Terror in Deutschland - Ich habe Angst

Ich bin kein Experte, was Terror und Politik angeht. Ich bin Bürger. Ich bin jung. Noch. Ich würde mich als grundlegend informiert bezeichnen, was die Lage in Deutschland angeht. Ich…
Terror in Deutschland - Ich habe Angst

Terror in Deutschland

Ich bin kein Experte, was Terror und Politik angeht. Ich bin Bürger. Ich bin jung. Noch. Ich würde mich als grundlegend informiert bezeichnen, was die Lage in Deutschland angeht. Ich kann lesen. Und denken. Und ich habe Angst. Ich habe Angst, seitdem man mir sagte, dass immer wieder Anschläge in Deutschland verübt werden. Am Berliner Breitscheidplatz. In Ansbach. In Würzburg. Ich habe Angst, seitdem man mir sagte, ich sollte die Augen offen halten. Ich habe große Angst, seitdem man mir sagte, ich solle bitte nicht in Panik verfallen.

Ich habe Angst, wenn die Menschen, die ich liebe, Flugzeuge besteigen. Ich habe Angst, wenn ich mit der U-Bahn in die Arbeit fahre. In der Innenstadt. Rush Hour. Weihnachtsmarkt. Ich habe plötzlich sogar ein bisschen Angst vor Männern mit Turban. Meine Angst ist völlig irrational. Ich weiß, dass meine Angst die Macht derer schürt, welche sie auslösen. Vor kurzem habe ich gehört, dass die Angst vor einem selten eintretenden Ereignis unverhältnismäßig hoch ist, wenn die persönlichen Konsequenzen so verheerend sind, wie im Falle von Krieg und Terror.

Und ja, ich habe unverhältnismäßig große Angst, um meine Familie, meine Wohnung, die Menschen, die ich liebe, alles, was ich mir mühsam aufbauen musste. Ich habe Angst um mein Leben. Ich weiß, dass ich statistisch gesehen mehrmals im Leben im Lotto gewinnen werde, bevor ich einem Anschlag zum Opfer falle. Ich kenne die Sicherheitsbestimmungen an den Flughäfen, an denen ich meine Lieben verabschiede. Ich weiß, dass wir in einigen Jahren vielleicht schon gar nicht mehr über das Thema Terror nachdenken werden. Ich bin nicht dumm. Ich bin nicht begriffsstutzig oder geistig behindert. Und trotzdem habe ich Angst. Ich habe eine scheiß Angst.

Ich bin deutsche Staatsbürgerin. Ich lebe in einem sicheren Land. Meine Mitbürger fühlen sich ebenfalls sicher. Es geht uns gut hier. Meine Generation wächst behütet auf. Wir kennen keinen Krieg, keinen Terror. Wir wissen wohl, was Krieg bedeutet, wenn wir Nachrichtensprechern und Großeltern zuhören. Aber wir haben ihn nie am eigenen Leib erfahren. Wir können uns nicht einmal annähernd vorstellen, was wäre, wenn man uns den Boden unter den Füßen wegreißt. Und es scheint auch nicht relevant für uns.

Ich schätze, wir haben eine ganze Menge verdammtes Glück gehabt. Aber wie sieht das alles in der aktuellen Situation aus? Was passiert, wenn man uns sagt, Menschen seien auf dem Weg in unser sicheres Land, um Bomben in U-Bahnen, Flugzeugen und Innenstädten zu zünden? Wir stehen nackt und hilflos vor dem Problem. Allein mit unserer Angst. Wie verhalten wir uns jetzt? Und wie verhalten wir uns nach einem Anschlag, der laut Regierung nur eine Frage der Zeit ist? Was würde ich persönlich tun?

Wir wissen es nicht. Woher auch? Aus „Terrorism für Idioten“? Meine Regierung hier in Deutschland sagt mir, ich solle mir Sorgen machen, aber nicht in Panik verfallen. Die Sicherheitsbestimmungen werden noch weiter in die Höhe geschraubt. Ich solle „den Behörden von seltsam aussehenden Menschen berichten“, meinte Ehrhart Körting von der SPD, und ruhig ein Auge haben, auf die vielen schlecht integrierten Bürger, die mir Deutschland jetzt zum Terroristenzivilkämpferfraß vorwirft. Ich soll der Speicherung meiner Daten und der verschärften Überwachung zustimmen. Schließlich sind die unter uns. Du könntest auch einer sein.

Die Forderungen vieler Politiker werden immer radikaler. Mich würde das nicht weiter beunruhigen. Ich interessiere mich nicht sonderlich für Politik. Ich befasse mich hin und wieder damit, um beim Smalltalk mit sexy Anzugträgern nicht völlig bescheuert auszusehen. Ich bin nur nicht dumm genug, meine Panik von meiner eigenen Regierung ausnutzen zu lassen. Wir stehen vor einem Problem. Das ist wahr. Aber wir stehen, scheiß noch mal, nicht vor einer Apokalypse. Ich möchte nicht, dass meine Grundrechte hier und da ein wenig zurechtgeknautscht werden, weil dieses Land angeblich keine anderen Möglichkeiten kennt, meine Sicherheit zu gewährleisten.

Der ehemalige innenpolitische Sprecher der Unionsfraktion, Hans-Peter Uhl, wirft mir nun also vor, ich hätte die Lage nicht verstanden, wenn ich mich jetzt noch gegen die Vorratsdatenspeicherung zur Wehr setzte. Ich werfe Herrn Uhl vor, mein Grundgesetz nicht ganz verstanden zu haben.

Ich bin dagegen, dass man meine Angst vor Terror und Krieg schürt und ausnutzt, um meine Grundrechte aus den Angeln zu heben und sie zu verändern, um das Bürgertum besser überwachen zu können. Ich bin nicht paranoid. Das Foto meines Hauses bei Street View ist nicht verpixelt und, offen gestanden, ist es mir scheißegal, ob irgendwer herausfinden könnte, dass ich unverhältnismäßig oft bei Google nach japanischen Lesbenpornos suche. Es geht mir darum, dass mein Grundgesetz nicht scheibenweise beschnitten werden kann. Ein wenig mehr Überwachung heute, ein paar mehr Einschränkungen morgen? Und was ist übermorgen? Das macht mir Angst. Mehr als jede Terrormeldung es je könnte.

Ich möchte nicht in einem Land leben, in dem man die Panik schürt, vor der man gerade noch gewarnt hat, nur um die eigenen Interessen durchzubringen. Ich möchte nicht von Menschen regiert werden, die in mir Vorurteile gegen Minderheiten aufflammen lassen. Ich will meiner Regierung ihre nackte Panik nicht an ihren unüberlegten Handlungen ansehen. Ist das zu viel verlangt? Wie gesagt, ich bin weder Terror-, noch Politikexperte, ich kann von daher nur für mich selbst sprechen und meinem unguten Gefühl Ausdruck verleihen, aber, hey, Deutschland, hörst du dir eigentlich noch manchmal selbst beim Reden zu?

Bücher über Terrorismus auf Amazon kaufen

Fotografie von Flo Karr
Der Text erschien in der Kategorie Leben mit den Themen Ängste, Berlin, Deutschland, Politik und Terrorismus
Wenn euch dieser Artikel gefällt, könnt ihr ihn auf Facebook, Twitter, WhatsApp, Pinterest und Tumblr oder per Email teilen
Ihr habt etwas zu sagen? Schickt uns einen Leserbrief!
EMPFEHLUNGEN
Weitere Artikel lesen
Impressum
AMY&PINK

Herausgeber

Marcel Winatschek

AMY&PINK ist euer digitales Popkulturmagazin und gibt euch alles, was ihr über Mode, Kunst, Musik, Filme, Spiele, Essen, Reisen, Liebe, Sex und das Leben im Allgemeinen wissen müsst. Jeden Tag aufs Neue.

Sendet uns eure CDs, Filme, Serien, Bücher, Magazine, Comics, Getränke, Videospiele, Schuhe, Kleidungsstücke, technischen Spielereien und weitere schöne Dinge an die folgende Adresse und vielleicht stellen wir sie auf AMY&PINK vor.

Wenn ihr auf AMY&PINK werben oder veröffentlicht werden wollt, eine rechtliche oder inhaltliche Anfrage habt oder weitere generelle Informationen benötigt, dann schickt uns eine Email!

Adresse

AMY&PINK
Bgm.-Strauß-Straße 8
86807 Buchloe
Deutschland

Kontakt

Email: kontakt@amypink.com
Telefon: +49 157 34335280

Kategorien
Leben  Mode  Kunst  Musik  Filme  Spiele  Essen  Reisen  Liebe  Sex

Themen
Mädchen  Frauen  Jungs  Beziehungen  Männer  Fotografie  One-Night-Stands  Japan  Internet  Berlin  Asien  Tokio  Deutschland  Gesundheit  Instagram  Feminismus  Gedanken  Partys  Liebeskummer  Emotionen  Anime  Drogen  Manga  Facebook  Blogs  Beziehung  Freundschaft  Pornografie  Studium  Twitter  Gefühle  Karriere  YouTube  Depressionen  Tinder  Sexismus  Alkohol  Krankheiten  Jugend  USA  Geld  Hass  Onanie  Penisse  Harajuku  Kyoto  Bücher  Interviews  Shibuya  Masturbation  Kreuzberg  Hip Hop  Brüste  Arbeit  Ängste  Kinder  Australien  Nintendo  Pop  Prostitution  WhatsApp  Comics  Reddit  Teenager  Cartoons  Trennung  Fantasy  Wohngemeinschaften  PlayStation  Osaka  Friedrichshain  Homosexualität  Los Angeles  Rassismus  Analsex  Berghain  Urlaub  Menschen  Europa  Sailor Moon  Nacktfotos  Schule  Muschis  Xbox  Selbstbefriedigung  Shimokitazawa  Handys  Psychologie  England  Finanzen  Vibratoren  Sexting  Fitness  Speed  Gewalt  Haruki Murakami  Geschichten  HIV  MDMA  Familie  

© 2020  •  Alle Rechte vorbehalten

Wir übernehmen keine Verantwortung oder Haftung für unverlangte Einsendungen.

Mit dem Erhalt von Fotografien, Texten und ähnlichen analogen wie digitalen Materialien erklärt sich der Einsender dazu bereit, dass er die vollen Rechte daran besitzt und diese kostenfrei, lizenzfrei und für unbestimmte Zeit auf AMY&PINK veröffentlicht werden dürfen.

Diese Webseite verwendet Cookies und wird finanziell sowie inhaltlich durch Werbung, Produktplatzierungen und Affiliate-Links unterstützt.

Bei jedem vermittelten Kauf über Amazon erhalten wir einen kleinen Anteil.

Weitere Informationen findet ihr in unserer Datenschutzerklärung.