetzung mitgestaltet und -erlebt haben, wir sind einerseits die größten Opfer einer noch unerforschten neuen Ergänzung der Realität.

Wir werden neuen Kommunikationswegen und Marketingstrategien ausgesetzt, wir rekonstituieren den Wert sozialer Verknüpfungen, wir erschaffen für Außenseiter unverständliche Sprachwelten und Dimensionen, und vor allem sind wir abhängig geworden. Ohne die tägliche Dosis Informationen spüren wir eine gewisse Leere in uns, einen Hunger, den es für Vorgängergenerationen vielleicht noch gar nicht gab, der jedoch in uns eingestampft ist.

Wer, so wie ich, sein Geld vor allem mit dem Internet verdient, der erkennt den Wert eines ständigen “Up-To-Date”-Zustands. Man dient persönlich als Verteiler und empfiehlt die besten Artikel, die neueste Musik, die innovativsten Texte anderen Menschen, die weniger Zeit haben. Meist, weil sie Berufen oder Alltagen nachgehen, die nicht im Zusammenhang mit einem Computer stehen.

So findet man schnell seinen Platz in der Community. Angebot und Nachfrage besteht aus zwei Seiten, nun geht es darum, wer das Angebot am besten, schnellsten, effektivsten platziert und inwiefern sich die Nachfrage zu einem positioniert. Man kann selbstverständlich nicht alles abdecken, was im Internet fresh ist, aber man kann wenigstens versuchen, den eigenen Interessen dabei entgegen zu kommen.

Und damit man den Überblick nicht doch verliert, baut man sich sein Netzwerk auf. Facebook ist eine Selbstverständlichkeit, soweit sind wir in der Realität auch schon. Wir verknüpfen Schritt für Schritt die Virtualität mit unseren Leben. Wieso auch nicht? Zum Thema Internetabhängigkeit kann man immer wieder nur betonen, dass die Abhängigkeit auch ganz recht ist. Es geht um Convenience, um die Erleichterung aller Dinge, so auch sozialer Kontakte.

Es gibt keine Trennung zwischen “echt” und “unecht”, zwischen “online” und “offline”. Selbst wenn man sich das Internetzölibat selbst auferlegen möchte, dreht sich die Welt draußen, und in den Leitungen, weiter. Vergeblich also der Ausstieg. Internet, so gerne es ältere oder uninformierte Generationen gerne hätten, ist keine Zigarettensucht, sondern Auto fahren. Gelegentlich besser und praktischer, als die Öffentlichen zu nutzen.

Zu diesem Netzwerk gehören aber noch viel mehr Informationssammelstellen. Da gibt es Twitter, gleichzeitig Verteiler als auch Kanal. Da gibt es Instagram mit seiner riesigen visuellen Community. Da gibt es Tumblr, eine Art Anlaufstelle für Sperrmüll, den man zwar teilen möchte, zu dem man allerdings nichts mehr sagen will. Es gibt Medium, die intellektuelle Variante, die einem hochqualitative Texte auf Empfehlungen basiert näher bringt. Pinterest für die Konsumwut, die die Konfrontation mit all den schönen Dingen im Netz in uns hervorholt. Es gibt unendlich viele kleine Haufen, die wir für uns anlegen, damit wir nachher alles teilen und unterbringen und archivieren können. Wofür? Diese Frage stellt sich fast nicht. Das ist erstmal egal.

Und so stiftete ich bisher mein Leben nach der Schule in einer Art Messi-Dasein des Internets. Die Informationsflut, die ich so ordentlich bewältige, läuft in etwa so ab: Browser auf, kenn’ ich, kenn’ ich, kenn’ ich, kenn’ ich, kenn’ ich, interessant, kenn’ ich, kenn’ ich, kenn’ ich, langweilig, kenn’ ich, kenn’ ich, kenn’ ich, langweilig, kenn’ ich, kenn’ ich, kenn’ ich, das muss ich tumblrn, kenn’ ich, kenn’ ich, kenn’ ich.

Das funktionierte die letzten Jahre auch ganz gut so. Man kann sich nicht um alles kümmern und man will es meistens ja auch gar nicht. Leider übertragen sich virtuelle Eigenschaften, ehe man sich versieht, auch ins Leben außerhalb der Bildschirme. Auch das nimmt man gerne in Kauf. Wenn man im Supermarkt überfordert ist und grundsätzlich für Butter und Klopapier sechs Stunden braucht, weil man ständig vergisst, was man wollte, weil man vor dem Regal erstmal Emails checken muss, weil man bei jedem glitzernden, pinken Pony, was da rumsteht, auf einmal Pipi in die Augen kriegt und schon wieder in einer ganz anderen Ecke des Marktes gelandet ist und plötzlich von Angst- und Schweißzuständen überwältigt wird.

Die Kontrolle, die wir mit einem Tastendruck online haben, die wird leider nicht übertragen. Die Suchfunktion für Socken, Haustürschlüssel und Kopfhörer gibt es nicht. Und wenn ich mal bloggen, oder generell etwas schreiben möchte, dann kann es passieren, dass ich mich erst mal drei Stunden in den Weiten des Netzes verliere, alle zwei Minuten hochschrecke und “Oh shit, ich wollte doch was schreiben!” ausrufe und dann doch wieder das Pony verfolge. Und doch: Egal. Das alles ist es mir wert. Die autodidaktische Bildung, die Kommunikationsmöglichkeiten, das lohnt sich schon für ein bisschen Pseudo-ADHS. Besser als drogenabhängig oder sehr, sehr langsam zu sein.

Nur – auch das war eher mal wieder persönliche Schönredung als die ganze Wahrheit. Denn jetzt, wo ich tatsächlich die meiste Zeit damit verbringen muss, effizient zu sein – für die Arbeit, für die Uni, für einen sehr knappen Zeitrahmen, in dem Dinge fertig und E-Mails beantwortet und Texte geschrieben sein müssen, merke ich, wie schwierig es ist. Nicht nur schwierig: Quasi unmöglich. Einen Text für die Uni lesen, für den Kommilitonen eine halbe Stunde brauchen? Ich brauche mindestens zwei, und dann habe ich auch nur die Hälfte verstanden.

Die Geduld, sich mit Dingen auseinanderzusetzen, die einen auch langweilen, tendiert bei mir gegen Nulltausend. Die Kunst, für mehr als fünf Minuten zuzuhören, selbst wenn es kein TED-Talk ist, hat sich so stark reduziert dass ich tatsächlich schon frustriert mit mir selbst kämpfen muss. In der Uni macht es mich verrückt, nicht nebenbei noch schreiben oder Musik hören oder twittern zu können, Online denke ich die ganze Zeit nur daran, dass ich so viel noch für die Uni machen muss – gleich, gleich, erst noch kurz Facebook und Tumblr abchecken, dann geht’s weiter.

Letztendlich weiß ich, dass mein Lebensstil in den letzten Jahren was meine Konzentration angeht, ein bisschen verwahrlost ist. Das kommt davon, wenn man von zu Hause auszieht und die elterliche Erziehung damit zu Ende ist, hah. Jetzt geht es darum, sich wieder einzufügen, auch mal eine Pause zu machen, den Moment zu genießen, Intelligenz zu schätzen und sich nicht mehr auf Verteilung und Informationskonsum zu stützen, auf Schnelligkeit und auf Hypes, sondern seinen Geist zu sammeln und zu entscheiden: Was finde ich gut? Wieso interessiert mich das, wieso interessiert mich das andere nicht?

Vielleicht auch mal wieder ein Buch anfangen und tatsächlich zu Ende lesen, vielleicht zwei Mal die Woche ein Sudoku Spiel spielen und nicht aufhören, bis es fertig ist, vielleicht die Musik mal ausmachen und nur auf’s Kochen konzentrieren. Vielleicht ist für all das auch später im Leben mal Zeit, aber eins ist klar: Wenn ich jemals eine Hausarbeit pünktlich abgeben will, sollte ich jetzt wohl mit den Resozialisierungsmaßnahmen beginnen. Und wie viele Absätze habt ihr so übersprungen?

Die Illustration stammt von Icons8
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Alaina Castillo: Eine junge Frau mit Ambitionen

Durch ihren impressionistischen und gefühlsbetonten Zugang zu zeitgenössischem R&B und Pop drückt Alaina Castillo das breite Spektrum der komplizierten Emotionen aus, die das moderne Leben in seiner jetzigen Form ausmachen und spiegelt die einzigartige Perspektive ihrer Generation wider. Oder anders...
Alaina Castillo: Eine junge Frau mit Ambitionen

Alaina Castillo

Eine junge Frau
mit Ambitionen

Annika Lorenz

Durch ihren impressionistischen und gefühlsbetonten Zugang zu zeitgenössischem R&B und Pop drückt Alaina Castillo das breite Spektrum der komplizierten Emotionen aus, die das moderne Leben in seiner jetzigen Form ausmachen und spiegelt die einzigartige Perspektive ihrer Generation wider. Oder anders ausgedrückt: Sie ist jung, schön und will jetzt endlich ein Superstar werden. Denn sie hat es sich verdient.

Die in Houston aufgewachsene und in Los Angeles lebende Künstlerin entdeckte ihre eigenen musikalischen Ambitionen erst, nachdem sie dem Chor ihrer örtlichen Kirche beigetreten war: „Mir wurde klar, dass es mir wirklich Spaß machte, zu üben und auf die Bühne zu gehen, und dass das Endergebnis etwas Erstaunliches und Schönes ist.

Alainas religiöse Erziehung bedeutete zunächst, dass ihre popkulturelle Ernährung sehr begrenzt war. Nachdem ihre Eltern sie mit einer Diät aus Kirchenmusik und klassischem Pop, von den Beach Boys über Elvis Presley bis hin zu Whitney Houston, wurde sie zu einer Frau mit Ambitionen, nachdem sie Usher im Radio gehört hatte. Er hat ihr den Weg gezeigt, den sie nun konsequent gehen möchte, bis sie ein Superstar ist. Denn sie hat es sich verdient.

Alaina Castillo: Eine junge Frau mit Ambitionen Alaina Castillo: Eine junge Frau mit Ambitionen Alaina Castillo: Eine junge Frau mit Ambitionen Alaina Castillo: Eine junge Frau mit Ambitionen Alaina Castillo: Eine junge Frau mit Ambitionen
Die Fotografie stammt von Chris Shelley
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Miauende Monster: Katzen sind scheiße

Unsere Gesellschaft wird häufig, unter anderem, durch die Leidenschaft für unsere haarigen Mitbewohner gespalten. Nicht der bärenartige Heavy-Metal- und “Dungeons & Dragons”-Nerd, mit dem gezwirbelten Kinnbärtchen, der sich mit euch die Miete teilt, ist gemeint. Nein, sondern das, was ihr eigentlich...
Miauende Monster: Katzen sind scheiße

Miauende Monster

Katzen sind
scheiße

Anna-Charleen Klahölter

Unsere Gesellschaft wird häufig, unter anderem, durch die Leidenschaft für unsere haarigen Mitbewohner gespalten. Nicht der bärenartige Heavy-Metal- und “Dungeons & Dragons”-Nerd, mit dem gezwirbelten Kinnbärtchen, der sich mit euch die Miete teilt, ist gemeint. Nein, sondern das, was ihr eigentlich, als vernünftige Studenten, nicht zu Hause habt, zumindest, falls ihr wissen solltet, was Verantwortung bedeutet: Einen Vierbeiner.

Das ist euch immer noch nicht präzise genug, weil ihr eventuell sadistisch veranlagt seid und euren Partner mit Freude beim Liebespiel auf dem scheuernden Teppichboden krabbeln seht? Verdammt, ich rede von einem Haustier! Das, was Mami und Papi euch früher mal geschenkt haben, um euch pädagogisch wertvoll zu erziehen. So war es zumindest bei mir gedacht. Ein Tier soll einem Verantwortungsbewusstsein lehren.

Ich, zum Beispiel, fand es damals einfach verdammt reizend, meinen Mischlingsdackel in kleine T-Shirts und Mützchen zu kleiden. In meinem pinken Kinderwägelchen sah er einfach hinreißend aus. Ich kann euch, egal wie sehr ihr jetzt schimpft, trotz alledem nicht bestätigen, mein bester Freund auf vier Pfoten hätte sich damals auf meinen aufwendig vorbereiteten Modeshows nicht wohl gefühlt. Ich bin überzeugt davon, er hatte riesigen Spaß.

Trotzdem: Lasst eure Kinder bitte niemals mit einem passionsfähigen Lebewesen alleine! Nicht jeder hat so ein sanftes Händchen wie ich. Und wir alle kennen schreiende, erbarmungslose Schokoladenmünder und ihre noch nicht ausreichende Fähigkeit zur Empathie. Die meisten Hunde würden nämlich weder murren, noch ihren vertrauten Peiniger mit den grabschenden Puddingfingern beißen, schließlich sind sie ja das liebenswürdigste Tier, das die Evolution hervorgebracht hat.

Man könnte jetzt schnell behaupten, Hunde schenken einem nur deshalb Zuneigung, um mühelos Nahrung zu ergattern und ihre von Flöhen verseuchten Bäuchlein gestreichelt zu bekommen, aber solche Äußerungen können nur von emotionslosen Pessimisten stammen, die zu der Fraktion „Gefühle entstehen ausnahmslos aus chemischen Vorgängen usw.“ gehören.

Würde ein kleiner, liebenswerter Yorkshire Terrier einem dieser verbitterten, einsamen Seelen nur einmal mit seiner nassen Zunge über die Wange schlecken, wäre ihr Herz erwärmt und sie könnte nicht anders, als zum Stöckchen zu greifen und sich der Liebe eines Hundes hinzugeben.

Okay, zugegeben, ich bin kurz abgeschweift und habe etwas dick aufgetragen. Fakt ist doch, dass die Loyalität dieser Tiere, einmal gefestigt, beinahe unumkehrbar und grenzenlos ist. Die Klassifizierung, ob jemand Hunde- oder Katzenliebhaber ist, sagt, meiner Erfahrung nach, einiges über einen Menschen aus. Natürlich, ich verstehe das. Katzen sind elegant. Und Katzen riechen nicht. Oder zumindest riechen sie nicht nach Hund.

Katzenhaftigkeit hat etwas Gefährliches und Erotisches an sich, denkt man nur an Catwoman. Halle Berry hätte in einem Beaglekostüm höchstwahrscheinlich nicht einmal halb so vielen pubertären Jungs Spaß in die Hose gebracht. Aber wir alle kennen das Phänomen der Schönheit ohne Herz. Jeder Teeniefilm hat uns doch in zahlreicher Ausführung gelehrt, dass sich der etwas Trottelige, aber Liebevolle, der beiden Kandidaten, stets als die richtige Wahl herausgestellt hat.

Ihr könnt also meinetwegen behaupten, eure Muschi sei, von ihrem Verhalten her, viel komplexer als der sogenannte beste Freund des Menschen, weil sie nicht jedem Dahergelaufenen die Hand leckt. Aber das hat nichts damit zu tun, dass sie sich ein bestimmtes Selektionsmuster angeeignet hat, nachdem sie nur mit bestimmten Personen sympathisiert, nein, es hat was mit dem allgemeinen Welthass zu tun, den Katzen mit ihren durchdringenden Blicken auf uns abfeuern.

Ihr erinnert euch alle mit Sicherheit an den filzigen, schlecht dreinschauenden Star von 9GAG. Auf eine ganz banale Art und Weise, nämlich dem Nicht-Verbergen des wahren Charakters seiner Spezies und die rasende Unterstützung von euch, durch das Teilen seiner Bilder auf allen sozialen Netzwerken, hat das goldige Fellknäuel namens Grumpy Cat, letztes Jahr mehr Geld eingebracht, als beispielsweise Schwerstverdiener Will Smith.

Das, liebe Leute, ist der erste Schritt der lange geplanten Herrschaft über uns! Ich will nicht leugnen, dass ich hin und wieder dazu neige zu übertreiben, was wäre auch eine Leben ohne effekthascherische Ausschweifungen. Aber ihr wisst es doch sicher alle selbst, dass neben Verschwörungstheorien bezüglich 9/11, den Illuminaten und Kanye Wests Baby, auch unzählige geheimbündlerische Geschichten im Umlauf sind, bezüglich der wahren Herkunft von Katzen.

Ein Exempel wäre der Mythos, die schnurrenden Parasiten kämen aus dem All und leben unter den Menschen, um sie zu infiltrieren und Informationen für das Mutterschiff zu beschaffen. Mir geht es an dieser Stelle nicht um Authentizität, was ziemlich klug klingt, sondern um das Ausdrücken meiner Verständnislosigkeit. Katzenmasken, Katzenvideos, T-Shirts mit frechem „Meow“-Aufdruck und natürlich auch die Lieblinge des Facebook-Nutzers, die herzerwärmenden Katzenemoticons.

Ich meine, ich war letztens auf einer dieser nur fast peinlichen Dildopartys, und die Eindrücke des Abends wurden dann im Nachhinein von unserer Dildofee, die in Gestalt der Menopausen-breit-wie-hoch-Schaumfestigerlocken-Heike zu uns geschwebt kam, in einem Album festgehalten, dessen Cover kleine Kätzchen zierten, die in einem Stiefel hockten. Katzen überall. Zufall?

An dieser Stelle wünsche ich mir Jonathan Frakes, einer der zahlreichen RTL2-Stars meiner Kindheit, als Ansprechpartner. Was der Mann wohl gerade macht? Ihr behauptet, das alles läge daran, dass diese Vierbeiner so anbetungswürdig niedlich sind? Glaubt mir, dann gehört ihr nur zu denjenigen, die sich von süßen Instagram-Fotos, oder solltet ihr aus einer analogeren Generation kommen, dann putzigen Glitzerklebebildchen, habt täuschen lassen.

Denkt denn niemand an Beethoven, Komissar Rex oder Lassie? Verdammt nochmal, Lassie hat Timmy aus dem Brunnen gerettet! Mehrmals! Nein, es müssen ja Katzen sein. Das Verlogenste, was der Mensch sich in seine heimischen vier Wände geholt hat. Selbst dem penetranten Klinkenputzer, der euch den neuesten High-Tech-Staubsauger verkaufen will, könnt ihr mehr Vertrauen schenken. Der verkauft euch zwar Scheiße, ist aber höchstwahrscheinlich, in seiner ganzen Einfachheit, selbst von der Qualität seines Auftrages überzeugt. Dummheit ist keine Schande!

Die Tatsache, dass Katzen der Hauptwirt eines perversen, teilweise tödlichen Parasiten sind, ist wahrscheinlich nur den Wenigsten von euch bekannt. Alle von euch, die sich gerade etwas Essbares ins Gesicht schieben, denen rate ich: Stellt eure kulinarischen Köstlichkeiten, Salamitoast oder Spaghetti Bollo, kurz beiseite!

Der Star der Stunde heißt Toxoplasma gondii und lebt in der Katzenscheiße, die ihr Tag für Tag fein säuberlich, und mit Balance, aus dem stinkendem Streu heraus siebt. Der Lebenssinn dieses winzig kleinen Schmarotzers ist es, sich in eurem Gehirn festzusetzen, genau an der Stelle, an der sich euer Angstzentrum befindet, welches dafür sorgt, dass ihr nicht lachend in eine Kreissäge rennt.

Er beschädigt es gezielt und kann euch dadurch so manipulieren, dass ihr Risiken nicht mehr einschätzen könnt und euch in lebensgefährliche Situationen bringt. Dieser Parasit verwandelt euch somit in praktisch suizidgefährdete Adrenalin-Junkies und will euren Tod! Hört sich unheimlich und abgedreht an, aber wenn ihr mir nicht glaubt, fragt doch Dr. Google.

So, nachdem wir nun knapp tausend Wörter umfassenden Shitstorm auf Katzen hinter uns gebracht haben, kommen in mir langsam Befürchtungen auf, ich könnte den einen oder anderen von euch eventuell mit meinen Behauptungen verletzt haben. Zwar ist es mir ziemlich egal, wer wie mit mir sympathisiert, trotzdem möchte ich euch eine Erklärung für den Anfang meines grenzenlosen Grolls gegen eure Lieblinge liefern.

Beinahe jeglicher Generation aus der westlichen Welt dürfte der Disney-Klassiker “Susi & Strolch” ein Begriff sein. Die zwei süßen Hündchen, die sich den Nudel-Hackfleischbällchen-Teller im vermüllten Hinterhof eines italienischen Restaurants teilen. Insgesamt ein ganz toller Film, keine Frage, der gute Walt und seine Crew haben sich zweifellos, wie gewohnt, eine Menge Mühe gegeben, um die Herzen der Kleinen und Großen höher schlagen zu lassen.

Nur was zur Hölle sollte das mit den zwei grausamen, vom Teufel persönlich domestizierten Siamkatzen? Als die beiden blauäugigen Hadesviecher aus dem Korb getänzelt kamen, hatte meine Mutter früher stets Mühe mich zu beruhigen, weil ich aus tiefster Angst und vollem Herzen zu weinen und zu schreien anfing.

Ich meine, schaut euch das Spektakel an, kramt die alte VHS-Kassette aus den verstaubten Kartons, neben vergilbten Barbies oder Lego-Bergen, heraus und gebt euch den vollen Horror. All die Splatter-Filme von heute sind meines Erachtens nach stumpfsinniger Blödsinn, getaucht in jede Menge Kunstblut, gerne noch kombiniert mit einem Hauch Sci-Fi. Diese Szene mit den zwei Scheusalen, die die kleine Susi tyrannisieren, ist echter Psychoterror und hat mich für den Rest meines Lebens traumatisiert.

Zusammenfassend will ich damit einfach ausdrücken, ihr könnt mich hassen so sehr ihr wollt, dafür, dass ich die Wahrheit ausgesprochen habe. Aber vielleicht habe ich ja doch den einen oder anderen zum Nachdenken und Verriegeln der Messerschublade und Verschließen der Schlafzimmertür anregen können.

Falls während des Lesens dieses Artikels zufällig euer fetter, gelbäugiger Kater aus dem Hinterhalt zugesehen hat, packt noch heute Nacht eure sieben Sachen, kauft, um Zeit zu gewinnen, kiloweise Katzenminze und verlasst die Stadt. Er weiß nun, was ihr wisst. Glaubt mir, es ist nur zu eurem Besten…

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Mädchen in Japan: Oh, wie schön ist Tokio

Das Land der aufgehenden Sonne gehört nicht ohne Grund zu den wahrlich magischsten Orten dieses Planeten. Besonders in der japanischen Hauptstadt findet man einen Schmelztiegel der kulturellen Eroberungen, von farbenfroher Mode über leckerem Essen bis hin zu poppiger Musik. Tokio ist immer eine R...
Mädchen in Japan: Oh, wie schön ist Tokio

Mädchen in Japan

Oh, wie schön
ist Tokio

Daniela Dietz

Das Land der aufgehenden Sonne gehört nicht ohne Grund zu den wahrlich magischsten Orten dieses Planeten. Besonders in der japanischen Hauptstadt findet man einen Schmelztiegel der kulturellen Eroberungen, von farbenfroher Mode über leckerem Essen bis hin zu poppiger Musik.

Tokio ist immer eine Reise wert, egal für welchen touristischen Zweck man auch dort hin möchte. Selbst die alltäglichsten Begebenheiten werden am fernöstlichsten Ende der Welt zu einem Abenteuer. U-Bahnfahren, Manga lesen, über eine berühmte Verkehrskreuzung gehen: Japan ist auch in den kleinsten Ereignissen fantastisch.

Auch der israelische Fotograf Michael Ivnitsky hat sich auf die Reise nach Japan gemacht. Dort wollte er nicht nur hohe Gebäude, fischreiches Essen und das Gewusel der Stadt mit eigenen Augen sehen, sondern war auch auf der Suche nach den schönsten Seiten von Tokio – in Form eines hübschen Mädchens, das er gleich in einem Hotelzimmer im Herzen der Stadt für das Nasty Magazin verewigte.

Lisa M, der ihr auf Twitter folgen und auf Patreon etwas Kleingeld im Tausch gegen ein paar Nackedeifotos zukommen lassen könnt, ist Japan pur. Ihre zarthelle Haut, die dunklen Haare, die süßen Rehaugen, all das schreit geradezu nach der femininen Magie Asiens.

Wer durch die Straßen der japanischen Großstädte wandelt, der verliebt sich schon mal in eines der zahlreichen Mädchen, die dort von Boutique zu Boutique, U-Bahnstation zu U-Bahnstation oder Klassenzimmer zu Klassenzimmer laufen, immer hektisch, immer gut geschminkt, immer von einer magischen Aura umgeben, die man hier vergebens sucht.

Michael Ivnitsky hat das Paradies Japans gesucht und es in den hüllenlosen Armen von Lisa M gefunden. Das Land der aufgehenden Sonne gehört nicht ohne Grund zu den wahrlich magischsten Orten dieses Planeten. Und Lisa M ist einer dieser zahlreichen Gründe…

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Die Fotografie stammt von Michael Ivnitsky
Als Model ist Lisa M zu sehen
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Mind Game: Gott ist tot

Ein Taugenichts verliebt sich in ein Mädchen mit großen Brüsten und wird bei einem Überfall in den Arsch geschossen. So normal beginnt Mind Game, der, sagen wir mal, bewusstseinserweiternde Anime von Robin Nishi und Masaaki Yuasa. Nach dem unrühmlichen Ableben trifft der junge Mann dann auf einen kö...
Mind Game: Gott ist tot

Mind Game

Gott ist tot

Marcel Winatschek

Ein Taugenichts verliebt sich in ein Mädchen mit großen Brüsten und wird bei einem Überfall in den Arsch geschossen. So normal beginnt Mind Game, der, sagen wir mal, bewusstseinserweiternde Anime von Robin Nishi und Masaaki Yuasa. Nach dem unrühmlichen Ableben trifft der junge Mann dann auf einen körperlich ziemlich instabilen Gott, der ihm mit magischen Riesenbildschirmen und Spiegeln eine zweite Chance ins Leben verpasst.

Die nutzt er, flieht mit einer gescheiterten Schwimmerin und ihrer burschikosen Schwester vor Gangstern, Comic-Figuren und hässlichen Franzosen und erzählt währenddessen die Geschichte einer gestrandeten Weltraum-Crew, die sich von dem Dung eines extrem tollpatschigen Aliens ernähren muss und irgendwann merkt, dass ihre einzige Chance aus dem Dilemma der vaginale Ausgang einer auf der Toilette sitzenden Japanerin ist. Die ganze Bande landet irgendwann im Bauch eines Wals, trifft auf einen schrulligen alten Mann und entdeckt bald ihren eigenen Sinn des Lebens.

Weil ich zu dumm zum Kiffen war und mein bewusstseinserweiternder Kakao auch nicht so richtig zünden wollte, musste ich gestern Nacht die Grenzen meiner Gedankenwelt auf andere Art und Weise versetzen und zog mir Mind Game vom japanischen Studio 4°C hinein, die sich auch für Batman Gotham Knight und Animatrix verantwortlich zeigen.

Schnellwechselnde Szenen, harte Schnitte und eine bescheuerte Story, gepaart mit grellen Farben und unterschiedlichsten Zeichenstilen, brachten meinen Kopf zum Platzen und schafften es mich mit einem Feuerwerk aus Kreativität und Inspiration so zu verwirren, dass ich anschließend in einer embryonalen Stellung auf dem harten Boden lag und mir wünschte, Gott wäre mein neuer bester Freund.

Wer mutig ist und sich nicht immer nur bei Disneys Alice im Wunderland und der Rocky Horror Picture Show die Birne wegballern möchte, der darf sich ruhig einmal an diesem japanischen Animationswerk versuchen und dadurch auf eine bildgewaltige Odyssee von Robin Nishi und Masaaki Yuasa durch eure Fantasie gehen. Für Komplettnüchterne ist der Streifen zwar nicht geeignet, alle anderen werden aber ihre pure Freude an Mind Game haben. Nishi, Gott und dicke Titten forever.

Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot
Die Illustration stammt von Studio 4°C und Rapid Eye Movies
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Rakutaro Ogiwara: Junges Japan

Wenn ihr Menschen zum Thema Japan befragt, dann antworten diese meist mit Stereotypen. Sie kennen Sushi und vielleicht noch Sake. Sie kennen verrückte Fernsehshows und vielleicht noch Manga. Sie erwähnen womöglich sogar die Automaten, an denen Leute die gebrauchte Unterwäsche von minderjährigen Schu...
Rakutaro Ogiwara: Junges Japan

Rakutaro Ogiwara

Junges
Japan

Marcel Winatschek

Wenn ihr Menschen zum Thema Japan befragt, dann antworten diese meist mit Stereotypen. Sie kennen Sushi und vielleicht noch Sake. Sie kennen verrückte Fernsehshows und vielleicht noch Manga. Sie erwähnen womöglich sogar die Automaten, an denen Leute die gebrauchte Unterwäsche von minderjährigen Schulmädchen kaufen können, die gerade knapp bei Kasse sind.

Doch wer einen Fuß nach Japan setzt, der merkt schnell, dass das Land aus mehr besteht als nur süßen Animefiguren, farbenfrohen Videospielen und frisch geschnittenem Fisch. Die Nation wird gerade von einer unglaublich kreativen, überaus verspielten und oft auch sehr einsamen Jugend übernommen, die nur eines möchte: In einer Gesellschaft voller strikter Regeln überleben.

Der in Sagamihara lebende Künstler Rakutaro Ogiwara hat es sich zur Aufgabe gemacht, die jungen Einwohner seines Heimatlandes in seinen Fotografien zu verewigen. Auf seinem Instagram-Account teilt er spezielle, interessante und manchmal sogar magisch intime Momente von Menschen, deren Ideenreichtum oft nur von ihrer instinktiven Schüchternheit übertroffen wird.

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Die Fotografie stammt von Rakutaro Ogiwara
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Die Bäckereiüberfälle: Haruki Murakamis krimineller Fiebertraum

Ja, ich gebe es zu, ich befinde mich im Augenblick auf einer unwiderruflichen Haruki-Murakami-Pilgerfahrt, aber, hey, wie kann mir das auch nur eine einzelne Seele da draußen verübeln? Schließlich zählt der japanische Autor zu den Besten seiner Zunft. Und das gilt für die Vergangenheit, die Gegenwar...
Die Bäckereiüberfälle: Haruki Murakamis krimineller Fiebertraum

Die Bäckereiüberfälle

Haruki Murakamis
krimineller Fiebertraum

Marcel Winatschek

Ja, ich gebe es zu, ich befinde mich im Augenblick auf einer unwiderruflichen Haruki-Murakami-Pilgerfahrt, aber, hey, wie kann mir das auch nur eine einzelne Seele da draußen verübeln? Schließlich zählt der japanische Autor zu den Besten seiner Zunft. Und das gilt für die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft gleichermaßen.

Aber ich kann alle Skeptiker gut verstehen. An welches seiner Werke sollte man sich zuerst herantrauen, um dem Meister gerecht zu werden? Lieber mit dem allseits beliebten Naokos Lächeln beginnen? Sich in die Psychogeschichte Hard-Boiled Wonderland und das Ende der Welt heranwagen? Oder doch gleich das Epos 1Q84 als erste, neue Vision erleben?

Glück habt ihr. Schließlich gibt es ein kleines Büchlein mit dem fantastischen Titel Die Bäckereiüberfälle, übersetzt von Damian Larens, das wie eine kleine Demo agiert und euch die Light-Version eines Murakami-Romans in kurzen, feinen Häppchen auf dem Lesetisch serviert. Mit Illustrationen von Kat Menschik ermöglicht es euch, kurz einzutauchen, in seine Welt.

„Gott und Marx und John Lennon sind tot. Wir hatten Hunger, so viel stand fest, deshalb wollten wir Böses tun. Aber nicht der Hunger trieb uns zum Bösen, sondern das Böse trieb, indem es uns hungern ließ. Klingt irgendwie, ich weiß nicht, existenzialistisch. So machten wir uns auf zur Bäckerei. Mit Messern bewaffnet, gingen wir langsam die Geschäftsstraße entlang auf die Bäckerei zu. Wir kamen uns vor wie in High Noon. Mit jedem Schritt duftete es wohliger nach Brot.“

Euch zu viel zu verraten, das wäre kontraproduktiv. Aber im Groben geht es um zwei Freunde, die eines Tages beschließen, eine Bäckerei zu überfallen. Schließlich haben sie Hunger. Und was wäre bitte ein besserer Grund, um eine Bäckerei zu überfallen? Na eben. Doch die Tat endet anders, als sie es sich vorgestellt haben, und führt zu unaufhörlichem Übermut.

„Das Mädchen starrte uns verblüfft an. In den Verhaltensregeln für McDonald’s-Personal steht nirgendwo, wie man Kunden zu begegnen hat, die plötzlich Skimützen überziehen. Sie wollte mit dem weitermachen, was nach dem Willkommen bei McDonald’s kommt, aber ihr Mund gefror, und sie brachte kein Wort heraus. Nur ihr Arbeitslächeln blieb ihr unsicher an den Lippen hängen wie die Neumondsichel bei Tagesanbruch.“

Die Bäckereiüberfälle könnt ihr ruhig und mit einem Sandwich bewaffnet an einem Nachmittag durchlesen. Es ist eine kurze Geschichte über Recht und Ordnung, über Flüche und Frauen, über das Hier und Jetzt. Wer sie versteht, der ist bereit für eines von Haruki Murakamis größeren Werke, alle anderen wissen zum Schluss zumindest, dass aller bösen Dinge zwei sind.

Die Fotografie stammt von DuMont
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Golden Shower: Ich pisse auf andere Menschen

Ich glaube, ich habe bereits sämtliche sexuellen Spielarten ausprobiert, die es so gibt. Okay, vielleicht nicht alle, aber zumindest ziemlich viele - auch solche, die für mich im Kopf keinen sonderlichen Reiz ausgelöst haben, auf die ich aber immer wieder von Partnerinnen oder Partnern gestoßen wurd...
Golden Shower: Ich pisse auf andere Menschen

Golden Shower

Ich pisse auf
andere Menschen

Nadine Kroll

Ich glaube, ich habe bereits sämtliche sexuellen Spielarten ausprobiert, die es so gibt. Okay, vielleicht nicht alle, aber zumindest ziemlich viele – auch solche, die für mich im Kopf keinen sonderlichen Reiz ausgelöst haben, auf die ich aber immer wieder von Partnerinnen oder Partnern gestoßen wurde. Probieren geht über Studieren, lautet irgendein semikluges Sprichwort, und so kam es auch dazu, dass ich nach einigen nervenaufreibenden Gesprächen und viel Recherche im Internet mit Golden Showers Bekanntschaft schloss.

Als mir zum ersten Mal ein Typ gesagt hat, dass er es geil fände, wenn ich ihm auf den Schwanz pissen würde, war ich so perplex, dass ich das laut aussprach, was mir als Erstes in den Kopf kam: „Ich kann nicht.“ Er bekam den Satz in den falschen Hals, wir hörten auf zu ficken und begannen eine Diskussion über das Anpissen beim Sex.

Ich finde es nicht komisch, wenn Menschen darauf stehen, sich anpinkeln zu lassen oder Urin zu trinken. Es kam mir bis zu diesem Moment, wo der Typ, mit dem ich gerade am Ficken war, es laut aussprach, nur nicht in den Sinn, es selbst zu machen.

In meiner Vorstellung fand ich es einfach nicht geil, mir von einem Typen ins Gesicht oder auf andere Teile meines Körpers urinieren zu lassen. Und was die ganze Sache andersrum betraf: Nun, ich kann eben nicht, wenn mir jemand zuschaut – was ein großes Problem darstellt, wenn unter dir jemand liegt, der danach geiert, dir dabei zuzusehen, wie du ihm auf den Schwanz pisst.

Die Affäre zwischen ihm und mir lief noch eine ganze Weile, doch zu „Watersports“ kam es nie. Das Thema schien mich seit diesem Tag dennoch irgendwie zu verfolgen, denn immer mehr Männer, mit denen ich sprach, online und offline, erzählten mir, dass sie total darauf abfahren, sich anpinkeln zu lassen oder es zumindest gerne mal ausprobieren würden. Es war allerdings für keinen von ihnen ein Muss, und so blieb es bei Sex, der sich auf den Austausch von „normalen“ Körperflüssigkeiten beschränkte – bis ich Tom kennenlernte und mich Hals über Kopf in ihn verliebte.

Tom war der perfekte Mann für mich, denn er sah nicht nur umwerfend aus, sondern brachte auch charakterlich all die Eigenschaften mit, die ein Mensch, mit dem ich mir eine Beziehung vorstellen kann, haben muss. Es gab jedoch ein klitzekleines Problem an ihm: Er war einer dieser Männer, die zwar permanent geil sind, aber nur dann wirklich einen hochkriegen, wenn ein spezieller Fetisch erfüllt wird – und das war in seinem Fall eben das Anpissen.

Die ersten Wochen halfen wir uns mit anderen Methoden (Lecken, Fingern, Dildos) über die Runden, doch irgendwann wollte ich mehr. Ich wollte seinen harten Schwanz sehen, anfassen und in mir spüren, und natürlich auch ihm Lust bereiten, denn bisher war es ja immer nur um mich gegangen.

Also fing ich an zu recherchieren. Dabei interessierte mich vor allem, was ich tun musste, um meinen Urin so „neutral“ wie möglich zu bekommen – schließlich wissen wir alle, wie Festivaltoiletten riechen und abgesehen davon, dass ich die Vorstellung, jemanden anzupinkeln, sowieso irgendwie unangenehm fand, weil er mir dabei zusehen würde, wollte ich verhindern, dass die Sache auch noch stinkt.

Das Internet klärte mich schnell auf: Viel trinken. Am besten Wasser oder Kräutertee. Kein Alkohol, keine Drogen, kein Nikotin sowie jeglicher Verzicht auf Lebensmittel wie Knoblauch, Zwiebeln oder Spargel. Diese „Kur“ hielt ich exakt drei Tage durch – und beschloss, dass Tom da eben durchmusste. Jemanden anzupissen ist eine Sache – dafür auf alle Dinge, die Spaß machen zu verzichten eine andere.

Lange Zeit blieb jedoch die Frage nach dem „Wie?“. Klar, es gibt spezielle Bettlaken für nasse Angelegenheiten, doch so richtig Bock, mein eigenes Bett in ein Klo zu verwandeln, hatte ich nicht und spezielle „Toilette,“ bei denen der passive Partner mit dem Gesicht direkt unter der Klobrille liegt, sodass der Aktive sich nur noch hinsetzen und es laufen lassen muss, erscheinen mir persönlich bis heute sehr absurd. Mein „erstes Mal“ passierte dann zum Glück so spontan, dass das „Wie?“ plötzlich egal war.

Wir waren auf dem Nachhauseweg vom Berghain, verschwitzt, besoffen und auf Drogen, als mir Tom erzählte, was ihm wenige Minuten vorher auf dem Klo passiert war. Dort hatte ihn nämlich ein mittelalter Typ direkt am Pissoir darum gebeten, von Tom aufs Shirt gepisst zu kriegen. Mein Freund hat es natürlich nicht gemacht, ließ mich aber wissen, dass die Vorstellung, einen Abend in Kleidung verbringen zu müssen, die feucht war und nach Pisse roch, ihn ziemlich erregte.

Zuhause angekommen zog Tom mich mitsamt Klamotten unter die Dusche und wir begannen, uns unter wilden Knutschereien in dem heißen Wasser auszuziehen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es das Kokain in Verbindung mit der von Tom geschilderten Situation im Berghain war, das mich auf das brachte, was als nächstes kam.

Ich drehte das Wasser zu und befahl Tom, sich unter mich in die Duschwanne zu legen, auf deren Rand ich mich stellte – ein Bein rechts, das andere Bein links – und platzierte meine Muschi direkt über seinem verwunderten Gesicht, bevor ich anfing, meine mit Bier und Gin Tonic gefüllte Blase zu entleeren.

Ein klarer, warmer Strahl rann langsam an meinem Oberschenkel herab. Es dauerte ein paar Sekunden, bis ich ihn so unter Kontrolle hatte, dass er genau auf sein Gesicht traf, das dort mit offenem Mund auf ihn wartete. Ich schaute in den Spiegel, der gegenüber an der Wand hängt und beobachtete uns dabei. Er schluckte, fing an zu würgen, ich passte einen Moment nicht auf und meine Pisse traf sein linkes Auge.

Es muss echt höllisch gebrannt haben, denn Tom schrie auf und befahl mir, besser zu zielen. Aufgrund seines Würgens war ich total irritiert und stoppte den Strahl komplett. Er jedoch flehte mich an, weiter zu machen und auch sein Schwanz zeigte in seiner ganzen Härte an, wie sehr ihm das gefiel. Also ließ ich es wieder laufen.

Ich hatte sowieso das dringende Bedürfnis, meine Blase jetzt sofort komplett zu entleeren, also konnte ich das auch in seinen Mund machen. Er holte sich währenddessen einen runter und spritzte das erste Mal, seit wir zusammen waren, ab. Die Beziehung zu Tom ging aufgrund anderer Differenzen kurz nach dieser Erfahrung leider in die Brüche, doch vor ein paar Tagen erreichte mich eine SMS von ihm, in der er noch einmal darauf Bezug nahm, wie sehr in das Ganze tatsächlich geprägt hat.

„Ich werde nie vergessen, wie du über mir standest und Pisse aus deiner Muschi kam und ich sie getrunken hab und wie geil mich das gemacht hat. Du hast halt so krasse Bedürfnisse in mir befriedigt, das wird mich für immer beschäftigen, weil es was sehr Besonderes war. Sowas bleibt eben für immer einschneidend in meiner Erinnerung!“

Seit ihm habe ich tatsächlich auf den ein oder anderen Kerl, den ich im Bett, beziehungsweise in der Badewanne, hatte, uriniert. Ich muss gestehen, dass ich den Akt an sich bis heute nicht sonderlich erotisch finde, doch es tut eben auch nicht weh, und zu sehen, wie geil ein Mensch wird, dem gerade seine geheimsten Fantasien erfüllt werden, kann doch schon ziemlich erregend sein.

Die Fotografie stammt von Eleanor
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Feminismus: Ein Vorwand, um sich an Männern zu rächen

Letztens scrollte ich, wie so oft, durch Twitter, auf der Suche nach ein wenig Ablenkung durch lustige Sprüche und witzige Alltagsanekdoten, als ich an einer Reihe von Tweets hängenblieb, die mir regelrecht die Kotze in den offenen Mund trieb, den ich vor lauter Schock auch gar nicht mehr zu schließ...
Feminismus: Ein Vorwand, um sich an Männern zu rächen

Feminismus

Ein Vorwand, um sich an
Männern zu rächen

Lukas Neumann

Letztens scrollte ich, wie so oft, durch Twitter, auf der Suche nach ein wenig Ablenkung durch lustige Sprüche und witzige Alltagsanekdoten, als ich an einer Reihe von Tweets hängenblieb, die mir regelrecht die Kotze in den offenen Mund trieb, den ich vor lauter Schock auch gar nicht mehr zu schließen vermochte.

Emily Lindin, laut ihrer Kurzbiografie auf Twitter Dokumentarfilmerin und Autorin bei der Teen Vogue, verfasste die folgenden Statements: „Hier kommt eine unbeliebte Meinung: Ich bin tatsächlich kein bisschen besorgt über unschuldige Männer, die wegen falscher Vorwürfe der sexuellen Belästigung ihre Jobs verlieren. Erstens sind Falschbeschuldigungen sehr selten, schon alleine diese überhaupt anzuführen grenzt an eine Entgleisungstaktik. Es ist ein mikroskopisch kleines Risiko [dass eine Falschbeschuldigung vorliegt] im Vergleich zu dem Problem, um das es geht (weltweite, systematische Unterdrückung der Hälfte der Bevölkerung).“

Weiter schreibt sie: „Noch wichtiger ist: Der Gewinn für uns, die endlich die Wahrheit erzählen dürfen, und der Einfluss, den das auf die Opfer hat, ist bei Weitem mehr wert als dass ein einzelner Mann seine Reputation verliert. Tut mir leid. Wenn einige unschuldige Männer ihren Ruf verlieren müssen in dem Prozess, das Patriarchat zu stürzen, ist das ein Preis, den ich bereit bin, dafür zu bezahlen. Wie viele unserer Reputationen haben unfairerweise gelitten? Wie viele unserer Leben sind bereits zerstört worden aufgrund von körperlicher Gewalt gegen uns? Warum war das hinnehmbar, aber ein einzelner (unfairer) Verlust einer Karriereoption ist es nicht?“

Emily erntet für diese Aussagen viel Zuspruch, wie sich anhand der Retweets und Likes ihres Statements zeigt, was mir persönlich die Kotze noch ein bisschen weiter die Speiseröhre hochtreibt. Was die selbsterklärte Feministin dort von sich gibt, ist genauso harmlos, wie es sexuelle übergriffe sind. Nämlich gar nicht. Menschen für Taten zu bestrafen, die sie nicht begangen haben, ist – da stimmt ihr mir hoffentlich alle zu – Gewalt. Und Falschbeschuldigungen sind genauso große übergriffe, wie es Vergewaltigungen sind, denn sie können ein ganzes Leben zerstören. Für immer.

Ich möchte euch an dieser Stelle die Geschichte eines guten Freundes erzählen. Dieser war vor einigen Jahren mit einer Frau zusammen, die ihn fälschlicherweise der Vergewaltigung bezichtigte. Erst vor gemeinsamen Bekannten, später auch vor der Polizei. Das Verfahren landete nie vor Gericht, weil keine Beweise für eine Vergewaltigung vorlagen, aber Zweifel an der Unschuld meines Freundes blieben. Auch dann noch, als er Facebook-Nachrichten vorlegte, in denen seine Exfreundin ihm damit drohte, ihm eine Vergewaltigung anzuhängen, sollte er es wagen und sich von ihr trennen.

Nachdem er trotzdem Schluss gemacht und sie ihn daraufhin bei der Polizei angezeigt hatte, rief sie ihn sogar an und sagte ihm, dass sie ihre Aussage zurückziehen würde, wenn er wieder mit ihr zusammenkäme. Er ging nicht darauf ein. Verzichtete nach der Verfahrenseinstellung aber auf eine Gegenanzeige wegen falscher Verdächtigung, weil er wusste, dass seine Exfreundin eine narzisstische Persönlichkeitsstörung hatte und statt einer Strafe des Gerichts therapeutische Hilfe benötigte.

Sein Ruf behielt dennoch große Kratzer zurück. Nicht zuletzt deshalb, weil er seine psychisch kranke Exfreundin nicht noch mehr bestrafen wollte. Er nahm den Rufmord einfach hin, weil er weder sich noch seiner Exfreundin noch mehr schaden wollte, als sie es bereits getan hatte. Und leidet bis heute darunter, dass er von einigen seiner Mitmenschen als Vergewaltiger gesehen wird, obwohl er nie etwas getan hat.

Schuld daran ist unter anderem der Ausruf „Glaubt den Frauen!“, auf den Feministinnen sich immer wieder berufen. Es mag sein, dass Frauen in der Vergangenheit zu selten Glauben geschenkt wurde. Das ändert aber nichts daran, dass jede Geschichte zwei Seiten hat, von denen es beide wert sind, gehört zu werden, bevor ein abschließendes Urteil über Schuld oder Unschuld gefällt wurde.

Versteht mich nicht falsch: Ich bin sehr wohl dafür, dass Menschen, die sexuelle Gewalt ausüben, dafür bestraft werden. Oder sagen wir besser: Dass Menschen, die generell Gewalt ausüben, ihre gerechte Strafe bekommen. Die kann und sollte allerdings nur ein Gericht verhängen. über Menschen, die jemanden physisch angreifen genauso wie über die Personen, die gezielte Rufschädigung betreiben und die Reputation eines Menschen zerstören, nur weil es ihnen gerade in den Kram passt.

Natürlich sollen und müssen Vergewaltigungsfälle restlos aufgeklärt werden, auch um potenzielle zukünftige Opfer schützen zu können. Jemanden vorschnell aufgrund einer einzelnen Aussage zu verurteilen und sozial zu ächten, ihm den Job wegzunehmen und von der Gesellschaft auszuschließen, ohne dass bewiesen ist, dass er die vorgeworfene Straftat überhaupt begangen hat, ist jedoch vollkommen falsch. Ich sage das mit einem Blick auf den G20-Aktivisten Fabio, der mehrere Monate in Untersuchungshaft saß, ohne dass ihm eine konkrete Straftat nachzuweisen wäre.

Warum nur, frage ich, ist in diesem Fall die Empörung so groß, während in den ganzen bekanntgewordenen Fällen angeblicher sexueller übergriffe alle nach Verurteilung schreien, ohne dass Beweise für die Aussagen der Frauen vorliegen? Der Feminismus misst hier mit zweierlei Maß. Und richtet über Dinge, über die er meiner Meinung nach nicht zu richten hat. Weil der Feminismus nun mal nicht die Justiz ist, sondern lediglich ein Haufen Einzelpersonen, denen nicht alle Fakten bekannt sind. Und der noch dazu dazu neigt, die Dinge eher emotional zu bewerten als so, wie sie bewertet werden sollten. Nämlich rational.

Mich wundert es keineswegs, dass Feminismus einen so schlechten Ruf hat, wenn ich mir so ansehe, wie schnell sich insbesondere im Netz ein wütender Mob zusammenschließt, der Vorwürfe aufgreift und aufbläst, die er irgendwo mal aufgeschnappt hat. Ohne sie auch nur ansatzweise zu hinterfragen.

Ich sage euch ganz ehrlich: Euer Feminismus kotzt mich an. Denn es geht längst nicht mehr um Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau, sondern nur noch darum, sich über die Dinge zu erheben und sie für die eigenen Zwecke zu instrumentalisieren. Notfalls auf die Kosten von unschuldigen Männern. Das ist nicht nur grundlegend falsch, sondern auch gewalttätig. Und irgendwie auch das, was Feministinnen so gerne anprangern. Nämlich Ungerechtigkeit aufgrund von Geschlechtszugehörigkeit.

Nicht alle Männer sind Gewalttäter und Vergewaltiger. Manche Frauen sind auch Lügnerinnen, die einfach nur ein bisschen Aufmerksamkeit wollen. Oder Rache an Exfreunden und ehemaligen Kollegen oder Vorgesetzen. Bevor ihr die nächste Sau wegen irgendwelcher Vorwürfe durchs Dorf treibt und ihnen alles was ihnen lieb ist nehmt, denkt doch bitte mal daran.

Die Fotografie stammt von Melani Sosa
Der Text erschien in der Kategorie Leben mit den Themen
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500 Days of Summer: Ein Liebesfilm, der gar keiner ist

In Menschen, die das Leben luftig leicht nehmen, sich an nichts binden möchten und denen die geistige und körperliche Freiheit das höchste Gut ist, verliebt man sich am schnellsten und hofft, während der sanften Berührungen, des ersten Kusses und des umwerfenden Sex, dass man diese eine Person im Le...
500 Days of Summer: Ein Liebesfilm, der gar keiner ist

500 Days of Summer

Ein Liebesfilm,
der gar keiner ist

Marcel Winatschek

In Menschen, die das Leben luftig leicht nehmen, sich an nichts binden möchten und denen die geistige und körperliche Freiheit das höchste Gut ist, verliebt man sich am schnellsten und hofft, während der sanften Berührungen, des ersten Kusses und des umwerfenden Sex, dass man diese eine Person im Leben ist, für die man alle Vorsätze über Bord wirft, sich zu Liebesschwüren hinreißen lässt und mit dem man den Rest seines jämmerlichen Daseins verbringen möchte. Doch das geht meistens schief. Denn was haben wir bereits sehr früh gelernt? Einer ist Ernie, der andere immer Bert.

500 Days of Summer mit der bezaubernden Zooey Deschanel und dem dauerverträumten Joseph Gordon-Levitt ist ein luftig leichter Film über genau diese Art von absolut aussichtsloser Liebe zwischen einem Schmetterling und dessen Fänger, der im steten Wandel das Auf und Ab, die Höhen und Tiefen und die ständig sterbende und wieder auferweckte Hoffnung aufzeigt, mit der man in diesem Zusammenspiel der Schicksalsschläge zu kämpfen hat.

Unterlegt mit dem tollsten Soundtrack seit gefühlten Ewigkeiten, dem richtigen Gleichgewicht zwischen Komödie und Drama und sympathischen Charakteren, in die man sich sofort hinein versetzt fühlt, haben meine Schaubekanntschaft und ich Tränen gelacht, stumm in uns hinein geweint und jeden zweiten Dialog laut mit “Schlampe” kommentiert. Der perfekte Film also für jedes erste Date, über einen Liebesfilm, der gar kein Liebesfilm ist.

Die Fotografie stammt von Fox Searchlight Pictures
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NoFap: Nie wieder Wichsen

Mein bester Freund hat mir letztens bei einem nachmittäglichen Kaffee erzählt, dass er bis zu fünfmal am Tag onaniert - und ihn das fertig macht. Er wacht morgens auf und holt sich einen runter, geht in der Uni aufs Klo und holt sich einen runter, trifft sich mit Freundinnen und holt sich davor eine...
NoFap: Nie wieder Wichsen

NoFap

Nie wieder
Wichsen

Daniela Dietz

Mein bester Freund hat mir letztens bei einem nachmittäglichen Kaffee erzählt, dass er bis zu fünfmal am Tag onaniert – und ihn das fertig macht. Er wacht morgens auf und holt sich einen runter, geht in der Uni aufs Klo und holt sich einen runter, trifft sich mit Freundinnen und holt sich davor einen runter, geht schlafen und holt sich einen runter und wacht mitten in der Nacht auf und holt sich einen runter.

Da ihn das nicht nur Zeit, sondern auch Kraft kostet, hat er sich dazu entschieden, nicht mehr zu wichsen. Um das in die Realität umzusetzen, hat er sich in einem Subreddit namens NoFap umgesehen. Hier helfen Jungs sich dabei, ihr aus dem Ruder gelaufenes Onanieverhalten in den Griff zu bekommen. Schließlich kann schon der Abdruck eines Nippels unter einem T-Shirt ausreichen, damit die Palme gewedelt werden muss.

„Wenn Donald Trump Präsident werden kann, dann kann ich auch aufhören zu wichsen!“, schreibt zum Beispiel ein anonymer Handanleger. „Ich habe seit 90 Tagen nicht onaniert und fühle mich großartig!“, ein anderer. Und: „Dank meiner eigenen Enthaltsamkeit habe ich mir meinen Traum erfüllt und bin Feuerwehrmann geworden!“ Nicht schlecht! Wenn also auch ihr euch Zeit, Energie und womöglich auch Geld sparen wollt, dann wisst ihr ja jetzt, wo ihr eure Reise beginnen solltet. Mal sehen, wie lange mein bester Freund durchhält. Die Wetten laufen jedenfalls bereits…

NoFap: Nie wieder Wichsen
Die Fotografie stammt von Charles Deluvio
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Mädchen in Kalifornien: Ein Ausflug mit Emily Iacometti

Ich sage es ganz ehrlich: Ich bin nicht für den Winter gemacht. Während andere es sich gerne mit einer heißen Tasse voller dunkelbraunem Kakao und einem Marshmallow obendrauf, in einer dicken Decke eingemummelt gemütlich machen, stehe ich am Fenster und denke mir: Na komm schon, Sonne! Wo bist du n...
Mädchen in Kalifornien: Ein Ausflug mit Emily Iacometti

Mädchen in Kalifornien

Ein Ausflug mit
Emily Iacometti

Daniela Dietz

Ich sage es ganz ehrlich: Ich bin nicht für den Winter gemacht. Während andere es sich gerne mit einer heißen Tasse voller dunkelbraunem Kakao und einem Marshmallow obendrauf, in einer dicken Decke eingemummelt gemütlich machen, stehe ich am Fenster und denke mir: „Na komm schon, Sonne! Wo bist du nur?“ Ich brauche ihre wärmenden Strahlen auf dem Körper, möchte mich im Vitamin D suhlen, will in knappen Klamotten von Park zu Eisdiele und zurück hüpfen und es mir gutgehen lassen. Aber der jährliche Winter macht meinem Plan immer und immer wieder einen Strich durch die Rechnung.

Während wir in der dunklen und kalten Jahreszeit vor uns hin zittern, regiert auf der anderen Seite der Welt der Hochsommer. Mit allem was dazu gehört. Einem strahlen blauen, von der gigantischen Sonne verzierten Himmel, Strand, Wellen, Palmen, braungebrannten Surfern, die im Meer vor sich hingleiten, nur um von allen anderen bewundert zu werden. Inklusive mir. Was würde ich jetzt nicht alles geben, um dort zu sein, im äußersten Süden, in den Armen eines Johnnys, Mikes oder Eddys liegend, die mit Hai-Tattoos überseht sind und in der einen Hand ihr Surfbrett und in der anderen ein kühles Bier halten.

Aber weil ich hier im eiskalten Deutschland festsitze, freue ich mich zumindest, dass es woanders Fotografen gibt, die die Sonne in viereckigen Bildern um die Welt schicken und dafür auch in Mitteleuropa für ein bisschen Sommer-Feeling sorgen. Die Hauptrolle in James Geers kunterbunten Fotografien spielt die Beachgöttin Emily Iacometti, die uns mit ihrem sonnigen Gemüt die Lust am Leben zurück gibt – selbst in so dunklen Zeiten wie diesen. Also sitzen wir hier, gucken uns ihr Lächeln an, während sie oben ohne am Ufer chillt und versuchen, den Dezember, den Januar und den Februar einigermaßen heil zu überstehen…

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Die Fotografie stammt von James Geer
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Der Feind in meinem Bett: Mein Freund hat ein Mädchen vergewaltigt

Vor knapp drei Jahren hat mein Freund ein Mädchen vergewaltigt. Nicht so, wie sich das manche vielleicht vorstellen, in einer dunklen Gasse und mit viel Gewalt. Oder auf einer Party, wo sie so betrunken war, dass sie nicht mehr Nein sagen konnte. Die beiden waren damals ein Paar. Er wollte Sex un...
Der Feind in meinem Bett: Mein Freund hat ein Mädchen vergewaltigt

Der Feind in meinem Bett

Mein Freund hat ein
Mädchen vergewaltigt

Nadine Kroll

Vor knapp drei Jahren hat mein Freund ein Mädchen vergewaltigt. Nicht so, wie sich das manche vielleicht vorstellen, in einer dunklen Gasse und mit viel Gewalt. Oder auf einer Party, wo sie so betrunken war, dass sie nicht mehr Nein sagen konnte.

Die beiden waren damals ein Paar. Er wollte Sex und sie hat nein gesagt. Er hat ihre Worte übergangen und trotzdem mit ihr Sex gehabt, gegen ihren Willen. Mein Freund hat ein Mädchen vergewaltigt, in ihrem Schlafzimmer, ihrem eigenen Bett. Sie hat sich noch in derselben Nacht von ihm getrennt. Ich hingegen bin noch immer mit ihm zusammen, obwohl ich weiß, dass er sie vergewaltigt hat.

Mein Freund wurde dafür nie angeklagt, und wo kein Richter, da kein Urteil. Ich weiß, dass dieses Mädchen ihn nicht angezeigt hat. Ich weiß auch, warum sie es nicht getan hat. Ihr hätte sowieso niemand geglaubt. Wäre sie vor Gericht gegangen, hätte man ihr zumindest eine Teilschuld unterstellt. Die Strafe wäre zu milde ausgefallen, denn mein Freund streitet nicht ab, dass er sie vergewaltigt hat.

Er hat es zu keinem Zeitpunkt abgestritten. Schon in der Nacht, als er das Mädchen vergewaltigt hat, war ihm klar, was er da tat. Er hat es trotzdem gemacht. Mit ihr Sex gehabt, obwohl sie nein gesagt hat. Mir ihr Sex gehabt, gerade weil sie nein zu ihm gesagt hat. Weil er seinen Willen um jeden Preis durchsetzen wollte. Weil er Macht demonstrieren wollte. So hat er es zumindest mir erzählt.

Seit der Vergewaltigung haben sich beide in Therapie begeben, sowohl das Mädchen als auch mein Freund. Seit fast zwei Jahren sind wir nun zusammen, eins davon ist er bereits in Therapie. Er sagt, er fühlt sich selbst als Opfer seiner Triebe. Er sagt auch, dass er so erzogen worden ist, dass eine Frau ihm zu gehorchen hat. Und dass er nicht wieder Täter werden will.

Ich bin mit einem Vergewaltiger zusammen und ich weiß, was das bedeutet. Was es für das Mädchen von vor drei Jahren bedeutet, aber auch, was es für mich bedeuten kann. Dennoch liebe ich meinen Freund und bin bereit, das Risiko einzugehen, dass er eines Tages oder nachts nicht an sich halten kann und sich an mir vergeht. Mich vergewaltigt, so wie er einst schon mal ein Mädchen vergewaltigt hat.

Mein Freund ist kein gewalttätiger Typ. Das war er nie, und wird es auch nie sein. Er hat noch nie die Hand gegen mich oder jemand anderes erhoben. Dennoch ist er ein Vergewaltiger. Das lässt sich weder leugnen, noch lässt es sich ignorieren. Ich weiß bereits seit dem Tag, an dem wir zusammenkamen, was er diesem anderen Mädchen angetan hat. Trotzdem könnte ich mich niemals von ihm trennen. Trotzdem bin ich verliebt in ihn.

Ich habe die Frau, die mein Freund vergewaltigt hat, nie persönlich kennengelernt. Ich kenne sie nur von Bildern auf Facebook und auf Instagram. Manchmal würde ich gerne mit ihr sprechen und sie fragen, wie sie die Nacht damals empfunden hat. Ob sie meinem Freund das, was er getan hat, verziehen hat, oder ob sie ihm verzeihen will.

Ich möchte sie fragen, ob sie mir verzeiht, dass ich mit ihm zusammen bin, obwohl ich von seiner Tat weiß. Ich möchte sie fragen, ob sie inzwischen glücklich ist, ob es einen Mann an ihrer Seite gibt, ob sie immer noch oder schon wieder vertrauen kann. Ich denke nicht sehr oft an sie, aber wenn, dann glaube ich, dass ich ihren Schmerz schon etwas fühlen kann. Auch wenn mein Freund mich noch nie vergewaltigt hat, sondern sie.

Ich würde schon sagen, dass er sich seitdem verändert hat. Er weiß, was er getan hat und auch, dass es nie wieder passieren darf. Aus diesem Grund habe ich auch keine Angst vor ihm, auch wenn sich natürlich nicht ausschließen lässt, dass er mir irgendwann mal das antut, was er diesem Mädchen vor drei Jahren angetan hat.

Ich vertraue ihm zu 100 Prozent, und zumindest ich habe ihm die Vergewaltigung verziehen. Auch wenn ich, streng genommen, weiß, dass ich ihm nicht an ihrer Stelle verzeihen kann. Ich habe es trotzdem getan, denn ich glaube, hätte ich ihm nicht für sie verziehen, dann könnte ich ihn nicht so lieben, wie ich das tue. Ich hoffe, dass sie mich in der Hinsicht versteht. Auch Vergewaltiger brauchen Liebe. Auch Vergewaltiger können Liebe gebe.

Vor knapp drei Jahren hat mein Freund ein Mädchen vergewaltigt. Nicht so, wie sich die meisten das wahrscheinlich vorstellen, in einer dunklen Gasse und mit viel Gewalt. Oder auf einer Party, wo sie so betrunken war, dass sie nicht mehr Nein sagen konnte.

Er und sie waren damals ein Paar. Er wollte Sex und sie hat nein gesagt. Er hat ihre Worte ignoriert und trotzdem mit ihr Sex gehabt, gegen ihren Willen. Mein Freund hat ein Mädchen vergewaltigt. In ihrem Schlafzimmer. In ihrem Bett. Sie hat sich noch in derselben Nacht von ihm getrennt. Ich aber bin bis heute mit ihm zusammen. Obwohl ich weiß, dass er ein Mädchen vergewaltigt hat.

Ich habe ihm dafür verziehen und mir, und ich würde lügen, wenn ich sagte, dass es einfach für mich war. Mein Freund ist ein Vergewaltiger. Trotzdem liebe ich ihn, will mit ihm alt werden und mit ihm Kinder kriegen. Ich weiß, dass er seinen Fehler bereut und dass er die Verantwortung für seine Tat übernimmt. Auch wenn er vom Gesetz her nie bestraft wurde.

Und ich wünsche mir, dass es mir andere Menschen gleichtun, denn wir alle machen Fehler, verletzen Menschen und behandeln sie ungerecht. Ich finde es wichtig, in die Zukunft zu schauen und Menschen eine zweite Chance zu geben. Auch dann, wenn sie, wie mein Freund, ein Mädchen vergewaltigt haben.

Die Fotografie stammt von Nel Mel
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Kreativität war gestern: Berlin ist die Hauptstadt der kulturellen Bedeutungslosigkeit

Nein, das hier bezieht sich nicht auf zur Schau getragenen Hedonismus, nicht auf exzessive Partys, nicht auf freie Liebe, nicht auf eure Fahrräder oder euren Haarschnitt oder eure politische Einstellung und nein, um eure Outfits geht es auch nicht. Mich beschäftigt das System Berlin an sich, der...
Kreativität war gestern: Berlin ist die Hauptstadt der kulturellen Bedeutungslosigkeit

Kreativität war gestern

Berlin ist die Hauptstadt
der kulturellen
Bedeutungslosigkeit

Manuel Iljitsch

Nein, das hier bezieht sich nicht auf zur Schau getragenen Hedonismus, nicht auf exzessive Partys, nicht auf freie Liebe, nicht auf eure Fahrräder oder euren Haarschnitt oder eure politische Einstellung und nein, um eure Outfits geht es auch nicht.

Mich beschäftigt das System Berlin an sich, der molten boredom pot Berlin, dieser Diskurs der Dilettanten, euer kollektiver Exhibitionismus, dessen Nacktheit längst Schablone ist. 
Naja, gut. Dann geht es wohl auch um alles im ersten Absatz erwähnte, auf eine Art. 
Schamlosigkeit, aber erst einmal in Hinblick auf Kunst, oder das, was als solche durchgeht.

Berlin, es gab da einmal eine gewisse Hürde, eine ganz persönliche Hürde oder eine institutionelle oder beide kombiniert, die es zu überwinden galt, bevor man sich mit einem Werk an die Öffentlichkeit wagte. Was auch immer die Öffentlichkeit sei – in Berlin ist sie zumindest hinreichend definiert. Die weit geöffneten Augen und Münder und Gesichter.

Sicher, besagte Hürden haben so manchem großen Kopf und kleinen Rädchen zugesetzt. Haben vielen Menschen zu Unrecht Leben und Werk erschwert, mal mehr, mal weniger, sie scheitern lassen. Aber das war wichtig. Für sie. Und für euch. Und für uns. 
Von daher: schön und gut, die ganze Geschichte mit der Demokratisierung der Kunst. Schön und gut.

Heute braucht man kein teures Studio mehr, um Musik zu produzieren, keinen Verlag, um ein e-Book zu publizieren, und nur eine iPhone-Kamera, um Preise zu gewinnen. Jeder art-dirigiert an Blogs und Instagram herum, schön und gut. Ein wenig Kreativbalsam, eine kleine Sternstunde für das reizüberflutete Ego, wenn einem gefolgt wird, wenn man gefällt.

Dass die Kuchenstücke immer kleiner werden, je mehr Mädels sich mit Creepers an den Füßen an den Tisch aus Lemonaid-Kisten gesellen – das wirst du auch schon bemerkt haben, Berlin, meine liebe. Das bemerkt jeder. Deswegen hat ja auch keiner Kohle. Warum einen Kreativen bezahlen, wenn es 150 Alternativen im selben Café gibt, die es umsonst tun.

Das verdirbt nicht nur die Preise, Berlin, das führt vor allem zu einem Phänomen: dass ein Großteil dessen, was aus dir hervorkommt, scheiße ist. Einfach scheiße. Das bleibt so, auch wenn dir deine nahen und fernen Freunde ständig das Gegenteil erzählen, weil sie befürchten, du könntest ihnen im Gegenzug die Arschkriecherei verwehren.

Du bist ein ganz gut funktionierendes System, Berlin, so schnell bringt man dich nicht ins Straucheln. Du stehst stabil, während du deine müden Eier im Mund hast und an deinem eigenen, einzigen Strang ziehst. 
Begeistert reiht sich jedes Teilchen ein, Berlin, du bist eine dämlich vor sich hin strahlende rousseausche Amöbe. Schön und gut!

Und all das lässt sich ja auch leicht positiv formulieren: entweder ist es eben der Vibe der Stadt, die kreative Energie, die überschäumende Freiheit etc etc – oder das Berlin, das ich hier besinge, ist das Berlin der Anderen, das man beschmunzelt, von dem es sich abzugrenzen gilt, weil man sonst nicht mehr akzeptiert wird. Auf der einen oder anderen Seite.

Ja, so ist es, unser Berlin, und man legt eine verträumt nostalgische Nuance unter die Hornbrille und in die Mundwinkel, Problem gelöst. 
Man muss dich ja mögen, Berlin. Du bist betongewordene Networking-Utopie, du bist Mutterschoß der dörflichen Seele, die sich ihre Verlorenheit in die dünnen Haare koloriert und in dir endlich Verständnis und Einheit wiederfindet.

Du tust dem Menschen im selben Maße gut wie die freie Marktwirtschaft. Gibst ihm die produktive Illusion der unbegrenzten Entfaltungsmöglichkeiten, der freien Wahl, und weist ihm höflich seinen Platz zu. Und frisst ihn langsam auf, oh! Berlin frisst mich auf, oh Lord sie frisst mich auf, und doch will ich nichts andres als ihr Fraß zu sein, so stöhnen masochistisch die kleinen Schwäbinnen, während sie in irgendeinem Park ganz leicht in den bleichen Knien wippen, auf schlechtem MDMA, die Gardine ihrer Oma um den Kopf gewickelt, und fühlen sich Madame del Rey so nah wie nie.

Schön und gut bist du, Berlin, ich komme dich gern besuchen. Mich stört nur deine Ironielosigkeit. Wenn wieder einer deiner Söhne so einen genialen Moment hatte, zum Beispiel. Er irgendeinen hippen Slogan auf ein T-Shirt schreibt, darauf basierend einen Shop, ein Mixtape, eine Snapback- und Beutelkollektion aus dem Boden stampft, dann ist das zwar Demokratie par excellence américaine, was mir nur fehlt ist das gequälte Schmunzeln. Nimm deine Scheiße nicht so ernst, Berlin!

Denn wenn wir ehrlich sind: außerhalb deiner eingeebneten Stadtmauern hört deine Öffentlichkeit auf. Naja, Stuttgart ausgenommen. Und die Ecken Madrids und Barcelonas, wo es keine Arbeitsplätze gibt. Dort munkelt man: in dir, Berlin, geht Arbeitslosigkeit und –verweigerung, Unterbezahlung und –gewicht, Reizhusten und –überflutung als Lifestyle durch.

In den schickeren Ecken – dort, wo es vor zwanzig, dreißig, vierzig Jahren besonders dreckig war – werden Bürgerinitiativen gegründet, Cafés platziert, Spielplätze gebaut, Biomärkte eröffnet, Bäume umhäkelt und Schilder in die Fenster des ersten Stocks gehängt, die unerbittlich auf die Nachtruhe ab zweiundzwanzig Uhr hinweisen. Die Kinder müssen schließlich schlafen, damit sie im globalen Vergleich nicht wegen unterdurchschnittlicher Munterkeit schlecht abschneiden.

Gemeinsam für unseren Kiez. Gemeinsam gegen Sauerkirschbaumäste, die vom benachbarten Grundstück aus in meinen Schrebergarten ragen. Gemeinsam gegen Diskriminierung, gemeinsam für Jungmigrantenstipendien, um eine gesunde Mischung in der KiTa zu gewährleisten. Gemeinsam wohlwollend lächeln und auf Schultern klopfen.

Gemeinsam das Logo der Initiative auf Jutebeutel drucken. Gemeinsam. Gemeinsam tweeten, gemeinsam gut gekühlten Vinho Verde trinken im Park, während die Sonne scheint. Reclaim your City, reklamiere deinen fehlerhaften Wollschal, nutze Reclam-Hefte als Dekorationsobjekte. Rieche am Klo, dein Stuhl ist der schadstofffreie Zement der neuen Welt.

So, Berlin, du Zuckermaus, ich habe mich ein wenig in dir verlaufen. War nett gemeint, jedenfalls. Wie du braunäugig unter deiner Mütze hervor lugst, entzückend ist das. Betrachten wir dich einfach mal als ausgedehnte liminale Phase. Tu mir nur einen Gefallen und sei konsequent: wer Kunst für Zahnarztpraxen macht, der steht dem Zahnarztdasein vielleicht näher als der Kunst. So ist er eben, der Diskurs der Dilettanten, euer kollektiver Exhibitionismus, dessen Nacktheit längst Schablone ist.

Die Fotografie stammt von Jonas Tebbe
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Ficken, Feiern, Fetische: Der Kit Kat Club hat mich pervers gemacht

Berlin got you!, sagt der tätowierte Partyfotograf aus dem Kit Kat Club zu mir. Berlin got you!, wiederholt er und betont noch einmal, wie sehr ich mich verändert hatte. Meinen Arsch wollte er trotzdem fotografieren. Ich verdrehe meine Augen und halte mein Hinterteil in seine Kamera. Ein biss...
Ficken, Feiern, Fetische: Der Kit Kat Club hat mich pervers gemacht

Ficken, Feiern, Fetische

Der Kit Kat Club hat
mich pervers gemacht

Sarah-Julia Sabukoschek

Berlin got you!“, sagt der tätowierte Partyfotograf aus dem Kit Kat Club zu mir. „Berlin got you!“, wiederholt er und betont noch einmal, wie sehr ich mich verändert hatte. Meinen Arsch wollte er trotzdem fotografieren. Ich verdrehe meine Augen und halte mein Hinterteil in seine Kamera.

Ein bisschen nach Porno fühlt sich das Ganze schon an, aber was soll’s. Sollen doch später alle sehen, wie geil ich im verruchten Kit Kat Club aussehe. Und schließlich lebe ich jetzt in Berlin, da kann man sich schon mal etwas mehr erlauben als anderswo. Am Ende behaupte ich einfach, es sei Kunst, und die Sache hat sich.

Die Leute aus meinem Heimatkaff zerreißen sich das Maul sowieso. Nach etwa fünf Schnappschüssen wendet sich der Fotograf wieder von mir ab und begibt sich auf die Suche nach weiteren Ärschen in Netzstrumpfhosen und mit Glitzertitten, die er verewigen kann.

Berlin got him!“, sagt meine Freundin grinsend zu mir, als neben uns ein Typ seinen Schniedel rausholt und ihn zu rubbeln beginnt. Dafür, dass wir soeben ungefragter Weise zu einer fleischgewordenen Wichsvorlage geworden waren, fühlte es sich gar nicht mal so seltsam und gar nicht mal so neu an. Danke fürs Trauma, du Wichser!

Mit Wichser meine ich das Patriachat. Und den Typen mit seinem runzligen Schniedel meine ich damit auch. „Berlin got me!“ Was soll das überhaupt heißen? Außer dass meine Outfits immer weniger Haut bedeckten, gab es doch keinen Unterschied. Oder doch? Hat mich Berlin wirklich gegottet?

Ich finde, im Kit Kat Club kann man die Leute in etwa drei Kategorien einteilen. Einmal gibt es die Newcomerinnen und Newcomer, zu denen auch ich anfangs gehörte. Dann gibt es die BDSM-Hippies, wie ich sie nenne, und dann noch die Endgegner: Die Perversen.

Wie es der Technogott, oder der Sexgott, so wollte, gehörte auch ich zu jenen, die den klassischen Kit-Kat-Club-Werdegang hinlegten. Ich mutierte von der Newcomerin zum BDSM-Hippie. Und vom BDSM-Hippie zur Perversen. Aber dazu komme ich später noch. Jedoch möchte ich so am Rande anmerken, dass das bei mir deutlich schneller ging als bei anderen. Von nun an kann mir also niemand mehr vorwerfen, ich wäre keine anständige Karrierefrau.

Die Kategorie „Newcomerin“ erklärt sich, glaube ich, von selbst. Man erkennt sie daran, dass sie noch richtige Kleidungsstücke tragen. Kleidungsstücke, die sie bedecken und so. Bei den Newcomern hoffe ich immer, dass denen ihr Stock im Arsch wenigstens eine anständige Prostatamassage beschert.

Als Frau brachte mir der Stock im Arsch ja eher weniger, also ließ ich ihn und das wahrhaftige Scheißgefühl, welches damit einherging, bald hinter mir. Mit dem Stock fielen auch die Klamotten und ich zelebriete tanzend “Free the nipple” auf eine ganz neue Art. “Free the nipple, bounce the tittle”, hatte ich das getauft, und ja, ich finde das sehr witzig. Kein Grund, mir beim Reden nicht weiterhin in die Augen zu schauen.

BDSM-Hippies heißen die Leute der zweiten Kategorie, weil sie für mich einfach Hippies sind. Sie lieben die Freiheit. Statt Blumen im Haar tragen sie halt Klammern an den Nippeln und Halsbänder. Auch wenn es bei so manchen Folterspielchen, die ich dort zu Augen bekam, nicht danach aussah, sind die meisten von ihnen tatsächlich friedlich gesinnt.

Dass die BDSM-Hippies ebenfalls eindeutig nicht der gesellschaftlichen Norm entsprechen, muss ich, glaube ich, auch nicht weiter ausführen. Ich meine, im String oder völlig nackt zu mittelmäßigem Techno die Titten oder den Schniedel, oder beides, im Takt wackeln zu lassen, ist doch nicht mal ein ansatzweise normales Hobby. „Es lebe die Abnormalität!“, heißt es hier.

Und jeder Fetisch wird beklatscht. Ich muss zugeben, so ein Fußfetisch, zum Beispiel, das ist schon wirklich etwas Tolles. Also wer noch nie seine Zehen gelutscht bekommen hat, der sollte das schleunigst nachholen. Einen Footblowie sozusagen. Aber jetzt bin ich etwas abgeschweift.

Seit „Free the nipple, bounce the tittle“ gehörte ich jedenfalls auch offiziell zu den BDSM-Hippies und ich war stolz drauf. Meine Mutter fand’s eklig. “Mama, das ist befreiend!” sage ich ihr dann immer, aber was soll’s. Nicht jeder kann meine alternativ-hedonistisch gesellschaftskritische Weltansicht und meinen Way of Living verstehen.

Die nennen mich dann liebevoll einen Freak oder pervers. Und ich sage absichtlich liebevoll, weil sich „pervers“ mittlerweile irgendwie wie ein Kompliment anfühlt. Und diese Erkenntnis, liebe Leute, katapultierte mich ins Reich der Perversen. Ich glaube, Berlin got me!

Die Fotografie stammt von Artem Labunsky
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Ey, Lockenkopf!Eine kleine Begegnung in Berlin

Schönen juten Tach, wie man in Berlin sagt. Mein Name ist Benno, und ich heiße euch herzlich willkommen zur Streetart-Foto-Rallye durch Friedrichshain und Kreuzberg.“ Unsere kleine Gruppe von neun Teilnehmern hat sich um den Rallye-Leiter versammelt, der mit seinen kreisrunden Brillengläsern genau...
Ey, Lockenkopf!Eine kleine Begegnung in Berlin

Ey, Lockenkopf!

Eine kleine Begegnung
in Berlin

Sophie Krause

„Schönen juten Tach, wie man in Berlin sagt. Mein Name ist Benno, und ich heiße euch herzlich willkommen zur Streetart-Foto-Rallye durch Friedrichshain und Kreuzberg.“ Unsere kleine Gruppe von neun Teilnehmern hat sich um den Rallye-Leiter versammelt, der mit seinen kreisrunden Brillengläsern genau so aussieht, wie man sich einen Künstler oder einen etwas sonderbaren Fotografen vorstellt. Ich schaue mir die anderen Teilnehmer an.

Ein händchenhaltendes Paar, das Tom und ich hätten sein können, ein Mann mittleren Alters, der bis zum Haaransatz mit Foto-Equipment beladen ist, zwei aufgebrezelte Spanierinnen, zwei Teenagermädels in bedruckten Banksy-Shirts und – ein großer, breiter, kahlrasierter Typ. Er mustert mich aus stahlblauen Augen. Sein Grinsen erinnert mich an das eines Trophäensammlers auf Wildtiersafari.

Schnell wende ich mich wieder Benno zu, der uns gerade erzählt, wie lange er diese Touren schon veranstaltet und was wir vom heutigen Tag erwarten können. So richtig bei der Sache bin ich allerdings nicht, denn ich werde das Gefühl nicht los, dass mich der kahlrasierte Typ immer noch beobachtet.

Ich warte ein paar Sekunden, bis ich vorsichtig zum Jäger und Sammler rüberschiele. Seine Arme sind fast vollständig schwarz, mit Tattoos zugehackt vom Handgelenk bis wer weiß wohin. Ein weißes, enganliegendes Shirt spannt nicht nur über seinen muskulösen Oberarmen. Auch die Brust ist gut trainiert und zeichnet sich unter dem dünnen Stoff ab. Der Typ könnte Kickboxer sein.

Auf jeden Fall sieht er nicht wie jemand aus, der scharf darauf ist, seinen freien Samstag mit einer handvoll Touris auf einer Foto-Rallye zu verbringen. Oder Hipstern. So wie ich in seinen Augen wahrscheinlich einer bin. Nagelneue, blauweiße Nikes, dazu eine dunkelblaue, enge Jeans und ein weißes Shirt mit hochgekrempelten Ärmeln. On-top gibt’s einen Jutebeutel und eine Kette aus teurem H&M-Gold.

„Wir sind hier auf dem RAW-Gelände“, erzählt Benno. „Weiß jemand, wofür die drei Buchstaben stehen?“ Alle schütteln den Kopf. Zumindest die, die ich sehen kann. Zu dem Kickboxer traue ich mich nicht schon wieder zu gucken. „Früher befand sich auf dem Gelände das Reichsbahnausbesserungswerk, hier wurden also Züge repariert.“

Wir laufen ein Stück weiter und bleiben neben dem Eingang eines flachen, länglichen, mit Graffitis übersäten Gebäudes stehen. Dort bilden wir einen Kreis um Benno und lauschen seinen Ausführungen. Der Kickboxer hat sich genau mir gegenüber positioniert. Wie er da steht: Beine leicht gespreizt, Arme vor der Brust verschränkt, durchgestreckter Rücken. Poserstyle. Türsteherattitüde. Der Typ ist wie ein Unfall. Man weiß, dass es schlimm ist, kann aber trotzdem nicht weggucken.

Er hat meinen Blick bemerkt und schenkt mir wieder ein gefährliches Grinsen. Schnell blicke ich weg, denn was ich noch mehr hasse als Typen, die wissen, dass sie geil sind, sind Typen, die wissen, dass sie geil sind und das von meinen Blicken dann auch noch bestätigt bekommen. „In der Halle hier links war also die Werkstatt, gleich daneben, in dem kleineren Gebäude das Planungsbüro für alle Einsätze und Transporte. Wie ihr seht, befindet sich in einem der Gebäude heute eine Skatehalle, in dem anderen ein Café.“

Nachdem wir nun bestens über den historischen Hintergrund des Geländes informiert sind, kommen wir endlich zum eigentlichen Thema: der Streetart. Benno erzählt uns, welche Künstler sich hier in den letzten Jahren verewigt haben. Wobei verewigen natürlich nicht das richtige Wort ist. Schließlich ist Streetart vor allem eins: unbeständig. Er zeigt uns Wände, die so oft übermalt wurden, dass der Putz zentimeterdick von ihnen abbröckelt. „In Friedrichshain besonders stark vertreten sind Stencils. Habt ihr schon mal gehört, oder?“

Eins der Teenagermädels meldet sich. „Das mit den Schablonen?“ Unser Rallye-Führer nickt zufrieden. „Richtig, bei Stencils entstehen die Motive, indem Farben durch Schablonen auf Papier gesprayt werden. Jede Farbe bekommt einen eigenen Schablonenschnitt, das Bild besteht also später aus mehreren Schichten und wird dann als eine Art übergroßer Papiersticker irgendwo ins Stadtbild geklebt. Natürlich könnten die Künstler die Farbe durch die Schablonen auch direkt an die Wand bringen, bräuchten dafür aber Zeit und Ruhe. Da Streetart in unserer Gesellschaft aber leider noch nicht als akzeptierte Kunstform angekommen, sondern offiziell verboten ist, müssen sie sich oft beeilen.“

Benno holt seine Kamera aus dem Rucksack und erklärt uns unsere erste Aufgabe. „Wir starten mit etwas Leichtem: Begebt euch auf Stencil-Suche und fotografiert, was ihr findet. Die Auswertung dazu erfolgt dann in der Gruppe.“ Gesagt, getan. Wir strömen in unterschiedliche Richtungen aus. Das Gelände entpuppt sich als unglaublich weitläufig. Hinter jeder Ecke offenbaren sich weitere unerforschte Gänge, Gebäude, besprühte Wände. Ich bin zwar nicht zum ersten Mal auf dem RAW-Gelände, war aber vorher nie abseits des Hauptwegs unterwegs, der zwischen den Clubs, Bars und Sporteinrichtungen hindurch führt.

Das Gebiet hier ist leider auch für seine Drogendealer, Junkies und Obdachlosen bekannt. Ich weiß also nicht, wessen „Zuhause“ oder Revier ich hinter der nächsten Ecke betrete. Oder wer mich kreischend von hinten anspringt, mir ins Ohr beißt oder mir mit einem fuchtelnden Messer die Kamera klauen will. Aber gut, an einem sonnigen Tag wie heute wird mir hier sicher nichts passieren.

Ich biege ab, einmal rechts, dann wieder links, und habe Glück. An der Rückseite der Skatehalle entdecke ich ein fast unbeschädigtes Stencil von Alias. Jackpot, Baby! Ich gehe noch einen Schritt näher, schaue es mir ganz genau an. „Das bekommste garantiert nicht runter. Brauchste gar nicht drüber nachdenken, Lockenkopf.“

Erschrocken drehe ich mich um. Na toll, der Kickboxer hat mich gefunden. „Als ob ich an dem Ding hier rum pulen würde.“ Nun kommt auch er näher und tastet den Rand des Stencils ab. „Na, man weiß ja nie, ne? Gibt ja genug Kaputte, die versuchen, die Bilder abzulösen, um sie sich zu Hause wieder aufzuhängen.“

„Mir reicht es, ein Foto davon zu machen“, sage ich etwas schnodderiger als gewollt. Der Kickboxer hebt beschwichtigend die Hände. „Okay, okay.“ Dann deutet er auf die Kamera um meinen Hals. „Schönes Teil hast du da. Das ist ’ne Nikon D5300, oder?“ Ich nicke. Damn right, und die ist hart erarbeitet und lange zusammengespart worden.

„Naja, jedenfalls gut, dass ich dich gefunden habe. Dachte, du brauchst vielleicht Begleitschutz.“ Ha, als ob! Ich will gerade etwas sagen, da zieht er seine Kamera nach vorne. „Dein Ernst?“ Er grinst und drückt den On-Button auf seiner Cam. „Gefällt dir mein Baby?“ „Du hast eine RED Scarlet mitgebracht? Nimmt man die nicht eher als Videokamera?“

„Uhh, Lockenkopf kennt sich aus, sehr schön. Aber hast recht, das Teil ist eigentlich zu wertvoll für den Einsatz hier. Kostet in der Zusammenstellung knapp dreißig Scheine.“ „Dreißig Hunderter?“, frage ich und ernte höhnendes Gelächter. „Häng mal noch ’ne Null dran.“

30.000?! Was für ein Proll! „Jetzt hast du mich aber wirklich schwer beeindruckt“, sage ich betont tonlos und lasse ihn stehen. Was will der überhaupt? Warum geht er nicht zu den aufgepimpten Spanierinnen? Die würden sich über eine knackige Berlinbekanntschaft, die sie heute Abend ins Berghain begleitet, sicher freuen.

„Hast du schon was Gutes geknipst?“, fragt er, während er aufholt. „Ich knipse nicht, ich fotografiere.“ Er schüttelt grinsend den Kopf. „Ach, so eine bist du, alles klar.“ Wie, so eine? „Ich heiße übrigens Mark.“ Er hält mir die Hand hin und schaut mir dabei so tief in die Augen, dass sich in mir eine einzelne Fledermaus durch die Gitterstäbe quetscht.

Ich blicke auf seine Hand hinunter, schüttle sie, verrate ihm aber nicht meinen Namen. „Und, wie bist du zu der Tour gekommen?“ Er lässt den Blick über die besprayten Wände schweifen. „Eigentlich bin ich nur hier, weil es mein bester Freund gestern in der Muckibude leicht übertrieben hat. Übler Hexenschuss, kann sich keinen Zentimeter mehr bewegen. Also habe ich angeboten, heute ein paar Fotos für ihn zu machen. Bring sie ihm später auf ’nem USB-Stick vorbei, dann hat er wenigstens digital an der Tour teilgenommen.“

Jetzt muss ich wirklich lachen. Was für ein Typ! „Was ist so lustig?“ „Du!“, platzt es aus mir heraus. Daraufhin schaut er mich so verunsichert an, dass es mir fast schon wieder leid tut. „Entschuldige, aber einem wie dir, hätte ich so viel Nächstenliebe gar nicht zugetraut„, schiebe ich deswegen schnell hinterher. “Allein die Vorstellung, wie du später an dem Krankenbett deines Kumpels sitzt und ihm deine Aufnahmen zeigst. Irgendwie romantisch.“ „Einem wie mir, ja? Dann lass dir mal gesagt sein, dass ich ein Meister der Tarnung bin, Lockenkopf“, sagt er, hält die Kamera in meine Richtung und drückt ab.

Die Fotografie stammt von Sean Robertson
Der Text ist ein Auszug aus dem Buch "Frühwarnsystem" von Sophie Krause, das ihr auf Instagram auch in interaktiver Form bewundern könnt.
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Digitale Identität: Ich schreibe, also bin ich

Ich habe einst Poesie produziert, heute schreibe ich Abhandlungen. Ich habe in Fiktion und Fantasie gelebt, doch jetzt erzähle ich nur noch über mein echtes Leben. Die bizarre Zwischenwelt des Schreibens wurde in seine elementaren Teilchen zersetzt, und statt Kopfkino regieren Fußnoten. Die Wörte...
Digitale Identität: Ich schreibe, also bin ich

Digitale Identität

Ich schreibe,
also bin ich

Sara Navid

Ich habe einst Poesie produziert, heute schreibe ich Abhandlungen. Ich habe in Fiktion und Fantasie gelebt, doch jetzt erzähle ich nur noch über mein echtes Leben. Die bizarre Zwischenwelt des Schreibens wurde in seine elementaren Teilchen zersetzt, und statt Kopfkino regieren Fußnoten.

Die Wörter bluten fortan aus meinen Fingerspitzen, ich erbreche mich in Themen und Positionen, aber nichts davon ist das, was ich mir vor Jahren heimlich für mich wünschte: eine Welt zu erschaffen, in die ich flüchten kann, und in die mir andere hinterherfolgen würden.

Das Schreiben ist für uns alle mehr als nur ein Kommunikationsmittel. Und wir haben alle mehr Ansprüche an unsere Publikationen gestellt als die meisten, die mit uns zur Schule gegangen sind. Aber irgendwann kam der Punkt, da waren die Inhalte nur noch zusammengesetzt aus rohen Ideen. Wer mit dem Bloggen lernt, Geschichten zu erzählen, der kennt nur die kurzen, knackigen.

Die, die man nicht mit Mühe und Kraft verstehen muss. Die meisten muss man nicht mal ganz lesen. Und wie soll ich nun mit den mir eingestampften Methoden erlernen, eine Dissertation zu formulieren – so richtig mit Fußnoten? Oder eine Geschichte von Fiktion zu schreiben, die irgendwann von einem richtigen Verlag veröffentlicht und vom richtigen Feuilleton rezensiert wird?

Das Schreiben wurde für uns zum Bedeutungsträger. Eine einzige Aktivität bündelte all unsere Gefühle und stellte sie adrett zur Schau, immer mit einem kleinen Schildchen in der Hand auf dem unser Name und der Zusatz “in künstlerischer Absicht” stand, so wie heute manchmal auf den Schildern “in ironischer Ausführung” gedruckt ist, damit keiner direkt weiß, ob man die Dinge nun persönlich so meint oder ob man nur einen entfernten Gedanken zu Ausdruck bringt.

Wir waren von unseren selbstgesteckten Grenzen geschützt: das hier ist nur ein Blog, das hier ist nur Poesie, das hier ist nur Lyrik, das ist alles nicht ernst gemeint, sondern nur eine Übung, eine Bewältigung, eine Aufarbeitung.

Aber die Wahrheit ist: wenn es ernst wird, dann wird es plötzlich schwer. Ein einziger, stringenter Satz kann das Blut in den Adern der begnadeten Hobby-Schreiber zum kochen bringen; vor Schamgefühl. Denn wir stellen fest: das Handwerk fehlt, die Leidenschaft ist nicht mehr dieselbe, die Ansprüche haben sich geändert.

Was, wenn die Leute deinen Namen googlen und sehen, was du vor Jahren geschrieben hast, und das, was du heute schreibst? Man sieht einen wesentlichen Unterschied: das damalige mag zwar unausgereift, naiv, vom Inhalt träge und langweilig und pubertär gewesen sein, aber das heute, das ist so unerträglich selbstgerecht, so dummschwätzerig, so eintönig, so bemüht und doch: gescheitert.

Der Witz ist doch: hier ist ein ganz neues Metièr entstanden, eines, das nichs halbes und nichts ganzes, aber doch ein eigenständiges ist. Sich in dieser Zwischenwelt aufzuhalten kann vielleicht für die einen als Avantgarde durchgehen, für die anderen ist es sicherlich nicht mehr als eine Übergangsphase, genauso, wie es der Bisexualität nachgesagt wird: eines Tages wirst du dich entscheiden. Dies oder jenes, man kann nicht alles, und schon gar nicht für immer.

Es ist nicht einfach, eine Person zu sein, die sich bloßstellt. Nicht nur vor dem Publikum, sondern auch vor sich selbst. Ich besitze ein Dokument, welches die vergangenen Jahre aus meiner Perspektive aufzeichnet. Und es gibt Dinge, an die möchte man nicht erinnert werden, selbst wenn sie für die damaligen Verhältnisse nicht schlimm waren.

Wie wäre es gewesen, hätte man auch schon vor 20 Jahren Handykameras gehabt? Es gibt Frisuren aus meiner Jugend, die will ich nicht mal vor dem inneren Auge haben. Und es gibt Schriften, die jagen mir eine Gänsehaut vor peinlicher Berührtheit ein, wenn ich sie wieder hervorhole. Das Prädikat muss nicht “schlecht” sein und nicht “gut”; es reicht, dass wir uns nicht mehr nur vor den Gelehrten, den Dozenten und den berechtigten Kritikern bloßstellen, sondern uns vor der ganzen (potenziellen) Nation zum Affen machen.

Alles holt mich ein, und ein einziger Satz wird mit dem Druck, ihn endlich gut zu machen – damit es doch mal ein Zeitdokument gibt, auf das ich zufrieden zurückblicken kann – plötzlich zur kriegerischen Aufgabe, die mich blutend und seufzend auf dem Boden der Tatsachen zurück lässt: was ich mache ist, in aller Bescheidenheit, genügend, aber niemals überwältigend.

Es ist nicht die Realität, und es ist keine Fiktion. Es ist kein journalistischer Text, keine wissenschaftliche Arbeit, kein Tagebucheintrag, kein Roman, keine Kurzgeschichte. Es ist ein schriftliches Foto, das von mir geprägt wird. Den Narzissmus kann man dann einfach so stehen lassen, in der Hoffnung, dass Google eines Tages explodiert und ich die Feder der Bewältigung weglege, um mir einen richtigen Therapeuten zu suchen und einen mit Würde tragbaren Job zu finden.

Die Fotografie stammt von Elijah O'Donnell
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Intimer Körperschmuck: Ich habe mir die Klitoris piercen lassen

Drei Tage nach meinem 18. Geburtstag ließ ich mir ein Piercing durch den Kitzler stechen. Genau genommen geht es gar nicht direkt durch den Kitzler, sondern durch die Vorhaut, die diesen umschließt. Das wissen allerdings die wenigsten Menschen. Also dass in den meisten Fällen nur die Vorhaut gepierc...
Intimer Körperschmuck: Ich habe mir die Klitoris piercen lassen

Intimer Körperschmuck

Ich habe mir die Klitoris
piercen lassen

Nadine Kroll

Drei Tage nach meinem 18. Geburtstag ließ ich mir ein Piercing durch den Kitzler stechen. Genau genommen geht es gar nicht direkt durch den Kitzler, sondern durch die Vorhaut, die diesen umschließt. Das wissen allerdings die wenigsten Menschen. Also dass in den meisten Fällen nur die Vorhaut gepierct wird. Und eben nicht die Klitoris an sich.

Generell sorgt mein Piercing immer wieder für Verwirrung, wenn mir jemand an die Muschi fasst oder ich mit gespreizten Beinen von einem anderen Menschen liege. Meistens wird der Akt an sich dann erst mal unterbrochen. Und ich muss ein paar Fragen zu meinem Intimschmuck beantworten.

Nachdem mein Partner oder meine Partnerin einen intensiven Blick darauf geworfen hat, um herauszufinden, wo genau das Piercing eigentlich sitzt. Schon da zeigt sich schnell, wie wenige Leute eigentlich Ahnung von der weiblichen Anatomie haben. Das Piercing markiert wirklich genau meinen Kitzler. Also die Stelle, die am empfindsamsten ist. Diese Stelle sollte man also reizen, wenn man mich schnellst möglichst zum Orgasmus bringen will.

Zu den gängigsten Fragen gehört wohl das „Tut das weh?“. Nein, es tut nicht weh. Es fühlt sich sogar ziemlich geil an. Klar, das Stechen war nicht die angenehmste Sache auf der Welt. Aber es hat sich gelohnt. Zwar muss man mit Piercing beim Sex etwas vorsichtiger sein, wildes Rumrubbeln ist also nicht, macht aber glaube ich auch die wenigsten Frauen an. Dafür reicht allerdings bereits ein sehr leichter Druck mit Zunge oder Fingern darauf, um mich richtig geil zu machen.

Im Alltag spürt man das Piercing übrigens nicht. Ich weiß nicht, woher das Gerücht kommt, Menschen mit Intimpiercing seien dauergeil, aber dem ist definitiv nicht so. Ich zumindest war bereits ständig geil, bevor ein Stab in meinem Kitzler steckte. Und nein, ich kann mich auch nicht zum Orgasmus bringen, indem ich einfach die Beine übereinanderschlage.

Schön wäre es schon. Ganz klar. Aber so leicht ist es eben nicht. Das ist so in etwa, wie zu fragen, ob ein Typ kommen kann, alleine dadurch, dass sein harter Schwanz ein wenig am Stoff seiner Jeans reibt. Und das Gegenteil, also Desensibilisierung an der Stelle, wo das Piercing sitzt, ist übrigens auch nicht der Fall.

Ich habe es mir doch nicht hauptsächlich aus sexuellen Gründen stechen lassen. Wobei das zugegebenermaßen zumindest ein kleiner Anreiz war. Sondern aus optischen. Ich finde Intimpiercings generell wahnsinnig sexy. Sowohl an Männern als auch an Frauen. Und ich möchte nicht ausschließen, dass es in Zukunft vielleicht sogar noch mehr werden.

Aber zurück zum eigentlichen Thema. Nämlich dazu, was mein Klitorisvorhautpiercing mich über Sex gelehrt hat. Neben der Sache, dass eigentlich kaum einer meiner Geschlechtspartner so richtig Ahnung von der weiblichen Anatomie und wie man sie am besten bedient zu haben scheint, habe ich nämlich seit ich gepierct bin auch die absurdesten Sachen darüber gehört, was mit einer Vagina passieren kann, wenn man dort „Dinge hin macht, die da eigentlich nicht hin gehören“.

Da ist von irgendwelchen anschließenden Missbildungen an der Vagina die Rede, von absoluter Gefühllosigkeit, weil beim Piercen angeblich wichtige Nerven durchtrennt werden und von eitrigen Geschwüren, die zwangsläufig entstehen, wenn so ein Klitorisvorhautpiercing mit beispielsweise fremdem Speichel oder Sperma in Berührung kommen.

Es soll Leute geben, die, nachdem sie sich ein Piercing in die Vagina rammen lassen haben, „nie wieder schmerzfrei Sex haben konnten.“ Nie wieder! Und denen es während einer natürlichen Geburt einfach rausgerissen ist, weil das zu gebärende Kind von innen dagegen gedrückt hat. Insbesondere im Internet gilt das Piercing als eines der gefährlichsten, von dem man bloß die Finger lassen sollte.

All das ist natürlich Schwachsinn und hat mit der Realität in etwa so viel zu tun, wie die böse Hexe, die Kinder holt, wenn sie nicht brav sind oder der Weihnachtsmann, der liebe Kinder reichlich beschenkt. Eigentlich amüsieren mich solche Geschichten ja immer, weil sie so wunderbar absurd sind, wenn, nun ja, wenn da nicht das Ding wäre, dass diese Storys zeigen, wie wenig Ahnung Menschen im Allgemeinen von ihrem Körper haben. Und zwar nicht nur von der Anatomie an sich, sondern auch von allen anderen Dingen, die der menschliche Körper Tag für Tag so verrichtet, ohne sich großartig anstrengen zu müssen.

Klar ist so ein frischgestochenes Piercing eine Wunde. Das darf man auf keinen Fall vergessen. Und dann sollte man da auch wirklich erst mal ein bis zwei Wochen kein Sperma und keinen Speichel dran lassen, aber insgesamt zählen Piercings, die von Schleimhaut umgeben sind, und dazu zählen neben Piercings im Mundbereich eben auch die, die man sich untenrum so stechen lassen kann, zu den risikoärmsten und denen, die am schnellsten verheilen und am seltensten zu Problemen führen.

Mit am unangenehmsten und gefährlichsten ist übrigens ein Piercing durch den Ohrknorpel, das sich insbesondere bei Frauen auch heute noch größter Beliebtheit erfreut. Und das, obwohl es im Normalfall zu den speichel- und spermafreien Zonen gehört. Je nach Fetisch, versteht sich.

Bei einem normalen Penis-in-Vagina-Fick spürt man es übrigens im seltensten Fall. Maximal dann, wenn man den Typen richtig hart reitet. Sonst wird das Piercing, zumindest bei mir, nicht mal annähernd berührt. Es sei denn, ich helfe mit der Hand ein wenig nach. Die Frauen, deren Kitzler beim Sex ständig ohne zutun von außen mit dem Körper des Partners in Kontakt ist, möchte ich an dieser Stelle gerne beglückwünschen. Eine so positionierte Klitoris hätte ich auch gerne.

Insgesamt stimmen mich diese ganzen Vorurteile ein wenig traurig. Nicht, weil Menschen Piercings, und vor allen Dingen denen im Intimbereich, so kritisch gegenüberstehen, sondern weil sie damit offenbaren, dass sie keinerlei anatomische Kenntnisse haben. Dabei macht Sex doch erst so richtig Spaß, wenn man auch weiß, wo man anfassen muss oder gerne angefasst wird. Und ich glaube, die Menschen, die solche Geschichten herausholen, wenn es ums Thema Piercings geht, wissen gar nicht, was sie mit ihren Körpern alles anstellen können, um sich selbst und anderen Lust zu bereiten.

Eine witzige Anekdote zu dem Intimpiercing hab ich übrigens auch noch. Ich hatte nämlich mal einen Typen im Bett, der das Piercing sah, aufsprang, sein Handy zückte und danach googelte. Ich glaube, Ich muss nicht dazu sagen, dass zwischen ihm und mir danach nichts mehr lief.

Die Fotografie stammt von Sharon McCutcheon
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Einsam durch Technik: Das Internet ist schuld an meiner Depression

Das Blöde an einer Depression ist ja, dass sie schleichend kommt. Und dass man sie nicht wahrhaben will, bevor es zu spät ist. Schließlich ist heute quasi jeder über 14 depressiv. Früher war man traurig oder hatte Liebeskummer oder war einfach nur in der Pubertät - heute ist man depressiv. Depressio...
Einsam durch Technik: Das Internet ist schuld an meiner Depression

Einsam durch Technik

Das Internet ist schuld
an meiner Depression

Marcel Winatschek

Das Blöde an einer Depression ist ja, dass sie schleichend kommt. Und dass man sie nicht wahrhaben will, bevor es zu spät ist. Schließlich ist heute quasi jeder über 14 depressiv. Früher war man traurig oder hatte Liebeskummer oder war einfach nur in der Pubertät – heute ist man depressiv. Depressionen sind zu einer wahren Volkskrankheit verkommen, die viele Leute nicht ernst nehmen – und am wenigsten man selbst.

Ich wollte nie depressiv sein. Und selbst, wenn man gespürt hat, dass man nicht nur unausgeglichen oder betrübt oder über einen längeren Zeitraum hinweg seltsam drauf war, sondern dass das mehr als nur eine emotional niedrige Phase sein muss, dann wollte ich alles, nur nicht depressiv sein. Weil es heute quasi fast schon in Mode ist, an Burnout oder dunklen Gedanken zu leiden.

Wer mit nichts anderem mehr auf sich aufmerksam machen kann, der wird eben lauthals depressiv. Am besten erfindet man gleich einen ganzen Hashtag, mit dem man der Welt da draußen zeigen kann, dass man jetzt offiziell mental nicht mehr auf der Höhe ist. „Du bist gut drauf? Schön für dich, also ich bin depressiv!“

Wie fette Leute stolz darauf sind, sich zum Abendessen zwei Familienpizzen reinzuschieben und sie für ihren individuellen Lebensstil gefälligst auch noch respektiert werden wollen, so sind Depressive fast schon stolz darauf, einen an der Klatsche zu haben. „Ich kann nicht arbeiten, ich habe Burnout!“, rufen sie dann jedem zu, der es hören will – oder eben nicht. Und ich wollte nicht zu diesen Menschen gehören. Niemals! Vielleicht bin ich ja depressiv, dachte ich mir, aber sicherlich möchte ich eines nicht sein: Stolz darauf.

Anstatt wie es sich gehört, zu einer Therapie zu gehen und sich seinen gleichgültig dahin dümpelten Gedanken, ohne jede Höhen und Tiefen, zu stellen, wollte ich mich selbst aus der Umarmung dieses emotionalen Tiefs befreien. Das ging natürlich komplett nach hinten los. Immer und immer wieder. über Jahre hinweg versuchte ich herauszufinden, wie ich mein Leben um meine Depression herum bauen kann, so dass dieses große, schwarze Loch in der Mitte einfach brav vor sich hin löchern kann, während ich versuche, mich selbst drumherum zu jonglieren.

Ich löschte Social Media, weil ich irgendwo im Internet las, dass es einen glücklicher und befreiter machte, wenn man nicht mehr ständig abwechselnd auf Instagram, Twitter und Tinder guckte. Und Facebook ist eh böse, also weg damit. Ich löschte WhatsApp, Telegram und Messenger weil ich nicht vier Chats gleichzeitig nutzen wollte und die meisten Bekannten auf WhatsApp eh nur blöde Gifs und uralte Memes teilten und darüber auch noch lachten, während ich mein Handy nur gegen die Wand hauen wollte. Und ich löschte all meine Computerspiele vom Laptop, weil ich dachte, ich wäre jetzt zu alt für diesen Scheiß und müsste mich endlich meinem Alter gerecht verhalten.

Also saß ich ab jetzt vor meinem leeren Laptop und meinem noch leereren Handy und war mir sicher, dass sich mein Leben jetzt wieder zum Guten wenden würde, nein, müsste. Schließlich hatte ich alle Tipps und Tricks, die das Internet für jemanden, der quasi im Internet lebt, bereit hielt, befolgt. Außer natürlich diejenigen, dass man zu seiner Depression stehen und endlich zum Therapeuten gehen muss. So ein Quatsch, dachte ich mir, die Technik hat mich schließlich depressiv gemacht, also kann sie mich auch wieder glücklich machen.

Ohne Facebook, WhatsApp & Co. vereinsamte ich zwar zusehendst, aber ich wusste ja, dass das nicht leicht werden würde. „Mark Zuckerberg hat keine Macht über mein Sozialleben!“ war mein neues Mantra. Und während alle anderen draußen am Fenster vorbei liefen, Sprachnachrichten in WhatsApp brüllten, gephotoshoppte Urlaubsbilder auf Instagram likten und Fake News auf Facebook teilten, fühlte ich mich zwar allein, aber trotzdem klüger als alle anderen.

Ihr Idioten, dachte ich mir dann, nutzt immer noch Technik, die euch verrät, verarscht und für dumm verkauft – wie unterbelichtet muss man sein? „Ha, ha, ha!“ lachte ich mich einsam in den Schlaf und war mir sicher, dass es alles besser werden würde, dass ich meine Depression besiegt hatte, indem ich Apps von meinem Telefon löschte.

Ich würde euch jetzt gerne erzählen, dass ich natürlich ein kluger Mann bin und längst gemerkt habe, dass das nicht der richtige Weg ist, dass ich mich bereits vor Monaten, nein, Jahren beim Therapeuten angemeldet habe und mir dort meine Probleme von der Seele plaudere. Aber dem ist nicht so.

Anstatt das Logische zu tun, war ich lieber damit beschäftigt, Facebook alle paar Tage zu löschen und mich wieder dort anzumelden, meine Musiksammlung zu Tode zu ordnen und mich im Privatsphären-Subreddit mit Ängsten zu versorgen. Irgendwo in den Tiefen des Internets, dachte ich mir, muss schließlich die Lösung liegen. In irgendeinem Blog, in irgendeinem Forum, in irgendeinem Meme, in irgendeinem YouTube-Video.

Doch da war nichts. Außer noch mehr Verunsicherungen und Menschen, die einsam, allein und depressiv waren. Und je mehr ich im Internet lese, schaue und höre, desto mehr dämmert mir eine Wahrheit, die ich nicht wahrhaben möchte, weil sie mich aus meinem jahrzehntelange gesponnenen Kokon reißen würde: Dass Technik zwar ein, wenn nicht gar der Grund für meine Depression, aber niemals ein Heilmittel sein kann.

Doch wenn ich eines gar nicht leiden mag, dann sind es Logik und Realität. Das Blöde an einer Depression ist ja, dass sie schleichend kommt. Und dass man sie nicht wahrhaben will, bevor es zu spät ist. Noch blöder ist es allerdings, wenn man sie zwar endlich einsieht, aber nichts macht, um sie wirkungsvoll zu bekämpfen und stattdessen weiter eine nicht vorhandene Lösung im Internet sucht…

Die Fotografie stammt von Stefan Spassov
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Gleichberechtigung im Bett: Als Feministin lasse ich mich gerne in den Arsch ficken

Machen wir es kurz: Ich liebe Arschficks. Für mich gehören sie zum Sex wie die Mayo zu den Pommes oder eine andere sinnentleerte Metapher, die man an diesen Stellen gerne benutzt, um seine Aussage irgendwie zu rechtfertigen. Nun will ich aber überhaupt nichts rechtfertigen. Ich liebe Arschficks einf...
Gleichberechtigung im Bett: Als Feministin lasse ich mich gerne in den Arsch ficken

Gleichberechtigung im Bett

Als Feministin lasse
ich mich gerne in den
Arsch ficken

Nadine Kroll

Machen wir es kurz: Ich liebe Arschficks. Für mich gehören sie zum Sex wie die Mayo zu den Pommes oder eine andere sinnentleerte Metapher, die man an diesen Stellen gerne benutzt, um seine Aussage irgendwie zu rechtfertigen. Nun will ich aber überhaupt nichts rechtfertigen. Ich liebe Arschficks einfach. Punkt.

Mich von einen paar Fingern oder einem Schwanz durch mein Hintertürchen penetrieren zu lassen, macht mich geil. So wie es euch eben geil macht, wenn sich zwei geile Ischen die Muschis lecken oder am Schlüpfer der Mutter des besten Freundes zu riechen. Nun ist es aber so, dass man das nicht einfach so sagen kann, ohne als billiges Flittchen abgestempelt zu werden. Klar, Kerle finden es ganz geil, wenn sie mit einer Frau machen können, was sie wollen.

Gerade Arschficks gelten als Königsdisziplin der Dominanz des Mannes. Nur, dass ich es eben geil finde, mich in eben jenen ficken zu lassen und damit eigentlich die Dominante bin. Ich mache nämlich durchaus gerne meinen Mund auf. Nicht nur, um einen Schwanz darin aufzunehmen, sondern vor allem auch, um meine eigenen sexuellen Wünsche zu äußern. Und dazu gehört neben Oral- eben auch Analsex.

Als das Thema kürzlich bei einem gemütlichen Sonntag Nachmittag mit Freundinnen auf den mit Bier und Schnittchen garnierten Küchentisch kam, reagierten die auf meine Aussage, dass ich Arschficks durchaus genieße und dabei sogar zu einem Orgasmus fähig bin, mit blankem Entsetzen.

Während es für einige überhaupt nicht in Frage kommt, weil sie es irgendwie eklig finden, haben es ein paar andere schon mal ausprobiert. Meistens, um ihren arschfixierten Freunden einen Gefallen zu tun, die dann wiederum ohne jegliche Vorbereitung und teilweise nur mit Spucke als Gleitmittel versuchten, ihre dicken Lümmel in den Arschlöchern meiner Freundinnen zu versenken.

Das tat denen dann natürlich so weh, dass das Experiment Analsex ganz schnell wieder auf Eis gelegt wurde. Egal, wie sehr die Herren der Schöpfung bettelten, es doch noch einmal mit Gleitgel und wenigstens ein bis zwei Finger zu versuchen. Eine Freundin schlug vor, zur Abwechslung mal ihrem Freund einen Finger in den Arsch zu schieben.

Der lehnte das allerdings ab, mit der Begründung, dass das ja schließlich schwul sei und mit Sicherheit auch nicht angenehm. Kein Wunder also, dass die Mädels keine Lust haben, sich dieser Praktik noch einmal mit den richtigen Mitteln anzunähern und unter „das kann überhaupt nicht geil“ sein komplett abstempeln.

Irgendwann driftete das Gespräch in Richtung Feminismus ab. Mit dem Ergebnis, dass meine Freundinnen Analsex für antifeministisch befanden. Schließlich würde man dem Mann alle Macht über sich erteilen, sich erniedrigen und benutzen lassen.

Eine Freundin warf in den Raum, dass Frauen sich ja sowieso nur in den Arsch ficken ließen, um ihren Freunden einen Gefallen zu tun. Das sei wie Blowjobs, die ja auch nur dazu dienten, dem Mann Lust zu bereiten, immer in der Hoffnung, dass er sich danach mit Cunnilingus revanchieren würde.

„Machen dir Blowjobs etwa keinen Spaß?“, fragte ich mit hochgezogener Augenbraue besagte Freundin. „Nee, ich mach das nur, weil er das will“, antwortete sie. „In dem Punkt unterscheiden wir uns wohl“, konterte ich. „Mir machen Blowjobs nämlich sehr wohl Spaß. Ich finde es geil, einem Typen einen zu blasen. Weil ich es liebe, die Macht über seine Geilheit zu haben.“

„Du weißt schon, dass der Typ Macht über dich hat, wenn du ihm einen bläst und nicht andersrum?“, antwortet sie. „Das ist doch total antifeministisch“, wirft eine andere ein. „Ich mach das einfach gar nicht mehr.“ Währenddessen werde ich langsam wütend. Ich habe mittlerweile nämlich das Gefühl, dass man mir absprechen will, Feministin zu sein, nur weil ich gerne Schwänze lutsche und mich in den Arsch ficken lasse.

Feminismus ist nach wie vor ein Streitthema. Egal wo man hinblickt, über Feminismus wird debattiert. Er wird gehasst und in den Himmel gehoben. Viel mehr noch: Er wird zu einem persönlichen Thema gemacht, das vom Feminismus an sich abweicht und sich immer mehr auf bestimmte Personen bezieht.

Während die einen zu den Über-Feministinnen gemacht werden, deren Feminismus als einzig Richtiger gilt, obwohl er sich teilweise nur auf wohlhabende, weiße Frauen, die mit beiden Beinen im Leben stehen, konzentriert, wird anderen ihr Feminismus abgesprochen. Zum Beispiel aufgrund ihrer Sexualität. Oder weil sie nach wie vor gerne Kleider tragen, auch wenn der Feminismus uns gelehrt hat, dass es total okay ist, Hosen zu tragen.

Manche Feministinnen gelten als Feminazis, weil ihre Ansichten radikal erscheinen, doch wer sind wir, zu beurteilen, was richtig oder falsch ist? Fakt ist doch, dass ein moderner Feminismus darauf abzielt, dass man sich so verwirklichen kann, wie man möchte.

Und dazu gehört neben Lohngleichheit und weiteren wichtigen politischen Themen für mich eben auch, dass man im Bett als Frau auf Analsex stehen kann, ohne als Frau ohne eigenen Willen, die alles nur tut, um ihrem Kerl zu gefallen, abgestempelt wird.

Es ist nämlich so: Wenn irgendein Typ über mich sagt, ich sei ein billiges Flittchen, weil ich mich gerne in den Arsch ficken lasse, ist mir das herzlich egal. Er wird dann nämlich einfach niemals in den Genuss kommen, mich durch mein Hintertürchen zu penetrieren.

Wenn mir aber andere Frauen absprechen, Feministin zu sein, nur weil ich gewisse sexuelle Praktiken mag, die mir auf den ersten Blick nichts zu bringen scheinen, greift mich das in meiner Weiblichkeit und Rolle als Feministin an.

Ich darf meiner Meinung nach nämlich sehr wohl gerne Schwänze lutschen und mich trotzdem Feministin nennen. Dass Frauen eine erfüllte Sexualität abseits jeder Klischees erleben dürfen ist mir nämlich genauso wichtig, wie dass sie jedem Job nachgehen dürfen, den sie wollen. Ganz egal, ob das nun Hausfrau oder Astronautin ist.

Die Diskussion mit meinen Freundinnen brach ich nach ein paar weiteren Sätzen ab und wechselte das Thema von Arschficks auf auf Nagellack. Wenn ich etwas antifeministisch finde, dann nämlich, anderen Frauen vorzuschreiben, was sie zu tun und zu lassen haben und ihnen ihre Meinung abzusprechen, nur weil ein Mann mit im Spiel ist. Arschficks sind gut für den Feminismus, wenn sie von beiden Seiten gewollt sind. Und wer sagt, dass ich mich nur von Männern in den Arsch ficken lasse und nicht von Frauen mit Umschnallschwanz? Eben.

Die Fotografie stammt von Dainis Graveris
Der Text erschien in der Kategorie Sex mit den Themen
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Guten Morgen: Sabber auf der Brust

„Ähm, hallo? Du kannst jetzt aufstehen“, sage ich, doch es tut sich nichts. Ich hebe den Kopf und betrachte den nackten Körper, der jetzt schon eine ganze Weile auf mir liegt. Höre ich da ein leises Schnarchen? Bitte nicht! Ich fühle mich wie lebendig begraben von einem Neunzig-Kilo-Kerl, der mich b...
Guten Morgen: Sabber auf der Brust

Guten Morgen

Sabber auf
der Brust

Sophie Krause

„Ähm, hallo? Du kannst jetzt aufstehen“, sage ich, doch es tut sich nichts. Ich hebe den Kopf und betrachte den nackten Körper, der jetzt schon eine ganze Weile auf mir liegt. Höre ich da ein leises Schnarchen? Bitte nicht! Ich fühle mich wie lebendig begraben von einem Neunzig-Kilo-Kerl, der mich bewegungsunfähig macht. Umständlich versuche ich mit meiner freien Hand, seinen Arm von meinem zu schieben. Boah, allein der wiegt so viel wie ein Sack Kartoffeln.

Von meinen Anstrengungen lässt sich der Typ gar nicht stören. Schlummert einfach weiter. Spinnt der? Der kann doch nicht einfach auf mir einpennen, sein schlaffes, kondombespanntes Glied noch zwischen meinen Beinen. Bääh. Und dabei hat er sich nicht mal wirklich verausgabt.

Eine schnelle Nummer war das, Tür auf, im Flur ausziehen, auf’s Bett schmeißen, rein, raus, fertig. Dort, wo sein Kopf es sich auf meiner Brust bequem gemacht hat, spüre ich plötzlich etwas Feuchtes auf mich tropfen. Der sabbert mir jetzt nicht ernsthaft auf die Titte?

In einem Ansturm von Ekel stemme ich mich ruckartig hoch. Sein Kopf rutscht von mir herunter und – oh Wunder – der Typ wacht endlich auf. „Hä? Was? Wo bin ich?“ Sein irritierter Blick scannt erst mich, dann das Zimmer. Langsam leckt er sich über die Lippen und wischt sich einen Speichelfaden vom Kinn.

„Guten Morgen“, begrüße ich ihn. Er grunzt etwas als Antwort und robbt von mir herunter. Auf der Bettkante bleibt er sitzen, rollt sich das Gummi vom Schwanz und lässt es neben dem Nachtisch auf den Boden fallen. „Der Mülleimer steht in der Küche.“

Während er in seine Jeans schlüpft, ziehe ich mir die Bettdecke bis unters Kinn. Besonders gesprächig ist er ja nicht gerade, aber soll mir recht sein. „Shit“, sagt er, mit einem Blick auf sein Handy. „Was ist?“, frage ich, obwohl mich die Antwort nicht sonderlich interessiert.

„Mein Mitbewohner hat seinen Schlüssel verloren und fragt, ob ich noch nach Hause komme.“ Ist klar. Wegen mir musst du dir garantiert keine Geschichten ausdenken. „Na, dann mach dich mal lieber schnell auf den Weg.“ „Jep. Bin schon weg.“

Ich stehe nicht auf, um ihn zur Wohnungstür zu bringen. Bevor er das Schlafzimmer verlässt, dreht er sich noch einmal zu mir um, weiß aber anscheinend nicht so recht, was er sagen soll. „Bis bald.“ Ich kann nur hoffen, dass sich das nicht bewahrheitet. Was für eine Luftnummer. Warum habe ich den überhaupt mitgenommen?

Die Fotografie stammt von Maddi Bazzocco
Der Text ist ein Auszug aus dem Buch "Frühwarnsystem" von Sophie Krause, das ihr auf Instagram auch in interaktiver Form bewundern könnt.
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Ein Tag in Kyoto: Japans magischste Stadt

Kyoto ist ein wahrhaft magischer Ort, das spürt man an jeder Ecke, auf jeder Straße, über jeder Brücke. Wer die alte Kaiserstadt betritt, wird mit jedem Schritt in eine andere Zeit versetzt. Moderne Manga-Läden grenzen an alte, kleine Kneipen und Restaurants. Wunderschöne Geishas schweben durch hell...
Ein Tag in Kyoto: Japans magischste Stadt

Ein Tag in Kyoto

Japans magischste
Stadt

Annika Lorenz

Kyoto ist ein wahrhaft magischer Ort, das spürt man an jeder Ecke, auf jeder Straße, über jeder Brücke. Wer die alte Kaiserstadt betritt, wird mit jedem Schritt in eine andere Zeit versetzt. Moderne Manga-Läden grenzen an alte, kleine Kneipen und Restaurants. Wunderschöne Geishas schweben durch hell blinkende Einkaufszentren. Traditionelle Tempel thronen über schicken Wolkenkratzern.

Die Metropole, die von 794 bis 1868 Sitz des kaiserlichen japanischen Hofes war, liegt etwa 400 Kilometer südwestlich von Tokio im zentralen Westen der japanischen Hauptinsel Honshu, etwa zehn Kilometer südwestlich des Biwa-Sees und etwa 40 Kilometer von Osaka entfernt.

Nach der klassischen chinesischen Geomantie ist Kyoto wie ein Schachbrett angelegt. Das Zentrum und der Süden sind das wirtschaftliche Herz der Stadt. Einige der touristischen Sehenswürdigkeiten befinden sich im Zentrum, aber die meisten der berühmten Tempel liegen im Norden.

Im Zentrum der Stadt Kyoto gibt es einen schönen Lebensmittelmarkt namens Nishiki Food Market, der tagtäglich die Esstische der Einwohner deckt und liebevoll Kyoto’s Kitchen genannt wird. In den Läden der überdachten Arkade kann man alles finden, von japanischen Essiggurken, Tee, Süßigkeiten und Tofu bis hin zu Keramik und anderen traditionellen Waren. Wenn euch etwas gefällt, dann geht einfach hin und schaut es euch genauer an oder probiert, die Besitzer der Läden werden euch Tipps und Tricks zur Seite stehen.

Am östlichen Ende des Nishiki-Marktes befindet sich der Nishiki Tenmangu-Schrein, der sich auf die Bedürfnisse von Studenten und Geschäftsleuten spezialisiert hat. Hier könnt ihr eine Münze einwerfen, um den mechanisierten Löwentänzer zu starten, der wiederum euer Glück und wie es generell in eurem Leben weiter geht bestimmen wird. Was wird euch das Schicksal bringen? Der Löwe verrät es euch.

Sogar innerhalb Japans ist es selten, ein Museum oder eine Bibliothek zu finden, die komplett den Manga gewidmet sind. Von kostbaren Nachkriegsstücken über moderne populäre Comics bis hin zu internationalen Publikationen hat das Internationale Manga-Museum in der Innenstadt von Kyoto etwa 300.000 verschiedene Werke gesammelt.

Das Gebäude selbst wurde aus einem alten Grundschulgebäude renoviert. Im Inneren des Hauses können die Besucher die „Manga-Wand“ mit ihrer riesigen Sammlung ausländischer und einheimischer Manga durchstöbern und vollständig in die Geschichte der japanischen Comics, abgeschottet Zeit und Raum, eintauchen.

Die Shijo Street verläuft durch das berühmte Vergnügungsviertel Gion. Hier findet ihr zahlreiche Geisha-Häuser und andere traditionelle Gebäude. Erkundet die Geschäfte, die Macha, eine Art bitterer, grüner Tee, verschiedene Süßigkeiten und Kimono-Accessoires anbieten und sich wiederum allesamt auf die eine Straße konzentrieren, die den Geist von Kyoto wirklich einfängt. Am östlichen Ende der Shijo-Straße befindet sich der Yasaka-Jinja-Schrein, das Gesicht von Gion. Die Arkade führt vom Bahnhof Keihan Shijo zum westlichen Tor des Yasaka Jinja-Schreins.

Das Teramachi-Einkaufszentrum ist voller Abwechslung, von Jugendbekleidungsgeschäften bis hin zu gebrauchten Büchern und Zeichnungen aus der Edo-Zeit, auch bekannt als Ukiyo-e. Viele Geschäfte, die sich auf lokal hergestellte Waren spezialisiert haben, führen Unikate, wie zum Beispiel Samurai-Perücken. Der nördliche Teil der Sanjo-Straße ist gesäumt von Cafés und traditionelleren Läden, die oft selbst hergestellte Waren wie Tee und Papier verkaufen.

Gion Corner ist ein einzigartiges Theater mit einstündigen Aufführungen von sieben professionellen Darstellungskünsten aus Kyoto – der klassischen Komödie des Kyogen, dem Kyomai-Tanz, der Gagaku-Musik des kaiserlichen Hofes, der Koto-Harfe, dem Bunraku-Puppentheater, der Teezeremonie und dem Blumenarrangement.

Die Gion-Ecke befindet sich in der Yasaka-Halle an der Nordseite der Kaburenjo-Halle von Gion, wo Geishas wunderschöne Präsentationen geben. Dort könnt ihr bei Interesse auch eine echte Teezeremonie erleben und euch in entspannter Atmosphäre über die Etikette der Teezeremonie informieren. Da die Erklärungen der Präsentationen auf Englisch gehalten werden, ist die Gion-Ecke bei Touristen aus dem Ausland sehr beliebt.

Wenn ihr den Kifune-Jinja-Schrein besucht, werdet ihr die Gegenwart verschiedener Götter und Geister spüren können. Vergesst hier die Hektik der Stadt in der Stille, mit dem beruhigenden Rauschen des Flusses, der direkt neben euch herum plätschert, und genießt das entspannende Gefühl der kühlen Luft, die vom Fluss her kommt. Der Kifune-Jinja-Schrein wird seit langem von Menschen besucht, die für Glück und Wohlstand, für die Ehe und für die Erfüllung ihrer Wünsche beten.

Der Kifune-Jinja-Schrein wird vom Kaiserhaus verehrt und ist vielen Menschen in Japan vertraut. Er sieht wunderschön aus, im frischen Grün des Frühlings, das jeden Tag dunkler wird, und die Gegend ist im Sommer wegen des Essens am Kawa-Doko-Flussufer beliebt. Der Schrein ist auch wegen seines flammenden Herbstlaubs und des dramatischen Kontrasts seiner roten Laternen, die im Winter mit weißem Schnee bedeckt sind, beliebt. Wenn ihr tief in Kyoto eintauchen wollt, solltet ihr ihm einen Besuch abstatten.

Für einen Abstecher ins Schrullige geht am besten zum Konkai-Komyoji-Tempel, unweit des berühmten Philosopher’s Walk in der Tetsugaku-no-michi-Straße und nur zehn Gehminuten von der Okazaki-michi-Bushaltestelle des Kyoto City Bus entfernt.

Der Tempel selbst hat ein beeindruckendes zweistöckiges Tor, und in der Mie-do-Halle steht eine hölzerne Sitzstatue von Honen, dem Gründer der Jodo-Sekte des Buddhismus. Die schönen Gärten des Tempels mit Sandmalereien stellen das Leben von Honen und anderen dar, die mit der Gründung des Tempels in Verbindung stehen. Im Herbst spiegeln sich die Ahornbäume, die die Tempelteiche umgeben, glänzend im Wasser.

Versteckt innerhalb des Tempelgeländes findet ihr eine ungewöhnliche Statue von Amida Buddha. Das ist vielleicht nicht das, woran ihr denkt, wenn ihr euch eine Buddha-Statue vorstellt, denn diese hat einen Kopf aus gelocktem Haar, der so groß ist, dass er fast wie ein Afro aussieht.

Man sagt, dass diese Amida-Figur so außergewöhnlich viel Zeit damit verbrachte, sich ihrer asketischen Ausbildung zu widmen und für das Schicksal der Menschheit zu beten, dass ihr Haar länger und wilder wurde, bis es sich hoch auf ihrem Kopf auftürmte. Es gibt nur 16 solcher Figuren in ganz Japan. Versucht, diesen ungewöhnliche Figur des Amida Buddha mit seinem wilden Haar zu fotografieren und auf Instagram zu posten.

Fushimi ist ein Teil von Kyoto, aber es fühlt sich irgendwie anders und nostalgisch an. Auf eine gute Art und Weise. Der Fushimi Inari-taisha-Schrein und seine prächtigen eintausend Zinnober-Tore sind auf der ganzen Welt bekannt, aber der Bezirk hat noch eine ganze Reihe weiterer verborgener Schätze zu bieten.

Der im Süden von Kyoto gelegene Schrein spielt seit langem eine wichtige Rolle als Verkehrsknotenpunkt, der Kyoto und Osaka über den Fluss verbindet. Aufgrund seiner reichlich vorhandenen unterirdischen Reserven an klarem, hochwertigem Wasser hat sich Fushimi auch zu einem Zentrum für die Sake-Produktion entwickelt, eine Tradition, die bis heute mit mehr als 20 aktiven Brauereien fortgeführt wird.

Und dann ist da noch der berühmte Kaiserpalast von Kyoto, der die Residenz der kaiserlichen Familie war, bis die Hauptstadt 1869 nach Tokio verlegt wurde. Ihr findet ihn im Gyoen-Park von Kyoto. Innerhalb des kaiserlichen Palastgeländes, das von einer überdachten Lehmmauer umgeben ist, befinden sich der Seiryo-den, die Palasthalle, und der Kyogosho, der Kleine Palast, die stark an diese dynastische Epoche erinnern. Mit Ausnahme von fünf Tagen im Frühjahr und Herbst, an denen der Kaiserpalast für die Öffentlichkeit zugänglich ist, müsst ihr im Voraus eine Genehmigung für den Besuch des Geländes beantragen.

Wenn Tokio euch zu laut, zu überfüllt und generell irgendwie zu verwirrend ist, dann werdet ihr Kyoto lieben. Hier ist alles ein wenig ruhiger und entspannter. Und vielleicht auch etwas natürlicher. Die altehrwürdigen Geister vergangener Epochen scheinen dafür zu sorgen, dass die Stadt nicht aus dem Gleichgewicht gerät. Traditionen findet ihr überall in Kyoto, aber die bunten Straßen sind weder staubig noch antiquiert. Und selbst wenn ihr nur einen Spaziergang am Kamo macht, werdet ihr euch im Handumdrehen in Kyoto und seine interessanten Bewohner verlieben.

Ein Tag in Kyoto: Japans magischste Stadt Ein Tag in Kyoto: Japans magischste Stadt Ein Tag in Kyoto: Japans magischste Stadt Ein Tag in Kyoto: Japans magischste Stadt Ein Tag in Kyoto: Japans magischste Stadt Ein Tag in Kyoto: Japans magischste Stadt Ein Tag in Kyoto: Japans magischste Stadt Ein Tag in Kyoto: Japans magischste Stadt Ein Tag in Kyoto: Japans magischste Stadt Ein Tag in Kyoto: Japans magischste Stadt
Die Fotografie stammt von Marlen Stahlhuth
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Megalomaniac: Ich bin der Durchschnitt

Ich stehe auf einer Bühne. Meine Augen sind weit offen, doch ich fühle mich geblendet von der mich umgebenden Schwärze. Kein einziger Schimmer dringt durch die blinde Dunkelheit in meinen Kopf, und doch zweifle ich meine Sinne nicht an, denn hinter dem schweren Vorhang aus Samt, den ich mir nur denk...
Megalomaniac: Ich bin der Durchschnitt

Megalomaniac

Ich bin der
Durchschnitt

Sara Navid

Ich stehe auf einer Bühne. Meine Augen sind weit offen, doch ich fühle mich geblendet von der mich umgebenden Schwärze. Kein einziger Schimmer dringt durch die blinde Dunkelheit in meinen Kopf, und doch zweifle ich meine Sinne nicht an, denn hinter dem schweren Vorhang aus Samt, den ich mir nur denken kann, höre ich das Tosen des Publikums. Sie rufen und schreien, sie stampfen mit ihren Füßen wild auf dem Holzboden des riesigen Saales.

Wir befinden uns im Audimax der Welt – Fernsehkameras aller Nationen, die besten Fotografen, alle wichtigen Menschen und auch die unwichtigen, Männer, Frauen, Kinder – junge, kranke, alte, starke Menschen – Politiker, Ökonomen, Philosophen, Künstler, Kulturschaffende, Wissenschaftler, der Papst – alle sind gekommen. Alle warten darauf, dass der Vorhang fällt, für die größte Inszenierung aller Zeiten… für mein Leben.

Leider ist das Leben kein dramatisches Schauspiel, das von Superhelden und Geheimagenten bespickt ist, und so ist alles, was fällt, meistens ich selbst, und zwar auf den Boden, der Nase nach. Und oft breche ich mir dabei auch noch einen Zahn ab. Dabei ist dieser Traum vom Rampenlicht, so unrealistisch er sein mag, und ich meine nicht nur, weil ich kein so besonderer Mensch bin, sondern weil ich auch keine besonders rampenlichtige Persönlichkeit habe, etwas, dass mich schon seit Anbeginn meiner wirren Gedankenchronik begleitet.

Und egal, in welcher Form, es läuft immer darauf hinaus, dass die Menschen zu mir aufblicken. Ob ich als verschrobene, unentdeckte Sängerin einer avant-gardistischen Rockband meine kleinen Songs trällere, oder ob ich als höchstkriminelle, neumodische, aber gutmeinende, weibliche Robin Hood die Welt auf den Kopf stelle, Kriege beende und für das Recht auf Gerechtigkeit kämpfe. Jeder kennt meinen Namen. Und ich bin irgendwer. Ich bin irgendwer, der wichtig ist.

Auch, wenn diese sehr selbst-zentrierte Form der Tagträumerei maßlos und überheblich wirkt, glaube ich kaum, damit auf weitem Flur alleine zu stehen. Ich kenne viele Menschen, die würden nicht zugeben, dass sie nach Anerkennung, nach Macht streben. Aber ey, lügt euch nicht an. Wir streben nach Aufmerksamkeit, und wir sterben, in der Hoffnung, auch nach unserem Tod mit Aufmerksamkeit übergossen zu werden.

Größenwahn? Vielleicht. Aber es muss auch nicht der Thron der Welt sein, den ich gedanklich besteige. Es würde schon reichen, wenn ein einziger Mensch – ein existierender, klar denkender Mensch – eines Tages in Ehrfurcht vor meinem Werk, vor meinem Leben steht und sagt: Krass. Das hätte niemand anderes so machen können. Das hat niemand vor ihr so gemacht. Das ist einzigartig. Diese Sara Navid war eine Vorreiterin auf ihrem Feld.

Diese Ehrfurcht – kein Neid, wohlgemerkt, sondern nur positiver Respekt und ein daraus resultierender “Aufblick”-Mechanismus – ist auch das, was mir jeden Tag begegnet. Vor allem in der Uni. Da liest man pro Woche zwei bis siebenhundert Seiten von geistigen Orgasmen, die in einem perfekten Tiramisu der Geschmacksexplosionen verarbeitet wurden.

Da sind Naturwissenschaftler, Geisteswissenschaftler, Sozial- und Kulturwissenschaftler, Philosophen, Theoretiker im weitesten Sinne die mit ihren Standpunkten, ihren Systemkritiken und ihren “neuen” Gedankenverknüpfungen die Tore zu neuen Welten öffneten. Die unsere Welt heute weitaus mehr prägen als es jeder Barack Obama es könnte. Wir lesen heute noch Aufsätze von großartigen Menschen, die vor hundert Jahren verfasst wurden. Und mit jedem fertig gelesenen Text, der auf den Stapel “erledigt” gelegt wird, vergrößert sich auch der Abstand zwischen mir und allen großen Persönlichkeiten, die tatsächlich einen Wert für unsere Gesellschaft beigetragen haben.

Hier bin also ich. Inmitten von sieben Milliarden Menschen. Ich lese Weber und Marx und Cassirer und Habermas und denke mir, wer bin ich eigentlich? Ich werde niemals so etwas schreiben können. Und selbst wenn ich es schreiben könnte: meine Intelligenz reicht nicht aus, um das zu erreichen, was die Ikonen des Erfolgs und der Weltgeschichte vor mir erreicht haben. Selbst, wenn ich das Maß an mich selber nicht so hoch stecken würde, bliebe das Ergebnis identisch. Jedes Mal, wenn ich meine Lieblingswochenzeitung aufschlage, lese ich mindestens einen Text, dessen Inhalt weitaus alles übersteigt, was ich jemals auch nur im Ansatz für überhaupt möglich hielt.

Und nicht mal so weit muss man gehen. Es reicht schon, an dem Gedanken einer Hausarbeit zu versagen, weil man genau weiß, dass da nicht genug Wissen ist, um zu triumphieren. Es reicht schon, andere Blogs zu lesen, es reicht, die Gedankengänge jüngerer Kollegen oder Kommilitonen zu verfolgen, um festzustellen, shit, da komme ich nicht ran, in keinster Weise.

Und dann stellt man sich unweigerlich die Frage: Wozu mache ich das überhaupt? Wer möchte ich sein? Ein Teil der intellektuellen Elite? Jemand, der vor seiner Zeit lebt, und unter einem normativen Erfolgsdruck leidet? Oder jemand, der sich dem Kompromiss der Gegenwart anschließt, und sagt, naja, dann ist es eben so, wie es ist – und mehr als versuchen kann ich es auch nicht.

Das zwickt ganz schön. Das Gefühl, zum Durchschnitt zu gehören, und in keiner Leistung vortreffliche Arbeit zu machen, keinen Bestandteil des Charakters zu besitzen, der einen hervorhebt. Viel schlimmer: Man bewirkt nichts. Man ist ein Teil der wabernden Masse mit eigenem kleinen Mikrokosmos. Dann dauert es nur ein paar Generationen, bis man vergessen wird. Bis jemand anderes diesen Platz einnimmt.

An vielen Tagen stört mich das alles nicht. Mein kleiner Mikrokosmos reicht mir vollkommen, um Zufriedenheit an den Tag zu legen. Doch gibt es diese Momente, wo das Gefühl, die Sterne seien unerreichbar, mir die Luft zum Atmen abschneidet. Wo ich alles stehen und liegen lassen möchte und glaube, dass diese Gesellschaft mich aussaugt, und dass ich nie eine Chance hatte, und und und… Der Knick im Ego kann gerne auch zu einer Runde Mitleidsdusche führen.

Und dann macht man weiter. Mit den gleichen Träumen. Dass man eines Tages vor einem schwarzen, schweren Vorhang aus Samt steht. Dass die Menschen einem applaudieren, weil man es geschafft hat, die Probleme unserer Welt zu bändigen. Oder weil man ein Lied singt, welches, wenn auch nur wenige, Menschen glücklich macht. Oder weil man einen Text schreibt, der so durchdacht und klug ist, dass die Menge ihre Anerkennung beipflichten möchte. Und vielleicht braucht es ja manchmal einen unrealistischen Traum, um eine realistische Einschätzung seiner selbst zu erzielen.

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Die Welt verbessern: Tausche Perfektion gegen Obsession

Nenn’ mir eine Sache, die du in der Welt verändern möchtest. Eine einzige Sache. Im Zuge der Gutmensch-Diskussion ist es vielleicht nur diese Aufgabe, der man sich stellen sollte. Es gibt genügend Punkte, an denen man arbeiten kann. Angefangen bei charakterlichen Lücken bishin zum Weltfrieden – für...
Die Welt verbessern: Tausche Perfektion gegen Obsession

Die Welt verbessern

Tausche Perfektion
gegen Obsession

Sara Navid

Nenn’ mir eine Sache, die du in der Welt verändern möchtest. Eine einzige Sache. Im Zuge der Gutmensch-Diskussion ist es vielleicht nur diese Aufgabe, der man sich stellen sollte. Es gibt genügend Punkte, an denen man arbeiten kann. Angefangen bei charakterlichen Lücken bishin zum Weltfrieden – für welche Dinge setzen wir uns ein, und was zeichnet uns aus?

Nicht jeder kann alles. Das merkt man vor allem dann, wenn Menschen des öffentlichen Leben enttäuschen. Sie mögen auf ihrem Feld unschlagbar oder herausragend sein, dennoch haben sie Fehler und gelangen ständig ins Fadenkreuz der Medien. Kritik, konstruktiv oder polemisch, wird immer dann abgefeuert, wenn jemand mit viel Verantwortung oder mit etwas zu sagen, seine Schwächen nach außen zeigt – auch dann, wenn es den Personen selbst nicht mal klar war, dass es sich um Schwächen handelt.

Rassismus und Sexismus im Alltag sind die gängigen Themen, mit denen man in Deutschland heutzutage konfrontiert wird. Mal ganz abgesehen vom Abschreiben bei wissenschaftlichen Arbeiten oder bei kostenlosen Urlaubs-Trips von Freunden. Politiker, also diejenigen, die wirklich ganz vorne im Rampenlicht stehen, haben es nicht leicht.

Aber auch der kleine, normalsterbliche Otto muss sich gefügig machen. In meinen Gedanken geht es darum, dass man hier mehr oder weniger dazu erzogen wird, es jedem Recht machen zu wollen. Dass sich niemand mehr richtig traut, mal den Mittelfinger zu zeigen, wenn man sich zu Unrecht behandelt fühlt oder einfach keinen Bock hat, perfekt zu wirken. Ja, Amen, Entschuldigung ist Konsens – was für ein Schwachsinn. Aber gilt das auch, wenn man seine menschlichen Schwächen so offen zur Schau stellt, selbst wenn sie nichts darüber aussagen, was man tatsächlich kann?

Nur um eines klar zu stellen: Ich möchte nicht als Devil’s Advocate mal wieder mehr zur Rebellion an Stellen auffordern, wo sie nicht hingehört. Es ist wichtig, gerade solche Themen wie Rassismus mit größter Vehemenz zu diskutieren und bloß nicht zu ignorieren. Jegliche Kritik ist angebracht. Allerdings fehlt mir eine gewisse Konsequenz im Aktivismus.

Wenn wir schon nicht alles richtig machen können, und jeder sollte sich über die eigenen Fehler im Klaren sein, dann bitte wenigstens eine, und nicht krampfhaft versuchen, das Sonnenscheindkind mit der reinen Weste zu sein. Ich habe nichts gegen Ecken und Kanten, gegen eine anti-konforme Einstellung. Ich stimme mit vielen Lebensentwürfen nicht überein, aber ich weiß es zu schätzen, wenn man mit Ehrgeiz und mit einem Ziel, die Welt zum besseren verändern zu wollen, seine Sache vertritt.

Vielleicht ist Kritik angebracht, wenn Mitglieder der renommierten Parteien plötzlich rassistische Aussagen in Schutz nehmen oder rechtfertigen wollen – fuck that, hard. Aber andererseits mögen sie vielleicht – nur vielleicht – für eine andere Sache einstehen, die für sie viel größer und wichtiger ist. Dabei geht es nicht um ein globales “größer und wichtiger”, jedes konfliktreiche Thema ist es wert, austariert zu werden.

Es geht um ein individuelles größer und wichtiger. Man kann sich nicht in zehn Teile splitten und hoffen, dass eins davon es schon irgendwie richtig macht. Dann lieber den Mittelfinger dort zeigen, wo man nicht mehr optimieren kann und will – aber nur, wenn man sich dafür auf das konzentriert, wo man eine Leidenschaft spürt. Perfektion im Tausch gegen eine einzige Sache, die dir wichtig ist. Eine einzige Sache, die die Welt – zum Besseren, hoffentlich – verändern wird.

Die Fotografie stammt von Elena Mozhvilo
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Wie der Wind sich hebt: Hayao Miyazaki erzählt vom Krieg

Wer einmal ein Werk des japanischen Geschichtenerzählers Hayao Miyazaki erblicken durfte, der weiß, wie viel Magie, wie viel Tiefsinn und Seele darin stecken. Der Großmeister des Anime ist mittlerweile auch nicht mehr der Jüngste und hat ganze Generationen mit Klassikern wie Chihiros Reise ins Zaube...
Wie der Wind sich hebt: Hayao Miyazaki erzählt vom Krieg

Wie der Wind sich hebt

Hayao Miyazaki
erzählt vom Krieg

Marcel Winatschek

Wer einmal ein Werk des japanischen Geschichtenerzählers Hayao Miyazaki erblicken durfte, der weiß, wie viel Magie, wie viel Tiefsinn und Seele darin stecken. Der Großmeister des Anime ist mittlerweile auch nicht mehr der Jüngste und hat ganze Generationen mit Klassikern wie Chihiros Reise ins Zauberland, Prinzessin Mononoke und Das wandelnde Schloss begeistert. Auf dem Toronto International Filmfestival feierte einer seiner persönlichen Herzensprojekte Premiere: Wie der Wind sich hebt.

Darin beschreibt Hayao Miyazaki das Leben von Jiro Horikoshi im Japan des frühen 20. Jahrhunderts. Das Land, vom Ersten Weltkrieg und dem Großen Kanto-Erdbeben getroffen, der junge Mann begeistert von der Luftfahrt. Auf seinem Weg nach Tokio trifft er auf Naoko, eine ungewisse Zukunft tut sich vor den beiden auf, mit den Schrecken des nächsten drohenden Krieges, in dem auch Jiro eine tragende Rolle spielen wird, am weiten Horizont.

In seinem Heimatland ist Hayao Miyazaki durch den Film in die Kritik geraten. Nationalisten werfen ihm vor, Wie der Wind sich hebt, der auf einer wahren Begebenheit beruht, würde verräterische Absichten verfolgen, seine Perspektive von Krieg und Geschichte verfälschen, das Publikum für pazifistische Zwecke missbrauchen. Hayao, dessen Vater selbst dabei geholfen hat, Flugzeuge für den Zweiten Weltkrieg zu bauen, erzählte währenddessen in einem Interview, dass Wie der Wind sich hebt der erste seiner Filme gewesen sei, der selbst ihn zu Tränen rührte.

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Die Illustration stammt von Studio Ghibli und Leonine
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