Torschlusspanik - 25 ist das neue 40

Das 40. Lebensjahr wird in unserer Gesellschaft oft als eine Art Wendepunkt angesehen. Die erste Scheidung, Sorgerechtsstreit, Umorientierungen im Job und weitere fundamentale Veränderungen stehen mitsamt der runden Zahl vor…
Torschlusspanik - 25 ist das neue 40

Torschlusspanik

25 ist das
neue 40

Das 40. Lebensjahr wird in unserer Gesellschaft oft als eine Art Wendepunkt angesehen. Die erste Scheidung, Sorgerechtsstreit, Umorientierungen im Job und weitere fundamentale Veränderungen stehen mitsamt der runden Zahl vor der eigenen Haustür – raus aus dem ganzen Trott und endlich noch mal etwas Aufregendes erleben, bevor es gänzlich zu spät ist und nur noch die kalte Gruft zum Stelldichein ruft – das ist der einheitliche Plan für die weibliche Bevölkerung.

Wenn mir solche gruseligen Geschichten zu Ohren kommen, dann kriege ich sofort Reiß-aus-Gedanken und möchte meinen Kopf am liebsten ganz tief in den Sand stecken. Schlussendlich liege ich halbnackt in meiner Rosenbettwäsche im Bett und schaue realitätsferne Jane-Austen-Filme, in der verzweifelten Hoffnung, dass ich mit 40 nicht plötzlich zum wilden Tier werde, das auf Teufel komm raus sein Leben über den Haufen werfen muss.

Wenn ich mir die ganze vorstehende Misere jedoch genauer anschaue, dann stelle ich fest, dass eigentlich genau das meine aktuelle Lebenssituation ist. Scheidungen und Kinder blieben mir zwar zum Glück noch erspart, aber dennoch zwängt sich mir eine traurige Wahrheit mit jedem neuen Tag auf: Viel besser ist es auch mit 25 nicht. Meine Kaffeeklatschfreundinnen und ich sind plötzlich alle wieder Single und empfinden das jäh als untragbaren Lebensstil. „Single mit 25 – hast du irgend ‘ne Krankheit?“

Oft waren wir fünf bis sieben Jahre mit demselben Mann zusammen – und plötzlich ist es gar nicht mehr so einfach, sein Leben wieder, beziehungsweise das erste Mal, alleine in den Griff zu bekommen, schließlich ist man jetzt das erste mal wirklich Single. Das Teenagersingledasein zählt nicht, das war schließlich nur Ficken mit ‘ner Extraportion Schmalz oben drauf.

Ein erster, von vielen zurecht gefürchtete, Wendepunkt im Leben scheint erreicht zu sein. Und das so früh – und total unerwartet! Auf diesen tiefen Einschnitt hat uns schließlich niemand vorbereitet, als wir aus der nervigen Pubertät endlich ins wilde Leben gehüpft sind. Unser Dasein geht plötzlich einen neuen Weg – und alles, was uns davon abhält, aus dem Fenster zu springen, sind ein paar hohle Versprechen unserer Eltern und Freundinnen. Das wird schließlich schon alles. Wer’s glaubt.

Wir nehmen unseren ganzen Mut zusammen und nach dem ersten Tief schauen wir alle ziemlich optimistisch und vorfreudig auf das, was kommen mag. Es scheint alles so verrückt, neu und irgendwie fancy. Wie die 40-Jährigen schreien auch wir der Welt unseren kollektiven Schlachtruf entgegen: ENDLICH noch mal was Verrücktes erleben. Endlich noch mal frei sein!

Die Vorsätze sind gut, der Masterplan steht, die To-do-List ist geschrieben: Männerwelt ausblenden ( ), Studium / Karriere ( ), Reisen ( ), Festivals ( ), Freundinnenurlaub ( ), Sport ( ), Diät ( ) und ‘ne ganze Menge mehr. Der Plan ist gut. Oder anders ausgedrückt: Er WAR gut. Denn anstatt Jetzt-wird-alles-besser, wird leider alles nur viel schlimmer.

Denn tatsächlich gibt es ab diesem Zeitpunkt nur noch ein leidiges Thema: Männer, Männer und noch mal Männer. Das einstige Tabuthema wird plötzlich zum heißen Scheiß. Die Uhr tickt schließlich. Es gibt keinen Tag mehr, an dem nicht über irgendwelche Typen gesprochen wird. Es wird eifrig gedatet, gevögelt und diverse „Baustellen“ angefangen.

Es reicht nicht mehr nur ein Mann für’s Leben, nein, es müssen gleich mehrere auf einmal sein. Einer für Kulturveranstaltungen, einer für Sportevents, einer zum Reden, einer zum Shoppen und einer, der einem Penisfotos per Whatsapp schickt und täglich ausgesprochen tolle Komplimente verteilt, die man zugegeben auch bitter nötig hat.

Neben der etwas abstrusen, aber ziemlich logischen, Männereinteilung nach Interessen, ist auch neu, dass neben der doch eher „angesagteren“ Gruppe der älteren Männer, fortan auch die Jüngeren ins Beuteschema fallen. Im Grunde gilt ab jetzt nur noch ein universelles Gesetz: Alles, was drei Beine hat und noch atmet, darf von uns legal und breitbeinig besprungen werden.

Man selbst ist schließlich kurz vor dem Karrieresprung und kann sich selbst ein schönes Leben leisten, dafür sind die wandelnden Geldsäcke also nicht mehr nötig. Es scheint, als wird vor nichts Halt gemacht – jetzt noch schnell alles mitnehmen, was geht, bevor wir mit 40 wirklich einsam und verlassen sind oder in einer Jane-Austen-Beziehung kurz vor der Scheidung stehen.

Torschlusspanik mit 25. Wie konnte das passieren? Wir sind doch noch so jung und ausgeflippt und überhaupt! Aber uns bleibt wohl nichts anderes übrig, wenn man bedenkt, dass 16 heutzutage bereits das neue 25 ist. Die Angst überkommt uns, Panik macht sich breit: Single sein, das ist ab jetzt verboten – wer von uns möchte schließlich schon alleine und kinderlos sterben?

Wenn wir mental einigermaßen gefestigt sind, gibt es womöglich einmal in der Woche einen männerfreien Tag, an dem wir uns mit unseren Freundinnen treffen und abends bei einem Gläschen Rotwein über den heißen Typen aus dem Café plaudern, den wir morgen in unserer neuen H&M-Unterwäsche verführen wollen. So männerfrei ist der Abend dann wohl doch nicht.

Und im Grunde dürftet ihr Männer euch gar nicht darüber aufregen, dass wir uns den neuen Regeln dieses Lebens unterordnen und eben alles machen, dass wir nicht als die seltsame Tante enden, die mit zwölf Katzen zusammen wohnt, Weihnachten bei Familien mit Mitleid feiern muss und männliche Geschlechtsteile nur noch aus dem Internet her kennt. 25 ist schließlich das neue 40. Auch ohne Scheidung, Sorgerechtsstreit und Umorientierungen im Job.

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Die Fotografie stammt von Christopher Campbell
Der Text erschien in der Kategorie Leben mit den Themen Frauen, Freunde, Geld, Jugend, Jungs, Karriere, Mädchen, Männer, Studium, Torschlusspanik und Zukunft
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