Verstummt, verblasst, vergessen - Die Legenden deiner Jugend

Egal, wie weit weg es uns auch verschlagen hat, in die überfüllten Straßen New Yorks, an die heißen Küsten Australiens oder unter die hohen Decken der Berliner Altbauwohnungen: Am Ende…
Verstummt, verblasst, vergessen - Die Legenden deiner Jugend

Verstummt, verblasst, vergessen

Egal, wie weit weg es uns auch verschlagen hat, in die überfüllten Straßen New Yorks, an die heißen Küsten Australiens oder unter die hohen Decken der Berliner Altbauwohnungen: Am Ende des Jahres kehren wir nach Hause zurück. In unsere Stadt. In eine Welt, in der die Zeit still zu stehen scheint. Und wir fühlen uns überlegen. Weil niemand dort den Mut hatte, auch nur annähernd das zu wagen, was wir erreicht haben.

Die Straßen der kleinen Gemeinde sind noch immer dieselben, die wir als Kinder mit dem BMX abgefahren sind. Abgelaufen sind. Wir kennen sie in- und auswendig. Jeden Winkel, jede Abkürzung. Wir träumen noch heute von der Zeit, in der diese Gassen die Adern unseres kindlichen Daseins waren. Und jeder Meter, nein, jeder Zentimeter, ist mit Erinnerungen behaftet, die in den richtigen Momenten über uns herein brechen.

Als ich die Hauptstraße an einem sonnigen Sommermorgen entlang spaziere und keine Menschenseele antreffe, da gehen meine Gedanken auf Wanderschaft. Sie schweben empor, über die Stadt, sie kreieren einen Plan. Der Häuser. Der Wege. Der Felder. Und überall ploppen Marken mit Andenken auf, die mich bei geistiger Berührung in sich hinein ziehen und mir noch einmal abspielen, was mich als Menschen ausmacht.

Wie wir mit 12 in diesen Wohnwagen eingebrochen sind, um dort mit vom Jahrmarkt geklautem Helium unsere Stimmen in die von Micky Maus zu verwandeln. Wie wir mit 13 heulend den Notarzt gerufen haben, weil Maria beim Schlittenfahren gegen den Zaun vom Freibad geknallt ist und ihr das Blut das Gesicht hinunter floss. Wie wir mit 16 auf der Rutsche des nahegelegenen Spielplatzes saßen und Chrissy ihr weißes Top hochzog, um oben ohne und mit den Mittelfingern herum fuchtelnd den Nachbarn zu beleidigen, der uns am Vortag mit einer Schaufel verprügeln wollte.

Als ich wieder zu mir komme, stehe ich auf einer kleinen Brücke etwas außerhalb der Stadt. Nahe der verlassen wirkenden Schrebergärten. Die Sonne scheint mir ins Gesicht, der Schweiß läuft mir in die Augen, unter mir bahnt sich ein kleiner Bach den Weg ins nächste Dorf. Ich starre in das klare Wasser und mir wird schlagartig eine unumgängliche Wahrheit klar, die mir das Herz schwer werden lässt und mir die Tränen in die Augen treibt.

Wir herrschten über diesen Ort, brachten ihn zum Wanken, zum Beben. Wir waren es, die nachts durch seine Tore zogen, wir küssten und aßen und schlugen und weinten und kamen und schrieen und lachten und tranken. Laut. Energisch. Mutig. Auf dass wir uns verewigen. Auf dass unsere Taten noch in 100 Jahren für Raunen sorgten. Auf dass wir nicht sterben konnten, auch wenn wir schon längst vergangen waren.

Unsere Graffiti sind verblasst, unsere Legenden verstummt, unsere Markierungen gelöscht. Die Generation, die heute in diesen Straßen ihr Unwesen treibt, hat keine Ahnung mehr davon, was sich hier vor Jahren abgespielt hat. Was wir riskierten. Wen wir anfassten. Wie viele Feinde wir uns schufen und wie viele Freunde uns begleiteten. Es ist ihnen egal. Unsere Namen sind ihnen egal. Unsere Orte. Unser Kummer. Unsere Lieder.

Und dann sehen wir ein, dass wir keinen einzigen Grund haben, uns überlegen zu fühlen. Weil wir nichts erreicht haben. Weil nichts von Dauer ist. Weder an diesem Ort noch woanders. Und dass es vollkommen egal ist, wie weit weg es uns verschlägt und was wir erleben. Mit wem wir es erleben. Wie oft und wie intensiv wir es erleben. Denn irgendwann drehen wir uns um. Und nichts von alledem ist mehr da.

Unsere Andenken geistern nur noch als vage Schatten durch die Stadt. Sie haben keine Wirkung, kein Verlangen. Doch sie dienen als Beweis dafür, dass wir ersetzt worden sind. Von jungen Menschen, die uns als irrelevant betrachten und ihre eigenen Legenden an den Orten schreiben, die uns als Kulisse für unsere Erinnerungen dienten. Und das weder zum ersten noch zum letzten Mal.

Aber auch diese Generation wird irgendwann einmal an zurückkehren. Und sie wird auf dieser Brücke stehen und sie wird weinen und sie wird sich der Tatsache bewusst werden, dass keine ihrer noch so krassen und leidenschaftlichen und dramatischen Handlungen in Ewigkeit mündet. Dass ihre Jugend die Kopie einer Kopie einer Kopie ist. Und dass alles zerfällt, sobald sie sich einmal umdreht.

Alles, was uns als Trost bleibt, ist der ewige Traum, etwas zu tun, was noch nie jemand vor uns getan hat. Also verschlägt es uns in die überfüllten Straßen New Yorks, an die heißen Küsten Australiens oder unter die hohen Decken der Berliner Altbauwohnungen. Wir denken nicht an ein kopiertes Leben, wir glauben an ein einzigartiges. Das macht uns stark. Es ist die einzige Möglichkeit, nicht den Verstand zu verlieren.

Wir machen weiter. Wir füllen die leeren Legenden unserer Erinnerungen mit neuen Abenteuern und Bildern und Gerüchen und Geschmäckern und Geräuschen. Und womöglich können wir im nächsten Jahr wieder hierher zurück kehren. In unsere Stadt. In eine Welt, in der die Zeit still zu stehen scheint. Und wir fühlen uns überlegen. Weil niemand dort den Mut hatte, auch nur annähernd das zu wagen, was wir erreicht haben.

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Fotografie von Jacob Bentzinger
Der Text erschien in der Kategorie Leben mit den Themen Jugend, Jungs, Mädchen, Nostalgie und Partys
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