Überstunden, Lügen, Arschlöcher - Die Berliner Medienbranche ist eine unterbezahlte Hölle

Vor einigen Wochen kündigte ich meinen Job als Redakteurin bei einer Berliner Produktionsfirma. Ein Jahr lang hatte ich mich motiviert in jedes Interview gestürzt, die halbe Riege der in Berlin…
Überstunden, Lügen, Arschlöcher - Die Berliner Medienbranche ist eine unterbezahlte Hölle

Überstunden, Lügen, Arschlöcher

Vor einigen Wochen kündigte ich meinen Job als Redakteurin bei einer Berliner Produktionsfirma. Ein Jahr lang hatte ich mich motiviert in jedes Interview gestürzt, die halbe Riege der in Berlin gastierenden Musiker zu ihren musikalischen Ursprüngen, ihren bewegendsten Tourerlebnissen und ihren Freuden und Ängsten befragt. Ich hatte mich auf der Berliner Fashion Week der Tatsache ausgesetzt, dass eine derart oberflächliche Veranstaltung zwar einen betonierten Nährboden für redaktionelle Arbeit bietet, einen aber nicht davor schützt, sich aus schierer Verzweiflung nach Content Creation zum Deppen zu machen und vor laufender Kamera den heißesten Typen irgendeiner Streetwearmesse zu suchen.

Nichtsdestotrotz: Es war an und für sich ein sehr unterhaltsames Jahr, bei dem ich Berlin schnell von den unterschiedlichsten Seiten kennenlernte und mit einem großartigen Team zusammenarbeitete. Auf das neidvolle „Wahnsinn, hast du einen tollen Job!“ aus dem Freundeskreis antwortete ich meist nur mit einem schiefen Lächeln.

Das war immerhin der Ausgleich für das Unverständnis meiner Eltern. „Web TV? Ist das im Internet? Was ist Sido?“ Es war der Ausgleich für mein eigenes schlechtes Gewissen, nicht wirklich etwas zu schaffen, das auch längerfristig einen kulturellen Beitrag leistet – denn wen interessiert am Abend noch, dass die Mädels von Laing am Morgen immer müde sind? Vor allem aber versuchte ich mich darüber hinweg zu täuschen, dass ich vor allem eines war: unterbezahlt.

Mit meinem Magisterabschluss in Kunstgeschichte, Philosophie und Anglistik war ich nach sechseinhalb Jahren Studium bereit in der Arbeitswelt loszulegen und begann meinen Karrierestart in besagter Produktionsfirma mit einem raketensteilen Abstieg als – natürlich – Praktikantin. Als nach wenigen Wochen das gesamte, fünfköpfige Redaktionsteam fristlos entlassen wurde, durfte genau eine eiserne Arbeitskraft ihren Platz behalten: meine Wenigkeit.

Leicht irritiert von der plötzlichen Härte der freien Marktwirtschaft, machte ich das Beste aus der Situation, steigerte mein Gehalt von sage und schreibe 400 Euro auf 1000 Euro netto und wandelte meinen Praktikantenstatus nach einigen Verhandlungen in den einer Redakteurin. Dass es sich hierbei eigentlich um das Aufgabenfeld einer Redaktions- und Produktionsleitung, einer Social-Media-Kraft und SEO-Optimierung handelte, sei nur am Rande erwähnt.

Dass sich der Arbeitsaufwand und die damit verbundene Verantwortung um ein Zehnfaches steigerten, mein Gehalt allerdings immer noch am Existenzminimum angesiedelt war, ebenfalls. Mit harten Bandagen hatte ich mir den “Luxus” erkämpft, nur von montags bis donnerstags zu arbeiten, um am Freitag und am Wochenende freiberuflich zu schreiben, um auf diesem Wege wenigstens etwas Geld dazuzuverdienen.

Eigentlich dachte ich immer, ich mache einen ganz guten Job. Ich verstand mich mit meinem Team großartig, für meine Interviews und Videos wurde ich von Außenstehenden gelobt und ich war meist mit Freude und Elan dabei. Für das gekündigte Personal wurde auch in den darauffolgenden Monaten natürlich niemand eingestellt, aber wir schafften es die Produktionsleistung einigermaßen zu halten und die Zuschauerzahlen der Webseite zu steigern.

Allerdings schien das in der Führungsetage niemanden zu interessieren, keiner wusste sich für die finalen Zahlen des Reportings zu begeistern. Stattdessen wurde mein Interesse an den numerischen Fakten vielmehr argwöhnisch beäugt. Als ich eines Tages zu einem Gespräch mit meinen Vorgesetzten geladen wurde, hieß es, sie seien nicht zufrieden damit, dass ich mir nicht auch noch über meine Arbeitszeit hinaus – beim Abendbrot – Gedanken zu neuen Formaten und bahnbrechenden Reportagen mit meinem drei Mann starken Team machte. Es mangele mir an „originärem Gedankengut“. Dass mir derweil vielmehr Kopfzerbrechen bereitete, wie ich dieses sogenannte „Abendbrot“ auf Dauer überhaupt finanzieren sollte, schien wenig Beachtung zu finden.

Als ich auf diesen Umstand und die Tatsache, dass ich seit Monaten die Arbeit von einem fünfköpfigen Team übernommen hatte und am Ende des Acht-Stunden-Tages weder Energie noch Motivation verspürte, mich weiteren kreativen Ergüssen hinzugeben, aufmerksam machte, wartete mein Chef mit einem schlagkräftigen Argument von sowohl diplomatischer als auch intellektueller Größe auf: „Heul doch!“

Nach einem emotionalen Tränenerguss war mir wenig zu Mute, vielmehr stand mir der Sinn danach, ihm endlich zu sagen, wie sehr er mich an eine perfide Symbiose aus Mr. Burns von den Simpsons und Gargamel von den Schlümpfen erinnerte. Ich behielt es für mich, ließ es aber nicht aus, die mangelnde Kritikfähigkeit der Führungsetage zu erwähnen.

Meine Chefin reagierte mit Unverständnis und hielt dagegen: „Wie soll ich dich denn kritisieren? Soll ich dir eine eMail schreiben, in der ich dir sage: Ja, ihr seht alle gut aus, habt einen tollen Freundeskreis und seid ohnehin die Geilsten, aber dieses und jenes passt mir nicht?“ Ich gratulierte ihr insgeheim zu dieser treffenden Veranschaulichung meiner soeben geäußerten Aussage und beließ es dabei, mein Unverständnis ob der allgegenwärtigen Polemik des Gespräches zu äußern.

Da saß ich nun, mit einem akademischen Abschluss einer Eliteuniversität, und hinterfragte kurz, ob es vielleicht doch ich sei, die im Unrecht war, wenn sie sich darüber aufregte, dass sie trotz engagierter Arbeitsleistung mit einem Gehalt entlohnt würde, von dem sie nicht einmal in dem billigen Berlin einen Lebensunterhalt bestreiten konnte.

Ich blickte einen Moment fragend in die Runde und schon sah ich ihn auf mich zuschnellen, den final-rhetorischen Fausthieb: „Wenn du den Job nicht machst, dann macht in halt ein anderer. Du weißt doch, jeder ist ersetzbar. Und überhaupt, so schlimm ist es hier nun auch nicht. Zumindest sind noch keine Tränen geflossen, dass lief hier früher anders.“ Das war alles was, ich hören musste, um fristlos zu kündigen. Denn durch meine freie Mitarbeit hatte ich der Firma nicht nur jegliche Sozialabgaben und jede Menge Papierkram erspart, sondern mir auch mein umgehendes Kündigungsrecht erhalten.

Nach einem kurzen Moment der Euphorie folgte leichte Irritation: Hatte ich das gerade wirklich getan? Einen Job gekündigt, ohne einen neuen zu haben? Mein Team war niedergeschlagen und fassungslos und auch mir saß ein Kloß im Hals. Sie würden mir fehlen. Aber als ich an diesem Tag auf die Oberbaumbrücke hinaustrat und mir ein leichter Herbstwind entgegen blies, empfand ich ein neues Gefühl von Freiheit.

Es war die Freiheit, sich wehren zu dürfen, gegen das Diktat der Medienbranche, die viel zu oft weder den Menschen noch sein Engagement noch sein Talent zu schätzen weiß. Stattdessen macht man sich selbst glauben, dass die Ausbeute junger, motivierter Mitarbeiter in einem gerechten Verhältnis zu der Arbeitserfahrung stünde, die man mit prätentiöser Geste verspricht – im Tausch gegen unbezahlte Überstunden und misanthropische Gehälter.

Ich glaube, ersetzbar ist nur, wer sich ersetzbar macht und vergisst, dass er als Individuum in einem Staat wie dem unsrigen ein bedeutsames Gut besitzt: die Macht aufzubegehren. Nicht nur sich zu empören, sondern mehr noch: sich zu wehren! Gegen dieses Unwort, das zu einem Lebensgefühl unserer Generation geworden zu sein scheint: Humankapital.

Denn „nicht darauf kommt es an, dass alles gleich und vollkommen ist; der Stolz flickt schon die schadhaften Stellen aus“, wie Nietzsche einst gesagt hat. Stolz ist eine Eigenschaft, die wir viel zu oft negativ konnotieren, die in gesundem Maße aber eigentlich die Grundlage unserer Selbstwahrnehmung bilden müsste. Vielleicht sollte die Frage nicht lauten, was ich dem Markt „wert“ bin, sondern welche Wertschätzung ich mir selbst zugestehe um damit aus der nicht mehr bloß selbstverschuldeten Unmündigkeit zu entkommen.

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Illustration von Natasha Remarchuk und Icons8
Der Text erschien in der Kategorie Leben mit den Themen Arbeit, Berlin, Karriere, Medien und Studium
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