Von wegen Gewissen - Irgendwem geht es immer schlechter als uns

Es ist ein Dienstagnachmittag in den Semesterferien. Wir sitzen in der Wohnung einer Freundin, trinken Red Bull und reden über die Dinge, die uns zur Zeit so beschäftigen. Es sind…
Von wegen Gewissen - Irgendwem geht es immer schlechter als uns

Von wegen Gewissen

Es ist ein Dienstagnachmittag in den Semesterferien. Wir sitzen in der Wohnung einer Freundin, trinken Red Bull und reden über die Dinge, die uns zur Zeit so beschäftigen. Es sind irgendwie immer die gleichen: Probleme mit dem Partner oder den Eltern, Geldsorgen, der Nebenjob passt nicht und das Studium will auch nicht so richtig laufen.

Jeder kotzt sich mal so richtig aus und irgendwann landen wir immer bei Gesellschaftskritik und Politik. Wir haben alle keine Ahnung von der Gesellschaft und von Politik erst recht nicht, aber eben Ideale. Wir wissen: wir sind privilegiert. Weiße Haut und deutscher Pass, ein Dach über dem Kopf und den Studienplatz, den wir uns immer gewünscht haben. Und doch tragen wir so viel Hass in uns. Auf Deutschland. Auf die Gesellschaft. Und die Politik.

Wir sind uns unserer Privilegien wirklich bewusst, und trotzdem dürfen wir nicht meckern. Weil es nämlich immer irgendjemandem irgendwo auf der Welt schlechter geht als uns. Wir sind die mit den viel zitierten „First World Problems“. Was dabei vergessen wird: Probleme sind in den meisten Fällen etwas Persönliches. Man kann sie nicht gegeneinander aufwiegen und mit denen anderer Menschen vergleichen.

Wenn ich mich in meinem Freundeskreis so umsehe, sind wir alle echt gut dran. Wir haben alle mehr oder weniger bezahlbare Wohnungen in halbwegs korrekten Kiezen. Und trotzdem regen uns die immer höher werdenden Mieten auf. Weil wir nämlich noch genau wissen, wie schwer es damals war, überhaupt etwas zu ergattern. Gentrifizierung ist scheiße – doch das darf man als jemand, der zum Studieren extra in die Stadt gezogen ist natürlich nicht sagen. Wir sind die Privilegierten – für uns räumt schon irgendein Berliner Urgestein den Platz. Nur: für uns ist hier halt auch nicht alles leicht.

Wir sind gekommen, weil die Stadt uns das geboten hat, was wir wollten: den perfekten Studienplatz. Und naja, ein wenig waren’s auch die Partys. In den Arsch geschoben hat uns trotzdem niemand was – und wenn dann nur im sexuellen Sinne. Auch wir sind von Amt zu Amt gerannt, um überhaupt hier bleiben zu dürfen und haben unsere Seelen und den Erstgeborenen an das Bafög-Amt und das nächstbeste Café, das uns einstellen wollte, verkauft.

Wir haben gekämpft, um das zu kriegen, was wir wollen – und jetzt sollen wir uns gefälligst nicht beschweren. Nur: Egal wie toll der Studienplatz ist, egal wie flexibel man im Job sein kann und egal, wie hoch das Bafög ausfällt, wir wollen auch das Recht zu kotzen. Über die Kommilitonen oder Studieninhalte, die wir uns so nicht ausgesucht haben.

Über die Hausarbeiten, zu denen wir einfach keine gescheite Literatur finden und die die Hälfte unserer sehr kostbar gewordenen Freizeit fressen. Über die blöden Gäste und unsere Chefs oder darüber, dass man uns viel zu wenig bezahlt – immerhin sind wir ja eigentlich Akademiker. Und darüber, dass wir am Monatsende auch nur noch Nudeln mit Ketchup essen können, weil die Bücher wieder so teuer waren oder man an einem Tag halt unbedingt Gras gebraucht hat, weil man die Welt und seine Bevölkerung sonst nicht länger ertragen hätte.

Nur weil es anderen viel schlechter geht als uns, müssen wir noch lange nicht den Mund halten. Das betrifft auch unsere Sexualität. Ja, wir sind in den letzten Jahren weit gekommen. Homosexualität ist nicht mehr strafbar. Sie wird allerdings nur geduldet. So richtig angekommen ist die Akzeptanz hier noch nicht.

Wenn du nicht heteronormativ-monogam lebst, musst du mit bösen Blicken rechnen. Im besten Fall. Im schlimmsten Fall erlebst du Gewalt, psychisch wie körperlich. Aber nur, weil in anderen Ländern Menschen gesteinigt werden, da sie jemanden des gleichen Geschlechts lieben, sollen wir nicht aufschreien dürfen, wenn man uns und andere hier schlecht behandelt?

Man zwingt uns nach wie vor, uns zu outen und zu definieren. Gleichgeschlechtliche Ehen gelten zwar auf dem Papier und stehen gesetzlich doch nicht auf der gleichen Höhe wie die „ganz normalen“ Hetero-Ehen, die uns unsere Eltern und Großeltern größtenteils vorgelebt haben. Und darüber möchten wir meckern, während wir Händchen haltend mit unseren Partnern des gleichen Geschlechts durch die Straßen laufen und uns daran erfreuen, dass uns wenigstens das halbwegs normal möglich ist.

Oder nehmt doch mal das Lieblingsthema der Netzgemeinde – den Feminismus. Ist ja toll, dass Frauen Hosen tragen dürfen und mittlerweile hohe Positionen in erfolgreichen Firmen annehmen können, denn anderswo geht das ja nicht, da müssen sie sich noch verschleiern und dürfen als Job höchstens dem Angeheirateten dienen, aber ehrlich, reicht euch das?

Seid ihr nicht auch dafür, dass wir alle irgendwie gleichberechtigt sind? Was unsere Wohnungen, Gehälter und generellen Lebensweisen, die wir uns ganz oft gar nicht aussuchen können, angeht? Natürlich wünsche ich mir, dass es allen Menschen auf der Welt gleich gut geht. Dass kein Mensch so benachteiligt wird, wie es in manchen Ländern eben so ist.

Doch ich kann leider nicht für sie kämpfen. Wohl aber für mich und meine Rechte. Und das will ich mir von niemandem nehmen lassen, der findet, dass ich eigentlich schon alles habe, weil ich weiße Haut und einen deutschen Pass habe. Und ein Dach über dem Kopf. Und einen Studienplatz. Von mir aus auch noch den Fernseher, den ich nicht zwingend bräuchte und die Drogen, die ich mir kaufen will.

Und selbst wenn ich ein gut bezahlter, weißer, heterosexueller Mann wäre, würde ich darauf bestehen, dass meine Probleme ernstgenommen werden. Von meinen Freunden, der Gesellschaft und der Politik. Es ist eben so: Probleme sind Probleme. Andere Probleme, doch immer noch Probleme. Und egal, wie klein und luxuriös das Problem auch sein mag, man hat das Recht, darunter zu leiden. Sich darüber zu beschweren. Und sich dabei helfen zu lassen.

Nur weil man privilegiert und sich dessen auch bewusst ist, verschwindet nämlich nicht der ganze Ballast, den man im Leben so mit sich herum trägt – er verändert sich nur. Und genau deshalb ist es auch in Ordnung, nicht permanent zurück zu stecken, nur weil es anderen Menschen schlechter geht als einem selbst. Man darf auch mal für mich selbst sein. Und das Argument „In Afrika sterben Kinder, während du hier im Überfluss lebst!“ hat noch niemanden von uns weiter gebracht. Die Kinder in Afrika übrigens auch nicht.

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Illustration von Hugo und Icons8
Der Text erschien in der Kategorie Leben mit den Themen Armut, Dritte Welt, Geld, Gewissen und Reichtum
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